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Skandal um die Millionenerbin

1. KAPITEL

In zwei Wochen würde sie heiraten.

Schon in zwei Wochen.

Charlotte Ramsey wusste, dass sie eigentlich glücklich sein sollte.

Aber sie war es nicht.

Die letzte Zeit hatte sie damit verbracht, sich in Optimismus zu üben, doch vergebens. Es hatte nicht funktioniert. Obwohl sie sich immer wieder gesagt hatte, dass sie sich unter gar keinen Umständen von ihrem Vater in ihren Gefühlen beirren lassen durfte, war er doch längst dabei, genau dies zu tun. Deshalb musste sie das Problem lösen.

Und zwar schnellstens.

Noch vor heute Abend.

Sie war so nervös, dass sie Magenschmerzen hatte, ihre Gedanken drehten sich im Kreis, während sie die einstündige Fahrt von der Innenstadt Sydneys zum Familiensitz in Palm Beach hinter sich brachte.

Es war ihr schlicht unmöglich, sich auf ihre Hochzeit zu freuen, solange sich ihr Vater gegenüber dem Mann, den sie heiraten wollte, so unmöglich benahm. Unerträglich, wie er Mark an Weihnachten behandelt hatte, und wenn sich das heute Abend wiederholte … bei dem Gedanken wurde ihr das Herz schwer. Es tat weh, richtig weh. Sie musste mit ihm reden, musste ihn überzeugen, dass er unmöglich so weitermachen konnte.

Okay, er war nicht einverstanden mit Mark. Sinnlos darauf zu bauen, dass er seine Meinung irgendwann ändern würde. Mark war einfach kein Schwiegersohn nach seinem Geschmack. Trotzdem war er für sie genau der Richtige – einen besseren Mann würde sie nicht finden – und bestimmt konnte sie ihren Vater überzeugen, dass es ein Gebot der Fairness war, ihre Wahl zu respektieren.

Der Hochzeitstermin rückte unaufhaltsam näher.

Diesmal musste ihr Vater sie einfach anhören.

Ihre Wangen begannen zu brennen, als sie sich an das heftige Wortgefecht erinnerte, das sie sich wegen ihrer Verlobung mit ihm geliefert hatte. Aber wie hätte sie ihm nicht widersprechen sollen? Sollte sie sich vielleicht von ihrem Vater vorschreiben lassen, wen sie zu heiraten hatte?

„Ich heirate ihn aber, Dad, und wenn du dich auf den Kopf stellst!“

Eine Ankündigung, die bei ihm einen Wutanfall ausgelöst hatte.

„Du bist wirklich sturer, als dir guttut, Charlotte. Mark Freedman heiraten … was um Himmels willen siehst du bloß in dem Mann? Er ist ein Playboy, kein …“

„Kein Bulle an der Börse, ganz recht“, fiel sie ihm heftig ins Wort. „Und genau das ist es, was ich an ihm liebe. Dass er für mich da ist und nicht ständig im Ausland herumtingelt.“ So wie es ihr milliardenschwerer Vater sein ganzes Leben lang getan hatte. „Er genießt es, mit mir zusammen zu sein. Wir haben jede Menge Spaß.“

„Spaß!“, hatte ihr Vater verächtlich geschnaubt. „Durch deine Adern fließt mein Blut, Mädchen. Freedmans Art Spaß wird dir bald zum Hals heraushängen. Im Moment ist das alles noch neu für dich, aber das hält nicht an. Meinetwegen kannst du dich ruhig eine Weile mit ihm amüsieren, aber deshalb heiratet man doch nicht gleich! Die Ehe ist ein ernstes Geschäft.“

„In meinen Augen ist die Ehe überhaupt kein Geschäft, das ist es ja eben“, hatte sie ihm entgegengeschleudert, erbost darüber, wie verächtlich er von ihrer Beziehung zu Mark sprach. „Es geht darum, geliebt zu werden. Und ich bin mir ganz sicher, dass ich geliebt werde.“

„Das wird nicht anhalten“, hatte ihr Vater geknurrt.

