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So heiß wie der Wüstenwind

1. KAPITEL

Kamal ben Hareth ben Essam Ed-Deen Al Masud schlug mit aller Kraft zu.

Der Sandsack schwang zurück und dann wieder zu ihm hin, wie bereit zu einem neuen Angriff. Wie ein Verrückter traktierte Kamal ihn erneut mit Faustschlägen. In jeden Schlag legte er seine Wut auf die Leute, die ihn in seine missliche Lage gebracht hatten. Wäre sein Gegner ein Mensch gewesen, man hätte Knochen brechen hören.

So aber blieben Kamals kraftvolle Schläge folgenlos. Nach dreißig Minuten schien der Sandsack ihn förmlich zu verhöhnen: Sieh, mit all deiner Kraft und Wut hast du nichts ausgerichtet. Ich bin immer noch wie neu.

Kamal presste sein Gesicht gegen die kühle Oberfläche des Sandsacks. Er hatte versucht, ein Ventil für seinen Zorn zu finden, vergeblich. Er war fast noch wütender als zuvor. Würde er sich je wieder beruhigen können, würde der Schock je nachlassen?

Der König von Judar war tot. Wie hieß es doch: Der König ist tot, es lebe der König. Und dieser neue König … war er.

Seine Brüder hatten ihm das eingebrockt. Eigentlich war er ja erst der Dritte in der Thronfolge gewesen. Aber erst hatte Faruq aus Liebe auf den Thron verzichtet, und dann hatte Shehab es ihm aus dem gleichen Grunde nachgetan. Und zwei Tage bevor die Thronfolge in einer feierlichen Zeremonie auf Kamal übertragen werden sollte, war der seit Langem schwer kranke König gestorben.

Jetzt würde er in einer anderen Zeremonie direkt zum König gekrönt werden. Faruq wäre dann Kronprinz und Shehab gewissermaßen der Ersatzmann. Wie dankbar sie ihm waren, dass er ihnen die Bürde abnahm! Sie zogen es ja vor, ihr vermeintliches Familienglück zu genießen und kleine Prinzessinnen für ihr Heimatland Judar in die Welt zu setzen.

Am liebsten hätte er sie gepackt und geschüttelt und ihnen ins Gesicht geschrien: Ihr werdet schon noch sehen, was ihr davon habt! Eure lieben Frauchen werden euch noch das Herz aus der Brust reißen und darauf herumtrampeln! In etwas abgeschwächter Form hatte er es ihnen schon prophezeit, aber sie hatten ihn nur milde angelächelt und ihm natürlich kein Wort geglaubt. Kein Wunder, sie standen ja völlig unter dem Einfluss dieser beiden Verführerinnen.

Wütend zog Kamal sich das verschwitzte T-Shirt aus, warf es achtlos zu Boden und ging zum Duschraum.

Aber seine Brüder hatten ihm ja nicht nur den Thron aufgedrängt – es war alles noch viel schlimmer. Zusätzlich – als Bestandteil einer Abmachung – musste er auch noch heiraten.

Und obwohl das für ihn einer Höchststrafe gleichkam, hätte Kamal es auf sich genommen. Wenn es sich um eine andere Frau gehandelt hätte. Und nicht um Aliyah Morgan, die Frau, die er seit sieben Jahren krampfhaft zu vergessen versuchte.

Ya Ullah, wie sehr er sich wünschte, aus diesem Albtraum zu erwachen!

Aber es war kein Traum, es war die harte Realität.

Durch eine schier unglaubliche Fügung des Schicksals war Aliyah die Frau, die der zukünftige König von Judar heiraten musste. Dies war Bestandteil einer Abmachung, die dem Land Judar und der gesamten Region den Frieden sichern sollte.

Ich sollte mich einfach weigern, dachte Kamal. Dann müsste einer meiner Brüder Aliyah heiraten. Das wäre ja nach unseren Gesetzen durchaus möglich, auch wenn man schon eine Frau hat.

