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Sinnliches Versprechen auf Sizilien

1. KAPITEL

Der Brief war immer noch dort, wo er am Abend gelegen hatte – mitten auf seinem Schreibtisch, akkurat auf die Kante ausgerichtet, direkt vor seinem Sessel, wo er unmöglich übersehen werden konnte. Er musste ihn nur noch unterschreiben, ordentlich falten, in den bereitgelegten adressierten Umschlag stecken und abschicken.

Danach gab es kein Zurück mehr.

Doch bis zu diesem endgültigen Schritt, bis er die alles entscheidende Unterschrift daruntergesetzt hatte, würde nichts geschehen. Das Schreiben würde einfach unberührt daliegen, bis er so weit war.

Natürlich. Pietro lächelte ironisch. Nicht umsonst hatte er fast sein halbes Leben damit verbracht, sich einen beispielhaften Mitarbeiterstab aufzubauen: Angestellte, die seine Anweisungen unbedingt und bis ins Kleinste befolgten, diese sogar vorwegnahmen, weil sie genau wussten, was er wann wollte. Sie warteten nur darauf, dass er den Befehl zum Handeln erteilte, dann – und erst dann – würden sie seinen Auftrag bis ins Letzte ausführen. Für ihn war es selbstverständlich, dass alles wie am Schnürchen lief, es passierte so gut wie nie, dass jemand es wagte, seine Weisungen zu missachten.

Bestimmte Dinge durfte es einfach nicht geben. Impulsivität, Gefühlsanwandlungen führten zu Durcheinander und Chaos, und so etwas wollte und durfte er sich nie mehr gestatten!

„Dannazione!“

Wütend schlug Pietro mit der flachen Hand auf die polierte Schreibtischplatte, sodass der Brief durch den Luftzug angehoben wurde und dann weiter links landete.

Er hatte gewusst, dass sein Mangel an Selbstbeherrschung schuld an diesem Dilemma war. Einmal, nur ein einziges Mal, war er so leichtsinnig gewesen, sich von Gefühlen hinreißen zu lassen – und die Folgen waren sehr unerfreulich gewesen.

Es genügte vollauf!

Einmal und nie wieder … und alles wegen dieser Frau.

Finster blickte Pietro erneut auf den Briefkopf und ballte die Hände zu Fäusten. Am liebsten hätte er das Papier einfach zerknüllt, um sich abzureagieren.

Sehr geehrte Ms Emerson …

Das war natürlich ihr richtiger Name, aber Pietro wollte verdammt sein, wenn er seiner Sekretärin gestatten würde, „Verehrte Principessa d’Inzeo“ oder, noch schlimmer, „Liebe Marina“ zu schreiben. Dass sie berechtigt war, beide Namen zu führen, kümmerte ihn nicht. Wenn er auch nur versuchte, diese auszusprechen, würde er daran ersticken. Schon die Vorstellung machte ihn rasend, dass die Frau seinen Familiennamen behielt, die ihn nach einem knappen Ehejahr ohne einen Blick zurück verlassen hatte.

Der bloße Gedanke ließ Bilder der kurvigen, hitzköpfigen Rothaarigen vor seinem geistigen Auge aufsteigen, deren Wagen auf einer vereisten Londoner Straße mit seinem zusammengestoßen war. Der Anblick ihrer atemberaubenden Figur, der grünen, katzenhaften Augen und des wundervollen roten Haars hatte ihn umgeworfen. Er hatte mehr Zeit als notwendig mit der Klärung der Versicherungsdetails verschwendet, bis sie schließlich einverstanden gewesen war, mit ihm einen Tee trinken zu gehen. Aus dem Tee war ein Abendessen geworden, danach waren sie unzertrennlich gewesen.

Bis nach der Hochzeit.

Ihre kurze Ehe war eine einzige Katastrophe gewesen und hatte sein Gewissen viel zu lange belastet. Nie hätte er erwartet, dass Marinas Leidenschaft so schnell erlöschen würde – oder dass das neue, gemeinsame Leben, auf das er sich so gefreut hatte, das Ende von allem bedeuten würde, was er sich erhofft hatte.

