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Sinnliches Spiel auf Antigua

1. KAPITEL

Jacob Wolff hatte in seinem Leben nun wirklich reichlich nackte Frauen gesehen. Er kannte den Frauenkörper in- und auswendig. Schließlich war er Arzt.

Aber als Ariel Dane, vollständig bekleidet, seine Praxis betrat, reagierte er wie ein Mann und nicht wie ein Arzt. Er zog sich hinter seinen zinngrauen Metallschreibtisch zurück und wies auf den Besucherstuhl. „Bitte setzen Sie sich, Ms Dane.“

Doch sie schien ihn nicht zu hören und reagierte nicht auf seine Geste. Mit schnellen nervösen Schritten trat sie an das große Fenster und starrte hinaus, die Hände krampfhaft auf dem Rücken verschränkt.

Jacob musterte sie aufmerksam. Dünn war sie, sehr dünn sogar. Aber das war sicher der Einfluss von Hollywood. Denn Ariel Dane war ein Filmstar. Und Jacob konnte jetzt auch verstehen, warum. Sie war von einer ätherischen Schönheit, kostbar und zerbrechlich zugleich. Das hellblonde Haar, das sie in vielen Filmszenen verführerisch über die Kopfkissen der männlichen Helden ausbreitete, hatte sie in einem schlichten Pferdeschwanz zusammengefasst.

Langsam lehnte Jacob sich in seinem Schreibtischsessel zurück und wartete schweigend. Irgendwann würde sie schon anfangen zu sprechen. Allerdings irritierte es ihn sehr, dass er körperlich so schnell auf sie reagierte. Sicher, er war lange mit keiner Frau zusammen gewesen. Aber normalerweise gelang es ihm, seine Sexualität zu unterdrücken. Doch in Gegenwart dieser Frau, die bestimmt die Fantasie von Millionen Männern beschäftigte, musste er sich eingestehen, dass auch er nur ein Mann war. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. „Wie sind Sie auf die Idee gekommen, gerade mich aufzusuchen, Ms Dane?“

Sie drehte sich halb zu ihm um. „Sie kennen doch Jeremy Vargas, den Schauspieler?“

„Nur oberflächlich. Meine Schwägerin Olivia ist eng mit ihm befreundet.“

Sie nickte nachdenklich und wandte sich wieder dem Fenster zu. „Ich habe ihn kürzlich auf einer Party getroffen. Er meinte, ich sehe einfach scheuß…“ Sie stockte kurz und zog die schmalen Schultern zusammen. „Kurzum, er äußerte sich nicht gerade schmeichelhaft über mein Aussehen, und meinte, ich solle doch mal zu Ihnen gehen.“

„Warum zu mir? Es gibt doch wahrscheinlich genug Ärzte in Hollywood.“

Erneut drehte sie sich zu Jacob um und warf ihm einen gehetzten Blick zu. „Jeremy meinte, dass ich mich auf Ihre Diskretion verlassen könne, weil Sie und Ihre Familie in der Vergangenheit genug mit der Presse zu tun hatten. Hat er sich geirrt? Mir ist durchaus klar, dass die Paparazzi viel Geld für Informationen über meinen Gesundheitszustand zahlen würden. Aber ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden soll.“

„Ihr Geld brauche ich nicht, Ms Dane. Und meine Familie und ich sind auf die Medien nicht besonders gut zu sprechen. Sie können mir also vertrauen.“

„Danke. Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet.“ Sie legte sich die Arme um die Mitte, sodass sich der Rocksaum leicht anhob und ihre schlanken langen Beine bis zum Knie sichtbar wurden. Unter dem dünnen Stoff des hellrosa Hemdblusenkleides zeichneten sich ihre kleinen festen Brüste ab. Offenbar trug sie keinen BH, denn Jacob konnte die Brustspitzen erkennen. Leider, denn sofort regte sich wieder sein Verlangen. Verdammt! Nimm dich zusammen, Jacob!

„Ich muss Ihnen gleich sagen, Ms Dane, dass ich keine große Erfahrung mit Essstörungen habe. Aber ich kann Ihnen eine gute Privatklinik empfehlen.“

Schockiert sah sie ihn an. „Ich muss ja noch schlimmer aussehen, als ich dachte!“ Im Gegensatz zu ihrer zerbrechlichen Gestalt war die Stimme dunkel und fest. Bei dem leicht angerauten Tonfall dachte wohl fast jeder Mann sofort an Sex.

