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Smartphone-Demokratie

Adrienne Fichter (Hrsg.)

Smartphone-
Demokratie

#Fake News #Facebook #Bots #Populismus #Weibo #Civic Tech

NZZ Libro        image

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Richard Gutjahr

Einleitung
Adrienne Fichter

Ein Sammelbecken für Populisten
Ingrid Brodnig

Journalismus zwischen Fake News, Filterblasen und Fact-Checking
Colin Porlezza

Die Alt-Right und die Eroberung der sozialen Netzwerke
Robin Schwarz

Die Demokratie-Experimente von Facebook
Adrienne Fichter

Mit dem richtigen Hashtag die Abstimmung gewinnen?
Sarah Bütikofer, Thomas Willi

Der Online-Wahlkampf ist tot – es lebe der Wahlkampf
Martin Fuchs

Big Data im Wahlkampf – Mythos oder Waffe?
Adrienne Fichter

«Sag mir, wo du wohnst, und ich sage dir, wen du wählst»
Adrienne Fichter

Ich sehe etwas, das du nicht siehst
Adrienne Fichter

Über die «Messengerisierung» der Politik
Adrienne Fichter

Warum Social Bots keine Gefahr für die Demokratie sind
Martin Fuchs

Von A(pfelkuchen) bis Z(ollkontrolle): Weshalb Algorithmen nicht neutral sind
Anna Jobin

Katz-und-Maus-Spiele im chinesischen Internet
Adrian Rauchfleisch, Mike S. Schäfer

Ist Civic Tech die Antwort auf digitalen Populismus?
Adrienne Fichter

Mehr Technokratie wagen?
Adrienne Fichter

Warum wir ein Demokratie-Upgrade für das digitale Informationszeitalter benötigen
Dirk Helbing, Stefan Klauser

Klickdemokratie? Unterschriften sammeln im Internet
Daniel Graf

Schlusswort
Adrienne Fichter

Autorenverzeichnis

Anmerkungen

«Soziale Medien werden über kurz oder lang die dominante Sphäre der politischen Auseinandersetzung. Wenn wir dort eine Debatte wollen, die sich mit den wirklichen Problemen im Land beschäftigt, und wenn wir wollen, dass die besten Kandidaten für das Land gewinnen, dann müssen wir jetzt jedenfalls dringend handeln und die Fehlentwicklungen abstellen. Wir sind an einem Scheideweg angelangt, es geht um nicht weniger als eine existenzielle Frage für die Demokratie.»
Robby Mook, ehemaliger Wahlkampfmanager von Hillary Clinton, in einem Spiegel-Online-Interview (13.3.2017)

«Had Spinoza, Kant, and the other Enlightenment philosophers predicted that all their efforts would end in an ‹Age of information› where free and savvy citizens are exceedingly susceptible to social influence, crowd-heaped points of view, and opinion bubbles, they might have ended up dreaming of the spirit and times of the dark Middle Ages, which they had worked so hard to rid society of.»
Vincent F. Hendricks, Philosophieprofessor, und Pelle G. Hansen, Verhaltenswissenschaftler, aus: Infostorms: Why do we ‹like›? (2016)

«We are 21st-century citizens, doing our very, very best to interact with 19th century-designed institutions that are based on an information technology of the 15th century. (…) ‹No taxation without representation› can now be updated to ‹No representation without a conversation›. We want our seat at the table.»
Pia Mancini, Mitgründerin der Civic-Tech-Projekte DemocracyOS und Democracy Earth (TED-Talk, 2014)

«There is no excuse in 2016, when you can have a many-to-many and many-to-one conversation, not to have a conversation with our electorate on every issue. There is just simply no excuse for it.»
Adam Jacoby, CEO von Start-up und Politik-App MiVote (Guardian, 14.12.2016)

Vorwort

Richard Gutjahr

Das 21. Jahrhundert hat gerade erst begonnen, und wir befinden uns im Krieg. Gemessen an der Zahl der Kombattanten, handelt es sich um den mit Abstand grössten Krieg in der Geschichte der Menschheit. Keine Schlacht im herkömmlichen Sinn. Kein Kampf, der mit Schwertern, mit Gewehren oder Bomben ausgetragen wird, sondern mit vernetzten Taschencomputern, unseren Telefonen. Es ist ein Krieg um Worte, um Likes, um Shares und Retweets. Oder anders ausgedrückt: ein Kampf um Aufmerksamkeit, um Deutungshoheit, um Macht und Einfluss.

Vor fast 200 Jahren prägte der britische Schriftsteller und Politiker Edward Bulwer-Lytton (Die letzten Tage von Pompeji) den Ausspruch «The pen is mightier than the sword» – die Feder ist mächtiger als das Schwert. Gemessen daran käme die Macht jedes gewöhnlichen Smartphones heute einem thermonuklearen Sprengkopf gleich. Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings reicht theoretisch ein einziger Tweet, um einen globalen Shitstorm auszulösen, um Aktienmärkte ins Wanken zu bringen, um Karrieren, ja sogar Leben zu zerstören.

Moralische und ethische Leitplanken drohen zu erodieren wie die Institutionen selbst, die sie einst etablierten. Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Verbände leiden unter einem bemerkenswerten Bedeutungsverlust, der sich nicht nur an den sinkenden Mitgliederzahlen festmachen lässt. Ein schon länger anhaltender Trend, der sich mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke noch einmal beschleunigt hat.

Mehr Teilhabe, mehr Mitbestimmung, eine bessere Welt – nicht weniger als das haben sich Google und Facebook auf die Fahnen geschrieben. Doch mit den Verheissungen der digitalen Gesellschaft kam auch der Schatten. Der Arabische Frühling währte nicht einmal bis zum Sommer. Auf die Facebook-Revolution folgte noch mehr staatliche Überwachung. An die Stelle von Staatsbündnissen und offenen Grenzen traten Nationalismus und Protektionismus. Nicht nur in Ländern wie Russland oder in der Türkei ist die Sehnsucht nach einem starken Mann allgegenwärtig.

Nach der Präsidentschaftswahl in Österreich, den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich könnten wir uns zurücklehnen und sagen: Die gemässigten Kräfte haben gewonnen, Europa ist mit einem blauen Auge davongekommen.

Doch was, wenn Brexit, Trump und Erdogan nur das Vorbeben waren für den eigentlichen Tsunami, der uns noch bevorsteht? Wenn mit der voranschreitenden Automatisierung unserer eher traditionell geprägten Industrie eine Massenarbeitslosigkeit ungekannten Ausmasses droht? Wenn Jobverlust, gepaart mit dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, in Frust und Wut umschlägt? Sind wir wirklich immun gegen ein Deutsches Reich 4.0?

Unsinn, halten die Demoskopen und Meinungsforscher dagegen und verweisen auf ihre Zahlen. Als Journalist, der den Trump-Sieg letztes Jahr und die darauf folgende Schockwelle unmittelbar im Epizentrum von Washington D. C. miterlebt hat, gehöre ich zu den Skeptikern. Möge unsere Welt an der Oberfläche noch in Ordnung sein, an der Basis brodelt es gewaltig. Allein auf Facebook kommt die Alternative für Deutschland auf eine beeindruckende Anzahl von über 300 000 Fans, mehr als die beiden grössten deutschen Volksparteien CDU und SPD zusammen. Wie sähe wohl das Wahlergebnis aus, dürften die Deutschen direkt vom digitalen Stammtisch aus mit ihrem Smartphone abstimmen?

Das Buch, das Sie in Händen halten, ist ein wichtiges Buch. Es ist der Versuch, den Phänomenen einer noch jungen und unerforschten Welt nachzugehen, die Kräfte und Prozesse sichtbar zu machen, die im Hintergrund unserer vernetzten Kommunikation wirken. Wieso sind Populisten im Netz so erfolgreich? Helfen Faktenchecks gegen Manipulation und Desinformation? Wie funktioniert der Wahlkampf im Netz und welchen Einfluss haben Bots und Big Data? Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes zählen zu den Pionieren auf ihrem Gebiet. Ich verfolge ihre Arbeit schon länger und kann mich glücklich schätzen, einige von ihnen inzwischen auch jenseits des Bildschirms, persönlich kennengelernt zu haben.

