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Skandal am „Fürstenhof“

1. KAPITEL

Laura war wütend. Was bildete Katharina sich eigentlich ein? Sie sollte sich ausgedacht haben, dass Maxim die Zeugenaussage, die Werner belastete, aus ihrer Wohnung gestohlen hatte? Um auf diese Weise Alexanders Aufmerksamkeit zu erlangen? Sie sollte eine Lüge über einen anderen Menschen verbreitet haben, nur um sich wichtig zu machen? Eine solche Unterstellung kränkte Laura in ihrer ganzen Person. Aufrichtigkeit war ihr schließlich das Wichtigste überhaupt. Wie konnte Katharina nur so etwas Hässliches über sie denken! Dabei war es doch sonnenklar, dass ihr Bruder die Zeugenaussage geklaut hatte – auch wenn Laura keinen Beweis dafür hatte. Die Hochzeit von Katharina und Alexander hatte sie ganz schön durcheinander gebracht. Noch immer hatte sie in ihrem Herzen nicht begreifen können, dass die große Liebe ihres Lebens ihr leiblicher Bruder sein sollte. Und Laura wusste nicht, ob sie das jemals wirklich begreifen würde. Es tat weh, nach wie vor. Und dass sie ihren Vater, Peter Mahler, verloren hatte, würde niemals aufhören zu schmerzen. Ein Mord, ein sinnloser, unfassbarer Mord war das gewesen. Von einem Täter verübt, mit dem ihr Vater nicht das Geringste zu tun gehabt hatte.

Plötzlich stand Werner Saalfeld vor ihr und riss Laura aus ihren trübsinnigen Gedanken.

„Deine Hochzeitstorte gestern war großartig“, lächelte er sie an. Sie zuckte die Schultern. Es war ihr nicht leicht gefallen, für diesen Anlass ein süßes Kunstwerk zu entwerfen, aber das konnte Werner ja nicht wissen. Werner Saalfeld, ihr leiblicher Vater. Auch das hatte sie erst vor kurzem erfahren – dass der Mann, bei dem sie aufgewachsen war, der sie getröstet hatte bei kindlichem Kummer, der an ihrem Krankenbett gewacht hatte und immer für sie da gewesen war, nicht ihr wirklicher Vater war. Ihre Mutter hatte ihn mit Werner Saalfeld betrogen. Ausgerechnet mit dem Mann, an dessen Stelle Peter unschuldig im Gefängnis gesessen hatte. All das war kaum auszuhalten. Aber das Leben schien Laura schwere Prüfungen auferlegen zu wollen, als sollte sie beweisen, wie viel sie ertragen konnte, und dass sie noch unter den widrigsten Umständen der geradlinige und ehrliche Mensch blieb, der sie nun einmal war. Trotz allem – das Vertrauen in ihr Schicksal hatte sie nicht verloren. Und es gab noch immer genug Menschen, die es gut mit ihr meinten. Der Hoteldirektor gehörte dazu. Er hatte seine Tochter beim gestrigen Hochzeitsfest beobachtet, und dabei war ein Wunsch in ihm gewachsen. Aber es fiel ihm nicht leicht, ihn auszusprechen. Er holte tief Luft.

„Laura, ich würde es gern offiziell machen, dass du meine Tochter bist. Auf der Feier habe ich bemerkt, dass du dich als Fremdkörper fühlst zwischen uns. Dabei gehörst du doch zur Familie …“

„Ich habe eher das Gefühl, ich bringe alles durcheinander“, erwiderte sie trocken und erzählte von dem Streit mit Katharina und ihrem Verdacht gegen Maxim. Werner wurde hellhörig. „Hat er dir die Aussage zugespielt?“, wollte Laura wissen. Doch Werner wich einer Antwort aus – wie hätte er seiner Tochter auch erklären sollen, dass Cora Franke ihm das belastende Dokument überreicht hatte.

„Wie gesagt, die Zeugenaussage wurde mir zugespielt … anonym“, behauptete er und wollte dann noch einmal wissen, ob sie ihr familiäres Verhältnis nicht öffentlich machen sollten. Aber Laura hielt nichts davon.

„Ich finde, wir sollten lieber alles so lassen, wie es ist“, sagte sie kühl. „Ich will lieber als eine ganz normale Angestellte hier arbeiten.“ Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihren Wunsch zu respektieren. Aber er hatte noch einen anderen Vorschlag für sie: Mithilfe seiner Verbindungen in die internationale Gastronomie könnte er Laura ermöglichen, eine einwöchige Hospitanz in einer Brüsseler Spitzenconfiserie zu absolvieren. Auf ihrem Gesicht machte sich langsam ein begeistertes Lächeln breit – den berühmten belgischen Chocolatiers und Topconfiseuren über die Schulter zu schauen, war etwas, wovon sie schon immer geträumt hatte. So viel würde sie dort lernen und dann später im „Fürstenhof“ umsetzen können. Außerdem fühlte sie, dass es ihr gut tun würde, das Hotel, das mittlerweile ihr Zuhause geworden war, eine Zeit lang hinter sich zu lassen. Alexander nicht zu sehen … Und nicht an jeder Ecke an Peter erinnert zu werden …

„Also, wann passt es dir?“, fragte der Hoteldirektor, der sich sichtlich darüber freute, Laura mit dieser Idee überrascht zu haben.

