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So erregend rätselhaft

1. KAPITEL

Als das Taxi vor dem weitläufigen, aber scheußlichen Anwesen hielt, das sein Bruder Zuhause nannte, rieb sich Dex Messina die Stirn. Mann, war er müde!

Er wurde zu alt für diesen Job. Gerade hatte er in Antwerpen eine Woche lang sechzehn Stunden am Tag gearbeitet, um für Messina Diamonds die Eröffnung der neuen Diamantschleiferei vorzubereiten. Zusätzlich hatte der Sieb-zehn-Stunden-Flug von Belgien – einschließlich eines sechsstündigen ungeplanten Aufenthaltes in New York – ihn geschafft.

„Ist es das hier?“, fragte der Taxifahrer.

„Ja, genau.“

Da sich bei der Renovierung seines Lofts in der Stadt Schwierigkeiten ergeben hatten, lebte Dex bei seinem Bruder Derek. Eine Situation, die ihnen beiden nicht gefiel und nun schon viel zu lange andauerte. Allerdings hielt er sich nicht häufig hier auf. Und wenn er zwischen seinen Auslandsreisen tatsächlich einmal Zwischenstopp einlegte, musste er wenigstens nicht mit seinem Bruder unter einem Dach wohnen, denn Derek besaß ein Gästehaus.

Dex gab dem Fahrer fünfzig Dollar und stieg aus. Mit seiner abgenutzten Segeltuchtasche über der Schulter ging er den gewundenen Weg zum Haus entlang. Es war von mächtigen Eichen und perfekt geschnittenen Sträuchern umgeben und war von der Straße aus kaum zu sehen. Außerdem hatte man so das Gefühl, sich gar nicht mehr im exklusiven Stadtteil Highland Park in Dallas zu befinden.

Eine Ecke der Villa war mit Efeu bewachsen. Die niedrige Steinmauer wirkte alt und bröckelte an einer Seite. Beides sollte den Eindruck nobel verfallender Aristokratie vermitteln.

Alles in Dereks Leben war so. Perfekt. Kontrolliert. Protzig.

Am liebsten hätte Dex sein Motorrad aus der Garage geholt und auf dem gepflegten Rasen seines Bruders ein paar Reifenspuren hinterlassen.

Aber wahrscheinlich hätte er es sowieso nicht getan. Mittlerweile war er ein geachteter Mitarbeiter im Familienunternehmen. Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft.

Warum hatte er auch nur …

Wie angewurzelt blieb Dex kurz vor der Mahagoni-Eingangstür stehen.

„Was zum …“

Wie gebannt sah er sich den Autokindersitz an, der mitten im Weg stand, nur um sicherzugehen, dass er keine Halluzinationen hatte.

Kein Zweifel, es war tatsächlich ein Autokindersitz.

Neben dem Sitz stand eine mit lachenden Teddybären bedruckte Tasche. Viel beunruhigender als der Kindersitz war allerdings, was sich darin zu befinden schien. Ein Haufen Decken, aus dem ein rosa Babymützchen hervorlugte.

Dex ging in die Hocke, um sich das Ganze näher zu besehen, doch dann hatte er eine bessere Idee. Hastig zog er das Handy aus der Tasche und rief seinen Bruder an.

„Bist du zu Hause, Derek?“

„Ja. Sag nicht, du hast deinen Flieger verpasst. Ich brauche dich morgen im Bü…“

„Nein. Ich stehe direkt vor der Tür. Vielleicht möchtest du ja mal für einen Moment zu mir rauskommen.“

„Warum rufst du dann an?“, fragte Derek ungeduldig.

„Komm einfach raus“, sagte Dex und klappte sein Handy zu. Er hockte immer noch vor dem Autokindersitz und betrachtete ungläubig den darin befindlichen … Wonneproppen, oder wie auch immer man dazu sagte.

Fünf Minuten später erschien Derek. Offensichtlich hatte er gearbeitet. Er trug keine Krawatte, die Ärmel seines weißen Oberhemds waren aufgekrempelt. „Hoffentlich hast du eine gute Erklärung dafür, dass ich unbedingt nach draußen kommen sollte.“

Dex erwiderte nichts, sondern wartete bewegungslos auf die Reaktion seines Bruders. Wenn er nicht selbst so völlig fassungslos gewesen wäre, hätte er die Situation vielleicht amüsant gefunden.