Doch Charlotte wusste, dass er sich irrte. Sie war dreißig Jahre alt. Sie wünschte sich Kinder. Genau wie Mark. Sie waren glücklich miteinander und freuten sich auf ihre gemeinsame Zukunft. Und natürlich war er kein Playboy. Das war nur so ein Gerede von ihrem Vater, mit dem er Mark niedermachen wollte. Mark war ein höchst erfolgreicher Eventmanager, und sie freute sich schon jetzt darauf, nach der Hochzeit mit ihm zusammenzuarbeiten.

Aber sie wollte sich ihrem Vater nicht völlig entfremden.

Während der letzten Monate hatte es fast so ausgesehen, als ob er Mark – wenn auch murrend – in den Familienkreis aufgenommen hätte, aber an Weihnachten … es war grauenhaft gewesen, entsetzlich. So etwas durfte sich nie wiederholen, das musste sie unter allen Umständen noch vor der Hochzeit sicherstellen. Oder genauer gesagt vor der Silvesterparty heute Abend auf der Jacht. Wenn da ihr Vater Mark wieder so von oben herab behandelte … dann konnte sie für nichts mehr garantieren.

Charlotte atmete tief durch, ihre Brust fühlte sich plötzlich so eng an. Beim Blick auf die Uhr am Armaturenbrett sah sie, dass die Mittagszeit vorüber war. Es war fast zwei. Mit etwas Glück würde sie es vielleicht schaffen, ihrem Vater ein kurzes Gespräch unter vier Augen abzutrotzen. Sie musste es schaffen.

Mark hatte sie etwas von einer langen Sitzung im Schönheitssalon erzählt, wegen der Silvesterparty am Abend. Besser, wenn er von dem Gespräch mit ihrem Vater nichts erfuhr. Sie würde es möglichst kurz machen, sodass sie bis zum späten Nachmittag wieder in ihrer gemeinsamen Wohnung in Double Bay war, wo Mark dann bestimmt schon auf sie wartete.

Während sie am Nordstrand von Sydney entlangfuhr, überlegte sich Charlotte zum hundertsten Mal, was sie sagen wollte. Und wenn es ihr dann – hoffentlich – gelungen sein würde, ihren Vater von ihrem Standpunkt zu überzeugen, blieb ihr nur noch zu hoffen, dass er sich an die vereinbarten Spielregeln in Zukunft auch hielt.

Nachdem sie ihr Ziel erreicht hatte und aus ihrem Mercedes ausgestiegen war, war sie wild entschlossen zu gewinnen, einfach weil sie gewinnen musste. Doch das erste Hindernis kündigte sich bereits an, als sie in das Foyer stürmte und sah, dass der Butler einen Servierwagen mit mehreren Kaffeegedecken zum großen Salon schob.

„Haben meine Eltern Gäste, Charles?“

„Guten Tag, Miss Charlotte“, erwiderte Charles mit einem tadelnden Unterton in der Stimme, der sie daran erinnern sollte, dass gute Umgangsformen im Hause Ramsey immer noch groß geschrieben wurden. Er war ein hochgewachsener Mann in den Fünfzigern, der in Haushaltsangelegenheiten die absolute Autorität innehatte, zudem war er ein gnadenloser Verfechter untadeligen Benehmens.

Sie verzog peinlich berührt das Gesicht. „Ihnen auch einen guten Tag, Charles. Bitte entschuldigen Sie, aber ich bin in Eile. Ich muss unbedingt kurz mit Dad sprechen.“

Er deutete auf die Flügeltür zum großen Salon. „Mr. Ramsey hat Gäste. Ihr Herr Bruder mit einem seiner Freunde aus London, Mr. Damien Wynter. Mrs. Ramsey ist außer Haus, sie nimmt einen Termin bei ihrem Friseur wahr.“

Charlotte runzelte die Stirn. Gut, dass ihre Mutter aus dem Weg war, aber dass sie jetzt erst Peters Freund kennenlernen und zumindest ein paar Takte mit ihm reden musste, war mehr als ärgerlich. Außerdem würde ihr Vater unter diesen Umständen wahrscheinlich wenig Neigung verspüren, sich mit ihr zurückzuziehen, weil ihm viel mehr daran gelegen sein würde, diesen neuen Kontakt mit dem Sohn und Erben eines anderen Multimillionärs auszubauen.

Aber jetzt war sie hier.

