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Skandal um Prinzessin Natalia

1. KAPITEL

„Nun, wenigstens ein Jackson, der etwas aus sich gemacht hat!“

Prinzessin Natalia Santina warf ihrer Mutter einen überraschten Blick zu. Der eisige Unterton in ihrer Stimme passte so gar nicht zu dem augenscheinlichen Kompliment. Königin Zoes fein gezeichnete Brauen waren streng erhoben, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Also ihr üblicher Gesichtsausdruck.

Neugierig ließ Natalia den Blick über die illustre Gästeschar schweifen, um das Objekt der offensichtlichen Missbilligung in Augenschein zu nehmen. Der Ballsaal des Santina Palasts war hoffnungslos überfüllt. Offenbar wollte sich niemand die Verlobungsparty ihres Bruders Alessandro und seiner Braut Allegra entgehen lassen. Ob es daran lag, dass es sich bei seiner Auserwählten um eine Tochter des ehemaligen Profifußballers und Enfant terrible, Bobby Jackson, handelte?

In dem Mann, der ihre Mutter zu dem bissigen Kommentar herausgefordert hatte, erkannte Natalia Allegras älteren Bruder Ben, einen international bekannten Selfmade-Millionär. Nicht, dass Königin Zoe mit Reichtum zu beindrucken wäre, so gigantisch er auch sein mochte. Geld machen kann jeder, lautete ihre verächtliche Devise, sobald das Gespräch auf dieses Thema kam. Was allein zählte, war Abstammung.

Zumindest die konnte man Natalias Exverlobten, der zu ihrer grenzenlosen Erleichterung von sich aus die Verbindung gelöst hatte, wahrlich nicht absprechen. Als Trennungsgrund hatte Prinz Michel – Zweiter in der Thronfolge des kleinen Fürstentums Montenavarre und praktisch pleite – den ruinös extravaganten Geschmack und Lebensstil seiner Braut angegeben.

Außerdem hatte sich Natalia nie wirklich für ein Leben in einem zugigen Schloss, hoch oben in den Alpen, erwärmen können. Die Frage, wie sie ihre Zukunft stattdessen zu verbringen gedachte, konnte sie bisher allerdings auch nicht beantworten. Momentan genoss sie es einfach, die Fesseln einer unerwünschten Beziehung abgestreift zu haben.

Während sie jetzt Ben Jacksons hochgewachsene Gestalt musterte, verdunkelte sich ihr Blick. Der perfekt geschnittene, graue Businessanzug mit passender, marineblauer Seidenkrawatte konnte seinen muskulösen Körper nicht verbergen. Während er mit einem anderen Gast plauderte, wirkte er ungeheuer souverän, selbstsicher und entspannt.

Ganz anders als sein Vater, der mit einer schreiend bunten Krawatte, dröhnender Stimme und ausholenden Gesten den typischen Neureichen demonstrierte, wie es keine Karikatur treffender hätte tun können.

Sein Sohn hingegen verkörperte das klassische Understatement eines eleganten Geschäftsmanns. Zu Natalias Belustigung hatte Königin Zoe ihm nicht mehr als zwei gepflegte Finger zur Begrüßung gereicht und war sichtlich zusammengezuckt, als er diese herablassende Geste ignoriert und stattdessen einen versierten Handkuss angedeutet hatte.

„Was macht er eigentlich genau?“ Natalia schmunzelte insgeheim, als ihre Mutter sich angesichts derartig vulgärer Neugier versteifte. Natürlich wusste sie, dass man so etwas nicht fragte, da jeder, der Klasse hatte, gar nichts tat. Jedenfalls nicht für Geld. Königin Zoe widerstrebte es sogar, über die erfolgreichen geschäftlichen Unternehmungen ihres ältesten Sohnes und Thronerben zu sprechen.

Manchmal fragte Natalia sich, ob ihre Mutter in Wirklichkeit nicht eine Romanfigur aus einer viktorianischen Novelle war und versehentlich mit einer Zeitmaschine in die Gegenwart katapultiert worden war. Ihre Gesinnung passte jedenfalls nicht ins gegenwärtige Jahrtausend.

