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Sinuhe der Ägypter

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Erstes Buch: DAS BINSENBOOT
  6. Zweites Buch: DAS HAUS DES LEBENS
  7. Drittes Buch: IM TAUMEL THEBENS
  8. Viertes Buch: NEFERNEFERNEFER
  9. Fünftes Buch: DIE CHABIREN
  10. Sechstes Buch: DER TAG DES FALSCHEN KÖNIGS
  11. Siebtes Buch: MINEA
  12. Achtes Buch: DAS DUNKLE HAUS
  13. Neuntes Buch: DER KROKODILSSCHWANZ
  14. Zehntes Buch: DIE STADT DER HIMMELSHÖHE
  15. Elftes Buch: MERIT
  16. Zwölftes Buch: DIE WASSERUHR MISST DIE ZEIT
  17. Dreizehntes Buch: DAS REICH ATONS AUF ERDEN
  18. Vierzehntes Buch: DER HEILIGE KRIEG
  19. Fünfzehntes Buch: HOREMHEB

Über den Autor

Mika Waltari (1908–1979) gehört zu den erfolgreichsten Autoren Finnlands. Nach dem Studium der Theologie, Literaturwissenschaft und Philosophie arbeitete er als Journalist, Übersetzer, Literaturkritiker und freier Schriftsteller. Sein umfangreiches Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. SINUHE DER ÄGYPTER aus dem Jahr 1945 war Mika Waltaris größter Erfolg.

Mika Waltari

SINUHE
DER
ÄGYPTER

Historischer Roman

Ungekürzte Übersetzung aus dem Finnischen von
Andreas Ludden

1.

Ich, Sinuhe, der Sohn Senmuts und seiner Frau Kipa, schreibe dies. Nicht um die Götter des Landes Kemi zu preisen, denn ich bin die Götter leid. Nicht um die Pharaonen zu preisen, denn ich bin ihre Taten leid. Nur um meiner selbst willen schreibe ich dies. Nicht um den Göttern zu schmeicheln, nicht um den Königen zu schmeicheln, und auch nicht aus Furcht oder aus Hoffnung. Denn ich habe in meinem Leben so viel erlebt und verloren, dass mich keine Furcht mehr plagt und ich keine Hoffnung auf Unsterblichkeit mehr habe, so wie auch die Götter und Könige mich nicht mehr kümmern. Nur um meinetwillen schreibe ich dies. Ich glaube, darin unterscheide ich mich von all den anderen, die in der Vergangenheit geschrieben haben und in Zukunft schreiben werden.

Alles, was jemals geschrieben worden ist, wurde entweder um der Götter oder um der Menschen willen geschrieben. Und ich halte auch die Pharaonen für Menschen, denn sie sind wie wir alle, im Zorn und in der Furcht, im Streben und im Scheitern. Es gibt keinen Unterschied zwischen ihnen und uns, auch wenn sie tausendmal für Götter gelten. Selbst wenn sie abertausendmal zu den Göttern gerechnet würden, so sind sie doch Menschen und in jeder Hinsicht allen anderen Menschen gleich. Sie haben die Macht, ihren Hass zu befriedigen und vor ihren Ängsten zu fliehen, aber vor Begierden und Enttäuschungen schützt ihre Macht sie nicht. Alles was jemals geschrieben worden ist, wurde auf Geheiß von Königen geschrieben, um den Göttern zu schmeicheln oder um die Menschen etwas glauben zu machen, was gar nicht geschehen ist. Vielleicht hat sich alles, was geschehen ist, in Wirklichkeit anders zugetragen. Oder vielleicht ist der Anteil des einen oder anderen an dem, was geschehen ist, in Wirklichkeit größer oder kleiner. Das nämlich meine ich, wenn ich sage, dass seit uralten Zeiten alles, was geschrieben worden ist, um der Götter oder der Menschen willen geschrieben wurde.

Alles kehrt wieder, und es gibt nichts Neues unter der Sonne. Der Mensch ändert sich nicht, auch wenn seine Kleidung sich ändert und seine Sprache sich ändert. Deshalb glaube ich, dass sich auch in künftigen Zeiten das Schreiben nicht ändern wird, weil der Mensch sich nicht ändert. Die Menschen scharen sich nämlich um die Lüge herum wie Fliegen um einen Honigkuchen, und die Worte eines Märchenerzählers an der nächsten Straßenecke verströmen Weihrauchduft. Vor der Wahrheit aber fliehen die Menschen.

Ich aber, Sinuhe, der Sohn Senmuts, habe in den Tagen meines Alters und meiner Enttäuschungen genug von der Lüge. Deshalb schreibe ich nur um meiner selbst willen. Ich schreibe nur das auf, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe oder von dem ich weiß, dass es wahr ist, auch wenn ich es nur gehört habe. Darin unterscheide ich mich von allen, die vor mir gelebt haben, und von allen, die nach mir leben werden. Denn ein Mann, der Worte auf Papier schreibt, und erst recht ein Mann, der seinen Namen und seine Taten in Stein hauen lässt, lebt in der Hoffnung, dass seine Worte gelesen werden und dass spätere Generationen seine Taten und seine Weisheit preisen werden. Aber an meinen Worten gibt es nicht viel zu preisen, meine Taten kann man kaum loben, und meine Weisheit ist bitter und wird niemandem gefallen. Auch werden sich die Menschen meine Worte nicht immer wieder aufsagen, um sich mit meiner Weisheit zu brüsten. Indem ich dies schreibe, entsage ich der Hoffnung, dass man mich je lesen oder verstehen wird.

Der Mensch ist in seiner Bosheit grausamer und verstockter als das Nilkrokodil. Sein Herz ist härter als Stein. Seine Eitelkeit ist nichtiger als Staub. Versenkt man ihn im Nil, dann wird er, ist er erst gerettet und sind erst seine Kleider wieder getrocknet, genauso sein wie vorher. Versenkt man ihn in Kummer und Enttäuschung, so wird er, wenn er wieder daraus hervorkommt, derselbe sein wie vorher. Mancherlei Umbrüche habe ich, Sinuhe, im Laufe meines Lebens gesehen, aber alles ist immer genauso geblieben wie zuvor, und der Mensch hat sich nicht geändert. Zwar gibt es Leute, die sagen, dass etwas, das heute geschieht, früher nie so geschehen wäre, aber das ist nur sinnloses Geschwätz.

Ich, Sinuhe, habe gesehen, wie ein Sohn seinen Vater an der Straßenecke zu Tode prügelte. Ich habe gesehen, wie Arme sich gegen Reiche erhoben und Götter gegen Götter kämpften. Ich habe einen Mann gesehen, der seinen Wein aus goldenen Bechern zu trinken pflegte, dann aber im Elend eine Hand voll Wasser aus dem Fluss schöpfte. Jene, die zuvor Gold abgewogen hatten, bettelten an den Straßenecken, und ihre Frauen verkauften sich für einen Armreif aus Kupfer an geschminkte Neger, um Brot für ihre Kinder kaufen zu können.

Genau so war es auch früher schon. Bereits unter den Hirtenkönigen gab es Männer, die unter prächtigen Dächern ruhten, obwohl sie ihre Nächte zuvor auf Lehmfußböden verbracht hatten. Auch damals kamen Fremde, schlugen Kindern die Köpfe an der Türschwelle zu Brei und versklavten Frauen, die in königliches Linnen gekleidet waren. Auch damals schon wurden Männer, die sich Gräber in den Bergen im Westen hatten anlegen lassen, ums Leben gebracht und in den Fluss geworfen.

So ist nichts Neues vor meinen Augen geschehen, und was bisher geschehen ist, das wird sich auch in Zukunft ereignen. So wie der Mensch sich früher nicht verändert hat, so wird er sich auch in Zukunft nicht ändern. Die Menschen, die nach mir kommen, sind dieselben, die vor mir lebten. Wie sollten sie also meine Weisheit verstehen? Warum sollte ich darauf bauen, dass sie meine Worte lesen werden?

Aber ich, Sinuhe, schreibe dies um meiner selbst willen, weil das Wissen an meinem Herzen nagt wie Lauge und ich all meine Freude am Leben verloren habe. Ich beginne dieses Buch im dritten Jahr meiner Verbannung, am Ufer des östlichen Meeres, von wo aus die Schiffe nach Puntland segeln, nicht weit von der Wüste und nicht weit von den Bergen, in denen die Könige früher Steine für ihre Statuen brechen ließen. Ich schreibe dies, weil der Wein in meinem Munde bitter schmeckt. Ich schreibe dies, weil ich die Lust daran verloren habe, mich mit Frauen zu ergötzen, und weil der Garten samt dem Teich und den Fischen darin meine Augen nicht mehr erfreut. In den kalten Winternächten wärmt ein schwarzes Mädchen mir das Bett, aber ich habe keine Freude an ihr. Die Sänger habe ich fortgeschickt, und die Musik der Lauten und Flöten verstört meine Ohren. Deshalb schreibe ich dies, ich, Sinuhe, der ich mir nichts aus Reichtum und goldenen Bechern mache, und auch nicht aus Myrrhe, schwarzem Holz und Elfenbein.

All dies besitze ich; man hat mir nichts genommen. Noch immer fürchten die Sklaven meinen Stock, und die Wächter verneigen sich vor mir und strecken dabei ihre Arme in Kniehöhe von sich. Aber die Zahl meiner Schritte ist begrenzt, und kein Schiff kann in der Meeresbrandung anlegen. Deshalb werde ich, Sinuhe, nie mehr den Duft schwarzer Erde in einer Frühlingsnacht wahrnehmen, und deshalb schreibe ich dies.

Einst stand mein Name im Goldenen Buch des Pharaos, und ich wohnte im Goldenen Haus zur Rechten des Königs. Mein Wort galt mehr als das Wort der Mächtigen des Landes Kemi. Die Vornehmen sandten mir Geschenke, und Goldketten hingen um meinen Hals. Ich hatte alles, was ein Mensch sich nur wünschen kann. Aber ich wollte als Mensch mehr, als ein Mensch erreichen kann. Deshalb bin ich hier, wo ich mich jetzt befinde. Ich wurde im sechsten Regierungsjahr des Pharaos Horemheb aus Theben verbannt, und kehrte ich zurück, man würde mich wie einen Hund erschlagen. Man würde mich wie einen Frosch zwischen den Steinen zerquetschen, täte ich auch nur einen Schritt über die Grenzen des Gebiets, das man mir zugewiesen hat. So lautet der Befehl des Königs, der einst mein Freund gewesen ist.

Doch was kann man anderes von einem Mann von niedriger Geburt erwarten, der Namen von Königen aus den Herrscherlisten streichen ließ und die Schreiber anwies, seine Eltern als Adlige in das Verzeichnis der Könige einzutragen? Ich war Augenzeuge seiner Krönung; ich habe gesehen, wie ihm die rote und die weiße Krone aufs Haupt gesetzt wurden. Im sechsten Jahr seiner Regierung verbannte er mich. Doch nach der Rechnung seiner Schreiber war es sein zweiunddreißigstes Regierungsjahr. Zeigt das nicht, dass alles Schreiben Lüge ist?

Ihn, der aus der Wahrheit lebte, verachtete ich zu seinen Lebzeiten für seine Schwäche und war entsetzt über das Verderben, das er um seiner Wahrheit willen über das Land Kemi brachte. Jetzt besteht seine Rache an mir darin, dass ich selber aus der Wahrheit leben will, allerdings nicht um seines Gottes willen, sondern um meiner selbst willen. Die Wahrheit ist ein schneidendes Schwert, die Wahrheit ist eine unheilbare Wunde, die Wahrheit ist eine bittere Lauge, die das Herz allmählich auffrisst. Deshalb fliehen die Männer in den Tagen ihrer Jugend vor der Wahrheit in Freudenhäuser, lassen sich von Arbeit und allerlei Tätigkeiten blenden, von Reisen und Vergnügungen, von Macht und Bauten. Aber es kommt der Tag, da die Wahrheit sie durchbohrt wie ein Speer, und danach werden sie keine Freude an ihren Gedanken und am Werk ihrer Hände mehr haben. Dann werden sie einsam sein, mitten unter den Menschen werden sie einsam sein, und auch die Götter werden ihnen keine Hilfe bringen in ihrer Einsamkeit. Dies schreibe ich, Sinuhe, wohlwissend, dass meine Taten böse waren und meine Wege falsch. Ja, ich bin mir bewusst, dass niemand sie sich zum Vorbild nehmen wird, auch wenn er diese Worte zu lesen bekommen sollte. Deshalb schreibe ich dies nur um meiner selbst willen. Mögen andere sich mit Ammons heiligem Wasser von ihren Sünden reinwaschen; ich, Sinuhe, reinige mich, indem ich meine Taten niederschreibe. Mögen andere ihre Lügen auf Osiris’ Waage wägen lassen; ich, Sinuhe, wäge mein Herz mit der Rohrfeder.

Aber bevor ich mit meinem Buch beginne, lasse ich mein Herz seine Klage erheben. So klagt mein vor Kummer schwarzes Herz eines Verbannten:

Wer einmal vom Wasser des Nils getrunken, der sehnt sich an den Nil zurück. Seinen Durst stillt keines anderen Landes Wasser.

Wer in Theben geboren ist, der sehnt sich nach Theben zurück, denn es gibt auf Erden keine andere Stadt, die Theben gleicht. Wer in einer ihrer Gassen geboren ist, der sehnt sich in diese Gasse zurück; aus einem Palast aus Zedernholz sehnt er sich in seine Lehmhütte zurück; umgeben vom Duft von Myrrhe und teuren Salben sehnt er sich zurück nach dem Dunst von verfeuertem Dung und dem Geruch in Öl gebratenen Fisches.

Meinen goldenen Kelch würde ich gegen einen ärmlichen Tonkrug eintauschen, dürfte ich meinen Fuß noch einmal auf die weiche Erde des Landes Kemi setzen. Meine Linnenkleider würde ich gegen die sonnenverbrannte Haut eines Sklaven eintauschen, wenn ich noch einmal im Frühlingswind das Rauschen des Schilfs am Fluss hören könnte.

Der Nil schwillt an, wie Edelsteine heben sich die Städte aus dem grünen Wasser empor, die Schwalben kehren zurück, die Kraniche waten im Schlamm, aber ich bin fort. Warum bin ich keine Schwalbe, warum bin ich kein Kranich, dass ich mit kraftvollen Flügeln an den Wächtern vorbei zurück ins Land Kemi fliegen könnte?

Ich würde mir ein Nest mitten zwischen Ammons bunten Säulen bauen, dort, wo die Obelisken feurig und golden aufblitzen, im Duft des Weihrauchs und des fetten Opferfleisches. Auf dem Dach einer Lehmhütte in einer Gasse der Armen würde ich mir mein Nest bauen. Dort, wo die Ochsen Wagen ziehen, die Arbeiter Papier aus Schilf zusammenkleben, die Händler ihre Waren ausrufen und der Skarabäus ein Stück Mist über die steingepflasterte Straße rollt.

Klar war das Wasser meiner Jugend, und süß mein Wahn. Bitter und sauer ist der Wein meines Alters, und auch das feinste Honigbrot mundet nicht so gut wie das grobkörnige Brot in den Tagen meiner Armut. Wendet euch, ihr Jahre, kehrt zu mir zurück, ihr verflossenen Tage! Segle, Ammon, am Himmel entlang von Westen nach Osten, damit ich meine Jugend noch einmal zurückerhalte! Kein Wort würde ich ändern, keine Tat gegen eine andere austauschen. Ach, meine schlanke Rohrfeder, und du, mein glattes Binsenpapier, gebt mir meine eitlen Taten wieder, meine Jugend und meinen Wahnsinn!

Dies schreibt Sinuhe, der Verbannte, der ärmer ist als alle Armen des Landes Kemi.

2.

Senmut, den ich meinen Vater nannte, war Armenarzt in Theben. Kipa, die ich meine Mutter nannte, war seine Frau. Sie hatten keine Kinder. Erst, als sie beide schon alt waren, kam ich zu ihnen. In ihrer Einfalt nannten sie mich eine Gottesgabe, ohne das Böse zu ahnen, das dieses Geschenk ihnen bringen sollte. Meine Mutter Kipa gab mir den Namen Sinuhe nach einer Märchenfigur, denn sie liebte Märchen. Nach ihrem Verständnis war ich auf der Flucht vor Gefahren zu ihr gekommen, so wie der Sinuhe im Märchen, der im Zelt eines Pharaos zufällig von einem furchtbaren Geheimnis erfährt, sich auf und davon macht, flüchtet und viele Jahre in fremden Ländern verbringt, wo er mancherlei Abenteuer besteht.

Aber das war nur eine simple Erzählung, die ganz zu Kipas kindlichem Gemüt passte. Sie hoffte, auch ich würde Gefahren stets aus dem Weg gehen und Missgeschicken ausweichen. Deshalb gab sie mir den Namen Sinuhe. Die Ammon-Priester sagen allerdings, dass der Name eines Menschen auch auf sein Schicksal hindeutet. Vielleicht hat mich mein Schicksal deshalb in Gefahren und Abenteuer sowie in fremde Länder geführt. Mein Name war es wohl, der mich an furchtbaren Geheimnissen teilhaben ließ, den Geheimnissen von Königen und ihren Gemahlinnen, die einem den Tod bringen konnten. Schließlich machte mein Name mich zu einem Ausgestoßenen und Verbannten.

Aber genauso kindisch wie die Gedankengänge der armen Kipa, als sie mir diesen Namen gab, ist die Vorstellung, dass der Name etwas mit dem Schicksal eines Menschen zu tun haben könnte. Mir wäre es ganz genauso ergangen, wenn ich etwa Kepru oder Kafran oder Mose geheißen hätte, jedenfalls glaube ich das. Allerdings lässt sich nicht leugnen, dass Sinuhe zu einem Verbannten wurde, während Heb, der Sohn des Falken, unter dem Namen Horemheb mit der roten und der weißen Krone zum Herrscher Unter- und Oberägyptens gekrönt wurde. So halte es jeder mit dem Glauben an die schicksalsbestimmende Bedeutung des Namens, wie er will. Und jeder finde in seinem Glauben Trost für die Widrigkeiten und bösen Wendungen des Lebens.

Ich wurde geboren, als der große König, Pharao Amenhotep III., herrschte. Im selben Jahr wurde auch jener geboren, der aus der Wahrheit leben wollte und dessen Name nicht mehr erwähnt werden darf, weil es ein verfluchter Name ist, obwohl das damals noch niemand wusste. Im Palast herrschte große Freude bei seiner Geburt. Der König brachte zahllose Opfer in Ammons großem Tempel dar, den er selbst hatte bauen lassen, und auch das Volk freute sich, ohne zu wissen, was da kommen sollte. Die Große Königliche Gemahlin Teje hatte nämlich vergeblich auf einen Sohn gewartet, obwohl sie Große Königliche Gemahlin und zweiundzwanzig Jahre alt war und obwohl ihr Name in den Tempeln und auf den Bildern neben dem Namen des Königs stand. Deshalb wurde er, dessen Name nicht erwähnt werden darf, mit feierlichen Riten zum Erben der königlichen Macht ernannt, sobald die Priester ihn beschnitten hatten.

Aber er wurde erst im Frühjahr zur Zeit der Aussaat geboren, wohingegen ich, Sinuhe, bereits im Herbst davor, als die Flut ihren Höchststand erreicht hatte, zur Welt gekommen war. Den genauen Tag meiner Geburt weiß ich nicht, denn ich kam in einem kleinen Binsenboot, das mit Pech abgedichtet war, den Nil hinab. Meine Mutter Kipa fand mich im Schilf unweit der Türschwelle ihres Hauses, so hoch war das Wasser damals gestiegen. Die Schwalben waren gerade erst aus dem Norden zurückgekehrt und zwitscherten über meinem Köpfchen, aber ich selbst war ganz still, und sie dachte, ich sei tot. Sie brachte mich in ihr Haus, wärmte mich am Herdfeuer und blies mir ihren Atem in den Mund, bis ich leise zu wimmern begann.

Mein Vater Senmut kam von seinen Krankenbesuchen nach Hause. Er brachte zwei Enten und einen Scheffel Mehl mit. Als er mein Wimmern hörte, dachte er, meine Mutter habe sich ein Katzenjunges angeschafft, und begann sie deshalb zu tadeln. Aber meine Mutter sagte: »Es ist keine Katze – ich habe einen Sohn bekommen! Freue dich, Senmut, mein Mann, uns ist ein Sohn geboren!«

Mein Vater wurde ungehalten und schalt sie ein dummes Ding, aber Kipa zeigte ihm mich, und meine Hilflosigkeit rührte meinen Vater. So nahmen sie mich als ihr eigenes Kind an und ließen die Nachbarn in dem Glauben, Kipa habe mich geboren. Das war ihrem Stolz zuzuschreiben, doch weiß ich nicht, inwieweit man ihnen glaubte. Das Binsenboot aber, in dem ich gekommen war, hob Kipa auf und hängte es an die Decke über das Bett. Mein Vater nahm seinen wertvollsten Kupferbecher, ging damit in den Tempel und ließ mich in das Buch der Neugeborenen als seinen und Kipas Sohn eintragen. Die Beschneidung nahm er als Arzt selbst vor, weil er dem Messer des Priesters nicht traute, das oft nässende Wunden zurückließ. Aber vielleicht tat er es auch aus Sparsamkeit, denn als Armenarzt war er nicht gerade vermögend.

Zwar weiß ich dies alles nicht aus eigener Erinnerung, aber meine Eltern haben es mir mit denselben Worten so oft erzählt, dass ich es glaube, denn ich finde keinen Grund, warum sie mich hätten belügen sollen. Allerdings glaubte ich in meiner ganzen Kindheit, sie seien meine wahren Eltern, und kein Kummer überschattete damals mein Leben. Die Wahrheit erzählten sie mir erst, als man mir die Knabenlocke abschnitt und ich zum Jüngling wurde. Das hielten sie so, weil sie die Götter ehrten und fürchteten und mein Vater nicht wollte, dass ich mein ganzes Leben lang mit der Lüge lebte.

Aber wer ich bin, woher ich komme und wer meine Eltern sind, das habe ich nie erfahren. Ich glaube es zu wissen, aus Gründen, die ich später berichten werde; aber es ist nur meine eigene Vermutung.

Eines weiß ich aber sicher, nämlich dass ich nicht der Einzige war, der in einem mit Pech abgedichteten Binsenboot den Nil hinabgeschwommen kam. Theben mit seinen Tempeln und Palästen ist nämlich eine große Stadt, und es gab zahlreiche Arme in den Lehmhütten in unmittelbarer Umgebung der Tempel und Paläste. Unter den großen Pharaonen hatte Ägypten viele Länder unter seine Herrschaft gebracht, und aufgrund der Größe und des Reichtums wandelten sich die Sitten; Fremde kamen als Händler und Bauleute nach Theben und errichteten dort Tempel für ihre Götter. Genauso groß wie der Luxus, der Reichtum und die Pracht in den Tempeln und Palästen war die Armut außerhalb ihrer Mauern. Viele Arme setzten ihre Kinder aus, aber es gab auch reiche Ehefrauen, die, während ihre Männer auf Reisen waren, die Frucht ihres Ehebruchs in einem Binsenboot den Nil hinabsandten. Vielleicht hatte mich die Frau eines Schiffseigners ausgesetzt, die ihren Mann mit einem syrischen Händler betrogen hatte. Vielleicht war ich das Kind von Ausländern, weil ich nicht beschnitten war. Nachdem mir die Knabenlocke abgeschnitten worden war und meine Mutter Kipa sie zur Aufbewahrung in ein kleines Holzkästchen zu meiner ersten Sandale gelegt hatte, betrachtete ich lange das Binsenboot, das sie mir zeigte. Die Binsen waren vergilbt und zerbröselt und von dem Rauch, der vom Kohlebecken aufstieg, mit Ruß überzogen. Sie waren mit Knoten verknüpft, wie sie Vogelfänger zu machen pflegten, aber sonst konnten sie mir nichts von meinen wahren Eltern erzählen. Auf diese Weise wurde meinem Herzen die erste Wunde beigebracht.

3.

Wenn man alt wird, flieht das Gemüt wie ein Vogel zurück in die Tage der Kindheit. Jetzt, in den Tagen meines Alters, leuchtet meine Kindheit in der Erinnerung hell und klar, so als wäre damals alles besser und schöner gewesen. Und es scheint in dieser Hinsicht keinen Unterschied zwischen Arm und Reich zu geben, denn bestimmt gibt es keinen Armen, in dessen Kindheit nicht auch Licht und Freude aufscheinen, wenn er sich im Alter daran erinnert.

Mein Vater Senmut wohnte stromaufwärts der Tempelmauern in einem armen und lauten Stadtteil. Unweit seines Hauses befanden sich die großen steinernen Landungsbrücken, an denen die Nilschiffe ihre Fracht löschten. In den engen Gassen gab es Bier- und Weinstuben für die Händler und Seeleute sowie Freudenhäuser, zu denen sich auch die Reichen aus der Stadtmitte in ihren Sänften tragen ließen. Unsere Nachbarschaft bestand aus Steuereintreibern, Unteroffizieren, Lastkahnschiffern und einigen Priestern fünften Grades. Sie gehörten genau wie mein Vater zur angeseheneren Bevölkerungsschicht der armen Stadtteile und stachen aus der Menge hervor, wie sich eine Mauer über die Wasseroberfläche erhebt.

Unser Haus war geräumiger als die Lehmhütten der Armen, die sich in den engen Gassen trostlos aneinanderreihten. Vor unserem Haus gab es sogar einen Garten von wenigen Schritten Umfang, in dem eine Sykomore stand, die mein Vater gepflanzt hatte. Akazienbüsche trennten den Garten von der Straße, und es gab auch einen kleinen steinummauerten Teich, in dem allerdings nur während der Flutzeit Wasser war. Das Haus hatte vier Zimmer, und in einem davon bereitete meine Mutter das Essen zu. Die Mahlzeiten nahmen wir auf der Veranda ein, von der aus man auch in den Behandlungsraum meines Vaters gelangte. Zweimal in der Woche kam eine Putzfrau, denn meine Mutter legte großen Wert auf Sauberkeit. Eine Wäscherin holte jede Woche unsere Wäsche ab, um sie am Flussufer zu waschen.

In diesem armen, ruhelosen und von immer mehr Ausländern bewohnten Stadtteil, dessen Verderbtheit sich mir erst erschloss, als ich zum Jüngling heranwuchs, hielten mein Vater und seine Nachbarn noch die alten Traditionen und die überlieferten Sitten in Ehren. Nachdem sich unter den Reichen und Adeligen der Stadt die Sitten längst gelockert hatten, repräsentierten mein Vater und die anderen Männer seiner Schicht nach wie vor das alte, unerschütterliche Ägypten, das von der Ehrfurcht vor den Göttern, von Reinheit und Selbstlosigkeit geprägt war. Es war, als wollten sie als Gegengewicht zu ihrem Stadtteil und den Menschen, unter denen sie leben und ihr Handwerk ausüben mussten, durch ihre Sitten und ihr Auftreten zeigen, dass sie anders waren.

Aber warum soll ich hier von Dingen berichten, die mir erst später klar wurden? Sollte ich nicht lieber von dem rauen Stamm der Sykomore erzählen und davon, wie ihre Blätter rauschten, wenn ich unter ihr im Schatten ruhte, um der brütenden Tageshitze zu entfliehen? Sollte ich nicht von meinem liebsten Spielzeug berichten, einem hölzernen Krokodil, das ich auf der gepflasterten Straße an einem Faden hinter mir herzog und das mir, mit seinem hölzernen Maul klappernd und den rot angemalten Rachen öffnend, überallhin folgte? Bei seinem Anblick liefen die Nachbarskinder staunend herbei. Viele Honigsüßigkeiten, so manchen glänzenden Stein und auch Kupferdraht konnte ich mir verdienen, indem ich ihnen erlaubte, es hinter sich herzuziehen und damit zu spielen. Ein solches Spielzeug hatten sonst nur die Kinder von Adeligen. Mein Vater hatte es vom königlichen Schreiner bekommen, den er mit feuchten Umschlägen von einem Geschwür geheilt hatte, das ihn am Sitzen hinderte.

Morgens nahm mich meine Mutter mit zum Gemüsemarkt. Zwar hatte sie nicht viel einzukaufen, aber sie verbrachte gerne ein Wasseruhrmaß lang Zeit damit, ein Bündel Zwiebeln auszuwählen, und die Vormittage einer ganzen Woche, wenn es darum ging, neues Schuhwerk anzuschaffen. Wenn sie mit den Verkäufern redete, hätte man meinen können, sie sei reich und wünsche nur beste Ware. Wenn sie nicht alles kaufte, was ihr gefiel, so lag dies scheinbar nur daran, dass sie mich zur Sparsamkeit erziehen wollte. Deshalb sagte sie: »Nicht der ist reich, der Gold und Silber besitzt, sondern derjenige, der sich mit Wenigem begnügt.« Aber ihre armen alten Augen betrachteten bewundernd die bunten Wollstoffe aus Sidon und Byblos, die leicht und dünn wie Daunen waren. Ihre braunen, von der Arbeit gezeichneten Hände strichen sanft über Elfenbeinschmuck und Straußenfedern. All das sei eitler und unnützer Tand, versicherte sie mir und gewiss auch sich selbst. Doch mein kindliches Gemüt lehnte sich gegen diese Lehren auf. Wie gerne hätte ich eine Meerkatze besessen, die ihrem Besitzer die Arme um den Hals schlang, oder einen bunten Vogel, der syrische und ägyptische Worte rief! Ich hatte auch nichts gegen Halsketten und Sandalen mit goldenen Riemen. Erst viel später begriff ich, wie sehr die arme alte Kipa sich danach sehnte, reich zu sein.

