Logo weiterlesen.de
Sklavenmarkt der Leidenschaft

1. KAPITEL

Der Venustempel, King Street, St James’s, London, Mai 1814

Die Uhr schlug zur nächsten vollen Stunde. Elf. Laurel presste ihre gefesselten Hände zusammen und spürte, wie die Nägel sich schmerzhaft in die Handflächen gruben. Jetzt würde es geschehen. Sie musste zwar jede Hoffnung aufgeben, aber sie würde nicht kampflos untergehen. Sie würde sich wehren und jeden widerlichen Mann ihre Nägel spüren lassen, der sie kaufen sollte. Obwohl es zu nichts führen würde. Sie wünschte, ihre Fingernägel wären länger. Sie wünschte, sie hätte ein Messer. Sie betete darum, nicht in Tränen auszubrechen.

Mit letzter Kraft zwang Laurel sich, aufrecht zu stehen und nicht vor Entsetzen zusammenzubrechen. Sie war außer sich vor Angst, das musste sie zugeben, aber sie würde ihnen nicht die Befriedigung verschaffen, es sich anmerken zu lassen. Ihre Hände zitterten, ihr Magen fühlte sich hohl an, dennoch war sie kein verschüchtertes Opfer, selbst wenn sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, weil ihre Vorstellungskraft ihr die fürchterlichsten Dinge vorgaukelte.

Barfuß und in einem langen weißen Leinenhemd, das Haar fiel ihr offen bis zu den Schultern, stand sie in einem fast dunklen Vorraum. Patrick, dachte sie sehnsüchtig, als die zwei jungen Frauen, die sie flankierten, ihre Arme packten. Im Gegensatz zu Laurels jungfräulichem Weiß waren beide nur knapp in purpurrote Seide gekleidet und stark geschminkt.

Wie konnte der Name eines Mannes, den sie nur wenige Tage gekannt hatte, ihr so viel Kraft geben? Trotz der kurzen Zeit, die sie sich gekannt hatten, war es Laurel nicht möglich gewesen, ihn zu vergessen.

Patrick, dachte sie wieder und wieder, während sie durch eine Tür geführt wurde, hinter der sie eine wahre Flutwelle der Gerüche empfing – Wein und Rauch, schweres Parfum und scharfe Gewürze.

Laurels Magen zog sich heftig zusammen, die Knie begannen ihr zu zittern, doch sie trug den Kopf hoch erhoben. Patrick. Er war immer ein unerreichbarer Traum für sie gewesen, und das vom ersten Augenblick an, als sie ihm in der Herberge in Martinsdene begegnet war. Hochgewachsen und ernst, war er in seiner Eigenschaft als privater Ermittler ganz aus Cornwall gekommen, um zwei Frauen zu finden, die vermisst wurden und die zu Laurels Freundinnen zählten. Von Anfang an hatte Laurel sich in seiner Gegenwart schwach vor Sehnsucht gefühlt, ohne dass sie es sich hatte erklären können. Drei Tage hatte sie damit verbracht, ihm bei seiner Suche nach Lina und Bella Shelley zu helfen, und er seinerseits hatte ihr den Schlüssel zu einer neuen Zukunft überreicht, als er ihr von ihrer alten Freundin Meg erzählt hatte, in deren Diensten er stand.

Während Laurel jeden Mut zusammennahm und ihre bebenden Beine zwang, weiterzugehen, erinnerte sie sich an das feurige Gefühl, das sie erfasst hatte, als sie ihm an seinem dritten und letzten Nachmittag in Martinsdene in die Augen geschaut hatte. Etwas in seinem Blick hatte sinnliche Empfindungen in ihr geweckt, deren sie sich bisher nie bewusst gewesen war. Von Anfang an hatte etwas an ihm sie verzaubert.

Patrick Jago, ruhig und intelligent, vermochte es, Laurel auf eine wundersame Weise, die sie nicht begriff, das Gefühl zu geben, gleichzeitig beschützt und wehrlos zu sein. Sein Blick hatte ihr gesagt, dass er ein Mann und sie eine Frau war, und sie beide nicht mehr zu wissen brauchten als das. Er wird mich jetzt küssen, hatte sie gedacht. Doch nichts war geschehen. Vielleicht hatte sie sich geirrt und er empfand doch nichts für sie. Vielleicht ließ es seine Ehre nicht zu, eine junge unschuldige Dame auszunutzen.

Und so war sie vernünftig genug gewesen, zu fliehen – nicht vor ihm, sondern vor ihrer eigenen närrischen Vorstellung, er sei der Mann, auf den sie ihr ganzes Leben lang gewartet hatte. Denn mehr konnte es nicht gewesen sein – nur ein Hirngespinst.

Allerdings wäre es sicherer für mich gewesen, hätte ich mich ihm an den Hals geworfen, dachte sie verbittert wie schon so oft in den vergangenen zwei Tagen. Stattdessen hatte sie sich, unschuldiges Lamm, das sie war, auf andere Weise in Gefahr gebracht. In einer Herberge war sie von gerissenen Unholden geschnappt worden, während sie herauszufinden versucht hatte, wo sie in die Postkutsche umsteigen musste.

Inzwischen hatten ihre Begleiterinnen sie auf eine Bühne geführt, wo sie ihre Hände mit Metallschellen an zwei klassizistische Säulen fesselten. Die hässliche Wirklichkeit riss Laurel abrupt aus ihren Gedanken.

Der Lärm war wie das Rauschen des Meeres und schien sie verschlingen zu wollen. Sie versuchte, den unbeholfenen Versuch, einen römischen Sklavenbasar auferstehen zu lassen, mit einem herablassenden Lächeln abzutun. Aber es wollte ihr nicht gelingen. Die Bühnenkulisse war zwar hohl und falsch, dennoch würden Gefangenschaft und Schändung nur allzu real sein.

Widerwillig ließ sie den Blick über die Menge von Männern schweifen, die sich vor der Bühne zusammendrängten. Sie brüllen wie Tiere, dachte sie schockiert. Dabei bin ich sicher, dass jeder sich für einen aufrechten Mann hält. Die meisten werden sogar eine Frau und womöglich Töchter haben.

Patrick. Lieber Himmel, jetzt begann sie in ihrer Verzweiflung schon, Dinge zu sehen, die es nicht gab. Laurel starrte die hochgewachsene Gestalt in der dritten Reihe an. Es ist Patrick. Er ist wirklich. Er hat mich gefunden. Ihr wurde ganz schwach vor Erleichterung, bis ihr einfiel, dass er unmöglich von ihrer Reise nach London wissen konnte. Er hatte sie also nicht gesucht, und der einzige Grund für seine Anwesenheit musste die gleiche brutale Lust sein, die auch die anderen Männer hierhergelockt hatte.

Das war das Einzige, was ihren Mut hätte brechen können. Ich hielt dich für vollkommen. Ich dachte, du wärst der Mann, den ich mir erträumt hatte, und jetzt weiß ich, dass du genauso bist wie alle anderen. Sie hatte sich sogar vorgestellt, wie es wäre, sich ihm hinzugeben, ihm ihre Unschuld zu schenken. Und stattdessen befand er sich an diesem fürchterlichen Ort. Laurels Knie drohten unter ihr nachzugeben. Bittere Enttäuschung und wachsendes Entsetzen schnürten ihr die Kehle zu.

Er schien zu merken, dass sie ihn erkannt hatte, denn er verzog den Mund zu einem flüchtigen Lächeln, das jedoch nicht seine Augen erreichte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Sklavenmarkt der Leidenschaft" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen