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Skandal im Königreich der Liebe

1. KAPITEL

„Margeaux? Warst du nicht mal mit diesem Typen hier liiert? Er ist zum homme du jour gekürt worden.“

Liiert? Margeaux Broussard schob sich geistesabwesend einen Zimtkaugummi in den Mund, beugte sich über das Balkongeländer und spähte durch den Sucher ihrer Kamera zur Felsenküste von St. Michel hinüber. Es war Jahre her, dass es einen Mann in ihrem Leben gegeben hatte – ob nun berühmt oder nicht.

Sie drückte auf den automatischen Auslöser und schoss eine Bildfolge. Das Zwielicht, das die Insel St. Michel in einen goldenen Schein tauchte, war zu flüchtig und zu überwältigend, um es sich für den homme du jour, den Mann des Tages, entgehen zu lassen. Selbst wenn ihre Freundin Caroline Coopersmith in den höchsten Tönen von ihm schwärmte.

Von ihrer Position bot sich Margeaux ein atemberaubender Blick über das Eiland. Die Lichtverhältnisse waren einfach perfekt, und sie wollte unbedingt diese Aufnahmen im Kasten haben, bevor es zu spät war.

Klick, klick, klick, klick …

„Er sieht echt gefährlich aus“, fuhr Caroline fort.

Klick, klick, klick, klick …

Gefährlich? Margeaux drehte sich um und schaute durch die offene Schiebetür zu ihrer Freundin, die auf dem Bett saß und in einer Zeitschrift blätterte. Es handelte sich um irgendeine Sonderausgabe der Gazette de St. Michel, die auf dem Couchtisch gelegen hatte, als sie am frühen Nachmittag das Hotelzimmer belegt hatten.

„Lass mal sehen“, meinte Pepper Meriweather und setzte sich zusammen mit A.J. Sherwood-Antonelli zu Caroline aufs Bett.

Margeaux wandte sich wieder der Aussicht zu und machte schnell noch einige Fotos, denn die zauberhafte Atmosphäre begann bereits zu verblassen. Wenigstens die besten Momente habe ich eingefangen, dachte sie seufzend.

In diesem Augenblick stieß A.J. einen sehr undamenhaften schrillen Pfiff aus, der Margeaux ein Lächeln entlockte, ihre Neugier weckte und sie veranlasste, sich erneut den Freundinnen zuzuwenden.

Während sie die fett gedruckte Überschrift zu entziffern versuchte, kniff sie die Augen leicht zusammen, denn sie litt an Dyslexie, einer angeborenen Leseschwäche, und es kostete sie große Mühe, ihren Blick zu fokussieren.

Margeaux kehrte in den Raum zurück.

Aha. Es handelte sich um die sogenannte A-Liste – eine Aufstellung der begehrtesten und einflussreichsten Persönlichkeiten von St. Michel. Da Margeaux zum ersten Mal nach sechzehn Jahren in ihre Heimatstadt zurückgekehrt war, interessierte es sie plötzlich brennend, ob sie jemanden davon kannte. Sie stellte die Kamera auf den Tisch und gesellte sich zu ihren Freundinnen.

„Oho, gefährlich und sehr lecker!“, säuselte Pepper und schmatzte dabei, als hätte sie den geheimnisvollen Mann gekostet. „Ich wette, die Frauen überschlagen sich förmlich beim Anblick seines knackigen Pos.“

„Um wen geht’s denn?“, wollte Margeaux wissen.

A.J. hielt ihr die Illustrierte hin. „Henri Lejardin. Kennst du ihn?“

Der Name verschlug Margeaux einen Moment lang den Atem.

„Henri?“ Ihr wurde ganz flau zumute, als sie das Farbfoto ihrer ersten Liebe auf der Hochglanzseite der Illustrierten sah.

„Meine Vermutung ist richtig, oder?“, fragte Caroline.

Margeaux nickte. Es war in der Tat Henri, blendend aussehend mit seinem dunklen lockigen Haar und den durchdringend blickenden braunen Augen. Ganz anders als früher, aber irgendwie noch derselbe.