„Sie sind ausgesprochen hübsch“, sagte er leise. „Aber Sie haben Essprobleme. Das kann ich als Arzt nicht übersehen.“

Zu seiner Überraschung schmunzelte sie. „Sind Sie sicher? Ich liebe nämlich Junkfood. Ich habe nur einen schnellen Stoffwechsel. Und übergeben mag ich mich schon gar nicht. Nein, ich habe keine Essstörung.“ Sie lachte kurz auf. „Lassen Sie irgendetwas Ungesundes kommen, und ich beweise es Ihnen sofort.“

Vor Erleichterung musste auch er lachen. Magersucht und Bulimie waren ausgesprochen schwer zu heilende Krankheiten. Und nicht gerade sein Spezialgebiet. Doch sogleich wurde er wieder ernst. Wenn es das nicht war, welche Probleme hatte sie dann? Drogen? Selbst er hier in seiner selbst gewählten Einsamkeit kannte ihren Ruf als Partygirl mit großem Männerverschleiß. Aber er wusste auch, wie hemmungslos die Medien übertrieben. „Apropos Essen, haben Sie Hunger? Irgendetwas habe ich sicher hier. Aber ich kann auch in der Küche anrufen und uns etwas kochen lassen.“

„Nein, danke, ich möchte nichts.“ Langsam ging sie in dem Raum hin und her, nahm hier ein Buch in die Hand, dort eine kleine Figurine, die auf dem Sideboard stand. Schließlich hob sie ein gerahmtes Foto hoch. „Wer ist das?“

Unwillkürlich musste Jacob lächeln, weil das sein Lieblingsfoto war. „Das sind meine Brüder und ich. Dad hatte uns erlaubt, eine Floßfahrt auf dem Colorado zu machen. Ich glaube, das war unsere einzige richtige Ferienreise.“

„Wieso? Ist er so geizig?“

„Nein, das hatte nichts mit Geld zu tun. Unsere Mutter und unsere Tante sind entführt und ermordet worden, als wir Kinder noch ziemlich klein waren. Mein Vater wurde daraufhin übervorsichtig, weil er Angst hatte, wir könnten die nächsten Opfer sein.“

„Wie schrecklich“, sagte sie leise und sah ihn traurig an. „Ich habe einiges über diese Sache gehört, aber wenn Sie als Betroffener es mir erzählen …“ Sie fuhr schaudernd zusammen.

Jacob zuckte nur kurz mit den Schultern. „Ist schon lange her. Wie alt sind Sie?“

„Zweiundzwanzig.“

Himmel! Dann war sie noch nicht einmal geboren, als die Wolffs die Familientragödie erlebten … Er runzelte die Stirn.

Daraufhin blickte sie ihn leicht irritiert an. „Ich habe Ihnen doch alles in einer langen E-Mail mitgeteilt. Haben Sie die nicht bekommen?“

„Doch, doch, entschuldigen Sie. Ich habe Sie nur nicht so schnell erwartet und deshalb die Mail noch nicht gelesen. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass Sie und ich einiges gemeinsam haben. Seit meine Mutter und meine Tante ermordet wurden, haben die Medien uns verfolgt. Und da die Mörder nie gefasst wurden, wird unsere Geschichte ständig neu aufgewärmt.“

„Das tut mir leid.“ Plötzlich war ihr Ton sehr formell. „Ich hätte wohl warten sollen, bis ich von Ihnen wegen eines Termins höre. Aber ich habe nicht viel Zeit.“

Sein Magen krampfte sich zusammen. „Gibt es schon eine Diagnose?“

Sie nickte und nahm ihre Wanderung durch den Raum wieder auf. Aus zusammengekniffenen Augen musterte Jacob sie genauer. Waren schon Anzeichen einer tödlichen Krankheit zu entdecken? Nein. Obgleich sie gut und gern zwanzig Pfund zunehmen könnte, wirkte sie gesund.

„Und die wäre?“, hakte er nach. „Haben Sie irgendwelche Suchtprobleme?“

Wie erstarrt hielt sie in der Bewegung inne, drehte sich dann zu ihm um, kam auf ihn zu, ohne ihn aus den Augen zu lassen, und ließ sich auf den Besucherstuhl fallen. Leise stöhnte sie auf. „Sind Sie immer so direkt?“

Wie schön sie war! Wie die junge Ingrid Bergmann … Doch er nahm sich zusammen. „Das muss ich sein. Wie soll ich Ihnen helfen, wenn ich nicht die Wahrheit kenne?“

Sie nickte und legte die schmalen Hände übereinander. Erstaunt stellte er fest, dass sie bis auf die kleinen blitzenden Ohrstecker keinerlei Schmuck trug. Als sie den Kopf senkte, hatte er den Eindruck, sie wolle seinem Blick ausweichen. „Man hat mir gesagt“, fing sie leise an, „dass Sie nur Patienten annehmen, für die Diskretion absolut wichtig ist.“

„Ja.“

„Dann werden Sie verstehen, warum ich zu Ihnen gekommen bin.“

„Ja, was den Wunsch nach Diskretion betrifft. Aber ich weiß immer noch nicht, was Ihnen fehlt.“

Ruhelos stand sie auf. „Warum sind Sie Arzt geworden?“, wich sie ihm aus.

Frustriert strich er sich das dunkle Haar zurück. „Als meine Mutter ermordet wurde, habe ich meinen Vater immer wieder gefragt, warum die Ärzte ihr nicht hatten helfen können. Wahrscheinlich stammt mein Wunsch, Arzt zu werden, aus dieser Zeit. Aber mein eigentliches Interesse ist die Leukämie-Forschung.“

„Warum Leukämie?“

„Einer meiner Kindheitsfreunde starb an Leukämie. Er war der Sohn unseres Stallmeisters, und obgleich mein Vater und mein Onkel keine finanziellen Ausgaben scheuten, starb Eddie mit acht. Deshalb habe ich mich auf Leukämie spezialisiert.“

„Bewundernswert.“

„Ich liebe meine Arbeit. Aber sie ist nicht besonders glamourös.“ Er grinste. „Zumindest war sie es bis heute nicht. Bis zum Besuch eines weltberühmten Filmstars.“

Sie lächelte flüchtig. „Danke. Aber ich bin ein maßlos verwöhntes Biest, das die Männer nur so vernascht. Wussten Sie das noch nicht?“

Jacob hörte Schmerz in ihrer Stimme. Er beugte sich vor und sah sie aufmerksam an. „Ist es schwer für Sie? Ständig unter Beobachtung zu stehen?“

„Das sollte nicht mehr der Fall sein. Schließlich hatte ich Jahre, mich daran zu gewöhnen.“

„Aber es schmerzt immer noch ein bisschen?“

Ihre großen Augen füllten sich mit Tränen. „Ein bisschen, Doc?“ Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen.

Er reichte ihr eine Box mit Papiertaschentüchern. „Bitte setzen Sie sich, Ms Dane.“

„Bitte sagen Sie Ariel zu mir.“ Sie ließ sich auf dem Stuhl nieder und schob sich die silbernen Sandalen von den Füßen.

Dabei rutschte der Rocksaum hoch, und Jacob hatte Mühe, nicht auf ihre Oberschenkel zu starren. „Äh … ein hübscher Name. Und nicht sehr üblich.“

„Für den Filmrummel kann ein ungewöhnlicher Name von Nutzen sein.“

Als sie leise seufzte, wurde er hellhörig. „Macht Ihnen Ihr Beruf keinen Spaß?“

„Es gibt keinen idealen Job, Dr. Wolff. Das sollten Sie doch wissen.“

„Da haben Sie recht.“ Irritiert von ihrer Nähe lehnte er sich zurück. Als ihr Arzt sollte er nicht das empfinden, was er sehr eindeutig fühlte. Sexuelles Verlangen. Sehnsucht, sie zu küssen … „Wollen Sie mir nicht endlich sagen, warum Sie nach Wolff Mountain gekommen sind?“, fragte er leicht gereizt, weil er sich über die eigene Reaktion ärgerte.

