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So berauschend wie die Liebe

1. KAPITEL

Lorenzo Zanelli, Eigentümer der jahrhundertealten Zanelli Merchant Bank, trat mit nachdenklicher Miene aus dem Aufzug seiner Bürosuite im obersten Stock des prächtigen Altbaus im Herzen Veronas.

Obwohl sein Geschäftsessen an diesem Mittag mit Manuel Cervantes, dem Kopf eines argentinischen Konzerns, positiv verlaufen war, befand sich Lorenzo nicht in guter Stimmung. Denn als das Formale zwischen ihnen erledigt war, kam Manuel auf ein persönliches Thema zu sprechen: die Notwendigkeit, dass er seine Karriere als leidenschaftlicher Bergsteiger und Fotograf hatte aufgeben müssen, um nach dem unerwarteten Tod seines Vaters vor fünf Jahren die Leitung des Konzerns zu übernehmen. Inzwischen war er verheiratet, hatte zwei Kinder und endlich Zeit gefunden, die Fotos von seinem letzten Trip in die Alpen zu sichten. Er zeigte Lorenzo einige der Aufnahmen.

Die Bilder waren im Basiscamp der Expedition zum Mont Blanc aufgenommen worden, an der Manuel teilgenommen hatte, und zeigten rein zufällig auch einige Schnappschüsse von Lorenzos Bruder Antonio und dessen bestem Freund Damien Steadman, beide in leuchtend roten Jacken und breit grinsend, wie sie gerade im Camp eintrafen, als Manuels Team zum Aufstieg aufbrach. Am nächsten Tag hatte Manuel im letzten Abschnitt des Aufstiegs zum Gipfel die Nachricht vom Herzinfarkt seines Vaters erreicht. Er war mit dem Hubschrauber vom Berg geholt worden, und das letzte Foto zeigte noch den Ausblick auf den Mont Blanc aus der Kabine des Helikopters, der ihn zum Basiscamp zurückbrachte. Manuel hatte die nächste Maschine nach Argentinien genommen und erst viel später von Antonios tragischem Tod am Berg erfahren. Deshalb hatte er jetzt Lorenzo die vermutlich letzten Aufnahmen von seinem jüngeren Bruder mitgebracht, und Lorenzo war ihm sehr dankbar dafür. Aber es weckte Erinnerungen, die er in den vergangenen Jahren zu vergessen versucht hatte.

Auf dem Rückweg zu seinem Büro war ihm dann noch Olivia Paglia, eine alte Freundin, über den Weg gelaufen, was ihn weiter aufgehalten hatte. Und seine Laune hob sich nicht gerade, als er nun im Empfangsbereich eine blonde Frau sah, die offensichtlich auf ihn wartete. Miss Steadman – er hatte den Termin fast vergessen, und es war kein günstiger Zeitpunkt, sich mit ihr zu befassen.

„Lucy Steadman?“ Er warf ihr einen flüchtigen Blick zu. Vor Jahren war er ihr schon einmal in London begegnet, als er auf einer Geschäftsreise kurz in der Wohngemeinschaft seines kleinen Bruders vorbeigeschaut hatte. Damals war sie ein nichtssagendes Schulmädchen mit langen blonden Zöpfen in einem übergroßen Sweatshirt gewesen, das seinen Bruder offenbar besucht hatte und gerade aufbrach, als Lorenzo eintraf. Antonio und ihr Bruder Damien hatten sich an der Londoner Universität kennengelernt und waren schnell beste Freunde geworden. Eine Freundschaft, die tragisch endete – und an die Lorenzo an diesem Tag nicht zum zweiten Mal erinnert werden wollte.

„Entschuldigen Sie die Verspätung. Es ist etwas Wichtiges dazwischengekommen …“

Sie erhob sich, und Lorenzo stellte fest, dass sie sich kaum verändert hatte: so klein, dass sie ihm gerade mal bis zur Schulter reichte, das blonde Haar streng zusammengebunden, keine Spur von Make-up in dem zarten Gesicht. Das weite Sweatshirt war einem ebenfalls zu großen schwarzen Kostüm gewichen, dessen langer Rock ihrer Figur nicht gerade schmeichelte. Zierliche Fesseln und kleine Füße, wie Lorenzo bemerkte, aber die flachen schwarzen Pumps hatten auch schon bessere Zeiten gesehen. Offensichtlich nahm sie ihr Aussehen nicht so wichtig – eine Eigenheit, die er bei Frauen wenig anziehend fand.

