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Sinnlicher Maskenball in Venedig

1. KAPITEL

Es konnte gar nicht sein! Valentina D’Angelis Blick war auf den Teststreifen in ihrer Hand gerichtet. Ihre Finger zitterten. Die blaue Linie sagte ihr eindeutig, dass sie ein Kind erwartete.

Es war absurd. Und doch nicht völlig unmöglich.

Tina schauderte. Die Nacht des Maskenballs war die verrückteste Nacht ihres Lebens gewesen. In dieser Nacht hatte sie sich über alle Tabus hinweggesetzt. Sie hatte ein einziges Mal in ihrem Leben die Frau sein wollen, die sie nie hatte sein dürfen. Eine Frau, die aus purer Lust mit einem fremden Mann schlief. Und am nächsten Morgen verschwand, ohne sich noch einmal umzusehen.

Eine einzige Nacht lang hatte sie sich leidenschaftlich und verführerisch geben wollen, um ihre Schüchternheit ein für alle Mal zu überwinden. Sie wollte wie all die anderen Frauen in ihrem Alter sein – selbstbewusst, erfahren und souverän.

Seufzend nahm Tina einen neuen Teststreifen aus der Verpackung. Irgendetwas musste mit dem ersten Streifen nicht in Ordnung sein. Zumindest hoffte sie, es wäre so.

Rein theoretisch war diese Nacht eine gute Idee gewesen. In der Praxis jedoch hatte es ganz anders ausgesehen. Selbst mit der Maske, die ihr eine gewisse Anonymität verlieh, hatte sie sich nicht so hemmungslos geben können wie geplant. Dabei war sogar ihre Freundin Lucia von der Idee überzeugt gewesen.

„Du musst endlich mal mit einem Mann schlafen, Tina“, hatte Lucia sie gedrängt.

Tina war errötet und hatte gar nicht gewusst, was sie sagen sollte. Ihre Freundin hatte recht. Sie war vierundzwanzig Jahre alt und immer noch Jungfrau. Sie hatte es satt. Aber sie hatte nicht wirklich geglaubt, dass sie in dieser Nacht ihre Unschuld verlieren würde. Sie hatte getanzt und versucht, ein wenig zu flirten. Doch als ihr Tanzpartner sie an sich zog und ihr seine Knoblauchfahne in die Nase stieg, wusste sie, dass sie es nicht konnte. Sie stieß ihn von sich und floh aus dem Palazzo, hinaus an einen der unzähligen Kanäle Venedigs. Tief atmete sie die frische Luft ein. Hier war es angenehm ruhig und kühl.

Und in diesem Moment tauchte er auf. Nicht der Mann, vor dem sie geflohen war, sondern der, mit dem sie die Nacht verbringen würde. Groß und dunkelhaarig, trug er einen eleganten schwarzen Samtanzug und eine seidene Maske über den Augen.

Er zog sie sofort in seinen Bann. Und sie ließ sich bereitwillig von ihm verführen. Er hatte sie so zärtlich geliebt, dass ihr allein bei der Erinnerung daran Tränen in die Augen stiegen.

„Keine Namen“, hatte er ihr ins Ohr geflüstert. „Keine Gesichter.“

Das war es, was die Magie zwischen ihnen ausgemacht hatte. Und dennoch – sie hätte nur zu gern gewusst, wer er war. Es hatte sie traurig gemacht, dass sie es wohl nie herausfinden würde.

Tina schluckte, als das vertraute Gefühl der Beklemmung sie wieder überkam. Manchmal war es besser, wenn man nicht alles wusste. Sie wünschte, sie hätte es immer noch nicht gewusst.

Als das Mondlicht das Gesicht des schlafenden Fremden neben ihr erhellte, hatte sie sich nicht zurückhalten können. Vorsichtig hatte sie die Maske hochgeschoben. Ihr stockte noch immer der Atem, wenn sie an diesen Moment dachte.

Er hatte seelenruhig weitergeschlafen, während sie nach Luft rang. Er war nicht einmal aufgewacht, als sie aus dem Bett sprang und mit wild klopfendem Herzen in dem dunklen Hotelzimmer stand und auf ihn herabsah.

Musste es ausgerechnet dieser Mann sein?

