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So blau der Himmel – so süß die Liebe

Barbara Hannay

So blau der Himmel – so süß die Liebe

1. KAPITEL

Jack Lewis traute seinen Augen nicht. Die elegante Frau, die aus dem Kleinflugzeug stieg, während sich der aufgewirbelte rote Staub langsam wieder auf die Landepiste legte, war ganz in Weiß gekleidet. Dieselbe rote Schicht bedeckte auch seinen Geländewagen, seine Reitstiefel und alles um ihn her. Dennoch hatte sich die Senatorin Elizabeth Green entschlossen, auf der Rinderfarm „Savannah“ im australischen Outback von Kopf bis Fuß in diesem makellosen Outfit zu erscheinen.

Ihre eleganten Sandaletten, die perfekt gebügelte Sommerhose, die Leinenbluse und sogar der Hut mit der breiten Krempe waren weiß. Die einzigen Farbtupfer bildeten die große Sonnenbrille und die Schultertasche aus feinem hellgrünem Leder, in der sich ihr Laptop befand, wie unschwer zu erraten war.

Glaubte sie etwa, sie hätte einen Urlaub an der französischen Riviera gebucht?

Jack fluchte vor sich hin, aber so leise, dass ihn nur sein Hütehund Cobber hören konnte, der ihm nicht von der Seite wich. „Wir sollten die Dame begrüßen“, sagte er dann, ehe er sein Unbehagen abzuschütteln versuchte und betont unbekümmert auf die Frau zuging.

Er ärgerte sich über seine Chefin, eine achtzigjährige Witwe, der er diese Besucherin zu verdanken hatte. Kate Burton stellte seine Geduld immer wieder auf eine harte Probe, indem sie ihre Geschäfte von ihrem luxuriösen Seniorenwohnheim in Melbourne aus nur telefonisch abwickelte.

„Ich bin Lizzie einen Gefallen schuldig“, hatte sie fröhlich verkündet. „Sie wird Ihnen nicht zur Last fallen, Jack. Sie will nur zur Ruhe kommen, die Landluft genießen und eine Zeit lang von der Bildfläche verschwinden. Dafür haben Sie doch Verständnis, nicht wahr?“

Da Kate es gewöhnt war, ihren Willen durchzusetzen, hatte Jack darauf verzichtet, zu protestieren und zu erklären, dass er es nicht habe. Immerhin war er nicht der Manager eines Hotels, sondern einer Rinderfarm, auf der gerade das Zusammentreiben oder Mustern der Rinder, wie es auch genannt wurde, begonnen hatte. Er konnte es sich eigentlich nicht erlauben, seine Leute zu lange allein zu lassen.

Kate hatte ihm nicht verraten, warum diese prominente Senatorin, die der Liebling der Medien von Canberra war, sich plötzlich im Outback von Northern Queensland verstecken wollte.

Jedenfalls hatte Jack keine andere Wahl gehabt, seine Leute mussten ohne ihn mit dem Mustern anfangen. Heute Morgen hatte er pflichtbewusst die Pferde auf der Weide zusammengetrieben und die Termitenhügel beseitigt, die sich auf der Landepiste gebildet hatten, seit dort zum letzten Mal ein Kleinflugzeug gelandet war.

Während er auf die Besucherin zuging, straffte sie die Schultern und hob das energisch wirkende Kinn. Der breitrandige Hut und die dunkle Sonnenbrille verbargen einen Teil ihres Gesichts. Trotzdem merkte Jack, wie überrascht sie war, als hätte sie etwas anderes erwartet.

Ihm erging es ganz ähnlich. Er hatte sich die attraktive Senatorin, eine gebürtige Italienerin, irgendwie anders vorgestellt, obwohl er sie aus den Medien kannte. Für eine Politikerin wirkte sie viel zu sinnlich und verführerisch, und es war sicher nicht übertrieben, sie mit Sophia Loren zu vergleichen.