Dann tauchte ein Bild vor seinem geistigen Auge auf. Aliyah im Bett von Faruq oder Shehab, wie sie sich schwitzend und keuchend unter ihnen wand … Sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen.

B’Ellahi, verlor er den Verstand? Warum machte ihn dieser Gedanke eifersüchtig? Diese Frau sollte ihm doch schon lange nichts mehr bedeuten. Sie war weniger wert als der Staub auf den Straßen!

Ärgerlich ging Kamal unter die Dusche und drehte das Wasser an. Sein nahezu perfektes Gedächtnis, das ihm bei seinen Geschäften zugutekam, erwies sich als quälend, was Aliyah betraf. Er erinnerte sich an jeden Moment mit ihr.

Bis er sie getroffen hatte, konnte er Frauen problemlos in vier Kategorien einteilen: Familienangehörige, Freundinnen, Heiratskandidatinnen und Geliebte. Eine dieser Kategorien passte immer.

Doch bei ihr war es anders. Kaum hatte er sie erblickt, war ihm unmöglich gewesen, sie nicht anzusprechen. Ihre Intelligenz und ihre Energie hatten ihn zutiefst beeindruckt. Aliyah hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sie ihn ebenso anziehend fand.

Seine Leute hatten ihn damals gewarnt. Aliyah arbeitete als Model, und allein das war ihnen schon suspekt. Obendrein setzte sie im Beruf nicht nur ihre unbestreitbare Schönheit ein, sondern auch ihren Status als Prinzessin von Zohayd, was den Regeln der altehrwürdigen Monarchie völlig zuwiderlief. Nicht zuletzt durch Skandale war sie zu einem Star ihrer Branche geworden.

Doch Kamal, der sonst so Besonnene, hatte damals alle Warnungen in den Wind geschlagen. In seinen Augen war diese Frau wie geschaffen für ihn. Sie lebte zwar im Westen, hatte ihre Wurzeln aber in seiner Kultur. Genau wie er bewegte sie sich auf dem schmalen Grat zwischen den Anforderungen, die der Westen stellte, und der königlichen Herkunft, die nur Pflichten kannte. War es nicht Schicksal, dass er sie kennengelernt hatte?

Oh ja, es war Schicksal, aber ein überaus grausames. Es ließ ihn in die tiefsten Tiefen stürzen und zerstörte ihn beinah.

Die Enthüllungen über ihr Leben und die hässliche Abschiedsszene beschäftigten ihn noch immer. Er ärgerte sich über sich selbst, dass er so dumm gewesen war.

Und nun trat sie durch die Schuld anderer wieder in sein Leben.

Wegen Carmen und Farah, dieser Sirenen, die seine Brüder verhext hatten. Und wegen seiner Brüder selbst, die sich so von ihren Frauen beeinflussen ließen. Nicht zuletzt auch wegen der verhassten Al Shalaans, die diese Hochzeit unter Androhung eines Bürgerkrieges erzwangen. Und wegen der erbärmlichen Al Masuds, die nachgegeben hatten, um den Frieden zu sichern. Aber zuallererst war es die Schuld des Königs von Zohayd.

König Atef war Aliyahs Vater, hatte sich jedoch geweigert, sie anzuerkennen. Daraufhin hatte ihre Mutter, eine Amerikanerin, sie zur Adoption freigegeben, und ausgerechnet König Atefs Schwester hatte Aliyah adoptiert. Ach, eigentlich hatten sie alle Schuld.

All das wäre geheim geblieben, wenn nicht König Atef nach seiner früheren Geliebten gesucht hätte und davon ausgegangen wäre, dass die Tochter, die sie großgezogen hatte, sein Kind war. Doch die Geliebte hatte Farah adoptiert – aus Kummer darüber, dass sie ihre leibliche Tochter fortgegeben hatte. Für Farah hatte alles ein gutes Ende genommen. Sie war jetzt mit Shehab verheiratet, und dieser Dummkopf trug sie auf Händen.