Die Demokratie sei die schlechteste Staatsform, mit Ausnahme all der anderen, die probiert worden sind, sagte Winston Churchill 1947 in einer Rede vor dem britischen Unterhaus. Das Gleiche könnte man heute über das Internet und die sozialen Netzwerke postulieren. Ein Smartphone, so mächtig es auch immer sein mag, ist per se nicht gut, nicht böse. Es ist da, und es kommt darauf an, wofür wir es benutzen. Oder wie es einst ein grosser Philosoph auf den Punkt brachte: «Aus grosser Macht erwächst grosse Verantwortung.» Nicht von Kant, nicht von Hegel oder Schopenhauer, sondern aus Spiderman stammt dieser Satz.

Einleitung

Adrienne Fichter

«Vom Geld, das in die Politik investiert wurde, floss das meiste in politische Werbung. Wir brauchten eine bessere Demokratie und wir erhielten dafür bessere Werbung.»1

Das Silicon Valley hat in den letzten Jahren Milliarden von Dollar in Technologien investiert, die unseren Alltag erleichtern. Doch weniger als 0,01 Prozent davon wurde für die Verbesserung unserer Demokratie eingesetzt. Der Grossteil davon floss in Wahlkampfwerbung. Das obige Zitat stammt vom Gründer der Petitionsplattform Change.org Ben Rattray. Von dieser mangelnden Innovationsfähigkeit der Politik profitieren die grossen Player: Facebook, Twitter und Google. Rattray spielt auf die Werbeeinnahmen dieser Technologieunternehmen an. Diese Plattformen bieten derzeit – ohne das je geplant zu haben – die zentralen Bühnen für politische Debatten im Netz. Mark Zuckerberg, Jack Dorsey und Eric Schmidt, so heissen die Architekten der digitalen Demokratie. Sie refinanzieren sich durch Werbeformate und Kampagnen von Parteien und Unternehmen. Indem unwissende Bürgerinnen und Bürger von datengetriebenen Marketing-Firmen in ihrer politischen Einstellung vermessen und ausgewertet werden. Die Vermessungsmöglichkeiten haben mit den Smartphones eine neue Dimension erreicht.

Natürlich haben diese Netzwerke die Demokratie auch belebt. Die Digitalisierung hatte teilweise richtige Machtverschiebungen zur Folge. Facebook und Twitter haben sich als Mobilisierungsinstrumente zur Vernetzung von Gleichgesinnten bewährt, wie der Arabische Frühling, der Women’s March oder Occupy Wallstreet gezeigt haben. Unbeachtete Anliegen von Minderheiten und Formen der Diskriminierung rückten plötzlich ins Rampenlicht. Bewegungen wie #Blacklivesmatter oder der #Aufschrei für die Sensibilisierung von Rassismus und Sexismus, die von einzelnen Bürgerinnen und Bürgern gestartet wurden, zeugen davon.

Doch in letzter Zeit zeigte sich vor allem die Kehrseite. Wenn Facebook in die Geschichtsbücher eingehe, dann nicht als globales Netzwerk für virale Hits wie den «Ice Bucket Challenge» oder das Tragen einer Chewbacca-Maske. Sondern als Linkschleuder für Falschinformationen und politischen Extremismus, die unter anderem in die Wahl von Donald Trump mündeten. Mit diesen Worten fasste die Internet-Soziologin Zeynep Tufekci die aufgekratzte Stimmung vom letzten November zusammen.2

2016 war in der Tat das Jahr der Filterblasen, Bots, Troll-Armeen, des Populismus, der Twitter-Exzesse und Falschnachrichten. Doch einige dieser Phänomene waren im Grunde genommen antizipierbar. Sie sind Folge oder Resultat der Beschaffenheit oder des Geschäftsmodells der sozialen Medien. Es erstaunt daher, dass sich die Politik erst jetzt mit Bot-Scharen, Informationskriegen und organisierten Troll-Armeen ernsthaft zu beschäftigen begonnen hat.

Dieses Buch erklärt, wie diese Phänomene entstanden sind. Wir möchten aus Expertensicht die vergangenen Ereignisse einordnen, kommentieren und wagen auch einen Blick in die Zukunft. Sie werden auf den folgenden Seiten Sichtweisen aus Politikwissenschaft, Publizistikwissenschaft, Soziologie, Politikberatung, Campaigning, Sinologie und aus dem Digitaljournalismus vorfinden. Sie werden auf kritische Einschätzungen, aber auch zuversichtlich stimmende Texte stossen. Falls Sie auf endgültige Antworten gehofft haben, muss ich Sie enttäuschen. Dafür ist das Thema zu virulent und dynamisch. Die Idee zu diesem Buch entstand im Frühsommer 2016, also mitten im US-Wahlkampf. Damals hat noch kaum jemand von Fake News gesprochen. Danach überstürzten sich die Ereignisse. Jeden Tag werden neue Schlagzeilen aus den Untiefen des sozialen Netzes an die mediale Oberfläche gespült. Wenn Sie das Buch in Händen halten, werden Sie bereits von neueren manipulierten Twitter-Trends zu den Bundestagswahlen, sozialmedialen Fettnäpfchen von Kandidaten, alternativen Medien oder Cyber-Attacken gelesen haben – Entwicklungen, die wir womöglich nicht mehr abbilden und abdrucken konnten.

Deswegen möchten meine Koautorinnen und Koautoren (die meisten von ihnen habe ich übrigens via Twitter kennengelernt) und ich vor allem die Stossrichtung aufzeigen, wohin die Reise der digitalen Demokratie gehen könnte. Wir haben uns gefragt: Sind Bots wirklich so schlecht wie ihr Ruf (Martin Fuchs)? Wie können etablierte Medienhäuser den Kampf gegen die Fake News gewinnen (Colin Porlezza)? Wie ideologisch abgeschottet bewegen wir uns wirklich auf Facebook & Co (Colin Porlezza)? Warum tummeln sich auf den sozialen Medien so viele Populisten (Ingrid Brodnig)? Hat Donald Trump wirklich wegen personalisierter Wahlkampfwerbung im Netz gewonnen (Adrienne Fichter)? Wie konnte es so weit kommen, dass rechtsextreme verspielte Nerds das soziale Netz eroberten (Robin Schwarz)? Lassen sich mit den richtigen Hashtags auch Abstimmungen in der Schweiz gewinnen (Sarah Bütikofer und Thomas Willi)? Wie beeinflussen Algorithmen unsere politische Meinungsbildung (Anna Jobin)?

Mir war es wichtig, dabei nicht nur eine rein westliche Perspektive einzunehmen. Die digitale Demokratie als globaler Begriff taugt wenig. Vielmehr haben wir es mit regionalen digitalen Architekturen zu tun, die politische Diskussionen unterschiedlich beeinflussen. Denn in China sind beispielsweise ganz andere Plattformen populär. Und in autoritär regierten Regionen hat das Internet mehr als anderswo entscheidende Impulse für Demokratisierungsprozesse geliefert. Deswegen soll ihnen auch Raum gegeben werden: Welche Netzwerke haben sich unter autoritären Regimes durchgesetzt und weshalb? Welche zivilgesellschaftlichen Strategien wenden Aktivisten auf Weibo und WeChat, den sozialen Netzwerken und Messengers Chinas, an (Adrian Rauchfleisch/Mike S. Schäfer)?

Das Internet hat sämtliche Bereiche demokratisiert. Ausser ironischerweise die Demokratie selbst. Viele staatliche Institutionen funktionieren immer noch gleich wie vor 200 Jahren. Sie blieben unangetastet. Doch eine neue Bewegung, über die erstaunlich wenig bekannt ist, möchte das ändern: Civic Tech. Diese Szene möchte unter anderem Bürgern Abstimmungen über Parlamentsgeschäfte via Smartphone ermöglichen. Sie will langfristig die digitale Volksherrschaft erreichen. Wir beschäftigen uns in diesem Zusammenhang mit folgenden Fragen und Thesen: Welche Chancen bietet diese neue Branche und wo sind ihre blinden Flecken (Adrienne Fichter)? Was lässt sich totalitären Algorithmus-Utopien entgegensetzen und wie müssen demokratiefördernde Netzwerke beschaffen sein (Stefan Klauser/Dirk Helbing)? Weshalb ist die Digitalisierung der Demokratie nicht gleichzusetzen mit Klicktivismus (Daniel Graf)? Für das Vorwort konnte ich den renommierten deutschen Journalisten Richard Gutjahr gewinnen.