Lucy Steadman blickte den Mann an, der vor ihr stehen geblieben war. Antonio hatte ihr einmal erzählt, dass sein Bruder viel älter sei als er – ein seriöser langweiliger Bankier, der nicht wisse, wie man das Leben genießt. Als sie Lorenzo Zanelli jetzt gegenüberstand, begriff sie, was Antonio gemeint hatte.

Schätzungsweise einen Meter neunzig groß, trug er einen konservativen dunklen Anzug, kombiniert mit einem weißen Hemd und einer dunklen Seidenkrawatte. Lucys Blick glitt unwillkürlich über seine breitschultrige athletische Figur, die das maßgeschneiderte Sakko eindrucksvoll betonte, zu seinen schmalen Hüften, doch dann riss sie sich zusammen und schaute ihm rasch wieder ins Gesicht, das genauso ernst und humorlos wirkte, wie sein jüngerer Bruder ihn damals beschrieben hatte. Doch Antonio hatte ein Merkmal vergessen, das sogar Lucy trotz ihrer begrenzten Erfahrung mit Männern auffiel.

Lorenzo Zanelli war ein wahrhaft atemberaubender Mann mit einer unterschwelligen erotischen Ausstrahlung, die keine Frau ignorieren konnte. In Anbetracht seiner konservativen Kleidung trug er das dichte pechschwarze Haar eher lang, was seinem Aussehen eine verwegene Note verlieh. Samtbraune unergründliche Augen unter schwarzen Brauen dominierten das markante Gesicht mit der geraden römischen Nase und überraschend vollen Lippen, die er jedoch mühsam beherrscht zusammenpresste.

„Sie müssen Lorenzo Zanelli sein.“ Ein wenig verspätet streckte Lucy ihm die Rechte hin.

„Korrekt, Miss Steadman“, erwiderte er und nahm ihre Hand.

Obwohl es nur ein kurzer kräftiger Händedruck war, durchzuckte es Lucy als hätte sie einen Stromschlag bekommen. Stumm schaute sie den Bankier an, von dem unbestimmten Gefühl beschlichen, ihn zu kennen – obwohl sie sich nicht erinnern konnte, ihm schon einmal begegnet zu sein. Und er hatte keinerlei Ähnlichkeit mit seinem Bruder. Sein Gesicht war nicht schön im klassischen Sinn, aber faszinierend. Es verriet unbestreitbare Charakterstärke und – um den Mund – einen sinnlichen Zug, der Lucy auf Anhieb ansprach. Unwillkürlich verweilte ihr Blick auf seinen Lippen, und sie ertappte sich dabei, sich auszumalen, wie es wohl wäre, von ihm geküsst zu werden. Ein heißer Schauer durchflutete sie – und brachte sie unsanft in die Wirklichkeit zurück. Erschrocken blickte sie auf und verbot sich energisch derartige Gedanken in Bezug auf einen Mann, den sie aus vielen Gründen nicht leiden können sollte.

Lucy entschuldigte ihren ungewöhnlichen Fehltritt insgeheim damit, dass Lorenzo Zanelli tatsächlich ein Mann war, der die Aufmerksamkeit auf sich zog. Ja, wirklich, es juckte sie buchstäblich in den Fingern, ein Porträt von seinem Charakterkopf zu malen.

„Ich weiß, warum Sie hier sind, Miss Steadman.“

Seine tiefe Stimme mit dem leichten Akzent riss sie aus ihren Gedanken. Errötend bemerkte sie das geringschätzige Aufleuchten in seinen braunen Augen. „Ach ja?“ Natürlich kannte er den Grund. Schließlich hatte sie ihm ja geschrieben.