Dass er in der Liste erwähnt wurde, bedeutete, er war nach wie vor ledig. Nach all der Zeit, die inzwischen vergangen war, hätte es ihr egal sein sollen. Doch das war es nicht. Mit einem Mal wollte sie alles über ihn wissen. Was er zum Beispiel in all den Jahren getrieben, mit wem er in der Vergangenheit verkehrt hatte, ob er gegenwärtig liiert war und wo er sich zurzeit aufhielt.

Hätte sie Letzteres gewusst, wäre sie womöglich geradewegs zu ihm geeilt und hätte ihm all diese und noch viele weitere Fragen gestellt, die sie seit Langem plagten. Die Tatsache, dass sie ihn hier vielleicht wiedersehen könnte, löste in ihr eine Erregung aus, wie Margeaux sie nicht mehr erlebt hatte, seit … seit sie Henri Lejardin zum letzten Mal begegnet war.

Es war förmlich vorprogrammiert, dass sie einander früher oder später begegnen würden, und sie musste sich darauf einstellen, von ihren Gefühlen überwältigt zu werden, wo doch schon der Anblick eines Fotos in einer Illustrierten dazu führte, dass sie hyperventilierte.

Es erleichterte sie ungemein, dass ihr Gelegenheit blieb, sich zu wappnen, bevor sie sich von Angesicht zu Angesicht mit dem Mann wiederfand, der ihr das Herz gebrochen hatte.

„Warst du wirklich mal mit ihm zusammen?“, wollte A.J. wissen.

Margeaux zuckte die Schultern. Sie schaffte es nicht, den Blick von dem Bild zu lösen. „Das ist sehr lange her. Wir waren noch Kinder und sind miteinander Tür an Tür aufgewachsen.“

„Und du hast ihn davonkommen lassen?“ Pepper blickte sie verblüfft an. „Honey, bist du total verrückt? Würde ein Mann wie er neben mir wohnen, würde ich mich keinen Schritt mehr von meinem Grundstück entfernen. Außerdem würde ich bei jeder Gelegenheit zu ihm gehen, um mir von ihm Zucker auszuleihen. Und ich fürchte, ich bräuchte davon Unmengen.“

A.J. und Caroline nickten zustimmend.

Margeaux’ Geschichte mit Henri war kompliziert. Es war unmöglich, die Fragen ihrer Freundinnen zu beantworten, ohne unzählige schlummernde Erinnerungen zu wecken, die besser weiterhin ruhen sollten.

Margeaux war mit den drei Frauen befreundet, seit sie gemeinsam die LeClaire Academy in Texas besucht hatten. Es war das letzte von mehreren Internaten gewesen, in das ihr Vater sie nach dem Tod ihrer Mutter gesteckt hatte. Die vier scherzten gern darüber, dass Margeaux alles darangesetzt hatte, um von der französischen Mädchenschule geworfen zu werden, die sie vorher besucht hatte.

In St. Michel war das Quartett weit weg von Texas und Lichtjahre entfernt von den wilden Highschoolzeiten. Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft, und doch wussten Pepper, A.J. und Caroline nicht, dass ihre beste Freundin ein Geheimnis hütete.

Und dieses Geheimnis, das sie in den hintersten Winkel ihres Herzens verbannt hatte, drohte nun im sonnigen St. Michel ans Tageslicht zu kommen.

„Ich schätze, dass er hier immer noch ansässig ist, da er in diesem Heft erwähnt wird“, meinte Pepper. „Warum rufst du ihn nicht an und lädst ihn ein, uns heute Abend unten im Kasino zu treffen?“

Margeaux warf noch einen letzten sehnsüchtigen Blick auf das Foto von Henri, bevor sie die Illustrierte schnell aus der Hand legte, um nicht von ihren Gefühlen überwältigt zu werden. Nur zu gut wusste sie, was sonst geschehen würde. Sie war erwachsen geworden und hatte keinesfalls die Absicht, jenen schicksalsschweren Weg noch einmal einzuschlagen.