Nur für Kamal war es schlecht ausgegangen. Er würde Aliyah heiraten müssen, diese Halbblut-Prinzessin, die in der höheren Gesellschaft nicht anerkannt wurde, über deren ausschweifenden Lebenswandel man sich aber dennoch das Maul zerriss.

Es erzürnte ihn, dass eine solche lasterhafte Frau die Königin eines altehrwürdigen Reiches werden sollte. Doch damit nicht genug – sie wollte es noch nicht einmal! Sie hatte ihrem Vater, dem König, gesagt, sie wolle lieber sterben, als Kamal zu heiraten.

Natürlich sagte sie das nur aus Berechnung, dessen war Kamal sich sicher. Sie ging davon aus, dass es ihm zu Ohren kommen und ihn erst recht anstacheln würde, sie zu heiraten. Und genau das würde er ja auch tun. Aber nicht aus persönlichen Gründen.

Er tat es nur für den Thron von Judar.

Nachdem er aus der Dusche getreten war, schlang er sich ein Handtuch um die Hüften. So notdürftig bekleidet ging er zum Computer, setzte sich und rief seinen E-Mail-Account auf. Dann klickte er auf „Neue E-Mail“.

Etwas ratlos saß er vor der Tastatur. Was sollte er der Frau schreiben, von der er sich vor Jahren im Bösen getrennt hatte und die nun gezwungenermaßen seine Frau werden würde, seine Königin, die Mutter seiner Kinder?

Nur kein überflüssiges Geschwafel, dachte er sich. Er würde ihr einfach einen Befehl erteilen. Den ersten von vielen, die noch folgen würden.

Nachdem er tief Luft geholt hatte, drückte Kamal heftig auf die Tasten. Zwei knappe Sätze erschienen auf dem Bildschirm.

Minutenlang starrte er darauf, dann fiel sein Blick auf die eingegebene Mail-Adresse. Aliyah …

Allein der Name löste die widersprüchlichsten Gefühle in ihm aus. Wie konnte das sein, nach so langer Zeit? Seine damalige Schwäche wurde ihm wieder bewusst. Nichts war damals echt gewesen. Kamal biss die Zähne zusammen und klickte auf „senden“.

Das Telefon entglitt Aliyahs Händen und landete auf ihrem Schoß.

Ihre Hände zitterten, und ihr war übel. Sie kannte das alles von früher, als sie unter dem Einfluss von Medikamenten gestanden hatte. Doch diesmal waren zum Glück keine chemischen Substanzen im Spiel. Nein, Gott sei Dank nahm sie so etwas nicht mehr.

Wohl jeder hätte in dieser Situation so nervös und verwirrt reagiert wie sie. Siebenundzwanzig Jahre war sie jetzt alt, hatte viel erlebt, und nun stellte sich heraus, dass ihr ganzes Leben auf Lügen aufgebaut war.

Gerade die Menschen, die ihr am nächsten standen, hatten sie von vorne bis hinten belogen.

Es war zu viel auf einmal. Randall Morgan war gar nicht ihr leiblicher Vater, sondern nur ihr Adoptivvater. Bahiyah Al Shalaan war nicht ihre Mutter, sondern ihre Tante. König Atef war nicht ihr Onkel, sondern ihr leiblicher Vater. Und ihre wirkliche Mutter war eine Frau aus Amerika, von der Aliyah vorher noch nie etwas gehört hatte.

Man gestand ihr nicht einmal zu, über all das schockiert zu sein. Hatten sie denn von ihr erwartet, sie würde nur kurz mit den Schultern zucken und das alles so hinnehmen? Jetzt unterstellten sie ihr sogar, sie würde wieder in den labilen Zustand gleiten, der ihr Leben früher beherrscht hatte. War es denn nicht verständlich, dass sie Zeit brauchte, um diese Enthüllungen zu verarbeiten? Nach dem Anruf ihres Onkels beziehungsweise neuen Vaters fühlte Aliyah sich schuldig, weil sie nicht sofort nach Zohayd zurückgeflogen war. Dort hätte sie die Frau treffen sollen, die sie zur Adoption freigegeben hatte, als das ganze Elend begonnen hatte.