Ursprünglich hatte sie diese Reise nach Italien geplant, um das Porträt eines kürzlich verstorbenen italienischen Conte, das sie für dessen Witwe gemalt hatte, persönlich auszuliefern. Die Contessa hatte das Bild in Auftrag gegeben, als sie bei einem Besuch in England mit ihrer Freundin Lucys Kunst- und Handwerksgalerie besucht hatte. Die Witwe hatte Lucy Dutzende von Fotos von ihrem verstorbenen Mann zukommen lassen, und Lucy hatte sich mit Feuereifer ans Werk gemacht.

Nicht, dass sie Ruhm anstrebte – so vermessen war sie nicht. Aber es war doch ein gutes Gefühl, dass auch andere Menschen sie wegen ihres Talents schätzten. Sie besaß die natürliche Gabe, das Ebenbild und den Charakter jeglichen Motivs mit Pinsel und Farbe auf die Leinwand zu bannen, ob es sich dabei um ein Kuscheltier – ihr erster Auftrag überhaupt – oder um eine Person handelte. Ihre Ölgemälde, Porträts oder ganzfigurigen Darstellungen, auf großformatiger Leinwand oder als Miniatur, waren wirklich gut.

Sie hatte ihren Besuch in Verona bereits mit der Contessa abgesprochen, als es ihr endlich gelang, einen Termin bei Signor Zanelli zu bekommen. Nach einem erfolglosen Anruf hatte sie zunächst an die Zanelli Bank geschrieben und um Hilfe bei dem Versuch gebeten, die erzwungene Übernahme von Steadman Industrial Plastics durch Richard Johnson abzuwehren, der einer der Anteilseigner an dem Unternehmen ihrer Familie war. Als Antwort hatte sie ein kurzes Schreiben von irgendeinem Manager erhalten, in dem ihr mitgeteilt wurde, die Bank würde ihre individuellen Investitionen nicht diskutieren.

Widerstrebend und als allerletzten Versuch hatte Lucy daraufhin einen weiteren Brief, „persönlich und privat“ adressiert, an Lorenzo Zanelli geschrieben. Nach allem, was sie über ihn gehört hatte, war er ein typischer Macho, skrupellos in Bezug auf die Gefühle anderer und der arroganten Überzeugung, dass er immer recht habe. Soweit sie wusste, wich er nie von seiner einmal gefassten Meinung ab – und Lucy hegte noch aus anderen Gründen eine tiefe Abneigung gegen ihn.

Lorenzo Zanelli hatte sich nach der gerichtlichen Untersuchung über den Bergunfall, bei dem Antonio gestorben war, geradezu furchtbar gegenüber Damien verhalten. Unmittelbar vor dem Gerichtsgebäude hatte er ihn zur Rede gestellt und ihm eiskalt mitgeteilt, dass er ihn für schuldig am Tod seines Bruders hielt, auch wenn das Gericht ihn freigesprochen habe … Er hätte anstelle des Seils genauso gut Antonios Kehle durchschneiden können. Und Damien, der sowieso durch den Tod des besten Freundes völlig am Boden zerstört gewesen war, hatte sich von diesen Vorwürfen nie richtig erholt.

Lucys Informationen zufolge hatte es seitdem keinerlei Kontakt mehr zwischen den Familien gegeben, weshalb es sie nach Damiens Tod wie ein Schock getroffen hatte, festzustellen, dass ausgerechnet die Zanelli Bank dritter stiller Teilhaber im Unternehmen ihrer Familie war. Lorenzo Zanelli war wirklich der Letzte, den sie hätte um einen Gefallen bitten wollen, aber ihr blieb keine Wahl. Also schluckte Lucy ihren Stolz hinunter und schrieb ihm, wobei sie die enge Verbundenheit ihrer Familie mit seinem Bruder Antonio offen ansprach. Sie erwähnte, dass sie für ein oder zwei Tage in Verona sein würde, und bat ihn fast flehentlich, ihr wenige Minuten seiner Zeit zu opfern. Und tatsächlich wurde ihr ein Termin gewährt.

Der Fortbestand von Steadman Industrial Plastics als Familienunternehmen hing allein davon ab, ob es Lucy gelang, Lorenzo Zanelli von ihrem Standpunkt zu überzeugen. Zwar war außer ihr gar keine Familie mehr übrig, aber in dem kleinen Städtchen Dessington in Norfolk, wo sie geboren und aufgewachsen war, galt Steadman’s als Hauptarbeitgeber, und obwohl Lucy dort seit ihrem Studium nicht mehr lebte, kam sie immer wieder mal zu Besuch und fühlte sich für die Einwohner in gewisser Hinsicht verantwortlich. Was man von Richard Johnson nicht sagen konnte.