Aber weil sie nur die Frau eines Armenarztes war, befriedigte sie ihre Träume mit Märchen. Abends vor dem Einschlafen erzählte sie mir mit leiser Stimme all die Märchen, die sie kannte. Von Sinuhe erzählte sie und von dem Schiffbrüchigen, der mit unermesslichen Reichtümern vom Schlangenkönig zurückkehrt. Sie erzählte von Göttern und Zauberern, Magiern und Pharaonen aus uralten Zeiten. Mein Vater tadelte sie oft deswegen und meinte, sie pflanze nur Dummheiten und nichtiges Zeug in mein Gemüt ein, aber wenn er zu schnarchen begonnen hatte, fuhr meine Mutter mit ihren Geschichten fort, und das sicher genauso zu ihrem eigenen Vergnügen wie zu meiner Unterhaltung. Ich erinnere mich noch immer an jene drückend heißen Sommerabende, an denen das Bett unter meinem nackten Körper glühte und ich nicht einschlafen konnte. Ich höre noch immer ihre leise, einschläfernde Stimme, ich fühle mich wieder bei ihr geborgen. Meine leibliche Mutter hätte kaum besser und zärtlicher zu mir sein können als die einfache, abergläubische Kipa, bei der blinde und verkrüppelte Märchenerzähler stets sicher sein konnten, eine gute Mahlzeit vorgesetzt zu bekommen.

Die Märchen bezauberten mich; sie standen im Gegensatz zu den lebendigen Straßen in unserem Teil der Stadt, wo die Fliegen nisteten und die Luft von zahlreichen Dünsten und Gerüchen geschwängert war. Vom Hafen her wehte der Wind den betörenden Duft von Zedern und Weihrauchharzen in unsere Straße. Manchmal fiel ein Tropfen Duftöl aus der Sänfte einer vornehmen Frau zu Boden, wenn sie den Kopf hob, um Gassenjungen abzuwehren. Wenn sich abends Ammons goldenes Boot zu den Bergen im Westen wandte, stieg von den Veranden und aus den Lehmhütten der Geruch von in Öl gebratenen Fischen auf und vermischte sich mit dem Duft frischen Brotes. Diese Gerüche, die für die armen Stadtteile Thebens kennzeichnend waren und die ich als Kind lieben lernte, habe ich nie mehr vergessen.

Während der Mahlzeiten auf der Veranda vernahm ich auch die ersten Belehrungen aus dem Mund meines Vaters. Er kam mit müden Schritten von der Straße oder aus seinem Behandlungszimmer zu uns auf die Veranda, in seinen Kleidern den strengen Geruch von Salben und Arzneimitteln. Meine Mutter goss ihm Wasser über die Hände, und wir nahmen auf Hockern Platz und begannen zu essen, während meine Mutter uns bediente. Manchmal lief auf der Straße eine Schar lärmender Seeleute vorbei, die vom Bier trunken waren und johlend mit Stöcken auf die Hauswände eindroschen oder ihre Notdurft an unserem Akazienbusch verrichteten. Mein Vater, ein vorsichtiger Mann, sagte nichts, sondern wartete, bis sie weitergegangen waren. Erst dann belehrte er mich: »Nur ein elender Neger oder ein schmutziger Syrer verrichtet seine Notdurft auf der Straße. Ein Ägypter erledigt das innerhalb seiner vier Wände.«

Oder er sagte: »Der Wein ist ein Geschenk der Götter, um, in Maßen genossen, das Herz zu erfreuen. Ein Becher schadet niemandem, und zwei lösen die Zunge. Wer aber einen ganzen Krug austrinkt, der erwacht beraubt und verprügelt im Straßengraben.«

Manchmal wehte der Duft von Parfüm zur Veranda herüber, wenn eine schöne Frau zu Fuß vorbeischritt, den Leib in durchsichtige Stoffe gehüllt, mit hell gefärbten Wangen, Lippen und Augenbrauen und mit feucht glänzenden Augen, wie man sie bei ehrbaren Frauen nie sah. Wenn mein Vater dann merkte, wie tief beeindruckt ich war, sprach er in ernstem Ton zu mir: »Hüte dich vor einer Frau, die dich einen schönen Knaben nennt und dich zu sich lockt, denn ihr Herz ist ein Netz und eine Falle, und ihr Schoß brennt schlimmer als Feuer.«

So ist es kein Wunder, dass ich in meinem kindlichen Gemüt Weinkrügen und schönen Frauen, die anders als gewöhnliche Frauen waren, Missbilligung entgegenbrachte. Doch gleichzeitig übte beides auch eine heimliche Anziehungskraft auf mich aus, wie alles, das im Ruch des Gefährlichen stand.

Schon als Kind gestattete mir mein Vater, bei seinen Behandlungen zugegen zu sein. Er zeigte mir seine Arbeitsinstrumente, seine Messer und Gefäße und erklärte mir, wozu man sie gebrauchte. Während er Patienten untersuchte, stand ich oft daneben und reichte ihm Wasser, Binden, Öl und Wein. Meine Mutter konnte, wie es bei Frauen oft der Fall ist, keine Wunden und Geschwüre sehen. Mein kindliches Interesse an Krankheiten war ihr unbegreiflich. Ein Kind versteht nichts von Krankheit und Schmerzen, bevor es sie nicht am eigenen Leib erfahren hat. Das Aufstechen von Geschwüren war, wie ich fand, eine spannende Angelegenheit, und nicht ohne Stolz erzählte ich den anderen Jungen alles, was ich gesehen hatte, um von ihnen bewundert zu werden. Immer, wenn ein neuer Patient erschien, sah ich aufmerksam zu, wie mein Vater ihn untersuchte und befragte, bis er schließlich sagte: »Die Krankheit kann geheilt werden«, oder: »Ich werde die Behandlung übernehmen.« Aber es gab auch Patienten, die zu behandeln er sich nicht imstande sah. Dann schrieb er einige Zeilen auf einen Streifen Papyrus und schickte sie damit zum Tempel beim Haus des Lebens. Wenn ein solcher Patient gegangen war, seufzte er gewöhnlich, schüttelte den Kopf und sagte: »Armes Ding!«

Nicht alle Patienten meines Vaters waren arm. Aus den Freudenhäusern brachte man Männer zum Verbinden zu ihm, deren Kleidung aus feinstem Linnen bestand, und manchmal kamen auch syrische Schiffskapitäne, um sich von ihm behandeln zu lassen, wenn sie Furunkel hatten oder an Zahnschmerzen litten. So war ich nicht verwundert, als eines Tages auch die Frau eines Gewürzhändlers zur Behandlung erschien. Sie trug reichlich Schmuck, und ihr Kragen funkelte von Edelsteinen. Sie jammerte und klagte über vielerlei Beschwerden, und mein Vater hörte ihr aufmerksam zu. Ich war sehr enttäuscht, als er schließlich ein Blatt Papier nahm, um etwas aufzuschreiben, denn ich hatte gehofft, er könnte diese Patientin heilen. Das hätte nämlich bedeutet, dass er als Arzthonorar mancherlei Delikatessen erhalten hätte. Deshalb seufzte ich, schüttelte den Kopf und murmelte vor mich hin: »Armes Ding!«

Die Kranke zuckte erschrocken zusammen und blickte meinen Vater furchtsam an. Doch mein Vater schrieb auf das Blatt eine Reihe altertümlicher Schriftzeichen und Bilder von einer zerschlissenen Papyrusrolle ab, goss Öl und Wein in ein Mischgefäß, befeuchtete das Blatt darin, bis die Tinte sich in dem Wein aufgelöst hatte, schüttete die ganze Flüssigkeit in einen Lehmkrug und gab ihn dann der Frau des Gewürzhändlers. Er riet ihr, sofort von dieser Arznei zu trinken, wenn sie wieder Kopfschmerzen oder Magenbeschwerden bekäme.

Nachdem sie gegangen war, schaute ich meinen Vater fragend an. Er schien verlegen, hüstelte und sagte: »Es gibt zahlreiche Beschwerden, die durch Tinte, mit der ein kraftvoller Zauberspruch geschrieben worden ist, geheilt werden können.«

Mehr sagte er nicht, sondern murmelte nach einiger Zeit nur vor sich hin: »Jedenfalls wird ihr diese Arznei nicht schaden.«

Als ich sieben Jahre alt war, erhielt ich den Lendenschurz eines Knaben, und meine Mutter nahm mich mit in den Tempel, um dort einem Opfer beizuwohnen. Damals war der Ammon-Tempel zu Theben der mächtigste Tempel Ägyptens. Dorthin gelangte man über eine mitten durch die Stadt führende Allee, die von steinernen Sphinxen mit Widderköpfen gesäumt war. Das Tempelareal war von mächtigen Ziegelmauern umgeben, und der Tempel selbst bildete mit seinen vielen Gebäuden eine eigene Stadt innerhalb der Stadt. Auf den Pylonen, die so hoch wie Berge waren, flatterten bunte Fahnen, und die riesigen Statuen von Königen wachten zu beiden Seiten des Kupfertores.

Wir traten durch das Tor, und sogleich bedrängten die Verkäufer der Totenbücher meine Mutter, indem sie ihr ihre Ware entweder im Flüsterton oder mit schrillen Rufen anboten. Meine Mutter zeigte mir die Werkstätten der Schreiner und die dort ausgestellten Schnitzereien, die Sklaven und Diener darstellten. Von Priestern verzaubert sollten diese hölzernen Figuren im Jenseits ihren Besitzern dienen und für sie arbeiten, ohne dass diese selbst einen Finger zu rühren brauchten. Aber warum soll ich davon erzählen, wo diese Dinge doch jedem bekannt sind, weil sie noch immer so wie früher sind und die Menschen sich nicht ändern. Meine Mutter bezahlte den erforderlichen Betrag, damit wir als Zuschauer dem Opfer beiwohnen durften, und ich sah, wie die Priester in ihren weißen Gewändern geschickt und gleichsam im Handumdrehen einen Stier schlachteten und ausweideten. Zwischen seinen Hörnern in einem Binsengeflecht trug das Vieh ein Prüfsiegel, das bestätigte, dass es makellos war und kein einziges schwarzes Haar aufwies. Die Priester waren dick und heilig, und ihre kahl rasierten Schädel glänzten von Öl. Zweihundert Zuschauer nahmen an dem Opfer teil, wurden aber von den Priestern nicht groß beachtet, denn diese unterhielten sich während der ganzen Opferzeremonie gleichgültig über ihre eigenen Angelegenheiten. Ich hingegen betrachtete die kriegerischen Darstellungen an den Tempelwänden und staunte über die riesigen Säulen. Ich begriff nicht, warum meiner Mutter Tränen der Rührung in den Augen standen, als sie mich nach Hause zurückbrachte.

Zuhause zog sie mir die Kinderschuhe aus, und ich bekam neue Sandalen, die unbequem waren und mir die Haut aufscheuerten, bis ich mich an sie gewöhnt hatte. Als ich mich darüber beklagte, lachte mein Vater gutmütig und sagte, ein Sohn aus guter Familie könne in der Stadt nicht mehr barfuß gehen, so sehr hätten sich die Zeiten geändert. Er erzählte, noch zur Zeit seines Großvaters hätten die vornehmen Beamten sich ihre Sandalen zuweilen um den Hals gehängt und seien barfuß gelaufen. Damals seien die Sitten sehr viel einfacher und gesünder gewesen als heute. Den Frauen habe ein ärmelloses, eng anliegendes Gewand als Kleidung genügt, jetzt aber meine jede Frau, die auf ihre Würde bedacht sei, möglichst weite Gewänder mit buntem Kragen tragen zu müssen. Früher habe man sich über Männer mit gestärktem und vielfach gefaltetem Obergewand und weiten Ärmeln lustig gemacht. Wahrlich, sein Großvater würde Theben nicht wiedererkennen, wenn er aus dem Grabe steigen und sich die Stadt anschauen würde. Er würde die Alltagssprache kaum verstehen, so viele syrische Ausdrücke seien in unsere Sprache eingedrungen. Je mehr fremde Wörter jemand benutze, desto vornehmer käme er sich vor, sagte mein Vater.

Doch nach dem Essen wurde er ernst, legte mir seine große Hand auf den Kopf und strich zärtlich über meine Knabenlocke an der rechten Schläfe. »Du bist jetzt sieben Jahre alt, Sinuhe«, sagte er, »du musst dich jetzt entscheiden, was du werden willst.«

»Soldat«, sagte ich sogleich und verstand nicht, warum sich in seinem gutmütigen Gesicht Enttäuschung abzeichnete. Denn die schönsten Spiele mit den Jungen auf der Straße waren Kriegsspiele. Ich hatte gesehen, wie Soldaten vor ihrer Kaserne das Ringen und den Gebrauch von Waffen übten, und auch Streitwagen hatte ich schon gesehen, die mit wehenden Federbüschen geschmückt und mit ratternden Rädern zu Manövern außerhalb der Stadt aufbrachen. Es konnte kein herrlicheres und königlicheres Handwerk geben als das des Soldaten. Ein Soldat brauchte auch nicht schreiben zu können. Das war der wichtigste Grund für meine Entscheidung, denn die älteren Jungen hatten Furcht erregende Geschichten erzählt, wie schwierig die Kunst des Schreibens sei und wie unbarmherzig die Lehrer ihre Schüler an den Haaren zögen, wenn ihnen eine Schreibtafel in Stücke ging oder eine Rohrfeder in den ungelenken Fingern eines Schülers entzweibrach.

Mein Vater mochte in seiner Jugend kein besonders begabter Mann gewesen sein, denn sonst hätte er es in seinem Leben zu mehr gebracht als zu einem Arzt für Arme. Aber er war sorgfältig bei seiner Arbeit und schadete seinen Patienten nicht. Im Laufe der Jahre hatte er einen großen Erfahrungsschatz gesammelt. Da er wusste, wie empfindlich und eigensinnig ich war, sagte er nichts weiter zu meinem Berufswunsch.

Doch eines Tages bat er meine Mutter um ein Gefäß, ging in sein Arbeitszimmer und füllte es mit billigem Wein aus einem Krug. »Komm, Sinuhe«, sagte er zu mir und ging mit mir hinaus auf das Ufer zu. Verwundert folgte ich ihm. Bei einem Schleppkahn am Kai blieb er stehen und schaute zu den verschwitzten Trägern hinüber, die mit gekrümmten Rücken die in Stoffballen eingenähten Waren entluden. Die Sonne ging gerade hinter den Bergen im Westen bei der Stadt der Toten unter. Wir waren gesättigt, aber die Lastträger arbeiteten immer noch und schwitzten und keuchten dabei. Ihr Aufseher drohte ihnen mit seiner Peitsche, und unter einem schattigen Dach saß ausgeruht ein Schreiber, der mit seiner Rohrfeder eines jeden Last in seine Liste eintrug.

»Willst du so werden wie sie?«, fragte mein Vater.

Ich fand die Frage dumm und antwortete nicht, sondern sah meinen Vater befremdet an, denn niemand wollte so werden wie diese Lastträger.

»Sie schuften vom frühen Morgen bis zum späten Abend«, sagte mein Vater Senmut. »Ihre Haut ist grob und schorfig geworden wie die von Krokodilen, ihre Hände hart wie die Füße von Krokodilen. Erst wenn es dunkel wird, gehen sie heim in ihre elenden Lehmhütten, und sie ernähren sich von einem Stück Brot, einer Zwiebel und einem Schluck sauren Bier. So sieht das Leben eines Lastträgers aus. So ist auch das Leben eines Bauern. So ist das Leben all jener, die mit ihren Händen arbeiten. Du beneidest sie doch wohl nicht?«

Ich schüttelte den Kopf und sah meinen Vater verwundert an. Ich wollte doch Soldat werden und nicht Lastträger oder ein Bauer, der im Schlamm wühlte, Felder bewässerte oder Herden weidete.

»Sie werden ihr Schicksal nie ändern können«, sagte mein Vater ernst. »Wenn sie gestorben sind, werden ihre Körper im besten Falle gesalzen und mit Sand bedeckt. Sie erwartet keine Unsterblichkeit, kein fröhliches Leben im Land des Westens, so wie diejenigen, die sich ein dauerhaftes Grab erbauen lassen können und die wohlhabend genug sind, um ihren Körper so behandeln zu lassen, dass er den Tod für alle Ewigkeit überdauert. Woher kommt das? Weißt du es, Sinuhe?«

Ich schaute mit zitterndem Kinn hinüber zur Stadt der Toten, wo die untergehende Sonne die weißen Tempel der Pharaonen blutrot färbte, denn ich wusste bereits, was mein Vater mit diesen Fragen bezweckte.

»Sie können nicht schreiben«, erklärte mein Vater ernst. »Im Leben und im Tod ist niemand erfolgreich, der nicht schreiben kann.«

Er hob nachdenklich den Weinkrug in seiner Hand, blickte sich um, als fürchtete er, Kipa würde uns an der Straßenecke stehen sehen, und trank dann einen Schluck Wein. Er wischte sich den Mund ab und ergriff wieder meine Hand, um mich weiterzuführen. Ich folgte ihm mit bekümmertem Herzen, doch stand mein Entschluss, Soldat zu werden, weiterhin fest.

»Vater«, sagte ich, während wir gingen, »das Leben der Soldaten ist angenehm. Sie wohnen in der Kaserne und bekommen gutes Essen. Abends trinken sie Wein in den Freudenhäusern, und die Frauen blicken ihnen bewundernd nach. Die besten von ihnen tragen eine goldene Kette um den Hals, obwohl sie nicht schreiben können. Von ihren Feldzügen bringen sie reiche Beute und Sklaven mit, die arbeiten oder ein Handwerk ausüben, dessen Einkünfte ihnen zugutekommen. Warum sollte ich also nicht Soldat werden?«

Aber mein Vater antwortete nicht, er beschleunigte nur seine Schritte. Unweit eines großen Müllplatzes, wo die Fliegen in Wolken um uns herumsummten, bückte er sich, um einen Blick in eine niedrige Lehmhütte zu werfen.

»Inteb, mein Freund, bist du da?«, fragte er, und aus der Hütte trat, hinkend und auf einen Stock gestützt, ein alter, von Ungeziefer zerstochener Mann, dem der rechte Arm nahe bei der Schulter abgehackt worden war und dessen Lendenschurz schmutzstarrend abstand. Sein Gesicht war vom Alter vertrocknet und zerfurcht, und er hatte keine Zähne mehr.

»Ist das – ist das tatsächlich Inteb?«, fragte ich flüsternd und blickte erschrocken auf den alten Mann. Denn Inteb war ein Held, der auf den Feldzügen Thutmosis III., des größten unter den Pharaonen, in Syrien gekämpft hatte und von dessen Heldentaten und Auszeichnungen immer noch Wunderdinge erzählt wurden.

Der Greis hob die Hand, um nach Soldatenart zu grüßen, und mein Vater reichte ihm den Weinkrug. Sie setzten sich auf den Boden, denn der Alte besaß nicht einmal einen Stuhl vor seiner Hütte. Inteb hob mit zitternder Hand den Krug an seine Lippen und trank gierig von dem Wein, wobei er achtgab, dass er keinen einzigen Tropfen verschüttete.

»Mein Sohn Sinuhe will Soldat werden«, sagte mein Vater lächelnd. »Ich habe ihn hier zu dir gebracht, Inteb, weil du der einzige überlebende Held der großen Kriege bist. Erzähl ihm doch mal von dem herrlichen Leben und den Heldentaten eines Soldaten!«

»Bei Seth und Baal und allen anderen bösen Geistern!«, sagte der Greis, lachte schrill auf und wandte sich mir zu, um mich mit seinen kurzsichtigen Augen zu betrachten. »Ist der Junge verrückt?«

Sein zahnloser Mund, die verschleierten Augen, der Armstumpf und die runzlige, schmutzige Brust jagten mir so einen Schrecken ein, dass ich mich schleunigst hinter meinem Vater versteckte und mich an seinem Ärmel festhielt.

»Junge, Junge!«, sagte Inteb kichernd. »Wenn ich für jeden Fluch, mit dem ich mein elendes Schicksal verflucht habe, das mich zu einem Soldaten gemacht hat, einen Schluck Wein bekäme, könnte ich mit dem Wein den See füllen, den, wie man sagt, der Pharao zur Belustigung seines Weibes hat anlegen lassen. Zwar habe ich ihn nicht gesehen, weil ich kein Geld habe, um mich über den Fluss fahren zu lassen, aber ich zweifle nicht daran, dass ich den See füllen könnte und noch genug Krüge übrig blieben, dass sich ein ganzes Heer davon betrinken könnte.«

Er nahm einen weiteren gierigen Schluck Wein aus dem Krug meines Vaters.

»Aber«, wandte ich ein, und das Kinn zitterte mir dabei, »das Handwerk des Soldaten ist doch das ehrenvollste von allen!«

»Ruhm und Ehre«, sagte Thutmosis’ Held Inteb, »das ist Mist, nichts als Mist, von dem nur die Käfer leben können. In den Tagen meines Lebens habe ich viele Lügen über den Krieg und meine Heldentaten erzählt, um Dummköpfe, die mich mit offenem Munde anstarrten, dazu zu bewegen, mir Wein auszugeben. Aber dein Vater ist ein anständiger Mann, und ihn will ich nicht belügen. Deshalb sage ich dir, Junge, dass von allen Berufen der Beruf des Soldaten der allerletzte und elendste ist.«

Der Wein glättete die Falten in seinem Gesicht und brachte Glut in seine wilden Greisenaugen. Er stand auf und fasste sich mit der Hand an den Hals.

»Sieh her, mein Junge«, rief er, »diesen mageren Hals zierte einst eine fünffache Goldkette. Mit eigenen Händen legte sie mir der Pharao an. Wer kann die abgeschlagenen Hände zählen, die ich vor seinem Zelt angehäuft habe? Wer erklomm als Erster die Mauer von Kadesch? Wer schlug wie ein brüllender Elefant inmitten der feindlichen Reihen zu? Ich war es, ich, Inteb der Held! Aber wer dankt mir jetzt noch dafür? Das Gold ist den Weg alles Irdischen gegangen; die Sklaven, die ich als Kriegsbeute erhielt, sind ausgerissen oder in Elend gestorben. Mein rechter Arm ist im Lande Mitanni geblieben, und ich müsste mich schon längst als Bettler an einer Straßenecke durchschlagen, wenn mir nicht dann und wann gute Menschen getrockneten Fisch und Bier brächten, damit ich ihren Kindern die Wahrheit vom Krieg erzähle. Ich bin Inteb, der große Held, aber sieh mich nur an, mein Junge! Meine Jugend ging in der Wüste zugrunde, in Hunger, Mühsal und Beschwerden. Dort löste sich das Fleisch von den Gliedern, dort wurde mir die Haut gegerbt, dort härtete sich mein Herz, sodass es härter wurde als Stein. Und was das Schlimmste ist: In den wasserlosen Wüsten vertrocknete meine Zunge, und ich erkrankte an stetigem Durst, so wie jeder Soldat, der lebend von Feldzügen zurückkehrt, die ihn in ferne Länder geführt haben. Deshalb lebe ich am Abgrund zur Unterwelt, seit ich meinen Arm verloren habe. Ganz zu schweigen von den Schmerzen, die ich wegen meiner Verwundungen erleiden musste, und den Qualen, die mir die Feldschere zufügten, als sie meinen Armstumpf nach dem Abhacken des Armes mit siedendem Öl versengten, wie dein Vater wohl weiß. Gesegnet sei dein Name, Senmut, du guter und gerechter Mann! – aber der Wein ist zu Ende.«

Der Alte verstummte, schnaufte eine Weile, setzte sich auf den Boden und drehte betrübt das Lehmgefäß um. Die wilde Glut verschwand aus seinen Augen, und er war wieder ein alter, unglücklicher Mann.

»Aber ein Soldat braucht nicht schreiben zu können«, wagte ich furchtsam flüsternd einzuwenden.

»Hm«, räusperte sich Inteb und sah meinen Vater an. Der streifte sich schnell seinen kupfernen Armreifen vom Handgelenk und reichte ihn dem Alten. Inteb rief etwas, und sogleich kam ein schmutziger Knabe herbeigelaufen, der den Reifen und das Lehmgefäß nahm, um in einer nahen Weinstube Wein zu kaufen.

»Nimm nicht die beste Sorte«, rief Inteb dem Knaben besorgt nach. »Nimm ruhig den sauren, dann bekommst du mehr davon!« Dann sah er mich nachdenklich an. »Du hast recht«, sagte er, »ein Soldat braucht nicht schreiben zu können, er muss sich nur aufs Kämpfen verstehen. Könnte er schreiben, dann wäre er Hauptmann; er würde selbst dem fähigsten Soldaten Befehle erteilen und könnte andere in die Schlacht schicken. Denn jeder, der schreiben kann, ist befähigt, Soldaten zu kommandieren, und nicht einmal in hundert Jahren wird jemand zum Hauptmann berufen, der nicht fähig ist, Krähenfüße aufs Papier zu kritzeln. Was hat man schon von goldenen Ketten und Ehrenzeichen, wenn jemand, der die Rohrfeder zu halten versteht, einen herumkommandieren kann? Aber so ist es, und so wird es immer sein. Deshalb, mein Junge, wenn du Soldaten befehligen und ihr Anführer sein willst, dann lerne erst das Schreiben. Dann verneigen sich alle, die goldene Ketten tragen, vor dir, und Sklaven tragen dich in einer Sänfte aufs Schlachtfeld.«

Der schmutzige Junge kam zurück und brachte den Lehmkrug meines Vaters und einen weiteren Krug Wein. Intebs Gesicht leuchtete vor Freude auf. »Dein Vater Senmut ist ein guter Mensch«, sagte er freundlich. »Er kann schreiben, und er hat sich um mich gekümmert, als ich in den Tagen meiner Kraft und meines Glücks begonnen habe, Krokodile und Nilpferde zu sehen, da es mir an Wein nicht mangelte. Er ist ein guter Mann, auch wenn er nur Arzt ist und keinen Bogen zu spannen versteht. Dank sei ihm!«

Erschüttert blickte ich auf den Weinkrug, über den Inteb sich offensichtlich hermachen wollte, und ich begann ungeduldig am weiten, von Arzneien befleckten Ärmel meines Vaters zu zupfen, denn ich bekam allmählich Angst, wir würden wegen des Weines bald zusammengeschlagen an irgendeiner Straßenecke aufwachen. Auch mein Vater Senmut warf einen Blick auf den Weinkrug, seufzte leise und wandte sich um, um mich heimzubringen. Inteb stimmte mit schriller Greisenstimme ein syrisches Kriegslied an, und der nackte, von der Sonne dunkelbraun gebrannte Straßenjunge lachte dazu.

Ich, Sinuhe, begrub meinen Traum vom Soldatenhandwerk und sträubte mich nicht mehr, als mein Vater und meine Mutter mich am nächsten Tag zur Schule brachten.

4.

Natürlich verfügte mein Vater nicht über die nötigen Mittel, um mich in eine der großen Tempelschulen zu schicken, in denen die Söhne und zuweilen auch die Töchter der Adeligen, Reichen und höheren Priester unterrichtet wurden. Mein Lehrer wurde der alte Priester Oneh, der zwei Straßen weiter wohnte und auf seiner morschen Veranda eine Schule unterhielt. Seine Schüler waren die Kinder von Handwerkern, Kaufleuten, Hafenaufsehern und Unteroffizieren, denen ihre ehrgeizigen Eltern den Beruf eines Schreibers zugedacht hatten. Oneh hatte seinerzeit als Lagerbuchhalter im Tempel der Göttin Mut gearbeitet und war deshalb befähigt, den Kindern, die später einmal Warenund Getreidelieferungen, Viehbestände oder Verpflegungsabrechnungen des Heeres aufzeichnen sollten, das Schreiben beizubringen. Kleinere Schulen solcher Art gab es zu Dutzenden, ja zu Hunderten, überall in der Weltstadt Theben. Der Unterricht war günstig, denn die Schüler brauchten den alten Oneh lediglich mit dem nötigen Lebensunterhalt zu versorgen. Der Sohn des Kohlehändlers brachte ihm Holzkohle für die Winterabende, der Sohn des Getreidehändlers lieferte ihm Mehl, und mein Vater kümmerte sich um Onehs vielfältige Altersbeschwerden und versorgte ihn mit schmerzmildernden, in Wein aufgelösten Arzneipflanzenextrakten.

Dieses Abhängigkeitsverhältnis machte Oneh zu einem milden Lehrer. Ein Knabe, der an seiner Schreibtafel einschlief, wurde nicht an den Haaren gezogen, sondern musste dem Alten am nächsten Tag irgendeinen Leckerbissen mitbringen. Manchmal brachte der Sohn des Getreidehändlers einen Krug Bier von zu Hause mit, und an diesen Tagen hörten wir besonders aufmerksam zu, denn der alte Oneh erzählte dann gerne von wunderbaren Abenteuern im Jenseits sowie Legenden über die Göttin Mut, die alles erschaffen hatte, über Ptah und all die anderen Götter, denen er sich nahe fühlte. Wir kicherten und glaubten, wir hätten ihn listigerweise einen ganzen Tag lang davon abgehalten, uns mit seinem Lehrstoff und den langweiligen Schriftzeichen zu behelligen. Erst viel später begriff ich, dass der alte Oneh ein klügerer und fähigerer Lehrer war, als ich geglaubt hatte. Seine Geschichten, die er mit kindlich frommer Vorstellungskraft zum Leben erweckte, dienten einem bestimmten Zweck. Sie lehrten uns das Sittengesetz des alten Ägyptens. Keine böse Tat blieb ungestraft. Erbarmungslos wurde vor Osiris’ erhabenem Thron das Herz eines jeden Menschen gewogen. Jeder, dessen böse Taten der schakalköpfige Gott auf seiner Waage entlarvte, wurde dem »Verschlinger« zum Fraß vorgeworfen, und dieser Verschlinger war Krokodil und Flusspferd in einem, aber schrecklicher als beide zusammen.