Doch wieder lenkte sie ab. „Wolff Mountain, was ist das eigentlich? Auf der Fahrt hierher habe ich einen Blick auf das Haus werfen können. Sieht aus wie eine Burg.“

„So haben wir das manchmal auch genannt. Aber für uns war es dennoch nur unser Zuhause.“

„Erstaunliches Zuhause inmitten dieser riesigen Wildnis. Fernab jeglicher Zivilisation hier in den Blue Ridge Mountains. Nicht schlecht.“

„Wir haben es oft als Gefängnis empfunden.“ Das hätte er nicht sagen sollen. Wie kam er dazu, einer Patientin gegenüber von seinen Gefühlen zu sprechen? „Aber lassen Sie uns lieber über Sie sprechen, Ms Dane.“

„Ariel.“

„Okay, Ariel. Dann sollten Sie auch Jacob zu mir sagen.“

„Und wenn ich gerne bei Dr. Wolff bleiben möchte? Ein gewisser Abstand zu dem Arzt, der mich wahrscheinlich nackt sehen wird, ist mir lieber.“

Nackt? Er schluckte. „Ich glaube, Sie haben die Fahrt hierher vergeblich gemacht. Ich kann Ihnen nicht helfen.“

„Aber ich habe Ihnen doch noch gar nicht gesagt, was mit mir los ist.“

„Eben. Wenn Sie vielleicht endlich die Güte hätten …“

Sie sah ihn lauernd an. „Sind Sie wütend?“

„Nein, ich bin nicht wütend. Aber ich habe zu tun, und meine Zeit ist knapp.“

„Die meisten Männer haben Zeit für mich.“

Das glaubte er sofort. „Ich dachte, Sie bräuchten einen Arzt und keinen Mann.“

„Vielleicht brauche ich beides.“

„Sie sprechen in Rätseln, Ariel. Wollen Sie mir nun endlich sagen, weshalb Sie gekommen sind?“

Sie wurde rot und senkte schnell den Kopf.

„Ariel?“ Er war froh, dass sie ihn nicht ansah. Denn ihre Augen konnten jeden Mann verrückt machen, auch ihn, obwohl er acht Jahre älter war als sie. „Nun äußern Sie sich endlich. Alles, was Sie sagen, bleibt in diesem Raum. Selbst wenn Sie nicht meine Patientin werden.“

Langsam hob sie den Kopf und fixierte ihn mit ihren unergründlichen Augen. Kurz befeuchtete sie sich die Lippen. „Ich möchte Sie für die nächsten zwei Monate anheuern.“

Damit hatte er nicht gerechnet. „Als Ihren Arzt?“

Sie schüttelte den Kopf und wurde wieder rot. „Als meinen Freund, als ständigen Begleiter sozusagen.“

Ariel fluchte unhörbar. Das war nicht gut gelaufen. Sie hatte die Katze zu früh aus dem Sack gelassen. Aber Jacob Wolff hatte irgendetwas an sich, das sie verunsicherte.

Zum einen war er ganz anders, als sie erwartet hatte. Sie hatte sich jemanden in den Vierzigern vorgestellt, eine Art Vaterfigur in weißem Kittel mit einer Goldrandbrille. Jemanden, dem sie ihr Herz ausschütten konnte.

Jacob Wolff dagegen war jung, eindeutig sexy und machte sie verdammt nervös. Der Blick seiner grauen Augen schien bis auf den Grund ihrer Seele zu dringen, ein ausgesprochen unangenehmes Gefühl. Sein dunkles Haar war kurz geschnitten, sein Hemd, schlicht aber teuer, umschloss breite Schultern. Auch die schwarze Hose, die perfekt über kräftigen Schenkeln und einem flachen Bauch saß, war keine Massenware, das sah Ariel sofort.

Sie war attraktive Männer gewohnt. Ihre Kollegen verbrachten viel Zeit in Fitness-Studios und legten Wert auf eine gute Figur. Aber Jacob Wolff war vollkommen anders. Er war uneitel, schien ein gutes Selbstvertrauen zu haben und wirkte gerade durch seine Ernsthaftigkeit anziehend. Allerdings sah er momentan eher abweisend aus. Er hatte die Brauen zusammengezogen und betrachtete sein Gegenüber beinahe widerwillig.