Es war eine unschöne Geschichte, die mit den erforderlichen Unterschriften juristisch so schnell wie möglich abgeschlossen werden musste.

Pietro fuhr sich mit den Fingern durch das dunkle Haar und blickte starr auf den sauber getippten Brief auf seinem Schreibtisch, bis die Worte vor seinen blauen Augen verschwammen. Ja, er wollte endlich frei sein von der Frau, die sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt, ihn jedoch nie geliebt hatte. Hier bot sich ihm die Chance, die Tür hinter einem bitteren Kapitel seiner Vergangenheit endgültig zuzuschlagen, Marina den Rücken zuzukehren und als freier Mann einer neuen Zukunft entgegenzusehen. Wieso, zum Teufel, zögerte er dann noch und überlegte … kämpfte sogar mit sich? Warum unterzeichnete er das verflixte Ding nicht einfach und schickte es ab?

Pietro verbot sich, noch weiter zu zögern. Es musste sein! Ein für alle Mal! Aus, Schluss, vorbei!

Entschlossen griff er nach dem silbernen Füllfederhalter, der neben dem Dokument bereitlag, und schraubte ihn auf. Damit war es zu Ende. Er war wieder frei!

In Sekundenschnelle hatte er seinen Namen auf die markierte Stelle am Fuß des Briefes gekritzelt und ihn so energisch unterstrichen, dass das Papier einriss.

Es war getan. Genau rechtzeitig.

Mit neu erwachtem Elan nahm er das Schreiben auf und faltete es sorgfältig, ehe er es in den bereitgelegten Umschlag schob. Eine einfache Postzustellung genügte in diesem Fall nicht.

„Maria!“, rief er nach seiner Assistentin. „Veranlassen Sie bitte, dass das Schreiben hier sofort per Eilboten an die angegebene Adresse geht und persönlich ausgehändigt wird.“

Er wollte ganz sichergehen, dass Marina es auch bekam. Nur so konnte er sich darauf verlassen, dass sie es erhielt, und befreit in eine neue Zukunft blicken.

Der Brief lag immer noch dort, wo Marina ihn am Vorabend hingelegt hatte – mitten auf dem Küchentisch. Das einzelne Blatt prangte sorgfältig ausgerichtet in der Mitte der abgewetzten Holzfläche, direkt vor ihrem Stuhl, wo es nicht zu übersehen war.

Sie wusste, dass sie die sauber getippten Zeilen erneut lesen sollte – diesmal langsam und sehr gründlich, um sich ein eindeutiges Bild von Pietros Anliegen zu machen. Am Abend hatte sie das Schreiben viel zu schnell überflogen, nachdem der Bote es ihr ausgehändigt hatte.

Beim Anblick des Absenders war sie so schockiert gewesen, dass sie den Inhalt des Briefes nur bruchstückhaft wahrgenommen hatte. Vor ihren Augen waren die Buchstaben verschwommen, sie hatte ihre volle Bedeutung nicht begriffen. Sehr viel besser war es ihr auch später nicht ergangen. Natürlich wusste sie, was ihr getrennt lebender Mann von ihr forderte, aber wie sie dazu stand, war ihr nicht so recht klar gewesen. Sie hatte darüber schlafen wollen, in der Hoffnung, sich dann zu einer Entscheidung durchringen zu können.

Schlafen? Von wegen! Marina füllte den Wasserkessel, um sich Kaffee aufzubrühen, den sie dringend brauchte. An Schlafen war überhaupt nicht zu denken gewesen. Rastlos hatte sie sich die ganze Nacht im Bett herumgeworfen und die Bilder und Erinnerungen zu verscheuchen versucht, die sich ihr aufdrängten. Doch genau wie damals, als sie noch mit Pietro verheiratet gewesen war, hatte sie es nicht geschafft, ihn aus ihren Gedanken zu verbannen.