Deshalb setzte Lucy ihre ganzen Hoffnungen auf Lorenzo Zanelli.

„Miss Steadman?“

Der spöttische Klang seiner Stimme brachte sie in die Wirklichkeit zurück. Lucy zwang sich, Lorenzo Zanellis arrogantem Blick standzuhalten.

„Sie sind wirklich ein hartnäckiges kleines Ding, das muss ich Ihnen lassen“, sagte er fast anerkennend, bevor er sich an seine Sekretärin wandte und sie, soweit Lucy verstand, auf Italienisch anwies, nach zehn Minuten durchzurufen. „Kommen Sie, Miss Steadman“, sagte er dann über die Schulter. „Das wird nicht viel Zeit in Anspruch nehmen.“

Lucy verkniff sich die Bemerkung, dass die Sache bereits ziemlich viel ihrer Zeit gekostet hatte. Zögernd blickte sie ihm nach, als er ohne ein weiteres Wort in seinem Büro verschwand und die Tür hinter ihm zufiel. Lorenzo Zanelli mochte ja umwerfend attraktiv sein, aber er war ganz gewiss kein Gentleman!

„Sie sollten jetzt besser hineingehen“, riet die Sekretärin. „Signor Zanelli mag es nicht, wenn man ihn warten lässt.“

In Anbetracht dessen, wie lange er sie hatte warten lassen – der Termin war für zwei Uhr angesetzt und inzwischen war es schon nach drei –, empfand Lucy das als reichlich unverschämt. Ärgerlich fasste sie sich ein Herz, atmete tief durch und folgte Lorenzo Zanelli in sein Büro.

Er stand hinter einem riesigen antiken Schreibtisch und telefonierte in rasantem Italienisch, um bei Lucys Eintreten das Gespräch sofort zu beenden.

„Setzen Sie sich.“ Er deutete auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch und nahm selbst ohne abzuwarten in einem schweren Ledersessel dahinter Platz. „Sagen Sie, was Sie zu sagen haben, und beeilen Sie sich. Meine Zeit ist kostbar.“

Er war wirklich der unhöflichste Mensch, der ihr je begegnet war. Lucys grüne Augen funkelten zornig, während ihre spontane Abneigung gegen Lorenzo Zanelli mit jeder Minute wuchs. „Ich kann einfach nicht glauben, dass Sie Antonios Bruder sind!“, sagte sie, ohne zu überlegen.

Antonio war ebenso gut aussehend wie liebenswert gewesen, der beste Freund ihres Bruders während des Studiums. Lucy war vierzehn gewesen, als Damien den Italiener während der Sommersemesterferien zum ersten Mal mit nach Hause gebracht hatte. Natürlich hatte sie sich sofort unsterblich in den schönen jungen Mann verliebt – ja, sie war so vernarrt gewesen, dass sie sogar in der Schule einen Italienischkurs belegt hatte. Antonio, zwar nur vier Jahre älter als sie, aber schon richtig erwachsen, hatte ihre Schwärmerei nicht ausgenutzt, sondern Lucy einfach wie ein echter Freund behandelt, sodass sie sich gar nicht töricht vorgekommen war. Ja, er war wirklich ein einfühlsamer Mensch gewesen, ganz anders als der unnahbare Bankier, der sie jetzt über den großen Schreibtisch hinweg so eiskalt musterte.

„Sie haben überhaupt nichts von ihm! Sie sehen ihm nicht einmal ähnlich.“

Überrascht stellte Lorenzo fest, dass Lucy Steadman Temperament besaß. Leicht gerötete Wangen betonten jetzt ihr zart geschnittenes Gesicht. Sie war gar nicht unscheinbar, wie er gedacht hatte – vor allem aber war sie wütend. Was ihm gar nicht passte. Denn er wollte sich nicht mit ihr streiten, sondern sie so schnell wie möglich loswerden. Bevor sein Zorn ihn übermannte und er ihr unmissverständlich sagte, was er von ihrem Bruder hielt!