Im nächsten Moment hatte sie nicht mehr klar denken können. Panisch hatte sie sich angezogen und war, so leise sie konnte, aus dem Zimmer geflohen.

Tina seufzte, während sie auf den neuen Teststreifen in ihrer Hand starrte. Das Universum hatte sich offenbar einen Scherz mit ihr erlaubt. Oder es wollte sie bestrafen. Dafür, dass sie mit einem fremden Mann geschlafen hatte.

Dabei war er gar kein Fremder. Sie kannte ihn, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Er war immer ihr großer Schwarm gewesen.

Tina biss sich auf die Lippe. Die Sekunden schienen in Zeitlupe zu verstreichen.

Dann hatte sie die Antwort. Diese war ebenso eindeutig und schockierend wie beim ersten Versuch.

Schwanger.

„Da ist eine Frau, Signore Marchese“, informierte ihn der Ober.

Niccolo Gavretti, der Marchese di Casari, saß in einem exklusiven Hotelrestaurant in Rom und warf ihm einen unbeeindruckten Blick zu.

Da war immer eine Frau. Frauen waren nun einmal sein liebstes Hobby. Jedenfalls solange sie nicht mehr forderten, als er zu geben bereit war. Und solange sie nicht glaubten, er sei ihnen etwas schuldig, bloß weil er mit ihnen schlief.

Nein, er liebte Frauen – aber nur zu seinen Bedingungen.

„Wo ist sie, und was will sie?“, fragte er mit einem resignierten Unterton.

„Sie weigert sich hereinzukommen, mein Herr“, entgegnete der Ober ein wenig ungehalten.

Nico winkte ab. „Dann sagen Sie ihr, dass ich keine Zeit für sie habe.“

Der Ober nickte. „Wie Sie wünschen, mein Herr.“

Nico richtete den Blick wieder auf die Papiere vor ihm auf dem Tisch. Er hatte sich an diesem Morgen mit einem Geschäftspartner zum Frühstück verabredet und war gerade dabei, in Ruhe noch einen Kaffee zu trinken und die Zeitung zu lesen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass eine Frau in seinem Hotel auftauchen würde. Sonderlich überrascht war er allerdings auch nicht. Es wäre nicht das erste Mal, dass ihm eine seiner Geliebten nachstellte.

Einige Sekunden später stand der Ober erneut vor seinem Tisch. Es schien ihm furchtbar peinlich zu sein.

„Mein Herr, ich bitte vielmals um Entschuldigung wegen der erneuten Störung.“

Stirnrunzelnd ließ Nico die Zeitung sinken. Während der letzten Wochen hatten seine Nerven ständig blank gelegen, nicht zuletzt wegen all der Probleme, die sein Vater ihm nach seinem Tod hinterlassen hatte.

„Ja, Andres?“

„Die Dame sagt, sie müsste wirklich dringend mit Ihnen sprechen. Unter vier Augen. Sie möchte, dass Sie sie in ihrem Zimmer aufsuchen.“

Nico verdrehte die Augen. Er war einer der weltbesten Grand-Prix-Motorradfahrer. Erst vor einigen Monaten hatte er den Weltmeistertitel gewonnen. Die Frauen rissen sich um ihn. Sie ließen sich alles Mögliche einfallen, nur um sein Interesse zu wecken. Manchmal ließ er sich darauf ein – wenn er gerade Lust dazu hatte.

Heute hatte er keine Lust.

„Richten Sie ihr bitte aus, dass ich keine Zeit habe“, wies er den Ober an und sah auf seine Uhr. „Ich habe gleich noch einen Termin.“

Dieser sah ihn unbewegt an. Dann zog er eine Karte aus seiner Schürzentasche. „Sie hat mich gebeten, Ihnen das hier zu geben, mein Herr.“

Nico warf einen Blick auf die Visitenkarte. Sie war schlicht weiß, bis auf ein großes D in einer Ecke. Es war der Name auf der Rückseite der Karte, der sein Herz einen Schlag aussetzen ließ.

Valentina D’Angeli.

Sofort stieg die vertraute Wut in ihm hoch. Valentinas Bruder, Renzo D’Angeli, war sein größter Rivale auf der Rennbahn. Und zugleich sein schärfster Konkurrent in der Motorradbranche.