„So schnell wie möglich“, meinte sie und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Du machst es mir wirklich verdammt schwer, dich nicht zu mögen.“

„Ich weiß doch, was gut ist für meine Tochter“, entgegnete er liebevoll. Und dann leitete er sofort alles in die Wege. Laura sollte es in Brüssel an nichts fehlen.

Erst nachdem alles bestens organisiert war, stellte er Cora zur Rede. Die PR-Managerin gab bereitwillig zu, Maxim Klinker-Emden für ihren Plan benutzt zu haben. In Werner machte sich Panik breit. Was, wenn Maxim seiner Mutter von der Zeugenaussage berichtete? Dann würde Inge ihre Zusage zur Fusion des „Fürstenhofs“ mit der Klinker Emden-Hotelgruppe bestimmt wieder zurückziehen. Doch Cora beruhigte ihn.

„Maxim war nur am Geld interessiert“, meinte sie. „Er hat überhaupt keine Ahnung, dass Heinz-Werner Konopka und Werner Saalfeld ein und dieselbe Person sind.“ Dann setzte sie einen verletzten Blick auf. „Ich habe das alles nur für dich getan. Wenn du das nur begreifen würdest. Aber du vertraust mir nicht mehr …“ Werner wusste nicht, was er davon halten sollte. Seine Geliebte hatte mehr als eine Grenze überschritten und es ihm eigentlich unmöglich gemacht, ihr weiterhin zu vertrauen. Aber gegen ihre weiblichen Reize war er einfach machtlos. Solange sie sich ihm bereitwillig hingab, dachte er nicht weiter über das Ganze nach. Aber wenn Cora ihn mit Missachtung und Liebesentzug strafte, wurde er zu Wachs in ihren Händen …

Katharina war noch immer furchtbar wütend darüber, dass Alexander ihren Bruder niedergeschlagen hatte. Maxim hatte sich so abfällig über Laura geäußert, dass Alexander die Kontrolle verloren hatte. Es tat ihm nicht einmal Leid; er traute seinem Schwager jede krumme Tour zu, schließlich saß Maxim immer in irgendwelchen Schwierigkeiten, hatte Geldsorgen und war weit davon entfernt, ein erwachsenes und eigenverantwortliches Leben zu führen – ein Anspruch, den Alexander Saalfeld an Menschen stellte. Doch nun hatte seine Frau ihn vor die Wahl gestellt: Seine Beziehung zu Laura wäre schuld an allen Problemen. Katharina verlangte von ihm, Laura fortzuschicken, und ihre Stimme war eiskalt dabei.

„Im ‚Fürstenhof‘ ist kein Platz für uns beide. Du musst dich entscheiden: Sie oder ich!“ Für einen Moment war er sprachlos vor Verblüffung.

„Das ist nicht dein Ernst“, rief er dann aufgebracht. „Ich werde Laura ganz sicher nicht wegschicken. Sie ist meine Schwester!“

„Und ich bin deine Frau. Also entscheide dich!“ Alexander bemühte sich um einen ruhigeren Ton.

„Sei doch vernünftig, Katharina. Sie gehört zur Familie. Vater würde sie niemals gehen lassen.“

„Ich will endlich glücklich mit dir sein.“ Ihre Stimme zitterte. „Aber sie wird immer zwischen uns stehen. Bitte, es ist das Beste, wenn sie geht. Sonst hat unsere Ehe nie eine Chance.“

„Und wenn nicht?“, fragte er säuerlich. „Was willst du dann tun? Die Scheidung einreichen? Wir haben doch gestern erst geheiratet …“

„Trotzdem!“, insistierte sie. „Laura hatte keine Skrupel, meinen Bruder des Diebstahls zu bezichtigen! An unserem Hochzeitstag! Und du verteidigst sie noch. Und prügelst dich ihretwegen mit Maxim …“ Alexander verlegte sich aufs Argumentieren:

„Du hast deinen Bruder verteidigt, ich meine Schwester … Genau wie du davon ausgehst, dass Maxim niemals lügen würde, glaube ich, dass Laura niemals lügen würde.“

„Mit Laura und dir … das ist schon etwas anderes“, sagte Katharina leise.