Aber das wollte sie nicht. Noch nicht. Sie brauchte Zeit.

Es ging nicht einmal hauptsächlich darum, dass ihre Herkunft anders war, als sie ihr ganzes Leben lang angenommen hatte. Damit würde sie nach und nach schon klarkommen. Das Schlimmste war, dass man noch etwas ganz anderes von ihr erwartete …

Plötzlich schreckte ein Geräusch sie auf. Der Hinweis „Sie haben eine neue E-Mail“ erschien auf dem Bildschirm.

Als sie die Mail aufrief und den Namen des Absenders las, blieb Aliyah vor Schreck fast das Herz stehen.

Kamal Al Masud.

Eine E-Mail. Von ihm. Dem Mann, den sie von allen Menschen am meisten verabscheute. All ihre Liebe und Leidenschaft hatte sie ihm geschenkt, und er hatte beides mit Füßen getreten. Und jetzt verlangte man von ihr, dass sie ausgerechnet ihn heiratete!

Die Betreffzeile war leer. Was hätte er dort auch hineinschreiben sollen? „Betreff: An die Klette von damals“? Oder „Frische neue Beschimpfungen“?

Beschimpfungen wären gar nicht mal so schlecht. Dann hätte sie wenigstens einen schriftlichen Beleg dafür, dass diese Heirat, die alle schon fest eingeplant hatten, ein Ding der Unmöglichkeit war.

Nervös öffnete sie die Mail und starrte auf den Text, der auf dem Bildschirm erschien.

Wir treffen uns zum Abendessen, um die Lage zu besprechen. Du wirst um 19 Uhr abgeholt.

Mehr nicht. Kein Gruß, kein Name.

Wenn Aliyah an den Abend zurückdachte, an dem sie sich kennengelernt hatten … Was ihn betraf, war sie voller Illusionen gewesen. Wie ein Wüstenkrieger war er ihr vorgekommen, edel und ritterlich. Er hatte ja die gleichen Wurzeln wie sie, und sie hatte ihn als Seelenverwandten gesehen. Sie beide waren von vornehmer Herkunft, was keiner von ihnen missbrauchte. Sie schafften es auch so, aus eigener Kraft, Erfolg zu haben. Wobei sein Erfolg natürlich ungleich größer war.

Sie war überzeugt davon gewesen, dass er als Einziger unter ihre Oberfläche sah und ihre empfindsame Seele erkannte. Dass er sie als Einziger weder ausnutzen noch von ihrem Ruhm profitieren wollte. Dass er nie genug von ihr bekommen würde. Doch dann hatte er sie ganz plötzlich und ohne jede Erklärung verlassen.

Völlig verzweifelt hatte sie ihn immer wieder um Versöhnung oder wenigstens einige klärende Worte gebeten, aber er hatte reagiert, als ob sie Luft wäre.

Zum Teil gab sie sich selbst die Schuld daran. Schließlich war sie so dumm gewesen, auf ihn hereinzufallen. Sie hatte an die große Liebe geglaubt, dabei war sie an einen Heuchler geraten, der sie erst ausgenutzt und dann noch für ihre Dummheit beschimpft hatte.

Und jetzt trat er wieder in ihr Leben. Er holte sie nicht einmal selbst ab, er ließ sie abholen – wie Sperrmüll am Straßenrand.

Dieser Mann wurde König, weil die anderen Kandidaten verzichtet hatten. Aber wie ein Tyrann hatte er sich sowieso schon immer aufgeführt. Rücksichtslos stieß er alle aus dem Weg, die nicht schnell genug beiseitetraten. Eine Zeitlang hatte Aliyah diese Grausamkeit sogar für eine charakterliche Stärke gehalten, an der sie sich ein Beispiel nehmen konnte. Wie dumm sie gewesen war!