„Ein typischer Entrepreneur, soweit ich es beurteilen kann“, ließ ihre Mutter sich dann doch zu einer Erklärung herab. „Irgendwas mit Finanzen.“

Ein Unternehmer und Finanztycoon also … wie langweilig! dachte Natalia und kam trotzdem nicht umhin, den breiten Schultern und dem durchaus attraktiven Antlitz weibliche Anerkennung zu zollen. Als er eine Hand hob und mit langen, gebräunten Fingern etwas unterstrich, was er gerade sagte, entschied Natalia für sich, dass dieser Ben ein lebhafter, kompetenter Gesprächspartner sein musste. Wenn sie den Gesichtsausdruck seines Gegenübers richtig interpretierte, verstand er es, Zuhörer zu fesseln.

Sie hatte schon immer aus der Mimik und Gesten völlig Fremder überraschend treffende Rückschlüsse über deren Charakter ziehen können. Und in zwölf Jahren schwer durchschaubaren Schulunterrichts war diese Gabe quasi überlebensnotwendig gewesen. Oft hatte sie nur am Heben einer Braue oder dem Stirnrunzeln eines Lehrers erkannt, ob sie mit ihren Antworten wenigstens annähernd richtiglag.

„Mit wem unterhält er sich da? Ben Jackson, meine ich.“

„Mit dem Minister für Kultur und Tourismus …“, antwortete Königin Zoe in einem resignierten Tonfall, den ihre Tochter nur zu gut kannte, „… was du selbst wissen müsstest, würdest du nur das geringste Interesse oder Pflichtgefühl gegenüber deinem Geburtsland oder deiner Familie aufbringen.“

Dazu schwieg Natalia verständlicherweise, da sie wusste, dass ihre Mutter unterschwellig auf die vor Kurzem gelöste Verlobung anspielte. Dabei hatten ihre Eltern so sehr gehofft, sie endlich unter der Haube und sicher außer Landes zu haben! Mit siebenundzwanzig Jahren, glücklich getrennt und begeisterte Partygängerin, war sie das aktuelle schwarze Schaf der Familie.

„Du hast recht, Mutter“, sagte Natalia nach einer Pause. „Ich sollte mich wirklich mehr mit Santinas Ministern beschäftigen. Am besten, ich fange gleich damit an …“

Ohne Königin Zoes schwachen Protest zu beachten, machte Natalia sich mit unnachahmlich herausforderndem Hüftschwung auf den Weg, wobei sie direkt Ben Jackson anpeilte.

„Prinzessin Natalia!“ Der Minister für Kultur und Tourismus zelebrierte eine Verbeugung, die sie sogleich mit einem lässigen Nicken quittierte.

„Minister … wie schön, Sie zu sehen!“ Strahlend reichte Natalia ihm die Hand und wünschte, sie hätte ihre Mutter auch nach seinem Namen gefragt.

„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite“, erwiderte ihr Gegenüber schon eine Spur reservierter.

Immer noch lächelnd wandte Natalia sich Ben Jackson zu. Aus der Nähe wirkte er noch maskuliner. Sein athletischer Körperbau ließ auf einen Sportsmann schließen, und hinter der unfassbaren Aura von Reichtum und beruflichem Erfolg erahnte sie eine zynische Überheblichkeit, die sie neugierig machte.

Er mochte sich von seiner Familie distanziert haben und seinen eigenen Weg gegangen sein, doch wenn jemand wusste, dass man seine Kinderstube nie verleugnen konnte, sosehr man es sich auch wünschte, dann war sie es.

Seine Augen leuchteten in dem gleichen Marineblau wie seine Krawatte. Momentan jedoch funkelten sie eindeutig amüsiert, wie Natalia befremdet feststellte.

Ben Jackson lacht mich aus!

Wenn sie irgendetwas nicht ertrug, dann, ausgelacht zu werden. Das hatte sie zu oft und zu lange ertragen müssen.

„Ich glaube nicht, dass wir einander bereits vorgestellt wurden?“, wechselte Natalia mühelos vom Italienischen ins Englische.