„Ich liebe dich, Katharina“, beteuerte er und zog sie in seine Arme, um sie zärtlich zu küssen. Sie ließ es geschehen.

„Die ganze Aufregung der letzten Zeit, all die Dinge, die passiert sind … das war wohl einfach ein bisschen viel“, räumte sie ein.

„Vielleicht brauchen wir einfach mal Zeit für uns – nur wir beide“, schlug Alexander vor.

„Das wäre ein Traum. Aber wie soll das gehen?“

„Wir hauen einfach ab!“ Er grinste.

„Aber die Fusion, deine Arbeit …“

„Naja, es werden nur ein paar Flittertage, aber die müssen doch drin sein.“ Katharina strahlte über das ganze Gesicht.

„Paris! Ich möchte so gern nach Paris mit dir“, rief sie überschwänglich.

„Daran dachte ich auch. Und wenn wir erst mal hier weg sind, wird sich schon alles finden.“

Keiner von den beiden konnte ahnen, dass Tanja sich gerade bei Maxim verplappert hatte. Sie hatte ihn noch einmal wegen des Diebstahls zur Rede stellen wollen, und trat in sein Zimmer, als er gerade dabei war, sein blaues Auge mit einem rohen Steak zu kühlen. Sein Schwager hatte ihn mit voller Wucht getroffen, und er würde sich in nächster Zeit nirgendwo blicken lassen können.

„Du warst der Einzige, der in Lauras und meinem Zimmer war. Und danach war der Wisch weg“, wiederholte Tanja ihren Vorwurf. Aber Katharinas Bruder leugnete weiterhin standhaft. „Zumindest kann man dir anrechnen, dass du es gut gemeint hast“, seufzte das Zimmermädchen schließlich. „Wäre doch schrecklich, wenn deine Schwester einen Schwiegervater hat, von dem alle Welt behauptet, er sei ein Mörder.“ Maxim nahm das Steak von seinem Veilchen und starrte sie an. In seinem Hirn arbeitete es fieberhaft. „Schau’ mich nicht so an“, meinte Tanja, „natürlich hat mir Laura von dieser alten Geschichte erzählt …“ Und dann ging ihre Neugier mit ihr durch: „Ist der Wachmann jetzt gestürzt, wie Herr Saalfeld behauptet, oder hat er ihn vom Balkon gestoßen? Was meinst du?“ Nun begriff Maxim, wie alles zusammenhing: Heinz-Werner Konopka war Werner Saalfeld! Deshalb hatte die Franke ihm auch keine weiteren Auskünfte zu der Angelegenheit geben wollen! Durch geschicktes Nachfragen entlockte er der ahnungslosen Tanja auch den Rest der Geschichte. Das war ein echter Hammer! Und es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn er diese Information nicht für sich nutzen konnte.

Er machte sich sofort auf die Suche nach seiner Mutter. Inge saß gerade mit den Saalfelds und dem Notar zusammen und unterzeichnete den Fusionsvertrag; Alfons hinderte den jungen Herrn Klinker-Emden nachdrücklich daran, sie dabei zu stören. Maxim fand sie erst, nachdem schon alles über die Bühne gegangen war.

Inge war irritiert, als sie hörte, was ihr Sohn da herausgefunden hatte.

„Ich kann das nicht glauben. Werner ist doch kein Mörder … Ich kenne ihn und Charlotte schon ewig.“

„So kann man sich täuschen“, entgegnete er. „Hast du dich denn nie gefragt, warum ein Mann, der aus der ehemaligen DDR geflohen ist, genug Geld hat, um ein Hotel wie den ‚Fürstenhof‘ vor dem Ruin zu retten?“ Seine Mutter blieb skeptisch, kam aber zu dem Schluss, Werner mit der ganzen Geschichte zu konfrontieren. Der Hoteldirektor reagierte gefasst. Er bestätigte den Wahrheitsgehalt des Raubüberfalls auf das DDR-Hotel, bestritt jedoch, den Wachmann vom Balkon gestoßen zu haben. Sein Tod sei ein unglücklicher Unfall gewesen, und die belastende Zeugenaussage existiere nun nicht mehr, schloss er seinen Bericht.

Doch Inges Misstrauen war nun geweckt; zu unglaublich erschien ihr alles, was sie gerade hatte vernehmen müssen.

„Ich finde, ich hätte von diesen Anschuldigungen wissen müssen – vor der Fusion“, warf sie ihm vor. „Wie konntest du es verantworten, dass meine Tochter in eine Familie einheiratet, über der ein derartiges Damoklesschwert hängt! Sie wird darunter zu leiden haben, wenn diese unsägliche Geschichte ans Licht kommt.“ Doch als Werner ihr zu verstehen gab, dass Katharina längst über alles informiert sei, hatte sie keinen Grund mehr, ihm weiterhin Vorwürfe zu machen.

Maxim hatte allerdings nicht die Absicht, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Er witterte noch immer die Chance, doch noch an sein vorzeitiges Erbe heranzukommen. Und in Anbetracht seiner finanziellen Probleme war das auch dringend notwendig. Doch seine Mutter verwies ihn ungerührt an Alexander, den frisch gebackenen Geschäftsführer der Hotel-Kette.

Maxim drohte seinem Schwager, mit dem Skandal um Werner an die Presse zu gehen, wenn er ihn nicht auszahlte. Aber Alexander ging nicht auf die Erpressung ein.

„Keine gute Idee“, meinte er überlegen. „Dann droht der Hotel-Kette nämlich ein gigantischer Wertverlust, wenn nicht gar der Ruin. Und was das für dein Erbteil bedeutet, brauche ich wohl nicht näher zu erläutern.“ Maxim kochte vor Wut.

„Ich kriege mein Geld, verlass’ dich drauf“, sagte er, bevor er wütend die Tür hinter sich zuknallte.

Derweil stattete Cora Charlotte einen Besuch ab, um ihr das Pressematerial, das sie aus den Hochzeitsbildern zusammengestellt hatte, zu zeigen. Charlotte hatte die Hochzeit sehr angestrengt – die Chemotherapie belastete ihren Körper über alle Maßen. Und noch immer hatte sie keine Gewissheit, ob sie den tödlichen Krebs auch ein zweites Mal würde besiegen können. Aber als ihre Freundin ihr nun die Pressemappen zeigte, vergaß sie für einen Augenblick ihre Sorgen, so begeistert war sie von dem, was sie da sah.

„Du hast, wie immer, hervorragende Arbeit geleistet“, strahlte sie.

„Ja … Danke …“, erwiderte die PR-Managerin scheinbar verlegen. „Aber ich fürchte, das war meine letzte Aktion für den ‚Fürstenhof‘.“ Charlotte sah sie perplex an. Mit gespieltem Bedauern fuhr Cora fort: „Ich möchte euch bitten, mich mit sofortiger Wirkung … zu entlassen.“

„Aber warum? Was ist denn passiert?“ Charlotte konnte nicht glauben, was sie da hörte. „Du verschweigst mir doch etwas.“ Die PR-Managerin schien zu zögern.

„Wie soll ich sagen … Ich hatte in der letzten Zeit einige Meinungsverschiedenheiten mit Werner …“, sagte sie schließlich.

„Ich rede mit ihm!“, schlug Charlotte vor.

„Ich möchte das nicht. Es ist besser so, glaub’ mir.“

„Und die Fusion kann dich auch nicht umstimmen? Sie lag dir doch immer so am Herzen.“ Für einen Augenblick war Cora überrumpelt – Werner hatte ihr nichts davon gesagt, dass die Fusion nun doch stattfand. Doch sie hatte sich schnell wieder im Griff und schüttelte nur gespielt traurig den Kopf.

„Wie wär’s, wenn wir nächste Woche zusammen essen gehen?“, fragte sie nach einer kleinen Pause. Charlotte stimmte gerührt zu; sie glaubte zu verstehen, dass ihre Freundin ihr auf diese Weise signalisieren wollte, dass ihre Freundschaft nicht unter der Kündigung leiden sollte.

Als Cora sich verabschiedete, ließ sie unauffällig ihren Terminkalender unter ein Sofakissen rutschen. Danach ging sie direkt in Werners Büro.

„Ich möchte meine Prämie abholen“, sagte sie kühl. Werner reagierte ebenso sachlich.

„Wäre dir ein Scheck recht?“ Sie nickte und eröffnete ihm dann, dass sie den „Fürstenhof“ verlassen würde. Der Hoteldirektor traute seinen Ohren nicht. Ihr aufreizender Blick tat ein Übriges.

„Bitte, bleib’ doch. Jetzt, wo die Fusion geschafft ist, gibt es so viel zu tun. Der Golfplatz, der Ausbau des ‚Fürstenhofs‘ … Wir beide sind doch ein unschlagbares Team!“ Er stand auf und machte Anstalten, sie zu küssen. Doch sie ließ ihn abblitzen.

„Nein. Auch dafür stehe ich nicht mehr zur Verfügung.“ Er näherte sich ihr erneut.

„Komm schon, Cora … Du willst es doch auch.“ Seine Stimme war heiser vor Begehren. Doch sie blickte ihm nur kühl ins Gesicht.

