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So heiß küsst nur ein Italiener

Jennie Adams

So heiß küsst nur ein Italiener

1. KAPITEL

„Lorenzo, hat man dir nicht ausgerichtet, du möchtest zu mir in Lucas Büro kommen?“, fragte Scarlett Gibson ruhig und erwartete eine Erklärung, warum er nicht erschienen war.

Sie beherrschte sich, aus lauter Ärger über Lorenzos Reaktion an dem pinkfarbenen Band herumzuspielen, mit dem sie ihr schulterlanges schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Nachdem sie ihn fünf Jahre nicht gesehen hatte, musste sie nun zwei Monate mit ihm zusammenarbeiten. Damals hatte er ihr das Herz gebrochen, und sie hatte hart an sich arbeiten müssen, um darüber hinwegzukommen. Seitdem war sie überzeugt, er sei ihr gleichgültig.

In Australien hatte sie nicht umsonst einen ausgesprochen guten Ruf als Finanzberaterin. Nie erlaubte sie sich, die Beherrschung wegen irgendwelcher Kleinigkeiten zu verlieren, sondern wirkte immer kühl, überlegen und kompetent. Andererseits war sie natürlich nicht nach Italien zurückgekommen, um sich von dem Chefkoch ihres Onkels Luca gleich am ersten Tag die Autorität untergraben zu lassen.

Der hochgewachsene schlanke Mann in der perfekt sitzenden schwarzen Hose, dem schwarzen T-Shirt und schwarzen Schuhen stand mit dem Rücken zu ihr in der Küche des Restaurants Rosa. Trägt er immer noch die goldene Kette mit dem wertvollen Anhänger? überlegte sie, obwohl es sie eigentlich gar nicht interessierte.

Während sie sich in der Küche umsah, fiel ihr alles Mögliche auf, der Duft nach geschmolzener Schokolade, in den sich der Duft nach frischem Brot, gefüllt mit Tomaten und Kräutern, Knoblauch und Oliven, mischte. Mehrere solcher Brote lagen zum Abkühlen auf den Servierbrettern. Wahrscheinlich waren diese Düfte und nicht Lorenzo der Grund dafür, dass Scarlett plötzlich ein seltsames Gefühl im Magen verspürte.

Die drei Küchenhilfen, eine Frau von ungefähr Mitte dreißig und zwei Männer, waren eifrig beschäftigt und beachteten sie kaum. Scarlett hatte vorhin die Frau gebeten, Lorenzo auszurichten, möglichst sofort in Lucas Büro zu kommen, und ging davon aus, dass er die Nachricht erhalten hatte.

Was für ein Spiel spielte Lorenzo Nesta? In dem offenbar gut organisierten Chaos schien er konzentriert zu arbeiten, und sie bezweifelte keine Sekunde, dass es viel zu tun gab in der Küche.

Es war allerdings noch ziemlich früh am Morgen und noch lange nicht Zeit für das Mittagessen. Deshalb konnte er seine Mitarbeiter problemlos allein lassen und sich zumindest anhören, was Scarlett von ihm wollte.

Sie kniff die braunen Augen zusammen. Sie musste von Anfang an für klare Verhältnisse sorgen und ihm unmissverständlich klarmachen, wer jetzt hier das Sagen hatte, damit er nicht glaubte, sie würde jedes Mal hinter ihm herlaufen, wenn sie eine Auskunft brauchte. Im Auftrag ihres Onkels Luca sollte sie eine Finanz- und Strukturanalyse erstellen, Verbesserungsvorschläge mit ihm besprechen und, sein Einverständnis vorausgesetzt, nach Möglichkeit sogleich umsetzen.

Seine Tochter Isabella, die ihm eine große Stütze und Hilfe gewesen war, hatte vor Kurzem den Prinzen Maximilliano Di Rossi geheiratet. Deshalb konnte sie sich nicht mehr jeden Tag von morgens bis abends um das Restaurant kümmern. Stattdessen kam sie nur noch stundenweise und half natürlich auch immer noch dann aus, wenn es außergewöhnlich viel zu tun gab.