„Zumindest nicht förmlich“, pflichtete Ben ihr süffisant bei. „Obwohl ich natürlich weiß, dass Sie eine der Santina-Prinzessinnen sind und mich unzweifelhaft den Jacksons zuordnen.“ Er nahm ihre Hand in seine, und Natalia spürte die mühsam gezügelte Kraft hinter der leichten Berührung.

Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein.

„Nur welcher von den Jacksons?“, fragte sie gedehnt und begegnete seinem harten Blick mit unterkühltem Lächeln. „Es gibt hier so viele von Ihnen …“

„Scheint sich so ziemlich die Waage mit den Santinas zu halten“, kam es in gleichem Ton zurück. „Große Familien sind doch ein wahrer Segen, finden Sie nicht?“

„Unbedingt“, murmelte Natalia und senkte vorsichtshalber den Blick. Denn abgesehen von ihrer Zwillingsschwester Carlotta lag ihr herzlich wenig an ihrer Familie. Und nach dem, was sie über den Jackson-Klan wusste, dürfte es ihrem Gegenüber kaum anders gehen.

Der Minister für Tourismus und Kultur fühlte sich offensichtlich unbehaglich und trat mit einer gemurmelten Entschuldigung den strategischen Rückzug an. Natalia schaute der gedrungenen Gestalt nach. „Wie es scheint, bin ich mitten in ein angeregtes Schwätzchen geplatzt. Planen Sie, womöglich länger auf unserer bezaubernden Insel zu verweilen?“

„Das tue ich tatsächlich.“

„Urlaubsreif?“

„Nicht so ganz.“

Er war definitiv belustigt, was Natalia ziemlich verwirrte. Normalerweise war sie es, die derartige Situationen dominierte und kein Problem damit hatte, jeden Mann, der ihren Weg kreuzte, um den kleinen Finger zu wickeln. Aber nicht Ben Jackson.

Natalia hasste Menschen, die sie verunsicherten. „Dann bleiben Sie vielleicht hier, um Ihre Schwester im Auge zu behalten? Damit Sie sich keinen Fauxpas erlaubt?“

„Meine Schwester ist erwachsen und hat untadelige Manieren – im Gegensatz zu gewissen Damen, deren Eskapaden immer wieder die Titelseiten zweifelhafter Klatschmagazine zieren.“

Schockiert über seinen scharfen Ton zuckte Natalia zurück. Dass sie seit Jahren als auserkorener Liebling der Yellow Press galt, war kein Geheimnis. Aber diese zweifelhafte Ehre von jemandem vorgehalten zu bekommen, dessen Familie einen denkbar schlechten Leumund besaß, ärgerte und frustrierte sie.

„Wenn Sie so sensibel auf Klatsch reagieren, sollten Sie Ihrer Familie vielleicht doch etwas mehr Aufmerksamkeit schenken“, riet sie mit einem beziehungsvollen Blick quer durch den Ballsaal, wo der zukünftige Schwiegervater des Prinzen viel zu laut über etwas lachte, das sonst niemanden zu belustigen schien. Direkt neben ihm war eine seiner Töchter in eine hitzige Diskussion mit einem anderen Gast verstrickt, während ihre platinblonde, kurvenreiche Schwester, die irgendetwas mit Reality-TV zu tun hatte, offensiv mit einem Mann flirtete, der mindestens doppelt so alt war wie sie.

Bens Miene blieb völlig gelassen. „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, finden Sie nicht?“

„Abgesehen von der Größe kann man unsere beiden Familien wohl kaum miteinander vergleichen.“

„Oho, Giftzange und Snob in einem Körper vereint …“

Schockiert riss Natalia die Augen auf. So hatte noch niemand mit ihr zu sprechen gewagt, und das auch noch innerhalb der Palastmauern! „Für eine derartige Bemerkung könnte ich Sie hinauswerfen lassen.“

„Ist das eine Drohung?“

Es war eine Drohung, allerdings eine völlig nutzlose, da sich das Palastpersonal grundsätzlich bei ihren Eltern rückversicherte, wenn der Befehl nicht direkt von dieser Seite kam.

