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So erobre ich dein Herz

1. KAPITEL

Als Shanna den Salon betrat, sah sie ihn sofort.

Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre gleich wieder gegangen.

Stattdessen hielt sie dem Blick aus Rick Dalmonts dunklen Augen stand, nickte knapp und wandte sich an ihre Schwägerin Janice. Dennoch spürte sie, dass er sie noch immer ansah. So wie jedes Mal, wenn sie sich über den Weg liefen – was in letzter Zeit auffallend häufig vorkam.

„Ich bin froh, dass du hier bist“, sagte Janice. Shanna brauchte nicht zu fragen, wieso: Rick Dalmont war der Grund.

Er stand mit ihrem Bruder Henry zusammen. Bis zu ihrem Eintreten waren die beiden Männer in ein ernsthaftes Gespräch vertieft gewesen. Shanna wusste, wie sehr Janice es hasste, wenn auf ihren Partys berufliche Themen aufkamen.

„Lotse ihn bloß von Henry weg“, flüsterte Janice verschwörerisch. „Das soll eine Party sein, kein Geschäftstreffen!“

„Ich bin sicher, Henry hat gar nichts dagegen.“ Shanna kannte ihren Bruder gut genug, um zu wissen, dass er von seiner Arbeit besessen war.

„Wahrscheinlich hat er das Thema Arbeit sogar angesprochen.“ Janice nickte. „Aber plötzlich scheint er Rick nicht mehr fesseln zu können“, sagte sie spöttisch.

Shanna folgte Janices amüsiertem Blick, und ihre grünen Augen trafen auf Ricks. Als Shanna ihm zum ersten Mal in die Augen geschaut hatte, war sie fasziniert gewesen von dem dunklen Braun, das fast schwarz wirkte. Nie zuvor hatte sie einen Mann getroffen, dessen Augen so magisch und geheimnisvoll wirkten.

Rick Dalmont hatte kein Hehl aus seinem Interesse an Shanna gemacht, seit sie sich vor zwei Wochen zum ersten Mal begegnet waren. Der jungen aufstrebenden Schauspielerin, die bis dahin an seiner Seite zu sehen gewesen war, hatte er noch am gleichen Abend den Laufpass gegeben.

Unzählige Frauen würden sich von dem unverhohlenen Interesse des begehrten Junggesellen geschmeichelt fühlen. Shanna allerdings wünschte sich, er hätte sich ein anderes Ziel für seine Aufmerksamkeit gesucht, denn er war überhaupt nicht ihr Typ.

Ricardo Dalmont, so sein vollständiger Name, war zur Hälfte Spanier, zur Hälfte Amerikaner, ein schwarzhaariger, dunkeläugiger Wirtschaftstycoon. Ihm eilte der Ruf als Frauenheld voraus, und Gerüchten zufolge ging er bei der Beendigung einer Beziehung nicht sonderlich feinfühlig mit seinen Freundinnen um. Im Gegenteil: Eine Frau wurde ohne Vorwarnung durch die nächste ersetzt.

Außerdem stand Shanna im Moment nicht der Sinn nach einer Beziehung, auch wenn sie ehrlicherweise zugeben musste, dass Rick gut aussah. Das schwarze Haar war ein wenig zu lang, das gebräunte Gesicht markant. Die tiefdunklen Augen verrieten absolut nichts von dem, was hinter seiner Stirn vorging. Rick war groß und muskulös, er strahlte eine sexuelle Anziehungskraft aus, die sogar Shanna spüren konnte. Dennoch – er stand für so vieles, was sie nicht mochte.

Rick nutzte den Moment, in dem sie mit Janice plauderte, um Shanna von Kopf bis Fuß zu mustern. Sein Blick wanderte von ihrem schulterlangen schwarzen Haar zu den Augen, die von langen Wimpern umrahmt waren, erfasste dann ihre kleine gerade Nase, die vollen Lippen, die schlanke Figur in dem knielangen roten Kleid und die schwarzen hochhackigen Pumps, die sie noch größer machten, als sie ohnehin war.