„Entschuldigen Sie, aber ich verstehe nicht ganz. Als Ihren Freund? Warum das denn? Ich dachte, Sie seien mit diesem Rapper zusammen.“

„Das war ein gestelltes Foto. Aber ich bin erstaunt, dass Sie es bemerkt haben.“

„Auch wenn ich wie ein Einsiedler lebe, bin ich mit der Welt verbunden. Über Sie steht doch fast jeden Tag etwas in der Zeitung. Wissen Sie das nicht?“

Bei seinem leicht ironischen Lächeln überlief es sie heiß. „Diese Seiten überschlage ich meist.“

„Tatsächlich? Das wundert mich aber, Ms Dane.“ Immer noch lächelnd lehnte er sich zurück. „Sie haben Glück, dass ich keine Stundenhonorare nehme. Das würde sehr teuer für Sie.“

„Als Freund gehen Sie mir schon jetzt auf die Nerven.“

„So? Dann wollen Sie mich bereits wieder loswerden?“ Er seufzte theatralisch. „Tja, so geht es mir immer.“

„Seien Sie nicht albern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie jemals von einer Frau verlassen worden sind.“

Das hätte sie nicht sagen sollen. Sein Blick wurde kühl, als er demonstrativ auf seine Uhr sah. „Entweder sind Sie nun endlich ehrlich zu mir, oder wir haben uns nichts mehr zu sagen.“

Ich habe Wichtigeres zu tun, das wollte er ihr damit sagen. „Ich bin krank“, sagte Ariel daher schnell, obgleich ihr schon jetzt klar war, dass sie vergebens gekommen war. Denn Jacob Wolff war nicht der Mann, der sich von einer Frau einspannen ließ.

Er sah sie misstrauisch an. „Soll das ein Witz sein?“

„Nein. Ich bin krank. Deshalb möchte ich, dass Sie vorübergehend mein ständiger Begleiter sind.“

Diesmal schien er zu begreifen, dass sie es ernst meinte. „Erzählen Sie von Anfang an“, sagte er weich. „Ich werde Sie nicht unterbrechen, denn ich möchte Ihnen helfen. Sie können mir vertrauen.“

„Vor ein paar Monaten habe ich mit meiner Mutter eine Reise an den Amazonas gemacht. Sie hat Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium, und ich wollte noch einen Urlaub mit ihr verbringen, bevor sie dazu nicht mehr in der Lage war.“

„Das tut mir leid.“

„Ja, mir auch. Aber sie hat sich mit ihrem Tod abgefunden.“

„Und Sie?“

Sie senkte den Blick und schwieg ein paar Sekunden. „Noch nicht ganz. Wir beide hatten immer ein enges Verhältnis, und so kann ich mir ein Leben ohne sie nicht recht vorstellen. Wie dem auch sei, meine Mutter reist für ihr Leben gern. Und den Amazonas zu sehen, war immer ein Traum von ihr.“

„Und? Ging alles gut?“

„Mit meiner Mutter schon. Aber ich wurde krank.“

Unwillkürlich richtete er sich auf und sah sie scharf an. „Was ist passiert?“

„Nach fünf Wochen wollten wir eigentlich zurück nach Hause fliegen. Aber da erkrankte ich an Malaria.“

„Hatten Sie denn nicht vorbeugend Medikamente eingenommen?“

„Doch. Aber offenbar hatte ich einen Erreger erwischt, gegen den die Medikamente wirkungslos waren. An die ersten drei oder vier Tage kann ich mich kaum erinnern. Es war schrecklich. Wir waren mitten im Dschungel, und ich war zu krank, um zu reisen. Der Reiseleiter hat schließlich einen Medizinmann herbeigeschafft, der mich behandelt hat.“

Jacob war entsetzt. „Oh Gott, Sie hätten sterben können.“

„Ich weiß. Aber irgendwie müssen die Kräuter und Beschwörungen“, sie lachte leise, „etwas genützt haben, denn es ging mir besser.“

„Und dann?“

„Wir flogen zurück. Und da ich in den nächsten Tagen nur ein paar Stunden zur Synchronisation ins Studio musste, konnte ich mich zu Hause ausruhen.“

„Sie müssen unbedingt Ihr Blut untersuchen lassen, damit man den Erregertyp identifizieren und Ihnen das richtige Gegenmittel verschreiben kann. Aber das ist sicher schon geschehen, oder?“

„Nein …“

„Aber warum denn nicht? Um Himmels willen, Ariel, mit Malaria ist nicht zu spaßen!“ Jacob war außer sich.