„Betrachten Sie es als Warnung“, murmelte sie und kniff die Brauen zusammen, als sie dafür nur ein leises Lachen erntete.

„Wenigstens besitzen Sie doch ein Fünkchen Verstand.“

„Und Sie keine Manieren!“

Um Bens Mund zuckte es schon wieder verdächtig. „Steine …“, erinnerte er Natalia mit seidenweicher Stimme, „… Glashaus?“

Anstatt ihn erneut daran zu erinnern, dass sie von königlicher Geburt war, oder ihn wenigstens gegen das Schienenbein zu treten, beschloss Natalia, die Taktik zu wechseln. „Also, was hält Sie über heute Abend hinaus noch auf Santina fest?“

Ben stutzte kurz und entschied sich dann offenbar, auf ihren höflich neutralen Ton einzugehen. „Ich will hier auf der Insel ein Sportcamp für benachteiligte Kinder und Jugendliche errichten.“

Alles hatte Natalia erwartet, nur das nicht. „Wie nobel von Ihnen!“

„Danke.“

„Ich nehme an, Sie hoffen, hier den nächsten David Beckham zu finden? Und ganz nebenbei ein bisschen Provision einzuheimsen?“

Augenblicklich war jede Verbindlichkeit aus seiner Miene verschwunden. „Wenn Sie damit andeuten wollen, dass ich dieses Camp als Talent-Pool betrachte, um finanziellen Nutzen daraus zu schlagen, irren Sie sich gründlich.“

Natalia lachte spöttisch. „Ach, kommen Sie, Mr Jackson! Sie wollen doch nicht wirklich behaupten, aus reiner Wohltätigkeit Wochen oder sogar Monate damit zu verbringen, Ihr kleines Camp zu betreiben?“

„So seltsam Ihnen das auch erscheinen mag, Euer Hoheit, genau so ist es.“

Ungläubig schüttelte Natalia den Kopf. „Selbst wenn Sie kein Talentsucher sein sollten, gegen Publicity haben Sie als gewiefter Geschäftsmann doch sicher nichts einzuwenden, oder?“

„Heißt es nicht, gar keine sei auf jeden Fall schlecht? Obwohl, in Ihrem Fall …“

Angesichts eines wenig schmeichelhaften Fotos, das sie gerade erst beim Verlassen eines Nachtclubs gegen vier Uhr morgens gezeigt hatte, und zwar in Begleitung zweier international bekannter Jetset-Playboys, schwieg Natalia lieber. Ein steifnackiger Typ wie Ben Jackson fand das bestimmt schockierend.

„Auf jeden Fall wird die öffentliche Aufmerksamkeit, die man einem Jugendclub auf dieser kleinen Insel zollt, wahrscheinlich weder meine Geschäfte noch meine Finanzen spürbar beeinflussen“, fuhr er fort, da keine Reaktion kam.

Ob diese lässige Missachtung der internationalen Bedeutung des Inselkönigreichs Santina sie belustigen oder empören sollte, wusste Natalia nicht. Vielleicht etwas von beidem. Ihre Mutter wäre garantiert in Ohnmacht gefallen. „Nun, da Sie offenbar so vertraut mit der Yellow Press sind, werden Sie die notwendigen Informationen schon in die richtigen Kanäle lenken.“

Ben Jackson starrte sie einen Moment stumm an, lange genug, dass Natalia sich innerlich krümmte vor Scham über ihr Benehmen. „Sind Sie eigentlich immer so … höflich und verbindlich?“, fragte er dann.

„Nein, Sie haben heute einen besonders guten Tag erwischt“, entschlüpfte es ihr gegen ihren Willen.