Ihre verführerischen Rundungen waren unter ihrem weißen Leinenoutfit deutlich zu erkennen. Das dunkle Haar hatte sie offenbar hochgesteckt, denn es war fast völlig unter dem Hut verborgen. Doch einige seidenweiche Strähnen hatten sich gelöst und kräuselten sich im Nacken. Ihre vollen, sinnlichen Lippen luden geradezu zum Küssen ein.

„Mr. Lewis?“

Jack brauchte einige Sekunden, um sich zusammenzunehmen und höflich zu erwidern: „Guten Morgen, Senator. Herzlich willkommen auf Savannah.“

Er überlegte, ob er ihr die Hand reichen sollte. Da ihre Augen hinter den dunklen Brillengläsern nicht zu erkennen waren, war es schwierig, zu erraten, was in ihr vorging. Er spürte jedoch, dass sie ihn immer noch musterte, als versuchte sie, sich eine Meinung über ihn zu bilden.

Als sie ihm schließlich die feingliedrige Hand gab, überraschte ihn ihr fester Griff.

„Meine Sachen befinden sich im Flugzeug“, erklärte sie kurz angebunden.

Sie ist jeder Zoll eine selbstbewusste Persönlichkeit, dachte er. „Ich kümmere mich um das Gepäck, Jim“, wandte er sich an den Piloten.

Im Frachtraum entdeckte er zwei große grüne Lederkoffer des Modeschöpfers Louis Vuitton und eine dazu passende Reisetasche, die offenbar mit Büchern vollgestopft war. Jedenfalls wog sie eine Tonne, wie ihm schien, als er sie sich über die Schulter hängte.

„Sie haben sich wohl vorgenommen, viel zu lesen, oder?“, fragte er lächelnd.

Sie zuckte jedoch nur die Schultern, als wollte sie sagen, dass es hier sowieso nichts anderes für sie zu tun gebe.

Resigniert winkte er dem Piloten zu und hob die Koffer hoch, die so schwer waren, als hätte sie genug für sechs Monate oder mehr mitgebracht. Kate Burton hatte sich allerdings auch nicht festgelegt bezüglich ihres Aufenthalts.

„Ich schlage vor, wir steigen ein, bevor Jim uns beim Starten in eine Staubwolke hüllt.“ Mit einer Kopfbewegung wies Jack auf den Geländewagen.

Wieder reagierte sie nicht auf Jacks Versuch, die Atmosphäre durch einen Scherz aufzulockern. Stattdessen betrachtete sie den verdreckten Landrover mit ernster Miene, ehe sie den Blick über die rote Ebene, die nur spärlich mit graugrünen Grasbüscheln bedeckt war, und die unendliche Weite des wolkenlosen blauen Himmels gleiten ließ. Nur der Schrei einer einsamen Krähe durchbrach in dem Moment die Stille.

Während Jack die Besucherin einer näheren Prüfung unterzog, fiel ihm auf, dass sie tief durchatmete, als machte sie sich auf eine harte Geduldsprobe gefasst. Ihre Probleme und der Grund ihres Herkommens interessierten ihn nicht. Dennoch verspürte er zu seiner Bestürzung einen Hauch von Sympathie.

Nachdem sie die etwa sechzig Meter zu seinem Geländewagen zurückgelegt hatten, waren die eleganten Sandaletten und der Saum der Hose der Senatorin über und über voll Staub.

Sie presste die Lippen zusammen, als Jack ihr kostbares Gepäck neben die Rollen Maschendrahtzaun auf die Ladefläche des zerbeulten Autos beförderte.

„Hoffentlich haben Sie keine luxuriöse Unterkunft erwartet.“ Er öffnete die Beifahrertür und bemerkte die Hundehaare auf dem Sitz. Obwohl er sie am liebsten ignoriert hätte, reinigte er den Platz mit der Krempe seines Akubra, dem für das australische Outback typischen Hut.

„Vielen Dank“, sagte sie so von oben herab, als wäre sie eine Prinzessin und er ihr Diener. Sogleich bereute er, dass er sich die Mühe gemacht hatte.