Vor langer Zeit jedoch waren sie beste Freunde gewesen. Damals hatten sie gemeinsam an einer Maschine getüftelt, die alles bisher Dagewesene übertreffen sollte. Bis es zu einem bitterbösen Streit zwischen ihnen gekommen war.

Es war lange her, doch es machte ihn noch immer furchtbar wütend. Und traurig.

Ein weiterer Blick auf die Karte, und Nico versuchte, sich an das Mädchen zu erinnern. Sie war noch ein Teenager gewesen, als er sie zuletzt gesehen hatte. Valentina D’Angeli. Sie müsste inzwischen Mitte zwanzig sein, überlegte er.

Valentina war ein süßes Mädchen gewesen, aber sie war unglaublich schüchtern. Ihr Bruder Renzo war davon so genervt gewesen, dass er sie in ein renommiertes Internat schicken wollte, in der Hoffnung, dass eine gute Ausbildung ihr ein wenig mehr Selbstbewusstsein verleihen würde.

Nico hatte versucht, Renzo von der Idee abzubringen. Er wusste, wie es war, wenn man von der Familie fortgeschickt wurde. Er hatte sich im Internat furchtbar einsam gefühlt, obwohl er viele Freunde hatte. Er hatte es gehasst. Dieses Gefühl, dass er seinen Eltern im Weg stand. Dass sie ihn loswerden wollten, weil er zu Hause störte.

Nico runzelte die Stirn. Er hatte damals gar nicht so falsch­gelegen mit seinen Vermutungen. Das hatte er jedoch erst Jahre später herausgefunden.

Dennoch hatte die teure Ausbildung sich bezahlt gemacht. Sicher hatte sie auch Valentina geprägt. Der Rohdiamant würde inzwischen auf Hochglanz geschliffen sein.

Aber warum war sie hier?

Zimmer 386 stand unter ihrem Namen. Eigentlich sollte er die ganze Sache ignorieren. Einfach aufstehen, hoch in sein Zimmer gehen und so tun, als wäre nichts passiert.

Aber das konnte er nicht. Er musste herausfinden, was sie von ihm wollte. Sicher hatte Renzo sie geschickt. Aber aus welchem Grund? Er hatte Renzo zuletzt beim Grand Prix in Dubai gesehen. Dieser hatte seine Karriere an diesem Tag offiziell beendet. Soweit Nico informiert war, hatte er danach seine Sekretärin geheiratet und war nun dabei, Kinder in die Welt zu setzen. Er lebte mit seiner Familie irgendwo in der Toskana.

Nico hatte ein mulmiges Gefühl. Renzo fuhr zwar keine Rennen mehr, war allerdings immer noch sein größter Konkurrent im Geschäft. Und wenn er seine Schwester zu ihm schickte, dann führte er etwas im Schilde.

Tina war nervös. Mit verschränkten Armen stand sie am Fenster und beobachtete die Autos auf der Straße unter ihr. Sie wusste nicht, ob er kommen würde. Was wäre, wenn er nicht kam? Würde sie es wagen, ihn in seinem Büro aufzusuchen? Oder sollte sie direkt zu seiner Villa fahren?

Das Problem war nur, dass er mehr als eine Villa besaß. Außerdem hatte sich in den letzten zwei Monaten, seit sie die Nacht mit ihm verbracht hatte, viel in seinem Leben verändert. Sein Vater war gestorben, und Nico war nun der Marchese di Casari. Ein wichtiger Mann. Er war nicht mehr der Junge, der damals endlos viel Zeit damit verbracht hatte, mit ihrem Bruder an Motorrädern herumzuschrauben.

Möglicherweise erinnerte Nico sich nicht einmal mehr an sie. Schließlich waren er und Renzo schon lange keine Freunde mehr. Und sie war damals so unscheinbar und schüchtern gewesen. Ein unauffälliges kleines Mädchen, das zu den Jungs in die Garage geschlichen kam und sie schweigend bei der Arbeit beobachtete. Nicht gerade jemand, an den man sich erinnerte.

