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Sir Rupert und der bleiche Betrüger

Über das Buch

Das größte Glück des Menschen ist sein Hund – doch kann dieses Glück noch vollkommener werden?

SIR RUPERT UND DER BLEICHE BETRÜGER
von Anna Bernstein

England im 19. Jahrhundert: Emily Macdonald hat nicht viel übrig für Männer. Ihre große Liebe ist ihr blinder Hund, ein King Charles Spaniel namens Sir Rupert. Obwohl sie weiß, dass Sir Rupert kaum eine Chance auf den Sieg hat, meldet sie ihn bei einer Hundeshow an, denn sie glaubt an das Potenzial ihres hübschen Rüden. Doch bei der Veranstaltung scheint es nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Und plötzlich sieht sich Emily nicht nur mit einer hinterhältigen Intrige konfrontiert, sondern auch mit einem verführerischen irischen Gentleman, der genau wie sie herausfinden will, wer die Show um jeden Preis gewinnen will …

Im vierten Band unserer Reihe „Mit Herz und Hund“ erleben Sie einen zauberhaften Kurzroman, der Herzen höher schlagen lässt.

Über die Autorin

Anna Bernstein wurde 1988 in München geboren. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Berlin. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bereits als Kind, besonders fantastische Geschichten haben es ihr angetan. Mit der Veröffentlichung ihres ersten Romans GÖTTERNACHT erfüllte sich ein lang gehegter Traum.

Mehr Informationen über die Autorin unter: www.anna-bernstein.weebly.com

Eines war Emily schon als Kind klar gewesen: Ein Mann, der seine Morgenzeitung einem Gespräch vorzog, war nicht das, wonach sie suchte.

Als sie in die Postkutsche einstieg, ihren Hund auf dem Arm, war sie nicht der einzige Fahrgast. Ein Mann saß ihr gegenüber, jung und äußerst attraktiv, in einen faltenfreien Anzug gekleidet und mit blank polierten Schuhen. Emily grüßte ihn höflich. Zwar erwiderte er den Gruß murmelnd, vor allem aber warf er einen skeptischen Blick über seine Zeitung hinweg auf den kleinen Spaniel, der auf ihrem Schoß saß. Mehrere Male versuchte sie in den nächsten Stunden, ein freundliches Gespräch zu beginnen, doch die Antworten des Mannes waren kurz und knapp, und nach einer Weile klang sein Räuspern sogar ärgerlich. Nicht ein einziges Mal sah er von seiner Zeitung auf, und als er schließlich ausstieg, konnte er sich kaum zu einem Abschiedsgruß hinreißen und verließ die Kutsche mit finsterem Blick.

Das war es nicht, was Emily sich unter dem Mann ihrer Träume vorstellte.

Ein Mann musste Charme besitzen, musste ihr zuhören und sich wirklich für sie interessieren. Wenn ihm dagegen seine Geschäfte über die Liebe zu seiner Frau gingen, dann wäre er für Emily nur gestohlene Zeit. Denn auf gar keinen Fall wollte sie enden wie die vielen anderen Frauen im schottischen Edinburgh: gelangweilt, ziellos und einsam.

Ja, vor allem einsam. Jeden Tag trafen sie sich auf einer ihrer Veranden vor den prächtigen, geschmackvollen Herrenhäusern, tranken gesüßten Tee und erzählten von den wegweisenden Taten ihrer Männer, wirkten stolz, wirkten glücklich. Aber wenn sich die Gespräche um die immer gleich bleibenden Themen erschöpften, konnten sie einander nicht ansehen, ohne festzustellen, wie furchtbar ihr Leben neben einem reichen Mann war. Wenn Emily sie beobachtete, wie sie ihre Hunde mit Keksen vom Tisch fütterten und dankbar darüber waren, dass wenigstens dieses eine Lebewesen ihre Liebe erwiderte, empfand sie nichts als Mitleid. Schon früher, in ihren Kindertagen, hatte sie ihrer Mutter scheu über den Kopf gestreichelt, wenn ihr Vater monatelang nicht nach Hause kam, weil er seine Männer, die Highland Rifles, kommandieren musste. So wollte sie nicht werden. Niemals.

Heute, im Alter von einundzwanzig Jahren, gab es nur ein männliches Wesen in Emilys Leben: Einen treuen Gefährten, der ihr zur Seite stand und von dem sie sicher war, dass sie seinen ganzen Lebensinhalt darstellte. Er mochte nur etwa einen Fuß groß und weniger als zehn Pfund schwer sein, aber seit sie ihn gefunden hatte, bereicherte er ihr Leben auf vielerlei Weise. Er sorgte dafür, dass sie jeden Tag lange genug an die frische Luft kam, und gab ihr keine Widerworte, wenn sie sich über irgendetwas ärgerte. Sir Rupert war ihr Leben. Und er war ein Hund.