Sie erwiderte den herausfordernden Blick, machte selbst eine genaue Bestandsaufnahme: hohe, intelligente Stirn, scharfe Züge wie von einem Künstler gemeißelt, geschmeidig-elegante Bewegungen. Mit den breiten Schultern und den schmalen Hüften verkörperte Rick Dalmont die perfekte Männlichkeit – doch er ließ Shanna völlig kalt.

Hätte sie gewusst, dass er zu dieser Party kam, wäre sie der Einladung nicht gefolgt. Genau deshalb hatte Henry es wahrscheinlich auch nicht erwähnt, er kannte die Einstellung seiner Schwester zu seinem neuen Geschäftspartner.

Diese Verbindung verwunderte und störte Shanna. Rick Dalmont war nicht der Mann, der Männerfreundschaften pflegte. Die Beziehungen zu seinen Mitmenschen waren eher sinnlicher Natur, der einzige Gegenpol waren seine vielfältigen Geschäftsinteressen.

Das Dalmont-Vermögen, angehäuft von Ricks Vater Todd Dalmont, gründete auf Öl. Als Rick vor fünfzehn Jahren das Unternehmen übernahm, hatte er das Familienvermögen in verschiedene Wirtschaftszweige investiert und vermehrt. Ein Mann wie Rick Dalmont war immer erfolgreich, ganz gleich, was er anfing – bei Frauen ebenso wie bei den profitabelsten Deals für „Dalmont Industries“.

Genau dies störte Shanna an ihm. Henry und Rick hatten absolut nichts gemeinsam. Ihr Bruder war ein Familienmensch und liebte seine Frau abgöttisch, während Rick Dalmont seine Meinung zu diesem Thema mehr als einmal kundgetan hatte: Die Ehe war etwas Wunderbares – für andere, nicht für ihn. Also blieb nur das Geschäftliche. Aber auch hier sah Shanna keine Gemeinsamkeiten. Soweit sie wusste, hatte Rick Dalmont nichts mit Zeitungen zu tun, und Henry gehörte nun mal einer der größten Zeitungsverlage in England …

„Er kommt“, flüsterte Janice.

Als er zu ihnen trat, registrierte Shanna sofort den ganz besonderen Duft seines Aftershaves.

„Shanna“, begrüßte Rick sie mit einer Stimme, die rau und gleichzeitig sanft wie Honig klang.

Als sie diese Stimme zum ersten Mal gehört hatte, war sie überrascht gewesen. Niemand, den sie kannte, hatte eine so heisere, sinnliche Stimme, verbunden mit einem leicht amerikanischen Akzent.

„Mr. Dalmont.“ Sie wusste, ihre höfliche Distanz amüsierte ihn nur.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken holen?“

„Ich bin sicher, Henry wird …“

„Rick weiß, wo die Bar ist“, mischte sich ihr Bruder wenig hilfreich ein.

Shanna blieb also keine Wahl. „Dann nehme ich Ihr Angebot an“, erwiderte sie kühl.

Sie fühlte einen festen Griff an ihrem Arm, als Rick sie in den angrenzenden Raum führte. „Sie haben Doug Gillies’ Party vorgestern verlassen, ehe ich überhaupt mit Ihnen reden konnte, Shanna“, sagte er.

Hätte es sich nicht um die Feier ihres Bruders gehandelt, wäre sie auch jetzt längst gegangen. „Das tut mir leid“, erwiderte sie kühl. Trotz ihrer Größe reichte sie ihm gerade bis zur Schulter.

Rick lächelte spöttisch, seine dunklen Augen funkelten. „Es tut Ihnen überhaupt nicht leid. Aber belassen wir es dabei. Trockener Martini für Sie, nicht wahr?“, fragte er sie auf dem Weg zur Bar.