Sie konnte sich sicher sein, dass nun sein Jagdinstinkt wieder entfacht war …

Es hatte wirklich geklappt! Laura konnte ihr Glück kaum fassen. Schon morgen würde sie in Brüssel sein! Und mit dem, was sie dort lernen konnte, würden ihre Pralinen in Zukunft noch köstlicher und ausgefallener werden. Sie würde den Confiseuren Löcher in den Bauch fragen.

Alexander gratulierte ihr freudig, als sie ihm davon erzählte:

„Meinen Glückwunsch! Wie hast du das denn bloß hingekriegt?“

„Na ja, dein Vater hat seine Kontakte spielen lassen“, lächelte sie. „Eigentlich ist mir das nicht so lieb, aber in diesem Fall konnte ich nicht Nein sagen.“

„Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen“, entgegnete er liebevoll.

„Du weißt doch, ich will es eigentlich aus eigener Kraft schaffen. Meine Confiserie und überhaupt …“ Ihre Blicke verfingen sich. Viel zu lange sahen sie einander in die Augen, das wussten sie beide. Alexander war es, der schließlich den verbotenen Zauber brach und ihr eröffnete, dass er mit Katharina nach Paris reisen würde. Das Lächeln fiel aus Lauras Gesicht. Sie musste schlucken, riss sich aber sofort wieder zusammen.

„Dann viel Spaß in den Flitterwochen!“, sagte sie und bemühte sich nach Kräften um einen leichten Plauderton.

„Es sind nur ein paar Tage …“ Er sah sie wieder an. Laura blieb tapfer. „Du wirst mir fehlen.“ So viel lag in seinen Worten. So viel, das einfach nicht sein durfte.

„Ich muss endlich an mich denken, an meine Zukunft.“

Es gelang Laura, ihrer Stimme einen entschlossenen Klang zu verleihen. „Und wenn es gut läuft in Brüssel, kann ich vielleicht länger bleiben. Das wäre toll!“ Impulsiv griff er nach ihrer Hand.

„Viel Glück.“

„Schönen Urlaub.“ Und dann ließ er sich doch dazu hinreißen, sie wenigstens auf die Wange zu küssen. Laura hatte das Gefühl, dass die Stelle, die sein Mund berührte, wie Feuer brannte. Lichterloh. Aufgelöst floh sie in ihre Wohnung.

Dort sagte Tanja ihrer Freundin auf den Kopf zu, dass die Reise nach Brüssel nichts anderes sei als eine Flucht. Laura stiegen die Tränen in die Augen.

„Ich liebe Alexander noch immer“, gab sie zu. „Mehr als einen Bruder. Und das darf ich nicht. Er hat mich vorhin geküsst … Nur auf die Wange, aber diese Nähe … Ich spüre seine Lippen immer noch.“ Tanja legte tröstend den Arm um sie. „Ich muss endlich wieder zu mir kommen“, flüsterte Laura. „Ich muss mich endlich wieder auf meinen Beruf konzentrieren.“

Auf dem Weg zur Bushaltestelle verdrängte Lauras Freude auf den Brüsselaufenthalt jedoch jedes andere Gefühl. Vielleicht würde sie danach die Welt mit anderen Augen sehen. Wahrscheinlich würde ihr der „Fürstenhof“ auf einmal ganz klein vorkommen. Und vielleicht wäre Alexander dann nur noch ihr Bruder und der Rest Vergangenheit … Genau so würde es sein, nahm sie sich vor, und über ihr Gesicht lief ein zuversichtliches Lächeln.

Zur gleichen Zeit brachen auch Katharina und Alexander bester Laune in ihre Flitterwochen auf.

2. KAPITEL

Charlotte hatte unterdessen Coras Terminplaner unter den Sofakissen entdeckt. Da sie ohnehin nach München musste, nahm sie sich vor, ihn ihrer Freundin gleich vorbeizubringen. Alfons machte sie darauf aufmerksam, dass Frau Franke noch einen Zweitschlüssel zu ihrer Privatwohnung an der Rezeption hinterlegt hätte. Auch diesen nahm Charlotte gleich mit.

Werner hatte die Abfuhr der PR-Managerin keine Ruhe gelassen. Schließlich hatte er sich in sein Auto gesetzt und war zu ihr gefahren.

„Es fällt mir nicht leicht, das zu sagen …“, begann er, nachdem sie ihn mit hochgezogenen Augenbrauen hereingebeten hatte. „Ich habe in letzter Zeit Dinge gesagt und getan, die nicht sehr nett waren. Dafür möchte ich mich bei dir entschuldigen.“ Cora ließ ihn zappeln.

„Gut, dann wäre ja alles geklärt“, meinte sie kühl. „Du hast noch eine Krawatte hier vergessen. Sie liegt im Bad. Und den Weg nach draußen kennst du ja.“ Das war zu viel für Werner; er packte sie und zog sie heftig in seine Arme.