„Wie weit ist es bis zum Farmhaus?“, fragte sie.

„Ungefähr zwei Kilometer.“

Sie nickte schweigend.

„Du musst nach hinten, Cobber“, forderte er den Hund auf, der sich gehorsam zwischen die Lederkoffer setzte. „Schnallen Sie sich bitte an“, forderte er dann seinen Gast auf und setzte sich ans Steuer. „Es wird eine ziemlich holprige Fahrt.“

Mit grimmiger Miene saß Lizzie da, während der Wagen über die ausgefahrene Spur schlitterte. Sie war froh, dass Jack keine Unterhaltung anfing. Er schien völlig mit sich und der Welt zufrieden zu sein, während sie sich krampfhaft an einem Griff festhielt, um ihre Nerven zu beruhigen.

Sie bemühte sich, die Kontrolle über sich zurückzugewinnen und die beunruhigenden Gefühle zu verdrängen, die Jack Lewis in ihr weckte. Was für eine absurde Situation! Seit mindestens zehn Jahren hatte sie nicht mehr so auf einen Mann reagiert, den sie gerade erst kennengelernt hatte. Sie hatte geglaubt, sie sei über solche Regungen hinweg.

Dieses Kribbeln im Bauch und ihr Herzklopfen waren geradezu peinlich. Immerhin war sie kein Teenager mehr, sondern eine vierzigjährige Frau mit einer erfolgreichen Karriere. Wahrscheinlich lag es an dem Überraschungseffekt, dass sie so reagierte, denn sie hatte nicht damit gerechnet, dass Jack Lewis so jung war.

Nach dem Gespräch mit Kate Burton hatte sie sich den Manager von Savannah als einen reifen, freundlichen grauhaarigen Mann vorgestellt, der fest im Outback verwurzelt, absolut zuverlässig und vielleicht wortkarg und etwas menschenscheu war.

Sie hatte sich gewaltig getäuscht.

Jack war jünger als sie und sehr attraktiv. Mit seiner großen Gestalt, dem muskulösen Körper, den von der Sonne gebleichten Strähnen in dem dunkelblonden Haar, den strahlenden grünen Augen und dem gewinnenden Lächeln war er ein Mann, der einer Frau gefährlich werden konnte.

Dass Dumme war nur, Lizzie kannte jede Menge gut aussehender Typen, ohne dass sie jemals in deren Gegenwart weiche Knie bekommen hätte. Doch von diesem Menschen ging eine seltsame Faszination aus.

Mit geschmeidigen Bewegungen und federnden Schritten war er auf sie zugekommen und hatte ihr Gepäck so leicht und mühelos aus dem Flieger gehoben und in seinen Wagen befördert, als wäre es die leichteste Sache der Welt. Genauso entspannt und locker, wie er sich bewegte, lenkte er den Wagen mit einer Hand über die holprige Piste, während die andere auf dem Schalthebel ruhte.

Keine Frage, er strahlte Sex-Appeal aus.

Meine Güte, ich muss mich wirklich zusammennehmen, mahnte sie sich schließlich. Jack Lewis war sowieso nicht ihr Fall. Sie gehörte der Regierung als Senatorin an, war eine ernsthafte, gewissenhafte und pflichtbewusste Karrierefrau und lebte in einer ganz anderen Welt als er. Sein unbekümmertes Lächeln und sein selbstbewusstes und ungezwungenes Auftreten signalisierten, dass er eine völlig andere Einstellung zum Leben hatte als sie.

Ihr war allerdings klar, dass sie ihn nicht nach dem ersten Anschein beurteilen durfte. Schon frühzeitig hatte sie gelernt, wie wichtig es war, hinter die Fassade zu blicken, wenn man jemanden wirklich kennenlernen wollte, denn oft genug waren die Dinge nicht so, wie sie zu sein schienen.