Mir wurde während des Schreibens bewusst, wie vielschichtig das Thema Digitale Demokratie ist. Themenkomplexe wie E-Voting, E-Government, Blockchain oder Cyber-Attacken werden deswegen ausgeklammert. Sie bedürfen einer weiteren und vertieften Auseinandersetzung. Im Zentrum dieses Buchs steht die politische Meinungsbildung im Netz. Meine Koautorinnen und Koautoren und ich beschäftigen uns vorwiegend mit den Aspekten des digitalen politischen Diskurses. Wir beleuchten die Probleme, präsentieren Lösungsansätze und Handlungsstrategien.

Dieses Buch ist der Auftakt einer längeren Auseinandersetzung mit der Frage: Wie können wir all die positiven Potenziale des Internets zur Stärkung (und nicht zur Schwächung) der Demokratie nutzen? Ich lade Sie ein, nach der Lektüre den Diskurs mit mir fortzuführen. Denn wir allein haben es in der Hand, wie wir die digitale Demokratie von morgen gestalten wollen.

Ein Sammelbecken für Populisten

Ingrid Brodnig

Der Aufbau einer neuen Parallelrealität, das Zusammenspiel von aggressiver Rhetorik und boulevardesker Technik sowie die Schwäche anderer Parteien sind der Grund, wieso Rechtspopulisten die digitale Debatte dominieren. Doch es ist kein Naturgesetz, dass ausgerechnet rechte Provokateure online so erfolgreich sein müssen.

Am 8. Februar 2017 postete die Fanpage der Politikerin Frauke Petry einen Beitrag, der äusserst erfolgreich auf Facebook war: Mehr als 3500 Menschen klickten auf «gefällt mir», sogar mehr als 3600 Menschen teilten die Meldung. In dieser behauptete die Politikerin der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland, dass Einwanderer mehr Straftaten begingen als Deutsche. Ferner hiess es: «Sie lachen über unser Justizsystem, unseren Staat und seine Organe und haben für die Menschen in unserem Land vielfach nur Verachtung übrig. Sie protektioniert eine oftmals kuschelweiche Justiz, in Gefängnissen leben sie wie Maden im Speck.»1

Wenn Parteisprecher solche Worte auf Facebook verfassen, beeinflusst das die Stimmung in den Kommentaren: Je härter ein Politiker postet, desto erhitztere Kommentare folgen. Hunderte Nutzer antworteten – viele tobten. «Traurig, wie wir von der ReGIERung belogen werden […]», erklärte ein Nutzer. Ein anderer meinte: «[…] wer Jahre lang mit Krieg und Terror lebt, kann nur ein kriminelles Schwein sein. Man muss Ihnen nur ins Gesicht schauen und man sieht ihre kriminelle Energie.» Und eine Dritte lieferte antisemitische Anspielungen: «Die kriminellsten sitzen noch in der Regierung … und darüber hinaus … Soros, Rothschild usw. …»

Dabei stimmte die Behauptung der AfD nicht: Sie verwiesen auf ein Dokument des deutschen Bundeskriminalamts (BKA), das gar keine derartige Statistik enthielt. Erst drei Tage später, nachdem der Beitrag schon eine enorme Reichweite auf Facebook erzielt hatte, korrigierte die AfD das Posting – zumindest ein wenig. Im ursprünglichen Posting wurde der Hinweis eingefügt, dass das Bundeskriminalamt tatsächlich «keinen Vergleich der Kriminalitätsrate von Migranten und Deutschen vorgenommen» hat. Doch statt sich für den Fehler zu entschuldigen, ging das Social-Media-Team der Partei in die Offensive. Die Fanpage von Frauke Petry warf die Frage auf, ob das Bundeskriminalamt «eventuell politisch motiviert» sei, und bezeichnete die Datenerfassung des Amts als «fragwürdig». Zu einer weiteren Stellungnahme war die AfD trotz Nachfragen nicht bereit.

Fassen wir kurz zusammen: Die AfD hat in diesem Beitrag basierend auf einer Statistik, die es gar nicht gibt, Stimmung gemacht und viel Aufmerksamkeit geerntet. Im Text werden Asylbewerber mit Ungeziefer verglichen (konkret mit «Maden»), in den Kommentaren wüten Bürger. Trotz frühzeitiger Kritik reagiert die AfD erst Tage später und geht prompt zum rhetorischen Gegenangriff über – «fragwürdig» sei demnach nicht die fehlerhafte Recherche der AfD, sondern das Vorgehen des Bundeskriminalamts, da es der Partei nicht die gewünschte Statistik geliefert hat.

Dieses Beispiel zeigt die fehlende Fehlerkultur, die speziell bei rechtspopulistischen Akteuren (nicht nur im deutschsprachigen Raum) auffällt. Näher betrachtet, lässt sich darin auch die allgemeine mediale Strategie von Rechtspopulisten erkennen: Sie versuchen, Wählern zu erklären, wem diese Glauben schenken sollten und wem nicht – wer der Erzählung dieser Parteien widerspricht, wird nach diesem Muster mitunter als «Systemmedium» oder auch als «eventuell politisch motiviert» verunglimpft. Dazu passend, stellen Rechtspopulisten ihren Sympathisanten dann mediale Gegenangebote zur Verfügung: Bewegungen wie die AfD haben ein Dickicht aus etlichen Partei-Accounts auf Plattformen wie Facebook und YouTube errichtet. Zusätzlich sind neue «alternative Medien» im Netz gestartet, die teils in einem intransparenten Naheverhältnis zu diesen Parteien stehen und wohlwollend über deren Kandidaten berichten. Deutlich stärker als andere politische Bewegungen arbeiten Rechtspopulisten an einer digitalen Parallelrealität, in der sie den Wählern erklären können, was die vermeintliche «Wahrheit» ist – diese Strategie scheint durchaus erfolgreich. Im Internet ist ein neuer Machtfaktor der Meinungsbildung entstanden.

Ich werde in diesem Beitrag beleuchten, warum ausgerechnet politische Provokateure online sehr erfolgreich auftreten. Drei Aspekte sind in meinen Augen besonders wichtig: Erstens, die starke Emotionalisierung populistischer Aussagen, die gut zur Ausgestaltung sozialer Medien passt. Zweitens, die Konstruktion einer Gegenöffentlichkeit, die vom Phänomen der Echokammer begünstigt wird. Drittens, das Fehlen des politischen Wettbewerbs in der digitalen Arena, bei der andere Parteien lange Zeit zögerlicher und weniger strategisch agierten. Ich sehe allerdings auch die Chance, dass es andere Parteien Rechtspopulisten in Zukunft online nicht ganz so einfach machen. Nur was unterscheidet Rechtspopulisten überhaupt von anderen Parteien? Die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak, die an der University Lancaster und der Universität Wien forscht, listet in ihrem Buch Politik mit der Angst Faktoren auf, die Rechtspopulismus kennzeichnen – wobei ihr zwei Eigenheiten besonders wichtig erscheinen.

Erstens: «Alle rechtspopulistischen Parteien instrumentalisieren eine Art von ethnischer, religiöser, sprachlicher, politischer Minderheit als Sündenbock für die meisten – wenn nicht alle – aktuellen Sorgen und Probleme. Sie stellen die jeweilige Gruppe als gefährlich dar, als Bedrohung ‹für uns›, für ‹unsere› Nation. Dieses Phänomen manifestiert sich als ‹Politik mit der Angst›.»