„Ich kann heute Abend nicht mitkommen“, entgegnete sie deshalb schnell. „Aber geht ihr nur ohne mich. Ich muss meinen Vater im Krankenhaus besuchen und weiß nicht, wie lange es dauert. Wir haben einander viel zu erzählen. Wenn es ihm allerdings nicht gut geht, werde ich wohl eine ganze Weile bei ihm sitzen müssen.“

Seinetwegen war sie nach all der Zeit nach St. Michel gereist. Sie waren schon so lange zerstritten, dass sie die Jahre nicht einmal an beiden Händen abzählen konnte.

Doch als ihr mitgeteilt wurde, dass er nach einem Schlaganfall im Hospital liege, hatte sie sofort das nächste Flugzeug genommen. Nun trennte sie kein Ozean mehr, und vergessen waren all die harten, verletzenden Worte, die zwischen ihnen gefallen waren.

Nun sollte ein neues Kapitel beginnen. Margeaux war froh, dass es nicht zu spät dafür war. Sicher, er hatte sich all die Jahre aus ihrem Leben herausgehalten und sich nicht darum geschert, was aus ihr geworden war.

Aber einer muss immer den ersten Schritt machen.

Deshalb wollte sie jetzt unbedingt mit ihm Frieden schließen.

„Du kannst dich ja etwas beeilen und später zu uns stoßen“, bedrängte Pepper sie.

„Lass sie in Ruhe“, forderte A.J. die Freundin auf. „Sie ist nicht zum Vergnügen hier. Da hat es ihr gerade noch gefehlt, dass du sie unter Druck setzt und überreden willst, sich vor ihrer Verantwortung zu drücken.“

In der Tat war Margeaux nicht hierhergekommen, um Urlaub zu machen. Ihr Vater brauchte sie. Es war lange her, dass sie ihm eine gute Tochter gewesen war. Hatte sie sich die Rolle überhaupt jemals wirklich zu eigen gemacht? Wahrscheinlich nicht, dachte sie, sonst hätte er mich wohl nicht fortgeschickt.

Jetzt, da er krank war, stellte sich die Lage anders dar. Jetzt war sie die verlorene Tochter, die nach Hause zurückkehrte. Auch wenn ihre Freundinnen sie bis hierher begleitet hatten, musste sie die nächste Etappe, den Besuch im Krankenhaus, allein bewältigen.

Henri Lejardin holte sein Blackberry aus der Jackentasche und blickte aufs Display. Er hatte einen Anruf erhalten.

Er hatte das Telefon auf Vibrieren geschaltet, um während der Mitarbeiterbesprechung, die er im Musée du St. Michel abgehalten hatte, nicht gestört zu werden. Dabei waren ausführlich die Details für die Ausstellung Impressionistische Retrospektive, die zur Hundertjahrfeier des Museums stattfinden sollte, erörtert worden.

Eben erst war das Meeting zu Ende gegangen. Hinter Henri lag ein langer, anstrengender Tag. Seit dem frühen Morgen hatte er die Installation der Exponate – Leihgaben von Museen in ganz Europa – beaufsichtigt. Die Ausstellung sollte in der nächsten Woche eröffnet werden.

Doch drei wesentliche Gemälde wurden vom Zoll zurückgehalten. Um sie auszulösen, stand Henri ein ziemlicher Papierkrieg bevor. Seine Karriere und sein Ruf hingen von dieser Veranstaltung ab. Da die Zeit knapp wurde, musste er sich ganz auf diese Geschichte konzentrieren.

Seit das Blackberry vibriert hatte und der Name seines älteren Bruders Luc auf dem Display erschienen war, ahnte Henri, worum es ging. Er blieb am Konferenztisch sitzen und hörte die Nachricht ab.

„Hallo, hier ist Luc. Bitte ruf mich so schnell wie möglich an. Margeaux Broussard ist wieder in der Stadt.“

Henri spürte, wie sein Puls zu flattern begann, und umklammerte unwillkürlich sein Handy.

Genau das hatte er einerseits befürchtet und sich andererseits erhofft, seit Colbert Broussard erkrankt war.

Als er jetzt Lucs Nummer wählte, zog eine Bewegung an der Tür seine Aufmerksamkeit auf sich. Sydney James, die hübsche Museumskuratorin, stand auf der Schwelle. Sie lächelte verführerisch und zog vielsagend eine wohlgeformte Augenbraue hoch.