Offenbar besaß Allegras langweiliger Bruder doch eine Spur Humor, denn er quittierte ihre flapsige Bemerkung mit einem leisen Lachen. „Ich schaudere schon bei dem Gedanken, Ihnen womöglich an einem Ihrer schlechten Tage über den Weg zu laufen, Euer Hoheit!“

Natalia wusste sehr wohl, dass sie übers Ziel hinausgeschossen war, aber nur, weil dieser arrogante Kerl sie bis aufs Blut reizte. „Keine Bange, ich glaube nicht, dass wir noch einmal das Vergnügen haben werden“, flötete sie und hob das Kinn, als sie sah, wie Ben sie taxierend von Kopf bis Fuß musterte. Es war, als würde er sie mit seinen Blicken ausziehen. Was für eine Unverfrorenheit!

Nicht, dass er damit viel Arbeit hätte. Ihr silbernes Paillettenkleid war ein Haute-Couture-Modell. Allerdings endete es ziemlich hoch über dem Knie und hatte einen tiefen V-Ausschnitt. Unglücklicherweise wurde ihre Haut ganz fleckig, sobald sie errötete. Ich muss hier weg! dachte Natalia in zunehmender Panik.

Ben betrachtete sie mit Interesse und unerwartet aufflammender Lust. Natalia Santina war eine umwerfend attraktive Frau, das musste man ihr lassen. Sexy und mondän zugleich, mit festem Kinn und einem vielversprechenden Blitzen in den großen Augen. Und ihr Kleid war geradezu atemberaubend.

Unter anderen Umständen hätte er nicht gezögert, ihr vorzuschlagen, die Party zu verlassen und sich irgendwohin zurückzuziehen, wo sie etwas privater wären.

Sehr viel privater!

Als er sah, dass Natalia sich abwenden wollte, kam ihm plötzlich eine ganz andere Idee. Wer weiß, ob er die stolze, spröde Prinzessin damit nicht herausfordern konnte. Einen Versuch war es jedenfalls wert, denn irgendetwas in Ben wehrte sich gegen den Gedanken, sie einfach so von dannen ziehen zu lassen.

„Sie können über das Fußballcamp denken, was sie wollen, Prinzessin …“, sagte er gedehnt und bannte Natalia damit auf der Stelle fest. „Aber ich wette, Sie würden es dort keinen vollen Tag als Praktikantin aushalten. Ach, was sage ich … nicht eine Stunde!“

Die Augen zu jadegrünen Schlitzen verengt, fuhr Natalia herum. „Ich würde dort nicht eine Stunde bleiben wollen, was ein feiner Unterschied ist.“

Ben grinste breit. Verdammt, das kam unerwartet, aber sich mit der stacheligen Hoheit zu kabbeln, ließ ihn sich so lebendig fühlen wie seit Jahren nicht mehr, obwohl sie natürlich unsäglich nervtötend war. „Das überrascht mich kein bisschen.“

„Lassen Sie es mich spezifizieren“, legte Natalia eisig nach. „Ich würde keine Praktikantin werden wollen, solange Sie dort anwesend sind, Mr Jackson!“

„Mache ich Sie tatsächlich so unruhig?“

Sie maß ihn mit einem vernichtenden Blick. „Ich lege einfach keinen Wert darauf, meine Zeit mit arroganten Langweilern zu vergeuden.“

„Na, Sie haben sich ja schnell ein Urteil über mich zurechtgelegt.“

„Nicht schneller als Sie über mich!“

Ben runzelte die Stirn. Bildete er sich den verletzten Unterton in ihrer Stimme nur ein? Die Vorstellung, dass es nicht so sein könnte, verursachte ihm Unbehagen. Er hatte Lust, mit der streitbaren, hübschen Prinzessin die Klingen zu kreuzen, mehr nicht.

„Trotzdem sollten Sie ein Praktikum machen“, ließ er deshalb auch nicht locker. Natürlich war es ihm nicht ernst damit, denn eine echte Prinzessin im Büro, die seinen Mitarbeiterstab durcheinanderbrachte, wäre niemals ein Gewinn, sondern würde nur absolut unerwünschte Publicity provozieren und die absurdesten Spekulationen hervorrufen.

„Danke für das Angebot“, zwitscherte Natalia. „Aber ich muss leider ablehnen.“

Jetzt erwachte der Jäger in Ben. „Weil es unter Ihrer Würde ist?“

„Glauben Sie das tatsächlich?“, fragte sie mit funkelndem Blick.