Und so sah sich Scarlett momentan in der Rolle einer Finanzmanagerin, der das gesamte Personal unterstellt war, also auch der Chefkoch Lorenzo Nesta.

Wie um ihre Entschlossenheit sich durchzusetzen zu bekräftigen, nickte sie energisch mit dem Kopf, und prompt löste sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Pferdeschwanz.

Verdammt, dachte sie, während sie das Haar aus dem Gesicht blies und den Mann ärgerlich musterte, der ihr den Rücken zukehrte. Sie hatte allen Grund, wütend auf ihn zu sein, denn er war ein ganz gemeiner Kerl.

In dem Moment warf er ihr einen Blick über die Schulter zu. „In einer Minute bin ich so weit.“

Was bildete er sich eigentlich ein? Glaubte er, sie hätte nichts Besseres zu tun, als hier herumzustehen und auf ihn zu warten? Sie zog die Augenbrauen hoch, zwang sich jedoch, ihren Zorn hinunterzuschlucken.

Als er ihr sein Profil zuwandte, betrachtete sie die gerade Nase, das Kinn mit den dunklen Bartstoppeln und die zusammengepressten Lippen. Die gesenkten Lider mit den dichten Wimpern verbargen seine tiefbraunen Augen.

„Ich warte schon seit zehn Minuten, Lorenzo“, stellte sie schließlich ruhig, aber kühl und entschlossen fest. „Ich würde es begrüßen, wenn du mich nicht noch länger warten ließest. Du weißt, wo du mich findest.“

Sie drehte sich um, verließ die Küche durch die Pendeltür und durchquerte schließlich das Restaurant mit den von der Decke hängenden Ketten mit Knoblauchzehen und den mit Stroh umwickelten Flaschen.

Aus mehreren Gründen war es für sie wichtig gewesen, für einige Monate nach Italien zurückzukehren. Sie freute sich darauf, die Freundschaft mit ihrer Cousine Isabella wieder zu vertiefen, und hoffte, das gestörte Verhältnis zu ihrer Familie verbessern zu können. Oder war das nach so langer Zeit gar nicht mehr möglich? Für ihren Onkel Luca als Finanzberaterin tätig zu werden, war auf jeden Fall ein erster Schritt in die richtige Richtung. Sie hatte gezögert, als Isabella ihr das Angebot unterbreitet hatte, weil sie Lorenzo nicht hatte begegnen wollen. Doch dann hatte sie sich vorgenommen, die Geister der Vergangenheit endgültig zu vertreiben und in ihrem Leben aufzuräumen. Es gab da einiges, was sie in Ordnung bringen wollte.

In dem Moment kam ihr Isabella entgegen. „Guten Morgen, Scarlett. Wie geht es dir an deinem ersten Arbeitstag?“

Scarlett lächelte ihre Cousine an. Sie waren zusammen aufgewachsen und hatten viel Spaß miteinander gehabt, ehe sie eine unglaubliche Dummheit mit verheerenden Folgen begangen hatten. Danach war Scarlett nach Australien zu ihrem Vater gegangen, um ihn und seine Familie kennenzulernen.

„Hallo, Izzie. Ich fühle mich rundherum wohl und freue mich darauf, deinen Vater zu beraten. Du siehst fantastisch aus. Was macht dein Prinz?“

„Ihm geht es bestens.“ Isabella streckte lächelnd die Hände aus.

„Er macht dich glücklich, stimmt’s?“ Scarlett ließ sich von ihrer Cousine umarmen. Ihr ging jedoch ein Stich durchs Herz, und sie beneidete sie ein wenig um ihr Glück.