Natürlich war er nicht irgendein Hund. Damals, vor fünf Jahren, als Emily das zitternde Hundekind in einem Haufen Abfall gefunden hatte, war ihr bereits klar gewesen, dass sie es mit jemand ganz Besonderem zu tun hatte. Sir Rupert, der kleine bunte King Charles Spaniel, war blind. Die trübe, milchige Schicht über seiner Iris hatte sie zunächst irritiert, aber im richtigen Licht fiel sie kaum auf. Trotz oder vielleicht sogar wegen seiner Blindheit besaß Sir Rupert eine ausgesprochen feine Nase, durch die er sich in den Straßen zurechtfand, ohne etwas sehen zu können.

Nachdem Emily dem Klang eines herzzerreißenden Wimmerns gefolgt war, hatte sie ihn aus der Mülltonne gezogen – er stank erbärmlich nach Asche und verschimmeltem Fisch –, und da hatte er sie angesehen. Furchtlos, herausfordernd sogar, und für einige Sekunden war das Wimmern verstummt. Sie wusste, dass er geradewegs durch sie hindurchsah, war sich darüber im Klaren, dass seine Welt eine dunkle, eine schwarze war, und dennoch hatte sie in diesem Augenblick das Gefühl gehabt, dass dieser schmutzige kleine Welpe sie ansah, und zwar direkt durch die Fassade hindurch, die sie mit jedem Tag aufrechtzuerhalten versuchte. Sie hatte ihn einfach mitnehmen müssen.

Einer der großen Vorteile, die ihr Leben als Lady gehobenen Standes mit sich brachte, war die Tatsache, dass sie keinerlei Pflichten nachkommen musste. Emilys Mutter besaß eine Schar an Hausmädchen, Köchen, Gärtnern und Stallburschen, und für Emily blieb dabei keine Arbeit mehr übrig. Nur um Sir Rupert musste sie sich kümmern, und im Gegensatz zu den riesenhaften Wachhunden ihres Vaters fütterte sie ihn selbst, führte ihn aus und ließ es nicht zu, dass jemand anderes ihr diese Verpflichtungen abnahm.

Gegenwärtig jedoch saß Emily in der schaukelnden Kutsche, die sie nach Northumberland in eine kleine Grafschaft an den Mündungen der Flüsse Tyne und Wear bringen sollte. Dort, in einem alten Rathaus, fand eine der größten Hundeausstellungen Großbritanniens statt, und Emily konnte es kaum erwarten, endlich anzukommen. Der unhöfliche Schönling von vorgestern war noch der spannendste Zwischenfall gewesen, und inzwischen war sie die unbequeme Monotonie der Reise herzlich leid. Sie war allein gereist, fort von ihrer Mutter, die neuerdings versuchte, ihren Kummer über den abwesenden Ehemann in Brandy zu ertränken. Fort von all den Vorschriften, durch die ihr ihr Leben enger geschnürt als jedes Korsett vorkam. Und auch fort von den Blicken und dem Tuscheln einsamer Ehefrauen, die jedes Jahr energischer darüber den Kopf schüttelten, dass Emily trotz ihrer 21 Jahre noch immer nicht verheiratet war. In ihrem Alter hatten die meisten Frauen bereits ihr erstes Kind geboren und waren mit dem zweiten schwanger.

An all das wollte Emily jedoch nicht denken. Stattdessen lenkte sie sich mit der Vorstellung ab, ganze drei Tage lang die schönsten Hunde des Landes sehen zu dürfen, wobei Sir Rupert selbstverständlich der schönste von allen war, und vielleicht würde dieses Mal der Tag kommen, an dem auch andere dies erkannten. Emily hatte einen Traum, der angesichts der Blindheit von Sir Rupert ein wenig töricht war. Sie träumte von einer erfolgreichen King Charles Spaniel Zucht, und sie wünschte sich, dass Sir Rupert der Stammvater ihrer eigenen Linie von Spaniels werden würde. Aber sie wollte, dass diese Zucht eine offizielle, eine angesehene war und keine der bedeutungslosen Hinterhofzuchten.