Derek sah den Kindersitz an. „Soll das ein Witz sein?“

„Falls es einer ist, habe ich nichts damit zu tun.“

„Du hast dieses Ding da nicht mit nach Hause gebracht?“

Dex musste trotz allem lachen. „Nein. Ich habe aus Antwerpen kein Baby mitgebracht. Ich nehme an, das wäre illegal.“

„Wie kommt es dann hierher?“

„Es stand schon hier, als ich grade aus dem Taxi gestiegen bin.“ Mit einer Lässigkeit, die er keineswegs empfand, beugte sich Dex über den Sitz und zog die Decken beiseite. Zum Vorschein kam das Köpfchen eines schlafenden Säuglings. Die Haut des Babys erschien ihm im Mondlicht unglaublich blass, der kleine rosige Mund war der einzige Farbtupfer in seinem Gesichtchen.

Das Kleine lag so still da, dass Dex nicht einmal hätte sagen können, ob es atmete. In einem Anflug von Panik zog er die rosafarbene Decke weg und presste die Hand auf die winzige, mit einem Baumwolljäckchen bekleidete Brust.

Der Säugling atmete tief ein und dann langsam wieder aus. Als Dex den warmen Atem auf seiner Hand spürte, verkrampfte sich etwas in seinem Inneren, gleichzeitig war er sehr erleichtert.

„Lebt es?“, wollte Derek wissen.

„Ja, dem Himmel sei Dank.“

„Was ist das?“

Dex blickte in die Richtung, in die Derek zeigte. Als er die Decke herausgezogen hatte, war ein Zettel auf den Boden gefallen. Er hob ihn auf. Derek nahm ihm den Zettel ab.

D…

Sie heißt Isabella. Sie ist von Dir. Du musst sie für eine Weile zu Dir nehmen.

Es gab keine Unterschrift.

Einen Moment lang sahen Derek und Dex einander nur wortlos an. Dann drehten sie sich um, um das Baby anzuschauen.

„Das ist ein schöner Schlamassel, in den du diesmal geraten bist.“ Der harte Tadel in Dereks Stimme war nicht zu überhören.

„In den ich geraten bin?“ Warum es ihn überraschte, dass Derek ihn beschuldigte, wusste er selbst nicht. „Wer sagt denn, dass sie meine Tochter ist?“

Derek stemmte die Hände in die Hüften. „Das ist nicht mein Baby. Ich passe ziemlich genau auf bei solchen Dingen.“

„Glaub mir, das tue ich auch.“

„Du hast sie gefunden.“

„Ja. Vor deinem Haus.“

„Wo wir beide wohnen.“

Sie schauten einander herausfordernd an.

Noch während er seinem Bruder tief in die stahlblauen Augen sah, war Dex bewusst, wie lächerlich diese Unterhaltung war. Doch einzuräumen, dass sie gar nicht sicher wissen konnten, wer der Vater des Babys war, war wie zuzugeben, dass er es immerhin sein könnte.

Ein leises Quengeln aus dem Kindersitz lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Baby. Die Kleine drehte den Kopf hin und her und öffnete und schloss immer wieder den Mund, als suche sie etwas. Auf seinen vielen Flügen, die Dex im Auftrag der Firma unternommen hatte, hatte er genügend weinende Babys erlebt, um zu wissen, dass es böse enden konnte, wenn sie jetzt nicht richtig reagierten.

Schnell suchte er in dem Kindersitz etwas, womit er die Kleine beruhigen konnte, fand schließlich einen an einem Band befestigten Schnuller und schob ihn ihr behutsam in den Mund.

Mit angehaltenem Atem sah er zu, wie sie zufrieden daran nuckelte und dann weiterschlief.

Hinter ihm stieß Derek einen tiefen Seufzer aus. „Das ist einfach lächerlich.“

Dann zog er sein Handy aus der Hosentasche.