Nach dieser Albtraumnacht würde sie sich als Erstes mit einem Becher starkem Kaffee stärken, ehe sie sich Pietros Schreiben erneut vornahm. Gerade wollte sie nach dem Brief greifen, als das Klingeln des Telefons sie so heftig zusammenfahren ließ, dass Flüssigkeit über den Becherrand schwappte und auf das elegante Briefpapier spritzte.

„Hallo, ich bin’s.“

„Wer?“

In Gedanken war Marina immer noch bei Pietros Schreiben und erkannte die Stimme des Anrufers nicht gleich.

„Ich bin’s, Stuart.“

Er klang enttäuscht, und das überraschte sie nicht. Sie hatten sich in der Gemeindebücherei kennengelernt, in der er als Bibliothekar arbeitete, und er hatte ihr deutlich zu verstehen gegeben, dass er sich für sie interessierte. Eigentlich hätte sie seine Stimme sofort erkennen müssen, doch Pietros Brief hatte sie völlig aus der Bahn geworfen.

„Bitte entschuldige, Stuart, ich bin noch nicht ganz wach. Weshalb rufst du an?“

„Ich dachte, wir könnten am Wochenende etwas unternehmen.“

„Das wäre …“ Marina blickte auf den Brief und verstummte. Stuart war genau, was sie jetzt brauchte – er war nett, sogar sehr nett – aber eigentlich sollte sie sich nicht verabreden, solange sie vor dem Gesetz noch mit Pietro verheiratet war.

„Ach Stuart, tut mir leid, aber ich muss für eine Weile verreisen.“

„An einen netten Ort?“

„Nein … nein, das nicht“, erwiderte Marina ausweichend.

Wie sollte sie ihm beibringen, dass sie ihren getrennt lebenden Ehemann besuchen würde? Zwischen ihr und Stuart mochte sich etwas anbahnen, doch sie hatte es bisher nicht über sich gebracht, ihm zu gestehen, dass Pietro immer noch im Spiel war … wenn auch nur als baldiger Ex.

Geschickt wich sie Stuarts nächsten Fragen aus, war dabei allerdings nicht ganz bei der Sache. In Gedanken beschäftigte sie sich weiter mit dem Brief, den sie nach wie vor nicht gründlich gelesen hatte.

Endlich beendete Stuart das Gespräch, doch er schien verstimmt zu sein. Vielen Dank, Pietro, dachte Marina gereizt. Seit zwei Jahren bist du aus meinem Leben verschwunden, aber kaum meldest du dich, läuft bei mir wieder alles schief.

Oder legte sie zu viel in seine Zeilen hinein? Vielleicht hatte sie den Brief falsch verstanden.

Nein! Nachdem Marina die Zeilen erneut gelesen hatte, war ihr klar, dass noch viel mehr dahintersteckte, als sie während der ruhelosen Nacht befürchtet hatte.

Zwei Jahre lang hatte Pietro nichts von sich hören lassen und jeden Kontakt mit ihr abgelehnt, und jetzt drängte er sich auf einmal wieder in ihr Leben und versuchte auf die altgewohnte Weise, sie zu beherrschen. Er beorderte sie einfach zu sich, anders waren seine Zeilen nicht zu verstehen. Pietro befahl ihr, nach Palermo zu kommen.

Ihr Nochehemann schnippte mit den Fingern, und sie hatte zu springen. Gereizt überflog Martina die nüchternen Zeilen erneut:

Wir leben jetzt fast zwei Jahre getrennt. Der Schwebezustand hat lange genug gedauert. Es wird Zeit, endlich eine Lösung zu finden.

„Das glaube ich auch“, meinte sie leise. Höchste Zeit, dass die Scheidung endlich ausgesprochen wurde.

Im Grunde genommen hatte sie längst damit gerechnet. Dieser Schritt war letztlich unvermeidlich, da sie ohne nähere Begründung aus der Ehe ausgebrochen war, nachdem sie erkannt hatte, dass ihr Mann sie nie geliebt hatte. Eigentlich ein Wunder, dass Pietro die Scheidung nicht schon längst eingereicht hatte. Bis jetzt hatte sie sich immer noch an eine schwache Hoffnung geklammert, die das Schreiben nun zunichtemachte:

… ist es unerlässlich, dass du sofort nach Sizilien kommst, um die Einzelheiten unserer Scheidung zu besprechen.