„Sie haben recht, mein Bruder war der Schöne – innerlich wie äußerlich. Wohingegen ich, wie Antonio mir immer sagte, der gefühlskalte harte Bankier bin, der endlich lernen sollte, das Leben zu genießen. Wobei Letzteres meinem Bruder nicht sehr gut getan hat“, schloss er scharf.

Lucy glaubte einen Anflug von Schmerz in seinen dunklen Augen aufflackern zu sehen. Es war taktlos von ihr gewesen, sich ihre Abneigung derart deutlich anmerken zu lassen. „Es tut mir leid“, entschuldigte sie sich sofort, selbst überwältigt von den traurigen Erinnerungen an den tragischen Unfall, der seinen Bruder das Leben gekostet und letztendlich, dessen war Lucy sich sicher, auch den Tod ihres Bruders herbeigeführt hatte. „Ich verstehe, was Sie fühlen“, fügte sie hinzu und begann einfach, Lorenzo Zanelli von ihrem Bruder zu erzählen.

„Damien ist über den Verlust seines besten Freundes nie wirklich hinweggekommen.“ Nicht zuletzt dank Ihnen, fügte sie insgeheim hinzu. „Danach war er gesundheitlich angeschlagen. Ich habe zu der Zeit studiert und konnte ihm nicht richtig helfen. Im folgenden Jahr starb unser Vater, was Damien den nächsten schweren Schlag versetzte. Er fühlte sich überfordert, stellte einen Manager ein, und alles schien sich zum Guten zu wenden. Letztes Jahr machte Damien dann Urlaub in Thailand und starb dort.“ Er hatte ganz bewusst aufgehört, seine Medikamente zu nehmen. Lucy tat es immer noch weh, an ihn zu denken. „Ich kann also wirklich nachempfinden, was in Ihnen vorgeht.“

Lorenzo seinerseits bezweifelte, dass Lucy auch nur die leiseste Ahnung hatte, was er tatsächlich fühlte. „Mein Beileid zu Ihrem Verlust“, kondolierte er kühl. „Aber könnten wir uns jetzt dem Geschäftlichen zuwenden – einem Verkaufsangebot für Steadman’s, richtig?“

Abgelenkt von ihren Erinnerungen, hatte Lucy den eigentlichen Grund für ihren Termin bei Lorenzo Zanelli fast vergessen. Plötzlich hegte sie den Verdacht, dass sie es nicht sehr klug angefangen hatte, aber all ihre sorgfältig vorbereiteten Worte waren wie weggefegt. „Ja … ich meine, nein, kein Verkaufsangebot. Lassen Sie mich Ihnen erklären …“

Seine dunklen Augen blitzten spöttisch. „Ich gebe Ihnen fünf Minuten.“

„Nach dem Tod meines Vaters erbte Damien laut Testament das Haus der Familie in Dessington und fünfundsiebzig Prozent der Anteile an dem Familienunternehmen. Ich bekam die restlichen fünfundzwanzig Prozent sowie das Ferienhaus in Cornwall. Mein Vater war kein großer Verfechter der Gleichberechtigung der Geschlechter.“

„Ersparen Sie mir Ihre Bewertungen, und beschränken Sie sich auf die Fakten.“ Die ihm größtenteils sowieso bekannt waren. Der verantwortliche Manager seiner Bank hatte ihn im Verlauf der Jahre über alle Entwicklungen bei Steadman’s auf dem Laufenden gehalten. Ihre Worte ließen ihn jetzt jedoch vermuten, dass er den Grund für das betont ungeschminkte Auftreten von Lucy Steadman entdeckt hatte. Für Lorenzo war die Gleichberechtigung der Geschlechter so selbstverständlich, dass er gar nicht darüber nachdachte und in seinem eigenen Konzern in dieser Hinsicht keinerlei Unterschiede machte. Aber seine Zeit war ihm zu schade für eine Pseudo-Emanze, die sich einbildete, ein Auskommen zu verdienen, ohne die erforderlichen Fähigkeiten dafür vorzuweisen, und seine Geduld war jetzt fast erschöpft.