Sie musste es wenigstens versuchen.

„Möchten Sie den Gentlemen bei einer Tasse Kaffee Gesellschaft leisten, Miss Charlotte?“, fragte Charles, während sie immer noch das Für und Wider abwog.

„Nein, danke, ich bin auf dem Sprung.“ Sie deutete auf die Flügeltür zum Salon. „Ich will nur rasch Peter und seinem Freund guten Tag sagen.“

Charles ließ den Servierwagen stehen, um ihr die Tür zu öffnen. Während er sie mit einer kleinen Verbeugung hineinwinkte, kündigte er sie an: „Miss Charlotte.“ Sie ging mit schnellen Schritten an ihm vorbei in den Salon, wobei sie versuchte, ihre Nervosität hinter einer Maske kühler Höflichkeit zu verbergen.

Die drei Männer erhoben sich, um sie zu begrüßen – Peter und sein Freund, beide mit dem Rücken zu ihr, aus Sesseln, während ihr Vater von der Couch gegenüber aufstand. Als Charlottes Blick auf ihm landete, sah sie, dass er überrascht, aber erfreut lächelte.

„Charlotte …“ Er breitete die Arme aus.

„Meine Schwester“, hörte sie Peter leise zu seinem Freund sagen, aber sie schaute nicht in seine Richtung.

Sie ging auf ihren Vater zu, um ihn zu umarmen, froh darüber, dass die Abneigung, die er Mark entgegenbrachte, seiner Liebe zu ihr offenbar nichts anhaben konnte. Denn sie liebte ihn ja auch, trotz alledem. Immerhin war er ihr Vater. Und jetzt hoffte sie – mit jeder Faser ihres Herzens – auf sein Verständnis.

Miss Charlotte … Peters Schwester … Damien Wynter war sofort wie elektrisiert. Sie war eine aufregende Frau und vom Typ her ganz anders als Peter, der hochgewachsen, blond und blauäugig, mit heller, leicht sommersprossiger Haut zumindest äußerlich große Ähnlichkeit mit seinem Vater hatte.

Ihr schulterlanges glänzendes Haar war karamellfarben, mit hellen Strähnen. Die glatte Haut schimmerte wie heller Honig, und die braunen Augen hatte sie von ihrer Mutter, auch wenn ihre nicht ganz so dunkel waren, sondern eher an Bostoner Cream Sherry erinnerten. Sie wirkten wach und intelligent und leuchteten lebhaft in einem höchst apart wirkenden Gesicht, in dem sich Entschlossenheit mit Sinnlichkeit paarte, was besonders in der weichen Wangenpartie und dem ausdrucksvollen großen Mund zum Ausdruck kam.

Ihre Figur war herrlich weiblich, die fast üppigen Kurven wurden von dem kühnen Kleid, das sie trug, noch unterstrichen. Nicht dass es marktschreierisch sexy gewesen wäre. Genau genommen war es von der Machart her sogar recht schlicht – ein ärmelloses Oberteil mit einem rechteckigen Halsausschnitt, der längst nicht tief genug war, um auch nur den Ansatz eines Dekolletés zu zeigen, dazu ein Rock, der sich an ihre Hüften schmiegte und leicht um die Knie schwang. Der Schnitt war konventionell, die Farbkombination hingegen atemberaubend.

Die Grundfarbe war ein leuchtendes Purpur. Die linke Rockseite war mit einer großen weißen Blüte bedruckt, deren Mitte leuchtend rot war, eine Farbgebung, die sich am äußeren Rand der Blütenblätter wiederholte. Eine ähnliche, nur kleinere Blüte zierte ihre rechte Brust. Die schlanke Taille wurde durch einen breiten schwarzen Lackgürtel betont, und an den nackten Füßen trug sie modische schwarz-weiße Riemchensandaletten, die sehr sexy wirkten.

So ein Kleid wählte nur eine ausgesprochen selbstbewusste Frau, eine Frau, die wusste, wer sie war und was sie wollte, und die auf ihrer Individualität beharrte. Und die offenbar kein Problem damit hatte, dass sie nicht dünn wie ein Model war. Kühn, selbstbewusst und wirklich sehr sexy, entschied Damien höchst interessiert.