Er erzählte uns auch von dem grimmigen »Rückwärtsgesichtigen«, dem Furcht erregenden Fährmann auf den Gewässern des Jenseits, ohne dessen Hilfe kein Verstorbener zu den Gefilden der Seligen gelangte. Beim Rudern blickte er immer zurück, nicht nach vorne in Fahrtrichtung wie die irdischen Ruderer auf dem Nil. Oneh ließ uns die Sätze zur Besänftigung des Rückwärtsgesichtigen auswendig lernen, mit denen er milde gestimmt werden konnte. Er ließ sie uns niederschreiben, bis wir sie auswendig zu Papier bringen konnten. Unsere Fehler verbesserte er und ermahnte uns dabei sanft. Schließlich sollten wir begreifen, dass selbst kleinste Fehler ein glückliches Leben im Jenseits unmöglich machen konnten. Wenn wir dem Rückwärtsgesichtigen nach unserem Tod eine Schrift überreichen würden, die einen Fehler enthielt, wären wir erbarmungslos dazu verurteilt, bis in alle Ewigkeit am Ufer des düsteren, unheimlichen Gewässers umherzuirren, oder, noch schlimmer, in die furchtbaren Schlünde der Unterwelt zu stürzen.

Onehs Schule besuchte ich mehrere Jahre lang. Mein Vater dachte sich durchaus etwas dabei, als er mich dorthin schickte. Seiner Meinung nach sollte niemand zu einem Handwerk gedrängt werden, das ihm nicht zusagte. Falls ich nicht begabt genug wäre, würde er mich nicht zwingen, den Beruf des Schreibers anzustreben. Falls ich mich jedoch als eifriger und lernbegieriger Schüler erweisen sollte, konnte Oneh mir später eine Empfehlung für die Tempelschule ausstellen, und das würde mir die Möglichkeiten eröffnen, die mein Vater sich für mich erhoffte. Falls es aber nicht dazu käme, bliebe mir die Möglichkeit, mir meinen Lebensunterhalt als Buchhalter oder Schreiber zu verdienen oder vielleicht tatsächlich über das Verpflegungsamt des Heeres eine soldatische Laufbahn einzuschlagen. Allerdings wusste ich von diesen Überlegungen damals noch nichts.

Zu meinem engsten Freund in Onehs Schule wurde Thotmes, der zwei Jahre älter war als ich. Sein Vater war Hauptmann einer Streitwagentruppe. Thotmes war von Kindheit an daran gewöhnt, mit Pferden umzugehen, und geübt im Ringen. Sein Vater, in dessen Peitsche Kupferfäden eingeflochten waren, wollte einen großen Feldherrn aus ihm machen und ließ ihn deshalb schreiben lernen. Aber sein ruhmreicher Name Thotmes gereichte ihm nicht zum Vorzeichen, so wie es sich sein Vater erträumt hatte. Denn sobald er in die Schule gekommen war, machte sich Thotmes nichts mehr aus Speeren und Streitwagen. Die Schriftzeichen lernte er mit Leichtigkeit, und während die anderen sich damit herumquälten, begann er Bilder auf seiner Schreibtafel zu zeichnen. Er zeichnete Streitwagen und Pferde, die sich aufbäumten, und Soldaten beim Ringkampf. Er brachte Lehm mit in die Schule, und während Oneh uns, vom Bier beflügelt, Märchen erzählte, formte Thotmes eine äußerst drollige Figur, die den »Verschlinger« darstellte, der ungelenk seinen Rachen aufsperrte und versuchte, einen kleinen, alten Mann mit kahlem Schädel zu verschlingen. Der krumme Rücken und der kleine, runde Bauch ließen leicht erkennen, dass es sich um Oneh handelte. Aber Oneh zürnte Thotmes deshalb nicht. Niemand konnte Thotmes zürnen. Er hatte ein breites Gesicht wie jemand, der von einfachen Leuten abstammte, dazu stämmige, kurze Beine; doch in seinen Augen lag immer ein offener, fröhlicher Blick, und seine geschickten Hände verstanden es, aus Lehm Tiere und Vögel zu formen, die uns entzückten. Um seine Freundschaft hatte ich mich zunächst nur deshalb bemüht, weil er einer Familie von Soldaten entstammte. Aber unsere Freundschaft dauerte auch noch an, als er keinen Ehrgeiz mehr hatte, selbst Soldat zu werden.

Als der Unterricht voranschritt, widerfuhr mir eines Tages ein Wunder. Es geschah so plötzlich, dass ich mich noch genau daran erinnern kann, wie es mich, einer Offenbarung gleich, überkam. Es war ein angenehm kühler Frühlingstag; die Vögel zwitscherten, und die Störche bauten auf den Dächern der Lehmhütten ihre Nester. Das Wasser des Nils war abgeflossen, und das Land lag in sattem Grün da. Auf den Feldern wurde gesät, und man pflanzte frische Schösslinge ein. Es war ein Tag, der neue Abenteuer versprach, und es fiel uns sehr schwer, auf Onehs morscher Veranda stillzusitzen, an deren Wänden die Lehmziegel zerbröselten, wenn man dagegen klopfte. Zerstreut zeichnete ich die langweiligen Schriftzeichen, wie sie in Stein gehauen werden, und daneben die entsprechenden Verkürzungen, wie man sie auf Papyrus schreibt. Doch plötzlich erweckte ein Wort Onehs, das ich längst vergessen habe, meine Aufmerksamkeit, und die Wörter und Buchstaben erwachten zum Leben. Aus Bildern formte sich ein Wort, aus dem Wort wurde eine Silbe, aus der Silbe ein Buchstabe. Indem man die bildhaften Buchstaben zusammenfügte, entstanden neue Wörter. Lebendige, merkwürdige Wörter, die mit den Bildern nichts mehr zu tun hatten. Ein Bild begreift auch der einfältigste Bauer, der sein Feld bewässert, aber zwei Bilder nebeneinander versteht nur noch der Schriftkundige. Ich glaube, dass jeder, der einmal schreiben gelernt hat und sich aufs Lesen versteht, weiß, wovon ich spreche. Dieses Erlebnis wurde für mich zu einem Abenteuer, das spannender und verlockender war als das heimliche Stibitzen eines Granatapfels, süßer als eine getrocknete Dattel, köstlicher als dem Dürstenden das Wasser.

Von da an brauchte man mich nicht mehr anzuspornen. Ich lechzte nach allem, was Oneh uns beibrachte, so wie das ausgedörrte Land sich nach der Nilflut sehnt. Ich lernte das Schreiben sehr schnell, und allmählich lernte ich auch zu lesen, was andere geschrieben hatten. Im dritten Jahr konnte ich bereits abgenutzte Papierrollen entziffern und durfte als Vorleser fungieren, während die anderen lehrreiche Geschichten niederschrieben.

Damals merkte ich auch, dass ich nicht so war wie die anderen Schüler. Mein Gesicht war schmaler, meine Haut heller, meine Glieder schlanker als die der kräftigen Jungen. Ich ähnelte mehr einem Sohn aus vornehmer Familie als einem aus dem einfachen Volk, in dessen Mitte ich lebte, und hätte ich die Kleidung der reichen Leute getragen, man hätte mich kaum von einem der Jungen unterscheiden können, die in Sänften getragen und von Sklaven begleitet wurden. Das brachte mir Spott ein. Der Sohn des Getreidehändlers wollte mir seinen Arm um den Hals schlingen und nannte mich ein Mädchen, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als ihn mit meinem Schreibgriffel zu pieksen. Seine Nähe war mir zuwider, denn er stank. Thotmes’ Gesellschaft hingegen suchte ich gerne, aber er berührte mich auch nie mit seinen Händen.

Einmal sagte Thotmes schüchtern: »Willst du mir Modell sitzen? Dann kann ich ein Bildnis von dir machen.«

Ich nahm ihn mit nach Hause, und im Hof unter der Sykomore schuf er aus Lehm ein Abbild von mir und ritzte mit dem Griffel die Buchstaben meines Namens hinein. Meine Mutter kam und brachte uns Kuchen. Doch als sie das Bild erblickte, bekam sie einen gewaltigen Schrecken. Sie meinte, es wäre Zauberei. Mein Vater hingegen sagte, Thotmes könne ein Künstler in königlichen Diensten werden, wenn er zur Tempelschule zugelassen würde. Zum Spaß verbeugte ich mich vor Thotmes und streckte dabei die Hände in Kniehöhe vor ihm aus, so wie man Adelige begrüßt. Thotmes’ Augen strahlten, aber dann seufzte er und sagte, daraus würde nichts, denn sein Vater bestehe darauf, dass er endlich ins Haus der Soldaten zurückkehre, um danach die Unteroffiziersschule der Streitwagentruppen zu besuchen. Inzwischen beherrschte Thotmes das Schreiben und Lesen so weit, wie es von einem künftigen Befehlshaber erwartet wurde. Mein Vater verließ uns, und wir hörten Kipa noch lange in der Küche vor sich hinmurmeln. Thotmes und ich aßen den leckeren Kuchen, der mit viel Butter gebacken war, und fühlten uns sehr behaglich.

Damals war ich noch glücklich.

5.

So kam der Tag, an dem mein Vater sein bestes, frisch gewaschenes Gewand anzog und sich einen breiten Kragen anlegte, den Kipa reichlich verziert hatte. Er ging in den großen Ammon-Tempel, obwohl er eigentlich nichts von den Priestern hielt. Aber in Theben und ganz Ägypten geschah nichts ohne die Mitsprache und Einmischung der Priester. Sie sprachen Recht und verkündeten Urteile, sodass man im Tempel sogar Berufung gegen ein königliches Urteil einlegen konnte, um sich freisprechen zu lassen, war man nur mutig genug. Jeglicher Unterricht, der Voraussetzung für höhere Ämter war, lag in den Händen der Priester. Die Priester sagten das Steigen des Wassers und den Ertrag der nächsten Ernte voraus und bestimmten dadurch die Steuern im ganzen Land. Aber warum sollte ich dies näher erklären, wo doch alles wieder ist wie früher und sich nichts geändert hat?

Ich glaube, dass es meinem Vater nicht leichtfiel, als Bittsteller aufzutreten. Sein ganzes Leben hatte er als Armenarzt im Stadtteil der Armen verbracht und sich dem Tempel und dem Haus des Lebens entfremdet. Jetzt musste er sich, wie andere mittellose Väter auch, in die Schlange vor dem Verwaltungsgebäude des Tempels einreihen und darauf warten, dass ein vornehmer Priester geruhte, ihn zu empfangen. Noch heute sehe ich all die armen Väter vor mir, wie sie in ihrer besten Kleidung im Tempelhof herumstehen und voller Ehrgeiz davon träumen, dass ihre Söhne im Leben besser vorankommen als sie selbst. Sie kommen von weit her auf Flussbooten nach Theben, haben Proviant dabei und geben eine Menge dafür aus, Schreiber und Türhüter zu bestechen, damit sie zu einem Priester vorgelassen werden, der ein golddurchwirktes Gewand trägt und mit teurem Öl gesalbt ist. Der Priester rümpft die Nase über ihren Geruch und spricht in barschem Ton zu ihnen. Dennoch braucht Ammon beständig neue Diener. In dem Maße, in dem seine Macht und sein Reichtum wachsen, wächst auch sein Bedarf an Schriftkundigen. Trotzdem kommt es jedem Vater wie ein göttlicher Gnadenerweis vor, wenn er seinen Sohn im Tempel unterbringen kann, obwohl er dem Tempel mit seinem Sohn eigentlich ein Geschenk darbringt, das mehr wert ist als Gold.

Mein Vater hatte Glück auf seinem Bittgang, denn er hatte kaum bis zum Nachmittag gewartet, als ihm zufällig sein alter Studienfreund Ptahor begegnete, der im Laufe der Zeit zum königlichen Schädelbohrer aufgestiegen war. Mein Vater nahm seinen ganzen Mut zusammen und sprach ihn an, und Ptahor versprach ihm, uns persönlich zu besuchen, um einen Blick auf mich zu werfen.

Für den großen Tag besorgte mein Vater eine Gans und allerbesten Wein. Kipa buk und war über jegliche Störung ungehalten. Der herrliche Duft von Gänsebraten entströmte unserer Küche, sodass Blinde und Bettler sich auf der Straße vor unserem Haus versammelten, ein Lied anzustimmen versuchten und musizierten, um sich einen Teil des Festmahls zu sichern, bis Kipa schimpfend in Fett getauchtes Brot an sie verteilte und sie so dazu brachte, zu verschwinden. Thotmes und ich fegten die Straße vor dem Haus in Richtung Stadtmitte, denn mein Vater hatte Thotmes aufgefordert, sich beim Eintreffen des Gastes in der Nähe aufzuhalten für den Fall, dass dieser auch mit ihm sprechen wollte. Wir waren nur zwei einfache Knaben, aber als mein Vater auf der Veranda Weihrauch entzündete, wurde unsere Stimmung so festlich, als wären wir im Tempel. Ich bewachte die Kanne mit dem Duftwasser und hielt die Fliegen von dem blendend weißen Leinentuch ab, das Kipa eigentlich für ihr Begräbnis bestimmt hatte, das aber jetzt als Handtuch für Ptahor dienen sollte.

Wir mussten lange warten. Die Sonne ging unter, und es wurde kühler. Der Weihrauch auf der Veranda verbrannte, und die Gans brutzelte traurig im Ofen vor sich hin. Ich wurde immer hungriger, und Kipas Gesicht wurde lang und länger und erstarrte schließlich zu einer Maske. Mein Vater sagte nichts, aber als es dunkel geworden war, wollte er keine Lampen anzünden. Wir saßen still auf den Hockern auf der Veranda und vermieden es, einander anzusehen. Da wurde mir klar, welch schlimme Schmerzen und Enttäuschungen die Reichen und Vornehmen in ihrer Unbedachtsamkeit den armen und einfachen Leuten zufügen können.

Aber dann tauchte auf der Straße endlich das Licht von Fackeln auf. Mein Vater sprang auf und holte eilends Kohle aus der Küche, um die beiden Öllampen anzuzünden. Ich hob mir zitternd die Wasserschüssel auf den Schoß, und neben mir schnappte Thotmes unruhig nach Luft.

Der königliche Schädelbohrer Ptahor kam in einer schlichten Sänfte, die von zwei Negersklaven getragen wurde. Vor ihm ging mit schwankender Fackel ein dicker Diener, der offenbar betrunken war. Ächzend und fröhliche Grußworte ausstoßend erhob sich Ptahor aus der Sänfte, um meinen Vater zu begrüßen, der sich verneigte und seine Arme vor ihm in Kniehöhe ausstreckte. Ptahor legte ihm seine Hände auf die Schultern, entweder um ihm zu bedeuten, die Förmlichkeiten beiseitezulassen, oder um sich zu stützen. Er suchte auf den Schultern meines Vaters Halt, versetzte dem fackeltragenden Diener einen Tritt und forderte ihn auf, seinen Rausch unter der Sykomore auszuschlafen. Die Neger warfen die Sänfte ins Akaziengebüsch und setzten sich zu Boden, ohne den Befehl dazu abgewartet zu haben.

Von meinem Vater gestützt, betrat Ptahor die Veranda. Ich goss ihm trotz seiner Einwände Wasser über die Hände und reichte ihm das Leinentuch. Aber er bat mich, ihm die Hände abzutrocknen, da ich sie ihm ja auch nass gemacht hätte. Als ich getan, wie mir geheißen, dankte er mir freundlich und nannte mich einen hübschen Knaben. Mein Vater geleitete ihn zum Ehrenplatz, einem Stuhl mit Rückenlehne, den er sich beim Gewürzhändler ausgeliehen hatte, und Ptahor setzte sich und sah sich im Schein der Öllampen mit seinen kleinen, neugierigen Augen um. Eine Zeitlang sagte niemand etwas. Dann bat Ptahor mit einem entschuldigenden Räuspern um etwas zu trinken, weil der lange Weg ihm die Kehle ausgetrocknet habe. Erfreut schenkte mein Vater ihm Wein ein. Ptahor schnupperte misstrauisch daran, kostete davon und leerte den Becher dann mit offensichtlichem Behagen. Dann seufzte er erleichtert.

Er war ein kleiner Mann mit kahlgeschorenem Kopf und krummen Beinen. Seine Brüste und sein Bauch hingen unter dem dünnen Gewand schlaff herunter. An seinem Kragen prangten Edelsteine, aber er war, genau wie sein Gewand, voller Flecken. Er verströmte einen Geruch nach Wein, Schweiß und Salben.

Kipa trug ihm Gewürzkuchen, in Öl eingeweichten Fisch, Obst und Gänsebraten auf. Er aß höflich davon, obwohl er offensichtlich erst vor Kurzem eine gute Mahlzeit genossen hatte. Er kostete von allem und bedachte die Speisen mit Lob, was Kipa sehr erfreute. Auf seine Bitte hin brachte ich auch den Negern Bier und Speise, aber sie antworteten auf mein höfliches Angebot nur, indem sie mir unverschämte Ausdrücke an den Kopf warfen und fragten, ob der Dickwanst nicht endlich aufbrechen wolle. Der Diener schnarchte schwer unter der Sykomore, und ich hatte keine Lust, ihn zu wecken.

Der Abend wurde sehr verworren, denn auch mein Vater trank mehr, als ich ihn je zuvor hatte trinken sehen, sodass Kipa sich schließlich in die Küche zurückzog, wo sie mit dem Kopf zwischen den Händen dasaß und ihren Oberkörper schwermütig vor und zurück wiegte. Als der Weinkrug leer war, tranken Ptahor und mein Vater die Arzneiweine, und als auch von diesen nichts mehr übrig war, begnügten sie sich mit einfachem Bier, denn Ptahor versicherte meinem Vater, er sei nicht wählerisch.

Sie sprachen von ihrer Lehrzeit im Haus des Lebens, erzählten einander lustige Geschichten über ihre Lehrer und lagen sich auf der Veranda schwankend in den Armen. Ptahor berichtete von seinen Erlebnissen als königlicher Schädelbohrer und versicherte, dies sei das allerletzte Handwerk, mit dem ein Arzt sich abgeben könne; es passe eher zum Haus des Todes als zum Haus des Lebens. Aber es sei mit wenig Arbeit verbunden, und er selbst sei immer schon recht faul gewesen, wie mein Vater, Senmut der Sanftmütige, sicher bestätigen könne. Der menschliche Schädel sei, abgesehen vom Hals, den Ohren und Zähnen, für die speziell ausgebildete Ärzte erforderlich waren, das am einfachsten zu erlernende Teilgebiet, und deshalb habe er sich dafür entschieden.

»Aber«, sagte er, »wenn ich Manns genug gewesen wäre, dann wäre ich ein normaler und richtiger Arzt geworden und hätte mich darum gekümmert, Leben zu erhalten, statt, wie es nun mein Schicksal ist, den Tod zu bringen, wenn Anverwandte ihrer alten Angehörigen und der unheilbar Kranken überdrüssig geworden sind. Ich würde Leben schenken, so wie du, Senmut, mein Freund. Vielleicht wäre ich ärmer, aber mein Leben würde sich durch Anstand und Nüchternheit auszeichnen und sähe anders aus als jetzt.«

»Glaubt ihm nicht, ihr Jungen«, sagte mein Vater, denn auch Thotmes saß bei uns und hielt einen kleinen Weinbecher in den Händen. »Ich bin stolz darauf, den königlichen Schädelbohrer Ptahor, der in ganz Ägypten der Fähigste auf seinem Gebiet ist, meinen Freund nennen zu dürfen. Wer erinnert sich nicht an seine wunderbaren Schädelöffnungen, durch die er vornehme Leute und Leute aus dem gemeinen Volk rettete und überall Bewunderung hervorrief? Er ließ böse Geister entweichen, welche die Menschen in den Wahnsinn getrieben hatten, und entfernte aus ihren Hirnen die runden Eier, in denen sie gebrütet hatten. Dankbare Patienten haben ihn mit Gold und Silber, Halsketten und Trinkgefäßen überhäuft.«

»Aber noch mehr Geschenke habe ich von dankbaren Angehörigen erhalten«, sagte Ptahor mit lallender Stimme. »Denn wenn ich einen von zehn, einen von fünfzig – nein, sagen wir lieber, einen von hundert Patienten eher aus Versehen heile, so ist der Tod der übrigen doch mehr als gewiss. Hast du auch nur von einem einzigen Pharao gehört, der nach der Öffnung seines Schädels länger als drei Tage überlebt hätte? Nein, man schickt mir die unheilbar Kranken und die Wahnsinnigen, damit ich mein Feuersteinmesser an ihnen erprobe, und zwar je eher, desto reicher und vornehmer sie sind. Meine Hand befreit von Leiden, sie verteilt Erbschaften, Gutshöfe, Vieh und Gold; meine Hand erhebt Pharaonen auf den Thron. Deshalb fürchten die Leute mich, und meinem Wort wagt niemand zu widersprechen, denn ich weiß zu viel. Mehr Wissen aber bedeutet mehr Kummer, und deshalb bin ich ein sehr unglücklicher Mensch.«

Ptahor vergoss ein paar Tränen und putzte sich die Nase mit Kipas Leinentuch. »Du bist arm, aber anständig, Senmut«, schluchzte er. »Deshalb liebe ich dich, denn ich bin reich, aber verdorben. Ich bin so verdorben wie ein Kotklumpen, den ein Ochse zu Boden fallen lässt.«

Er nahm sich den Edelsteinkragen ab und hängte ihn meinem Vater um den Hals. Danach begannen sie Lieder zu singen, deren Text ich nicht verstand, aber Thotmes hörte aufmerksam zu und meinte, nicht einmal im Haus der Soldaten würden derbere Gesänge ertönen. Kipa begann in der Küche laut zu weinen, und einer der Neger kam auf die Veranda, hob Ptahor hoch und wollte ihn in die Sänfte tragen. Doch Ptahor wehrte sich und erhob bittere Klagen; er rief Wachen zu Hilfe und behauptete, der Neger wolle ihn ermorden. Da mein Vater nicht imstande war, ihm zu Hilfe zu kommen, schlugen Thotmes und ich mit Stöcken auf den Neger ein. Er ließ sich von uns vertreiben, und unter mancherlei Beschimpfungen machte er sich mitsamt seinem Gefährten davon. Die Sänfte nahmen die beiden mit.

Danach stürzte Ptahor den Bierkrug um, bat um Salbe für sein Gesicht und wollte in dem Tümpel im Hof baden. Thotmes flüsterte mir zu, wir müssten die Alten zu Bett bringen, und so kam es, dass mein Vater und der königliche Schädelbohrer Arm in Arm in Senmuts und Kipas Ehebett einschliefen, nicht ohne einander zuvor mit lallender Zunge ewige Freundschaft geschworen zu haben.

Kipa weinte, riss sich Haare aus und streute sich Asche aus dem Backofen aufs Haupt. Mich beunruhigte der Gedanke, was wohl die Nachbarn sagen würden, denn der Lärm und die Lieder waren zu der stillen Nachtstunde weithin zu hören gewesen. Thotmes aber war ganz gelassen; er meinte, er habe im Haus der Soldaten und im Haus seines Vaters schon Schlimmeres erlebt, wenn die Streitwagenfahrer von vergangenen Zeiten und von Bestrafungsfeldzügen durch Syrien und das Land Kusch erzählten. Im Gegenteil, versicherte er mir, der Abend sei außerordentlich gut verlaufen, weil die beiden Alten keine Musikanten und Tänzerinnen aus Freudenhäusern hatten kommen lassen. Es gelang ihm, Kipa zu beruhigen, und nachdem wir die Spuren des Festmahls so gut wir konnten beseitigt hatten, gingen wir schlafen. Der Diener schnarchte nach wie vor unter der Sykomore, und Thotmes legte sich neben mir ins Bett, verschränkte die Arme unter dem Kopf und erzählte mir allerlei über Mädchen, denn auch er hatte Wein getrunken. Aber seine Geschichten zogen mich nicht in ihren Bann, denn ich war zwei Jahre jünger als er, und bald schlief ich ein.

Ich erwachte früh am nächsten Morgen, als ich Gepolter und stolpernde Schritte aus dem Schlafzimmer hörte. Ich warf einen Blick hinein. Mein Vater schlief noch; er hatte sein Gewand fest um sich geschlungen und trug Ptahors Kragen um den Hals, während Ptahor auf dem Fußboden saß, sich den Kopf mit den Händen hielt und mit kläglicher Stimme fragte: »Wo bin ich?«

Ich grüßte ihn, indem ich ehrerbietig die Arme in Kniehöhe vorstreckte und erklärte, er befinde sich immer noch in der Nähe des Hafens, im Haus Senmuts des Armenarztes. Das beruhigte ihn, und er bat um Ammons willen um Bier. Ich erinnerte ihn daran, dass er den Bierkrug ausgegossen hatte, was auch an seinen Kleidern zu sehen war. Da erhob er sich, richtete sich gerade auf, hob ehrfurchtgebietend die Brauen und verließ das Schlafzimmer. Ich goss ihm Wasser über die Hände, woraufhin er sich stöhnend vorbeugte und mich bat, ihm auch über seinen kahlen Schädel Wasser zu gießen. Thotmes, der ebenfalls aufgewacht war, brachte ihm eine Kanne saurer Milch und einen Salzfisch. Nachdem Ptahor ihn aufgegessen hatte, wurde er wieder munter, trat zu seinem unter der Sykomore liegenden Diener und begann mit seinem Stock auf ihn einzudreschen, bis dieser erwachte und aufsprang. Sein Gewand war vom Gras fleckig und er hatte Erdklumpen im Gesicht.

»Elendes Schwein!«, rief Ptahor und versetzte ihm einen weiteren Schlag mit dem Stock. »So kümmerst du dich um deinen Herrn und trägst ihm die Fackel voran? Wo ist meine Sänfte? Wo sind meine sauberen Kleider? Wo sind meine Arzneibeeren? Verschwinde, du Schwein und elender Dieb!«

»Ich bin ein Dieb und ein Schwein«, erwiderte der Diener demütig. »Wie lautet dein Befehl, Herr?«

Ptahor gab ihm Anweisungen, und der Diener machte sich auf, um nach der Sänfte zu suchen. Ptahor machte es sich unter der Sykomore bequem, indem er seinen Rücken an ihren Stamm lehnte, und rezitierte ein Gedicht, in dem vom Morgen, einem Lotus und einer im Strom badenden Königin die Rede war. Dann erzählte er uns allerlei Dinge, die Jungen gerne hören. Auch Kipa wachte auf. Sie machte Feuer im Herd und ging zu meinem Vater ins Schlafzimmer. Bis auf den Hof hörten wir ihre keifende Stimme, und als mein Vater in sauberer Kleidung endlich herauskam, war er sehr betrübt.

»Du hast einen hübschen Jungen«, sagte Ptahor. »Seine Haltung ist wie die eines Prinzen, und seine Augen sind sanft wie die einer Gazelle.« Obwohl ich erst ein Knabe war, begriff ich sehr wohl, dass er so sprach, um vergessen zu machen, wie er sich am Abend zuvor benommen hatte. Danach fragte er: »Was kann denn dein Sohn alles? Sind die Augen seines Geistes genauso offen wie die Augen seines Leibes?«

Da holte ich meine Schreibtafel, und auch Thotmes zog seine Tafel hervor. Der königliche Schädelbohrer blickte geistesabwesend hinauf in den Wipfel der Sykomore und diktierte uns ein kurzes Gedicht, an das ich mich noch immer erinnere. Es lautete so:

»Freue dich, Jüngling, deiner Jugend,
denn das Alter hat Asche im Hals,
und der mumifizierte Leichnam
lacht nicht in des Grabes Finsternis.«

Ich gab mein Bestes und schrieb das Gedicht erst in gewöhnlicher Schrift nieder. Dann zeichnete ich es in Bilderschrift, und zum Schluss schrieb ich die Wörter »Alter«, »Asche«, »Leichnam« und »Grab« auf alle möglichen Weisen, sowohl in Silben als auch in Buchstaben. Danach zeigte ich Ptahor meine Schreibtafel, und er fand keinen einzigen Fehler darauf. Ich wusste, dass mein Vater stolz auf mich war.

»Und der andere junge Mann hier?«, fragte Ptahor und streckte seine Hand nach Thotmes’ Tafel aus. Thotmes hatte etwas abseits gesessen und Bilder auf seine Tafel gezeichnet. Er zögerte, bevor er seine Tafel herausrückte, aber seine Augen lachten. Als wir uns darüberbeugten, sahen wir, dass er Ptahor gezeichnet hatte, wie er meinem Vater seinen Kragen um den Hals legte, wie er den Bierkrug umwarf und wie er und mein Vater sich singend in den Armen lagen. Dieses dritte Bild war so lustig, dass man geradezu hören konnte, was für ein Lied die beiden Männer sangen. Schon wollte ich loslachen, aber ich traute mich nicht, weil ich fürchtete, Ptahor könnte zornig werden. Thotmes hatte ihm nämlich durchaus nicht geschmeichelt. Auf dem Bild war er genauso klein, kahl und krummbeinig und sein Wanst ebenso hängend wie in Wirklichkeit.

Eine ganze Weile lang sagte Ptahor kein Wort, schaute nur mit strengem Blick abwechselnd auf die Tafel und auf Thotmes. Thotmes bekam es ein wenig mit der Angst zu tun und stellte sich auf die Zehen. Schließlich fragte Ptahor: »Was willst du für die Tafel, Junge? Ich kaufe sie dir ab.«

Aber Thotmes errötete stark und sagte: »Meine Schreibtafel ist nicht zu verkaufen. Einem Freund aber schenke ich sie gern.«

Ptahor lachte auf. »Gut. Seien wir also Freunde, und die Tafel gehört mir.« Noch einmal schaute er sich die Tafel aufmerksam an, lachte ein weiteres Mal und zerschlug sie an einem Stein in kleine Stücke. Wir erschraken alle, und Thotmes bat vielmals um Entschuldigung, falls er ihn gekränkt habe.

»Soll ich dem Wasser zürnen, in dem ich mein Bild sehe?«, fragte Ptahor milde. »Hand und Auge eines Zeichners sind klarer als Wasser. Deshalb weiß ich jetzt, wie ich gestern aussah, und ich will nicht, dass irgendjemand zu sehen bekommt, wie ich mich benommen habe. Deshalb habe ich die Tafel zerschlagen, aber ich erkenne dich als Künstler an.« Da sprang Thotmes vor Freude in die Luft.