Im Großen und Ganzen entsprach der Inhalt des Briefes dem des ersten, den Pietro ihr geschickt hatte, nachdem sie Hals über Kopf aus ihrer Ehe geflüchtet war. Nur hatte er damals gefordert, dass sie zu ihm zurückkehrte und ihren Platz an seiner Seite wieder einnahm. Sie solle den Unsinn vergessen, der sie zur Flucht veranlasst hätte, und ihre Ehe fortführen, als wäre nichts gewesen.

Zwei Jahre lag das jetzt zurück.

Unwillkürlich legte Marina die Arme um sich, weil es immer noch so schrecklich wehtat. Sie hatte geglaubt, alles zu haben, was sie sich nur wünschen konnte: einen liebenden Ehemann, der ihr alles bedeutete, ein Baby war unterwegs gewesen …

Doch dann hatte das Schicksal ihr mit einem Schlag grausam alles genommen. Sie hatte das Baby und ihren Mann verloren und es in ihrer trostlosen, liebeleeren Ehe nicht mehr ausgehalten. Und jetzt glaubte Pietro, nur pfeifen zu müssen, und sie würde wie ein folgsamer Hund angerannt kommen und sich seinem Befehl beugen.

Oh nein, mein lieber Principe d’Inzeo! Diesmal nicht! Zwei lange, hart erkämpfte Jahre außerhalb seines Bannkreises hatten ihr die Kraft verliehen, die ihr in der Ehe gefehlt hatte.

Ihr Kampfgeist regte sich, sie nahm ihr Handy aus der Handtasche. Ob Pietro noch die alte Nummer hatte? Na ja, das würde sich gleich herausstellen. Wütend tippte sie den kurzen SMS-Text ein:

Wieso Sizilien? Du willst reden, dann komm her.

So!

Ein letzter Tastendruck, die Nachricht war abgeschickt. Zufrieden lächelnd warf Marina das Handy auf den Tisch und griff nach dem Kaffeebecher.

Kaum hatte sie einen Schluck getrunken, als ein Piepen ihr die Antwort ankündigte. Diese war knapp und bestand aus einem einzigen Wort:

Nein.

Dieser Mistkerl! Marina nahm ihr Telefon wieder in die Hand.

Warum nicht?

Wieder ein Piepen. Und ein einziges Wort:

Beschäftigt.

Sie presste die Lippen zusammen und antwortete:

Ich auch.

Schweigen.

Das Display des Handys blieb leer, dieses gab keinen Ton von sich.

Einen Moment blickte Marina abwartend darauf, dann drückte sie eine Taste. Das Feld blieb leer. Pietro hatte doch nicht etwa aufgegeben? Das passte nicht zu ihm. Er gab nie nach.

Piep. Wieder eine Nachricht. Diesmal etwas länger:

Mein Jet steht bereit.

Aha. Er schickte ihr seinen Privatjet, der sie nach Sizilien bringen sollte. Damit hatte Marina nicht gerechnet.

Ein Wagen holt dich in einer Stunde ab und bringt dich zum Flughafen.

Nein.

Sie konnte ebenso brutal einsilbig texten wie er.

Achtundfünfzig Minuten …

Ich denke nicht daran.

Diesmal kam die Antwort, schon fast ehe sie das zweite Wort getippt hatte. Als das Handy piepte, ahnte Marina, was sie lesen würde.

Siebenundfünfzig Minuten …

Ich sagte Nein!

Ihr war klar, dass sie den Kampf zu verlieren drohte, doch sie gab nicht nach. Sie war keine Marionette, an deren Fäden Pietro zog. Wieder piepte das Handy.

Willst du die Scheidung?

Wollte sie den endgültigen Schnitt? Im Moment mehr als alles auf der Welt. Fünf Minuten mit Pietro d’Inzeo, und sie hatte nur noch einen Wunsch: Schleunigst raus aus dieser Ehe! Gut, dass er sie daran erinnert hatte, wie befehlsgewohnt und herrisch er sein konnte. Für ihn musste alles genau laufen, wie er es wollte, zum Teufel mit den Wünschen anderer.