„Rufst du Raina an?“, fragte Dex im Flüsterton, während er Derek ein Stück von dem Baby wegzog, damit es nicht wieder aufwachte. „Es ist Sonntag und weit nach Mitternacht.“

„Na und?“

„Ein bisschen spät, um deine Assistentin aus dem Bett zu holen. Außerdem hat jemand ein Baby vor deiner Haustür ausgesetzt. Da sollten wir besser die Polizei anrufen.“

„Auf keinen Fall. Das wäre eine Katastrophe für unser Image.“

„Und natürlich ist das Image von Messina Diamonds wichtiger als das Wohlergehen dieses Babys.“

Wahrscheinlich hatte Derek diese Bemerkung gar nicht gehört, denn inzwischen sprach er mit Raina. Ein paar Minuten später klappte er sein Handy zu. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, stand er da und sah das kleine Mädchen böse an.

„Sie hat gesagt, sie kann nicht herkommen.“

„Das kann ich ihr nicht verdenken.“

„Aber sie hat mir … einen Rat gegeben.“ Das klang empört. „Sie sagte, falls das Baby aufwacht, sollten wir es füttern.“

„Dann stehen wir wohl ganz allein da.“

Dex zögerte kurz, bevor er sich erneut dem Kindersitz näherte. So wie er seinen Bruder kannte, war er, genau wie Dex selbst, nicht besonders erpicht darauf, das Kind ins Haus zu tragen.

Schließlich nahm er den Sitz und wollte damit hineingehen. Derek hielt ihn auf, indem er fragte: „Findest du das klug?“

„Sie ist ein Baby. Kein Vampir. Irgendwann müssen wir sie reinbringen.“

Derek nickte widerstrebend und folgte ihnen. Im Wohnzimmer stellte Dex den Kindersitz neben dem Sofa ab. Dann ließ er sich im Sessel daneben nieder.

Derek brachte ihm einen Brandy, ehe er gegenüber Platz nahm. „Morgen musst du bei ihr bleiben.“

Dex hätte sich fast an seinem Drink verschluckt. „Warum ich?“

„Ich fliege mittags nach London.“

„Warum kann Raina nicht auf sie aufpassen?“

„Raina begleitet mich. Ende der Woche wird sie zurück sein, aber dann hat sie alle Hände voll damit zu tun, den Empfang nächste Woche zu planen. Du musst schnellstens jemand finden, der auf das Kind aufpasst. Jemand, dem du vertrauen kannst. Wegen der Vorstandssitzung wirst du ab Dienstag im Büro gebraucht.“

Dex trank noch einen Schluck von seinem Brandy. „Gut, dass du erst mittags abfliegst.“

Misstrauisch sah Derek ihn an. „Warum?“

„Weil wir als Erstes morgen früh einen Vaterschaftstest machen lassen.“

Lucy Alwin log nicht – grundsätzlich nicht. Sie mochte das nicht, und sie war auch nicht gut darin.

Aber heute musste sie das Blaue vom Himmel herunterlügen. Und das sollte sie besser verdammt überzeugend machen. Isabellas Zukunft stand auf dem Spiel.

Ein letztes Mal blickte sie auf den Monitor ihres Navigationssystems und bog dann mit ihrem Toyota Prius in die Briarwood Lane ab. Der Anblick der vielen Villen, die hier standen, trug kaum dazu bei, ihre Nerven zu beruhigen, und unterstrich nur, was sie bereits wusste: Die Messinas waren stinkreich. Und sehr mächtig.

Gegenüber von Hausnummer 122 hielt sie an und verwünschte ihre Zwillingsschwester insgeheim ein weiteres Mal. Vor einem Jahr hatte sie Jewel beschworen, Dex Messina umgehend zu sagen, dass sie schwanger sei. „Er muss erfahren, dass er Vater wird. Denn wenn er später herausfindet, dass du ihn getäuscht hast, setzt er womöglich alles daran, dir dein Baby wegzunehmen.“

Aber hatte Jewel ihren Rat beherzigt? Nein. Stattdessen war sie entschlossen gewesen, das Ganze auf ihre Art zu regeln. Und zwar allein. Natürlich schloss Jewels Definition von „allein“ ein, dass sie sich auf Lucy verließ. Von dem Moment an, als sie ihre süße Nichte zum ersten Mal im Arm gehalten hatte, hatte das Lucy allerdings nichts ausgemacht.