Sie war sich sicher, dass Sir Rupert das Zeug dazu hatte. Er besaß eine außergewöhnliche Fellfarbe, so schön und selten, dass man ihre Träger in Ausstellungskreisen »Prince Charles« nannte. Sein perlweißes Fell wies große, kräftige schwarze Flecken auf, die fast seinen gesamten Rücken und Kopf bedeckten. Nur an den Wangen und über den Augen hatte er leuchtend lohfarbene Farbtupfer, und die Spitze seiner Rute wirkte, als habe er sie in einen Tiegel von derselben braunen Farbe getunkt. Er lag jetzt neben ihr auf einem weichen Kissen und schlief. In solchen Momenten sah er aus wie jeder andere Hund, doch sobald er die Augen öffnete, seine großen grauen Augen, konnte jeder erkennen, dass er etwas Besonderes, etwas Außergewöhnliches war. Jedes Mal, wenn er sich umsah, hatte Emily das Gefühl, er blicke in eine andere Welt, eine verborgene Welt, die den Sehenden verschlossen blieb. Nur die kleine feuchte Nase zuckte und zeichnete die Welt für ihn in faszinierenden Gerüchen.

Emily schob die Vorhänge der Kutsche beiseite und sah hinaus auf satte Wiesen und Hügel. Die Strahlen der Morgensonne glitzerten auf dem von Tau feuchten Gras, und es sah aus, als wäre die Welt mit Silber übergossen. In der Ferne schimmerte das stählerne Grau des Tyne.

Emily seufzte und ärgerte sich im nächsten Moment über sich selbst. Sie sollte diesen schönen Anblick genießen, anstatt melancholisch zu werden. Aber in letzter Zeit passierte ihr das immer häufiger. In einem Moment noch war sie glücklich und zufrieden, im nächsten jedoch wurde sie sich gewahr, dass sie ihre Freude nur mit Sir Rupert teilen konnte. Vielleicht würde ja diese Reise etwas ändern.

Emily erreichte das Herrenhaus von Charlotte Hadley um die Mittagszeit. Die Pferde kamen schweißgebadet und dampfend zum Stehen, während die Sonne unbarmherzig vom Himmel brannte. Sir Rupert sprang behände aus der Kutsche und wartete geduldig, bis Emily ihm folgte. Der Butler ließ ihr Gepäck in eines der unzähligen Zimmer bringen, doch Emily hatte nur kurz Zeit, sich für das Treffen mit der alten Dame frischzumachen, die ihr erlaubte, während der Ausstellung in ihrem Haus zu übernachten. Lady Charlotte Hadley, die Witwe eines reichen Geschäftsmannes, der ihr viel Geld hinterlassen hatte, war eine äußerst betagte Frau, die alleine lebte, seit ihr hochverehrter Gatte vor vielen Jahren gestorben war. Die Ehe war kinderlos geblieben, und mit jedem Jahr, das verging, versuchte Lady Hadley inbrünstiger, diese Leere mit exotischen Pflanzen zu füllen, die sie aus Afrika erwarb. In ihrem Garten blühten die schönsten Blumen, die Emily je gesehen hatte. Doch sie konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es keine Töchter und Enkeltöchter gab, welche diese pflückten und zu Haarkränzen flochten, und auch keine Söhne, die daraus prächtige Sträuße formten, um einer Maid den Hof zu machen. Emilys Mutter war eines der wenigen Kinder gewesen, die dieses Anwesen besucht hatten. Sie hatte die Sommermonate oft in der Obhut von Lady Hadley verbracht. Sie war eine langjährige Freundin der Familie, und Emily kannte sie seit ihrer Geburt.

Der Butler holte Emily nach wenigen Minuten ab und brachte sie in den vorderen Salon. Sie knickste und nahm auf der Ottomane Platz, als Lady Hadley dorthin deutete. Ein Hausmädchen reichte ihr eine Tasse Tee, dann verließ sie den Raum. Und Emily wartete. Sie kannte die alte Dame gut genug, um zu wissen, dass sie sich keinesfalls vor der ersten Tasse Tee ein Gespräch abnötigen lassen würde.

Lady Hadley trank ihren Tee ungesüßt. Mit fester Hand führte sie die Tasse zum Mund und schien zu ignorieren, dass er noch kochend heiß war.

»Wie war deine Reise, Kind?«, fragte sie schließlich nach minutenlangem Schweigen.