Peter Ramseys Schwester …

War das womöglich die Richtige, auf die er schon seit geraumer Weile wartete? Vielleicht stand sie ja tatsächlich vor ihm. Auf jeden Fall faszinierte sie ihn auf Anhieb, zudem entstammte sie einer ähnlich wohlhabenden Familie wie er, was bedeutete, dass Geld für sie keine Rolle spielte. Und das wiederum hieße, dass er ihr vertrauen könnte – ein Plus-punkt, den man gar nicht hoch genug einschätzen konnte, wie er aus Erfahrung wusste. Aber damit war natürlich noch längst nicht klar, ob sie ganz grundsätzlich überhaupt ein Interesse daran hatte, sich zu binden und eine Familie zu gründen. Vielleicht war sie ja einfach nur verwöhnt und zickig, was bei reichen Erbinnen leider keine Seltenheit war.

Aber im Moment summte sein Blut vor gespannter Erwartung. Wenn Charlotte Ramsey ihrem Bruder charakterlich auch nur entfernt ähnlich war, könnte sich dieser Besuch hier als schicksalhaft erweisen. Und als der Beginn eines Lebens, nach dem er sich schon als Kind gesehnt hatte, mit einer dauerhaften, von Aufrichtigkeit geprägten Beziehung.

Charlotte beugte sich vor und flüsterte ihrem Vater ins Ohr: „Ich muss dich allein sprechen, Dad. Unbedingt, es ist wichtig.“

Er runzelte die Stirn. „Aber vorher will ich dir erst einmal Peters Freund vorstellen. Komm mit“, befahl er mit einem missbilligenden Unterton in der Stimme.

„Ja, klar“, stimmte sie eilig zu und drehte sich zu dem Gast um. Der Anblick von Damien Wynter traf sie gänzlich unvorbereitet.

Er sah nicht aus wie ein Engländer. Er sah überhaupt nicht aus wie jemand, den sie kannte. Atemberaubend gut sah er aus, wie ein Filmstar, wie ein gefährlicher Latin Lover, mit dem dunklen Teint und den schwarzen Haaren, oder wie ein spanischer Aristokrat. Diese Augen, so dunkel, dass sie fast schwarz wirkten, glitzerten so provozierend, während er sie musterte, dass ihr Herz einen Satz machte.

He! Dieser Mann war sexuelles Dynamit. Er überragte Peter noch um zwei oder drei Zentimeter, und die lässige Eleganz, die er ausstrahlte, wurde von dem kragenlosen weißen Hemd und den engen schwarzen Jeans, die er anhatte, betont. Sein muskulöser Körper war offensichtlich durchtrainiert und geschmeidig. Alles in allem wirkte er wie ein Panther auf dem Sprung, befand Charlotte.

Und sie war die Beute.

Ein seltsamer kleiner Schauer rieselte ihr über den Rücken, woraufhin sie sich sofort zur Ordnung rief, peinlich berührt über ihre Reaktion. Obwohl sie garantiert nicht die einzige Frau war, die so auf Damien Wynter reagierte. Für einen verräterischen Sekundenbruchteil wünschte sie sich, Mark möge dieselbe umwerfende Ausstrahlung haben.

Erst als sie die große Hand ihres Vaters in ihrem Rücken spürte, erwachte sie aus ihrer Trance. Sie setzte ein Lächeln auf, um ihre Verlegenheit zu überspielen. Äußerlichkeiten waren nicht die Hauptsache, jedenfalls nicht auf lange Sicht.

„Damien, es ist mir ein Vergnügen, Ihnen meine Tochter Charlotte vorstellen zu dürfen“, verkündete ihr Vater mit weit mehr Wärme, als er Mark je entgegengebracht hatte.

Woraufhin sie prompt alle Stacheln ausfuhr.

„Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Charlotte“, begrüßte der Mann sie betont herzlich, während er auf sie zukam und ihr die Hand hinstreckte.