Zweitens: «Alle rechtspopulistische Parteien pflegen eine […] ‹Arroganz der Ignoranz›. Appelle an den gesunden Menschenverstand und Anti-Intellektualismus markieren eine Rückkehr zum vormodernistischen Denken in den Zeiten vor der Aufklärung.»2

Diese antiintellektuelle Haltung hilft solchen Politikern auch, unliebsame Fakten kleinzureden: Wenn ihnen Statistiken widersprechen oder sie eine Zahl zitieren, die es de facto nicht gibt, dann orten sie häufig eine Verschwörung – etwa, dass das Bundeskriminalamt «eventuell politisch motiviert» vorgehe.

Diese zwei Aspekte, die laut Ruth Wodak Rechtspopulismus besonders auszeichnen, verdeutlichen bereits, welch zentrale Rolle Emotion in ihrer Politik spielt – speziell die Wut auf Minderheiten und auch die Wut auf Intellektuelle und die vermeintliche Elite.

Die Wut als Erfolgsfaktor

Online zeigt sich, dass Wut viel Resonanz auslöst. Im Jahr 2013 führten die Wissenschaftler Daegon Cho und Alessandro Acquisti von der Carnegie Mellon University eine interessante Untersuchung durch. Sie analysierten 75000 Leserkommentare auf südkoreanischen Nachrichtenseiten. Dabei eruierten sie auch, wie sich Schimpfworte auf das Feedback auswirkten. In etlichen Zeitungsforen konnte man beispielsweise Userkommentare empfehlen oder ihnen ein Like geben. Die Forscher beobachteten: Kommentare mit Schimpfworten erhielten mehr Likes – sie ernteten überdurchschnittlich viel zustimmende Klicks.3

Dazu muss man einwerfen, dass Emotionen Menschen generell eher zum Klicken bringen – eine Datenauswertung des Analysetool-Anbieters Fanpagekarma.com ergab im Jahr 2014, dass emotionale Beiträge zehnmal so viel Interaktion ernten wie weniger emotionale Wortmeldungen.4 Die emotionsgeladene Sprache von Rechtspopulisten verschafft ihnen Aufmerksamkeit – übrigens auch in etablierten Medien, da Redaktionen solche provokanten Aussagen häufig ins Blatt rücken.

Es ist zutiefst menschlich, dass wir auf wütende Wortmeldungen vielfach reagieren, dann online eher auf «gefällt mir» klicken oder dies kommentieren. Nur kommt in den sozialen Medien ein neuer Aspekt hinzu: Immer mehr Websites werden von Algorithmen sortiert – also von kluger Computersoftware, die nach einem vordefinierten Rezept Information filtert und reiht (siehe auch Kapitel «Von A(pfelkuchen) bis Z(ollkontrolle): Warum Algorithmen nicht neutral sind).

Facebook ist ein bekanntes Beispiel hierfür: Wir wissen in Wirklichkeit wenig über die Regeln des Algorithmus – das soziale Netzwerk von Mark Zuckerberg kommuniziert nur sehr rudimentär, welche Kriterien darüber entscheiden, ob eine Statusmeldung tausend Menschen eingeblendet wird oder gar einer Million. Bekannt ist aber zumindest, dass die sogenannte Interaktion ein wichtiger Gradmesser für den Algorithmus ist: Zur Interaktion zählt, wie viele Menschen bei einem Posting auf den «gefällt mir»-Knopf oder einen der Smileys (die sogenannten Reactions) klickten und wie viele den Beitrag teilten oder kommentierten.5 Hohe Interaktionszahlen wertet die Software als Signal, dass eine Wortmeldung womöglich relevant ist. Je mehr Menschen liken, kommentieren oder teilen, umso mehr weiteren Menschen blendet der Algorithmus die Wortmeldung ein.

Auf den ersten Blick scheint dieses System logisch – viele Likes signalisieren ja häufig tatsächlich die Popularität einer Aussage. Nur birgt eine derart programmierte, algorithmische Selektion gerade bei politischen Inhalten eine Gefahr: dass Provokateure bessere Karten haben.

Angriffige Politiker profitieren von Algorithmen, die Interaktion als wichtigen Indikator nutzen – denn ihre provokanten Wortmeldungen lösen notgedrungen viel Reaktion aus. Geschimpfe erntet überdurchschnittlich viele Likes, wie die Untersuchung von Daegon Cho und Alessandro Acquisti im Kontext der Zeitungsforen nahelegte. Gleichzeitig fühlen sich Andersdenkende bei solch härteren Beiträgen oft bemüssigt, zu widersprechen. Sie kommentieren dann beispielsweise, dass eine Behauptung nicht stimme, oder sie regen sich über den Stil des Politikers auf. Für den Algorithmus sind all das relevante Signale: Er registriert, dass die Interaktion überdurchschnittlich stark ist, und blendet den Beitrag dann bei noch mehr Personen ein.

Eines muss hierbei angemerkt werden: Wir wissen nicht, wie viel Facebook genau tut, um dieser Schattenseite des Algorithmus entgegenzuwirken – Details des Algorithmus kommuniziert das Unternehmen nicht, und es erlaubt unabhängigen Wissenschaftlern keinen Zugang, anhand dessen diese die Nebeneffekte der Software untersuchen könnten.

Datenauswertungen zeigen jedenfalls, dass provokante Akteure starke Interaktionsraten aufweisen – das beste Beispiel liefert Donald Trump. Der amerikanische Informatiker Patrick Martinchek hat vier Millionen Facebook-Postings im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 analysiert und dabei auch die Interaktionsrate der Fanpages der Kandidaten Donald Trump und Hillary Clinton betrachtet. Es stellte sich heraus, dass Trump 57 Prozent mehr Kommentare erhielt als Clinton, 36 Prozent mehr Likes und 34 Prozent mehr Shares. Es handelt sich hierbei um Durchschnittswerte – also wie viele Reaktionen die Kandidaten jeweils pro einer Million ihrer Fans erhielten. Die Gegenüberstellung zeigt: Trump löst mehr Wirbel aus.6

Algorithmen, die Interaktion als zentralen Massstab verwenden, haben aus politischer Sicht Schattenseiten: Denn in solch einem Setting haben es Provokateure leicht. Sie können mit aufwühlenden Wortmeldungen viel Aufregung (Kommentare, Likes, Shares) erzeugen und profitieren dann auch von der hohen Reichweite, die ihnen die Software zukommen lässt. Ein spröderer Politiker hingegen wird in einem solchen Setting oft weniger Aufmerksamkeit erhalten: Er provoziert weniger, erntet weniger Interaktion und wird dann auch bei weniger Menschen vom Algorithmus angezeigt.

Dass Facebooks Algorithmus Interaktion als wichtigen Gradmesser verwendet, wirft schwerwiegende Fragen auf. Das tiefer liegende Problem ist hierbei aber wohl das vorrangige Geschäftsmodell im Web: Online-Werbung. Facebook verdient daran, dass bei Menschen Werbung eingeblendet wird – je mehr Zeit Nutzer auf der eigenen Website verbringen, desto mehr Anzeigen kann das Netzwerk bei ihnen einblenden. In einem von Werbung finanzierten System ist die Gefahr besonders gross, dass Algorithmen darauf programmiert werden, emotionale sowie dramatische Inhalte stärker einzublenden, da diese viel Interaktion und hohe Verweildauern bringen (und dementsprechend starke Einnahmen mit Online-Werbung). Gerade für die politische Debatte ist es aber bedenklich, wenn ausgerechnet die herausragend provokanten und schrillen Wortmeldungen eine starke Reichweite ernten und die Debatte stark prägen können.

Die digitale Parallelrealität

Die zweite grosse Chance, die die sozialen Medien Rechtspopulisten bieten, ist eine Verzerrung der Realität. Sie können grösser wirken, als sie de facto sind. Das beste Beispiel liefert die AfD: Sie ist die populärste deutsche Partei auf Facebook – liegt bei den Fan-Zahlen konkurrenzlos auf Platz 1. Am zweiterfolgreichsten ist die Spasspartei Die Partei, an dritter Stelle die Linke, auf Platz vier sogar die rechtsextreme NPD. Erst danach kommen CSU, Grüne, SPD und CDU.7 Diese Online-Statistik spiegelt hier mit Sicherheit nicht die Realität wider: Denn bei keiner einzigen Landtagswahl ist die AfD bisher auf Platz 1 gewählt worden. Selbst die AfD behauptet nicht, dass sie bei der Bundestagswahl im Jahr 2017 an erster Stelle liegen wird.