Aber das alles war nun so lange her. Fast schien es, als wäre es in einem anderen Leben passiert. Und nun stand sie hier und war von ihm schwanger. Tina stiegen die Tränen in die Augen. Wie hatte das bloß passieren können? Es war doch bloß eine einzige Nacht gewesen. Eine einzige wunderbare Nacht voller Erotik und Leidenschaft, in der sie ausnahmsweise mal in eine andere Rolle geschlüpft war.

Sie hatte es damals schrecklich gefunden, so schüchtern zu sein. Und sie litt auch heute noch darunter. Sosehr sie sich auch anstrengte, selbstbewusst zu wirken, innerlich war sie noch immer dasselbe schüchterne Mädchen von damals. Und für diese eine Nacht, in der sie endlich einmal aus sich herausgegangen war, war sie sofort bestraft worden. Es war einfach nicht fair.

Hätte sie auch nur die leiseste Ahnung gehabt, um wen es sich bei ihrem mysteriösen Liebhaber handelte, hätte sie die Flucht ergriffen. Sie hätte sich niemals fallen lassen können in dem Wissen, dass der Mann, der ihr die Kleidung vom Leib riss, der war, von dem sie ihr Leben lang geträumt hatte.

Damals war er ihr großes Idol gewesen. Sie war vierzehn gewesen und er zwanzig und hatte wahnsinnig gut ausgesehen. Sie hatte sich in seiner Nähe nie entspannen können, obwohl er immer nett zu ihr war. Sobald er sie auch nur anlächelte, hatte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen können und kein Wort mehr herausgebracht.

Und dann, als sie sich eines Tages mal wieder in die Garage schlich, um sein hübsches Gesicht zu sehen, war er nicht mehr da gewesen. Sie hatte ihn nie wiedergesehen. Und Renzo hatte sich geweigert, darüber zu sprechen. Monatelang hatte sie nachts im Bett an Nico denken müssen und gebetet, dass er wiederkommen möge.

Tina zuckte zusammen, als es an der Tür klopfte. Ihr Herz begann zu rasen. War es überhaupt richtig, dass sie hier war? Sollte sie es ihm wirklich sagen?

Er würde ausflippen. Es wäre ein Schock für ihn. Andererseits hatte Nico das Recht, zu erfahren, dass er Vater wurde. Sie selbst hatte ihren Vater nie kennengelernt. Und ihre Mutter hatte sich geweigert, ihr zu verraten, wer er war. Das würde sie ihrem eigenen Kind nicht antun.

Entschlossen sprang Tina auf und riss die Tür auf, bevor sie es sich anders überlegen konnte.

Der Mann, der vor ihr stand, war groß, dunkelhaarig und unglaublich attraktiv. Eine erwachsene Ausgabe des hübschen jungen Mannes, in den sie sich vor so vielen Jahren verliebt hatte. Sofort bekam sie weiche Knie.

Er wirkte angespannt, als ihre Blicke sich trafen. Unsicher schlug sie die Augen nieder, während er sie prüfend musterte. Sie trug einen Blazer mit einem blauen Seidentop darunter, einen knielangen Rock und hochhackige Pumps. Sie wusste, dass sie in diesem Outfit elegant und erwachsen wirkte. In diesem Moment jedoch kam sie sich vor wie der verklemmte Teenager von damals.

„Valentina?“

In seiner Stimme schwang Ungläubigkeit mit. Und dieser erotische Unterton, der sie in Venedig so in seinen Bann gezogen hatte. Wie hatte sie bloß nach all den Jahren seine Stimme vergessen können? Daran hätte sie ihn doch sofort erkennen müssen. Dann wäre sie jetzt nicht in dieser unmöglichen Situation.

„Schön, Sie wiederzusehen, Signore Gavretti.“

Tina trat einen Schritt zurück, um ihn hereinzulassen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hatten eine wunderschöne Nacht in Venedig zusammen verbracht, und nun stand Nico vor ihr und hatte keine Ahnung, dass sie die Frau war, mit der er geschlafen hatte. Tina hatte fast geglaubt, er würde sie erkennen, wenn er sie sah. Er würde spüren, dass sie die Frau war, die er in jener Nacht vor zwei Monaten so leidenschaftlich geliebt hatte.