„Ich bin immer noch der Meinung, es täte Ihnen sehr gut.“

„Mir eine Lektion zu erteilen, meinen Sie? Besten Dank, aber nein. Widmen Sie sich Ihrem kleinen Charity-Projekt, wenn Sie sich dann besser fühlen, Mr Jackson, aber lassen Sie mich da raus.“

Sein Eroberungstrieb schlug in echte Verärgerung um. Ben wusste, dass er überreagierte, doch die Art und Weise, wie sie nicht nur ihn, sondern etwas verunglimpfte, das ihm sehr viel bedeutete, brachte ihn in Rage. „Ich biete Ihnen eine Wette an.“ Er sprach bereits zu ihrem Rücken, erreichte aber immerhin, dass Natalia stehen blieb.

„Eine Wette?“ Zögernd drehte sie sich um. „Ich bin keine Spielerin, Mr Jackson.“

„Nennen Sie mich doch Ben.“

Sie lächelte frostig, sagte aber nichts.

„Was ich Ihnen vorschlage, Euer Hoheit, ist auch kein Spiel, sondern eher eine Mutprobe.“

Das Lächeln schwand, und plötzlich wusste Ben ganz genau, wie es weiterlaufen musste. Mit einem herausfordernden Funkeln in den kobaltblauen Augen beugte er sich vor und war überrascht von dem frischen Zitrusduft, der ihn streifte. „Ich wette, ich kann Ihren Vater dazu bringen, dass er Sie mir als Praktikantin überlässt.“

Bewegte er sich nur ein paar Zentimeter weiter, stand zu befürchten, dass ihre Lippen sich trafen, so nah standen sie einander. Überwältigt von dem unerwarteten Verlangen, das ihn wie eine heiße Woge überschwemmte, richtete Ben sich wieder auf.

Irgendwie erwartete er, Natalia würde das Gleiche fühlen wie er, doch sie blieb unbeirrt stehen, neigte den Kopf nur ein wenig seitwärts und musterte ihn kritisch. In ihren grünen Nixenaugen tanzten goldene Pünktchen, und um die vollen Lippen zuckte es verdächtig.

„Meinen Vater überreden? Ich glaube, kaum.“

„Wetten, dass …“ Ben konnte sehen, wie sie zwischen dem Wunsch, die Klingen mit ihm zu kreuzen, und dem Verlangen nach Sicherheit schwankte. Ihm erging es ja nicht anders. „Angst, Euer Hoheit?“, ließ er trotzdem nicht locker.

Natalia straffte die Schultern. „Sie nehmen sich Freiheiten heraus, die Ihnen nicht zustehen, Ben. Und nein, ich habe keine Angst, sondern nur kein Interesse. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass mein Vater Ihnen nicht einmal eine Audienz gewähren würde, geschweige denn, Ihren albernen Vorschlag anhören.“

„Warum nehmen Sie die Wette nicht an, wenn Sie sich dessen so sicher sind?“

„Was hätte ich davon? Oder wären Sie dann bereit, sich in jedem Boulevardblatt, von hier bis London, öffentlich für Ihr rüdes Benehmen zu entschuldigen?“

„Was für ein seltsames Ansinnen! Besonders, da niemand von unserer kleinen Diskussion Notiz genommen hat.“

„Trotzdem würde ich Sie liebend gern auf den Knien sehen.“

Er lachte. „Das kann ich mir lebhaft vorstellen …“

In Natalias Augen blitzte es auf, die Luft um sie herum schien plötzlich elektrisch geladen zu sein. Ben wusste, dass sie es beide fühlten. Sollte er sich an dieser Stelle nicht klugerweise zurückziehen, bevor er sich die Finger verbrannte?