Und jetzt sollte sie diese Mensch gewordene Dampfwalze heiraten.

Das verlangte jedenfalls diese merkwürdige Abmachung zwischen zwei Stämmen. Durch das Verhalten ihrer Eltern war sie die Hauptfigur in diesem politischen Spiel geworden. Nur ein Zug wurde von ihr verlangt – den Kronprinzen von Judar zu heiraten, der in ein paar Tagen König sein würde, und ihm Erben zu schenken, in deren Adern auch Al-Sha-laan-Blut floss.

Und darauf konnten sie lange warten! Jetzt bekam sie die Gelegenheit, ihm das auch ins Gesicht zu sagen.

Mit Genugtuung stellte sie fest, dass ihre Hand nicht mehr zitterte. Ihre Unsicherheit war einer neuen Entschlossenheit gewichen. Aliyah würde das Übel bei der Wurzel packen – und diese Wurzel war Kamal.

Er wollte die „Lage“ mit ihr durchsprechen. Und dabei hatte er sie nicht einmal für würdig befunden, sie telefonisch dazu einzuladen, nein, eine E-Mail musste reichen. Was hieß hier überhaupt „einladen“? Einen Befehl hatte er ihr erteilt! Einen Befehl, dem sie gefälligst Folge zu leisten hatte. Ha, Kamal würde sich noch wundern!

Punkt neunzehn Uhr waren Kamals Männer da.

Sie waren schwarz gekleidet, benahmen sich äußerst zuvorkommend und wirkten dennoch einschüchternd. Vor dem Haus wartete ein Konvoi von drei Stretchlimousinen. Die Passanten auf der Straße schauten beeindruckt und auch misstrauisch zu, als sie zum mittleren Wagen eskortiert wurde, als wäre sie bereits Königin.

Diese Demonstration von Macht überraschte sie. Früher hatte Kamal auf derartigen Pomp verzichtet. Da sie selbst aus einer Königsfamilie kam, war ihr klar, dass er als Prinz eines mächtigen Erdöllandes sicher schon damals Leibwächter gehabt hatte, aber sie waren immer im Verborgenen geblieben. Auch diese Bescheidenheit hatte sie an ihm geliebt – dumm, wie sie gewesen war.

Er hatte auch nie mit seinem Status als Prinz oder mit seiner Macht geprotzt, und dennoch waren selbst Menschen, die ihn nicht näher kannten, von der ihm innewohnenden Autorität beeindruckt gewesen – sie selbst eingeschlossen.

Diese Unterwürfigkeit war ihm stets zuwider gewesen. Das hatte er ihr auch ganz offen gesagt.

Inzwischen sah er das anscheinend anders.

Er hatte sich offenbar geändert, und zwar zum Schlechteren. Falls schlechter als schlecht überhaupt möglich war.

Für Judar und die gesamte Region sah sie schwarz.

Sie selbst hingegen würde schon mit ihm fertig werden.

Durch die kugelsicheren Scheiben sah sie die Straßen von Los Angeles an sich vorüberziehen. Sie kannte den Weg, sie war ihn ja selbst schon gefahren. Es ging zu seiner Villa am Meer.

Damals hatte er ihr erzählt, er sei ständig in der Welt unterwegs und miete deshalb immer nur ein Haus für die Zeit seines Aufenthalts. Doch eine Woche nach ihrem Kennenlernen hatte er dann diese Villa gekauft. Und ohne es direkt auszusprechen, hatte er ihr das Gefühl gegeben, er hätte sie gekauft, um sich hier mit ihr niederzulassen. Um immer mit ihr zusammen zu sein.

Andererseits waren dreißig Millionen Dollar Kaufpreis für ihn nicht besonders viel und daher nicht unbedingt ein Beweis dafür, dass er für lange Zeit im Voraus plante. Obendrein musste ein halbes Jahr des Zusammenseins einem Playboy wie ihm schon wie eine Ewigkeit erscheinen.