Darauf kannst du wetten!

Dann flieg hin. Fünfundfünfzig Minuten, die Uhr läuft …

Wieso sträubte sie sich eigentlich? Pietro hatte ja recht. Höchste Zeit, diese Farce von Ehe zu beenden. Aus und vorbei. Abgelegt unter „Riesenfehler“.

Fünfundfünfzig Minuten, textete Marina zurück. Fast konnte sie spüren, wie überrascht Pietro in Sizilien – oder wo er auch sein mochte – über ihren unverhofften Sinneswandel war. Jetzt würde er eine Weile Ruhe geben, zumindest bis sie nach oben gegangen war und den kleinen Koffer unter dem Bett hervorgeholt hatte.

Doch als sie ihre Kulturtasche in den aufgeklappten Koffer warf, piepte das Handy bereits wieder. Die Nachricht auf dem Display war beunruhigend.

Bring deinen Anwalt mit.

Machte er Witze? Männer wie Pietro d’Inzeo mochten ihr Anwaltsheer ständig in Bereitschaft halten, aber gewöhnliche Sterbliche wie sie …

Dennoch jagte die knappe Mitteilung Marina einen eisigen Schauer über den Rücken. Fast konnte sie Pietros Befehlston hören.

Die Warnung, dass sie juristischen Beistand brauchen würde, alarmierte sie.

Offenbar rechnete Pietro mit einem Scheidungskrieg. Sicher dachte er, sie würde versuchen, ihm so viel Geld wie möglich abzuknöpfen. Aber da konnte er sich auf eine Überraschung gefasst machen. Sie wollte nur, dass diese lächerliche, überstürzte Ehe aufgelöst wurde. Danach konnte sie endlich wieder in Frieden leben. Von Pietros Millionen wollte sie keinen Penny, während er offensichtlich darauf gefasst war, dass sie die Hälfte seines riesigen Vermögens fordern würde, weil sie vor der Hochzeit keinen Ehevertrag abgeschlossen hatten.

Na ja … Marina freute sich jetzt schon auf seinen Gesichtsausdruck, wenn sie die Karten auf den Tisch legte. Aber das war auch das einzig Erfreuliche an dem bevorstehenden Treffen.

Doch da es offensichtlich die einzige Möglichkeit war, ihre Freiheit wiederzuerlangen, würde sie es durchstehen, ganz gleich, wie. Nach Pietros arroganten Befehlen per SMS konnte ihr das Ganze jetzt nicht schnell genug gehen.

Ironisch lächelnd nahm sie das Telefon wieder in die Hand und drückte auf „Antwort“.

Fünfzig Minuten, tippte sie ein, aktivierte „Senden“ und schaltete das Gerät aus.

Soll Pietro jetzt ruhig Selbstgespräche führen, dachte sie zufrieden und konzentrierte sich dann auf das Nächstliegende. Wenn sie rechtzeitig fertig werden wollte, gab es noch viel zu tun. Außerdem hatte sie fürs Erste genug von Pietro. Selbst in kleinen Dosen war er unerträglich.

Der Mann hatte ihr das Herz gebrochen, und sie dachte nicht daran, zu springen, wenn er pfiff. Aber wenn sie endlich frei sein wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als die Reise nach Sizilien auf sich zu nehmen.

Ein neuer Anfang, sagte sie sich.

Marina blickte aus dem Schlafzimmerfenster in den wirbelnden Schneesturm hinaus. Auf diese Weise entkam sie wenigstens für einige Stunden dem scheußlichen Winterwetter.

In zwei Tagen dürfte der Albtraum Pietro d’Inzeo endgültig ausgestanden sein.

Neues Jahr, neuer Anfang …

2. KAPITEL

Die Hände tief in die Taschen seines eleganten grauen Anzugs geschoben, stand Pietro am Fenster in der Kanzlei seines Anwalts und blickte finster in den strömenden Regen hinaus. Zunehmend nervöser tippte er mit den blank polierten Schuhen auf den Fußboden.