Es wunderte Shanna nicht, dass er wusste, was sie gern trank. Dieser Mann schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, alles über sie herauszufinden. „Ja, danke.“

„Es wird mir ein Vergnügen sein.“

Sie ignorierte den doppeldeutigen Ton. Ihr war klar, dass Rick von anderen Frauen positivere Reaktionen gewohnt war. Doch es schien gerade ihre Gleichgültigkeit zu sein, die ihn reizte. Aber was blieb ihr anderes übrig? Entweder zeigte sie sich unbeeindruckt, oder sie gab ihm, was er wollte. Und da er keinen Zweifel daran ließ, dass er sie wollte … Auf jeden Fall würde er sicher bald das Interesse verlieren.

Rick Dalmont war bekannt dafür, dass er ungern Zeit mit Frauen verschwendete. Da sie nicht vorhatte, mit ihm zu schlafen, nur damit er aus ihrem Leben verschwand, würde er die Jagd bald aufgeben. Lästig war nur, dass er überall dort auftauchte, wo sie auch war.

„Hier, bitte.“ Er reichte ihr das Glas und schaffte es, gleichzeitig ihre Finger zu streicheln. „Nicht sehr originell“, gab er auf ihren kritischen Blick hin zu. „Aber es schien die einzige Möglichkeit zu sein, Sie überhaupt zu berühren. Zeigen Sie eigentlich allen Männern die kalte Schulter?“

Er wurde des Spiels also schon müde, das merkte sie. Bisher war er immer charmant gewesen, heute jedoch benahm er sich anders – wie ein Raubtier, das zum Sprung ansetzte. Vor diesem Moment hatte Shanna sich gefürchtet. Kühle Distanziertheit würde nicht mehr ausreichen, um ihn auf Abstand zu halten. Sie würde ebenso deutlich werden müssen wie er.

Sie strich ihr Haar zurück und sah ihm direkt in die Augen. „Ob ich allen Männern die kalte Schulter zeige? Ja, natürlich“, beantwortete sie seine Frage knapp.

Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht, seine Züge wurden hart. „Also liegt es nicht an mir?“ Das Lachen und die Gespräche der übrigen Gäste schienen ihn nicht zu kümmern. Auch dass die anderen diese sehr persönliche Unterhaltung vielleicht mithören konnten, ignorierte er.

„Nein, es liegt nicht an Ihnen.“ Ihre Antwort musste ihm missfallen. Rick Dalmont entledigte sich rasant der Frauen, wenn sie ihn langweilten. Aber es war aus seiner Sicht unmöglich, dass sich eine Frau nicht für ihn interessierte! So musste es wohl schon sein ganzes Leben gewesen sein.

Shanna wusste, dass er mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel im Mund geboren worden war, siebenunddreißig Jahre lang hatte ihm nie jemand etwas abgeschlagen. Vermutlich war er der Auffassung, dass Shanna Logan nicht die erste Ausnahme bilden sollte. „Was haben Sie und mein Bruder denn so Wichtiges zu besprechen?“ Angriff war bekanntlich

die beste Verteidigung! Rick verzog abfällig den Mund. „Er hat Ihnen noch nichts gesagt?“ „Nein.“ Sie zuckte gleichgültig die Schultern. „Ich bin sicher, er wird es noch tun, zu gegebener Zeit.“ Er neigte arrogant den Kopf zur Seite. „Vielleicht ist es dann zu spät.“

„Meinen Sie?“

Er lachte leise über ihren Versuch, mehr aus ihm herauszubekommen. „Könnte sein.“

„Dann sollte ich wohl besser jetzt gleich mit Henry reden.“ Sie drehte sich um und wollte gehen.

Er hielt sie am Arm zurück. „Das kann warten. Wenn Sie mich nett bitten, erzähle ich es Ihnen.“

Sie betrachtete ihn kühl. „Von Henry erhalte ich die Information mit weniger Mühe.“

Sein Atem strich warm über ihre Wange. „Wäre es denn wirklich eine solche Anstrengung für Sie?“

„Ich fürchte, ja, Mr. Dalmont“, erwiderte sie kalt. „Und ich hasse Anstrengungen.“

„Armes reiches Mädchen“, bemerkte er.