„Du machst mich wahnsinnig“, flüsterte er erregt. Sie gestattete ihm, sie zu küssen und lächelte triumphierend, als er sie aufhob und ins Bett trug.

Nachdem sie ihrer Leidenschaft freien Lauf gelassen hatten, lagen sie nebeneinander und tranken Champagner. Cora sagte bedeutungsvoll:

„Wir gehören einfach zusammen.“ Bevor Werner etwas entgegnen konnte, klingelte es an der Tür. „Och nein, nicht jetzt“, seufzte sie und startete einen neuen Verführungsversuch. Da stand auf einmal Charlotte im Zimmer, die entgeistert die eindeutige Szene betrachtete. Sie hatte nur den Termin planer ihrer Freundin vorbeibringen wollen. Und als diese auf ihr Klingeln nicht geöffnet hatte, hatte sie einfach den Zweitschlüssel von der Rezeption benutzt. Wie hätte sie ahnen sollen, dass das alles Bestandteil des raffinierten Plans war, den die PR-Managerin gesponnen hatte.

„Hallo Charlotte“, meinte Cora nun ungerührt. Doch die hatte nur Augen für ihren Mann, der sich unter ihren Blicken wand.

„Wie kannst du mir das antun?“, fragte sie leise. Er wollte etwas erwidern, doch sie fuhr fort: „Es ist besser, du sparst dir jedes weitere Wort.“

„Die Situation ist eindeutig, da hat sie Recht“, bemerkte die PR-Managerin sarkastisch.

„Wie man sich in einem Menschen täuschen kann“, meinte Charlotte.

„Wenn man sich täuschen lassen will.“ Cora war ganz in ihrem Element.

„Ich will dich nie wieder auch nur in der Nähe unseres Hotels sehen.“ Charlotte legte Terminplaner und Schlüssel auf einen Tisch und verließ die Wohnung. Werner sprang aus dem Bett, um sich anzuziehen.

„Tu mir einen Gefallen und mach’ ein anderes Gesicht“, forderte seine Geliebte ihn auf. „Sei froh, dass es endlich raus ist.“

„Du verstehst es nicht“, erwiderte er angespannt.

„Was gibt’s da zu verstehen? Du betrügst deine Frau, und jetzt weiß sie Bescheid. Hast du dich mal gefragt, wie das für mich war, immer die heimliche Geliebte zu sein?“

„Charlotte ist schwer krank.“

„Ja sicher. Das hat dich all die Monate aber nicht sonderlich gestört“, meinte die PR-Managerin trocken. Werner presste die Lippen zusammen.

„Schlimm genug. Diese Situation gerade eben, die hätte ich ihr gern erspart. Hast du es eingefädelt, dass sie uns erwischt?“ Cora war ganz die gekränkte Unschuld.

„Wie denn? Ich wusste doch nicht mal, dass du wieder vor meiner Tür stehen und um Einlass betteln würdest. Komm schon, du wirst sehen, sie überlebt es. Deine Frau ist zäher, als wir denken.“ Er war entsetzt von ihrer Kaltschnäuzigkeit.

„Wenn sie dich hören könnte! Für Charlotte warst du eine sehr gute Freundin, berührt dich das denn gar nicht?“

„Ich habe mir oft genug ihre Sorgen angehört und mich um sie gekümmert! Hat sie es jemals interessiert, wie es mir geht? Kann mich nicht erinnern.“

„Wie kalt du bist“, stellte er angewidert fest.

„Vor ein paar Minuten fandest du mich noch alles andere als kalt.“ Sie hielt ihm sein Champagnerglas hin. Er lehnte ab und wandte sich zum Gehen.

„Wo willst du denn jetzt hin?“, fragte sie.

„Nach Hause, zu meiner Frau.“

„Ich glaube, den Weg kannst du dir sparen. Lass uns lieber über unsere Zukunft sprechen.“ Voller Abscheu sah er sie an.

„Wir haben keine. Wie werden nie eine haben. Warum bin ich bloß noch mal hierher gekommen? Warum bloß, verdammt noch mal!“ Verzweifelt schlug er mit der Faust auf den Tisch. Cora reagierte gereizt.

„Irgendwann kommst du sowieso wieder bei mir angekrochen …“ Werner fiel ihr ins Wort.

„Keine Angst. Weißt du, du hast einen schönen Körper, aber eine hässliche Seele. Und das zwischen uns hatte mit Liebe nie etwas zu tun.“ Außer sich vor Wut warf sie mit einem Kissen nach ihm.

„Du Schwein!“ Er blieb ungerührt.

„Ich habe mich meiner Frau gegenüber widerlich verhalten, aber zumindest ist es mir bewusst und ich bereue es. Du bist erbärmlich und scheinst es nicht mal zu merken. Bitte komm nicht mehr in den ‚Fürstenhof‘. Wir klären die Kündigungsmodalitäten telefonisch.“ Der PR-Managerin blieb die Luft weg.