Marina war spät dran. Sie hatten lange genug gewartet. Die Besprechung war für halb elf angesetzt, und jetzt war es Viertel vor elf. Sie kam eine Viertelstunde zu spät … wenn sie überhaupt erschien.

Ungeduldig fuhr er sich mit den Fingern durch das glatte dunkle Haar und versuchte, trotz des sintflutartigen Regens etwas zu erkennen. Wenigstens war Marina inzwischen auf Sizilien. Federico, sein Fahrer, hatte sie gestern am Flughafen abgeholt und zum Hotel gebracht. Außerdem hatte er ihr die Unterlagen übergeben, die Matteo Rinaldi, sein Anwalt, gerade noch rechtzeitig vor dem heutigen Treffen aufgesetzt hatte, damit ihr Rechtsbeistand sie durchgehen konnte und vorbereitet war.

Gereizt seufzte Pietro. Er hatte Marina die genaue Zeit der Besprechung mitgeteilt, ihre Verspätung war unentschuldbar. Wo, zum Teufel …?

Ihm blieb keine Zeit zu weiteren Überlegungen, denn unten auf der Straße, gegenüber der Anwaltskanzlei, fuhr ein Taxi vor und hielt im Regen inmitten einer Pfütze, sodass das Wasser aufspritzte. Durch die nasse Fensterscheibe konnte Pietro die Insassin auf dem Rücksitz nur undeutlich ausmachen, und lediglich ihre rote Haarpracht verriet ihm, dass der Fahrgast tatsächlich seine Frau war.

Schon der verschwommene Anblick ihres Haars versetzte ihm einen Stich ins Herz. Unwillkürlich sah Pietro wieder vor sich, wie es auf dem Kissen ausgebreitet war, als sie unter ihm gelegen und sich ihm verlangend entgegengedrängt hatte. Hitze durchflutete ihn, und er presste die Lippen zusammen.

„Sie ist endlich hier, Matteo“, sagte er und wollte sich vom Fenster abwenden, als die rückwärtige Tür des Taxis geöffnet wurde und die Frau auf das Pflaster hinaustrat.

„Sie ist da“, wiederholte er ungewollt sanft.

In diesem Moment blickte Marina von der anderen Straßenseite zu ihm auf, als hätte sie ihn gehört.

Selbst auf die Entfernung sah er, dass ihre leuchtend grünen Augen sich weiteten. Einen Augenblick hielt sie inne, dann straffte sie stolz die Schultern und drückte ihren Aktenkoffer wie einen Schutzschild an sich.

Zwei Jahre hatte er Marina nicht mehr gesehen, und er musste sich schockiert eingestehen, dass sie immer noch so schön wie damals war. Doch etwas an ihr war anders, sie wirkte distanziert, abweisend, seltsam fremd. Und das lag nicht an der Entfernung.

Sekundenlang sahen sie sich gebannt an. Unwillkürlich hielt Pietro den Atem an, er stand ganz still, wagte nicht einmal zu blinzeln. Dann brauste auf der Straße ein Wagen vorbei, sodass das Wasser in den Pfützen in alle Richtungen spritzte. Blitzschnell wich Marina zurück, der Bann war gebrochen.

Im nächsten Moment eilte sie gesenkten Hauptes über die Straße und wich dabei geschickt den Pfützen aus. Pietro hätte erwartet, dass sie sich schützend den Aktenkoffer über den Kopf hielt, doch sie trug ihn weiter an der Seite.

Ach ja, natürlich … Marina hatte Regen immer geliebt.