Sie griff automatisch danach, und als sie bei seinem festen Händedruck so etwas wie einen Stromschlag verspürte, war sie erneut so schockiert, dass sie gedankenlos heraussprudelte: „Peter hat schon von Ihnen erzählt. Er wird sich bestimmt viel Mühe geben, dass Sie sich hier bei uns in Australien wohlfühlen.“

Die dunklen Augen fingen ihren Blick mit einer sehr eigenen Intensität ein. Einer Intensität, die sie mitten ins Herz traf. „Ich bin froh, dass ich gekommen bin.“

Ihretwegen.

Er brauchte das Wort nicht auszusprechen, sie konnte es fühlen. Und durch seinen Händedruck wurde die mehr als unwillkommene Verbindung, die er forcierte, noch verstärkt.

„Tut mir leid, aber ich habe es eilig und muss dringend etwas mit Dad besprechen“, sagte sie schnell, während sie ihn nötigte, ihre Hand freizugeben, indem sie sich zu ihrem Vater umdrehte. „Was meinst du, sollen wir in die Bibliothek gehen?“

Ihr Vater deutete auf Charles, der soeben den Teewagen ins Zimmer geschoben hatte. „Hat das nicht Zeit bis nach dem Kaffee?“

„Bitte, Dad. Ich muss so schnell wie möglich zurück, weil …“

„Ja, ja, schon gut“, fügte er sich widerstrebend. „Ich bin gleich wieder da“, informierte er Peter und Damien.

„Tut mir wirklich leid“, ergänzte Charlotte mit einem flüchtigen Blick auf die beiden Männer, wobei sie es vermied, den dunklen Augen zu begegnen, die sie gleich darauf im Rücken spürte.

Damien Wynter war garantiert ein Schürzenjäger.

Und keinen zweiten Gedanken wert.

Während Damien ihr nachschaute, wirbelten seine Gedanken wild durcheinander.

„Zu spät“, bemerkte Peter trocken.

Damien stutzte. „Was soll das heißen?“

„Sie heiratet. In zwei Wochen ist die Hochzeit.“

Enttäuschung war gar kein Ausdruck für das, was er fühlte. Das war ein Schlag, mit dem er nicht gerechnet hatte. Sie heiratete einen anderen? Das war doch nicht möglich! Er hatte die Verbindung zwischen ihnen doch genau gespürt. Er schaute Peter fragend an. „Und? Wie ist ihr Verlobter?“

Peter verzog das Gesicht. „Ein übler Mitgiftjäger, wenn du mich fragst, aber niemand schafft es, Charlotte zur Vernunft zu bringen.“

Damien spürte Aggression gepaart mit Entschlossenheit in sich aufsteigen. Er. Er würde sie zur Vernunft bringen. „Sind sie heute Abend auch auf der Jacht?“, fragte er.

Peter betrachtete ihn nachdenklich, dann schüttelte er langsam den Kopf. „Schon, aber du kennst Charlotte nicht, Damien. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, bringt niemand sie davon ab. Jetzt hat sie sich in den Kopf gesetzt, Mark Freedman zu heiraten, und glaub mir, meine Schwester kann sehr, sehr stur sein. Da beißt du auf Granit, alter Freund.“

Das werden wir schon sehen, dachte Damien, aber er sagte nichts, sondern zuckte nur die Schultern und beschloss, das Thema zu wechseln.

Heute Abend würde er mehr über Charlotte Ramsey in Erfahrung bringen, und wenn sie ihn dann immer noch interessierte, konnte ihn keine Macht der Welt daran hindern zu versuchen, sie für sich zu gewinnen.

„Also schieß los, wo brennt’s?“, knurrte ihr Vater ungeduldig, während er die Tür zur Bibliothek hinter ihnen schloss. „Ich muss schon sagen, Damien Wynter so kurz abzufertigen, war wirklich keine Art.“

Die Kritik traf sie, vor allem, weil er die Anerkennung, die er Mark verweigerte, Peters Freund umso großzügiger gewährte. Sie vergaß ihre sorgfältig einstudierte Rede und konterte: „So von oben herab, wie du Mark an Weihnachten behandelt hast, war auch keine Art. Dabei wollte er doch bloß …“

„Dabei wollte er mir doch bloß in den Hintern kriechen“, unterbrach ihr Vater sie in bissigem Ton. „Aber ich hasse Leute, die mir in den Hintern kriechen. Verdammt, Charlotte, siehst du das denn nicht?“ Er warf mit angewidertem Gesichtsausdruck die Hände in die Luft. „Wirst du wirklich erst zu Verstand kommen, wenn es zu spät ist? Von Rechts wegen solltest du einen Mann wie Damien Wynter heiraten, und du gönnst ihm nicht mal einen Blick.“