„Deshalb bin ich doch gekommen. Vor drei Wochen hatte ich einen neuen Fieberanfall, nicht so schlimm wie der erste, aber immerhin. Ich kann es mir einfach nicht leisten, zu einem normalen Arzt zu gehen. Wenn das rauskommt, ist die Hölle los.“

„Aber warum denn? Sie sind krank. Das kann doch jedem passieren.“

„Es steht zu viel auf dem Spiel. In zehn Tagen beginnen die Aufnahmen für einen Film, der für meine Karriere ungeheuer bedeutend ist. Dieser Film ist oscarverdächtig. Deshalb haben sich auch fünf andere berühmte Schauspielerinnen um die Rolle beworben. Wenn herauskommt, dass ich möglicherweise während der Aufnahmen krank werden könnte, bin ich die Rolle los.“

Er sah sie fassungslos an. „Dann ist Ihnen Ihre Karriere wichtiger als Ihre Gesundheit?“

Der verächtliche Tonfall machte sie wütend. „Das können Sie überhaupt nicht beurteilen!“, fuhr sie ihn an. „Sie haben doch keine Ahnung, wie mein Leben aussieht! Kein Wunder, dass Sie nicht viele Patienten haben, denn Sie sind ein arroganter Mistkerl!“

Minutenlang starrten sie sich nur an, dann gab Jacob nach. „Entschuldigen Sie“, sagte er steif. „Ich hatte versprochen, Sie nicht zu unterbrechen. Bitte, fahren Sie fort.“

Das nahm Ariel den Wind aus den Segeln, und sie sah ihr Gegenüber verblüfft an. Nur selten entschuldigten sich Männer in einer solchen Situation. Und noch seltener wirkten sie dabei weder kleinlaut noch verlegen. Wie Jacob Wolff, der sie gefasst und ernst musterte.

„Ich liebe meinen Beruf“, sagte sie und setzte sich gerade hin. „Und ich würde lügen, wenn ich behauptete, die Karriere sei mir unwichtig. Dies ist endlich mal eine Rolle, wo ich nicht das blonde Dummchen spiele, sondern zeigen kann, dass ich eine ernsthafte Schauspielerin bin. Außerdem wird die Rolle sehr gut bezahlt. Und da meine Mutter keine Krankenversicherung hat, und ich all ihre Rechnungen übernehme, kann ich kaum auf die Gage verzichten.“

„Oh …“

„Außerdem tue ich es auch für meine Mutter. Sie weiß, was normalerweise über mich geschrieben wird. Ich möchte, dass sie wenigstens einmal stolz auf mich ist.“

Eine Zeit lang saß Jacob nur schweigend da und blickte nachdenklich vor sich hin. „Gegen Ihre Motive ist nichts einzuwenden“, sagte er dann langsam. „Obwohl ich vermute, dass Ihre Mutter schon jetzt stolz auf Sie ist. Sie beide hängen doch sehr aneinander.“

„Ja, das stimmt“, flüsterte Ariel kaum hörbar. Die Vorstellung, in absehbarer Zeit allein zu sein, schnürte ihr die Kehle zu. Doch sie riss sich zusammen. „Kurzum, ich muss diesen Film machen. Aber der nächste Fieberanfall hängt wie ein Damoklesschwert über mir. Deshalb möchte ich Sie als eine Art Leibarzt für die Dauer der Filmaufnahmen anstellen.“

„Wird das nicht einen merkwürdigen Eindruck machen und erst recht Verdacht erregen?“

„Genau. Deshalb sollen Sie ja auch meinen Freund spielen. Keiner wird herauskriegen, dass ich krank bin. Sie werden immer an meiner Seite sein. Und wenn sich ein Fieberschub ankündigt, werden Sie mich behandeln, sodass die Ausfallzeit minimal ist. Für die anderen werden Sie einfach nur mein fester Freund sein, der eben zufällig Arzt ist. Das, und dass Sie Jacob Wolff sind, wird sich sowieso nicht verheimlichen lassen.“

Unschlüssig schüttelte er den Kopf. „So wie Sie es sagen, hört sich das alles sehr leicht an. Aber ich bin Realist, Ariel. Und ich weiß, dass ich niemandem etwas vormachen kann. Ich habe keinen Tropfen Schauspielerblut in meinem Körper.“