Doch im Laufe des letzten Monats hatte Jewel sich langsam immer mehr von ihr und Isabella zurückgezogen. Und gestern spätabends – Lucy hatte längst geschlafen – hatte sie die kleine Isabella vor Dex’ Tür abgestellt und sich dann aus dem Staub gemacht.

Erst am Morgen hatte Lucy gemerkt, dass die beiden verschwunden waren. Jewel hatte ihr eine Notiz hinterlassen: Sie verlasse die Stadt für ein paar Wochen, Lucy brauche sich aber keine Sorgen zu machen. Sie habe Isabella an einen sicheren Ort gebracht.

Zum ersten Mal in ihrem Leben empfand Lucy Dankbarkeit dafür, dass ihre Schwester so faul war. Jewel hatte sich nicht die Mühe gemacht, Isabellas Kindersitz von Lucys Wagen in ihren eigenen zu bringen. Stattdessen hatte sie sich Lucys Prius ausgeliehen und ihn erst gegen ihr eigenes Auto getauscht, als sie aus der Stadt fuhr. Zum Glück. Jewel hatte mithilfe der im Navigationssystems gespeicherten Routenverläufe Dex’ Haus gefunden. Nur so hatte Lucy erfahren, wohin Jewel Isabella gebracht hatte.

Es hatte Lucy weitere drei Stunden gekostet, einen Plan zu entwerfen und in die Tat umzusetzen, um Isabella zurückzuholen. Einen Plan, der zunächst vorsah, dass sie den Kleiderschrank ihrer Schwester plünderte und sich die Haare schnitt und färbte, um Jewels leuchtendes Rot zu kopieren.

Kurz gesagt, Lucy musste Dex überzeugen, dass sie selbst Isabellas Mom war und einen schrecklichen Fehler gemacht hatte, als sie ihr Baby einfach vor seiner Tür abgestellt hatte. Dazu musste sie ihn allerdings erst einmal überzeugen, dass sie die Frau war, mit der er vor vierzehn Monaten für eine Nacht ins Bett gegangen war.

Wie genau sie das anstellen sollte, war die Frage, die Lucy quälte, seit sie diesen verrückten Plan gefasst hatte. Sie und Jewel unterschieden sich schließlich nicht nur durch ihre Kleidung.

Lucy war vernünftig und durch und durch praktisch, während Jewel exotisch und durch und durch sinnlich-verführerisch war. Mit anderen Worten: Jewel hatte eine Art, Männer zu manipulieren und zu kontrollieren, die sie, Lucy, nie verstanden, geschweige denn schon einmal selbst angewandt hatte.

Falls sich Dex an Jewel erinnerte – und Männer vergaßen eine Frau wie Jewel nie –, dann würde sie, Lucy, alle Register ziehen müssen, um ihn zu überzeugen, dass sie ihre Zwillingsschwester war. Sie hoffte sehr, dass sie so schnell wie möglich wieder von hier wegkam und dass er sie nicht allzu genau anschauen würde.

Natürlich wusste sie nicht, ob ihr dieses Täuschungsmanöver gelang, aber sie musste es wenigstens versuchen. Isabella zuliebe.

Die Messinas waren nicht nur für ihren Reichtum bekannt, sondern auch für ihre Skrupellosigkeit. Für ihre kaltherzige Jagd nach dem allmächtigen Dollar. Auf keinen Fall würde Lucy zulassen, dass sich einer dieser Männer um ihre Nichte kümmerte.

Nein, Isabella brauchte jemanden in ihrem Leben, der immer das Richtige für sie tun würde. Da das offensichtlich nicht Jewel sein würde, wollte sie selbst nur zu gerne diese Rolle übernehmen.

Hoch motiviert ging Lucy zum Haus und läutete. Als sie Isabella drinnen weinen hörte, wurde sie von Sorge ergriffen. Jede Lüge, die sie heute auftischte, war mehr als gerechtfertigt.