Doch online posten Sympathisanten von rechtspopulistischen Parteien gerne: «Wir sind die schweigende Mehrheit.» Was auch insofern ein Widerspruch ist, als diese Nutzer offensichtlich nicht schweigen, sondern oftmals sehr laut auftreten.

So verwunderlich ist es allerdings nicht, dass einige Bürger diesen Satz von der «schweigenden Mehrheit» für wahr halten. Gerade rechte Parteien haben geschickt daran gearbeitet, für ihre Anhänger eine digitale Parallelrealität masszuschneidern. Die AfD und ihr Umfeld haben binnen kürzester Zeit äusserst viele Facebook-Fanpages, YouTube-Accounts und Websites errichtet. Darüber hinaus weist das rechte Onlinemedium «Compact» eine auffällige Nähe zur AfD auf, die Zeit nennt das Heft gar den «publizistischen Arm der AfD».8 Chefredakteur Jürgen Elsässer soll auf einer Veranstaltung beispielsweise in «Wir»-Form über die kommenden Wahlergebnisse der AfD gesprochen und konkret gesagt haben: «Wir werden in Rheinland-Pfalz über zehn kommen, wir werden in Baden-Württemberg die SPD überholen und wir werden in Sachsen-Anhalt 20 plus x bekommen. Und das muss erreicht werden.»9

In einem internen Papier, genannt «AfD-Manifest 2017», das an die Öffentlichkeit gelangte, erwägt die Partei sogar, weitere «Instrumente der Gegenmacht» einzuführen – etwa ein «eigenes Fernsehstudio, eigener Radiosender, eine eigene Zeitung/Zeitschrift oder andere Publikationen, z. B. Bücher AfD-freundlicher Autoren». Gleichzeitig beschreibt dieses Papier das «verstärkte Ausweichen auf Online-Medien» als «wirksame» mediale Massnahme.10

Es gibt grosse Unterschiede zwischen den rechtspopulistischen Parteien in Deutschland, Österreich und der Schweiz: «Die Positionen der SVP sind eine Mischung aus nationalkonservativen bis hin zu rechtspopulistischen Anliegen. Die Partei hat einen Hybridcharakter, da sie eigentlich von einer etablierten Traditionspartei stammt und ein Teil ihrer Vertreter etwas gemässigter auftritt, ein Teil populistischer», sagt der Schweizer Politologe Michael Hermann, der die Forschungsstelle Sotomo leitet. Die AfD wiederum ist eine Jungpartei in der Aufbauphase. Sowohl die SVP als auch die AfD können von ihren rechten österreichischen Kollegen einiges lernen: Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) hat ein beeindruckendes Ökosystem online errichtet. Im Folgenden ein Einblick in ein paar wesentliche Faktoren, die der FPÖ in ihrer digitalen Gegenerzählung helfen: Im Jahr 2012 startete die Partei FPÖ TV – das ist kein richtiger TV-Sender, sondern ein YouTube-Kanal, auf dem das FPÖ-TV-Magazin erscheint.11 Dieser Wochenrückblick widmet sich Themen wie: «Willkommenskultur ruiniert Sozialstaat Österreich» (23. Februar 2017).12 Oder: «Einwanderung ist kein Grund zum Jubeln» (Beitrag vom 16. Februar 2017).13 Die zehnminütigen Videos erinnern von Optik und Hintergrundmusik an klassische Nachrichtenformate, haben aber wenig mit seriösem Journalismus zu tun. Stattdessen werden Jubelmeldungen geliefert, wie erfolgreich die FPÖ angeblich sei und wie sehr sie sich gegen diverse Feindbilder einsetze.

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Dieses Video generierte 190 000 Aufrufe auf Facebook. Diese Grössenordnung ist für die FPÖ normal.

Quelle: Screenshot Fanpage HC Strache

Die wöchentliche Online-«Sendung» erreicht zwar nur wenige Bürger, denn viele Clips haben nur ein paar Tausend Aufrufe – doch der YouTube-Kanal muss als Teil der Gesamtstrategie verstanden werden. Die FPÖ hat hierbei ein eigenes Videoteam aufgebaut, das Spitzenkandidat Heinz-Christian Strache bei wesentlichen Terminen begleitet: Wichtige Aufnahmen werden dann auch auf Facebook geteilt – wo dann wirklich eine breite Masse mit diesen Videos versorgt wird. Wenn Parteichef Strache zum Beispiel eine Rede über «Islamismus und Terror» hält, wird der Clip davon mehr als 6700-mal gelikt und 3800-mal geteilt. 190 000 Aufrufe hatte dieses Video laut Facebook – und solche Zahlen sind für die FPÖ ganz normal.14

Ein eigenes Videoteam hat den Vorteil, dass der Partei permanent gutes Bildmaterial zur Verfügung steht: Jeden Tag bekommen Fans online den Eindruck, das rechte Lager sei immens erfolgreich. Dabei zeigt sich (ähnlich wie bei der AfD), dass die FPÖ auch manch eine falsche Behauptung verbreitet. Im September 2015 teilte FPÖ-Chef Strache auf Facebook einen vermeintlichen Augenzeugenbericht, wonach Flüchtlinge in Wien einen Supermarkt «überrannt» hätten – sogar eine Spezialeinheit der Polizei hätte demnach dort ausrücken müssen. Dieser Bericht war allerdings erfunden, wie die betroffene Supermarktkette offenlegte. Statt dies daraufhin richtigzustellen, löschte die FPÖ das Posting kurzerhand.15 Hier ist erneut die Absenz einer Fehlerkultur sichtbar, die bei AfD und FPÖ auffällt.

Zweitens ist wichtig: Die Aussagen auf der Fanpage des FPÖ-Chefs erreichen ein Millionenpublikum. Die FPÖ hat den Vorteil (verglichen mit der AfD), dass es ein klares Oberhaupt der Partei gibt und die mediale Strategie auch auf dieses fokussiert ist. Der Leiter des freiheitlichen Kommunikationsbüros, Alexander Höferl, nennt die Fanpage des FPÖ-Chefs die «Drehscheibe unserer Kommunikation», wie die Tageszeitung Kurier berichtet.16 Strache ist mit 569 000 Likes nicht nur der erfolgreichste österreichische Politiker auf Facebook, er liegt im ganzen deutschsprachigen Raum sogar auf Platz 2. Nur die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat noch mehr Anhänger – sie zählt fast 2,4 Millionen Facebook-Fans.17

Die hohen Fanzahlen und starke Interaktion des Parteichef-Accounts führen dazu, dass die Partei dort ein riesiges Publikum erreichen kann. Man kann davon ausgehen, dass viele Beiträge Hunderttausenden Bürgern eingeblendet werden – auf diese Reichweite können viele Medien eifersüchtig sein. Dazu ein Vergleich: Im Schnitt erhalten die Postings des Rechtspopulisten Strache rund 1700 Interaktionen (Likes, Shares, Kommentare), das bezifferte das Analysetool Fanpagekarma.com im März 2017. Österreichs grösste Tageszeitung, die Kronen Zeitung, hat im selben Zeitraum durchschnittlich lediglich 491 Interaktionen pro Facebook-Eintrag. Das verdeutlicht die neuen Machtverhältnisse in der digitalen Öffentlichkeit: Früher profitierten Politiker, wenn Medien sie zu Wort kommen liessen; heute profitieren Medien, wenn online erfolgreiche Politiker ihre Artikel teilen. Solch starke Zahlen bedeuten ausserdem, dass die FPÖ weit weniger auf etablierte Medien angewiesen ist als andere Parteien.