Nach Hause zu kommen war für sie immer mit sehr vielen Emotionen verbunden. Sie versuchte jedoch, bei der Begrüßung ihrer Angehörigen ihre Gefühle im Griff zu haben, statt jedes Mal vor lauter Rührseligkeit Tränen in den Augen zu haben.

„Ich habe Lorenzo zu mir bestellt. Sobald ich ihn in die Mangel genommen habe, würde ich gern mit dir reden.“

„Wie bitte? Du willst ihn doch hoffentlich nicht verärgern?“, fragte Isabella entsetzt und fügte hinzu: „Na ja, mein Vater hat dir freie Hand gelassen, also kannst du tun, was du für richtig hältst. Ich will nur die Tomatensoße vorbereiten, danach können wir uns gern unterhalten.“

„Fein. Ich warte dann auf dich.“

Diese Tomatensoße war eine Spezialität des Restaurants Rosa, das wegen seiner guten italienischen Küche bekannt und beliebt war, und wurde nach einem Geheimrezept zubereitet, das nur Luca und Isabella kannten. Scarlett war gespannt darauf, ob sie die Zutatenliste zu sehen bekam, die sie eigentlich für die Kosten-Nutzen-Berechnung brauchte.

Aber wahrscheinlich würden weder Luca noch Isabella das Geheimnis verraten, welche Zutaten diese Soße so schmackhaft machten, sondern ihr nur die Kosten nennen.

„Ich bin froh, dass du gekommen und bereit bist, eine gründliche Analyse der finanziellen Situation unseres Restaurants durchzuführen, die geradezu beängstigend war. Ich habe jedoch das Gefühl, dass es im Moment etwas besser geworden ist. Valentino und Alex haben ihre Hilfe angeboten, und auch Max wollte meinem Vater mit einem größeren Betrag unter die Arme greifen. Aber darauf lässt er sich nicht ein. Du kennst ihn ja, er ist zu stolz und hat immer alles allein geschafft. Eine andere Frage ist natürlich, ob mit einer Geldspritze alle Probleme gelöst wären. Jedenfalls war ich ganz gerührt, als Max es anbot.“

„Ich denke auch, eine Finanzspritze hilft nur vorübergehend. Zuerst müssen wir herausfinden, warum es überhaupt zu Engpässen gekommen ist. Dann kann ich Verbesserungsvorschläge machen, und dann lässt der Erfolg auch nicht lange auf sich warten“, erwiderte Scarlett. Mit ihrer steilen Karriere als Finanzberaterin hatte sie ihre Sachkenntnis, ihr Fachwissen und ihre Fähigkeit zu professionellem Handeln hinreichend bewiesen. In Australien hatte sie namhafte Unternehmen wieder auf Erfolgskurs gebracht, und das würde ihr auch mit dem Restaurant Rosa gelingen.

Nach dem Gespräch mit Isabella betrat sie Lucas Arbeitszimmer, das sie für die Zeit ihrer Tätigkeit benutzte. Sie beabsichtigte jedoch nicht, von morgens bis abends herumzusitzen, sondern wollte sich selbst ein Bild davon machen, wie hier gearbeitet wurde. Als sie erfahren hatte, dass Lorenzo Nesta als Chefkoch eingestellt worden war, hatte sie gehofft, ihm nicht zu oft über den Weg zu laufen. Doch jetzt hatte sie das Gefühl, ihn etwas genauer unter die Lupe nehmen zu müssen, da er offenbar glaubte, er könne ihre Anweisungen ignorieren.

„Scarlett …“, ertönte in dem Moment seine Stimme hinter ihr.

Er stand auf der Türschwelle und schien leicht gereizt zu sein, obwohl er sich Mühe gab, es zu kaschieren. Er ist noch genauso attraktiv wie damals, dachte sie.

Sein Aussehen beeindruckte sie allerdings nicht mehr. Es ließ sich jedoch nicht leugnen, dass ihr Herz bei seinem Anblick höher schlug – aber nur weil sie sich auf eine Auseinandersetzung mit ihm gefasst machte. Einen anderen Grund gab es dafür nicht. Nein, ganz bestimmt nicht, bekräftigte sie insgeheim.