Das musste sie sich ins Gedächtnis rufen, als die große Eingangstür aufging und Dex Messina erschien. Er war genauso attraktiv wie damals, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, allerdings erheblich zerzauster und verärgerter.

„Sind Sie das Kindermädchen?“

„Nein. Ich bin die Mutter.“

2. KAPITEL

Dex hatte keine Ahnung gehabt, dass ein Baby so laut schreien konnte. Oder so lange.

Das Baby hatte zu weinen angefangen, sobald es mit ihm alleine war, und bis zu diesem Zeitpunkt anderthalb Stunden später noch nicht damit aufgehört.

Überzeugt, dass sein Gehör von den durchdringenden Schreien in Mitleidenschaft gezogen war, glaubte er, die Frau an der Tür nicht richtig verstanden zu haben. „Sie sind was?“

„Die Mutter“, wiederholte Lucy. „Ich bin Isabellas Mutter.“

Plötzlich hörte Isabella auf zu weinen, und deshalb verstand er die Frau diesmal genau. Instinktiv versperrte er ihr mit einem Arm den Weg, während er sie betrachtete. Offensichtlich hatte sich Isabella nur eine kurze Atempause genehmigt, denn nach einem kurzen Augenblick der Stille fing sie nun erneut mörderisch zu schreien an.

Die Frau stellte sich auf die Zehenspitzen – auch wenn es ihr nicht viel half, so klein, wie sie war – und versuchte, Isabella über seine Schulter hinweg zu erspähen. Und ehe er es sich versah, war sie unter seinem Arm hindurch ins Haus geschlüpft.

Sie eilte durchs Foyer ins Wohnzimmer, was er nur als Mutterinstinkt deuten konnte, direkt zum Autokindersitz mit der weinenden Isabella.

Ohne zu zögern, nahm sie die Kleine hoch, hielt sie einen Moment mit ausgestreckten Armen in der Luft, als wolle sie sehen, ob sie Schaden genommen hatte, und schmiegte sie an sich. Leise redete sie auf das Kind ein, wiegte es hin und her. Augenblicklich hörte das Weinen auf.

Trotz der wunderbaren Stille, die folgte, dröhnte Dex von dem stundenlangen Geschrei der Kopf, und seine Gedanken überschlugen sich. Die Frau kam ihm irgendwie bekannt vor.

Sie trug einen Jeans-Minirock und ein pinkfarbenes Tanktop, das ihre wohlgeformten Kurven zur Geltung brachte. Ihr blasses Gesicht war von Sommersprossen übersät, ihr knallrotes Haar zu einem Fransenbob geschnitten.

An die Haare erinnerte er sich zuerst. Und an ihre Hüften. Es hatte etwas Sinnliches, wie sie sich beim Wiegen der Kleinen bewegte. Etwas höchst Erotisches, das seinen männlichen Instinkt ansprach.

Plötzlich fielen ihm die wiegenden Rhythmen in der Bar ein, und er fühlte sich zurückversetzt … Wann war das gewesen? Vor einem Jahr? Oder war es schon länger her?

Sein Vater war gerade gestorben. Nach dem Begräbnis hatte es endlose Meetings und Konferenzen gegeben, um Privates und Geschäftliches zu regeln. Nach einer Woche hatte er die Nase gestrichen voll von Erbschaftsangelegenheiten und wollte sich nur noch bei einer Flasche Scotch und mit einer willigen Frau entspannen.

Vage erinnerte er sich an jene Nacht. War sie diese Frau gewesen, mit der er sich entspannt hatte?

Es war genau die Art Beziehung, die perfekt für ihn war. Keine Gefühle. Keine Zukunft. Keine Bindung.

Doch anscheinend war etwas schrecklich schiefgegangen.

Lucy wartete immer noch darauf, dass Dex etwas sagte. Irgendetwas.

Stattdessen beobachtete er sie nur. Seine Miene war undurchdringlich, doch seine Anspannung war ihm deutlich anzumerken.

Ihr wurde immer mulmiger zumute. Schließlich platzte es aus ihr heraus: „Ich habe einen Fehler gemacht.“

Fragend runzelte er die Stirn.