Außerdem neigte sie dazu, sich in die falschen Männer zu verlieben. Zweimal in ihrem Leben hatte sie einen Typ auf Anhieb attraktiv gefunden und sich dabei gehörig die Finger verbrannt. Noch einmal würde ihr das nicht passieren. Aus guten Gründen hatte sie sich entschieden, sich im Privatleben vom anderen Geschlecht fernzuhalten. Die Vertreter dieser Spezies waren es einfach nicht wert, dass sie auch nur einen einzigen Gedanken an sie verschwendete.

Nachdem sie sich entschlossen hatte, sich auf keine Beziehung und keinen Flirt mehr einzulassen, war sie erleichtert gewesen und konnte kaum noch glauben, dass sie so viele Jahre mit der Suche nach dem richtigen Partner verbracht hatte. Genau wie ihre Mutter genoss sie ihre Freiheit und Unabhängigkeit.

Während der Geländewagen über die Piste rumpelte, legte sie wie schützend die Hand auf ihren leicht gerundeten Bauch. Das Baby, das in ihr heranwuchs, gehörte ihr ganz allein, und sie freute sich darauf.

„Ist alles in Ordnung?“ Jack warf einen besorgten Blick auf ihre Finger.

„Natürlich, danke“, erwiderte sie kurz angebunden. Vor lauter Anspannung kam sie sich seltsam verletzlich vor. Rasch schob sie eine Strähne ihres dunklen Haars unter den Hut.

Dass jemand auf ihren Bauch aufmerksam wurde, war das Letzte, was sie wollte. Kate Burton hatte ihr hoch und heilig versprochen, Jack gegenüber ihre Schwangerschaft nicht zu erwähnen. Lizzie wollte es ihm erst verraten, wenn sie ihn besser kannte.

Aber weshalb sollte sie überhaupt mit ihm darüber reden? Auf Savannah gab es sicher jemanden, dem sie sich anvertrauen konnte, vielleicht eine nette Haushälterin, die gern bei einer Tasse Tee ein Plauderstündchen einlegte. Sie bereute, dass sie Kate nicht nach dem Personal gefragt hatte.

Als sie auf die endlos weite rote Ebene vor sich blickte, sank ihr Mut. Sie beabsichtigte, mindestens einen Monat hier im Outback zu verbringen. Sie brauchte Ruhe und wollte vorerst nicht von Reportern und Journalisten belästigt werden.

Wenn sie Wind davon bekommen, dass ich mich hier bei Jack Lewis verstecke, bekäme ich ein großes Problem, überlegte sie.

Doch in der Abgeschiedenheit des Outback war sie in Sicherheit, und irgendwie würde sie mit der Einsamkeit zurechtkommen. Ihre Arbeit wollte sie weiterhin erledigen und per E-Mail und Handy mit ihrem Büro in Brisbane und auch mit den Parlamentskollegen in Canberra in Verbindung bleiben. Sie hatte sich extra ein neues Handy zugelegt, dessen Nummer sie nur einigen wenigen Leuten gegeben hatte, denen sie vertrauen konnte.

Außerdem würde sie sich in die Bücher vertiefen, die sie mitgebracht hatte, denn sie las gern und hatte normalerweise viel zu wenig Zeit dazu. Sie hatte sich auch vorgenommen, viel zu wandern. Doch dieses endlose, ausgetrocknete Land lud nicht gerade dazu ein.

„Wir sind da“, verkündete Jack in diesem Moment und fuhr auf das riesige Gatter zu.

Lizzie betrachtete das niedrige, lang gestreckte, weiß gestrichene Holzhaus mit dem dunkelgrünen Wellblechdach und den vielen kleineren Nebengebäuden darum herum.

Als sie Jacks erwartungsvollem Blick begegnete, wurde ihr bewusst, dass sie etwas sagen sollte. Aber was?

„Das … sieht ja ganz nett aus“, stellte sie fest.

In seinen Augen blitzte es ungeduldig auf.

„Könnten Sie sich um das Gatter kümmern?“, fragte er betont höflich.