Lucy atmete tief durch. „Nach Damiens Tod habe ich alles geerbt, was übrig war. Da ich kein Interesse an der Herstellung von Kunststoffen habe, überließ ich die Leitung der Fabrik gern dem Manager, während ein Anwalt sich um das Testament kümmerte. So habe ich leider erst vor wenigen Monaten, als der Anwalt mich nach Abschluss der Formalitäten in seine Kanzlei bestellte, erfahren, dass mein Vater – mit Damiens Einwilligung – sieben Jahre zuvor Antonio zu seinem Partner gemacht hatte, indem er ihm vierzig Prozent der Firmenanteile verkaufte. Ich war damals noch im Internat, aber offensichtlich waren sich alle Beteiligten einig gewesen, dass Damien und Antonio die Firma als Geschäftspartner gemeinsam führen sollten, wenn mein Vater in den Ruhestand geht. Antonios tragischer Tod machte diese Pläne zunichte.“ Sie verstummte einen Moment, denn jetzt kam der richtig schwere Teil.

Sie nahm die Finger zu Hilfe, um die einzelnen Punkte aufzuzählen, was ihr half, sich zu konzentrieren. „Also, nach dem Tod meines Vaters hatte ich tatsächlich nicht fünfundzwanzig Prozent vom Unternehmen geerbt. Es waren lediglich fünfundzwanzig Prozent von den verbliebenen sechzig. Das wiederum heißt, zwanzig, nein, fünfzehn …“

Basta! Genug!“

Lucy sah vorwurfsvoll auf. „Jetzt haben Sie mich durcheinander gebracht.“

„Ich bin Bankier und kann rechnen. Und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf – werden Sie nie Geschäftsfrau.“ Dabei blitzten seine dunklen Augen belustigt auf, ehe er seinen Blick wieder in der gewohnt forschenden unergründlichen Art auf Lucy richtete. „Ihre Zeit ist abgelaufen, deshalb werde ich Sie aus Ihrem Elend erlösen.“ Eine Spur von Sarkasmus schwang in seinen Worten mit. „Ihr Bruder hat sich vor achtzehn Monaten entschieden, einen weiteren Partner mit ins Boot zu nehmen, und fünfzehn Prozent seiner Anteile an Richard Johnson verkauft, der, wie sich herausstellte, als Bauträger tätig ist. Nach dem Tod Ihres Bruders will er nun die Anteile der beiden übrigen Partner aufkaufen, die Fabrik abreißen und auf dem Grundstück Mietshäuser errichten. Ihnen fehlen sechs Prozent zur Anteilsmehrheit, und Sie möchten, dass meine Bank, die jetzt Antonios Investition kontrolliert, mit Ihnen gemeinsam die geplante Übernahme vereitelt.“

Genau in diesem Moment fasste Lorenzo den Entschluss. Er hatte mit dem Gedanken gespielt, Miss Steadman zu unterstützen. Zum einen war der finanzielle Aspekt für seine Bank eher unbedeutend, und Lorenzo hätte auf diese Weise vermieden, eine Angelegenheit mit seiner Mutter diskutieren zu müssen, die nur ihren Schmerz über den Verlust ihres jüngeren Sohnes erneut aufwühlen würde. Nach dem Tod seines Vaters und noch mehr nach dem Antonios war es ihm ein überwältigendes Bedürfnis, seine Mutter zu beschützen. Sie war eine weichherzige mitfühlende Frau, die das Ergebnis der gerichtlichen Anhörung damals ohne Wenn und Aber akzeptiert hatte, und Lorenzo hatte dafür gesorgt, dass sie nie etwas von seiner Konfrontation mit Damien vor dem Gerichtsgebäude erfahren hatte. Deshalb hatte er sogar dem Reporter, der die Szene mitbekommen hatte, ein Schweigegeld bezahlt.

Aber Lucy Steadman war keine gute Investition. Wie es aussah, hatte sie sich bei all ihrem Gerede über Gleichberechtigung ganz gern von ihrem Vater und ihrem Bruder in Luxus betten lassen, und nach allem, was er heute vor diesem Termin erfahren hatte, verspürte er nicht die geringste Lust, irgendeinem Steadman zu helfen.