Danach wandte sich Ptahor an meinen Vater und sprach, während er auf mich wies, feierlich das uralte Heilungsversprechen eines Arztes: »Ich werde mich seiner annehmen und ihn heilen.« Auf Thotmes zeigend sagte er: »Ich werde tun, was ich kann.«

Nachdem sie sich so der ärztlichen Fachsprache bedient hatten, lachten beide zufrieden. Mein Vater legte mir seine Hand auf den Kopf und fragte mich: »Sinuhe, mein Sohn, willst du Arzt werden, so wie ich?«

Tränen traten mir in die Augen, und ich hatte einen dicken Kloß im Hals, sodass ich nicht sprechen konnte, aber ich nickte zur Antwort. Ich sah mich um, denn ich liebte den Hof, ich liebte die Sykomore, und auch das ummauerte Wasserbecken liebte ich.

»Sinuhe, mein Sohn«, sagte mein Vater. »Willst du Arzt werden, ein besserer und fähigerer Arzt als ich? Ein Herr über Leben und Tod, dessen Händen die Menschen ihr Leben gerne anvertrauen, ungeachtet ihres Standes und ihres Ansehens?«

»Ein Arzt, der weder ihm noch mir gleicht«, sagte Ptahor. Er nahm Haltung an, und seine Augen blickten nun scharf und weise. »Ein wahrer Arzt. Denn am größten von allen ist der wahre Arzt. Vor ihm ist selbst der Pharao nackt, und vor ihm ist der Reichste genauso viel wert wie der Ärmste.«

»Ich will gerne ein wahrer Arzt werden«, erwiderte ich schüchtern, denn ich war noch ein Knabe und wusste nichts vom Leben. Ich wusste nicht, dass das Alter immer an seinen Träumen hängt und wünscht, die Jugend möge seine Enttäuschungen ausgleichen.

Meinem Freund Thotmes zeigte Ptahor einen Goldreifen, den er am Handgelenk trug, und sagte: »Lies das!« Thotmes buchstabierte die eingravierten Bilder und las zögernd: »Ich will, dass mein Becher voll sei!« Er konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

»Lach nicht, du Schlingel!«, sagte Ptahor ernst. »Es geht dabei nicht um Wein. Wenn du Künstler werden willst, musst du immer einen vollen Becher haben wollen. In einem wahren Künstler offenbart sich Ptah selbst, der Schöpfer und Erbauer. Ein Künstler ist viel mehr als Wasser oder ein Spiegel. Zwar ist die Kunst oft schmeichelndes Wasser und ein verlogener Spiegel, aber selbst dann ist der Künstler mehr als Wasser. Fordere, dass dein Becher voll sei, mein Junge, und gibt dich nicht mit dem zufrieden, was man dir sagt, sondern vertraue lieber deinen klaren Augen!«

Danach versprach er, dass ich bald die Aufforderung bekommen würde, Schüler im Haus des Lebens zu werden, und dass er versuchen würde, Thotmes einen Platz in der Kunstschule am Tempel des Ptah zu besorgen.

»Aber nun, ihr Knaben«, fuhr er fort, »hört gut zu, was ich euch sage, und vergesst es gleich wieder – oder vergesst wenigstens, dass es der königliche Schädelbohrer war, der diese Worte gesprochen hat. Ihr werdet in die Obhut von Priestern kommen, und Sinuhe wird zu gegebener Zeit selbst zum Priester geweiht werden. Er wird die unterste Priesterweihe erteilt bekommen wie sein Vater und ich, weil niemand den Arztberuf ausüben kann, der nicht zum Priester geweiht worden ist. Wenn ihr aber den Tempelpriestern ausgeliefert werdet, dann seid misstrauisch wie die Schakale und listig wie die Schlangen, damit ihr euch selbst nicht aufgebt und nicht blind werdet. Doch äußerlich seid sanft wie die Tauben, denn erst, wenn ein Mann sein Ziel erreicht hat, kann er offenbaren, in was für einer Haut er steckt. So ist es von jeher gewesen, und so wird es immer sein. Denkt daran!«

Wir unterhielten uns noch eine Zeitlang, bis Ptahors Diener mit einer Mietsänfte und sauberer Kleidung für seinen Herrn erschien. Seine eigene Sänfte hatten die Sklaven in einem nahe gelegenen Freudenhaus verpfändet, wo sie noch immer lagen und schliefen. Ptahor hieß seinen Diener an, die Sänfte und die Sklaven im Freudenhaus auszulösen. Er verabschiedete sich von uns, versicherte meinen Vater seiner Freundschaft und schlug den Weg zum Stadtviertel der Reichen ein.

So kam ich in das Haus des Lebens beim großen Tempel des Ammon. Am folgenden Tage aber sandte Ptahor, der königliche Schädelbohrer, Kipa ein Geschenk, einen aus wertvollem Stein geschnitzten heiligen Skarabäus, den sie eines Tages in ihrem Grab unter den Leinenbinden an ihrem Herzen tragen sollte. Er hätte meiner Mutter keine größere Freude machen können, sodass Kipa ihm alles verzieh und auch meinem Vater Senmut nicht mehr mit Predigten über den Fluch des Weines zusetzte.

Zweites Buch

DAS HAUS DES LEBENS

1.

Damals hatten sich die Ammon-Priester zu Theben das Alleinrecht auf jegliche höhere Bildung verschafft, und es war unmöglich, ohne ihre Zustimmung für ein höheres Amt zu studieren. Jeder wird begreifen, dass das Haus des Lebens und das Haus des Todes ihrem Wesen nach seit uralten Zeiten innerhalb der Tempelmauern lagen, ebenso wie die Hochschule der Gottesgelehrsamkeit, an der die Priester der höheren Grade ausgebildet wurden. Es ist auch verständlich, dass die Fakultäten für Mathematik und Sternkunde sich in Priesterhand befanden, aber als die Priester auch die Kontrolle über die Handelsschulen und die Fakultät für Rechtswissenschaft übernahmen, kam unter den Gebildeten der Verdacht auf, dass sie sich in Dinge einmischten, die eigentlich Sache des Pharaos und der Steuerbehörde waren. Zwar war die Priesterweihe keine direkte Voraussetzung für eine Aufnahme in die Fakultäten für Handel und Rechtswissenschaft, aber da sich mindestens ein Fünftel des ägyptischen Landbesitzes und somit auch des Handels in Ammons Hand befand, war der Einfluss der Priesterschaft auf allen Gebieten gewaltig. Deshalb tat jeder, der Großhändler werden wollte oder einen Verwaltungsberuf anstrebte, gut daran, das unterste Priesterexamen abzulegen und sich dadurch zu Ammons gehorsamem Diener zu machen.

Die größte der Fakultäten war natürlich die für Rechtswissenschaft, denn sie befähigte für jedes Amt bei der Steuerbehörde oder in der Verwaltung, und sie war auch Voraussetzung für eine erfolgreiche militärische Laufbahn. Eine kleine Schar von Mathematikern und Sternkundigen verbrachte ihr eigenes, abgeschottetes Leben in den Hörsälen. Sie hegten tiefe Verachtung für die Emporkömmlinge, welche die Vorlesungen über kaufmännisches Rechnen oder Landvermessung besuchten. Innerhalb ihrer eigenen Mauern im Tempelbezirk aber führten das Haus des Lebens und das Haus des Todes ein völlig eigenes Leben, und ihren Schülern gegenüber empfanden alle übrigen Tempelschüler eine Art ängstlicher Hochachtung.

Doch bevor ich meinen Fuß in das Haus des Lebens setzen durfte, musste ich an der Fakultät für Gottesgelehrsamkeit die Prüfung für den untersten Priestergrad ablegen. Das dauerte über zwei Jahre, und gleichzeitig konnte ich meinen Vater auf seinen Krankenbesuchen begleiten, um aus seinen Erfahrungen Lehren für meinen künftigen Beruf zu ziehen. Ich wohnte zu Hause und verbrachte meine Zeit wie zuvor, musste aber jeden Tag eine Vorlesung besuchen. Diejenigen, die an der Fakultät für Rechtswissenschaft studieren wollten, legten das unterste Priesterexamen oft innerhalb weniger Wochen ab, sofern sie adlige Freunde oder Gönner hatten. Gefordert waren bei dieser Prüfung außer der Kenntnis im Schreiben und Lesen sowie in den Grundrechenarten lediglich auswendig gelernte heilige Texte und Geschichten über die heiligen Dreifaltigkeiten und die heiligen Neunfaltigkeiten, an deren Spitze natürlich immer Ammon stand, der König aller Götter. Doch der wahre Zweck all dieses Auswendiglernens und mechanischen Erinnerns bestand darin, den natürlichen Drang der Schüler zu selbstständigem Denken zu ersticken und ihnen beizubringen, sich blind auf die Autorität der auswendig gelernten Texte zu verlassen. Erst, wenn sich ein junger Schüler Ammons Macht blind unterworfen hatte, konnte er den untersten Priestergrad erlangen. Ich weiß nicht, worin der Unterricht für den dritten, vierten und fünften Priestergrad bestand, denn die Priester der oberen Grade pflegten ihre sorgfältig abgeschotteten Geheimriten. Die Gruppen wurden mit jedem Grad kleiner und ihre Teilnehmer älter. Schon ein Priester zweiten Grades musste vor einer Volksmenge seinen Stab in eine Schlange verwandeln können. Auch andere Kunststücke dieser Art übten sie in den Vorhöfen des Tempels aus. Zur Ausbildung der Priester gehörten Fasten und Nachtwachen sowie die Deutung von Visionen und Träumen. Mit deren Sinn und Zweck kannten sich ohnehin nur die Priester aus, die mehrere Grade absolviert hatten. Die Priester zweiten Grades mochten in unruhigen Zeiten zuweilen etwas ausplaudern, aber es ist nicht bekannt, dass die Priester der höheren Grade Uneingeweihten gegenüber jemals etwas über die göttlichen Geheimnisse verraten hätten.

Als ich zum ersten Mal den Tempel betrat, machten seine Größe und sein unermesslicher Reichtum tiefen Eindruck auf mein Knabengemüt. Schon die Volksmassen, die sich in den Vorhöfen und Tempelhallen drängten, waren bemerkenswert. Alle Schichten des Volkes, Menschen aller Sprachen und Hautfarben kamen, um Ammon die Ehre zu erweisen, um für sich, ihre Unternehmungen und ihre Angehörigen zu beten oder um Ammon Geschenke darzubringen, weil er seine schützende Hand über ihre Geschäfte gehalten oder für Gesundheit und Wohlbefinden gesorgt hatte. Ich war überwältigt, als ich all die Schätze, die wertvollen Gerätschaften, die Schnitzwerke aus Elfenbein und die Truhen aus schwarzen Edelhölzern erblickte. Meine Nase sog begierig den Duft des Weihrauchs und des kostbaren Harzes ein. Meine Ohren waren erfüllt vom Klang fremder Sprachen und von heiligen Rezitationen, die das Volk gar nicht mehr verstand. Ammons Macht und Größe senkte sich über mich, sodass ich des Nachts Albträume bekam und im Schlaf vor mich hin jammerte.

Die Schüler, die das unterste Priesterexamen ablegen sollten, waren in verschiedene Gruppen eingeteilt, je nachdem, für welches Studienfach sie sich entschieden hatten. Wir, die Zöglinge des Hauses des Lebens, bildeten eine eigene Gruppe. Unter meinen Kameraden fand ich jedoch keinen einzigen wirklichen Freund. Ich hatte mir Ptahors kluge Mahnung zu Herzen genommen und hielt mich zurück. Ich folgte demütig jedem Befehl und stellte mich dumm, während die anderen nach Knabenart Witze rissen und sich über die Götter lustig machten. Es gab in unserer Gruppe Söhne von Fachärzten, die für ihre Behandlungen, Ratschläge und Krankenbesuche von den Adligen mit Gold bezahlt wurden. Aber auch Söhne einfacher Landärzte waren unter uns. Sie waren oft älter als wir anderen, schon volljährig, braungebrannt und etwas ungelenk, und sie versuchten, ihre Unbeholfenheit durch umso fleißigeres Auswendiglernen zu überspielen. Es gab auch Knaben aus der Unterschicht mit angeborenem Wissensdurst, die sich vom Stand und von den Berufen ihrer Eltern lösen wollten, doch behandelte man sie mit größter Strenge und forderte von ihnen am meisten, denn die Priester hegten ein natürliches Misstrauen gegenüber allen, die sich nicht mit dem Althergebrachten zufriedengaben.

Meine Vorsicht war durchaus angebracht, denn bald merkte ich, dass die Priester ihre Spitzel und Zuträger unter uns hatten. Ein unbedachtes Wort, offen geäußerter Zweifel oder ein Scherz unter Kameraden kam den Priestern bald zu Ohren, und der Schuldige wurde zum Rapport bestellt und bestraft. Einige Jungen kamen mit Stockschlägen davon, aber andere wurden aus dem Haus des Lebens ausgestoßen, und das Haus des Lebens sowohl in Theben als auch überall sonst in Ägypten blieb ihnen lebenslang verschlossen. Waren sie einigermaßen tatkräftig, dann gelang es ihnen vielleicht, in die Kolonien auszuweichen und in den dortigen ägyptischen Garnisonen Hilfsfeldscher zu werden oder sich im Lande Kusch oder in Syrien eine Zukunft aufzubauen, denn die ägyptischen Ärzte waren in der ganzen Welt hoch angesehen. Die meisten von ihnen aber hatten keine Karriere als Arzt vor sich, sondern schlugen sich als unbedeutende Schreiber durch, sofern sie bereits der Kunst des Schreibens kundig waren.

Meine Fähigkeiten im Lesen und Schreiben verschafften mir einen gehörigen Vorsprung selbst vor den älteren unter meinen Kameraden. Ich fand, ich sei bereits reif genug, ins Haus des Lebens einzutreten, aber meine Priesterweihe ließ auf sich warten, und ich wagte nicht zu fragen, wieso, denn das wäre mir als Aufsässigkeit Ammon gegenüber ausgelegt worden. Die Zeit verrann, während ich die Totentexte abschrieb, die in den Vorhallen verkauft wurden. Innerlich wurde ich immer unruhiger und niedergeschlagener. Viele meiner weniger begabten Kameraden hatten bereits ihr Studium im Haus des Lebens aufnehmen können. Aber vielleicht erhielt ich dank meines Vaters wenigstens zu Beginn einen besseren Unterricht als sie. Im Nachhinein habe ich mir überlegt, dass die Ammon-Priester klüger waren als ich. Sie durchschauten mich, sie ahnten meinen Trotz und meine Zweifel, und deshalb erlegten sie mir diese Prüfung auf.

Meine Niedergeschlagenheit wuchs, mein Schlaf war ruhelos, und oft zog ich mich abends in die Einsamkeit des Nilufers zurück. Dort betrachtete ich den Sonnenuntergang und das Funkeln der Sterne. Ich fühlte mich krank. Das Gelächter der Mädchen auf der Straße setzte mir zu und ärgerte mich. Ich sehnte mich nach etwas, ohne zu wissen, wonach. Das honigsüße Gift von Märchen und Liedern ergoss sich in mein Gemüt, machte mein Herz schwach und trieb mir Tränen in die Augen, wenn ich allein war. Mein Vater warf mir zuweilen nachdenkliche Blicke zu und lächelte dabei versonnen, und Kipa sprach in immer besorgteren Tönen von arglistigen Frauen, deren Ehemänner auf Reisen seien und die schöne Jünglinge bedrängten, sich mit ihnen zu ergötzen.

Schließlich teilte man mir mit, dass es nun Zeit für mich sei, im Tempel zu wachen. Ich musste eine Woche lang in den inneren Räumen des Tempels wohnen und durfte das Tempelgelände während dieser Zeit nicht verlassen. Ich musste mich reinigen und fasten, und mein Vater hatte es plötzlich sehr eilig damit, mir meine Knabenlocke abzuschneiden und die Nachbarn zu einem Festmahl einzuladen, um den Tag meiner Volljährigkeit zu feiern. Von nun an galt ich als volljährig, da ich jetzt reif war, die Priesterweihe zu empfangen. So belanglos und unbedeutend diese Zeremonie auch eigentlich war, erhob sie mich doch deutlich über meine Nachbarn und Altersgenossen.

Kipa hatte sich nach Kräften bemüht, aber ihr Honigkuchen schmeckte mir nicht, und genauso wenig erheiterten mich die Ausgelassenheit und die scharfzüngigen Witze der Nachbarn. Als sie abends endlich gegangen waren, steckte ich mit meiner Niedergeschlagenheit auch Senmut und Kipa an. Senmut begann mir die Geschichte meiner Geburt zu erzählen, wobei Kipa seine Erinnerungen ergänzte. Ich betrachtete das Binsenboot, das über ihrem Bett hing und dessen schwarz angelaufene, zerbröselnde Halme mir das Herz schwer werden ließen. Einen echten Vater, eine wirkliche Mutter hatte ich nicht auf der Welt. Ich war allein unter den Sternen in dieser großen Stadt. Vielleicht war ich nur ein elender Fremdling im Lande Kemi. Vielleicht verbarg sich hinter meiner Herkunft ein schändliches Geheimnis.

Als ich mit dem von Kipa sorgfältig und liebevoll vorbereiteten Weihegewand in den Tempel ging, trug ich eine Wunde im Herzen.

2.

Wir waren fünfundzwanzig Jünglinge und junge Männer, die sich auf die Weihe vorbereiteten. Nach einem Bad im Tempelteich wurde uns das Haar geschoren, und wir legten Kleider aus grobem Stoff an. Der Priester, der uns weihen sollte, schien es mit seinem Amt nicht allzu genau zu nehmen. Nach altem Brauch hätte er uns mit allerlei demütigenden Riten quälen können, aber zu unserer Gruppe gehörten Adelssöhne und junge Rechtskundige, die bereits volljährig waren, ihre Prüfung bestanden hatten und sich dem Dienst an Ammon unterwarfen, um eine erfolgreiche Laufbahn einschlagen zu können. Sie hatten sich reichlich mit Proviant versorgt und ließen den Priester von ihrem Wein trinken. Einige von ihnen verschwanden des Nachts in Freudenhäusern, denn die Weihe bedeutete ihnen nichts. Ich hingegen wachte mit einer Wunde im Herzen, und mir gingen allerlei bedrückende Gedanken durch den Kopf. Ich begnügte mich mit einem Stück Brot und einer Tasse Wasser, wie es der alte Brauch vorsah. Voller Hoffnung und gleichzeitig von düsteren Zweifeln gequält, harrte ich dessen, was da kommen sollte.

Ich war noch so jung, dass ich unsagbar gerne geglaubt hätte. Bei der Weihe sollte Ammon erscheinen und zu jedem Prüfling sprechen, so hieß es jedenfalls, und es wäre für mich eine große Erleichterung gewesen, hätte ich mich von meinen eigenen Zweifeln befreien und einen Sinn hinter all dem erkennen können. Aber vor einem Arzt ist sogar der Pharao nackt. In der Praxis meines Vaters hatte ich schon als Kind Krankheit und Tod gesehen, und mein Blick war dafür geschärft, mehr zu sehen als meine Altersgenossen. Einem Arzt darf nichts heilig sein, und er hat vor nichts Achtung außer vor dem Tod – das war die Lehre, die ich von meinem Vater erhalten hatte. Deshalb zweifelte ich, und alles, was ich während meiner drei Jahre im Tempel gesehen hatte, bestärkte mich nur noch in meinem Zweifel.

Aber vielleicht, so dachte ich, befand sich ja im Dunkel des Allerheiligsten doch etwas, von dem ich noch nichts wusste. Vielleicht würde Ammon mir erscheinen und meinem Herzen Ruhe verschaffen.

So waren meine Gedanken, als ich einen Gang des Tempels entlangspazierte, der auch Laien zugänglich war. Ich betrachtete die farbenfrohen heiligen Bilder und las die Inschriften, die berichteten, welch unermesslichen Geschenke der Pharao Ammon als Anteil an der Kriegsbeute dargebracht hatte. Da kam mir eine schöne Frau entgegen, deren Kleid nur aus dünnem Linnen bestand, sodass ihre Brüste und Hüften deutlich zu sehen waren. Sie war groß und schlank, und ihre Lippen, Wangen und Augenbrauen waren geschminkt. Sie blickte mich neugierig und unverwandt an.

»Wie heißt du, schöner Jüngling?«, fragte sie und blickte mit ihren grünen Augen auf mein graues Schultertuch, das ihr zeigte, dass ich mich auf die Weihe vorbereitete.

»Sinuhe«, antwortete ich verwirrt und wagte nicht, ihr in die Augen zu schauen. Doch sie war so schön und das Öl auf ihrer Stirn duftete so außergewöhnlich, dass ich hoffte, sie würde mich bitten, ihr als Tempelführer zu dienen. So etwas widerfuhr den Tempelschülern nämlich oft.

»Sinuhe«, sagte sie nachdenklich und sah mich prüfend an. »Du bist also sehr schreckhaft und fliehst, wenn man dir ein Geheimnis anvertraut.«

Sie spielte auf das Märchen über Sinuhe an, und das ärgerte mich, denn mit dieser Geschichte hatte man mich schon in der Schule aufgezogen. Deshalb richtete ich mich auf und sah ihr in die Augen. Ihr Blick war so klar, neugierig und sonderbar, dass mein Gesicht zu glühen begann und mir war, als stünde mein ganzer Körper in Flammen.

»Warum sollte ich erschrecken?«, versetzte ich. »Ein künftiger Arzt fürchtet keine Geheimnisse.«

»Ach!«, sagte sie lächelnd. »Das Küken piepst schon, ehe es seine Eierschale durchstoßen hat. Gibt es unter deinen Kameraden einen jungen Mann namens Metufer? Er ist der Sohn des königlichen Baumeisters.«

Kein anderer als Metufer war es gewesen, der den Priester von seinem Wein hatte trinken lassen und ihm als Weihegeschenk einen goldenen Armreif gegeben hatte. Ein Schmerz durchzuckte mich, aber ich sagte ihr, dass ich ihn kenne, und erbot mich, ihn zu holen. Ich dachte, sie sei vielleicht seine Schwester oder eine andere Verwandte. Dieser Gedanke erleichterte mich; ich sah ihr tapfer in die Augen und lächelte.

»Aber wie kann ich ihn holen, wenn ich nicht weiß, wie du heißt, und ihm nicht sagen kann, wer ihn ruft?«, wandte ich ein.

»Er weiß Bescheid«, sagte sie nur und klopfte mit ihren mit bunten Steinen verzierten Sandalen ungeduldig auf den Steinfußboden. So lenkte sie meinen Blick auf ihre kleinen Füße, die vom Staub nicht beschmutzt und deren schöne Zehennägel hellrot bemalt waren. »Er weiß durchaus, wer nach ihm ruft. Vielleicht schuldet er mir etwas. Vielleicht ist mein Mann gerade auf Reisen, und ich erwarte ihn, damit er mich in meinem Kummer tröstet.«

Das Herz wurde mir schwer bei dem Gedanken, dass sie verheiratet war. Aber ich fasste Mut und sagte: »Nun gut, Unbekannte! Ich gehe also und hole ihn. Ich sage ihm, dass eine Frau, jünger und schöner als die Mondgöttin, nach ihm ruft. Dann weiß er, wer du bist, denn bestimmt kann niemand, der dich einmal gesehen hat, dich je wieder vergessen.«

Meinen eigenen Mut fürchtend, wandte ich mich zum Gehen, doch sie griff nach meinem Arm und sagte nachdenklich: »Du hast es ja eilig! Warte ein wenig, vielleicht haben wir zwei noch etwas zu bereden.«

Als sie mich anblickte, schmolz mir das Herz in der Brust und mein Magen sank bis in die Kniekehle. Sie streckte ihren Arm aus, der schwer war von Armreifen und Fingerringen, berührte meinen Schädel und sagte freundlich: »Friert dein schöner Kopf nicht, wenn er erst vor Kurzem seine Zierde, die Knabenlocke, verloren hat?« Und dann fuhr sie in zärtlichem Ton fort: »Sprichst du wirklich die Wahrheit? Findest du mich schön? Schau mich nur genauer an!«

Ich betrachtete sie. Ihr Kleid war aus königlichem Linnen, und in meinen Augen war sie schön, schöner als alle Frauen, die ich je gesehen hatte, und sie tat nichts, um ihre Schönheit zu verbergen. Ich sah sie an und vergaß die Wunde in meinem Herzen. Ich vergaß Ammon und das Haus des Lebens, und ihre Nähe verbrannte mich, als würde mein Leib in Flammen stehen.

»Du antwortest nicht«, sagte sie bekümmert. »Du brauchst auch nicht zu antworten, denn du hältst mich gewiss für ein altes und hässliches Weib, an dem deine schönen Augen keinen Gefallen finden. Geh also und hole den Weihekandidaten Metufer, dann bist du mich los.«

Aber ich ging nicht, und ich brachte auch kein Wort heraus, obwohl mir bewusst war, dass sie sich über mich lustig machte. Es herrschte dämmriges Halbdunkel zwischen den riesigen Tempelsäulen, ihre Augen leuchteten im Zwielicht, das sich durch die fernen Steingitter in den Tempel ergoss, und niemand sah uns.

»Vielleicht brauchst du ihn auch gar nicht zu holen«, sagte sie und lächelte mir zu. »Vielleicht reicht es mir, wenn du mich erfreust und dich mit mir ergötzt, denn sonst habe ich niemanden, der mich erfreuen würde.«

Ich musste daran denken, was Kipa über Frauen erzählt hatte, die schöne Knaben einladen, sich mit ihnen zu ergötzen. Das fiel mir so plötzlich ein, dass ich erschrak und einen Schritt vor ihr zurückwich.

»Habe ich nicht gesagt, dass Sinuhe es mit der Angst zu tun bekommt?«, fragte sie und trat auf mich zu.

Ich aber hob abwehrend meine Hand und sagte: »Ich weiß, wer du bist. Dein Mann ist auf Reisen, und dein Herz ist eine betrügerische Falle; dein Schoß brennt schlimmer als Feuer.« Aber obwohl ich dies sagte, vermochte ich nicht zu fliehen.

Sie schien etwas verwirrt, lächelte dann aber wieder und trat ganz nah an mich heran. »Glaubst du das?«, fragte sie leise. »Aber das stimmt durchaus nicht. Mein Schoß brennt gewiss nicht wie Feuer, im Gegenteil, man sagt, er verschaffe großes Behagen. Überzeuge dich selbst!« Sie ergriff meine Hand, die sich willenlos an ihren Schoß führen ließ, und ich spürte ihre Schönheit durch den dünnen Stoff hindurch, sodass ich zu zittern begann und meine Wangen heiß wurden. »Du glaubst es wohl noch immer nicht«, sagte sie mit gespielter Enttäuschung. »Der Stoff ist sicher im Weg, aber warte kurz, ich schiebe ihn beiseite.« Sie schob ihr Kleid ein Stück zur Seite und legte meine Hand auf ihre nackte Brust, sodass ich fühlen konnte, wie ihr Herz schlug. Ihre Brust war weich und kühl unter meiner Hand.

»Komm, Sinuhe!«, sagte sie und lächelte sanft. »Komm mit mir, dann trinken wir Wein und ergötzen uns miteinander!«

»Ich darf den Tempel nicht verlassen«, sagte ich bestürzt, wobei ich mich für meine Furcht schämte. Ich begehrte die schöne Frau, und gleichzeitig fürchtete ich sie wie den Tod. »Ich muss rein bleiben, bis ich geweiht werde, sonst jagt man mich aus dem Tempel, und ich komme nie ins Haus des Lebens! Hab doch Erbarmen mit mir!«

Das sagte ich, weil ich wusste, dass ich ihr folgen würde, wenn sie mich noch einmal darum bäte. Aber sie war eine Frau mit Erfahrung und verstand meine Not. Deshalb sah sie sich nachdenklich um. Wir waren immer noch allein, aber in der Nähe gingen Menschen umher, und ein Führer erklärte Besuchern lautstark die Sehenswürdigkeiten des Tempels und versprach, ihnen für etwas mehr Kupfer noch weitere Wunder zu zeigen.

»Du bist ein sehr scheuer Jüngling, Sinuhe!«, sagte sie. »Reiche und Adelige bieten mir Schmuck und Gold, damit sie sich mit mir ergötzen dürfen. Aber du willst rein bleiben, Sinuhe.«

»Du willst sicher, dass ich Metufer hole«, sagte ich verzweifelt, denn ich wusste, dass er den Tempel des Nachts ohne zu zögern verlassen würde, obwohl er mit der Nachtwache an der Reihe war. Er konnte es sich erlauben, denn sein Vater war königlicher Baumeister. Ich hätte ihn deswegen umbringen können.

»Vielleicht will ich gar nicht, dass du Metufer holst«, sagte sie und warf mir einen schelmischen Blick zu. »Vielleicht will ich, dass wir als Freunde auseinandergehen, Sinuhe. Deshalb sage ich dir auch meinen Namen. Er lautet Nefernefernefer, weil ich für schön gelte und jeder, der einmal meinen Namen ausgesprochen hat, ihn auch ein zweites und drittes Mal wiederholen muss. Es ist guter Brauch, dass Freunde sich Geschenke überreichen, wenn sie sich verabschieden, damit sie einander nicht vergessen. Deshalb erbitte ich mir ein Geschenk von dir.«

Da fühlte ich wieder meine Armut, denn ich hatte nichts, was ich ihr hätte geben können, keinen Schmuck und keinen kupfernen Armreifen, obwohl ich ihr so etwas natürlich nicht hätte schenken können. Ich schämte mich so sehr, dass ich den Kopf neigte und kein Wort herausbrachte.

»Gib mir ein Geschenk, das mein Herz erfreut«, sagte sie und hob mit ihrem Finger mein Kinn an, wobei ihr Gesicht ganz nah an meines herankam. Als ich begriff, was sie wollte, berührte ich ihre weichen Lippen mit den meinen.