Plötzlich drängte sich ihm ein Bild auf … Sie tanzte im Regen, das rote Haar umspielte ihr Gesicht, während sie sich lachend um sich selbst drehte. Lebenslustig und temperamentvoll war sie gewesen. So wunderschön. Sie hatte ihn ausgelacht, als er wollte, dass sie ins Haus kam, weil sie sonst klitschnass werden würde …

„Anders als in England ist der Regen hier herrlich warm“, hatte sie ihm schwärmerisch zugerufen. „Wegen ein paar Wassertropfen werde ich nicht gleich schmelzen!“

Als er in den strömenden Regen hinauseilte, um sie ins Haus zu ziehen, hatte sie ihn festgehalten und spielerisch dazu gebracht, mit ihr zu tanzen, bis sie beide bis auf die Haut durchnässt gewesen waren. Erst da hatte sie sich von ihm hochheben, in seinen Palazzo und ins Schlafzimmer tragen lassen, wo er sich auf überaus erotische Weise für den Tanz im Regen gerächt hatte …

„Dannazione!“ Pietro verwünschte die Gedanken an die Vergangenheit und rief sich zur Ordnung. Mit einer scharfen Bewegung wandte er sich vom Fenster ab und versuchte, sich auf den bevorstehenden Scheidungskrieg einzustellen.

Jetzt war keine Zeit für Sentimentalitäten, für Erinnerungen an die Tage, als er sich für den glücklichsten Mann der Welt gehalten hatte … als er seine Leidenschaft für Marina für Liebe und noch sehr viel mehr gehalten hatte.

Besessen von Begehren, war er mit Marina ins Bett gesunken, hatte sich spontan und überstürzt zu einem Heiratsantrag hinreißen lassen, um sie zu halten. Für immer. Die Vorstellung, dass ein anderer sie ihm wegschnappen könnte, war unerträglich gewesen. Ihre unerwartete Schwangerschaft hatte ihm dann als willkommener Vorwand gedient, Marina einen Ring an den Finger zu stecken, um sicherzustellen, dass sie bei ihm blieb.

Zu der Zeit hätte er nicht im Traum gedacht, dass er eines Tages die Trennung wollen würde, weil er keine gemeinsame Zukunft mehr sah, nachdem die ohnehin schwache Basis für ihre Ehe weggebrochen war. Damals hätte er jeden ausgelacht, der ihm diesen Tag vorausgesagt hätte. Und jetzt war er hier und wartete nur darauf, dass Marina die Scheidungspapiere unterschrieb, um einen Schlussstrich unter ihre gescheiterte Ehe zu ziehen.

Geräusche im Treppenhaus verrieten, dass der Lift hielt, Metalltüren glitten auf – sie war da. Jeden Moment musste seine Nochehefrau die Kanzlei betreten.

Marina …

Es kostete Pietro Mühe, sich zurückzuhalten. Obwohl er darauf vorbereitet war, stockte ihm der Atem, als sie den Raum betrat. Es war, als würde eine Naturgewalt, ein Wirbelwind durch die Tür hereinwehen und die Atmosphäre in der Kanzlei völlig verändern.

Marina sah fantastisch aus! Ihr gegürteter metallicfarbener Trenchcoat betonte ihre schmale Taille und lenkte den Blick auf ihre wohlgerundeten Hüften und die üppigen Brüste, die sich deutlich unter dem feuchten Stoff abzeichneten. Das Oberteil, das sie darunter trug, hatte einen tiefen Ausschnitt, der den Blick auf ihren schlanken Hals und den Ansatz ihrer Brüste preisgab …

Pietro musste sich zwingen, woanders hinzusehen. Ihr wundervolles Haar war nass vom Regen, sodass es dunkel schimmerte. Sie hatte es zu einem Pferdeschwanz gebunden, aus dem sich einige Strähnen gelöst hatten. Und das Wetter – oder der Sprint über die Straße – hatte ihre zarte Haut gerötet, ihre Wangen schienen zu glühen. Die grünen, schräg stehenden Augen über den hohen Wangenknochen wirkten seltsam dunkel, fast moosfarben statt smaragdgrün, wie er sie in Erinnerung hatte.

Wie sie ihn ansah … so kühl und fremd, als wäre sie ihm noch nie begegnet! Diesen Blick kannte er. So hatte sie ihn in den letzten Tagen ihrer Ehe oft genug angesehen, ehe sie ihn verlassen hatte …

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