Ausserdem ist wichtig: Im Umfeld dieser Partei sind intransparente Websites entstanden, bei denen unklar bleibt, wie nah sie der FPÖ sind und woher ihr Geld stammt. Das berühmteste (und keineswegs einzige) Beispiel ist unzensuriert.at: Diese Seite betreibt Stimmungsmache ganz nach dem freiheitlichen Weltbild. Gemeinsam mit meinem Kollegen Jakob Winter habe ich einmal zwei Wochen lang sämtliche Artikel auf unzensuriert.at ausgewertet: In den 124 Beiträgen waren die zwei häufigsten Feindbilder Migranten (Platz 1) und etablierte Medien (Platz 2).18 Passend zur Rechtspopulismus-Definition von Ruth Wodak werden gesellschaftliche Probleme einzelnen Minderheiten zugeschoben und ein Antiintellektualismus vorgeführt, der sich oft gegen kritische Journalisten richtet.

Nicht nur in der inhaltlichen Positionierung, auch personell gibt es ein Näheverhältnis zur Partei: Als Geschäftsführer der Website fungiert Walter Asperl, er arbeitet als Referent im FPÖ-Parlamentsklub. Der schon zitierte Alexander Höferl (Leiter des freiheitlichen Kommunikationsbüros) war jahrelang der Chefredakteur des Onlinemediums und ist weiterhin aktives Mitglied der Redaktion.

unzensuriert.at ist für seine harte Berichterstattung bekannt. Schreibt in etablierten Medien ein Redakteur oder eine Redakteurin kritisch über die FPÖ, ist die Chance hoch, dass ihm oder ihr dort äusserst harte Artikel gewidmet werden. Die Leserkommentare im Forum sind besonders aggressiv – das reicht bis zum Aufruf, das Foto einer Journalistin solle für Schiessübungen ausgedruckt werden. Dieses Posting wurde von unzensuriert.at nicht von selbst entfernt, sondern erst, nachdem es per Rechtsanwaltsbrief dazu aufgefordert worden war.19 Eine der unbehaglichsten Facetten an unzensuriert.at ist, wie viele aggressive und beleidigende Kommentare dort ungelöscht stehen bleiben.

Die neuen alternativen Medien, die mitunter ein Näheverhältnis zu Parteien aufweisen; die vielen Facebook-Accounts und auch YouTube, die Rechtspopulisten einrichten; solche Kanäle ermöglichen es «besorgten» Bürgern, sich online in eine Echokammer voller Wut und Angst zu begeben – in der sie dann permanent mit parteigenehmer Information versorgt werden können. In Österreich hat die FPÖ sogar einen WhatsApp-Dienst eingerichtet, bei dem Nutzer aufs Handy Nachrichten von der Partei erhalten.

Als Echokammer versteht man digitale Onlineräume, in denen Nutzer vor allem mit Gleichdenkenden kommunizieren und Information von Seiten mit gleichem Weltbild beziehen. Solche Echokammern sind auf Facebook bereits messbar. Wie Wissenschaftler vom Labor für Computational Social Science in Lucca (Italien) sogar in mehreren Untersuchungen feststellten, bleiben Nutzer oftmals online konzentriert unter Gleichdenkenden.20

Gerade die Rhetorik der Rechtspopulisten fördert die Entstehung von Echokammern: Denn Rechtspopulisten empfehlen ihren Anhängern eine mediale Abschottungsstrategie. Der US-Präsident Donald Trump sagte im Wahlkampf einst sogar: «Vergesst die Presse, lest das Internet.»21 Welchen Teil des Internets er meinte, kann man sich vorstellen: Trumps Chefstratege im Weissen Haus, Steve Bannon, ist eine der wichtigsten Figuren des rechten Onlinemediums Breitbart News.

Der (bisher) fehlende Wettbewerb

Es gibt noch einen weiteren Grund für die Stärke der Rechtspopulisten im Netz: die Schwäche ihrer Mitbewerber. Rechtspopulisten sind oft beeindruckend fleissig online, sie haben frühzeitig (siehe FPÖ) eigenes Personal dafür abgestellt. Im Vergleich dazu fällt es früheren Grossparteien mit sehr eingespielten (dafür aber starren) Strukturen oft schwerer, ihr Kommunikationsbudget so umzustellen, dass genügend Mitarbeiter und Ressourcen für Social Media freigemacht werden. Im schlimmsten Fall enden Social-Media-Kampagnen kurz nach der Wahl – anstatt dass sie sich beharrlich eine richtige «Fanbase» aufbauen.

Doch es gibt mittlerweile auch Beispiele, wo Rechtspopulisten online ausgebootet wurden. Dies passierte bei der Bundespräsidentenwahl 2016 in Österreich – jener Wahl, bei der wir Österreicher wegen einer höchstgerichtlichen Wahlaufhebung insgesamt dreimal unsere Stimme abgeben mussten. Am Ende siegte der frühere grüne Parteichef Alexander Van der Bellen und nicht der rechtspopulistische Kandidat Norbert Hofer (FPÖ). Auch online konnte Van der Bellen seinem rechtspopulistischen Gegner die Stirn bieten – weil sein Team ebenfalls auf Emotion setzte.

Das meistgesehene Facebook-Video im Wahlkampf zeigt eine 89-jährige Wienerin namens Gertrude. Die Frau sieht nachdenklich in die Kamera und sagt: «Die Beleidigung anderen gegenüber, das Runtermachen, das Schlechtmachen, das stört mich am allermeisten. Keine Achtung vor dem anderen. Das Niedrigste aus dem Volk, aus den Leuten herausholen – nicht das Anständige, sondern das Niedrigste. Und das war schon einmal der Fall.» Frau Gertrude (ihr Nachname bleibt anonym) erinnert sich im Video an den Nationalsozialismus, zum Schluss meint sie: «Für mich ist das wahrscheinlich die letzte Wahl. Ich hab nimmer viel Zukunft. Aber die Jungen haben ihr ganzes Leben noch vor sich. Und die müssten selber schauen, dass es ihnen weiterhin gut geht. Das können sie nur, wenn sie vernünftig wählen.» Zuallerletzt bekommen die Zuseher die Information eingeblendet, dass Gertrude als 16-Jährige mit ihren Eltern und ihren Brüdern nach Auschwitz deportiert wurde – und als Einzige überlebte. Dieses Video wurde 3,7 Millionen Male abgespielt und fast 67 000-mal geteilt.22 Ganz zum Schluss des Wahlkampfs hatte es das Social-Media-Team des früheren Grünen-Chefs geschafft, den Rechtspopulisten auch bei der Interaktion auf Facebook zu überholen – wie die Agentur Spinnwerk kurz vor der Wahl analysierte.

Das Beispiel zeigt: Der Aufstieg der Rechtspopulisten ist auch im Internet kein Naturgesetz – wobei politische Mitstreiter ebenfalls emotionale Inhalte brauchen, um starke Reichweite erlangen zu können.

Der Weg aus der Echokammer

Selbst wenn andere Parteien online zunehmend professionell werden, löst das nicht das grössere Problem der Fragmentierung im Netz. Im Gegenteil: Womöglich wachsen einfach noch umfassendere Echokammern heran. Das Problem an solch homogenen Räumen ist, dass Bürger darin wenig mit widerstrebenden Meinungen und unliebsamen Fakten in Kontakt kommen. Dabei legen Untersuchungen ausserhalb des Internets nahe, wie wichtig das Gespräch mit Andersdenkenden ist: Eine Studie der University of Wisconsin kam zum Ergebnis, dass Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz sehr heterogene Netzwerke haben, politisch besser informiert sind.23 Es lohnt sich also, mit vielen unterschiedlichen Menschen zu sprechen – und auch Software könnte Pluralismus als Wert stärker berücksichtigen.

Nehmen wir Facebook: Das soziale Netzwerk könnte eruieren, ob ein Posting in unterschiedlichen Echokammern positives Feedback erhält. Das wäre ein starkes Signal, dass es sich hier um einen gesellschaftlichen Konsens handelt. Zum Beispiel könnte die Software derartige gesellschaftsübergreifende, positive Signale als einen wichtigen Massstab für den Algorithmus verwenden – und das Gemeinsame vor das Trennende stellen. (Fairerweise muss man sagen: Wir wissen nicht, ob es derartige Versuche von Facebook schon gab – dies wird ja nicht im Detail erklärt.)