Da seufzte sie leise und sagte: »Danke, das war ein schönes Geschenk. Ich werde es nicht vergessen. Du scheinst mir aber ein Fremder aus einem fernen Land zu sein, da du noch nicht gelernt hast, wie man richtig küsst. Oder ist es möglich, dass die Mädchen von Theben dich diese Kunst noch nicht gelehrt haben, obwohl dir die Knabenlocke bereits abgeschnitten wurde?«

Sie zog einen Ring aus Gold und Silber mit einem ungravierten grünen Stein von ihrem Daumen und legte ihn in meine Hand. »Auch ich muss dir ein Geschenk geben, Sinuhe, damit du mich nicht vergisst«, sagte sie. »Wenn du geweiht bist und in das Haus des Lebens kommst, kannst du dir dein Siegel in diesen Stein eingravieren lassen, damit du den Reichen und Adeligen gleichgestellt bist. Denke auch daran, dass dies ein grüner Stein ist, weil ich Nefernefernefer heiße. Man hat mir mehr als einmal gesagt, dass meine Augen so grün seien wie der Nil in der Sommerhitze.«

»Ich kann dein Geschenk nicht annehmen, Nefer«, sagte ich und wiederholte »Nefernefernefer«, was mir unaussprechliche Freude bereitete. »Trotzdem werde ich dich nie vergessen.«

»Närrischer Knabe!«, sagte sie. »Behalte ihn, denn ich will es so. Behalte ihn aus einer Laune von mir heraus, denn er wird mir noch hohe Zinsen einbringen.« Sie hielt mir einen ihrer schmalen Finger drohend vor das Gesicht, und ihre Augen lachten, als sie hinzufügte: »Nimm dich stets vor Frauen in Acht, deren Schoß schlimmer als Feuer brennt.«

Dann drehte sie sich um, ging davon und gestattete mir nicht, sie zu begleiten. Ich sah, wie sie im Hof an der Tempelpforte eine verzierte Sänfte bestieg. Ein Läufer lief ihr voraus, die Menschen wichen ihr aus und sahen der Sänfte flüsternd hinterher. Mich aber überkam nach ihrem Fortgang ein gewaltiges Gefühl der Leere, als wäre ich kopfüber in einen finsteren Abgrund gestürzt.

Einige Tage später entdeckte Metufer den Ring an meinem Finger. Er ergriff ungläubig meine Hand und betrachtete ihn. »Bei allen vierzig gerechten Pavianen des Osiris!«, rief er aus. »Nefernefernefer, nicht wahr? Das hätte ich nie von dir gedacht!« Er sah mich fast ehrerbietig an, obwohl der Priester mich die Fußböden fegen und die unangenehmsten Arbeiten im Tempel verrichten ließ, weil ich ihm keine Geschenke machte.

Ich hasste Metufer für seine Worte mit einer Inbrunst und Bitterkeit, wie sie nur ein unerfahrener Jüngling aufbringen kann. Sosehr es mich auch danach verlangte, ihn über Nefer zu befragen, ließ ich mich nicht dazu herab. Ich verbarg dieses Geheimnis in meinem Herzen, denn die Lüge ist angenehmer als die Wahrheit und der Wunschtraum klarer als echte Berührung. Ich betrachtete den grünen Stein an meinem Finger und dachte an ihre Augen und ihre kühle Brust, und immer noch vermeinte ich den Duft ihrer Salben an meinen Fingern wahrzunehmen. Ich klammerte mich an ihr fest; ihre Lippen berührten immer noch die meinen und trösteten mich, denn inzwischen war Ammon mir erschienen, hatte all meine Hoffnungen enttäuscht und mein Glaube war geschwunden.

Deshalb flüsterte ich, wenn ich an sie dachte, mit heißem Antlitz vor mich hin: »Meine Schwester«. Diese Worte waren wie eine Liebkosung in meinem Mund, denn schon seit uralten Vorzeiten haben sie eine bestimmte Bedeutung, und diese Bedeutung werden sie bis in alle Ewigkeit haben: Meine Geliebte.

3.

Doch jetzt will ich erzählen, wie Ammon mir erschien.

Vier Nächte lang musste ich seine Nachtruhe bewachen. Wir waren sieben Jünglinge: Mata, Mose, Bek, Sinufer, Nefru, Ahmose und ich, Sinuhe, Senmuts Sohn. Mose und Bek wollten ebenfalls ins Haus des Lebens, und deshalb kannte ich sie bereits; die anderen aber waren mir unbekannt.

Ich war vom Fasten und von der Anspannung geschwächt. Mit ernster Miene und ohne zu lächeln folgten wir dem Priester – sein Name sei dem Vergessen anheimgegeben –, der uns in den verbotenen Teil des Tempels geleitete. Ammon war in seiner Barke hinter die Berge im Westen gesegelt, die Tempelwächter hatten in ihre silbernen Hörner geblasen, und die Tempelpforten waren geschlossen. Der Priester aber, dem wir folgten, hatte ein üppiges Mahl vom Fleisch der Opfertiere genossen, samt Obst und süßem Gebäck, Öl tropfte ihm vom Gesicht, und seine Wangen waren vom Wein gerötet. Lächelnd hob er den Vorhang an und ließ uns einen Blick in das Allerheiligste werfen. In seiner aus einem riesigen Steinblock gehauenen Kammer stand Ammon, und die Edelsteine an seiner Kopfbedeckung und an seinem Kragen funkelten im Licht der heiligen Lampen rot, grün und blau wie lebendige Augen. Wir sollten ihn am Morgen unter Anleitung des Priesters salben und ihm neue Kleider anlegen, denn jeden Morgen benötigte er neue Gewänder. Ich hatte ihn schon früher gesehen: wenn er zum Frühlingsfest in seiner goldenen Barke auf den Vorhof des Tempels getragen wurde, während sich die Menschen vor ihm zu Boden warfen, und wenn er in seiner Zedernholzbarke über den heiligen See dahinglitt, sobald die Flut den höchsten Stand erreicht hatte. Aber damals war ich nur ein unbedeutender Tempelzögling gewesen und hatte ihn nur von Weitem erblickt, und nie hatte sein rotes Gewand einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht wie nun im Schein der heiligen Lampen in der unerschütterlichen Stille des Allerheiligsten. Ein rotes Gewand trugen nur die Götter, und mir war, als hätte sich beim Anblick seines erhabenen Angesichts das Gewicht von Steinplatten auf meine Brust gesenkt und würde mir die Luft nehmen.

»Wachet und betet vor dem Vorhang«, sagte der Priester, der sich am Vorhangstoff festhielt, weil er sich nicht mehr sicher auf den Beinen halten konnte. »Vielleicht ruft er euch, denn er pflegt denen, die geweiht werden sollen, zu erscheinen. Er ruft sie beim Namen und spricht zu ihnen, wenn sie dieser Ehre würdig sind.« Dann vollführte er mit seinen Händen rasch die heiligen Gesten und murmelte Ammons göttliche Namen, wobei er den Vorhang wieder fallen ließ, ohne sich zu verneigen und die Arme in Kniehöhe vor sich auszustrecken.

Dann ließ der Priester uns sieben Jünglinge in der dunklen Vorhalle des verbotenen Tempelbezirks allein zurück. Der steinerne Fußboden unter unseren nackten Füßen war beängstigend kalt. Sobald aber der Priester gegangen war, holte Mose eine Lampe unter seinem Schultergewand hervor, und Ahmose trat kaltblütig in das Allerheiligste und holte sich von dort Ammons heiliges Feuer, damit wir die Lampe entzünden konnten.

»Wir wären ja verrückt, wenn wir hier im Dunkeln sitzen würden«, sagte Mose, und wir fühlten uns gleich besser, obwohl wir uns sicherlich alle ein wenig fürchteten. Ahmose holte Brot und Fleisch hervor, während Mata und Nefru auf dem Steinfußboden mit einem Würfelspiel begannen und dabei so laut waren, dass es im ganzen Saal hallte. Nachdem Ahmose gegessen hatte, wickelte er sich in sein Schultergewand ein und legte sich schlafen, nicht ohne heftige Flüche ob des harten Fußbodens auszustoßen. Sinufer und Nefru legten sich nach einiger Zeit neben ihn, damit sie es zu dritt etwas wärmer beim Schlafen hatten.

Ich aber war jung und wachte, obwohl ich genau wusste, dass der Priester von Metufer einen Krug Wein bekommen und ihn und zwei andere Weihekandidaten von hoher Abstammung in seine Kammer eingeladen hatte, sodass er uns in dieser Nacht nicht überraschen würde. Ich wachte, obwohl ich aus den Erzählungen anderer wusste, dass die Schüler, denen die Weihe bevorstand, heimlich zu essen, zu spielen und zu schlafen pflegten. Mata begann vom Tempel der löwenköpfigen Sechmet zu erzählen, in dem Ammons göttliche Tochter den Soldatenkönigen zu erscheinen und sie zu umarmen pflegte. Dieser Tempel lag hinter dem Ammon-Tempel, jedoch stand er nicht mehr in hohem Ansehen. Seit Jahrzehnten war er vom Pharao nicht mehr besucht worden, und inzwischen wuchs Gras zwischen den Steinplatten seines Vorhofes. Aber Mata meinte, er hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt, dort zu wachen und sich von der nackten Göttin umarmen zu lassen. Nefru schüttelte den Würfel in seiner Hand, gähnte und beklagte sich lauthals, dass er keinen Wein mitgebracht hatte. Danach legten sich die beiden schlafen, und bald war ich der Einzige, der noch wachte.

Die Nacht wurde mir lang, und während die anderen schliefen, ergriffen mich eine tiefe Andacht und Sehnsucht, so jung war ich noch. Ich dachte daran, dass ich mich rein gehalten, gefastet und all die alten Gebote eingehalten hatte, damit Ammon mir erscheinen konnte. Ich sagte immer wieder seine heiligen Namen auf und horchte mit wachen Sinnen auf jedes kleinste Geräusch, aber der Tempel war leer und kalt. Als es allmählich Morgen wurde, begann der Vorhang des Allerheiligsten sich in einem Windzug zu bewegen, aber weiter geschah nichts. Als das Licht schließlich in die Tempelhalle flutete, blies ich die Lampe aus. Ich war unsäglich enttäuscht. Dann weckte ich meine Kameraden.

Soldaten bliesen ins Horn, neue Wächter traten ihren Dienst auf den Mauern an, und von den Vorhöfen her war leises Gemurmel zu hören, wie das ferne Rauschen von Wasser im Wind. Dadurch wussten wir, dass der Tag und die Arbeiten im Tempel begonnen hatten. Endlich kam der Priester herbeigeeilt, zu meiner Überraschung von Metufer begleitet. Von beiden ging starker Weindunst aus, und sie stützten sich gegenseitig. Der Priester hielt die Schlüssel der heiligen Schreine in den Händen und rezitierte, von Metufer unterstützt, die heiligen Formeln, ehe er uns begrüßte.

»Weihekandidaten Mata, Mose, Bek, Sinufer, Nefru, Ahmose und Sinuhe«, sagte der Priester, »habt ihr gewacht und gebetet, wie euch befohlen war, auf dass ihr der Weihe würdig werdet?«

»Wir haben gewacht und gebetet«, antworteten wir wie aus einem Munde.

»Hat Ammon, seinem Versprechen gemäß, sich euch offenbart?«, fragte der Priester und rülpste, während er uns der Reihe nach zu fixieren versuchte. Wir blickten einander an und zögerten. Schließlich sagte Mose stockend: »Er ist seinem Versprechen gemäß erschienen.« Einer nach dem anderen wiederholten meine Kameraden: »Er ist erschienen.« Zuletzt sprach Ahmose, fromm und mit fester Stimme: »Wahrlich, er ist erschienen!« und blickte dem Priester dabei fest in die Augen. Ich aber sagte nichts, und mir war, als würde mein Herz von einer Faust zerquetscht, denn das, was meine Kameraden da sagten, war in meinen Augen Gotteslästerung.

Metufer sagte dreist: »Auch ich habe gewacht und gebetet, um mich der Weihe würdig zu erweisen, denn morgen Nacht habe ich anderes zu tun, als hier zu verweilen. Auch mir ist Ammon erschienen, wie der Priester bezeugen kann. Seine Gestalt glich einem großen Weinkrug, und er enthüllte mir zahlreiche heilige Dinge, die ich vor euch hier nicht wiederholen darf. Seine Worte waren lieblich wie Wein in meinem Munde, sodass ich danach lechzte, immer mehr davon zu hören, bis zum frühen Morgen.«

Von Metufers Worten ermutigt, sagte Mose: »Mir ist er in der Gestalt seines Sohnes Horus erschienen, der sich mir in Falkengestalt auf die Schulter setzte und sprach: ›Sei gesegnet, Mose, deine Sippe sei gesegnet, und deine Werke seien gesegnet, auf dass du einst im Haus mit den zwei Toren sitzest und zahlreiche Diener befehligst.‹ So hat er zu mir gesprochen.«

Auch die anderen hatten es nun eilig zu berichten, was Ammon zu ihnen gesagt hatte. Eifrig meldeten sich mehrere gleichzeitig zu Wort und überboten sich gegenseitig mit ihren Berichten, wobei der Priester ihnen lächelnd zuhörte und eifrig mit dem Kopf nickte. Ich weiß nicht, ob sie ihre Träume wiedergaben oder einfach Lügen erzählten. Ich weiß nur, dass ich mich einsam fühlte wie eine Waise und kein Wort herausbrachte.

Schließlich wandte sich der Priester an mich, hob die kahlgeschorenen Augenbrauen und sagte streng: »Und du, Sinuhe, bist du würdig, die Weihe zu empfangen? Oder ist der göttliche Ammon dir etwa nicht erschienen, in was für einer Gestalt auch immer? Hast du ihn nicht wenigstens als kleines Mäuslein gesehen? Schließlich kann er sich in zahllosen Gestalten offenbaren.«

Es ging um meine Zulassung zum Haus des Lebens, sodass ich Mut fasste und sagte: »Am frühen Morgen sah ich, wie sich der heilige Vorhang bauschte. Sonst habe ich nichts gesehen, und Ammon hat nicht zu mir gesprochen.«

Da brachen alle in Gelächter aus. Metufer lachte so sehr, dass er sich mit beiden Händen auf die Schenkel schlug, wobei er dem Priester zuraunte: »Was für ein dummer Junge!« Er zupfte den Priester am Ärmel, der von Weinflecken übersät war, flüsterte ihm etwas ins Ohr und wies dabei auf mich.

Der Priester sah mich erneut streng an und sagte: »Wenn du Ammons Stimme nicht gehört hast, kann ich dich nicht zur Weihe zulassen. Aber dem soll schnell abgeholfen werden, denn ich will doch annehmen, dass du ein gläubiger Jüngling bist und nur die besten Absichten hast.« Nach diesen Worten ging er hinter das Allerheiligste und verschwand dort. Metufer stellte sich neben mich, betrachtete meine unglückliche Miene, lächelte freundlich und sagte: »Hab keine Angst!«

Doch gleich darauf zuckten wir alle zusammen, denn im Halbdunkel der Halle erscholl eine übernatürliche Stimme, die keiner menschlichen Stimme glich, und sie ertönte von überall her, vom Dach, von den Wänden und zwischen den Säulen hervor, sodass wir uns in alle Richtungen wandten, um festzustellen, von wo sie kam. Die Stimme sprach: »Sinuhe, Sinuhe, du Schlafmütze, wo bist du? Tritt unverzüglich vor mich hin und verneige dich vor mir, denn ich bin in Eile und habe keine Lust, den ganzen Tag lang auf dich zu warten!«

Metufer zog den Vorhang beiseite, stieß mich in das Allerheiligste, packte mich am Nacken und drückte mich zu Boden in die Verbeugung, mit der man Göttern und Pharaonen seine Verehrung bezeugt. Als ich den Kopf wieder hob, sah ich, dass das Allerheiligste jetzt hell erleuchtet war, und die Stimme aus Ammons Mund sprach:

»Sinuhe, Sinuhe, du Schwein und Pavian! Warst du betrunken? Hast du geschlafen, als ich dich rief? Eigentlich sollte ich dich in eine Müllgrube werfen, wo du dein ganzes Leben lang Schlamm zu essen bekommst. Aber um deiner Jugend willen will ich mich deiner erbarmen, obwohl du dumm, faul und dreckig bist, denn ich erbarme mich eines jeden, der an mich glaubt. Alle anderen jedoch werfe ich in die Schlünde der Unterwelt.«

Noch manches andere verkündete die Stimme Ammons. Sie schrie, zeterte und stieß Flüche aus. Aber ich erinnere mich nicht mehr an alles und will mich auch gar nicht erinnern, so gedemütigt und verbittert war ich, denn bei genauem Hinhören konnte ich aus dem Dröhnen dieser übernatürlichen Stimme die Sprechweise des Priesters heraushören, und diese Entdeckung bestürzte mich so sehr, dass ich nicht mehr genauer hinhörte. Ich blieb vor dem Standbild Ammons liegen, als die Stimme schon längst verstummt war, bis der Priester kam und mich mit dem Fuß zur Seite stieß, während meine Kameraden eilends Weihrauch, Salben, Schönheitsmittel und rote Kleider in das Allerheiligste brachten.

Jeder hatte im Voraus eine bestimmte Aufgabe zugeteilt bekommen. Ich rief mir die meine in Erinnerung, holte aus der Vorhalle ein Gefäß mit heiligem Wasser und heilige Tücher, um dem Gott Gesicht, Hände und Füße zu waschen. Doch als ich zurückkam, sah ich, wie der Priester Ammon ins Gesicht spuckte und es dann mit seinem schmutzigen Ärmel abrieb. Danach bemalten Mose und Nefru ihm die Lippen und trugen ihm auch auf Wangen und Augenbrauen frische Farbe auf. Metufer salbte ihn und rieb auch das von Öl glänzende Gesicht des Priesters sowie sein eigenes Gesicht lachend mit Salbe ein. Schließlich wurde das Standbild entkleidet, gewaschen und abgetrocknet, so als hätte es gerade seine Notdurft verrichtet. Auch sein Glied wurde gesalbt, und dann zogen wir ihm einen roten Rock mit gebügelten Falten an, befestigten den Schurz um seine Hüften, legten ihm das Schultertuch um und bedeckten seine Arme mit Ärmeln.

Nachdem all dies geschehen war, sammelte der Priester die gebrauchten Kleidungsstücke ein und nahm auch das Waschwasser und die Trockentücher mit. Der Stoff wurde in kleine Stücke zerschnitten und täglich im Vorhof an reiche Pilger verkauft. Genauso verkaufte man das Wasser als Heilwasser an Leute, die an Hautausschlag litten. Wir waren nun frei und gingen in den sonnenbeschienenen Hof, wo ich mich übergab.

Genauso leer wie mein Magen waren auch mein Herz und mein Kopf, denn ich glaubte nicht mehr an die Götter. Als aber eine Woche verstrichen war, salbte man mir das Haupt mit Öl, und ich wurde zum Ammon-Priester geweiht. Ich legte den Priestereid ab und erhielt eine Bescheinigung mit dem Siegel des großen Ammon-Tempels, die mich berechtigte, in das Haus des Lebens aufgenommen zu werden.

So kamen Mose, Bek und ich in das Haus des Lebens. Seine Pforten öffneten sich uns, und auch mein Name wurde eingetragen in das Buch des Lebens, so wie der Name meines Vaters Senmut vor mir dort eingetragen worden war und der Name seines Vaters vor ihm. Aber ich war nicht mehr glücklich.

4.

Im Haus des Lebens am großen Ammon-Tempel wachten formal die königlichen Ärzte über die Lehre, jeder in seinem Spezialgebiet. Aber wir sahen sie nur selten, denn sie hatten viele Patienten, und sie erhielten von den Reichen große Geschenke für ihre Dienste. Sie wohnten in großen Anwesen außerhalb der Stadt. Wenn aber ein Patient ins Haus des Lebens kam, dessen Beschwerden die dort ständig anwesenden Ärzte hilflos gegenüberstanden oder den sie mit ihren Kenntnissen nicht zu behandeln wagten, dann erschien einer der königlichen Ärzte und ließ die Studenten Zeugen seiner Heilkünste werden. So konnte selbst der mittelloseste Patient durch einen königlichen Arzt behandelt werden, zur Ehre Ammons.

Von den Patienten im Haus des Lebens forderte man Geschenke je nach ihren Möglichkeiten, und wenn die meisten von ihnen auch die Bescheinigung eines Arztes aus der Stadt mitbrachten, dass ein gewöhnlicher Arzt ihr Leiden nicht heilen konnte, so kamen die Ärmsten doch gleich ins Haus des Lebens, und von ihnen forderte man keine Geschenke. All das war schön und gut, aber ich hätte dennoch kein mittelloser Patient sein wollen, denn an ihnen versuchten die weniger erfahrenen Ärzte ihre Heilkunst, und auch die Studenten durften sie zur Probe behandeln. An sie verschwendete man keine schmerzstillenden Arzneien, sondern sie mussten sich den Zangen und Messern ohne Betäubung aussetzen. Deshalb waren in den Vorhallen des Hauses des Lebens oft Schreie und Klagelaute zu hören, denn dort kümmerte man sich um die Armen.

Die Ausbildung und das Einlernen der Ärzte beanspruchte viel Zeit, auch bei begabten Studenten. Wir nahmen die Lehre von den Arzneien durch und mussten nicht nur alle Heilpflanzen kennen, sondern auch noch wissen, wann sie zu pflücken waren. Man lehrte uns, sie zu trocknen und einen Extrakt aus ihnen zuzubereiten, denn ein Arzt muss, wenn nötig, seine Arzneien selbst herstellen können. Ich und einige meiner Kameraden muckten dagegen auf, weil wir nicht einsahen, was uns das nützen sollte, konnte man doch eine Arzneimittelanweisung an das Haus des Lebens schicken und bekam dann alle bekannten Arzneien fertig gemischt und in passender Dosierung. Diese Ausbildung sollte für mich jedoch später von großem Nutzen sein, wie ich an passender Stelle noch berichten werde.

Wir mussten uns nicht nur die Bezeichnungen der Körperteile einprägen, sondern auch den Sinn und die Funktionen der einzelnen Organe des Menschen. Wir mussten den Umgang mit Messern und Zangen zum Zähneziehen erlernen, aber vor allem mussten unsere Hände sich daran gewöhnen, die Beschwerden der Menschen zu erkennen, und zwar sowohl durch Betasten der Körperaushöhlungen wie auch durch die Haut hindurch. Auch an den Augen der Menschen mussten wir die Art ihrer Beschwerden ablesen können. Wir mussten einer Frau Geburtshilfe leisten können, weil nicht immer eine Hebamme zur Stelle war. Wir mussten Schmerzen bereiten und Schmerzen lindern können, je nachdem, was die Lage erforderte. Wir mussten lernen, ernste Beschwerden von geringeren zu unterscheiden und die seelisch bedingten von den körperlichen Verletzungen. Wir mussten fähig sein, in den Worten eines Patienten die Wahrheit aus den Lügen herauszusieben und alle notwendigen Fragen zu stellen, um uns ein zutreffendes Bild von der Art der Krankheit machen zu können.

So ist es verständlich, dass mir, je weiter ich in der Ausbildung vorankam, immer bewusster wurde, wie wenig ich wusste. Es scheint, dass ein Arzt erst dann ausgelernt hat, wenn er sich selbst demütig eingesteht, dass er in Wahrheit nichts weiß. Allerdings sollte man dies einem Laien niemals sagen, denn wichtiger als alles andere ist, dass der Patient dem Arzt vertraut und sich auf dessen Fähigkeiten verlässt. Das ist die Grundlage sämtlicher Heilkunst, auf der alles andere aufbaut. Deshalb darf sich ein Arzt nie irren, denn ein Arzt, der irrt, verliert seinen guten Ruf und schadet auch dem Ruf der anderen Ärzte. Deshalb tragen auch in den Häusern der Reichen, wenn nach dem ersten Arzt einer zweiter oder dritter gerufen wird, um einen schwierigen Fall zu behandeln, seine Kollegen lieber den Irrtum des ersten Arztes mit, als ihm zur Schande der gesamten Ärzteschaft zu widersprechen. Deshalb heißt es auch, dass die Ärzte den Patienten immer gemeinsam ins Grab bringen.

Aber davon wusste ich noch nichts, als ich voller Ehrfurcht in das Haus des Lebens eintrat, in dem Glauben, dort würde ich alle irdische Güte und Weisheit finden. Die ersten Wochen dort waren schwer, denn der Student, der als letzter gekommen ist, ist der Diener aller, und es gibt keinen Angehörigen der niedersten Dienerschaft, der sich ihm nicht überlegen fühlen und ihm keine Befehle erteilen würde. Als Erstes muss der Student Reinlichkeit erlernen, und es gibt keine noch so abstoßende und schmutzige Arbeit, die man ihn nicht verrichten ließe, sodass er vor Ekel krank wird, bis er schließlich abhärtet. Bald aber weiß er schon im Traum, dass ein Messer erst dann rein ist, wenn es im Feuer gereinigt wurde, und ein Kleid erst sauber, wenn es in Lauge gespült und in Wasser gekocht wurde.

Jedoch ist alles, was die Kunst des Arztes ausmacht, in Büchern niedergelegt, und ich werde nicht mehr davon berichten. Lieber will ich von dem erzählen, was mich selbst betrifft, was ich selbst gesehen habe und worüber andere noch nicht geschrieben haben.

Nach langer Probezeit kam der Augenblick, da man mich in ein weißes Gewand kleidete, nachdem ich mich zuvor unter Beachtung heiliger Riten gereinigt hatte. Ich durfte in der Empfangshalle lernen, starken Männern Zähne zu ziehen. Außerdem durfte ich Wunden verbinden, Geschwüre aufstechen und gebrochene Glieder schienen. Das war aber nichts Neues für mich, und da ich dies alles bereits bei meinem Vater gelernt hatte, kam ich gut damit zurecht und wurde zum Lehrer und Anweiser meiner Kameraden. Manchmal erhielt ich auch Geschenke, wie sie einem Arzt gegeben werden, und ich ließ meinen Namen in den grünen Stein eingravieren, den Nefernefernefer mir geschenkt hatte, damit ich mein Siegel unter die Arzneimittelanweisungen setzen konnte.

Man übertrug mir immer schwierigere Aufgaben, ich durfte in den Sälen wachen, in denen die unheilbar Kranken untergebracht waren, und bei den Behandlungen und Operationen zugegen sein, die von berühmten Ärzten ausgeführt wurden – Operationen, bei denen zehn Patienten starben, aber nur einer geheilt wurde. Mit der Zeit wurde mir klar, dass der Tod für den Arzt nichts Schreckliches ist und dass er dem Kranken oftmals ein gnädiger Freund ist, sodass das Gesicht eines Menschen bei seinem Tod nicht selten glücklicher ist als zu Lebzeiten in den Tagen der Armut.

Trotzdem war ich blind und taub, bis mir eines Tages die Augen aufgingen, so wie einst als Knabe, als die Bilder, Worte und Buchstaben sich für mich mit Leben erfüllten. Ich erwachte wie aus einem Traum und fragte mich mit freudig jubelndem Bewusstsein: »Warum?« Denn der Furcht erregende Schlüssel zu jeglichem wahren Wissen ist die Frage: Warum? Sie ist stärker als Thots Schreibgriffel und mächtiger als in Stein gehauene Inschriften.

Das geschah so: Eine Frau kam in das Haus des Lebens, die noch keine Kinder bekommen hatte und sich für unfruchtbar hielt, denn sie hatte das vierzigste Lebensjahr bereits erreicht. Nun hörten ihre Monatsbeschwerden auf. Sie erschrak, machte sich Sorgen und kam zu uns, weil sie fürchtete, ein böser Geist könnte in sie gefahren sein und ihren Leib vergiftet haben. Wie ich es gelernt hatte, nahm ich Getreidekörner und steckte sie in Erde. Einige Körner besprühte ich mit Nilwasser, andere mit dem Harn der Frau. Die Erde stellte ich in die Sonne und wies die Frau an, in einigen Tagen wiederzukommen. Als sie wiederkam, sah ich, dass die Keime gesprossen waren. Die mit Wasser besprühten waren klein, aber die anderen standen in üppigem Grün. Es stimmte also, was geschrieben war, und deshalb sagte ich, selbst höchst verwundert, zu der Frau: »Freue dich, Weib, denn der heilige Ammon hat deinen Leib in seiner Gnade gesegnet, und du wirst ein Kind bekommen, so wie andere gesegnete Weiber.«

Die arme Frau brach in Freudentränen aus und gab mir als Geschenk den Silberreif, den sie am Handgelenk trug. Er war zwei Deben schwer, denn sie hatte schon längst die Hoffnung aufgegeben. Sie fasste sogleich Vertrauen zu mir und fragte: »Ist es ein Junge?« Sie glaubte nämlich, ich wisse alles. Ich fasste Mut, sah ihr in die Augen und sagte: »Es ist ein Junge.« Denn die Möglichkeiten standen eins zu eins, und ich hatte damals Glück im Spiel. Die Frau freute sich noch mehr und gab mir auch den Silberreif von ihrem anderen Arm, der ebenfalls zwei Deben wog.

Doch nachdem sie gegangen war, fragte ich mich: Wie ist es möglich, dass ein Gerstenkorn etwas weiß, was kein Arzt herausfinden, wissen oder sehen kann, bevor die Anzeichen einer Schwangerschaft offensichtlich sind? Ich fasste Mut und fragte meinen Lehrer, warum das so war, aber er sah mich nur an wie einen Wahnsinnigen und sagte: »So steht es geschrieben.« Das war jedoch keine Antwort auf meine Frage nach dem Warum. Ich gab mich nicht zufrieden und fragte den königlichen Geburtsarzt im Haus der Gebärenden, warum es sich so verhielt. Er sagte: »Ammon ist der König aller Götter. Sein Auge sieht in den Leib der Frau, dorthin, wohin der Samen geflossen ist. Wenn er gestattet, dass es zur Befruchtung kommt, warum sollte er dann nicht dem Gerstenkorn gestatten, in der Erde zu sprießen, die mit dem Harn der Frau besprüht worden ist?« Er sah mich an, als wäre ich ein Dummkopf, aber dies war noch immer keine Antwort auf meine Frage nach dem Warum.