Obwohl das Haus ihr Hoffnung auf eine längerfristige Beziehung gab, war sie nie über Nacht dort geblieben. Sie hatte ohnehin nie eine ganze Nacht mit ihm zusammen verbracht – aus Angst, er könnte ihre psychischen Probleme bemerken und sie dafür verachten.

Eigentlich eine unnütze Sorge. Er verachtete sie doch sowieso.

Schließlich kam die Villa in Sicht. Sie lag an einem Hang, von dem man einen wunderbaren Blick auf den Pazifik hatte. Von ihren wenigen Besuchen dort wusste Aliyah, dass sie fast schon unanständig groß war. Kamal hatte gemeint, die Größe sei gerade richtig. So könne man auch mal viele Gäste bewirten und irgendwann eine große Familie haben.

Auch diese Aussage hatte sie hoffen lassen, aber er hatte sich wahrscheinlich überhaupt nichts dabei gedacht.

Der Wagentross hielt in der Auffahrt. Sie stieg aus und wurde von den Männern ins Innere des Hauses eskortiert. Die Einrichtung war immer noch dieselbe wie damals, aber was ihr seinerzeit im Überschwang der Gefühle warm und einladend erschienen war, wirkte heute kalt und steril. Passend zur rabenschwarzen Seele des Besitzers.

Man führte sie zu einer großen Tür. Im Zimmer dahinter sollte sie wohl auf Kamal warten. Als sie zum Türknauf greifen wollte, kamen ihr die Männer zuvor und öffneten die Tür für sie.

Aliyah seufzte auf. Sie lebte jetzt schon seit zehn Jahren in den USA und hatte schon fast vergessen, wie es war, als Mitglied einer Königsfamilie von vorne bis hinten bedient und umsorgt zu werden. Fühlte sie sich deshalb plötzlich so bedrängt und eingeengt? Nein, das hatte wohl eher damit zu tun, dass sie in Kürze den Mann wiedersehen würde, der sie fast zerstört hätte …

Sie blieb stehen, noch bevor sie das Zimmer betreten hatte.

Warum, zum Teufel, war sie überhaupt hergekommen? Sie gehörte doch nicht zu seiner Sklaventruppe, die widerspruchslos seine Befehle befolgen musste!

Kurz entschlossen drehte sie sich zu den Männern um. „Ich hab’s mir anders überlegt. Sagt eurem Chef … oder Prinz … oder König oder was er für euch ist, dass ich ihn nicht treffen will. Ich weiß nämlich, was gut für mich ist. Danke für die angenehme Fahrt. Ich finde schon alleine zurück.“

Erstaunt sahen die Männer sie an und blieben wie angewurzelt vor ihr stehen.

„Lasst mich gefälligst durch, sonst passiert was.“

Sie wechselten kurze Blicke und verschwanden dann.

Aliyah war überrascht. Wirkte sie so einschüchternd?

Plötzlich hörte sie von hinten eine dunkle Männerstimme: „Du hast anscheinend vergessen, wie das läuft. Du darfst erst gehen, wenn ich es dir erlaube.“

2. KAPITEL

Aliyah stockte der Atem.

Diese Stimme. Diese Stimme, die sie früher so beeindruckt hatte.

Sie kam aus dem Zimmer, das sie dann doch nicht betreten hatte. Ganz ruhig und beherrscht klang sie.

Aliyahs Herz schlug schnell. Im ersten Moment wollte sie ihren Weg nach draußen fortsetzen, aber dann überlegte sie es sich anders. War sie nicht ursprünglich hergekommen, um Kamal richtig die Meinung zu sagen?

Entschlossen betrat sie das Zimmer. Und dann sah sie ihn. Er saß am Schreibtisch am anderen Ende des Zimmers, sein Gesicht lag im Halbdunkel.

Es verstörte sie, wie er einfach dasaß und kein Wort sagte. Er wirkte auf sie wie ein Dämon aus dem Schattenreich, der böse Pläne hegte. Nein, das ist Unsinn, sagte sie sich. Er hat nichts Übernatürliches an sich. Er spielt nur wieder seine Rolle des Geheimnisvollen, Königlichen, Gelangweilten.