Sie blickte ihn spöttisch an. „Das sagen ausgerechnet Sie?“

„Ich habe arbeiten müssen, um meinen Platz bei Dalmont Industries zu sichern“, stieß er zornig aus. „Mein Vater hat niemandem je etwas geschenkt, ich war da keine Ausnahme. Haben Sie auch bei null angefangen?“

Diese heftige Reaktion zeigte ihr deutlich, dass sie einen wunden Punkt getroffen haben musste. Rick verlor sicher nur selten so offensichtlich die Beherrschung wie jetzt. „Nein“, erwiderte sie ruhig. „Ich bin Chefredakteurin bei einer von Henrys Zeitungen.“

„Das sagte er mir bereits.“ Er nickte knapp. „Sicher keine besonders wichtige.“

Fashion Lady mag vielleicht nur ein Frauenmagazin sein und für einen Mann wie Sie unwichtig, aber ich leite es nach bestem Wissen.“

„Und wie gut ist das?“

Die kaum kaschierte Beleidigung färbte ihre Wangen rot, ihre Augen blitzten. „Fragen Sie doch Henry!“

Zu ihrem Unmut begann er zu lachen. „Das ist ein gutes Zeichen. In den letzten fünf Minuten ist es mir dreimal gelungen, Sie aus der Reserve zu locken.“

„Dann sind wir jetzt wohl quitt.“

Noch immer zuckte ein Lächeln um seine Mundwinkel. „Aber nein. Ich muss zugeben, ich bin ein wenig launisch, seit ich Sie getroffen habe. Doch das könnten Sie ändern. Mit einem einzigen Wort.“

Sie wusste genau, was er meinte! „Das Wort habe ich in letzter Zeit nicht sehr oft benutzt“, fauchte sie.

„Seit dem Tode Ihres Mannes.“

Shanna erstarrte. „Woher wissen Sie davon?“

Rick zuckte achtlos mit den Achseln. „Das ist doch kein Geheimnis, oder?“

„Nein.“ Sie mied seinen Blick. Dieser Mann konnte bis in ihre Seele sehen, wenn er wollte. Und sie befürchtete, dass er es darauf angelegt hatte.

„Genauso wenig ist es ein Geheimnis, wie er gestorben ist.“ Er kniff leicht die Augen zusammen, spürte ihre wachsende Feindseligkeit.

„Nein.“

Es war wahrlich kein Geheimnis, wie Perry sein Leben verloren hatte. Es war auf allen Titelseiten zu lesen gewesen. Wenn ein berühmter Exrennfahrer bei einem Autounfall tödlich verunglückte, ging diese Nachricht in Windeseile um die ganze Welt.

„Dass Sie mit ihm im Wagen gesessen haben, weiß ebenfalls jeder“, fuhr Rick unbarmherzig fort.

Dieses Mal antwortete sie nicht mehr. Sie wollte diesem Mann gegenüber keine Gefühle zeigen. Jedes Zeichen von Schwäche würde er zu seinem Vorteil ausnutzen.

„Die Tatsache, dass Ihre Ehe eigentlich schon am Ende war, können Sie auch nicht leugnen. Dass Sie beide überhaupt gemeinsam in einem Wagen saßen, war ungewöhnlich.“

Erst jetzt richtete sie die Augen auf ihn und sah nichts anderes als Härte in seinem Blick. „Wenn Sie mich entschuldigen wollen, Mr. Dalmont …“

„Und wenn ich das nicht tue?“ Der Griff an ihrem Arm wurde fester.

„Doch, das werden Sie.“ Ihr eiskalter Ton veranlasste ihn, seine Hand wegzunehmen, und sie ließ ihn stehen, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen.