„Das wagst du nicht.“ Doch er wirkte entschlossen. Coras Fassade fiel herunter, verzweifelt klammerte sie sich an den einzigen Mann, den sie jemals gewollt hatte.

„Überleg’ doch mal! Bitte! Das wollten wir doch immer, wir zwei: Zusammensein ohne Charlotte. Du und ich, Werner!“

„Du wolltest das, nicht ich“, erwiderte er bitter. Und dann ging er ohne ein weiteres Wort.

„Das wirst du mir büßen“, schrie sie ihm hinterher.

Zurück im „Fürstenhof“ war Charlotte Katharinas Mutter in die Arme gelaufen. Inge spürte sofort, dass etwas nicht stimmte, und Charlotte schüttete ihr schließlich das Herz aus. Inge hatte Cora Franke nie gemocht und auch nie verstanden, wieso Charlotte so gut mit ihr befreundet gewesen war. Aber auf Werners Betrug reagierte sie abgeklärt. Ihr eigener Mann habe sie zu Lebzeiten mehrfach betrogen, gab sie Charlotte preis.

„Das wusste ich gar nicht.“

„Damit geht man auch nicht hausieren“, erklärte Inge zynisch. „Diese Frauen sind jünger, unbeschwerter, sehen besser aus …“

„Hast du deinem Mann immer wieder verzeihen können?“, wollte Charlotte wissen. Inge seufzte.

„Am Anfang hat es sehr wehgetan, das kannst du mir glauben. Männer, die ihre Frauen betrügen, tun das immer wieder. Der einzige Trost ist, meistens hat es nichts mit Liebe zu tun, und sie kommen jedes Mal wieder zurück.“

„Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt möchte. Ob ich damit so souverän umgehen kann wie du.“ Inge legte die Hand auf Charlottes Arm.

„Ich habe nur keine Illusionen mehr, das ist alles. Und deswegen rate ich dir, triff keine übereilten Entscheidungen. Werner liebt dich, das spürt man. Du musst jetzt Stärke zeigen. Nimm die Zügel in die Hand, lass ihn ein bisschen zappeln. Nach einer Weile vergibst du ihm großmütig und diktierst neue Spielregeln. Und dann …“

„Und dann?“

„Wenn du Pech hast, geht’s wieder von vorn los. Ich fürchte, das ist die Realität.“

Charlotte blickte Katharinas Mutter verwundert an. „Ich war früher auch nicht so abgeklärt, glaub’ mir. Alles, was ich sagen möchte, ist: Das Leben geht weiter, und du wirst darüber hinwegkommen.“

Aber an Inge war diese neue Wendung in der Geschichte der Familie Saalfeld trotzdem nicht spurlos vorübergegangen. Und ihr Sohn goss Wasser auf ihre Mühlen.

„Vielleicht sollten wir die ganze Fusion rückgängig machen“, meinte Maxim, als er von Werners Betrug erfahren hatte. Inge nickte.

„Um ehrlich zu sein, darüber habe ich auch schon nachgedacht. Ich werde unseren Anwalt anrufen. Bei aller Sympathie … wer weiß, was als Nächstes kommt.“ Maxim rieb sich zufrieden die Hände. Er würde schon irgendwie an das Geld kommen, das er brauchte, um seine Schulden zu bezahlen. Jetzt konnte er sich wieder vollen Herzens seiner Lieblingsbeschäftigung widmen – Frauengeschichten.

Marie Sonnbichler hatte er im Feinkostladen des „Fürstenhofs“ entdeckt. Sie war die entzückende Tochter des Portierehepaars und schien nur darauf zu warten, seine Bekanntschaft zu machen. Er konnte ja nicht wissen, dass Tanja Tarotkarten gelegt und dabei herausgefunden hatte, dass Maries Märchenprinz schon ganz in ihrer Nähe war. Seitdem sie das gehört hatte, betrachtete die hübsche Verkäuferin jeden Mann, der ihr im Hotel begegnete, mit prüfenden Augen.

„Ich wusste gar nicht, dass sich ein Dornröschen im ‚Fürstenhof‘ versteckt!“, sprach Maxim sie flirtend an. Marie lächelte schüchtern.

„Leider kam noch kein Prinz, um mich zu befreien.“ Dann wurde sie wieder professionell. „Kann ich helfen? Suchen Sie etwas?“

„Ich brauche dringend einen Berg Süßkram“, entgegnete er.