Im Grunde geht es darum, dass ein Unternehmen wie Facebook durchaus Fenster in die eigene Echokammer einbauen könnte. Ein weiteres Beispiel: Ich plädiere gern für einen «Überrasch mich»-Knopf. Wenn ein Nutzer diese Funktion freiwillig aktiviert, könnte er einmal am Tag eine Meldung sehen, die ihm Facebook früher nicht eingeblendet hätte – die aber in einer fremden Echokammer gerade populär ist. So könnte man mitbekommen, worüber Menschen reden, die ganz anders sind als man selbst. Wäre ein solches Feature wirklich erfolgreich? Wir wissen es nicht, es wurde uns noch nie angeboten.

Was jeder tun kann

Etliche Faktoren führen zum digitalen Erfolg der Rechtspopulisten, manches liesse sich aber ändern – etwa durch mehr Mitbewerb oder weniger boulevardeske Software. Die Zivilgesellschaft und jeder einzelne Bürger können auch auf eine bessere Fehlerkultur pochen. In Online-Diskussionen lohnt sich die Frage: «Woher hast du diese Information?» Oder: «Kannst du diese Aussage mit einem Link belegen?» Zwar wird kaum ein aufgebrachter Nutzer durch solche Nachfragen seine Meinung ändern, aber hier geht es eher darum, dass Mitlesende erkennen können, ob jemand gerade unseriöse Quellen oder irreführende Behauptungen von Politikern zitiert. Seiten wie Mimikama.at decken viele Fälschungen auch auf – sie bieten engagierten Bürgern also auch argumentative Unterstützung.

Gleichzeitig kann jeder einzelne Nutzer auch darauf achten, dass sein Verhalten nicht ausgerechnet umstrittene Postings befördert: Anstatt besonders provokante Wortmeldungen von Populisten zu kommentieren (was der Algorithmus als Interaktion wertet), lässt sich ein Screenshot davon machen – eine Bildschirmaufnahme. Das Bild des Postings kann man dann selbst auf Facebook teilen und beispielsweise dazuschreiben: «Achtung, diese Aussage ist falsch. Mehr Informationen findet man unter …» In diesem Fall werden die eigenen Freunde über die Fehlinformation informiert – das inhaltlich falsche Posting profitiert aber nicht von weiteren Kommentaren oder Shares.

Ein Aspekt ist hier noch relevant: Wer die Beiträge von Rechtspopulisten online kommentiert, liefert sich auch deren Moderation aus. Sowohl die AfD als auch die FPÖ löschen mitunter Widerspruch (selbst sachlich formulierte Kommentare). Es ist sehr unrealistisch, dass eine faire, ausgewogene Diskussion ausgerechnet auf den Accounts politischer Provokateure stattfinden wird. Wer mit Sympathisanten dieser Parteien auf Augenhöhe diskutieren will, dem empfehle ich, das lieber in breiter angelegten Gruppen oder auf anderen Facebook-Seiten zu machen – dort, wo nicht die Partei selbst entscheidet, was stehen bleiben darf.

Das Netz sollte ursprünglich ja ein Werkzeug der Aufklärung sein. Derzeit sehen wir, dass dies nicht automatisch so sein muss – und es sehr wohl möglich ist, dieses Werkzeug genau für das Gegenteil einzusetzen: Wut zu schüren, Abschottung zu propagieren, Falschmeldungen zu verbreiten. Wir sind in einer wichtigen Phase der Digitalisierung angekommen, in der es darum geht, sicherzustellen, dass dieses Versprechen aus der Frühphase des Internets doch noch eingelöst wird.

Journalismus zwischen Fake News, Filterblasen und Fact-Checking

Colin Porlezza

Die Digitalisierung hat das Medien-Ökosystem enorm verändert. Social Media spielen darin als Nachrichtenquelle eine zentrale Rolle. Gleichzeitig entstehen im Netz regelrechte Propagandamaschinen, die Desinformationskampagnen betreiben und für die Verbreitung ihrer Fake News Plattformen wie Facebook benützen. Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf den Journalismus, wie geht er damit um, und was kann er dagegen unternehmen? Auf diese und weitere Fragen versucht der Autor in diesem Beitrag eine Antwort zu finden.

«Ich werde Ihnen keine weitere Frage gewähren. Sie sind Fake News.» Donald Trump nutzte seine erste Pressekonferenz vom 11. Januar 2017 als designierter Präsident, um vor den im Trump Tower versammelten Journalisten zum Angriff auf die Medien zu blasen. Mit seiner Aussage wandte er sich im Speziellen an den Journalisten Jim Acosta des Nachrichtensenders CNN. Dieser hatte im Vorfeld kritisch darüber berichtet, wie Russland angeblich belastendes Material über Trump gesammelt habe. Aus diesem Grund wollte Acosta an der Pressekonferenz dem in die Kritik geratenen Präsidenten eine Frage stellen – was ihm schliesslich aber verwehrt wurde.

Kurze Zeit später legte Kellyanne Conway, die Beraterin des US-Präsidenten, in einem Interview mit CBS den Ausdruck der «alternativen Fakten» nach. Conway verteidigte damit die Aussagen des Pressesprechers des Weissen Hauses, Sean Spicer, über die angeblich rekordhohen Besucherzahlen während Donald Trumps Vereidigung – obwohl die Luftaufnahmen von der National Mall das Gegenteil bewiesen. Conway läutete damit eine neue Runde im Kampf mit den Medien um die Deutungshoheit ein: Es ging nicht mehr darum, die Medien der gezielt falschen Berichterstattung zu bezichtigen, sondern darum, selber Fakten ins «rechte» Licht zu rücken – was nichts anderes bedeutet, als dass falsche Tatsachen als Fakten verkauft werden.

Vorhang auf zum «postfaktischen Zeitalter»?

Gerade Pressekonferenzen scheinen für die Beurteilung des aktuellen medialen Ökosystems und den Umgang mit Fakten generell von Bedeutung. Das trifft nicht nur auf die Situation jenseits des Atlantiks zu, sondern lässt sich auch in den hiesigen Breitengraden beobachten. Am 19. September 2016 äusserte sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel an einer Bundespressekonferenz zum aktuellen Umgang mit Fakten und kam zum Schluss, dass das Problem nicht nur Fake News umfasse, sondern grundlegender Natur sei: «Es heisst ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heissen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen.» Genauso wie in den USA Fake News für den Sieg von Donald Trump verantwortlich gemacht wurden (dazu später mehr), versuchte Angela Merkel das Wahldebakel der CDU in Berlin dadurch zu erklären, dass Menschen sich mehr für gefühlte Wahrheiten als Fakten interessierten.

Fakt ist jedenfalls, dass der Ausdruck «postfaktisch» 2016 von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zum Ausdruck des Jahres gewählt wurde. Die GfdS begründete ihre Wahl folgendermassen: «Das Kunstwort postfaktisch, eine Lehnübertragung des amerikanisch-englischen ‹post truth›, verweist darauf, dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. […] Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der ‹gefühlten Wahrheit› führt im ‹postfaktischen Zeitalter› zum Erfolg […].»1 Allerdings verfügt «post truth» über eine längere Begriffsgeschichte, als diese Auszeichnung suggeriert: bereits 2004 veröffentlichte der US-amerikanische Autor Ralph Keyes ein Buch mit dem Titel «The post-truth era; Dishonesty and deception in contemporary life».

Postfaktizität ist in der Politik nichts Neues. Bereits zur Zeit des Kalten Krieges frisierten beide Blöcke Statistiken, um die Zahlen besser aussehen zu lassen, als sie in Wahrheit waren – und um keine Schwächen zu zeigen. Dies änderte sich auch in den vergangenen Jahren nicht: Colin Powells Rede vor dem Uno-Sicherheitsrat im Jahr 2003, in der der damalige US-Verteidigungsminister einen Einmarsch in den Irak mit der Existenz von Massenvernichtungswaffen begründete, zeigte ebenfalls, dass politische Entscheidungen unabhängig von Fakten getroffen wurden – weil man daran glauben wollte. Als der einflussreiche amerikanische Senator Newt Gingrich in einem Fernsehinterview während des republikanischen Parteitags behauptete, die Kriminalitätsrate sei in den USA gestiegen, dann aber mit Statistiken konfrontiert wurde, die das Gegenteil zeigten, antwortete dieser, dass dies nichts bedeute. Es könne schon sein, dass dies Fakten seien, doch er verlasse sich lieber auf das Gefühl der Menschen. Dieses «Bauchgefühl», das der subjektiven Wahrnehmung mehr Bedeutung zuschreibt als dem effektiven Wahrheitsgehalt, wurde von Stephen Colbert, einem amerikanischen Satiriker, mit dem englischen Wort «truthiness» beschrieben – und wurde in den USA bereits 2005 zum Wort des Jahres gekürt.