„Okay, einen großen Fehler. Eigentlich einen riesigen.“

„Sie haben Ihr Baby vor meiner Haustür ausgesetzt. Das ist mehr als ein Fehler.“

„Aber … ich habe erkannt, dass es ein Fehler war, und ich bin hergekommen, um sie abzuholen.“ Ihr Herz klopfte heftig, und vor Nervosität sprach sie einfach drauflos. „Niemand ist zu Schaden gekommen, richtig? Und da du sie offenbar nicht willst, lege ich sie einfach wieder in ihren Kindersitz, und schon sind wir weg. Du wirst nie wieder etwas von uns hören.“

Mit angehaltenem Atem drückte sie Isabella fest an sich, ergriff mit der freien Hand den Kindersitz und eilte zur Tür. Eine Sekunde lang hoffte sie schon, dass es funktionieren würde.

Aber natürlich tat es das nicht.

Schnell nahm er ihren Arm, um sie aufzuhalten. Sein Griff war beinah schmerzhaft.

„Ist sie von mir?“

Verdammt. Warum konnte sie nicht die Sorte Frau sein, die eine solche Frage schamlos mit einer Lüge beantwortete?

Als sie zögerte, fuhr er fort: „In zwei Wochen habe ich das Ergebnis des Vaterschaftstests. Dann weiß ich es sicher.“

„In zwei Wochen?“ Der Gedanke daran, was dann womöglich passierte, schnürte ihr das Herz ab.

„Ja. In zwei Wochen. Derek und ich haben Proben eingeschickt, und es dauert anscheinend etwas länger, bis das Ergebnis feststeht, wenn die infrage kommenden Väter Brüder sind.“

„Ich war nicht überrascht, dass es so lange dauert. Was mich überrascht, ist die Tatsache, dass du schon einen Test gemacht hast. Das ging wirklich schnell. Vater zu werden würde dein Leben wohl ganz schön durcheinanderbringen, oder?“

„Ist sie von mir, oder ist sie es nicht?“

„Sie ist von dir.“

„Warum hast du dann gezögert?“

„Ich dachte, wenn du nicht weißt, dass sie deine Tochter ist, lässt du uns vielleicht einfach gehen.“

„Selbst wenn sie nicht von mir wäre – du hast sie immerhin ausgesetzt.“

Mit einer solchen Diskussion hatte Lucy nicht gerechnet.

Eigentlich hatte sie geglaubt, dass Dex so froh sein würde, Isabella loszuwerden, dass er sie ihr widerstandslos übergeben würde.

Langsam wurde sie wütend und drückte Isabella noch fester an sich. Sie kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen und brachte das einzige Argument vor, das sie hatte, um ihn zu überzeugen: „Du kannst sie unmöglich behalten wollen. Selbst wenn sie von dir ist.“

„Ob ich sie will oder nicht, spielt keine Rolle. Es hat seinen Grund, warum es strafbar ist, ein Kind auszusetzen. Du bist als Mutter offenbar ungeeignet.“

Trotzdem hatte er nicht die Polizei gerufen. Das war doch immerhin etwas, oder?

Da sie nicht in der Position war, mit ihm darüber zu streiten, ob sie als Mutter geeignet war oder nicht, drehte sie den Spieß um. „Wie auch immer. Nach dem, was hier los war, als ich vorhin angekommen bin, scheinst du nicht viel besser geeignet zu sein.“

„Du hast recht, ich will kein Baby. Aber wenn sie wirklich mein Kind ist, dann habe ich keine Wahl. Ehrlich gesagt, habe ich nicht die leiseste Ahnung, was ich mit ihr anfangen soll. Aber du anscheinend schon.“

„Ich bin ihre Mutter. Natürlich weiß ich, was zu tun ist.“ Und einen Moment lang glaubte sie tatsächlich, sie würde doch so einfach davonkommen. Zunächst musste sie ihn überzeugen, dass er ihr Isabella wirklich anvertrauen konnte. Aber wie sollte sie das anstellen, wenn sie selbst aus tiefstem Herzen missbilligte, was Jewel getan hatte?