Doch er erkannte sie nicht. Und für einen Moment versetzte ihr diese Erkenntnis einen Stich. Wie albern von ihr. Er war schließlich kein Hellseher.

„Kommen Sie rein“, forderte Tina ihn auf.

Als er über die Schwelle trat, rang sie unmerklich nach Luft. Seine plötzliche Anwesenheit überforderte sie. Es fühlte sich an wie in jener Nacht, als sie ihm willenlos ergeben war. Sie hatte alles gemacht, was er wollte. Hingebungsvoll und hemmungslos. Und alles andere als schüchtern.

Allein bei der Erinnerung daran wurde ihr heiß. Was er wohl von ihr denken würde, wenn er es wüsste?

„Tee?“, fragte sie und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Ihre Hand zitterte, als Tina nach der Kanne griff.

„Nein, danke“, erwiderte Nico kühl.

Schweigend schenkte sie sich eine Tasse ein – natürlich war es kein schwarzer Tee. Als sie sich wieder umdrehte, erstarrte sie und wich einen Schritt zurück. Nico stand direkt vor ihr und sah sie mit seinen grauen Augen herausfordernd an. Am liebsten hätte sie die Hand ausgestreckt, um ihm über die Wange zu streichen. So wie in der Nacht vor einigen Wochen. Mittlerweile schien es ihr, als wäre das alles in einem anderen Leben passiert.

„Du hast mich doch sicher nicht hierher gebeten, um mit mir Tee zu trinken“, erklärte er finster. „Sag mir einfach, was dein Bruder will. Dann haben wir das erledigt.“

Tina blinzelte erstaunt. Das warme Gefühl, das sich eben noch in ihr breitgemacht hatte, war bei seinen Worten sofort verflogen.

„Renzo weiß gar nicht, dass ich hier bin“, rechtfertigte sie sich. Renzo würde ausrasten, wenn er wüsste, dass sie sich mit Nico traf.

Irgendwann jedoch würde er sowieso alles erfahren. Wenn er herausfand, dass sie schwanger war, würde er wissen wollen, wer der Vater war. Und dann würde die Hölle über sie hereinbrechen.

Tina stellte die Tasse ab und presste ihre Hand an die Stirn. Was für ein Schlamassel! Und sie hatte keine Ahnung, wie sie damit umgehen sollte.

Nicos Lächeln war eisig. Sein Blick glitt erneut über ihren Körper.

„Du bist eine hübsche junge Frau geworden, Valentina. Dein Bruder ist bestimmt sehr stolz auf dich.“

Tina hätte am liebsten gelacht. Für Renzo war sie bloß eine Last. Er kümmerte sich um sie, und sie wusste, dass er sie liebte. Aber er sah in ihr nicht mehr als die dumme kleine Schwester. Seit einer gefühlten Ewigkeit lag sie ihm damit in den Ohren, dass sie für ihn arbeiten wollte. Doch er sah ihr Potenzial einfach nicht.

„Du bist eine D’Angeli“, hatte er erklärt. „Du hast es nicht nötig zu arbeiten.“

Nein, sie musste nicht arbeiten. Aber sie wollte es. Und wenn ihr Bruder sich nicht umstimmen ließ, dann würde sie eben anfangen, sich anderweitig nach einem Job umzusehen. Dabei war sie sich so sicher, dass sie bei D’Angeli Motors am besten aufgehoben war. Immerhin hatte sie ihr Studium des Finanz- und Rechnungswesens mit Auszeichnung abgeschlossen. Und zurzeit konnte sie gar nichts damit anfangen, von kleineren Börsengeschäften mit den Auszahlungen aus ihrem Treuhandfonds einmal abgesehen. Es machte sie verrückt, ihre Kenntnisse nicht anwenden zu können.

„Hast du eine Ahnung! Du kennst meinen Bruder doch gar nicht mehr …“

Nicos Miene verhärtete sich für einen Augenblick. Tina war selbst überrascht, wie verbittert sie beim Gedanken an Renzo klang.

„Willst du mir nicht endlich sagen, was du von mir willst?“, fragte er schließlich ungeduldig.