Der postfaktische Diskurs geht über simple Wissenschaftsfeindlichkeit hinaus. Es geht dabei vor allem um den schamlosen Gebrauch von Lügen in der Politik mit der Absicht, das Publikum hinters Licht zu führen. Eduard Kaeser hat dies in einem kurzen Aufsatz als politisches Szenario des «Bullshits» umschrieben.2 Donald Trump trete als Maestro der Unwahrheit auf, indem er sich einen Dreck um die Folgen seiner Widersprüche schere, dies aber offen zugibt und dadurch sogar an Glaubwürdigkeit gewinnt – zumindest unter seiner Wählerschaft: «Er tritt auf mit dem Habitus: Seht doch, ich bin der, als den ihr Politiker schon immer sehen wolltet – ein Behaupter, Wortverdreher, Lügner! Ich bin nur ehrlich – ehrlich unehrlich!»

Hinter der Ménage-à-trois zwischen Fake News, alternativen Fakten und postfaktischem Zeitalter verbergen sich jedoch weit komplexere Dynamiken, die mit dem neuen medialen Ökosystem im Zusammenhang stehen. Es geht dabei nicht nur um Donald Trumps Gebrauch von Fake News als rhetorischer Granate, wie dies der britische Journalismusforscher Charlie Beckett beschreibt. Und es geht auch nicht um ein angeblich neues Zeitalter, in dem Faktizität keine Bedeutung mehr hat.

Zur Debatte steht das Vertrauen in die Medien und wie Journalisten und User mit den technischen, ökonomischen, sozialen und politischen Herausforderungen von digitalen Kommunikationsmitteln umgehen. In Zeiten, in denen Medien unser Leben prägen, sodass wir – wie dies der belgische Medienwissenschaftler Mark Deuze beschreibt – zu regelrechten Medienzombies verkommen, sind Fragen über den Wahrheitsgehalt von Informationen systemrelevant.3 Wenn das Vertrauen in die Medien immer weiter abnimmt, dann wird nicht nur die gesellschaftliche Funktion des Journalismus immer häufiger grundsätzlich infrage gestellt, sondern der Graben zwischen Medien und Publikum vergrössert sich zusehends – sodass eher von einem «Post-trust»-Zeitalter die Rede sein sollte.

Soziale Medien wie Facebook, die selbst keine journalistischen Inhalte produzieren, werden je länger, je mehr zur wichtigsten Nachrichtenquelle. Wie Daten des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich zeigen, benützt in der Schweiz schon heute knapp ein Viertel (22 Prozent) aller jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren Social Media als Hauptinformationsquelle. Dieser Trend wird dadurch begünstigt, dass Smartphones den Zugriff auf Medieninhalte vereinfachen – ein Umstand, der durch die im Vergleich zu anderen Ländern hohe Durchdringung mit mobilen Geräten noch zusätzlich verstärkt wird: 81 Prozent der Befragten geben an, ein Smartphone zu verwenden, wobei 61 Prozent davon das Gerät auch für den Medienkonsum verwenden.4 Dadurch beeinflussen Facebook & Co. immer stärker die mediale und politische Öffentlichkeit, ohne dabei jedoch die Verantwortung für die geteilten Inhalte zu übernehmen. Denn ob die Inhalte wahr oder falsch sind, spielt beim Teilen der News keine entscheidende Rolle.

Der zunehmende Nachrichtenkonsum in den sozialen Medien ruft ein weiteres Problem hervor, da Plattformen wie Facebook den Usern aufgrund eines Algorithmus stets nur diejenigen Inhalte liefern, die ihren Interessen entsprechen. Dadurch entstehen digitale Filterblasen, die dazu führen, dass Nutzer dieser Plattformen sich nur noch mit News auseinandersetzen, die ihren eigenen Überzeugungen entsprechen. Darunter leidet das generelle Mediensystemvertrauen, da Nutzer nur noch ihrem eigenen Netzwerk von Freunden und den darin verwendeten Medienunternehmen vertrauen. Denjenigen Medien, die ausserhalb dieser Blase positioniert sind, schlägt deshalb vermehrt Misstrauen entgegen – auch in Form von Anschuldigungen wie «Lügenpresse». Radio SRF3 kürte «Filterblase» denn auch zum Unwort des Jahres 2016.

Zwar hängt die Diskussion rund um diese Phänomene zu einem grossen Teil mit den Irrungen und Wirrungen des US-Präsidentschaftswahlkampfs zusammen, zumal dem Thema der Fake News erst dadurch die für eine öffentliche Debatte nötige Aufmerksamkeit zuteilwurde. Die dysfunktionalen Auswirkungen gehen aber über die Probleme der Wahlkampfberichterstattung hinaus, da sie Aspekte wie das Mediensystemvertrauen, die journalistische Produktion, den Medienkonsum und den Umgang mit digitalen Kommunikationstechnologien, allen voran der sozialen Medien, betreffen. Wenn es um eine Auseinandersetzung mit dem Thema Fake News geht, gilt es deshalb drei Dinge zu beachten: Was genau sind Fake News? Wie entstehen Fake News bzw. wie verbreiten sie sich? Und welche Auswirkungen haben Fake News auf das mediale Ökosystem? Im Folgenden sollen diese Fragen vor allem anhand von Studien und Ergebnissen aus der Medien- und Journalismusforschung behandelt und erläutert werden. Das Kapitel erörtert darüber hinaus auch die Verantwortung, die den Medien und Journalisten bei der Berichterstattung über notorische Lügner und der Bekämpfung der wachsenden Desinformation zukommt. Und nicht zuletzt wirft das Kapitel auch einen Blick auf die Praktiken und Instrumente, die den Journalisten zur Verfügung stehen, um Unwahrheiten richtigzustellen und deren Weiterverbreitung entgegenzutreten.

Eine Typologie der Fake News

Die Geschichte von Falschmeldungen reicht weit über das Internet hinaus. Sie dürfte nämlich so alt wie die menschliche Kommunikation selbst sein. Seit Menschen der Kommunikation mächtig sind, ist es möglich, dass Gerüchte oder Unwahrheiten beabsichtigt oder unbeabsichtigt weitergegeben werden. Allerdings gilt es zunächst zu analysieren, welche Arten von Falschinformationen es überhaupt gibt, zumal in der alltäglichen Medienberichterstattung zum Thema Fake News unterschiedliche Typologien der Desinformation synonym verwendet werden. Einerseits wird immer wieder auf das Gerücht als gewichtiges Element in der (Online-)Kommunikation, aber auch als Teil des zunehmend webbasierten US-Wahlkampfs verwiesen, der eine «growing cultural vulnerability to rumor» aufweist.5 Andererseits verweisen journalistische Fake-News-Analysen auch auf Lügen und Falschmeldungen, die an Einfluss und Relevanz gewonnen hätten. Inwiefern unterscheiden sich diese Typen der Desinformation?

Etymologisch geht der Begriff des Gerüchts auf den aus dem Mittelhochdeutschen stammenden Ausdruck «gerüefte» zurück, der so viel wie «Zetergeschrei» bedeutet.6 Ursprünglich war das «Zetergeschrei» eine rechtlich definierte Praxis, die mit einem Hilfeschrei umschrieben werden kann. Personen mussten dabei öffentlich kundtun, wenn sie einem Verbrechen zum Opfer fielen, was die umstehenden Personen dann wiederum zur Hilfeleistung verpflichtete. Erst im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts erhält der Begriff, wie dies Meyers Konversationslexikon 1938 festhält, die Konnotation einer «unbestätigten, ungewissen Kunde», die sich «formlos und ungreifbar […] von Mund zu Mund [fortpflanzt]».7

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