Ihr Gesichtsausdruck suggerierte so viel mehr, als Henri momentan verkraften konnte. In dem Bestreben, die Fassung zu wahren und sich gelassen zu geben, schüttelte er den Kopf und wandte den Blick ab.

Während er dem Klingeln des Telefons lauschte, stieß er sich mit dem Drehstuhl vom Tisch ab, lehnte sich zurück und streckte die Beine aus. Damit wollte er signalisieren, dass er total entspannt sei, doch das Gegenteil war der Fall.

Durch Schein zum Sein – so lautete von jeher sein Motto. Es hatte ihm gute Dienste geleistet – in Anbetracht der Tatsache, dass er St. Michels jüngster Kultusminister war. Sein nächstes Ziel war, das jüngste Mitglied des Kronrats, des Parlaments von St Michel, zu werden. Zu gegebener Zeit. Zunächst einmal musste er unbedingt seinen Bruder erreichen und Einzelheiten über Margeaux’ Besuch in Erfahrung bringen.

„Henri?“ Lucs Stimme klang aufgeregt, als er sich endlich meldete. „Ich habe schon versucht, dich zu erreichen.“

„Ich weiß. Es tut mir leid, dass ich erst jetzt anrufe. Ich habe den ganzen Tag in Meetings gesteckt. Ich habe deine Nachricht bekommen. Sie ist also hier?“ Um sich zu beruhigen, öffnete Henri die Schreibmappe aus Ziegenleder und kritzelte Figuren auf den darin enthaltenen Block.

„Allerdings. Sie ist heute gegen elf Uhr mit drei Freundinnen eingetroffen und in einer Suite im Hotel de St. Michel abgestiegen.“

Geistesabwesend schrieb Henri auf: Margeaux – Hotel de St. Michel. Plötzlich spürte er, dass ihm jemand über die Schulter sah, wandte den Kopf und stellte fest, dass Sydney auf seine Notizen starrte.

„Bleib einen Moment dran, Luc.“ Er schloss die Schreibmappe, nahm das Telefon einen Moment vom Ohr und versicherte Sydney: „Ich komme zu dir, sobald ich hier fertig bin.“

Sie blickte ihn forschend an. Dann ließ sie den Blick aufreizend langsam über seinen Körper gleiten. „Ich warte in der Galerie Fernand auf dich.“

Ihr korrekter englischer Akzent stand in einem seltsamen Gegensatz zu dem verführerischen Glitzern in ihren weit auseinanderstehenden grünen Augen, was in Henri Unbehagen auslöste.

Doch er runzelte nur die Stirn und schüttelte unwillig den Kopf, um sie daran zu erinnern, dass er der Boss war. Ihre Spielchen waren unangebracht. Darüber war es schon mehrfach zu Diskussionen zwischen ihnen gekommen.

Unbeirrt zwinkerte Sydney ihm zu und wandte sich dann ab. Ihr schicker schwarzer Bleistiftrock, der so effektiv ihre weiblichen Rundungen betonte, erinnerte ihn lebhaft daran, warum er für Sydney James eine Ausnahme von seiner Regel gemacht hatte, sich nicht näher auf seine Mitarbeiter einzulassen.

Sie war eine wundervolle Frau mit einem nicht zu unterschätzenden Einfluss. Daran bestand kein Zweifel. Normalerweise achtete er sorgsam darauf, Privates und Berufliches strikt voneinander zu trennen – erst recht, wenn es um Untergebene ging.

Doch Sydney hatte eine ganz eigene Art, aus jeder Situation das Maximum herauszuholen und gewisse Grenzen zu überschreiten. Würde sie nicht so verdammt gute Arbeit leisten, wäre Henri sicherlich versucht gewesen, sie in eine Abteilung versetzen zu lassen, die nicht ihm unterstand, was alles wesentlich vereinfacht hätte.