Entschlossen trat sie Schritt für Schritt auf ihn zu. Noch immer konnte sie sein Gesicht nicht sehen, trotzdem bemühte sie sich, seine Augen zu fixieren. Ob er sie wohl ansah? Oder versuchte er sie zu ignorieren, wie er es früher schon so oft getan hatte?

Eines allerdings war klar – er versuchte sie zu einer Reaktion zu bewegen.

Ging er davon aus, dass sie ihre Haltung, die Nerven verlor? Darauf sollte er lieber nicht bauen.

Denn jetzt würde er die neue Aliyah Morgan kennenlernen. Beziehungsweise Aliyah Al Shalaan, wie sie mittlerweile richtig hieß.

Jetzt bewegte er sich. Er beugte sich am Schreibtisch etwas nach vorn, und Licht fiel auf sein Gesicht.

Überrascht stellte sie fest, dass er erstaunt wirkte. Aber wieso? Er hatte sie doch erwartet. Dass er überhaupt eine menschliche Regung zeigte, verblüffte sie.

Langsam erhob er sich aus seinem Stuhl, eine beeindruckende Erscheinung mit einer Ausstrahlung, die sie fast umwarf.

War er schon immer so gewesen?

Was für eine Frage! Sie wusste es doch, denn sie hatte ein fast fotografisches Gedächtnis. Sie empfand es allerdings mehr als Fluch denn als Segen, nichts vergessen zu können.

Doch, er hatte sich verändert. Und nicht zum Schlechteren, wie sie eigentlich gehofft hatte. Der achtundzwanzigjährige Mann mit der Gewandtheit eines Panthers, der sie ein halbes Jahr in seinen Bann gezogen und dann wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen hatte, war noch attraktiver als damals.

Etwas war zu ihrem großen Erstaunen genau wie damals – seine Kleidung. Er trug genau das, was er auch bei ihrem Kennenlernen getragen hatte.

War das Absicht? Konnte er sich überhaupt noch daran erinnern, was er damals angehabt hatte? Er hatte ihr ja einmal gesagt, dass auch er niemals etwas vergaß.

Aber wenn es Absicht war – was war der Grund dafür? Wollte er sich über sie lustig machen? Oder wollte er alles zurück auf Anfang spulen und völlig neu beginnen?

Danke, dachte sie, ohne mich. Zur Hölle mit ihm.

Gerade durch diesen gleichen dunkelgrauen Anzug trat seine Veränderung besonders deutlich hervor. Kamal wirkte jetzt reifer, noch männlicher. Seine Gesichtszüge zeugten bei aller immer noch vorhandenen Jugendlichkeit von Erfahrung, das Haar trug er jetzt länger als früher. Die größte Veränderung aber war der kurze Bart, den er jetzt trug. Er ließ ihn fast bedrohlich wirken – was er ja auch war. Und er stand ihm gut.

Ja, Aliyah konnte es nicht leugnen, die Jahre hatten ihm nichts anhaben können, im Gegenteil. Er war ganz offensichtlich einer jener Männer, die mit zunehmendem Alter immer attraktiver wurden. Unermesslich reich und mächtig war er obendrein. Sie konnte sich vorstellen, dass Frauen ihn umschwirrten wie die Motten das Licht.

Na, sollten sie. Sie konnten ihn geschenkt haben. Aliyah hatte jedenfalls kein Interesse mehr an ihm, er ließ sie völlig kalt.

Aliyah, belüg dich nicht selbst!

Na gut, sie konnte es nicht leugnen. Natürlich hatte er eine gewisse Wirkung auf sie, er war ja nun mal der attraktivste Mann auf dem gesamten Erdball. Aber was nutzte das, wenn er – wie sie aus eigener Erfahrung wusste – einen miesen Charakter hatte? Sie würde sich auf keinen Fall noch einmal auf ihn einlassen.

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