„Oh … natürlich.“ Lizzie lachte nervös auf, um ihren Schock zu überspielen. In Canberra öffnete sie alle Türen und Tore mittels einer Chipkarte, oder ihre Mitarbeiter gingen vor ihr her und hielten sie ihr auf. „Soll ich es aufmachen?“

Er lächelte spöttisch. „Das ist Tradition im Outback, der Fahrer bleibt sitzen, während der Beifahrer ihm die Zufahrt ermöglicht. Also, wenn es Ihnen nichts ausmacht …“

Die ganze Aktion erwies sich als recht problematisch. Zuerst kämpfte sie mit dem Türgriff, dann musste sie aus dem Wagen in den einige Zentimeter tiefen roten Staub steigen, der ihre Sandaletten völlig bedeckte und sich zwischen ihren nackten Zehen festsetzte. Und schließlich verbrachte sie eine halbe Ewigkeit an dem Pfosten und versuchte herauszufinden, wie sich die komplizierte Schließvorrichtung bedienen ließ. Ihr Stolz verbot es ihr zuzugeben, dass sie keine Ahnung hatte, wie die Sache funktionierte.

Als Jacks tiefes Lachen ertönte, wirbelte sie herum. Er war ausgestiegen und stand jetzt hinter ihr. „Am besten zeige ich Ihnen, wie es geht.“

„Ja, das ist wirklich das Beste“, fuhr sie ihn an. „So ein lächerlicher Mechanismus ist mir noch nie begegnet. Warum benutzen Sie keinen normalen Riegel?“

„Das wäre zu einfach. Dann könnten sogar die Rinder herausfinden, wie sie sich Zugang verschaffen könnten.“

Sie stieß einen verächtlichen Laut aus und beobachtete mit zusammengepressten Lippen, wie er innerhalb weniger Sekunden das Gatter zum Aufschwingen brachte.

Er blinzelte ihr zu. „Haben Sie das System begriffen?“

„Natürlich“, erwiderte sie steif. Er sollte nicht wissen, dass sie sich keineswegs so sicher war, wie sie tat.

„Gut. Sie können es hinter mir wieder zumachen.“

„Warten Sie!“, forderte sie ihn auf, als er zurück zu seinem Wagen gehen wollte.

Betont langsam drehte er sich um und lächelte rätselhaft.

Ist er einfach nur freundlich, oder lacht er mich aus?, überlegte sie. Sie straffte die Schultern und hob das Kinn. „Sie haben mir nicht gezeigt, wie man es schließt.“

Dummerweise stand er viel zu dicht neben ihr, als er es ihr demonstrierte, sodass sie durch das Spiel der Muskeln seiner gebräunten Arme und die geschickten Bewegungen seiner Finger abgelenkt wurde.

„So, jetzt versuchen Sie es selbst“, forderte er sie auf, nachdem er es ihr zweimal vorgemacht hatte.

Als sich ihre Hände versehentlich berührten, überlief es Lizzie heiß, aber immerhin wusste sie jetzt, wie die Sache funktionierte. Eigentlich war es ganz leicht, wenn man es einmal durchschaut hatte.

Schließlich fuhren sie weiter bis vor die Haustür, wo Jack ihre Koffer genauso leicht und mühelos von der Ladefläche hob, wie er sie hinaufbefördert hatte. Um nicht wieder Herzklopfen zu bekommen und aus dem seelischen Gleichgewicht zu geraten, wandte sie sich ab und folgte ihm, als er kurz darauf die Treppe hinaufging.

Auf dem oberen Absatz blieb er stehen und drehte sich zu Lizzie um. „Sie möchten sicher gern zuerst Ihr Zimmer sehen.“

„Ja, das wäre schön.“

„Es geht hinaus auf die Veranda.“

Sein lohfarbener Hütehund suchte sich sogleich einen sonnigen Platz auf dem überdachten Vorbau und rollte sich zusammen, während Lizzie hinter Jack herging und ihn ungeniert musterte. Unter seinen breiten Schultern spannte sich das blaue Baumwollhemd, und seine verwaschenen, tief sitzenden Jeans wirkten beunruhigend sexy.