Doch er brauchte sie. In mehr als einer Hinsicht. Gewisse konservative Mitglieder des Kronrats – allen voran Colbert Broussard – saßen ihm im Nacken und forderten von ihm, sich häuslich niederzulassen und eine Familie zu gründen. Er sollte sein Privatleben ordnen, um als Kandidat für einen Sitz im Kronrat ernst genommen zu werden.

Sydney war professionell genug, um seinen Ruf zu stärken, sexy genug, um seine Aufmerksamkeit zu fesseln, klug genug, um zu erkennen, wann sie Druck machen konnte oder lieber einen Gang zurückschalten sollte. Bevor sie jetzt um die Ecke bog, schaute sie über die Schulter zurück und warf Henri den gewissen Blick zu.

Er mochte nicht in sie verliebt sein, aber er wusste ihre … Vorzüge zu schätzen. Zum Glück wurde seine Lust von einer gesunden Portion Respekt gedämpft. Die Frau besaß Stil, hatte die altehrwürdige Universität von Oxford besucht und verstand sich darauf, graziös auf dem schmalen Grat zwischen Femme fatale und kluger Karrierefrau zu wandeln.

Was kannst du dir also mehr wünschen?

Henri wandte sich wieder seinem Telefonat zu. „Wo waren wir stehen geblieben?“

„Bei Margeaux Broussard“, sagte Luc.

Ja, genau! Moment mal! „Bei wem?“

„Wir haben gerade über Margeaux gesprochen.“

Henri räusperte sich und strich sich mit einer Hand durch das Haar. „Ja, das stimmt.“

Es war viel geschehen seit jenem berauschenden August vor sechzehn Jahren, als Margeaux fortgegangen war. Sie hatte ihm das Herz gestohlen. Sie waren damals hormongesteuerte Teenager gewesen – voller Ideale.

Eine lange Zeit war seitdem vergangen. Dass sie wieder zurück war, hieß noch gar nichts. Nun waren sie doppelt so alt wie damals, als sie einander zum letzten Mal begegnet waren. Sicherlich waren sie inzwischen ganz andere Menschen geworden, die sich in unterschiedliche Richtungen weiterentwickelt hatten.

„Willst du sie sehen?“, fragte Luc.

Henri malte einen dreidimensionalen Kasten um die Wörter, die er jetzt auf den Notizblock gekritzelt hatte. Dann zog er sorgfältig die Buchstaben M-a-r-g-e-a-u-x nach.

Sie war also wieder in St. Michel. Früher, als er erwartet hatte.

Zumal ich so meine Zweifel hatte, ob sie überhaupt auftaucht. Ihr Erscheinen hat mir gerade noch gefehlt!

„Henri? Bist du noch dran?“

„Ja, sicher. Natürlich werde ich versuchen, sie zu kontaktieren. Doch das heißt noch lange nicht, dass sie mich auch sehen will“, erwiderte er gereizt.

Ihm wurde bewusst, dass er sich unfair verhielt. Nur um ihm einen Gefallen zu tun, hatte sein Bruder schließlich dem Leiter der Zollbehörde aufgetragen, ihn über Margeaux’ Ankunft zu informieren.

In versöhnlicherem Ton fügte Henri hinzu: „Aber ich will es auf jeden Fall versuchen.“

Luc war für die Innere Sicherheit verantwortlich gewesen, bevor er Sophie Baldwin geheiratet hatte, die kürzlich zur Königin von St. Michel gekrönt worden war. Obwohl er nun die Position eines Staatsoberhauptes bekleidete, half er Henri bereitwillig, wo er nur konnte.

„Sicherlich ist Colbert Broussard sehr froh, Margeaux wieder bei sich zu haben“, sagte Luc. „Nach allem, was man so hört, wird er Hilfe brauchen, wenn er aus dem Krankenhaus entlassen wird.“

Henri atmete tief durch. Vieles hatte sich geändert, vieles war auch gleich geblieben. So wie jetzt, da Margeaux’ Name gefallen war und sein Herz plötzlich schneller schlug.

Trotzdem rief er sich in Erinnerung, dass sie nicht seinetwegen nach Hause zurückgekehrt war. Seltsamerweise enttäuschte ihn dieser Gedanke.