Da gingen mir die Augen auf, und ich sah, dass die Ärzte im Haus des Lebens nur die Schriften und die Überlieferung kannten, aber nicht mehr. Denn wenn ich fragte, warum eine ätzende Wunde ausgebrannt, eine gewöhnliche aber gesalbt und verbunden werden müsse, und warum Schimmel und Spinnennetze Geschwüre heilten, antwortete man mir: »So wurde das immer schon gehandhabt.« Somit dürfe auch jeder, der zum Gebrauch eines heilenden Messers befugt war, die vorgeschriebenen hundertzweiundachtzig Schnitte und Operationen vornehmen, die er je nach seinem Wissen und seiner Erfahrung besser oder schlechter, schneller oder langsamer, schmerzloser oder unter Hinzufügung überflüssiger Schmerzen ausführe. Aber darüber hinaus dürfe er nichts tun, denn nur sie seien in den Büchern enthalten und beschrieben, anderes aber sei früher nie getan worden.

Es gab Menschen, die abmagerten und weiß im Gesicht wurden, ohne dass irgendein Arzt eine Krankheit oder Verwundung an ihnen hätte feststellen können. Trotzdem kam es vor, dass sie sich wieder erholten und geheilt wurden, wenn sie die rohe Leber von Opfertieren aßen, wofür sie hohe Preise entrichten mussten; aber warum dies so geschah, das durfte man nicht fragen. Es gab Menschen, die an Bauchschmerzen litten und deren Gesicht und Hände im Fieber glühten. Sie erhielten Abführmittel und schmerzstillende Arzneien, aber die einen wurden geheilt und die anderen starben, ohne dass ein Arzt im Voraus hätte sagen können, wer geheilt und wessen Bauch so sehr anschwellen würde, dass der Patient starb. Warum aber der eine geheilt wurde und der andere starb, danach fragte keiner, und so etwas durfte man auch nicht fragen.

Bald merkte ich, dass ich zu viele Fragen stellte, denn man bedachte mich zunehmend mit scheelen Blicken, und die, die nach mir gekommen waren, überholten mich und durften mir Befehle erteilen. Da legte ich das weiße Gewand ab, reinigte mich und verließ das Haus des Lebens. Mit mir nahm ich die zwei Silberreife, die zusammen vier Deben wogen.

5.

Als ich gegen Mittag aus dem Tempel trat, was ich seit Jahren nicht getan hatte, gingen mir die Augen ein weiteres Mal auf. Ich sah, dass Theben sich verändert hatte, während ich mit Arbeit und Studium beschäftigt gewesen war. Ich sah es, als ich die Allee der Widder entlangging und den Markt überquerte, denn alles war von einer neuen Ruhelosigkeit ergriffen. Die Kleider der Menschen waren teurer und prächtiger geworden, und an einem gefalteten Rock oder einer Perücke war nicht mehr zu erkennen, ob man einen Mann oder eine Frau vor sich hatte. Aus den Weinstuben und Freudenhäusern schallte lärmende syrische Musik, und auf den Straßen hörte man immer mehr fremdsprachige Worte. Syrer und reiche Neger traten immer dreister unter den Ägyptern auf. Ägyptens Macht und Reichtum waren grenzenlos; seit Jahrhunderten hatte kein Feind mehr seine Städte betreten, und die Ägypter, die nie einen Krieg miterlebt hatten, waren bereits mittleren Alters. Aber ob das die Menschen freute, weiß ich nicht, denn in ihren Blicken lag Unruhe; alle hatten es eilig, alle warteten auf irgendetwas Neues und gaben sich nicht mit dem zufrieden, was der Tag brachte.

Ich schritt Thebens Straßen entlang und war allein. Mein Herz war voller Trotz und Kummer. Ich ging nach Hause und sah, dass mein Vater alt geworden war; sein Rücken war gekrümmt, und er konnte die Buchstaben auf dem Papier nicht mehr lesen. Ich sah auch, dass meine Mutter Kipa alt geworden war; sie keuchte, wenn sie durch die Stube ging. Sie redete nur noch von ihrem Grab, denn mein Vater hatte ihnen beiden von seinen Ersparnissen ein Grab in der Stadt der Toten westlich des Flusses gekauft. Ich habe es gesehen; es war ein aus Lehmziegeln gemauertes, reinliches Grab mit den üblichen Bildern und Inschriften an den Wänden. Es war umgeben von Tausenden gleicher Gräber, welche die Ammon-Priester zu hohen Preisen an sparsame und gottesfürchtige Leute verkauften, damit sie Unsterblichkeit erlangten. Zur Freude meiner Mutter hatte ich meinen Eltern ein Totenbuch für das Grab geschrieben, damit sie sich auf ihrer langen Reise nicht verirrten. Es war ein fehlerlos geschriebenes, prächtiges Totenbuch, wenn es auch im Gegensatz zu den Büchern, die im Bücherhof des Ammon-Tempels verkauft wurden, keine Bilder enthielt.

Meine Mutter servierte mir Speisen, und mein Vater befragte mich nach meinen Studien, aber sonst hatten wir einander nicht viel zu sagen. Das Haus war mir fremd geworden, ebenso wie die Straße und die Menschen, die dort wohnten. Deshalb wurde mein Herz immer betrübter, bis mir der Tempel des Ptah und Thotmes einfielen, der mein Freund war und Künstler werden sollte. Da dachte ich: »Ich habe vier Deben Silber in der Tasche. Jetzt hole ich meinen Freund Thotmes, damit wir uns zusammen ergötzen und uns am Wein erfreuen, denn auf meine Fragen werde ich sowieso nie Antworten erhalten.«

Deshalb verabschiedete ich mich von meinen Eltern und sagte, ich müsse wieder ins Haus des Lebens zurückkehren. Kurz vor Sonnenuntergang fand ich den Tempel des Ptah, fragte den Wächter am Tor nach der Kunstschule, betrat sie und rief nach dem Studenten Thotmes. Erst da erfuhr ich, dass man ihn schon vor längerer Zeit der Schule verwiesen hatte. Die Studenten, bei denen ich mich nach ihm erkundigte und die lehmbeschmierte Hände hatten, spuckten vor mir aus, wenn sie seinen Namen in den Mund nahmen. Einer von ihnen sagte: »Wenn du Thotmes suchst, wirst du ihn am ehesten in einer Bierstube oder einem Freudenhaus finden.« Ein anderer sagte: »Wenn du jemanden gotteslästerliche Reden führen hörst, dann ist Thotmes bestimmt nicht weit.« Und ein dritter sprach: »Wo es Schlägereien gibt mit Beulen und Verwundungen, da findest du gewiss deinen Freund Thotmes.« Sie spuckten vor mir aus, weil ich mich ihnen als Thotmes’ Freund vorgestellt hatte, aber das machten sie nur wegen ihrer Lehrer. Sobald ihnen ein Lehrer den Rücken zuwandte, gaben sie mir den Rat, eine Weinstube namens »Syrischer Krug« aufzusuchen.

Ich fand die Weinstube, die »Syrischer Krug« hieß. Sie lag dort, wo der Stadtteil der Armen an die Stadt der Reichen grenzt. Über der Tür war eine Inschrift angebracht, die die Weine aus den Weinbergen Ammons und die Weine des Hafens pries. Innen waren die Wände mit fröhlichen Bildern bemalt, auf denen Paviane mit Tänzerinnen schmusten und Böcke Flöte spielten. Auf dem Fußboden saßen Künstler, die eifrig Bilder auf Papier malten, und ein alter Mann schaute betrübt in den leeren Weinbecher vor sich.

»Bei der Scheibe des Töpfers, Sinuhe!«, sagte jemand und erhob sich, um mich zu begrüßen, wobei er mir verblüfft die Arme entgegenstreckte. Ich erkannte Thotmes sofort, obwohl sein Schultertuch schmutzig und zerrissen war. Seine Augen waren blutunterlaufen, und auf seiner Stirn prangte eine große Beule. Er war älter geworden und sichtlich abgemagert, und er hatte Falten um die Mundwinkel, obwohl er noch jung war. Doch als er mich ansah, lag in seinen Augen immer noch etwas von der ansteckenden Lebensfreude. Er neigte mir seinen Kopf zu, sodass wir einander mit den Wangen berührten. Da wusste ich, dass wir immer noch Freunde waren.

»Mein Herz ist schwer vor Kummer, und alles ist nichtig«, sagte ich zu ihm. »Deshalb habe ich dich aufgesucht, damit wir unser Herz mit Wein erfreuen, denn niemand gibt mir eine Antwort auf die Frage: ›Warum?‹«

Doch Thotmes hob seinen Schurz an, um zu zeigen, dass er nichts besaß, womit er Wein hätte kaufen können.

»Ich habe vier Deben Silber an meinen Armen«, sagte ich stolz. Da wies Thotmes auf meinen Kopf, der kahlgeschoren war, damit jeder gleich wusste, dass ich ein Priester ersten Grades war. Ich hatte ja sonst nichts, womit ich prahlen konnte. Jetzt bedauerte ich allerdings, dass ich mir das Haar nicht hatte wachsen lassen.

Ungeduldig versetzte ich: »Ich bin Arzt und kein Priester. Ich meine an der Tür gelesen zu haben, dass es hier auch Wein aus dem Hafen gibt. Lass ihn uns kosten, wenn er gut ist.« Bei diesen Worten klimperte ich mit meinen Armreifen, und der Wirt kam eilends herbeigelaufen, verneigte sich vor mir und streckte dabei seine Arme in Kniehöhe von sich.

»Ich habe Weine aus Sidon und Byblos vorrätig, deren Siegel noch nicht aufgebrochen und die mit süßer Myrrhe gewürzt sind«, sagte er. »Auch Mischweine gibt es bei mir in bunten Bechern. Sie steigen zu Kopfe wie das Lächeln eines schönen Mädchens und erfreuen das Herz.« Noch manches andere sagte er, und ohne ein einziges Mal Luft zu holen zählte er alle seine Weinsorten auf, sodass mir ganz wirr wurde und ich Thotmes einen fragenden Blick zuwarf. Thotmes bestellte uns Mischwein, und dann kam ein Sklave, der uns Wasser über die Hände goss und eine Schüssel mit gerösteten Lotussamen auf den niedrigen Tisch vor uns stellte. Der Wirt brachte die bunt bemalten Becher. Thotmes hob seinen Becher, ließ einen Tropfen zu Boden spritzen und sagte: »Für den göttlichen Töpfer! Die Pest hole die Kunstschule und ihre Lehrer!« Dann nannte er die Namen der Lehrer, die er am meisten hasste.

Auch ich hob meinen Becher und goss einen Tropfen auf den Boden. »In Ammons Namen«, sagte ich, »möge sein Boot ewig leck sein, mögen seinen Priestern die Bäuche platzen und die Pest alle unwissenden Lehrer im Haus des Lebens verschlingen!« Aber ich sprach diese Worte mit leiser Stimme und blickte mich dabei vorsichtig um, ob uns auch kein Fremder belauschte.

»Keine Angst«, sagte Thotmes, »in dieser Schenke wurden Ammon schon so viele Ohren abgeschlagen, dass seine Priester keine Lust mehr haben, uns zu belauschen. Wer so wie wir hier gelandet ist, ist sowieso verloren. Ich hätte nicht einmal Bier und Brot, wenn ich nicht darauf verfallen wäre, Bilderbücher für die Kinder der Reichen zu malen.«

Er zeigte mir eine Papierrolle, die er gerade bemalt hatte, als ich kam, und ich musste herzhaft lachen, denn er hatte eine Festung gezeichnet, in der eine vor Furcht zitternde Katze versuchte, sich gegen einen Angriff von Mäusen zu verteidigen. Außerdem hatte er ein Flusspferd gezeichnet, das im Wipfel eines Baumes ein Lied schmetterte, während eine Taube mühsam versuchte, eine an den Baum gelehnte Leiter hochzuklettern.

Thotmes sah mich an, und seine braunen Augen lächelten. Dann aber drehte er das Papier um, und ich lachte nicht mehr, denn es kam ein Bild zum Vorschein, auf dem ein kleiner, kahlköpfiger Priester einen großen Pharao wie ein Opfertier an der Leine zum Tempel führte. Dann zeigte er mir ein anderes Bild, auf dem ein kleiner Pharao sich vor einer riesigen Ammonstatue verneigte.

Ich warf ihm einen fragenden Blick zu, und er nickte und sagte: »Ist es nicht so? Auch die Eltern lachen beim Anblick dieser Bilder, weil sie so widersinnig sind. Es ist ja auch zum Lachen, wenn eine Maus über eine Katze herfällt, und genauso lächerlich ist es, dass ein Priester den Pharao an der Leine hinter sich herzieht. Aber dem Wissenden kommt dabei alles Mögliche in den Sinn. Deshalb leide ich keine Not an Bier und Brot, bis die Priester den Stadtwachen befehlen, mich an irgendeiner Straßenecke mit ihren Keulen zu erschlagen. So etwas ist schon vorgekommen.«

»Lass uns trinken«, sagte ich, und wir tranken Wein. Aber mein Herz wurde nicht fröhlich davon. »Ist es falsch zu fragen: Warum?«, fragte ich.

»Natürlich ist es falsch«, antwortete Thotmes, »denn ein Mensch, der nach dem Warum zu fragen wagt, hat kein Heim und kein Dach für die Nacht im Lande Kemi. Alles muss so sein, wie es schon immer gewesen ist, das dürfte dir doch wohl klar sein. Ich zitterte vor Stolz und Freude, als ich auf die Kunstschule kam, weißt du noch, Sinuhe? Ich fühlte mich wie ein Verdurstender, der endlich an eine Quelle kommt. Ich war wie ein Hungernder, der nach Brot lechzt. Und ich habe eine Menge gelernt. Ich habe gelernt, wie der Künstler sein Zeichengerät hält, wie man mit einem Meißel umgeht, wie man ein Modell aus Wachs formt, bevor man sich an den Stein macht, wie der Stein poliert wird, wie farbige Steine zusammengefügt werden und wie man auf Alabaster malt. Aber als ich mich danach sehnte, endlich mit der Arbeit anzufangen und das zu schaffen, wovon ich träumte, erhob sich eine Wand vor mir, und man zwang mich, Lehm zu rühren, damit andere ihn formen konnten. Denn vor allem anderen stand das Muster. Die Kunst folgt einem Muster, genau wie die Buchstaben, und wer davon abweicht, der ist verflucht. Deshalb gibt es ein Modell für alles, und wer etwas anderes macht, taugt nicht zum Künstler. Vom Anbeginn der Zeiten an ist vorherbestimmt, wie ein Mensch im Stehen abzubilden ist und wie im Sitzen. Von jeher ist vorherbestimmt, wie ein Pferd seine Füße anhebt und wie ein Ochse einen Karren zieht. Von jeher ist vorherbestimmt, wie der Künstler seine Arbeit auszuführen hat, und wer davon abweicht, wird nicht zum Tempel zugelassen; man lässt ihn nicht an Stein und Meißel. Oh, Sinuhe, mein Freund, auch ich frage: ›Warum?‹ Allzu oft habe ich gefragt: ›Warum?‹ Deshalb sitze ich hier mit einer Beule auf der Stirn.«

Wir tranken Wein, und mir wurde leichter ums Herz, so als wäre ein Geschwür aufgestochen worden, denn ich war nicht mehr allein.

Und Thotmes sagte: »Sinuhe, mein Freund, wir sind in eine merkwürdige Zeit hineingeboren worden. Alles ist in Bewegung und ändert seine Form wie der Lehm auf der Töpferscheibe. Die Kleidung ändert sich, Wörter und Bräuche ändern sich, und die Menschen glauben nicht mehr an die Götter, obwohl sie sie fürchten. Sinuhe, mein Freund, vielleicht wurden wir in eine Zeit hineingeboren, die am Ende eines Weltzeitalters steht, denn die Welt ist schon alt, sind doch tausend, ja zweitausend Jahre verstrichen, seit die Pyramiden erbaut wurden. Wenn ich daran denke, würde ich am liebsten meinen Kopf zwischen die Hände nehmen und weinen wie ein Kind.«

Aber er weinte nicht, denn wir tranken Mischwein aus bunten Bechern, und jedes Mal, wenn der Wirt des »Syrischen Krugs« uns Wein nachschenkte, verneigte er sich vor uns und streckte die Arme in Kniehöhe aus. Ab und zu kam auch der Sklave wieder und goss uns Wasser über die Hände. Mir wurde leicht ums Herz und ich fühlte mich wie eine Schwalbe in der Luft; ich hätte mit lauter Stimme Gedichte rezitieren und die ganze Welt umarmen wollen.

»Lass uns in ein Freudenhaus gehen«, sagte Thotmes und lachte. »Dort können wir der Musik lauschen und den Mädchen beim Tanz zusehen, damit unser Herz sich erfreut und wir nicht länger fragen: ›Warum?‹ und nicht mehr fordern, dass unser Kelch voll sei.«

Ich gab dem Wirt einen meiner Armreife in Zahlung und legte ihm nahe, vorsichtig damit zu sein, denn er sei noch feucht vom Harn einer schwangeren Frau. Dieser Gedanke belustigte mich sehr, und auch der Wirt lachte von Herzen und gab mir für den Reif eine ganze Menge geprägter Silberstücke, sodass ich auch dem Sklaven etwas Silber geben konnte. Der Sklave verneigte sich tief vor uns, und der Wirt geleitete uns zur Tür und bat mich, ihn wieder einmal im »Syrischen Krug« zu beehren. Er erwähnte noch, dass er zahlreiche junge, vorurteilslose Mädchen kenne, die sich bestimmt freuen würden, wenn ich sie aufsuchte und einen Krug Wein mitbrächte, den ich bei ihm kaufen könne. Doch Thotmes meinte, schon sein Vater habe mit denselben syrischen Mädchen geschlafen, sodass sie eher als Großmütter denn als Schwestern zu bezeichnen wären. Wir waren bester Stimmung, denn unser Kopf war voller Wein.

Wir liefen die Straßen entlang. Die Sonne war bereits untergegangen, und ich lernte ein Theben kennen, in dem es nie Nacht wurde, denn die Menschen ließen ihren Stadtteil auf der Suche nach Vergnügungen so hell erstrahlen, als wäre es Tag. Vor den Vergnügungsbetrieben loderten Fackeln, und hoch oben auf den Säulen an den Straßenecken brannten Lampen. Sklaven trugen eilend Sänften umher, und die Rufe der Vorläufer vermischten sich mit der Musik, die aus den Häusern schallte, und mit dem Gegröle der Betrunkenen. Wir warfen einen Blick in eine kuschitische Weinstube. Dort sahen wir Neger, die mit Händen und mit Holzschlägern auf Trommeln einschlugen, deren dumpfes Dröhnen Furcht erregend die ganze Straße beschallte. Damit wetteiferte eine schrille, urtümliche syrische Musik, deren Fremdartigkeit uns in den Ohren schmerzte, deren Rhythmus uns aber in die Glieder fuhr und unser Blut in Wallung brachte.

Ich hatte noch nie zuvor ein Freudenhaus betreten und fürchtete mich ein wenig, aber Thotmes führte mich in ein Haus mit dem Namen »Katze und Weintraube«. Es war ein kleines, reinliches Haus, weiche Matten dienten als Sitzgelegenheiten, die Beleuchtung war in einem angenehmen Gelb gehalten, und zur Musik von Flöten und Saiteninstrumenten schlugen junge und, wie mir schien, schöne Mädchen mit rot gefärbten Handflächen den Takt. Als die Musik verstummt war, setzten sie sich zu uns und baten mich, ihnen Wein zu bestellen, weil ihre Hälse so trocken seien wie Stroh. Die Musik begann von Neuem, und zwei nackte Tänzerinnen führten einen schwierigen Tanz vor, der viel Kunstfertigkeit erforderte und dem ich gebannt zusah. Als Arzt war ich an den Anblick unbekleideter Mädchenkörper gewöhnt, aber noch nie hatte ich Brüste, kleine Bäuche und Hintern gesehen, die sich so verlockend bewegten und auf und ab wippten wie bei diesen Tänzerinnen.

Aber die Musik machte mich wieder traurig, und ich begann mich nach etwas zu sehnen, ohne zu wissen, wonach. Ein schönes Mädchen legte seine Hand in meine und schmiegte sich an mich. Sie sagte, ich hätte kluge Augen. Ihre eigenen allerdings waren nicht grün wie der Nil in der Sommerhitze, und ihre Kleidung bestand nicht aus königlichem Linnen, auch wenn ihre Brüste unbedeckt waren. Deshalb trank ich Wein und blickte ihr nicht in die Augen. Mich überkam auch nicht die Lust, sie Schwester zu nennen oder mich mit ihr zu ergötzen.

Das Letzte, woran ich mich aus dem Freudenhaus erinnere, ist der wütende Fußtritt eines Negers in mein Hinterteil und die Beule, die ich mir zuzog, als ich die Treppen hinunterfiel. Mir ging es genau so, wie meine Mutter Kipa es vorausgesagt hatte: Ich lag an einer Straßenecke ohne ein einziges Stück Kupfer in der Tasche, mein Schultertuch war zerrissen, und ich hatte eine Beule am Kopf. Thotmes zog mich hoch, legte meinen Arm um seine starke Schulter und brachte mich zu einer Anlegestelle, wo ich Trinkwasser aus dem Nil schöpfen und mir Hände, Füße und Gesicht waschen konnte.

Am nächsten Morgen erschien ich mit verquollenen Augen, einer schmerzenden Beule auf der Stirn und verdrecktem Schultertuch im Haus des Lebens. Ich verspürte nicht mehr die geringste Lust, nach dem Warum zu fragen. Ich hatte Dienst in der Abteilung für Taube und Patienten mit Ohrenleiden, weshalb ich mich schnell wusch und in das weiße Ärztegewand schlüpfte, um mich zur Arbeit zu begeben. Aber mein Lehrer begegnete mir im Gang, musterte mich von Kopf bis Fuß und begann mir Vorhaltungen zu machen, wie ich sie bereits in Büchern gelesen hatte und auswendig kannte.

»Was soll nur aus dir werden«, fragte er, »wenn du nächtelang durch die Stadt läufst und beim Weintrinken jedes Maß vergisst? Was wird aus dir, wenn du deine Zeit in Freudenhäusern verbringst, mit dem Stock um dich schlägst und den Menschen Angst einjagst? Was soll nur aus dir werden, wenn du die Menschen verwundest und vor den Stadtwächtern davonläufst?«

Doch nachdem er auf diese Weise seiner Pflicht Genüge getan hatte, lächelte er milde und seufzte erleichtert, brachte mich in sein Zimmer und gab mir einen Trank, der meinen Magen reinigen sollte. Ich fühlte mich gleich besser und begriff, dass mir im Haus des Lebens Weingenuss und sogar Besuche im Freudenhaus gestattet waren, sofern ich nur endlich aufhörte zu fragen: »Warum?«

6.

So wurde auch ich vom Taumel Thebens angesteckt und begann, die Nacht mehr zu lieben als den Tag, das flackernde Licht der Fackeln mehr als die Sonne am Tageshimmel, die syrische Musik mehr als die Klagen der Kranken, die geflüsterten Worte schöner Mädchen mehr als alte Schriftzeichen auf vergilbtem Papier. Doch konnte niemand etwas dagegen haben, solange ich meine Aufgaben im Haus des Lebens erfüllte, bei den Prüfungen gut abschnitt und mir weiterhin eine sichere Hand bewahrte. Dies alles gehörte zum Leben eines Geweihten. Nur wenige Studenten hatten genug Mittel, um während des Studiums einen eigenen Haushalt zu gründen und zu heiraten. Deshalb gaben mir die Lehrer auch zu verstehen, es sei das Beste für mich, mir die Hörner abzustoßen, die Bedürfnisse meines Körpers zu befriedigen und mein Herz zu erfreuen. Aber ich rührte keine Frau an, obwohl ich zu wissen glaubte, dass ihr Schoß brennen musste wie Feuer.

Es waren unruhige Zeiten, und der Pharao erkrankte. Ich sah sein ausgemergeltes Greisengesicht, als er während des Herbstfestes in den Tempel getragen wurde, geschmückt mit Gold und Edelsteinen, regungslos wie eine Götterstatue, sein Kopf gebeugt unter der schweren Doppelkrone. Er war krank geworden, und die Arzneien, die ihm die königlichen Ärzte verabreichten, vermochten ihn nicht mehr zu heilen. So wurde gemunkelt, seine Zeit nähere sich ihrem Ende, und bald werde ihm sein Erbe auf den Pharaonenthron folgen. Aber der Thronerbe war erst ein Jüngling, nicht älter als ich.

Im Ammon-Tempel brachte man Opfer dar und hielt allerlei Riten ab, aber Ammon konnte seinem göttlichen Sohn nicht helfen, obwohl Pharao Amenhotep III. ihm den mächtigsten Tempel aller Zeiten hatte bauen lassen. Es hieß sogar, der Pharao zürne den Göttern Ägyptens und habe einen Sonderbevollmächtigten losgeschickt, um sich von seinem Schwiegervater, dem König von Mitanni im Lande Naharan, die wundertätige Ischtar bringen zu lassen, die ihn heilen sollte. Das aber war für Ammon eine solche Schande, dass man davon im Tempelbezirk und im Haus des Lebens nur im Flüsterton zu sprechen wagte.

Die Statue der Ischtar traf ein, und ich sah, wie krausbärtige Priester in dicken Wollgewändern und mit seltsamen Kopfbedeckungen sie durch Theben trugen, während ihnen der Schweiß am Körper hinablief, begleitet von der Musik von Metallblasinstrumenten und kleinen Trommeln. Doch zur Freude der Priester konnten auch die Götter eines fremden Landes dem Pharao nicht helfen, denn als das Nilwasser anstieg, holte man den königlichen Schädelbohrer in den Palast.

Ich hatte Ptahor kein einziges Mal im Haus des Lebens gesehen, denn Schädelöffnungen waren selten, und solange ich einfacher Student war, hatte ich keine Gelegenheit, Spezialbehandlungen und Operationen zu verfolgen. Jetzt wurde Ptahor eilends mit einer Sänfte von seinem Anwesen ins Haus des Lebens gebracht. Während er sich reinigte, achtete ich darauf, mich in seiner Nähe aufzuhalten. Er war nach wie vor kahl, sein Gesicht hatte noch mehr Falten bekommen, und die Wangen hingen zu beiden Seiten seines mürrischen Greisengesichts hinab. Er erkannte mich, lächelte und sagte: »Du bist doch Sinuhe? Hast du es wirklich so weit gebracht, Senmuts Sohn?« Er reichte mir den Kasten aus schwarzem Holz, in dem er seine Instrumente verwahrte, und befahl mir, ihm zu folgen. Das war eine unverdiente Ehre für mich, um die mich selbst der königliche Arzt hätte beneiden können, und dementsprechend trat ich auf.

»Ich muss zunächst die Sicherheit meiner Hände überprüfen«, sagte Ptahor. »Wir werden erst einmal ein paar Schädel öffnen, damit wir sehen, wie wir damit zurechtkommen.« Seine Augen waren wässrig, und seine Hände zitterten ein wenig. Wir gingen in den Saal, in dem sich die unheilbar Kranken befanden, die durch einen Schlaganfall gelähmt waren oder eine Schädelverletzung hatten. Ptahor untersuchte bei einigen den Schädel und wählte einen alten Mann aus, für den der Tod eine Erleichterung bedeuten würde, sowie einen kräftigen Sklaven, der nicht mehr sprechen und seine Glieder nicht mehr bewegen konnte, seit ihm bei einer Wirtshausschlägerei ein Stein am Kopf getroffen hatte. Man gab den Patienten einen Schlaftrank und brachte sie, nachdem sie gesäubert worden waren, in den Operationsraum. Ptahor selbst wusch seine Instrumente ab und reinigte sie im Feuer.

Meine Aufgabe war es, den beiden Patienten mit einem sehr scharfen Rasiermesser den Kopf kahl zu scheren. Danach wurde der Kopf ein weiteres Mal gewaschen und gesäubert, und die Kopfhaut wurde mit schmerzstillender Salbe eingerieben. Dann ging Ptahor ans Werk. Zuerst schnitt er dem Greis die Kopfhaut auf und klappte sie nach beiden Seiten auf, ohne sich um den reichlichen Blutfluss zu kümmern. Dann bohrte er in den offen daliegenden Knochen flink ein Loch und hob mit dem Bohrer ein Knochenstück an. Der Greis begann zu keuchen, und sein Gesicht lief blau an.

»Ich sehe keinen Makel in seinem Kopf«, sagte Ptahor, setzte das Knochenstück wieder ein und nähte mit wenigen Stichen die Kopfhaut zusammen. Dann legte er dem Greis einen Kopfverband an, worauf dieser starb.

»Mir haben wohl die Hände gezittert«, sagte Ptahor. »Vielleicht holt mir jemand von den Jüngeren einen Becher Wein.« Unter den Zuschauern waren neben den Lehrern vom Haus des Lebens auch mehrere Studenten, die sich auf Schädelkrankheiten spezialisieren wollten. Ptahor erhielt seinen Wein und wandte sich dem Sklaven zu, der fest angebunden dasaß und trotz des einschläfernden Tranks zornig vor sich hinstierte. Ptahor forderte uns auf, ihn noch fester anzubinden. Dann presste man seinen Kopf in eine Schädelhalterung, in der sich selbst ein Riese nicht mehr hätte bewegen können. Ptahor schnitt ihm die Kopfhaut auf, und diesmal achtete er sorgsam darauf, dass wenig Blut floss. Die Adern am Rand der Kopfhaut wurden mit Feuer verschlossen, und der Blutfluss mit Hilfe von Arzneien aufgehalten. Darum hatten sich allerdings andere Ärzte zu kümmern, denn Ptahor wollte nicht, dass seine Hände ermüdeten. Zwar stand im Haus des Lebens auch ein Blutstiller zur Verfügung, ein ungelehrter Mann, durch dessen bloße Anwesenheit das Blut in wenigen Augenblicken zu fließen aufhörte, aber Ptahor wollte uns eine Vorlesung halten und die Fähigkeiten des Blutstillers für den Pharao aufsparen.