»Nun, nass, Mylady«, antwortete Emily. »Bis Northumberland hat es unentwegt geregnet. Dies ist der erste sonnige Tag seit meiner Abreise.«

»Es ist ein Wunder, dass deine geschätzte Mutter dich ohne Anstandsdame hat ziehen lassen.« Lady Hadley räusperte sich. »Wird sie es nicht allmählich leid, Männer aus dem ganzen Königreich zu verköstigen, nur um dir endlich deine Freiheit zu rauben?«

Emily konnte sich ein Lächeln nur sehr schwer verkneifen. »Sie gibt sich immer noch Mühe. Mutter besitzt eine bemerkenswerte Ausdauer, wenn es darum geht, mich verheiraten zu wollen. Erst vor zwei Monaten hatten wir den jüngeren Sohn des Marquess von Salisbury zu Gast. Er ist groß und schlank, mit dunklem Haar …«

»Perfekte Manieren.«

»Reich.«

»Und sterbenslangweilig.« Lady Hadley winkte ab, als Emily überrascht lachte. »Sind sie das nicht alle, Kind? Grafen, Herzöge, sogar Geschäftsmänner, sie alle sind meist nicht das samtene Kissen wert, auf dem sie sitzen. Ich sage es schon seit Jahren, aber auf mich will ja niemand hören. Deine Mutter wird es auch nicht tun. Für sie zählt nur die gute Partie. Ein Jammer, dass Frauen noch immer auf die Löhne ihrer Männer angewiesen sind.«

»Aber Ihr seid es nicht«, sagte Emily. »Ihr seid unabhängig.«

»Das liegt daran, dass ich Witwe bin«, antwortete Lady Hadley. »Und dazu noch die Witwe eines wohlhabenden Mannes. Wie hieß denn nun der Bursche, den deine Mutter dir vorstellen wollte? Der Marquess von Salisbury hat immerhin drei unverheiratete Söhne über 20 Jahren.«

»Äh …« Emily dachte fieberhaft nach. Wie hieß er noch mal? Sie erinnerte sich nur noch daran, dass er sich ewig lang über die Wetterverhältnisse in Wiltshire ausgelassen hatte. John? Jonathan? James? Sie zuckte zerknirscht mit den Achseln. »Ich weiß es nicht mehr.«

Dieses Mal war es Lady Hadley, die lachte.

Als Emily am folgenden Morgen den Park vor dem Rathaus betrat, musste sie Sir Rupert auf dem Arm tragen. Nicht nur, weil ihr Hund von den vielen Gerüchen fremder Hunde nervös wurde, sondern auch, weil sie auf dem Weg bereits einer missgelaunten Bulldogge begegnet waren, die ihren Unmut an dem kleineren Hund hatte auslassen wollen und nach ihm geschnappt hatte. Emily konnte es dem Hund nicht einmal verübeln; sie hätte auch schlechte Laune, wenn sie von einem Grobian von Herrchen hinter sich hergezerrt werden würde.

In der gesamten Parkanlage liefen Hunde durcheinander, einige Besitzer gerieten in heftige Diskussionen über das Aussehen ihrer Tiere und die primären Zuchtziele, die es zu verfolgen galt, die anderen saßen auf provisorischen Bänken und unterhielten sich friedlicher. Wie immer überwog die Zahl der Frauen die der Männer bei Weitem, obwohl die Jury natürlich aus Männern bestand. Es war die größte Hundeausstellung, auf der Emily je gewesen war. Noch nie hatte sie so viele Menschen und so viele Hunde an einem Ort gesehen.

Schon auf den ersten Blick erkannte sie Lady Stark, eine rüstige Frau von 50 Jahren, die sich der Zucht von schwarzen Labradoren verschrieben hatte. Um sie herum sprangen gleich drei der lackschwarzen Schönheiten und bellten aufgeregt. Etwas weiter abseits des Getümmels stand der Eisenbahnmagnat Henry Cromwell und bürstete das Fell seines preisgekrönten Spaniels Admiral Copper. Emily hatte diesen Rüden schon auf Bildern gesehen, und er sah Sir Rupert sehr ähnlich, allerdings besaß er braune, unversehrte Augen und war, zumindest für jene, welche am Ende die Preise verliehen, ein durch und durch vollkommener Hund. Emily hatte Henry Cromwell noch nie persönlich getroffen, da er sich nicht dazu herabließ, die kleineren Ausstellungen zu besuchen. Sein Reichtum und der Erfolg mit seinem Rüden waren jedoch immer wieder Gespräch in den Klatschblättern und auch bei Teegesellschaften der einsamen Damen auf den Veranden von Edinburgh. Er sah sehr gut aus, was vermutlich sein Übriges dazu beitrug.

Inmitten des größten Trubels, ausgelöst von gut einem Dutzend weißer, kleiner Pudel, die sich in die ...

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