Ihr gegenüber erwähnte niemand Perry, alle respektierten, dass sie den Verlust ihres Ehemannes nach sechs Monaten noch nicht verkraftet hatte. Aber Rick Dalmont hatte keinen Respekt, nicht einmal für die Trauer einer Witwe. Er war sogar so unsensibel, dass er sich auf die Berichte in einigen Zeitungen bezog, in denen die Ehe zwischen ihr und Perry in den Schmutz gezogen worden war.

Nur ein völlig gefühlloser Rüpel benahm sich so. Rick Dalmont würde alles einsetzen, um zu bekommen, was er wollte, selbst ihre Trauer um Perry.

„Shanna.“ Henry legte ihr eine Hand auf den Arm. „Was hast du zu Rick gesagt? Er sieht ja aus, als würde er gleich explodieren.“

Blinzelnd, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, schaute sie ihren fünf Jahre älteren Bruder an. Die beginnenden Geheimratsecken ließen ihn reifer aussehen.

Henry wirkte besorgt. „Du hast ihn doch hoffentlich nicht verärgert?“

„Sieht es für dich etwa so aus?“ Sie ließ ihren Blick zu Rick hinübergleiten. Er flüsterte gerade einer kichernden Blondine etwas ins Ohr.

„Rick hat keinerlei Interesse an Selina“, bemerkte Henry wie nebenbei.

„So?“ Langsam gewann sie ihre Fassung zurück. Sie wünschte nur, sie hätte sich ihren Ärger nicht so deutlich anmerken lassen.

„Das weißt du doch.“ Ihr Bruder seufzte.

„Tu ich das?“

„Shanna, du bist zu alt für solche Spielchen.“ Henry wurde ungeduldig. „Der Mann will dich, und das weißt du.“

„Ich weiß auch, dass er mich nicht bekommen wird!“ Ihre Augen waren jetzt dunkelgrün.

„Shanna …“

„Ich denke, wir müssen reden, Henry.“ Argwöhnisch betrachtete sie seine schuldbewusste Miene. „Es gefällt mir nicht, dass du plötzlich so eng mit diesem Mann zusammenhängst.“

„So ist das Geschäft nun mal, Shanna.“

„Und was soll das für ein Geschäft sein? Seit wann hat Rick Dalmont Interesse an Zeitungsverlagen?“

„Hier können wir nicht darüber reden, Shanna, das ist eine Party“, wich er aus. „Du weißt, wie ungern Janice es sieht, wenn auf ihren Festen übers Geschäft gesprochen wird.“

„Morgen?“ Shanna seufzte.

„Dann ist Sonntag. Hm … komm zum Lunch. Das wird Peter und Susan gefallen.“

Sobald ihre Nichte und ihr Neffe erwähnt wurden, entspannte sich Shannas Miene. Allerdings hatte sie das Gefühl, schon wieder manipuliert worden zu sein, dieses Mal von ihrem eigenen Bruder. Henry wusste, wie gern sie die Kinder hatte, die jetzt bereits in ihren Zimmern schliefen. „Über Rick Dalmont reden wir aber vor dem Lunch.“ So leicht würde sie sich nicht ablenken lassen. „Ich komme gegen zwölf.“

Henry verzog leicht den Mund. „Sicher.“

Sie lächelte über seinen Mangel an Begeisterung. „Das hast du dir selbst zuzuschreiben, Henry.“ Sie legte ihre Hand an seine Wange. „Überleg dir also bis morgen, wie du mir eure Geschäftsbeziehung erklären willst.“

„Shanna …“

„Und ich erwarte eine ausführliche Erklärung.“

„Manchmal frage ich mich, wer von uns der Ältere ist“, murmelte er, als er zu seiner Frau hinüberging, um die ersten Gäste zu verabschieden.

„Gute Frage“, ertönte eine unverwechselbare Stimme hinter Shanna.

Sie wirbelte herum. Unwillkürlich fragte sie sich, wie viel Rick Dalmont von ihrem Gespräch mit Henry gehört hatte.