Nachdem Ptahor die Schädeloberfläche gereinigt hatte, zeigte er allen die Stelle, wo der Knochen gebrochen war. Unter Zuhilfenahme seines Bohrers, einer Säge und einer Zange löste er auf einen Schlag ein handtellergroßes Stück aus der Schädeldecke und zeigte wieder allen, wie geronnenes Blut zwischen die weißlichen Falten des Gehirns geraten war. Mit der allergrößten Vorsicht beseitigte er Stück für Stück die Blutreste und zog den Knochensplitter heraus, der in die Gehirnmasse eingedrungen war. All dies dauerte ziemlich lange, sodass jeder Student die Arbeitsweise des Schädelbohrers genau verfolgen und sich den Anblick eines lebenden Gehirns einprägen konnte. Danach schloss Ptahor das Loch mit einer im Feuer gereinigten Silberplatte, die nach dem Muster des aus dem Schädel gelösten Knochenstücks angefertigt worden war. Ptahor befestigte sie mit kleinen Nägeln fest an der Schädeldecke. Nachdem er die Kopfhaut wieder zusammengenäht und die Schnittwunde verbunden hatte, sagte er: »Weckt den Mann auf!« Der Patient hatte nämlich schon längst das Bewusstsein verloren.

Man nahm dem Sklaven die Fesseln ab, schüttete ihm Wein in den Hals und hielt ihm stark riechende Arzneien vor die Nase. Nach einer kurzen Weile richtete er sich auf und begann zu fluchen. Das war ein Wunder, das man nicht glauben kann, wenn man es nicht selbst gesehen hat, denn vor der Schädelöffnung hatte der Sklave nicht zu sprechen vermocht und auch nicht alle seine Glieder bewegen können. Doch diesmal brauchte ich nicht zu fragen: »Warum?«, denn Ptahor erklärte ganz von selbst, dass der eingebrochene Knochen und das ins Gehirn geflossene Blut die schweren Symptome zur Folge gehabt hätten.

»Wenn er nicht innerhalb von drei Tagen stirbt, kann er als geheilt gelten«, verkündete Ptahor, »und in zwei Wochen wird er bereits den Mann verprügeln können, der ihm den Stein an den Kopf geschmettert hat. Ich glaube jedenfalls nicht, dass er sterben wird.«

Danach dankte er freundlich allen, die ihm geholfen hatten, und er erwähnte auch mich, obwohl ich ihm nur die Operationsinstrumente gereicht hatte, die er gerade benötigte. Was ich aber nicht geahnt hatte, war der Grund, aus dem er mir diese Aufgabe übertragen hatte: Indem er mir seinen Ebenholzkasten überreichte, hatte er mich zu seinem Gehilfen im Palast des Pharaos erkoren. Ich hatte ihm jetzt bei zwei Operationen die Instrumente gereicht, und damit war ich zum Fachmann geworden, der ihm mehr nützte als die königlichen Ärzte, wenn es um Schädelöffnungen ging. Das aber war mir noch nicht klar, und so war ich außer mir vor Überraschung, als er sagte: »Vielleicht sind wir jetzt bereit, uns dem königlichen Schädel zuzuwenden. Was meinst du, Sinuhe?«

So hob man mich in meinem schlichten Arztgewand neben Ptahor in die königliche Sänfte. Der Blutstiller musste sich mit einem Sitz auf der Deichsel begnügen, und die Sklaven des Pharaos brachten uns im Laufschritt, aber ohne dass unsere Sänfte dabei schwankte, zum Schiffsanleger, wo das königliche Schiff des Pharaos auf uns wartete. Seine Ruderer waren ausgewählte Sklaven, die so gleichmäßig im Takt ruderten, dass das Schiff mehr über das Wasser hinzufliegen als zu schwimmen schien. Von der Anlegestelle des Pharaos wurden wir in höchster Eile in das Goldene Haus gebracht. Diese Hast schien mir nicht verwunderlich, denn es marschierten bereits Soldaten durch die Straßen von Theben. Tore wurden geschlossen, die Kaufleute brachten ihre Waren in die Warenlager und verriegelten Fenster und Türen. All dies machte deutlich, dass der große Pharao bald sterben würde.

Drittes Buch

IM TAUMEL THEBENS

1.

Viele Menschen, Vornehme und gemeines Volk, hatten sich an den Mauern des Goldenen Hauses versammelt, und auch das verbotene Ufer war voller Boote. Man sah sowohl hölzerne Ruderschiffe der Reichen als auch aus Bast gefertigte Boote der Armen. Als die Menschen uns sahen, ging ein Flüstern durch die Menge, dem fernen Rauschen von Wasser gleich, und von Mund zu Mund verbreitete sich die Kunde, dass der königliche Schädelbohrer eingetroffen war. Die Menschen erhoben die Hände zum Zeichen der Trauer, während lautes Klagen uns bis zum Palast begleitete, denn alle wussten, dass noch kein Pharao seine Schädelöffnung um mehr als zwei Tage überlebt hatte.

Am Lilientor empfing man uns und geleitete uns bis zu den königlichen Gemächern. Hochgestellte Höflinge waren nun unsere Diener und verneigten sich vor Ptahor und mir bis auf den Boden, trugen wir doch den Tod in unseren Händen. Man stellte uns ein Zimmer zur Verfügung, in dem wir uns reinigen konnten. Nachdem Ptahor einige Worte mit dem königlichen Leibarzt gewechselt hatte, hob er seine Hände zum Zeichen der Trauer und begann dann unverzüglich mit den Reinigungsriten. Heiliges Feuer wurde hinter uns hergetragen, als wir schließlich durch die königlichen Zimmerfluchten schritten, bis wir im Schlafgemach des Königs standen.

Dort ruhte der große Pharao in einem Bett unter goldenem Baldachin, behütet von den Göttern, die als Säulen den Baldachin stützten, und getragen von Löwen, die als Bettpfosten dienten. So lag er da, sämtlicher Zeichen seiner Macht entkleidet; sein Leib war nackt und aufgedunsen, gebrechlich und ohne Bewusstsein. Das schmale Greisenhaupt war zur Seite geneigt, er röchelte schwer, und Speichel floss ihm aus dem erschlafften Mundwinkel. So vergänglich und schattenhaft sind irdische Macht und Ehre, dass der Pharao sich in nichts mehr von einem sterbenden Greis in der Empfangshalle im Haus des Lebens unterschied. Doch an den Wänden des Gemachs sah man ihn immer noch in seinem Wagen dahinjagen, der von federbuschgeschmückten Pferden gezogen wurde. Seine starke Hand spannte den Bogen, und zu seinen Füßen hauchten Löwen ihr Leben aus, durchbohrt von seinen Pfeilen. Die Wände seines Gemachs leuchteten rot, golden und blau, und auf dem Fußbodenmosaik schwammen Fische umher, Enten flogen mit flatternden Flügeln dahin, und das Schilf wogte im Wind.

Wir verneigten uns bis auf den Boden vor dem sterbenden Pharao. Jeder, der den Tod kannte, wusste, dass jegliche Kunst Ptahors hier vergeblich sein würde. Doch zu allen Zeiten war als letztes Mittel der Schädel des Pharaos geöffnet worden, sofern dieser nicht eines natürlichen Todes gestorben war, und so sollte es auch diesmal sein. Also machten wir uns ans Werk. Ich öffnete den Ebenholzkasten, säuberte ein weiteres Mal die Messer, Bohrer und Zangen und reichte Ptahor das heilige Feuersteinmesser. Der Leibarzt hatte den Schädel des Sterbenden bereits rasiert und gesäubert, sodass Ptahor nun den Blutstiller anwies, sich ans Bett zu setzen und den Kopf des Pharaos in seinen Schoß zu betten.

Da trat die Große Königliche Gemahlin Teje ans Bett und widersprach. Sie hatte bisher bewegungslos wie eine Götterstatue an der Wand gestanden, die Hände zum Zeichen der Trauer erhoben. Hinter ihr standen der junge Thronerbe Amenhotep und seine Schwester Baketamon, aber ich hatte zunächst nicht gewagt, meinen Blick zu ihnen zu erheben. Jetzt, als Unruhe im Raum entstand, erkannte ich sie von den Darstellungen der königlichen Familie im Tempel wieder. Der Thronerbe war in meinem Alter, aber größer als ich. Er hielt sein Haupt hoch erhoben, das lange Kinn vorgereckt, und seine Augen waren fest geschlossen. Seine Glieder waren von krankhafter Schmächtigkeit, und seine Augäpfel und sein Adamsapfel bewegten sich unruhig. Prinzessin Baketamon hatte schöne, vornehme Züge und große, längliche Augen. Ihr Mund und ihre Wangen waren rot-gelb geschminkt, und unter ihrem Gewand aus königlichem Linnen schimmerte ihr Körper hervor wie der eines Gottes. Eindrucksvoller als diese beiden aber war die Große Königliche Gemahlin Teje, auch wenn sie recht klein war und das Alter ihr eine stämmige Gestalt verliehen hatte. Ihre Haut war recht dunkel, und ihre Wangenknochen traten stark hervor. Es hieß, ursprünglich sei sie eine einfache Frau aus dem Volk gewesen und es fließe Negerblut in ihren Adern, aber dazu kann ich nichts weiter sagen, ich habe es nur gehört. Ich weiß jedoch, dass ihre Augen trotz ihrer einfachen Abstammung klug, scharf und furchtlos dreinblickten und ihre Haltung von Macht zeugte. Als sie die Hand hob und den Blutstiller anblickte, war es, als wäre dieser nur Asche unter ihren großen, dunkelbraunen Füßen. Ich verstand sie gut, war doch der Blutstiller nur ein Ochsentreiber von niederer Herkunft, der weder schreiben noch lesen konnte. Er stand mit gebeugtem Nacken und hängenden Armen da, den Mund leicht geöffnet, einen dumpfen Ausdruck im Gesicht. Er verfügte über keinerlei Begabung oder Intelligenz, aber er hatte die Fähigkeit, durch seine bloße Anwesenheit den Blutfluss zu stillen, und deshalb hatte man ihn von seinem Pflug und seinen Ochsen geholt und im Tempel angestellt. Trotz aller Reinigungsriten umgaben ihn stets die Ausdünstungen einer Viehherde. Woher seine Fähigkeit kam, konnte er sich selbst nicht erklären. Es war nichts Angelerntes, nicht einmal die Folge seines Willens. Es war nun einmal in ihm, so wie in einem Haufen Sand ein Edelstein versteckt sein kann. Man konnte sich diese Fähigkeit nicht durch ein Studium oder geistliche Übungen aneignen.

»Ich gestatte nicht, dass er den Gott berührt«, sagte die Große Königliche Gemahlin. »Ich halte das Haupt des Gottes, falls es nötig ist.«

Ptahor widersprach ihr und sagte, es sei eine blutige und recht unangenehme Angelegenheit. Dennoch setzte sich die Große Königliche Gemahlin ans Bett und legte sich sehr vorsichtig den Kopf ihres sterbenden Gatten in den Schoß, ohne sich um den Speichel zu kümmern, der ihr auf die Hände tropfte.

»Er ist mein«, sagte die Königin, »kein anderer soll ihn anrühren. Von meinem Schoß aus möge er ins Land des Todes eingehen.«

»Er, ein Gott, wird die Sonnenbarke seines Vaters besteigen und geradewegs ins Land der Glückseligen segeln«, sagte Ptahor und schnitt mit seinem Feuersteinmesser die Kopfhaut des Königs auf. »Aus der Sonne ist er geboren, und in die Sonne wird er zurückkehren, und seinen Namen preisen alle Völker von Ewigkeit zu Ewigkeit. Bei Seth und allen Teufeln, was trödelt der Blutstiller da herum?« Er plapperte allerlei belangloses Zeug vor sich hin, um dadurch die Gedanken der Großen Königlichen Gemahlin von seinem Tun abzulenken, so wie ein geschickter Arzt auch stets mit dem Patienten spricht, wenn er ihm Schmerzen zufügt. Doch dann zischte er ärgerlich den Blutstiller an, der sich gegen den Türpfosten lehnte, die Augen halb geschlossen, während das Blut träge vom Kopf des Pharaos in den Schoß der königlichen Gemahlin tropfte, sodass diese zusammenzuckte und ihr Gesicht eine graugelbe Farbe annahm. Der Blutstiller fuhr aus seinen Gedanken auf. Vielleicht hatte er an seine Ochsen und Bewässerungskanäle gedacht. Doch nun erinnerte er sich seines Amtes, trat näher an das Bett und blickte mit erhobenen Armen auf den Pharao. Das Blut hörte sofort auf zu fließen, und ich wusch und reinigte den Kopf.

»Entschuldigung, gute Frau«, sagte Ptahor und nahm mir den Bohrer aus der Hand. »Tja, in die Sonne wird er gehen, geradewegs zu seinem Vater in der goldenen Barke, Ammon segne ihn.« Während dieser Worte drehte er mit raschen, geschickten Bewegungen den Bohrer in seinen Händen, sodass er knirschend in den Knochen eindrang. Da öffnete der Thronfolger die Augen, trat einen Schritt vor und sprach mit zitternder Stimme: »Nicht Ammon, sondern Ra-Herachte wird ihn segnen, und Aton ist seine Erscheinungsform.«

Ich erhob ehrfürchtig die Hände, obgleich ich nicht wusste, wovon er sprach, denn wer kannte schon all die tausend Götter Ägyptens? Bestimmt kein geweihter Priester Ammons, für den es über die heiligen Dreifaltigkeiten und Neunfaltigkeiten mehr als genug nachzugrübeln gab.

»Von mir aus auch Aton«, murmelte Ptahor beruhigend. »Warum nicht Aton? Ich habe mich nur versprochen.« Er nahm das Feuersteinmesser und den Hammer mit dem Ebenholzgriff und begann mit leichten Schlägen den Knochen abzulösen. »Ja, in der Tat, ich erinnere mich, dass er in seiner göttlichen Weisheit Aton einen Tempel gestiftet hat. War das nicht kurz nach der Geburt der kleinen Prinzessin, schöne Teje? Oder wie war das gleich? Sehr gut, jetzt nur noch einen Augenblick.« Er warf einen besorgten Blick auf den Thronfolger, der mit zur Faust geballten Händen und angespanntem Gesicht neben dem Bett stand. »Ein Schluck Wein würde mir jetzt die Hand stärken und auch dem Prinzen ganz guttun. Heute sollte man wirklich das Siegel an einem königlichen Krug öffnen.« Ich reichte ihm die Zange, und er zog mit einem Ruck das gelöste Knochenstück ab, sodass der Kopf im Schoß der Königin kurz zuckte. »Etwas mehr Licht, Sinuhe!«

Ptahor seufzte erleichtert, denn das Schlimmste war nun vorbei. Auch ich seufzte instinktiv, und es war, als wäre unsere Erleichterung auch auf den bewusstlosen Pharao übergesprungen, denn seine Glieder rührten sich leicht, die Atmung verlangsamte sich, und er fiel in noch tiefere Bewusstlosigkeit. In dem hellen Licht betrachtete Ptahor eine Weile lang nachdenklich das Gehirn des Pharaos, das durch das Loch im Schädel zu sehen war. Die Hirnmasse war graublau und bebte leicht.

»Hm!«, sagte Ptahor und überlegte. »Ich habe getan, was zu tun war. Für alles Weitere möge Aton sorgen, denn dies ist nun eine Sache der Götter und nicht der Menschen.« Behände, aber sehr vorsichtig setzte er das Knochenstück wieder ein, strich Leim über die Bruchstelle und zog die Kopfhaut darüber zusammen. Dann verband er die Wunde.

Die königliche Gemahlin ließ den Kopf ihres Gatten wieder auf die aus wertvollem Holz geschnitzte Kopfstütze sinken und blickte Ptahor an. Das Blut in ihrem Schoß war geronnen, aber sie scherte sich nicht darum.

Ptahor erwiderte ihren furchtlosen Blick, ohne sich vor ihr zu verbeugen, und sagte leise: »Er wird bis zur Morgendämmerung leben, so sein Gott dies gestattet.«

Dann hob er die Arme zum Zeichen der Trauer, und ich tat es ihm gleich. Aber als Ptahor die Hände hob, um sein Mitgefühl zu bezeugen, wagte ich nicht, seinem Beispiel zu folgen, denn wer war ich schon, den Mitgliedern der königlichen Familie mein Mitgefühl zu zeigen? So reinigte ich die Werkzeuge im Feuer und legte sie zurück in Ptahors Ebenholzkasten.

»Die Geschenke für dich werden zahlreich sein«, sagte die Große Königliche Gemahlin zu Ptahor und gab uns mit der Hand ein Zeichen, dass wir uns entfernen könnten.

Im königlichen Saal hatte man ein Mahl für uns aufgetragen, und Ptahor erblickte zu seiner Freude viele Weinkrüge, die an der Wand aufgereiht waren. Er ließ einen davon öffnen, nachdem er sich das Siegel genau angesehen hatte, und die Sklaven gossen uns Wasser über die Hände. Ich fragte Ptahor, warum er es gewagt hatte, so respektlos vor der königlichen Gemahlin und dem Thronerben zu sprechen.

»Zwar ist der Pharao schon zu Lebzeiten ein Gott«, sagte Ptahor grinsend und erinnerte dabei an einen außerordentlich alten Pavian, »zwar werden ihm im ganzen Land Tempel errichtet und Opfer dargebracht, aber als Arzt habe ich gesehen, dass auch der Pharao nur ein Mensch ist, sterblich und uns gleich. Auch die Große Königliche Gemahlin ist nur ein Mensch, und sie vereint in sich alle Eigenschaften eines Weibes. Mein Gerede ist nur das Summen einer Fliege in den Ohren der königlichen Familie, und wenn ich dasselbe gesummt hätte wie alle anderen Fliegen in ihrer Umgebung, dann hätten sie mir ihre Ohren nicht zugeneigt. Aber jetzt werden sie sagen: ›Ptahor ist ein merkwürdiger Mann, aber ein Mann von Ehre. Wir wollen ihm seine Absonderlichkeiten verzeihen, denn er ist alt und hat nur Gutes im Sinn.‹ Und sie werden sich an mich erinnern und mir wertvolle Geschenke machen. Merke dir dies: Wenn du willst, dass ein Herrscher dir zuhört, dann sprich nicht so zu ihm wie alle anderen, sondern sprich zu ihm wie zu jedem anderen Menschen. Dann wird er dir entweder zuhören, oder du wirst mit dem Stock aus dem Palasthof hinausgeprügelt werden, aber auf jeden Fall wird er sich an dich erinnern. Und es ist eine große Sache, wenn der Pharao sich an einen seiner Untertanen erinnert.«

Ptahor trank Wein, und seine Laune stieg. Der Blutstiller stopfte sich mit beiden Händen Fleisch in den Mund, das mit Honig beträufelt war, legte sein mürrisches und schläfriges Wesen ab und sagte: »Hier ist es nicht so wie in der Lehmhütte, in der ich früher hockte.« Auch er goss den Wein wie Bier in sich hinein, sodass seine Augen sich weiteten und sein Gesicht sich rötete. Wieder sagte er: »Nein, das hier ist keine Lehmhütte, hohoho!« Ein Diener goss ihm Wasser über die Hände, und er verspritzte es im ganzen Saal. Ptahor warf ihm gutmütige Blicke zu und schlug ihm vor, er solle sich die Stallungen des Pharaos ansehen, da sich ihm nun schon die Gelegenheit dazu biete, denn wir dürften das Palastgebiet nicht verlassen, bevor der Pharao seinen letzten Atemzug getan hätte oder von seiner Krankheit genesen wäre. So sei es Sitte. Und falls der Pharao sterben sollte, müssten auch wir sterben.

Der Blutstiller glaubte Ptahor aufs Wort und wurde von Traurigkeit ergriffen. Doch ihn tröstete der Gedanke, dass er wenigstens nicht in einer Lehmhütte sterben würde, und er ging, um sich die Stallungen des Pharaos anzusehen, solange er dazu noch Gelegenheit hatte. Dem Diener, der ihn dorthin begleitete, flüsterte Ptahor zu, er solle ihn im Stall schlafen lassen, weil er sich dort heimisch fühlen würde.

Als wir zu zweit waren, wagte ich Ptahor über Aton zu befragen, denn ich hatte tatsächlich nicht gewusst, dass Pharao Amenhotep III. auch einem Gott dieses Namens in Theben einen Tempel hatte erbauen lassen. Ptahor erklärte, Ra-Herachte sei der Stammgott der Amenhotep-Pharaonen, weil er dem Größten der Kriegerkönige, Thutmoses I., einst bei der Sphinx in der Wüste im Traum erschienen sei und ihm prophezeit habe, er werde dereinst die Kronen der beiden Länder auf seinem Haupte tragen, die rote Krone des Nordens und die weiße Krone des Südens. Für Thutmoses habe damals nicht die geringste Aussicht bestanden, einmal Herrscher zu werden. Es gab nämlich mehr als genug Thronanwärter, die vor ihm Anspruch auf die Herrschaft hatten. Ptahor wusste, wovon er sprach, denn er hatte in seinen jungen und verrückten Tagen selbst eine Reise zu den Pyramiden unternommen und zwischen den Tatzen der großen Sphinx mit eigenen Augen den Tempel gesehen, den besagter Thutmoses zur Erinnerung an die Prophezeiung hatte erbauen lassen, samt einer Tafel, die von seinen Visionen berichtete. Seitdem pflegte die Familie des Pharaos eine besondere Vorliebe für Ra-Herachte, der im unterägyptischen Heliopolis seinen Wohnsitz hatte. Aton war seine Erscheinungsform. Dieser Aton war ein uralter Gott, älter als Ammon, aber längst vergessen, bis die Große Königliche Gemahlin einen Sohn gebar, nachdem sie in Heliopolis zu Aton gebetet hatte. Deshalb war diesem Aton auch in Theben ein Tempel errichtet worden, der jedoch nur von den Mitgliedern der königlichen Familie aufgesucht wurde. Dort war Aton als ein Stier dargestellt, der die Sonne zwischen seinen Hörnern trug, und auch Horus war dort dargestellt, in Gestalt eines Falken.

»Dementsprechend ist der Thronfolger ein Sohn dieses Aton«, sagte Ptahor und nahm einen Schluck Wein. »Schließlich hatte die Große Königliche Gemahlin im Tempel des Ra-Herachte eine Vision, und danach gebar sie ihren Sohn. Sie brachte von dort auch einen äußerst machtbewussten Priester mit, an dem sie Gefallen gefunden hatte. Eje heißt er. Seine Frau machte er zur Amme des Thronprinzen. Er hat eine Tochter namens Nofretete, die ihre Milch aus derselben Brust trank wie der Thronprinz und mit ihm als Kind im Palast spielte, als wären sie Geschwister. Du kannst dir vorstellen, wohin das führen wird.« Ptahor trank weiter Wein, seufzte und sagte: »Ach, für einen alten Mann gibt es nichts Ergötzlicheres, als bei einem Becher Wein von Dingen zu schwatzen, die ihn nichts angehen. Tja, Sinuhe, mein Junge, wenn du wüsstest, wie viele Geheimnisse hinter der Stirn eines alten Schädelbohrers verborgen sind! Vielleicht gibt es da sogar königliche Geheimnisse, und mancher wundert sich, warum im Frauenhaus des Palastes nie Knaben lebendig zur Welt gekommen sind, obwohl das allen Gesetzen der Heilkunst widerspricht. Und er, der nun mit aufgebohrtem Schädel daliegt, hat in den Tagen seiner Kraft und Freuden durchaus keine Becher verabscheut. Er war ein großer Waidmann in seinen guten Tagen, der tausend Löwen und fünfhundert wilde Stiere erlegt hat. Doch wie viele Jungfrauen er auf seinem überdachten Lager gefällt hat, das wird nicht einmal der Aufseher über das Frauenhaus ausrechnen können. Aber einen Sohn hat ihm nur seine königliche Gemahlin Teje geboren.«

Ich wurde unruhig, denn auch ich hatte Wein getrunken. Seufzend betrachtete ich den grünen Stein an meinem Ring, während Ptahor unerbittlich weitersprach:

»Seine Große Königliche Gemahlin fand er, der nun daliegt, auf einem Jagdausflug. Es heißt, Teje sei damals nur eine Vogelfängerin im Schilf des Nils gewesen. Doch wegen ihrer Klugheit erhob der König sie an seine Seite. Er hielt auch ihre Eltern in Ehren, die von gemeiner Geburt waren, und füllte deren Grab mit den kostbarsten Beigaben. Teje hatte nichts gegen seine Vergnügungen, solange die Haremsfrauen keine Knaben zur Welt brachten. Dabei begünstigte sie wahrlich ein wundersames Glück, das niemand zu glauben vermöchte, wäre es nicht tatsächlich so geschehen. Doch obgleich er, der nun daliegt, Krummstab und Peitsche in seinen Händen hielt, so führte die Große Königliche Gemahlin ihm Hände und Arme. Als der König aus staatspolitischen Gründen die Tochter des Königs von Mitanni ehelichte, um den ständigen Kriegen in Naharan, dem Land, in dem die Flüsse aufwärts fließen, ein Ende zu setzen, redete Teje ihm ein, die Prinzessin habe an der Stelle, die des Mannes Lust befriedigt, einen Ziegenhuf, und sie stinke auch wie eine Ziege. Jedenfalls besagt dies ein Gerücht, und tatsächlich wurde die Prinzessin ja später auch wahnsinnig.«

Ptahor schaute mich an, blickte sich dann um und sagte hastig: »Aber glaub du lieber nicht an solches Gerede, Sinuhe, denn das ist nur das Geschwätz böswilliger Leute. Schließlich sind Tejes Großmut und Weisheit jedem bekannt, und alle wissen um ihre Fähigkeit, verständige Männer um sich und um den Thron zu scharen. So ist es.«

Er tropfte etwas Wein auf den Boden und hob frömmelnd den Kopf. Dann warf er einen Blick zur Seite und brach in Gelächter aus. »Sei gegrüßt, Träger der Fliegenklatsche!«, rief er. »Bist du es wirklich? Komm, setz dich, und trink ein paar Schlucke mit mir. Wir haben uns ja seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen!«

Ich fuhr hoch, verbeugte mich so tief ich konnte, und berührte dabei mit meinen Händen den Fußboden, denn der Träger des Herrscherstabs und königliche Siegelbewahrer beehrte uns mit seiner Anwesenheit. Er kam alleine, und die Zeichen seiner Würde, die er in Händen trug, verliehen ihm eine trostlose Feierlichkeit. Sein Gesicht war von Kummer gezeichnet, und ihm liefen Tränen über die Wangen. Es waren aufrichtige Tränen der Trauer, und er weinte genauso um sich selbst wie um den Pharao. Mich würdigte er keines Blickes, denn es war üblich, dass ein Vornehmer jemanden aus dem gemeinen Volk einfach übersah. Jemand wie ich war Luft für ihn.

Er setzte sich, ließ Herrscherstab und Peitsche fallen, seufzte und sagte ungehalten: »Deiner Verrücktheit wegen verzeihe ich dir vieles, Schädelbohrer. Es ziemt sich aber nicht, in einem Trauerhaus zu scherzen und zu lachen.« Dabei machte er eine abwehrende Geste mit den Händen.

»Jedenfalls bis zum Morgen«, erwiderte Ptahor. »Aber da wir uns hier nicht in einer Lehmhütte befinden, wie noch vor Kurzem ein kluger Mann gesagt hat, darfst auch du einen Becher Wein mit uns leeren, denn Wein passt zu Kummer genauso gut wie zu freudigen Gelegenheiten. Doch sag, warum bist du allein und wandelst umher wie ein Schatten, mein Freund? Warum scharwenzeln keine Diener und vornehmes Volk um dich herum wie Fliegen um einen Honigkuchen?«

Der Siegelbewahrer wischte sich die Tränen von den Wangen und lächelte niedergeschlagen. »Die Macht ist wie ein Rohrhalm in des Menschen Hand«, sagte er. »Der Halm zerbricht, ein kluger Vogel aber hüpft rechtzeitig auf einen anderen. Deshalb werde ich vielleicht einen Becher Wein mit dir trinken, Ptahor, auch wenn dies nicht zu meinen Gewohnheiten gehört. Denn du hast recht: Wein ist heilsam für ein trauriges Herz.«

»Ist sein Tod so nah?«, fragte Ptahor.

Der Siegelbewahrer breitete die Hände aus, um anzudeuten, dass nichts mehr zu machen war. »Man hat mich nicht einmal am Lager meines sterbenden Herrn wachen lassen«, sagte er. »Bei Ammon, Undank ist der Welten Lohn. Das königliche Siegel hat die Große Königliche Gemahlin bereits in Verwahrung genommen, und das Militär gehorcht ihr allein. Neben ihr steht ein falscher Priester, und der Thronfolger, ungelogen, der starrt nur vor sich hin wie ein willenloses Kalb, das von seinem Besitzer dahin geführt wird, wo er es haben will.«

»Da wir gerade von Priestern reden«, sagte Ptahor und schenkte dem Siegelbewahrer Wein ein, weil die Diener bei dessen Eintreten verschwunden waren. »Also, was die Priester betrifft, so habe ich gerade meinem Freund Sinuhe hier erzählt, wie auch ich einst in meinen jungen Tagen meinen Namen auf die Tatze der Sphinx bei den Pyramiden kritzelte, auf dass Aton ihn vor dem Vergessen bewahre, genau wie es alle Reisenden zu tun pflegen.«

Der Siegelbewahrer warf mir einen freundlichen Blick zu, ohne mich wirklich wahrzunehmen. »Pah, Aton«, sagte er und vollführte mit seinen Händen fromm das Zeichen Ammons. »Die Scharniere am Tor des Aton-Tempels sind verrostet, denn der Herrscher hat sich seit Jahren nicht mehr um ihn gekümmert. Am Ende ließ er lieber einen fremden Gott herbeiholen, der ihn heilen sollte. Welch merkwürdiger Einfall!« Wieder blickte er mich an, und diesmal sah er mich wohl, denn er beeilte sich hinzuzufügen: »Den Göttern sind ihre Launen gestattet, sind die Götter doch von launischer Natur.«

»Trotzdem spricht der Thronfolger von Aton«, warf Ptahor ein.