Nach dem Telefonat mit Luc machte Henri sich schnell auf den Weg zur Galerie Fernand, weil Sydney dort auf ihn warten wollte. Doch er konnte sie nirgendwo entdecken.

Er überlegte, ob er ihr sagen sollte, dass sie sich professionell benehmen und das Flirten unterlassen müsse. Doch wie er sie kannte, musste er befürchten, sie dadurch nur noch zu ermutigen. Deshalb beschloss er, die Sache auf sich beruhen zu lassen und sich um wichtigere Angelegenheiten zu kümmern. Zum Beispiel die Frage, wie er die restlichen Gemälde durch den französischen Zoll schleusen konnte.

Die Werke waren an ein Museum in Brüssel ausgeliehen gewesen und hätten von dort aus direkt nach St. Michel verschifft werden sollen. Durch einen Irrtum waren sie jedoch wieder in Paris gelandet.

Allmählich glaubte Henri, dass es schneller gegangen wäre, sie persönlich beim Musée d’Orsay abzuholen, anstatt untätig abzuwarten, während ein Haufen Bürokraten unnötigerweise den Amtsschimmel ritt und dadurch verhinderte, dass die unvergleichlichen Kunstwerke freigegeben wurden.

Er durchquerte den Raum und rückte einen Monet zurecht, der bereits an Ort und Stelle hing. Es war eine Landschaft mit Haus und üppig wucherndem Garten, die ihn an das Anwesen der Familie Broussard mit der großen Terrasse und der verwilderten Obstplantage erinnerte. Dort hatte er einen großen Teil seiner Jugend verbracht. Unwillkürlich musste er wieder an Margeaux und ihren Vater denken.

Colbert besaß durchaus die Mittel, um einen privaten Pflegedienst zu beauftragen, und dazu genügend Personal und Freunde, die sich bestens um ihn kümmern konnten. Es musste ihm an nichts fehlen.

Dass Margeaux trotzdem gekommen war, um ihm beizustehen, überraschte Henri nicht nur, sondern freute ihn auch. Denn eigentlich konnte er sich kaum vorstellen, dass die Frau, die in den vergangenen sechzehn Jahren immer wieder für skandalöse Schlagzeilen in den Boulevardblättern gesorgt hatte, den Trip tatsächlich auf sich genommen hatte.

Jenes It-Girl, das sich seit mehr als anderthalb Dekaden von Freunden und Familie entfremdet hatte, erinnerte kaum an das Mädchen, das einmal seine beste Freundin und erste Liebe gewesen war.

„Du bist in Gedanken eine Million Meilen entfernt von dem Gemälde, Darling.“

Er zuckte zusammen und drehte sich um.

Sydney stand dicht hinter ihm. Sie schenkte ihm das strahlende, verführerische Lächeln, das ihm normalerweise ein Grinsen entlockte. Doch jetzt beeindruckte ihn ihr Charme nicht.

„Ich bin gerade im Geiste durchgegangen, was noch alles zu tun ist, bevor die Ausstellung eröffnet werden kann.“

Sie begegnete seinem Blick, machte einen Schmollmund und zog eine Augenbraue hoch, was ihm signalisierte, dass sie ihm nicht glaubte. „Ach, du meinst all die Dinge, die wir heute in dem Meeting besprochen haben? Ich habe viele Notizen gemacht und werde dir davon eine Kopie schicken. Du brauchst dir darüber also keine Gedanken zu machen.“

Er empfand sie als ausgesprochen attraktiv, und meistens sagte ihm ihre kompromisslose Art durchaus zu. Doch aus irgendeinem Grund fühlte er sich jetzt von ihr eher abgestoßen. Je näher sie ihm kam, umso bedrängter fühlte er sich. Ihm schien, als wollte sie ihn in die Enge treiben. Trotzdem widerstand er dem Drang, zurückzuweichen und Distanz zwischen sie zu legen. Stattdessen wandte er sich wieder dem Gemälde zu und betrachtete es eingehend.

„Was meinst du?“, fragte er nach einer Weile. „Wollen wir es hierlassen? Oder sollen wir es lieber da drüben hinhängen?“ Er deutete zu der kürzeren Wand auf der anderen Seite des Raumes.

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