„Lorenzo, setz dich bitte.“ Sie wies auf den Besucherstuhl auf der anderen Seite des Schreibtischs. Eigentlich hätte sie diejenige sein müssen, die gereizt war, nachdem er schon gleich an ihrem ersten Arbeitstag ihren Zeitplan durcheinanderbrachte. „Ich möchte mit dir darüber reden, wie ab sofort hier gearbeitet wird. Doch zuerst erwarte ich eine Erklärung, warum du meine Bitte, zu mir zu kommen, ignoriert hast.“

„Ich habe deine Bitte nicht ignoriert, sondern konnte nicht sogleich alles stehen und liegen lassen.“ Ehe er tief ausatmete, spannten sich seine Muskeln unter dem schwarzen T-Shirt. Er trug eine goldene Kette um den Hals, und sie überlegte, ob es noch dieselbe war mit dem Anhänger wie damals, als sie ein Liebespaar waren.

Du liebe Zeit, was sollte das? Es ist doch völlig uninteressant, mahnte sie sich sogleich.

„Warum konntest du das Personal nicht einige Minuten allein lassen?“

„Es ist nicht immer möglich, aus einer arbeitsintensiven Restaurantküche ohne Folgen zu verschwinden“, erwiderte er steif, aber auch sehr bestimmt. „Du hast mir ausrichten lassen, ich solle sofort zu dir kommen, und das ging in dem Fall leider nicht.“

„So früh am Morgen kannst du bestimmt die Arbeit kurz unterbrechen, ohne dass es Konsequenzen hat.“ Gegen ihren Willen betrachtete sie seine Lippen, die gerade Nase und die Narbe über seiner linken Augenbraue. Plötzlich wurden Erinnerungen wach.

Sie hatten sich geliebt, und sie lag in seinen Armen, als er ihr einige haarsträubende Geschichten erzählte, nach welcher Verletzung die Narben zurückgeblieben waren. Sie konnte sich vor Lachen kaum halten. Schließlich behauptete er, er sei im Turnunterricht von einem Gerät gestürzt.

Manchmal sind die sichtbaren Narben erträglicher als die unsichtbaren, zumindest brauche ich mich dieser Narbe nicht zu schämen, hatte er rätselhaft hinzugefügt. Ehe sie ihn fragen konnte, was er damit meinte, hatte er sie leidenschaftlich geküsst, und sie hatte die Sache vergessen.

Warum fiel ihr das ausgerechnet jetzt wieder ein? Sie wollte sich gar nicht an die Zeit mit ihm erinnern, und konnte es sich nicht erlauben, sich dadurch ablenken zu lassen.

„Wir sind schon seit heute früh sehr beschäftigt, und ich bin froh, dass Isabella gekommen ist. Ich habe sie gebeten, mich kurz zu vertreten. Und das ist immerhin besser als gar nichts“, entgegnete er.

Will er mit dieser seltsamen Bemerkung andeuten, Isabella wisse nicht so genau, was in der Küche zu tun war? „Meine Cousine arbeitet schon jahrelang hier, und ich wäre nicht überrascht, wenn sich herausstellte, dass sie besser kochen kann als du. Nur damit das klar ist.“

„Natürlich kennt sich Isabella bestens aus“, stimmte er ihr ruhig zu. „So habe ich es gar nicht gemeint.“

„Egal, was du damit sagen wolltest, es ist eine unsinnige Diskussion, und wir verschwenden nur unsere Zeit.“ Sie sah ihn über den Schreibtisch hinweg ärgerlich an.