»Ach, der Thronfolger …«, meinte der Siegelbewahrer in äußerst verächtlichem Tonfall. »Der Thronfolger ist krank und verrückt. Ich verrate euch etwas: Noch bevor der Pharao sich im Haus des Todes befindet, wird die Große Königliche Gemahlin sich den Bart ans Kinn binden, sich mit dem Löwenschwanz gürten und mit der Königskrone auf dem Kopf Recht sprechen. Der Priester ist es natürlich, der sie dazu aufstachelt. Aber ich sage dazu nur eines: Die Königin muss einen Bund mit Ammon schließen, wenn sie über Ägypten herrschen will.« Er nahm einen Schluck Wein, und seine Augen schwammen nun in Tränen. »Wahrlich«, sagte er, »wahrlich, die Götter sind launisch. Immer habe ich Ammon geopfert so viel ich konnte, seinen obersten Priester habe ich verehrt wie meinen Vater, als oberster Baumeister habe ich ganz Ägypten seinem Tempel übergeben, aber dafür dankt mir, wenn überhaupt, nur Seth samt all seinen Dämonen.« Wieder trank er Wein und weinte. »Ich bin nur ein alter Hund«, schluchzte er. »Ein alter Köter bin ich, die Haare sind mir ausgefallen, ganz ohne Fell stehe ich nun da. Ach, ich war eine Stütze für die Füße meines Königs, und der König trat meinen Kopf in den Staub vor sich.« Er trank Wein, schleuderte seine goldene Peitsche zu Boden und zerriss sein wertvolles Gewand. »Wie eitel das alles ist!«, rief er, »aber ich habe ja ein Grab, mit allem ausgestattet, das man mir nicht mehr nehmen kann. Meine ewige Ruhestätte können sie mir nicht rauben. Zur Rechten meines Königs werde ich ruhen, auch wenn ich ein alter Köter ohne Fell bin.« Er nahm den Kopf zwischen beide Hände und weinte bitterlich.

Ptahor strich ihm beruhigend über den Kopf. »Du hast einen bemerkenswerten Schädel«, sagte er. »Aus rein beruflichem Interesse würde ich ihn gern öffnen, natürlich kostenlos!« Der Siegelbewahrer befreite sich mit einem Ruck aus Ptahors Händen und sah ihn erschrocken an. Ptahor tat, als hätte er ihn missverstanden, und meinte schmeichelnd: »Wirklich, ganz umsonst, ohne das geringste Geschenk dafür zu fordern, will ich gerne deinen Schädel öffnen, aus alter Freundschaft, denn du hast einen bemerkenswerten Kopf.« Der Siegelbewahrer erhob sich, wobei er sich am Tisch festhielt und mit wildem Entsetzen vor sich hinstarrte. Doch Ptahor hielt ihn am Arm fest und redete weiter auf ihn ein: »Das geschieht im Handumdrehen. Ich mache es ganz vorsichtig, und vielleicht darfst du deinem Herrn dann schon morgen in die Wohnungen des Westens folgen.«

»Du machst dich über mich lustig«, sagte der Siegelbewahrer, der seine alte Würde zurückgewonnen hatte und seine Peitsche vom Fußboden aufhob. »Du glaubst nicht an Ammon!«, sagte er und neigte sich vor, um sich besser am Tisch festhalten zu können. »Das ist schlimm, sehr schlimm«, fuhr er fort. »Aber ich verzeihe dir, weil du ohnehin verrückt bist und ich keine Macht mehr habe, dich zu strafen.« Er verließ uns mit Peitsche und Krummstab in der linken Hand und vor Kummer gebeugtem Rücken. Nachdem er gegangen war, kamen die Diener wieder in den Saal zurück. Sie gossen uns Wasser über die Hände und salbten uns mit wertvollem Öl.

»Stütze mich, Sinuhe, mein Junge, denn ich bin ein alter Mann, und meine Beine sind schwach«, sagte Ptahor. Ich führte ihn an die frische Luft. Die Nacht hatte sich bereits herabgesenkt, und im Osten überzogen die Lichter Thebens den Himmel mit rötlichem Glanz. Ich hatte Wein getrunken und verspürte wieder den Taumel Thebens in meinem Blut, während die Blumen im Garten dufteten und die Sterne über meinem Haupt funkelten.

»Ptahor«, sagte ich, »mich dürstet nach Liebe, wenn die Lichter Thebens die Nacht erhellen.«

»Es gibt keine Liebe«, lautete Ptahors entschiedene Antwort. »Ein Mann ist traurig, wenn er keine Frau hat, mit der er schlafen kann. Aber wenn er hingeht und mit einer Frau schläft, so ist er hinterher nur noch trauriger. So war es schon immer, und so wird es immer sein.«

»Warum?«, fragte ich.

»Das wissen nicht einmal die Götter«, sagte Ptahor. »Sprich mir nicht von der Liebe, sonst bohre ich dir den Schädel auf. Ich mache es kostenlos und ohne irgendein Geschenk dafür zu verlangen, und ich würde dich dadurch vor großem Kummer bewahren.«

Da dachte ich, es sei das Beste, den Dienst eines Sklaven zu übernehmen. Ich nahm ihn in die Arme und trug ihn in das Zimmer, das man für uns vorbereitet hatte. Er war so alt und klein, dass ich kaum außer Atem kam, während ich ihn trug. Als ich ihn zu Bett gebracht hatte, suchte er vergebens nach einem Becher Wein neben dem Bett und schlief dann gleich ein. Ich deckte ihn mit weichen Fellen zu, denn es war kalt, und kehrte dann zu den Blumenbeeten zurück. Ich war jung, und die Jugend sehnt sich nicht nach Schlaf in einer Nacht, in der der König stirbt.

Bis in den Garten hinein vernahm ich das Gemurmel der Menschen, die sich über Nacht vor den Palastmauern versammelt hatten. Es hörte sich an wie das Säuseln des Windes in fernem Schilf.

2.

Ich wachte im Schein der Lichter Thebens am östlichen Himmel, umgeben von Blumenduft, und dachte an die Augen, die grün waren wie das Wasser des Nils in der Sommerhitze, bis ich merkte, dass ich nicht allein im Garten war.

Die Mondsichel war schmal, und die Sterne funkelten nur schwach, sodass ich nicht erkannte, ob die Gestalt, die sich mir näherte, ein Mann oder eine Frau war. Aber irgendjemand kam zu mir und versuchte mir ins Gesicht zu blicken, um zu erkennen, wer ich war. Ich drehte mich um, und mein Gegenüber sagte mit kindlich hoher, aber befehlsgewohnter Stimme: »Du bist es, Einsamer?« Da erkannte ich ihn an der Stimme und der schlanken Gestalt: Es war der Thronfolger. Ich verneigte mich bis zum Boden vor ihm und wagte nicht, den Mund zu öffnen. Doch er versetzte mir ungeduldig einen leichten Fußtritt und sagte: »Erhebe dich, sei kein Narr! Niemand sieht uns, also brauchst du mir keine Ehrenbezeugungen zu erweisen. Hebe die für den Gott auf, dessen Sohn ich bin, denn es gibt nur einen einzigen Gott, und alle anderen sind seine Erscheinungsformen. Hast du das gewusst?« Ohne auf meine Antwort zu warten, dachte er einen Augenblick nach und ergänzte dann: »Alle anderen Götter außer vielleicht Ammon. Der ist ein falscher Gott.«

Ich machte eine abwehrende Handbewegung und sagte: »Oh!«, um zu zeigen, dass mich solche Worte ängstigten.

»Sei unbesorgt«, sagte er. »Ich habe dich erkannt, als du neben meinem Vater standest und dem verrückten Ptahor Messer und Hammer reichtest. Deshalb habe ich dich ›Einsamer‹ genannt. Diesem Ptahor aber hat meine Mutter den Namen ›Alter Affe‹ gegeben. Diese Namen erhaltet ihr, wenn ihr sterben müsst, bevor ihr den Palast verlasst. Deinen Namen habe ich mir selbst ausgedacht.«

Mir kam der Gedanke, dass er wirklich krank und verrückt sein musste, da er solch wirres Zeug von sich gab. Aber auch Ptahor hatte gesagt, wir müssten sterben, falls der Pharao nicht überlebte, und der Blutstiller hatte es ihm geglaubt. Deshalb juckte plötzlich mein rasierter Kopf, auf dem die Haare wieder zu wachsen begannen, und ich erhob abwehrend die Hände, denn ich wollte nicht sterben.

Der Thronfolger stand erregt und keuchend neben mir, seine Hände bewegten sich unkontrolliert, und er murmelte vor sich hin. »Ich bin unruhig«, sagte er, »ich wäre lieber woanders als hier. Mein Gott wird mir erscheinen, das weiß ich, aber ich fürchte mich. Bleib du bei mir, Einsamer, denn mein Gott schlägt meinen Leib mit seiner Kraft, und mir schmerzt die Zunge, wenn er mir erscheint.«

Ich bekam es mit der Angst zu tun, denn ich dachte, dass er krank war und fantasierte. Doch dann befahl er mir: »Komm!«, und ich folgte ihm. Er führte mich die Blumenrabatten entlang, vorbei am königlichen See, und von jenseits der Mauern vernahmen wir das Geflüster des trauernden Volkes wie unheilverheißendes Rauschen. Wir kamen an den Ställen und Hundezwingern vorbei und gingen nach draußen, ohne von den Wachen am Tor daran gehindert zu werden. Ich fürchtete mich sehr, denn Ptahor hatte gesagt, dass wir keinesfalls berechtigt seien, das Palastgelände vor dem Tod des Königs zu verlassen. Aber hätte ich mich dem Thronfolger widersetzen sollen?

Er schritt mit ausgreifenden Schritten voran, sein ganzer Körper war angespannt, und ich konnte ihm nur mit Mühe folgen. Er trug lediglich einen Hüftschurz, und der Mond tauchte seine blasse Haut, die dünnen Waden und die Oberschenkel, die dick waren wie die einer Frau, in fahles Licht. Im Mondschein sah ich seine abstehenden Ohren und sein Antlitz, auf dem ein leidender und zugleich erregter Ausdruck lag, als folgte er einer Erscheinung, die mir verborgen blieb.

Als wir ans Ufer kamen, sagte er: »Wir nehmen ein Boot. Ich muss nach Osten, meinem Vater entgegen.« Anstatt sich eines der vielen Boote auszusuchen, stieg er gleich ins erste, eines aus Schilfrohr, und ich folgte ihm. Dann paddelten wir quer über den Strom, und niemand hielt uns auf, obwohl wir ein Boot gestohlen hatten. Es war eine ruhelose Nacht. Überall waren Boote unterwegs, und der Schein der Lichter Thebens, die gen Himmel strahlten, wurde immer stärker. Am anderen Ufer angelangt, ließ der Thronfolger das Boot einfach im Wasser schaukelnd zurück und ging, ohne sich umzuschauen, weiter, als wäre er diese Strecke schon oft gegangen. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen, doch mein Herz war voller Furcht. Viele Leute waren in dieser Nacht unterwegs, und kein Stadtwächter hielt uns auf, denn die Menschen in Theben wussten bereits, dass der König noch in derselben Nacht sterben würde.

Bis zur Erschöpfung schritt der Thronfolger vor mir her, und ich wunderte mich, wie sein schwacher Körper diese Anstrengung aushielt, denn obwohl die Nacht sehr kalt war, floss ihm der Schweiß über den Rücken. Die Sternbilder änderten ihre Position und der Mond ging unter, aber er lief immer weiter, und wir gelangten aus dem Tal in unbebautes Ödland. Theben blieb hinter uns zurück, und vor uns im Osten ragten die drei Berge, Thebens Wächter, schwarz gen Himmel auf. Ich fragte mich, wie ich in dieser Ödnis hier wohl an eine Sänfte käme, in der wir zurückkehren konnten, denn ich ahnte, dass er es nicht schaffen würde, die gleiche Strecke zurückzugehen.

Schließlich setzte der Thronfolger sich keuchend in den Sand und sagte ängstlich: »Halte mich fest, Sinuhe, denn mir zittern die Hände, und mein Herz schlägt heftig. Der Augenblick ist nahe, und die Welt ist leer, es gibt niemanden mehr außer dir und mir. Dorthin, wohin ich gehe, kannst du mir nicht folgen. Dennoch will ich nicht allein sein.«

Ich nahm seine Hände und spürte, dass sein ganzer Leib bebte und von kaltem Schweiß bedeckt war. Um uns herum war nur Ödnis, und irgendwo in der Ferne begann ein Schakal gegen den Tod anzuheulen. Langsam verblassten die Sterne, und die Luft um uns herum wurde grau wie der Tod. Da riss er jäh seine Hände von mir los, stand auf und wandte sein Antlitz den Bergen im Osten zu.

»Der Gott kommt!«, sagte er leise, und sein Gesicht nahm einen frommen und gleichzeitig krankhaften Ausdruck an. »Der Gott kommt!«, wiederholte er mit noch höherer Stimme. »Der Gott kommt!«, rief er in die Wüste hinaus, und das Licht um uns wurde hell, die Sonne ging auf und überzog die Berge vor uns mit goldenem Glanz. Dann stieß er einen schrillen Schrei aus, sackte zu Boden und verlor das Bewusstsein. Seine Glieder zuckten, der Mund bewegte sich, und er schlug mit den Füßen auf den Sandboden. Aber ich hatte keine Angst mehr, denn den gleichen Schrei hatte ich schon oft im Haus des Lebens gehört, und ich wusste, was zu tun war. Ich hatte kein Holzstück dabei, das ich ihm in den Mund hätte stecken können, deshalb riss ich ein Stück von meinem Lendenschurz ab, faltete es zusammen, schob es ihm in den Mund und begann, seine Glieder zu massieren. Ich wusste, dass er krank war und verwirrt sein würde, wenn er wieder zu sich käme. Deshalb sah ich mich um, ob ich irgendwo Hilfe holen könnte. Aber Theben lag weit hinter uns, und es gab nicht die kleinste Hütte in der Nähe.

In diesem Augenblick flog ein Falke an mir vorbei und stieß einen Schrei aus. Er kam geradewegs aus den glühenden Strahlen der Sonne geschossen und flog in hohem Bogen über uns hinweg. Dann kam er wieder zurück, und es war, als wollte er sich dem Thronfolger auf die Stirn setzen. Ich war so verwirrt, dass ich mit der Hand unwillkürlich das heilige Zeichen Ammons vollführte. Vielleicht hatte der Prinz mit seinem Gott niemand anderen als Horus gemeint, und nun erschien er uns in Gestalt eines Falken. Der Prinz stöhnte auf, und ich beugte mich über ihn, um mich um ihn zu kümmern. Als ich den Kopf wieder hob, sah ich, dass der Falke sich in einen Menschen verwandelt hatte. Vor mir stand, umstrahlt vom Licht der aufgehenden Sonne, ein junger Mann, schön wie ein Gott. Er trug einen Speer in der Hand, und seine Schultern bedeckte das grobe Stoffgewand der einfachen Leute. Zwar glaubte ich nicht an Götter, doch zur Sicherheit verneigte ich mich vor ihm bis zur Erde.

»Was ist los?«, fragte er in unterägyptischer Mundart und zeigte auf den Thronfolger. »Ist der Junge krank?«

Ich war beschämt, erhob mich und begrüßte ihn auf gewöhnliche Art. »Wenn du ein Räuber bist«, sagte ich, »dann bringen wir dir keine große Beute ein. Aber ich habe hier einen kranken jungen Mann, und vielleicht werden die Götter dich segnen, wenn du uns hilfst.«

Er stieß einen Ruf aus wie ein Falke, und hoch aus der Luft kam der Vogel plötzlich im Sturzflug hinabgesaust wie ein Stein und ließ sich auf seiner Schulter nieder. Ich dachte, es sei das Beste, weiterhin auf der Hut zu sein, falls er doch ein Gott wäre, wenn auch einer der minderen. Deshalb befleißigte ich mich eines ehrerbietigen Tonfalls und fragte ihn höflich, woher er kam und wohin er wollte.

»Ich bin ein Sohn des Falken, Horemheb ist mein Name«, erwiderte er stolz. »Meine Eltern sind einfache Käsemacher, doch mir wurde am Tag meiner Geburt prophezeit, dass ich einst Befehlshaber über viele werden würde. Der Falke wies mir den Weg, und ich bin hierhergekommen, da ich in den Häusern der Stadt kein Nachtlager fand. Die Bewohner Thebens fürchten den Speer nach Einbruch der Dunkelheit. Ich habe vor, mich als Soldat des Pharaos zu verdingen, heißt es doch, der Pharao sei krank, und ich vermute, dass dann kräftige Arme gebraucht werden, um ihm die Macht zu sichern.«

Sein Körperbau war kraftvoll wie der eines jungen Löwen, und seine Blicke blitzten auf wie fliegende Pfeile. Neidisch dachte ich, dass so manche Frau ihn fragen würde: Schöner Junge, willst du mich nicht erquicken in meiner Einsamkeit?

Dem Mund des Thronfolgers entrang sich ein Wimmern, er befühlte sein Gesicht und zuckte mit den Beinen. Ich nahm ihm den Stofffetzen aus dem Mund und wünschte, ich hätte Wasser, mit dem ich ihn erfrischen könnte.

Horemheb betrachtete ihn neugierig und fragte kaltblütig: »Wird er sterben?«

»Er stirbt nicht«, antwortete ich ungeduldig. »Er leidet an der heiligen Krankheit.«

Horemheb sah mich an und drückte den Speer an sich. »Du solltest mich nicht mit Geringschätzung behandeln«, sagte er, »auch wenn ich barfuß gehe und noch arm bin. Ich kann ganz gut lesen und schreiben, und ich werde einmal Befehlshaber über viele sein. Welcher Gott ist in ihn gefahren?«

Das Volk glaubt, dass aus jemandem, der an der heiligen Krankheit leidet, ein Gott spreche. Deshalb stellte er diese Frage.

»Er hat seinen ganz besonderen Gott«, sagte ich. »Ich glaube, er ist ein bisschen verrückt. Wenn er sich erholt hat, kannst du mir helfen, ihn in die Stadt zu tragen, damit wir eine Sänfte finden, die ihn nach Hause bringt.«

»Er friert ja«, sagte Horemheb, legte sein Schultertuch ab und bedeckte den Thronfolger damit. »Morgens ist es immer kalt in Theben, aber mich hält mein Blut warm. Außerdem kenne ich zahlreiche Götter, und ich könnte dir viele aufzählen, die mir gewogen sind. Doch mein besonderer Gott ist Horus. Der Junge ist sicher das Kind reicher Eltern, denn seine Haut ist weiß, und er hat wohl nie mit seinen Händen gearbeitet. Aber wer bist du eigentlich?«

Er sprach viel und lebhaft, denn er war ein armer junger Mann, der eine lange Strecke gewandert war, um nach Theben zu kommen, und hatte unterwegs Unfreundlichkeit und Demütigungen erfahren. »Ich bin Arzt«, antwortete ich ihm. »Mir ist auch die Priesterweihe ersten Grades erteilt worden, im Ammon-Tempel in Theben.«

»Dann hast du ihn sicher in die Wüste gebracht, um ihn hier zu heilen. Aber du hättest ihn mit besserer Kleidung ausstatten sollen«, meinte Horemheb. »Ich möchte jedoch nicht an deiner ärztlichen Kunst herummäkeln«, fügte er freundlich hinzu.

Der kalte, rote Sand glänzte im Licht der aufgehenden Sonne, die Spitze von Horemhebs Speer funkelte rot, und der Falke drehte krächzend Kreise über unseren Köpfen. Der Thronfolger setzte sich auf. Seine Zähne klapperten, er stöhnte leise und sah sich verwirrt um.

»Ich habe es gesehen«, sagte er. »Der Augenblick war wie ein Jahrhundert, ich war alterslos, er hielt tausend segnende Hände über mein Haupt, und jede Hand reichte mir das Zeichen ewigen Lebens. Wie sollte ich also nicht glauben?«

»Ich hoffe, du hast dir nicht auf die Zunge gebissen«, sagte ich besorgt. »Ich habe versucht, dich zu beschützen, aber ich hatte kein Holzstück, das ich dir zwischen die Zähne hätte schieben können.« Doch meine Stimme war wie das Summen von Fliegen in seinen Ohren. Er blickte Horemheb an, und seine Augen, die er weit aufgerissen hatte, begannen zu glänzen. Er war schön, wie er da lächelte in seinem Erstaunen.

»Bist du von Aton, dem Einzigen, geschickt worden?«, fragte er verwundert.

»Der Falke flog mir voraus, und ich bin ihm gefolgt«, antwortete Horemheb. »Deshalb bin ich hier. Sonst weiß ich nichts.«

Doch der Thronfolger erblickte den Speer in seinen Händen und runzelte die Stirn. »Du hast einen Speer«, sagte er tadelnd.

Horemheb zeigte ihm seinen Speer. »Der Griff ist aus bestem Holz«, sagte er. »Die Klinge ist aus Kupfer geschmiedet und giert nach dem Blut der Feinde des Pharaos. Durstig ist mein Speer, und sein Name ist Kehlentöter.«

»Auf keinen Fall sollst du Blut vergießen«, sagte der Thronfolger. »Blut ist Aton ein Gräuel. Es gibt nichts Abscheulicheres, als Blut zu vergießen.«

Zwar hatte ich gesehen, dass der Thronfolger seine Augen fest geschlossen hielt, als Ptahor die Schädelöffnung vollzog, doch ich wusste noch nicht, dass er zu jenen Menschen gehörte, denen von fließendem Blut übel wird und die davon sogar ohnmächtig werden können.

»Blut reinigt die Völker und macht sie stark«, sagte Horemheb. »Blut lässt die Götter fett werden, sodass es ihnen gut geht. Solange Kriege geführt werden, so lange muss Blut fließen.«

»Es wird keine Kriege mehr geben«, sagte der Thronfolger.

»Der Junge ist verrückt«, lachte Horemheb. »Kriege hat es immer gegeben und wird es immer geben, denn die Völker müssen aneinander erproben, ob sie etwas taugen, damit sie leben können.«

»Alle Völker sind seine Kinder, alle Sprachen und Hautfarben, das Schwarze Land und das Rote Land gehören ihm«, versetzte der Thronfolger und starrte hoch zur Sonne. »Ich werde ihm Tempel in allen Ländern errichten, und ich will ihren Herrschern das Zeichen des Lebens senden, denn ich habe ihn gesehen. Aus ihm bin ich geboren, und in ihn kehre ich zurück.«

»Er ist verrückt«, sagte Horemheb zu mir und schüttelte mitleidig den Kopf. »Jetzt begreife ich, warum er einen Arzt braucht.«

»Ihm ist vor Kurzem sein Gott erschienen«, sagte ich ernst, um Horemheb zu warnen, denn ich begann ihn zu mögen. »Die heilige Krankheit lässt ihn seinen Gott sehen, und wir sind nicht fähig zu beurteilen, was sein Gott ihm gesagt hat. Jeder wird selig durch seinen eigenen Glauben.«

»Ich glaube an meinen Speer und an meinen Falken«, sagte Horemheb.

Der Thronfolger aber erhob seine Hände, um die Sonne zu grüßen, und sein Antlitz wurde so schön und schwärmerisch, als blickte er in eine andere Welt als wir. Wir ließen ihn eine Zeitlang im Gebet verharren und führten ihn dann zurück in die Stadt, ohne dass er sich widersetzt hätte. Der Anfall hatte seinen Gliedern zugesetzt, sodass er jammerte und beim Gehen fast zusammengebrochen wäre. Deshalb trugen wir ihn zuletzt zwischen uns, und der Falke flog uns voran.

Als wir in bebaute Gegenden mit Bewässerungsgräben kamen, sahen wir, dass eine königliche Sänfte auf uns wartete. Die Sklaven hatten sich zu Boden gesetzt, und ein dicker Priester stieg aus der Sänfte. Sein Kopf war kahl rasiert, und sein dunkles Gesicht strahlte düstere Schönheit aus. Ich streckte die Hände in Kniehöhe aus, denn ich vermutete, dass es der Priester des Ra-Herachte war, von dem Ptahor erzählt hatte. Doch er achtete nicht auf mich. Er ließ sich vor dem Thronfolger mit dem Gesicht zu Boden fallen und grüßte ihn als König. Da wusste ich, dass Pharao Amenhotep III. gestorben war. Die Sklaven eilten herbei, um sich um den neuen Pharao zu kümmern. Man wusch ihm die Glieder, massierte und salbte sie, legte ihm königliches Linnen an und setzte ihm den königlichen Kopfschmuck aufs Haupt.

Unterdessen wandte sich der Priester Eje an mich. »Ist er seinem Gott begegnet, Sinuhe?«, fragte er.

»Er ist seinem Gott begegnet«, sagte ich. »Aber ich habe ihn beschützt, sodass ihm nichts Schlimmes widerfuhr. Woher weißt du meinen Namen?«

Er lächelte und sagte: »Es ist meine Aufgabe, alles zu wissen, was im Palast geschieht, bis meine Zeit gekommen ist. Ich weiß deinen Namen und auch, dass du Arzt bist. Deshalb konnte ich ihn deiner Fürsorge überlassen. Ich weiß auch, dass du ein Priester Ammons bist und ihm einen Eid geschworen hast.« Das sagte er mit bedeutungsvoll erhobener und gleichzeitig drohender Stimme, doch ich hob die Hände und fragte: »Was bedeutet Ammon schon ein Eid?«

»Du hast recht«, sagte er, »und du brauchst ihn nicht zu bereuen. Merke dir, dass er unruhig wird, wenn sein Gott sich ihm nähert. Nichts kann ihn dann zurückhalten, und er gestattet den Wachen nicht, ihm zu folgen. Dennoch wart ihr die ganze Nacht in Sicherheit, von keinerlei Gefahr bedroht, und wie du siehst, erwartet ihn hier eine Sänfte. Aber wer ist dieser Speerträger?« Er wies auf Horemheb, der mit dem Falken auf der Schulter etwas abseits stand und mit den Fingern über die Klinge seines Speers fuhr. »Vielleicht ist es am besten, wenn er stirbt, denn die Geheimnisse der Pharaonen gehen nur die Allerwenigsten etwas an.«

»Er hat den Pharao mit seinem Gewand zugedeckt, als er fror«, sagte ich. »Er will seinen Speer gegen die Feinde des Pharaos erheben. Ich glaube, er wird dir lebendig mehr von Nutzen sein denn als Toter, Priester Eje.«

Da warf Eje ihm gleichgültig einen goldenen Reif von seinem Arm zu und sagte: »Du kannst mich irgendwann einmal im Goldenen Haus besuchen kommen, Speerträger.«

Horemheb aber ließ den goldenen Armreif vor seinen Füßen in den Sand fallen und blickte Eje trotzig an. »Ich nehme nur vom Pharao Befehle entgegen«, sagte er. »Wenn ich mich nicht irre, ist derjenige Pharao, der den königlichen Kopfschmuck trägt. Der Falke hat mich zu ihm geführt, das reicht mir als Zeichen.«

Eje zürnte ihm nicht. »Gold ist teuer, man kann es immer brauchen«, sagte er, hob den Armreif auf und legte ihn sich wieder an. »Erweise also deinem Pharao die Ehre, doch den Speer musst du in seiner Gegenwart ablegen.«

Der Thronfolger trat zu uns. Sein Antlitz war blass und abgezehrt, aber noch immer lag ein wundersames Entzücken darauf, das mir das Herz wärmte. »Folgt mir«, sagte er, »folgt mir alle auf dem neuen Weg, denn mir ist die Wahrheit erschienen in ihrer vollen Klarheit.«

Wir folgten ihm zur Sänfte, wenn auch Horemheb leise murmelte: »Die Wahrheit liegt im Speer.« Dennoch ließ er sich dazu herab, seinen Speer dem Vorläufer zu überlassen. Wir durften auf den Deichseln Platz nehmen, als die Sänfte sich in Bewegung setzte. Die Träger brachten uns zur Anlegestelle. Dort lag ein Boot bereit, und wir kehrten auf demselben Weg in den Palast zurück, auf dem wir gekommen waren, ohne Aufsehen zu erregen, obwohl das Volk die Palastmauern umlagerte.

Horemheb und ich durften die Gemächer des Thronfolgers betreten, und er zeigte uns große Krüge aus Kreta, die mit Fischen und anderen Tieren bemalt waren. Ich wünschte, Thotmes könnte sie sehen, denn sie bewiesen, dass es auch eine andere Kunst geben konnte als die in Ägypten übliche. Ermüdet, aber mit wiedergefundener Ruhe sprach der Thronfolger sehr vernünftig mit uns und benahm sich nicht anders als andere junge Männer seines Alters. Er verlangte auch keine übertriebenen Ehren- oder Höflichkeitsbezeugungen von uns. Dann wurde die Ankunft seiner Großen Königlichen Mutter angekündigt, die ihm die Ehre erweisen wollte. Er verabschiedete sich von uns und versprach, uns nicht zu vergessen.

Nachdem wir ihn verlassen hatten, wandte sich Horemheb an mich und sagte unsicher: »Ich bin in Sorge. Ich weiß nicht, wohin ich jetzt gehen soll.«

»Bleib ruhig hier«, riet ich ihm. »Er hat versprochen, dich nicht zu vergessen. Deshalb ist es das Beste, du bist zur Stelle, wenn er sich deiner erinnert. Die Götter sind launisch und vergessen schnell.«

»S

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