„Das kann sein, aber dafür haben Sie einen sehr aufregenden Körper. Mehr brauche ich nicht. Außer Ihre ärztlichen Fähigkeiten natürlich.“

Wenn sie geglaubt hatte, ihn verlegen zu machen, so hatte sie sich gründlich getäuscht. Jacob Wolff warf ihr einen kalten Blick zu. „Wie kommen Sie auf die Idee, ich könnte ein solches Angebot auch nur in Erwägung ziehen? Ich habe hier meine Arbeit, meine Forschung. Weshalb sollte ich das aufgeben?“

Normalerweise hätte Ariel jetzt all ihre weiblichen Tricks hervorgeholt, um ihn umzustimmen. Aber irgendwie wusste sie, dass sie damit keinen Erfolg haben würde. Sie sah ihm direkt in die Augen. „Aus den gleichen Gründen, aus denen Sie auch Arzt geworden sind. Sie möchten gebraucht werden. Und ich brauche Sie, Jacob Wolff. Sie und keinen anderen. Werden Sie mir helfen?“

2. KAPITEL

Es fiel Jacob sehr schwer, ein Pokergesicht aufzusetzen. Verdammt, er hatte sich von einer Zweiundzwanzigjährigen in die Enge treiben lassen! Aber es war ihm unmöglich, von dem, was Ariel Dane ihm erzählt hatte, nicht beeindruckt zu sein. Wenn sie sterben würde, was bei einem schweren Rückfall durchaus möglich war, könnte er sich ihren Tod nie verzeihen. Schließlich hatte er als Arzt geschworen, wissentlich nie jemandem Leid zuzufügen. Wenn er sie jetzt hier aus der Tür gehen ließ, würde er gegen alles verstoßen, was ihm heilig war.

Zwar widerstrebte es ihm, den Retter oder gar Helden zu spielen, aber er hatte zu viel Erfahrung mit dem Tod. Zu oft hatte er Menschen sterben sehen. Seine Mutter, seine Verlobte, seinen Freund Eddie. Deshalb blieb ihm eigentlich gar keine andere Wahl, trotz der Unruhe, die diese zwei Monate in sein Leben bringen würden. Doch die eigentliche Gefahr lag darin, dass er schon jetzt Gefühle bei sich feststellte, die in der Beziehung zwischen Arzt und Patientin nichts zu suchen hatten. „Wann brauchen Sie mich?“, fragte er knapp und ging in Gedanken seinen Terminkalender durch.

„In ungefähr zehn Tagen.“

„Und wo werden wir unsere Liebesgeschichte aufführen? Hoffentlich nicht in irgendeiner finsteren Industriestadt.“

„Nein.“ Sie lachte leise, froh, dass er anfing, die Sache mit Humor zu nehmen. „Die Außenaufnahmen werden auf Antigua gedreht. Sonne, Sand und Sangria.“

„Ich mache mir nicht viel aus Alkohol. Ist das ein Problem, ich meine, was mein Image als Ihr ständiger Begleiter betrifft?“

„Nein. Ich selbst trinke auch kaum Alkohol. Höchstens mal ein Glas Wein.“

Tatsächlich? Er warf ihr einen skeptischen Blick zu, beschloss dann aber, ihr zu glauben. „Falls ich einverstanden wäre, wie lange würde die Sache dauern?“

Hoffnungsvoll leuchteten ihre Augen auf, und das rührte ihn gegen seinen Willen. „Der Regisseur meint, in zehn Wochen fertig zu sein. Dann geht es zurück nach Los Angeles, wo alle Innenaufnahmen im Studio gemacht werden. Doch Sie könnten schon nach Wolff Mountain zurückkehren.“

„Und wenn Sie dann in der Zeit krank werden?“

„Meine Mutter und meine Freunde können auf mich aufpassen. Entscheidend ist aber, dass der Regisseur und der Produzent mich zu dem Zeitpunkt nicht mehr feuern können. Sie müssten warten, bis es mir wieder besser ginge.“

„Das scheinen Sie sich alles sehr genau überlegt zu haben.“

„Das musste ich. Ich habe vielleicht keine akademischen Abschlüsse wie Sie, Doc, aber eine ganze Menge praktischer Lebenserfahrung.

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