Ausdruckslos erwiderte Lorenzo ihren Blick. „Ich bin auch der Meinung, du solltest zur Sache kommen.“

„Das habe ich vor.“ Schon wieder löste sich eine Strähne ihres gelockten Haares aus dem Pferdeschwanz und fiel ihr ins Gesicht. Scarlett biss die Zähne zusammen. Wie konnte sie sich innerhalb weniger Minuten von ihm so aus der Fassung bringen lassen? Sie hatte sich doch fest vorgenommen, kühl und unbeteiligt mit der Situation umzugehen.

Sekundenlang betrachtete er ihr Haar, ehe er ihr wieder in die Augen sah.

Da ich jetzt achtundzwanzig bin, muss er zweiunddreißig sein, er wirkt reifer als damals und noch attraktiver, überlegte sie und gestand sich widerstrebend ein, dass sie schon wieder ihren Vorsätzen untreu wurde.

„Ist dir eigentlich bewusst, in welcher Funktion ich hier bin?“, fragte sie, denn sie bezweifelte, dass Luca seinen Mitarbeitern reinen Wein eingeschenkt hatte. Er hatte sogar Isabella viel zu lange verheimlicht, wie schwierig seine finanzielle Situation war. Sie hatte ihre ganze Überzeugungskunst aufbieten müssen, damit er am Ende einwilligte, Scarlett eine Betriebsanalyse durchführen zu lassen.

Lorenzo zuckte mit den Schultern und machte eine vage Handbewegung. „Du arbeitest hier vorübergehend als Finanzberaterin, und Luca lässt dir bei allem mehr oder weniger freie Hand.“

„Okay, dann weißt du ja Bescheid.“ Sie war überrascht, wie gut er informiert war.

Nachdenklich betrachtete er sie. Vielleicht fiel ihm auf, dass sie jetzt eine andere Frau war als vor fünf Jahren. Das hatte sie nicht zuletzt ihm zu verdanken, er hatte ihr unabsichtlich geholfen, freier und selbstbewusster zu werden und sich in erster Linie auf ihre Karriere zu konzentrieren.

„Als Chefkoch bist du mir während meiner Tätigkeit hier direkt unterstellt. Ich erwarte von dir, dass du alle Änderungen, die ich für notwendig halte, um die finanzielle Situation des Restaurants zu verbessern, mitträgst.“ So, das war es, was sie ihm hatte mitteilen wollen.

„Ich bin ein guter Koch und gehe mit dem Geld, das Luca mir zur Verfügung stellt, verantwortungsbewusst um“, entgegnete er. „Wir alle halten uns an Lucas Vorgaben, möglichst regionale Erzeugnisse einzukaufen und das Personal wie eine große Familie zu behandeln.“

Luca war sehr großzügig, wie Isabella erwähnt hatte, ohne ins Detail zu gehen. Scarlett nahm sich vor zu prüfen, ob das mit ein Grund für die finanzielle Schieflage war.

„Ich bin daran gewöhnt, dass man mit mir zusammenarbeitet, Lorenzo. Durch deine Weigerung, meinen Anordnungen Folge zu leisten, warst du heute Morgen ein schlechtes Vorbild. Das Personal muss den Eindruck gewonnen haben, man müsse mich nicht unbedingt ernst nehmen.“ Sie atmete tief durch. „Ich plane keine personellen Veränderungen, kann allerdings mit einem Chefkoch, der meine Autorität untergräbt, nicht zusammenarbeiten.“

Er presste die Lippen zusammen. „Da wir überraschend eine größere Bestellung …“ Er verstummte und schüttelte den Kopf. „Gut, ich entschuldige mich dafür, dass ich nicht sofort gekommen bin. Aber es wäre schön, wenn du mir in Zukunft etwas mehr Zeit geben würdest, damit ich nicht Knall auf Fall alles stehen und liegen lassen muss. Wenn das in dem einen oder anderen Fall nicht möglich ist, kann man es nicht ändern. Ich habe kein Interesse daran, deine Arbeit zu boykottieren.“ Er sah sie unverwandt an. „Ich schätze Luca sehr und tue alles, um den guten Ruf des Restaurants zu erhalten.“