Groll stieg in ihr auf. Und dieser Damien Wynter hatte es in diesem kurzen Moment ihrer Begegnung sogar geschafft, sich in ihre Erinnerung einzubrennen. „Ich heirate aber Mark, Dad“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Und ich will nicht, dass du ihn heute Abend wieder so von oben herab behandelst.“

„Dann halt ihn von mir fern“, schoss ihr Vater zurück und zerschnitt mit der Hand verächtlich die Luft, um klarzumachen, dass damit für ihn das Thema beendet war.

Sie hob trotzig das Kinn. „Dann willst du also, dass ich mich auch von dir fernhalte, Dad? Ist das der Weg?“

Ihm schoss die Zornesröte ins Gesicht. „Ich sagte es bereits, und jetzt sage ich es noch einmal. Bring Freedman dazu, dass er einen Ehevertrag unterschreibt. Wenn er dazu bereit ist, werde ich mir alle Mühe geben, den Mann dir zuliebe zu ertragen. So. Mehr kann ich nicht für dich tun. Und jetzt wäre ich dir dankbar, wenn du meine Geduld nicht noch länger strapazierst.“

Nach diesen Worten drehte er sich auf dem Absatz um und verließ, die Tür hinter sich zuknallend, die Bibliothek.

Charlotte spürte, dass sie am ganzen Leib zitterte. Sie hatte gehofft, ihr Vater würde am Ende doch noch ein Einsehen haben und Mark wenigstens mit der üblichen Höflichkeit begegnen, bis er sah, dass er sich geirrt hatte und sie in ihrer Ehe tatsächlich glücklich war. Aber jetzt befürchtete sie, dass diese Hoffnung nicht in Erfüllung gehen würde. Nie.

Selbst wenn sie Mark dazu bringen könnte, einen Ehevertrag zu unterschreiben – was sie allerdings gar nicht wollte – hieß das noch lange nicht, dass sich dadurch automatisch das Verhalten ihres Vaters ihm gegenüber veränderte.

Sie hasste das. Sie hasste es wirklich. Und sie hasste Damien Wynter dafür, dass er gekommen war und Maßstäbe setzte, die ihr Vater ihr genüsslich unter die Nase reiben konnte. Natürlich bekam Damien Wynter automatisch seinen Beifall. Weil er so war wie ihre Familie – ein Mann, dem der Reichtum bereits in die Wiege gelegt worden war und der sein ganzes Leben lang nur noch damit beschäftigt sein würde, sein Geld zu vermehren. So ein Leben, an der Seite eines solchen Mannes, wollte sie aber nicht, und genau deshalb hatte sie sich Mark ausgesucht. Mit ihm würde sie ein anderes Leben führen.

Und doch fühlte sie sich alles andere als glücklich, als sie die Villa in Palm Beach verließ.

2. KAPITEL

Damien Wynter …

Charlotte schoss in Gedanken Giftpfeile ab auf den Mann, der soeben der Limousine entstiegen war und sich jetzt neben ihrem Bruder straffte. In dem schwarzen Smoking sah er noch atemberaubender aus als am Nachmittag, und Charlotte zweifelte nicht daran, dass es heute Abend hier an Bord wahrscheinlich keine einzige Frau gab, die nicht zumindest versucht war, ihm schöne Augen zu machen. Was ihr nur recht sein konnte, denn solange genug Frauen da waren, auf die er sich konzentrieren konnte, würde er wenigstens sie in Ruhe lassen.

Von ihrem Platz an Deck der Jacht aus beobachtete sie, wie die beiden Männer, freundschaftlich miteinander plaudernd, mit weit ausholenden Schritten herankamen. Dass Peter ihn so mochte, während er nie irgendwelche Anstrengungen unternommen hatte, mit Mark warm zu werden, wurmte sie ebenso wie vieles andere. Würde sie, wenn sie Mark heiratete, womöglich nicht nur ihren Vater, sondern auch ihren Bruder verlieren?