„Sie sollten Henry nicht so unter Druck setzen“, spöttelte er. „Bei mir dagegen brauchten Sie keine Daumenschrauben anzusetzen. Sie müssten mich nicht einmal überreden“, fuhr er leise fort. „Lassen Sie sich von mir nach Hause bringen, und ich erzähle Ihnen alles.“

Bei dem doppeldeutigen Ausdruck in seinen Augen versteifte sie sich instinktiv. „Mein Wagen steht vor der Tür.“

Er zuckte mit den breiten Schultern. „Dann fahren Sie mich nach Hause. Ich bin nämlich mit dem Taxi gekommen.“

„Besser nicht.“

Bei ihrer abweisenden Antwort blitzte Ärger in seinen dunklen Augen auf. „Kein Wunder, dass Ihr Mann sich anderen Frauen zugewandt hat.“

Shanna wurde bleich. „Was haben Sie gesagt?“

„Wenn ein Mann in seinem eigenen Bett erfrieren muss, dann sucht er sich eben anderswo Wärme.“

„Wollen Sie damit andeuten, Perry hätte mich betrogen?“

„Das ist doch allgemein bekannt.“ Wieder ein achtloses Schulterzucken.

„Tatsächlich?“

„Hat er etwa noch mit Ihnen geschlafen, bevor er starb?“

„Mein Privatleben und meine Ehe gehen Sie nicht das Geringste an. Ich gedenke keinesfalls, mit Ihnen über Perry zu sprechen.“

„So kühl, so unnachgiebig.“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist unnatürlich. In Ihren Augen brennt das Feuer, Shanna, das Versprechen, dass Sie einem Mann alles geben können, was er sich wünscht …“

„Ihnen ganz bestimmt nicht!“

„Doch, mir!“, widersprach er wütend. „Ich habe das Warten satt, Shanna …“

„Was ist, Mr. Dalmont?“ So unwohl sie sich auch fühlte, sie würde sich vor diesem Mann keine Blöße geben. „Hatten Sie gehofft, nur weil ich seit sechs Monaten verwitwet bin, fiele ich Ihnen wie ein reifer Pfirsich in den Schoß? Glauben Sie, ich sei so frustriert, dass ich willig in Ihr Bett stolpere?“

„Vielleicht sind Sie ja auch frigide“, mutmaßte er verächtlich.

„Ja, das ist immer die nächste Beleidigung!“, fauchte sie. „Jetzt sollte ich wohl mit Ihnen schlafen, um Ihnen das Gegenteil zu beweisen, nicht wahr? Nun, das kenne ich alles schon. Ich muss sagen, ich bin enttäuscht, Mr. Dalmont. Von Ihnen hätte ich Gewandteres erwartet.“

Sein Mund wurde hart. „Warum wehren Sie sich so gegen mich, Shanna?“, fragte er leise und voller Ungeduld. „In den letzten zwei Wochen habe ich Ihnen so oft gesagt, dass ich Sie begehre, dass ich es schon gar nicht mehr zählen kann.“

„Dann geben Sie endlich auf!“

„Ich will Sie, Shanna.“ Sein Blick hielt sie gefangen. „Und ich gebe nie auf, wenn ich etwas unbedingt haben will. Sie werden genügend Leute finden, die Ihnen das bestätigen können.“

Sie nahm diese Drohung durchaus ernst. „Hier geht es nicht ums Geschäft.“

„Ob Geschäft oder persönlich, das macht keinen Unterschied.“ Er hob die Schultern. „Zum Schluss gewinne ich immer.“

Natürlich hatte Shanna von seinen schonungslosen Geschäftspraktiken gehört, von den Leuten, die er ruiniert hatte, um das Dalmont-Vermögen zu vergrößern. Doch dass er je bei einer Frau die gleiche Unbeirrbarkeit gezeigt hätte, davon war ihr nie eine Andeutung zu Ohren gekommen. Obwohl – es hatte ihn auch noch keine Frau abgewiesen. „Dieses Mal werden Sie wohl nicht gewinnen“, sagte sie mit Überzeugung.