Meine Güte, ich muss mich zusammennehmen, mahnte sie sich.

Jack öffnete eine Tür und führte Lizzie in einen großen, lichtdurchfluteten Raum. Nachdem er ihre Koffer auf den beigefarbenen Teppich neben das breite Messingbett gestellt hatte, beobachtete er sie, während sie die hellpinkfarbenen Wände und die feinen Baumwollvorhänge begutachtete.

„Das ist Kates Zimmer. Hier übernachtet sie, wenn sie sich auf Savannah aufhält“, erklärte er.

Lizzie nickte. „Es passt zu ihr. Es wirkt sehr behaglich, beruhigend und sachlich.“

Sie betrachtete das Aquarell über dem Bett, das einen Vogelschwarm zeigte, der sich in den violett bis rot glühenden Abendhimmel erhob.

„Kate meinte, es würde Ihnen gefallen.“

„Wie nett von ihr, dass ich es benutzen darf! Ich finde den Raum ausgesprochen hübsch.“

Die erste Hürde wäre genommen, sagte Jack sich.

Doch dann runzelte Lizzie die Stirn. „Gibt es ein angrenzendes Bad?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, das befindet sich am anderen Ende des Flurs“, antwortete er.

Schwingt da so etwas wie Schadenfreude in seiner Stimme?, überlegte sie. „Ah ja. Wahrscheinlich haben Sie hier auch keine Klimaanlage, oder?“

„Die Ventilatoren unter der Decke sorgen für angenehme Temperaturen. Wir befinden uns ja nicht mitten im Sommer. Sie werden schon zurechtkommen. Kate hat erklärt, Sie bräuchten einen Schreibtisch, deshalb habe ich Ihnen einen hereinstellen lassen.“ Er wies auf das schwere Möbelstück aus Eiche am Fenster mit Blick auf die Weiden.

„Vielen Dank.“ Sie sah sich noch einmal hoheitsvoll um, ehe sie den Laptop aus der Schultertasche nahm und ihn auf den Schreibtisch stellte. Dann streichelte sie ihn so liebevoll, als wäre er ihr bester Freund – oder ihr Rettungsanker.

Nachdem sie die Sonnenbrille abgesetzt und neben den Computer gelegt hatte, nahm sie auch den weißen Hut ab.

Eigentlich war es eine harmlose Geste, doch Jack reagierte darauf, als führte sie einen Striptease vor. Sie hatte versehentlich einige Klammern gelöst, sodass ihr das volle, glänzende dunkle Haar über die Schultern fiel.

Der Anblick verschlug ihm glücklicherweise die Sprache, denn sonst hätte er vielleicht noch irgendeine unpassende Bemerkung gemacht.

Sie war wirklich atemberaubend schön. In ihren großen haselnussbraunen Augen schimmerten grüne und goldene Sprenkel, und ihr feines Gesicht wurde von wunderschönem dunklem Haar umrahmt.

Während er sie wie ein verliebter Teenager anschaute, runzelte sie auf einmal die Stirn und schien nervös zu werden.

Irgendwie schaffte er es, sich zusammenzunehmen und sich auf das Geschäftliche zu konzentrieren. „Soweit ich informiert bin, haben Sie einen eigenen Internetanschluss dabei?“

„Ja.“ Sie atmete tief durch und lüftete den Kragen ihrer Bluse, wie um ihre erhitzte Haut zu kühlen. „Ich besitze eine Wireless Broadband Mobile Card. Das ist sehr praktisch, wenn man oft unterwegs ist.“ Sie atmete noch einmal tief durch, ehe sie ihr langes Haar wieder hochsteckte.