Aber ich will mein eigenes Leben leben, bäumte sie sich innerlich auf. Eine Tochter, eine Schwester zu sein reichte ihr nicht aus. Sie wollte einen Partner, der sich glücklich schätzte, sein Leben mit ihr zu teilen, und bis sie Mark kennengelernt hatte, hatte sie befürchtet, nie einen Mann zu finden, der zu ihr passte. Es war nicht einfach für sie gewesen. Erst Mark hatte es einfach gemacht.

Nur dass es sich im Moment ganz und gar nicht einfach anfühlte.

„Ah! Die Zuspätkommer!“, kommentierte Mark leicht süffisant, als er bemerkte, wohin ihre Aufmerksamkeit abgeschweift war.

Charlotte wandte sich ihrem Verlobten wieder zu. Sie waren schon seit geraumer Weile an Bord und beobachteten, wie die anderen Gäste auf die Jacht kamen, die gleich ins Hafenzentrum fahren würde, an einen Standort, der einen hervorragenden Ausblick auf das Silvesterfeuerwerk bot. Mark nahm in diesem Jahr zum ersten Mal an der traditionellen Silvesterparty auf der Sea Lion teil, und er war offensichtlich wild entschlossen, das Ereignis in vollen Zügen auszukosten.

„Sie kommen auf die Minute genau“, sagte Charlotte mit Blick auf die neue Cartier-Uhr, die sie von ihren Eltern zu Weihnachten bekommen hatte. „Es ist Punkt acht. Peter weiß, dass Dad keine Minute länger wartet.“

„Wahrlich ein furchteinflößender Mann, dein Vater“, bemerkte Mark trocken.

Sie lächelte bemüht. „Mach dir keine Gedanken wegen Dad. Wir werden uns prächtig amüsieren, und ich bin glücklich, dass du bei mir bist.“

Er lächelte dieses jungenhaft charmante Lächeln, von dem sie sich auf Anhieb angezogen gefühlt hatte. Erfreulicherweise hatte Mark so ganz und gar nichts Machohaftes an sich, auch wenn er im Bett durchaus männlich war. Darüber hinaus passten sie auch rein äußerlich perfekt zusammen.

Sein dichtes, leicht lockiges braunes Haar lud dazu ein, mit den Fingern durchzufahren, so ganz anders als der im Nacken und an den Seiten kurze Haarschnitt, den ihr Vater bevorzugte. Marks haselnussbraune Augen funkelten humorvoll. Er hatte klar umrissene Gesichtszüge, aber sein Mund war weich, sein Lächeln sanft, und die Wärme, die er ausstrahlte, bewirkte, dass sie sich bei ihm geborgen fühlte.

Auf eine nette, gemütliche Art.

Bei Damien Wynter könnte sie sich nie geborgen fühlen.

„Ich bin wahrscheinlich der glücklichste Mann hier“, sagte Mark leise. „Die schönste Frau ist an meiner Seite.“

Sie lachte, erfreut darüber, dass er so dachte. So hatte sich der Aufwand, den sie betrieben hatte, um heute Abend schön auszusehen, wenigstens gelohnt. Sie war nicht wirklich schön, aber sie versuchte das Beste aus sich zu machen und nutzte alle Tricks, die man ihr auf der Kosmetikschule beigebracht hatte.

„Erstaunlich, dass dein Bruder heute Abend keine Frau im Schlepptau hat“, sagte Mark und hob dabei fragend eine Augenbraue. „Gönnt er sich zu Silvester keine Romanze?“

„Wahrscheinlich will er keine Zeit damit verschwenden“, erwiderte sie trocken. „Unten im Salon trifft sich nämlich wie jedes Jahr an Silvester eine handverlesene Pokerrunde. Bestimmt will Peter seinen neuen Freund aus London dort einführen, denn nichts lässt den Adrenalinspiegel schneller ansteigen als eine Pokerpartie mit hohem Einsatz.“

„Spielst du eigentlich auch?“, wollte Mark neugierig wissen.

Sie zuckte die Schultern. „Ich konnte schon als Kind pokern, aber ich habe immer nur zu Hause gespielt. Poker war das einzige Spiel, das unser Vater mit uns spielte.

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