„Etwa weil Sie Ihren Mann geliebt haben?“

Sein Sarkasmus versetzte ihr einen Stich. „Richtig“, antwortete sie mit gesenktem Kopf.

„Und Sie lieben ihn immer noch?“

„Ja.“

„Das glaube ich Ihnen nicht. All die Partys, die Aufmerksamkeit der Männer, die Sie genießen … das nennen Sie trauern?“

„Er würde nicht wollen, dass ich zu Hause sitze und grüble.“

„Ich schon!“, stieß er hervor, die Augen jetzt schwarz wie glühende Kohlen. „Wenn Sie meine Frau wären, würde ich erwarten, dass Sie sich abschotten von der gesamten Welt, bis auch Sie sterben!“

Die Vehemenz seiner Worte raubte ihr den Atem. „Vielleicht ist es ja das, was ich tue – ich warte darauf zu sterben“, sagte sie leise.

„Auf den Partys, zu denen Sie jeden Abend gehen?“, meinte er verächtlich.

Völlig ruhig sah sie ihn an. „Vielleicht will ich nicht allein sein, wenn ich sterbe.“

Rick Dalmont wirkte plötzlich, als hätte sie ihm eine Ohrfeige versetzt. „Shanna …“

Seufzend schüttelte sie den Kopf. „Selina wartet sicher schon sehnsüchtig auf Sie. Und sie ist bestimmt … nachgiebiger als ich.“

„Ich will Selina aber nicht“, knurrte er.

„Die arme Selina.“ Äußerlich schien sie wieder völlig gefasst. „Sie ist sehr attraktiv.“

„Sie hat weder schwarze Haare noch grüne Augen.“

„Sicher gibt es Hunderte von willigen Frauen mit diesen Attributen.“

„Die Betonung liegt wohl auf ‚willig‘, nicht wahr?“, spottete er.

„Genau.“ Sie lächelte ihn zuckersüß an.

Er schüttelte den Kopf. „Ich will Sie, Shanna.“

„Das tut mir leid.“

„Das glaube ich Ihnen sogar.“ Er runzelte die Stirn über ihre Ernsthaftigkeit. „Ich verstehe Sie nicht.“

„Versuchen Sie es besser gar nicht erst“, riet sie ihm. „Binden Sie sich nicht an mich.“

„Ich will mich nicht an Sie binden, ich will mit Ihnen schlafen!“

„Und das eine schließt das andere aus?“ Es war ein echtes Lächeln, mit dem sie ihn ansah.

„Ja.“ Ihr gutmütiger Spott ärgerte ihn.

„Gute Nacht, Mr. Dalmont. Sehen wir uns wieder?“

„Darauf können Sie wetten!“

„Ich wette nie. Aber wenn ich dieses Mal eine Ausnahme machte, würde ich sicher gewinnen“, spöttelte sie. Dann wurde sie schnell ernst. „Ich habe Sie klar und deutlich gebeten, mich in Ruhe zu lassen. Tun Sie uns beiden einen Gefallen, und ersparen Sie sich eine Menge Zeit. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit endlich auf jemand anderen.“

Mit einem Finger strich er ihr über die Wange. „Ich bin noch nicht bereit aufzugeben. Wir sehen uns wieder, Shanna.“ Damit deutete er eine Verbeugung an und ging hinüber zu Henry und Janice, um sich zu verabschieden.

Es wunderte Shanna nicht, dass er die Party verließ. Sie hatte ihm klargemacht, dass es keinen Zweck hatte, ihr weiter nachzustellen. Ihr selbst war auch die Lust vergangen, noch länger zu bleiben. Der verbale Schlagabtausch mit Rick Dalmont hatte in Wunden gerührt, die nie wieder heilen würden.