Sie versuchte, sich vorzustellen, was ihre Schwester dazu gebracht haben könnte, ihr Kind einfach auszusetzen. Während sie Isabella immer noch in den Armen wiegte, sah sie Dex an. Hoffentlich merkte er, dass sie die Kleine abgöttisch liebte.

„Alleinerziehende Mutter zu sein ist schwerer, als ich dachte. Ich versorge sie jetzt seit fünf Monaten. In dieser ganzen Zeit hatte ich einmal das Gefühl, es nicht mehr zu schaffen, nur ein einziges Mal. Sie vor deine Tür zu stellen war idiotisch, aber auch Eltern dürfen einmal einen Fehler machen. Selbst wenn es ein großer ist.“

Mit angehaltenem Atem wartete sie auf seine Antwort. Wenn er sie jetzt nicht mit Isabella gehen ließ, wusste sie nicht weiter.

„Du hast recht. Ich bin eindeutig nicht darauf eingestellt, mich um einen Säugling zu kümmern. Aber ich werde dir die Kleine auch nicht einfach aushändigen. Da die Agentur, bei der ich heute Morgen ein Kindermädchen angefordert habe, anscheinend nicht in der Lage ist, kurzfristig jemanden zu schicken, kannst du hierbleiben, bis ich jemand Geeignetes gefunden habe.“

Ehe Lucy auch nur erleichtert aufatmen konnte, musterte er sie erneut mit kühlem Blick.

„Vergiss nicht, das ist eine vorläufige Lösung. Und ich werde dich ganz genau beobachten.“

Dreißig Minuten später war Lucy auf dem Weg zu ihrer Eigentumswohnung. Normalerweise war sie eine umsichtige Fahrerin – wenn auch vielleicht übervorsichtig. Aber das brachte ihr Beruf mit sich. Schließlich verbrachte sie ihre Tage damit, Zahlen zusammenzutragen und die Risiken eines tödlichen Verkehrsunfalls zu berechnen. Im Allgemeinen waren Versicherungsmathematiker sehr sichere Autofahrer. Heute jedoch war sie ein nervliches Wrack.

Zweifellos lag das daran, dass Dex neben ihr saß. Da sie und Isabella zumindest in den nächsten Tagen in seinem Haus leben würden, brauchten sie Sachen zum Anziehen, Babynahrung, Windeln … die tausend Dinge eben, die ein Säugling benötigte. Dex hätte am liebsten ein Babygeschäft angerufen und die ganze Babyausstattung anliefern lassen. Das hatte sie ihm natürlich ausgeredet.

Nein, wenn sie diesen lächerlichen Plan schon in die Tat umsetzen mussten, dann wollte Lucy wenigstens in dieser Frage die Kontrolle behalten. Mit Sicherheit würde sie Dex nicht helfen, für Isabella in seinem Haus ein Kinderzimmer einzurichten. Nach Ablauf der zwei Wochen – wenn nicht früher – wollte sie aus seinem Leben verschwinden, mitsamt Isabella und all ihren Sachen.

Während sie sich ihren Weg durch den dichten Verkehr von Dallas bahnte, listete sie in Gedanken immer wieder die Gründe auf, warum er ihr Isabella anvertrauen sollte.

Sobald er in ihren Wagen eingestiegen war, hatte er es sich bequem gemacht und die Augen geschlossen. Wenn sie nicht irrte, war er eingeschlafen. Anscheinend nutzte er die kurze Zeit hochwillkommener Ruhe aus.

Nur zu gut erinnerte sie sich an die nervenaufreibenden und anstrengenden Nächte, in denen Isabella sie nicht hatte zur Ruhe kommen lassen.

Vielleicht war Erschöpfung die Erklärung für sein bisheriges Verhalten, das von unhöflich über argwöhnisch bis hin zu schlicht beleidigend reichte. Oder vielleicht fand er auch nur, dass sie das verdiente, nachdem sie Isabella vor seiner Tür ausgesetzt hatte. Trotz allem, was Jewel ihm in den letzten vierundzwanzig Stunden zugemutet hatte, hatte sie kein Mitleid für Dex. Ihre Hauptsorge galt Isabella.

Ehe sie zu ihm gefahren war, hatte sie nur zwei Möglichkeiten gesehen.

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