„Dann sind wir uns ja einig. Ich möchte noch die Personalpolitik mit dir besprechen. Offenbar hat Luca es dir überlassen, Küchenhilfen einzustellen und den Personaleinsatz zu planen.“

„Ich habe nur so viel Personal engagiert, wie in der Küche und im Restaurant gebraucht wird. Luca hat selbst einige Leute eingestellt, die ich vielleicht nicht genommen hätte, aber ich komme gut mit allen zurecht, es gibt keine Probleme.“ Er nannte die Namen einiger Mitarbeiter und erklärte, welche Aufgaben sie hatten und ob sie Teilzeit oder Vollzeit arbeiteten. „Jeder hat die Möglichkeit, etwas hinzuzulernen, auch daran arbeite ich jeden Tag aufs Neue.“

Scarlett hielt die Zahl der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für angemessen. „Irgendwann in den nächsten zwei Tagen werde ich mir den Dienstplan ansehen.“ Die Gehälter auch, aber dafür ist er ja nicht verantwortlich, fügte sie insgeheim hinzu.

Es musste Gründe dafür geben, dass das Restaurant in die roten Zahlen geraten war, und sie war entschlossen, sie zu finden.

„Wie kostensparend gehst du mit den Zutaten um? Und wie verhinderst du, dass etwas verschwendet wird?“, erkundigte sie sich.

„Innerhalb der Vorgaben, die ich beachten muss, gehe ich, wie ich meine, recht sparsam mit allem um.“ Er blickte ihr in die hellbraunen Augen und bekräftigte insgeheim seinen Entschluss, dieses Interview ruhig und entspannt hinter sich zu bringen, egal, welche Fragen Scarlett ihm noch stellte und wie wenig erfreut sie darüber zu sein schien, dass er hier Chefkoch war. Er wollte auch nicht darüber nachdenken, dass sein Job nicht mehr sicher war, wenn sie hier das Sagen hatte.

Er brauchte keine weiteren Brüche in seiner beruflichen Laufbahn, doch was konnte er anderes tun, als gute Arbeit zu leisten?

Auf einmal empfand er so etwas wie Bedauern. Bei Scarletts Anblick fiel es ihm nicht leicht, die Erinnerungen zu verdrängen. Und genau das hatte er befürchtet, als er erfuhr, sie würde aus Australien zurückkommen, um eine Betriebsanalyse durchzuführen. Wie war es ihr ergangen in den fünf Jahren? War sie glücklich? Aber er hatte kein Recht, ihr Fragen zu stellen, es war alles längst vorbei.

„Ich lege größten Wert auf traditionelle italienische Küche auf hohem Niveau, um auch gehobenen Ansprüchen zu genügen“, fuhr er schließlich fort und bemühte sich, nicht zur Kenntnis zu nehmen, wie schön sie aussah und wie gut ihr die helle Seidenbluse und der enge helle Rock standen, die ihre verführerischen Rundungen betonten.

Ihr Outfit wirkte geschäftsmäßig und passte zu dem italienischen Sommerwetter. Glaubte sie etwa, sie würde darin streng und unnahbar wirken? Dann hatte sie sich getäuscht. Dafür sorgten schon die gelockten Haarsträhnen, die sich aus dem Pferdeschwanz gelöst hatten, und das pinkfarbene Band, mit dem sie das volle schwarze Haar zusammengebunden hatte.

Sollte sie doch die kühle Karrierefrau spielen, ihm konnte sie nichts vormachen. Sie hatte sich ihm damals von einer ganz anderen Seite gezeigt, und sie hatte sie nicht verloren. Dessen war er sich sicher.