„‚Süße Küsse?‘“

„Wie bitte?“

„‚Süße Küsse‘ von Laura“, erklärte sie. „Die kennt doch jeder hier.“

„Ach so.“ Maxim tat enttäuscht. „Für eine Sekunde dachte ich schon, Sie wollten mich küssen.“ Verlegen senkte sie den Blick. „Schade eigentlich. Aber stellen Sie mir doch etwas Süßes zusammen und bringen es mir nachher aufs Zimmer. Geht das?“

„Ja, klar. Gern.“

Marie sah dem jungen Klinker-Emden nach, als er den Laden wieder verließ. Konnte es sein, dass er der Mann war, den die Karten ihr angekündigt hatten? Sie hatte bisher so viel Pech gehabt mit Männern … Dabei sehnte sie sich nach nichts so sehr wie nach einer glücklichen Beziehung. Sie war ein Mensch, der Liebe geben, der sich verströmen wollte, und sie brauchte jemanden, der das, was sie zu geben hatte, auch haben wollte.

Vielleicht war es ja Maxim, dachte sich Marie, während sie mit klopfendem Herzen zu seinem Zimmer ging. Als sie eintrat, bemerkte sie sofort, dass er nur mit einem Handtuch um die Hüften bekleidet war.

„Ich stell’ die Sachen einfach ab, okay?“, sagte sie nervös.

„Nicht verschwinden!“, erwiderte er. „Schön hier bleiben.“ Er reichte ihr ein Champagnerglas. „Wir müssen dringend Brüderschaft trinken.“ Sie stießen miteinander an. Und dann kam Maxim zur Sache: Er presste der überrumpelten Marie einen leidenschaftlichen Kuss auf die Lippen und nestelte an ihrem Kleid. Sie brauchte einen Moment, bis sie begriff, was hier passierte. Aber dann wehrte sie sich mit aller Kraft.

„Hör’ auf! Lass das!“, rief sie empört.

„Ach komm schon, du hast mich doch im Laden total angemacht“, meinte er spöttisch. „Aber zwingen tue ich keine. Und auf Rumgezicke habe ich auch keinen Bock.“ Er öffnete demonstrativ die Zimmertür. „Einen schönen Abend noch, Spaßbremse.“

Marie war zutiefst gekränkt und ging sofort zu Tanja, um ihr zu erzählen, was vorgefallen war. Tanja hatte selbst schlechte Erfahrungen mit Maxim Klinker-Emden gemacht und teilte Maries Empörung. Um sie abzulenken, berichtete sie, dass Laura aus Brüssel angerufen hatte. Voller Begeisterung hatte die Freundin ihren ersten Arbeitstag unter den belgischen Spitzenconfiseuren geschildert.

Aber das Zimmermädchen hatte noch ein Hühnchen mit dem jungen Mann zu rupfen. Nachdem sie sich von Marie verabschiedet hatte, ging sie schnurstracks zu seinem Zimmer.

„Ich finde es ekelhaft, wie du Marie behandelt hast“, rief sie ihm wütend entgegen. „Sie ist ein liebes und anständiges Mädchen. Wehe, du fasst sie noch einmal an!“

„Spiel’ dich nicht so auf, Tanja“, entgegnete Maxim lässig, wurde dann aber vom Klingeln seines Handys unterbrochen. „So schnell geht das nicht“, antwortete er in den Hörer. „Meine Familie rückt nichts raus, das habe ich Ihnen doch schon … Ja, ich habe Sie verstanden. Geben Sie mir doch bitte etwas Zeit.“ Tanja hatte genug gehört. Es war sonnenklar, dass der arrogante Millionenerbe in der Klemme steckte. Mit einem triumphierenden Grinsen verließ sie den Raum.

Werner hatte eine Weile gebraucht, um den Mut zu finden, Charlotte gegenüberzutreten. Völlig aufgelöst kam er nun in die Wohnung und flehte sie um Vergebung an.

„Es war ein schrecklicher Fehler, es tut mir so unendlich Leid, bitte glaub’ mir!“

Doch seine Frau legte keinen Wert auf seine Entschuldigungen.

„Das hättest du dir früher überlegen müssen.“

„Es hatte keine Bedeutung. Ich liebe sie nicht.“ Sie sah ihn verächtlich an.

„Da bin ich ja beruhigt. Hast du eine Ahnung, wie sehr mich das verletzt?“

„Es ist vorbei“, beteuerte er. „Ich habe Cora gesagt, dass es vorbei ist.“ Charlotte verlor die Contenance.

„Wie soll ich dir jemals wieder vertrauen können! Wie?“, weinte sie laut. „Es ist noch nicht lange her, da hast du mir deinen ersten Seitensprung gebeichtet. Aus dem sogar ein Kind hervorgegangen ist … Und ich möchte gar nicht wissen, wie viele Frauen es zwischen Susanne Mahler und Cora noch alles gab.“

„ Keine, bitte glaube mir! Ich liebe dich“,

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