Jack schob die Hände in die Taschen seiner Jeans und vermied es, Lizzie anzusehen. „Wollen Sie zuerst Ihre Koffer auspacken, oder möchten Sie sich lieber erst den Rest des Hauses ansehen?“

Sie zögerte. Warum bin ich so verwirrt, dass mir so eine einfache Entscheidung schwerfällt?, überlegte sie ärgerlich. Angesichts der vielen Arbeit, die auf sie wartete, würde sie am besten sogleich ihr Gepäck in den Schränken verstauen und sich dann an den Laptop setzen.

„Vielleicht möchten Sie einen Kaffee oder Tee trinken“, schlug Jack beinah widerstrebend vor.

Lizzie ging davon aus, dass die Haushälterin um diese Zeit in der Küche zu finden war. Das würde sie von diesem beunruhigend attraktiven Mann ablenken, der so gar nicht zu ihr passte.

„Ja, eine Tasse Tee wäre schön“, erwiderte sie deshalb.

Und dann folgte sie Jack über den schmalen Flur und durch ein riesiges Wohnzimmer, das mit bequemen Polstersesseln, einem breiten Sofa und niedrigen Tischen möbliert war. Zwei breite Türen führten hinaus auf die Veranda. Alles wirkte ziemlich ungezwungen und etwas unordentlich. Jedenfalls war das ihr erster flüchtiger Eindruck.

An dem einen Ende der Couch entdeckte sie ein Durcheinander von Kissen. Offenbar hatte jemand dort gelegen und ferngesehen. Auf dem Boden waren einige Sportmagazine verstreut, und auf dem niedrigen Tisch davor standen mehrere benutzte Kaffeetassen und eine leere Bierflasche. Die Haushälterin schien das alles offenbar genauso locker und entspannt zu sehen wie Jack.

Wehmütig dachte Lizzie an ihr minimalistisch eingerichtetes Apartment und ihre supertüchtige Reinmachefrau und seufzte. Und dann betraten sie die Küche.

„Setzen Sie sich“, forderte Jack sie auf und wies mit einer Kopfbewegung auf die bunt zusammengewürfelten Stühle und den riesigen, blank gescheuerten Holztisch, auf dem Zeitungen, Magazine, Briefe, ein Hammer, Nägel und ein Lederriemen herumlagen.

Zu ihrer Überraschung füllte er einen Kessel mit Wasser und stellte ihn auf den Herd.

„Hat die Haushälterin heute ihren freien Tag, Jack?“, fragte sie, während sie Platz nahm.

„Wie bitte?“ Er kniff die Augen zusammen und sah sich verwundert in der altmodischen Küche um. „Wie kommen Sie denn darauf?“

Mit wachsender Bestürzung beobachtete Lizzie, wie er eine Teedose aus dem Regal über dem Herd nahm, als machte er das immer. „Sie haben doch eine Hilfe, oder?“

Er schüttelte den Kopf. „Wir brauchen keine, denn außer mir wohnt niemand im Haupthaus“, erwiderte er mit einem angedeuteten Lächeln. „Kate hat nur erwähnt, dass Sie sich eine Zeit lang zurückziehen wollen, von irgendwelchem Luxus, den wir Ihnen bieten sollen, war nicht die Rede.“

„Den erwarte ich auch nicht.“

Jack zog die Augenbrauen hoch, stellte jedoch ruhig fest: „Dann ist ja alles in Ordnung.“

Schließlich spülte er die Kanne mit etwas kochendem Wasser aus, gab Teeblätter hinein und goss dann das Ganze auf. Lizzie betrachtete seine langen, schlanken Finger und die goldenen Härchen auf seinen Handrücken.

Der Mann war viel zu attraktiv. Doch solche Gedanken führten zu nichts. Sie hatte mit dem anderen Geschlecht nichts mehr im Sinn. Zwei gescheiterte Beziehungen reichten ihr. Außerdem war Jack viel jünger als sie, und sie hatte sich hierher zurückgezogen, um zur Ruhe zu kommen und die besten Voraussetzungen für eine komplikationslose Schwangerschaft zu schaffen.

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