„Mein Ruf und der des Restaurants sind untrennbar miteinander verbunden“, fügte er hinzu und musste sich zwingen, die Stimme sachlich und unbeteiligt und nicht so sanft und liebevoll klingen zu lassen, wie es seiner Empfindung entsprochen hätte. Sein Job schien auf dem Spiel zu stehen, deshalb konnte er es sich nicht erlauben, in Erinnerungen zu schwelgen an die Zeit, als Scarlett und er noch glücklich gewesen waren. „Wenn ein Gericht wirklich einmal nicht meinen Anforderungen entspricht, wird es weggeworfen. Im Allgemeinen achte ich jedoch darauf, dass alle so gut und sorgfältig arbeiten, dass das Essen dem Standard des Restaurants entspricht.“

„Es darf nicht mehr passieren, dass etwas weggeworfen werden muss“, rügte sie ihn sogleich.

„Das kommt sogar in den allerbesten Restaurantküchen vor, Scarlett“, wandte er ein.

„Okay, mag sein“, gab sie nach.

„Manchmal lässt ein Gast ein absolut perfektes Gericht zurückgehen. Deshalb ist es wichtig, auch dann guten Willen zu zeigen, wenn man weiß, dass der Gast unrecht hat.“

„Natürlich.“ Mit den schlanken Fingern trommelte sie plötzlich sekundenlang auf den Schreibtisch. „Wenn es das nächste Mal geschieht, möchte ich hinzugerufen werden, falls ich dann noch hier bin.“

Soll ich mich etwa hinter ihr verstecken und sie Reklamationen für mich regeln lassen? überlegte er. Das ließ sein Stolz nicht zu. Wie sagte man so schön? Wenn man etwas nicht zur Kenntnis nimmt, existiert es nicht. Sein Vater beherrschte das perfekt, er ignorierte seinen Sohn, seit Lorenzo seiner Meinung nach mit seinem Verhalten Schande über die Familie gebracht hatte.

Doch darüber brauchte er jetzt nicht nachzudenken.

„Ich komme mit schwierigen Gästen sehr gut allein zurecht und brauche dabei keine Hilfe“, wehrte er ab.

„Das ist mir klar.“

Vielleicht habe ich überreagiert, gestand er sich sogleich ein. „Was die spezielle Tomatensoße angeht, die Isabella zubereitet, informiere ich sie regelmäßig, wie viel wir noch haben und wie viel wir voraussichtlich brauchen, sodass wir immer genug davon vorrätig haben.“ Er hoffte, Scarlett wäre eher bereit, mit ihm zusammenzuarbeiten, wenn sie begriff, dass er die nötige Übersicht hatte und ihm nichts entging.

Mit Isabella und Luca arbeitete er gut zusammen, sie vertrauten ihm und übertrugen ihm immer mehr Verantwortung. Doch wie sahen Scarletts Pläne aus?

„Gibt es Probleme finanzieller Art?“, fragte er. „Isabella hat erwähnt, du würdest eine Kosten-Nutzen-Analyse durchführen.“

Scarlett zögerte sekundenlang, ehe sie erwiderte: „Luca macht schon eine ganze Weile Verluste mit dem Restaurant.“ Sie sah ihn durchdringend an. „Diese vertrauliche Information gebe ich dir nur deshalb, weil ich auf deine Mitarbeit angewiesen bin, wenn ich mir einen Überblick verschaffen will. Ich erwarte, dass du mit niemandem darüber redest und mir keine Auskünfte verweigerst, sonst …“

„Wofür hältst du mich eigentlich?“, unterbrach er sie ärgerlich.

Darauf gab es eigentlich nur eine Antwort. Für Scarlett war er der Mann, der sie grenzenlos enttäuscht und verletzt hatte. Und genau das schien sich in ihren Augen zu spiegeln, ehe sie sich abwandte.

„Jedenfalls wirst du deinen Job nicht aus finanziellen Gründen verlieren“, stellte sie die Sache klar. „Luca und Isabella halten große Stücke auf dich. Ich bin entschlossen, dafür zu sorgen, dass hier wieder gewinnbringend gearbeitet wird. Wenn sich ...

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