„Sie halten sich für den geborenen Zocker, oder? Also gut. Versuchen Sie, meinen Vater zu überzeugen, aber weit werden Sie mit Ihrem albernen Plan nicht kommen. Falls doch und ich gewinne, müssen Sie …“ Natalia verstummte, als sich ihre Blicke begegneten, und Bens Adrenalinspiegel stieg gefährlich an. „Dann stehen sie einen Tag lang unter meinem Kommando. Einverstanden?“

Absurde Fantasien geisterten durch seinen Kopf, während er nickte. „Und wenn ich gewinne?“

„Bekommen Sie Ihren Willen, und ich stehe zwangsläufig unter Ihrem Kommando“, erklärte Natalia mit strahlendem Siegerlächeln.

Er wusste, dass sie es nicht zweideutig meinte. Trotzdem schoss sein Puls in die Höhe, und heißes Begehren pulsierte durch seine Adern.

Doch damit konnte ein Mann wie er umgehen, oder? Die kapriziöse Prinzessin ein wenig zu zähmen und mit dem normalen Leben vertraut zu machen, würde ihm sogar außerordentliches Vergnügen bereiten. „Ich kann es kaum erwarten …“, versicherte er mit ausgestreckter Hand, da er sie wenigstens noch einmal berühren wollte. „Also gilt der Deal?“

Sichtlich widerstrebend schlug sie ein, wobei Ben weder die verräterische Röte auf ihren Wangen noch das kurze Aufblitzen in den jadegrünen Augen entgingen. Doch ihr Lächeln wirkte sorglos, und die Stimme klang gelassen, als Natalia antwortete: „Der Deal gilt.“

2. KAPITEL

„Was?“ Natalia erschrak vor ihrer eigenen Stimme, die viel zu laut und schrill von den Wänden des Audienzsaals widerhallte. Ihrem Vater erging es offensichtlich nicht anders, denn er verzog indigniert das Gesicht.

„Mäßige bitte deinen Ton, Natalia, und benimm dich wie eine Prinzessin“, rügte er.

Vor Unglauben und Empörung schüttelte sich Natalia. „Seit wann verbringen Prinzessinnen ihre Tage mit rotznasigen Gören auf Sportplätzen und …“

„Diese Gören, wie du sie nennst, sind Bürger unseres Landes“, erinnerte König Eduardo seine Tochter kalt. „Du hast ihnen gegenüber eine Verpflichtung.“

„Ihnen Fußball beizubringen?“ Natalia wusste sehr wohl, dass sich die Pflichten ihrer Eltern den Bürgern von Santina gegenüber durchaus in Grenzen hielten – ab und zu eine gesetzte Rede oder ein royales Handwedeln hinter den getönten Scheiben der königlichen Limousine, und das war es auch schon.

Der entnervte Blick, mit dem ihr Vater sie musterte, verursachte ihr Unbehagen. Allein, dass er sie an einen Ort zitiert hatte, der nicht für Gespräche im Familienkreis, sondern für Bürger gedacht war, die ihrem König wichtige Petitionen vorlegen wollten! Wie ein Bittsteller stand sie vor ihm und fühlte sich schrecklich im Nachteil.

„Natalia, ich bin ganz ehrlich der Meinung, ein Praktikum könnte durchaus förderlich für dich sein und …“

„Förderlich?“

„Lass mich ausreden!“, forderte König Eduardo scharf, und Natalia biss sich von innen auf die Lippe. Ihren Vater zu verärgern, konnte sie sich momentan nicht leisten. „Ich befürchte, deine Mutter und ich haben viel zu lange die Zügel schleifen lassen, wenn ich an deinen ausschweifenden, extravaganten Lebensstil denke. Ich war durchaus gewillt, noch einmal beide Augen zuzudrücken. Doch seit Prinz Michel die Verlobung gelöst hat und das Königshaus Santina damit in ein mehr als unangenehmes Licht gerückt wurde, sehe ich mich gezwungen, drastischere Maßnahmen zu ergreifen.“

Obwohl Natalia fast an ihrem zurückgehaltenen Protest erstickte, wusste sie, dass sie die Geduld ihrer Eltern mit ihrem exzessiven Partyleben ziemlich strapaziert hatte. Natürlich übertrieben die Klatschblätter, was ihre nächtlichen Aktivitäten betraf. Doch in der Welt des ...

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