„Richtig“, bestätigte Lucy nun eifrig seine Darstellung. „Andernfalls wird die Fabrik schließen, und viele Menschen werden ihren Arbeitsplatz verlieren. Das wäre ein schlimmer Schlag für Dessington, meine Heimatstadt.“

„Nun, Sie haben kaum eine Wahl. Die Fabrik kommt gerade so über die Runden und wirft für die Partner nur minimale Gewinne ab. Dementsprechend ist sie für diese Bank nicht von Interesse. Mr Johnson hat uns ein lukratives Angebot gemacht.“ Lorenzo konnte sich nicht verkneifen, die Daumenschrauben noch etwas fester anzuziehen. „Kurz und gut: Wenn Sie Ihr Angebot für die Anteile meiner Bank an Steadman’s in den nächsten Wochen nicht deutlich erhöhen, wird der Verkauf an Johnson stattfinden.“

„Aber das kann ich nicht! Ich habe doch nur meine Anteile.“

„Und zwei Häuser, wenn ich recht verstanden habe? Vermutlich könnten Sie die bei Ihrer Bank beleihen.“

„Nein, nicht ganz. Damien hatte auf seines bereits eine Hypothek aufgenommen“, sagte sie leise. Auch das hatte sie erst nach seinem Tod erfahren.

„Was mich irgendwie nicht überrascht“, meinte Lorenzo zynisch. Er stand auf und kam um den Schreibtisch herum. „Hören Sie auf meinen Rat, Miss Steadman, und verkaufen Sie. Wie Sie bereits sagten, haben Sie kein Interesse an der Kunststofffertigung – und diese Bank auch nicht.“ Er sah hinunter in ihre grünen Augen, die seinem forschenden Blick standhielten. „Wie alt sind Sie? Zwanzig? Einundzwanzig?“

„Vierundzwanzig“, entgegnete sie ungehalten, obwohl sie es eigentlich gewöhnt war, dass man sie bei einer Größe von nicht einmal einem Meter sechzig und ihrem auch sonst sehr jugendlichen Äußeren unweigerlich für jünger hielt.

„Das ist immer noch jung. Machen Sie es wie Ihr Bruder, und genießen Sie das Leben. Erlauben Sie, dass ich Sie hinausgeleite.“

Hinauswerfe … kommt der Sache näher, dachte Lucy. Von Panik erfüllt, sprang sie auf und ergriff seinen Arm. „Ist das wirklich alles? Können wir nicht darüber sprechen? Geben Sie mir doch wenigstens etwas mehr Zeit, um das Geld aufzubringen! Ich würde alles tun, um die Fabrik zu retten.“

Sie waren wirklich von einem erstaunlichen klaren Grün, diese ausdruckvollen Augen, die ihn jetzt so flehentlich ansahen. Für einen Moment verlor Lorenzo den Faden.

Er hätte gern auf Lucy Steadman und ihre Hartnäckigkeit verzichtet. Natürlich hatte er schon von ihrem ursprünglichen Anruf bei seiner Bank erfahren und wusste auch, welche Standardantwort ihr die Mitarbeiter zurückgeschickt hatten. Als er dann ihren persönlichen Brief erhalten hatte, wies er seine Sekretärin aus zwei Gründen an, ihr einen Termin zu geben: erstens aus Respekt gegenüber seiner Mutter, denn sie hatte Antonio damals ohne Wissen der Bank das Geld gegeben, um sich bei Steadman’s als Partner einzukaufen, und schien an dieser Investition immer noch gefühlsmäßig zu hängen.

Lorenzo hatte davon erst nach Antonios Tod erfahren, als er den Nachlass seines jüngeren Bruders ordnete. Er hatte seiner Mutter vorgeschlagen, die Anteile an Steadman’s wieder zu verkaufen, und eine verblüffende Antwort erhalten. Die alte Dame erklärte ihm, ihre eigene Mutter hätte ihr bei ihrer Heirat geraten, stets ein separates Konto zu führen, von dem der Ehemann nichts wisse, weil es der Ehefrau ein Gefühl von Unabhängigkeit gewähre. Deshalb hatte sie ihr privates Konto natürlich nicht bei der Zanelli Bank, sondern bei der Banca di Roma,

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