„Was hast du dem Mann angetan?“, wollte Henry von ihr wissen, als sie sich zu ihm gesellte. „Rick Dalmont hat noch nie um elf Uhr eine Party verlassen.“

Shanna zuckte ungerührt die Schultern. „Einmal ist immer das erste Mal. Vielleicht ist es dir entgangen, aber Selina ist auch fort.“

„Sie ist mit Gary gefahren“, bemerkte Henry abfällig. „Sobald Rick zu dir ging, hat sie wohl beschlossen, dass Gary der glückliche Gewinner des Abends ist.“

„Du bist wieder bösartig“, neckte sie ihn.

Henry zog eine Grimasse. „Selina zieht jedes Mal mit einem anderen Mann von einer Party ab. Ich werde Janice sagen, sie soll sie nicht mehr einladen.“

„Nicht nur bösartig, sondern auch noch ein Snob!“

„Lenk nicht von Thema ab“, wehrte sich Henry. „Was hast du mit Rick gemacht, dass er schon gegangen ist?“

„Nichts.“

„Nichts?“, wiederholte Henry mit gerunzelter Stirn.

„Ja, genau das.“ Sie nickte. „Und das werde ich auch weiter so halten. Sag Janice Bescheid, dass ich morgen zum Lunch komme.“ Ihr Bruder sollte nicht glauben, sie hätte das vereinbarte Gespräch vergessen.

„Sie kocht doch sowieso immer für eine ganze Truppe“, entgegnete er vage.

Henrys seltsame Unschlüssigkeit beunruhigte Shanna. Ihr Bruder wusste immer ganz genau, was er tat. Er war ein mehr als kompetenter Nachfolger ihres Vaters als Chef des Zeitungsimperiums.

Armes reiches Mädchen, hatte Rick Dalmont sie genannt. Dabei wusste er gar nichts von ihr! Bis zu ihrer Heirat mit Perry vor vier Jahren hatte diese Beschreibung vielleicht gepasst, doch die Ehe hatte sie schnell reifen lassen. Die verwöhnte Einundzwanzigjährige gab es nicht mehr.

Shanna hatte Perry gegen den Willen ihres Vaters geheiratet. Ein Schritt, der extrem schwer gewesen war, denn ihr Vater und sie hatten sich sehr nahegestanden. Ihre Mutter war schon vor Jahren gestorben. Ihr Vater war gegen die Heirat mit einem Mann gewesen, der jeden Tag sein Leben riskierte. Doch die Ehe mit Perry war glücklich gewesen, und das hatte ihren geliebten Vater beruhigt. Dann war er vor zwei Jahren gestorben. Zumindest war ihm so der Schmerz erspart geblieben, unter dem sie litt. Der Verlust ihres Mannes …

Niemand wusste, was sie fühlte, nicht einmal jene, die ihr am nächsten standen. Und niemand ahnte ihre eigene Angst vor dem Tod …

Am nächsten Morgen frühstückte Shanna allein, wie sie es seit sechs Monaten tat. Dann brachte sie die Wohnung in Ordnung. Es dauerte nicht lange, in ihrem Singlehaushalt gab es nicht viel aufzuräumen. Da Perry und sie meist aus dem Koffer gelebt hatten, besaß sie nicht viele wohnliche Accessoires. Deshalb bot das Apartment, in das sie nach Perrys Tod gezogen war, ein eher unpersönliches Bild.

Der einzige Wandschmuck waren die Fotos von Perry, die überall hingen. Perry im Rennwagen, Perry auf dem Siegerpodest, Perry zusammen mit Shanna. Die meisten Aufnahmen jedoch zeigten Perrys Rennunfall. Eine ernste Verletzung an der Wirbelsäule hatte das Ende seiner Karriere bedeutet. Shanna wusste, wie sehr ihn das getroffen hatte. Autorennen waren sein Leben gewesen. In den sechs Monaten vor seinem Tod war er völlig überdreht gewesen.

Verflucht sei Rick Dalmont! Er hatte diese Erinnerungen wieder aufleben lassen! Vor allem weil er so schonungslos herausgestellt hatte, dass in der Ehe mit Perry nicht alles rosig gewesen war.

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