Tina seufzte und sank auf die Couch. Sie nahm einen kleinen Schluck Tee, in der Hoffnung, dass es ihren Magen ein wenig beruhigte. Vielleicht hätte sie am Morgen doch etwas essen sollen. Aber der Anblick der verschiedenen Wurst- und Käsesorten auf ihrem Frühstückstisch hatte lediglich dafür gesorgt, dass ihr wieder übel wurde.

„Ich weiß einfach nicht, wie ich anfangen soll, Signore“, gestand sie und schlug die Augen nieder.

„Es gab einmal eine Zeit, da hast du mich Nico genannt“, erinnerte Nico sie. „Wenn du dich mal überwunden hast, überhaupt mit mir zu sprechen.“

Die Erinnerung an damals ließ Tina erröten. Sie hatte kaum je ein Wort herausbekommen, wenn er da war. Und es ging ihr in diesem Moment nicht anders. Er wirkte angespannt und fast etwas bedrohlich, wie er da vor ihr stand und auf sie herabblickte.

Wenn er nur wüsste, wen er da vor sich hatte …

Sie musste ein hysterisches Lachen unterdrücken. Dabei war ihr gar nicht nach Lachen zumute. Gleich würde sie es ihm sagen.

„Das ist lange her“, erwiderte sie. „Damals war das Leben noch einfacher als jetzt.“

Ihr entging nicht, wie seine Gesichtsmuskeln bei ihren Worten zuckten. Doch schon im nächsten Moment hatte er sich wieder im Griff.

„Das Leben ist nie einfach, cara. Es scheint nur so, als wäre früher alles einfacher gewesen.“

„Was ist zwischen dir und Renzo vorgefallen?“

Sofort bereute sie ihre Worte. Sie wusste genau, dass er nicht darüber sprechen wollte.

„Wir sind einfach keine Freunde mehr. Das ist alles.“

Seufzend lehnte sie sich zurück. Sie hatte schon damals um jeden Preis wissen wollen, warum Nico nicht mehr zu ihnen kam. Monatelang hatte sie gehofft, die beiden hätten bloß einen Streit gehabt und würden sich schon wieder vertragen. Aber sie hatte ihn nie wiedergesehen.

Ihr Magen rumorte erneut, und sie strich sich mit der Hand über den Bauch, als könnte sie das unangenehme Gefühl dadurch ausschalten.

Überrascht sah sie auf, als Nico plötzlich vor ihr kniete. Das Grau seiner Augen erinnerte sie an Gewitterwolken. Es machte ihr Angst. Als könnte das Unwetter jeden Moment losbrechen.

Doch in diesem Moment wirkte er bloß besorgt. Irgendwie rührte sie das.

„Was ist los, Valentina? Du siehst … irgendwie grün aus im Gesicht.“

Tina schluckte und unterdrückte das Gefühl der Übelkeit mit aller Macht.

„Ich bin schwanger“, stieß sie leise hervor. Das Blut rauschte ihr in den Ohren.

„Ich gratuliere.“ Sein Blick sagte ihr, dass Nico es ehrlich meinte. Wieder musste sie ein nervöses Lachen unterdrücken.

„Danke“, antwortete sie. Langsam brach ihr der Schweiß aus. Sie stellte die Teetasse auf dem Tisch ab und zog umständlich ihre Jacke aus. Er streckte den Arm aus, um ihr behilflich zu sein.

Sein Gesichtsausdruck war nun etwas sanfter. Dennoch spürte sie seine Anspannung. Ein falsches Wort, und Nico würde explodieren.

Tina schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Konzentrier dich.

„Kann ich dir irgendetwas bringen?“, fragte er höflich.

„Könntest du mir vielleicht die Schale mit den Keksen auf dem Tisch reichen?“, bat sie ihn erschöpft.

Er nickte, und sie zwang sich, einen Schokoladenkeks zu essen, um wieder etwas zu Kräften zu kommen.

„Wenn du mir jetzt vielleicht noch sagen könntest, warum wir hier sind, wäre ich dir wirklich dankbar. Wie gesagt, ich habe viel zu tun …“, begann er erneut.

„Ja“, antwortete sie. „Natürlich.“ Was würde er bloß sagen? Wäre er bereit, sie zu unterstützen? Oder würde er sich sofort aus dem Staub machen? Eigentlich war es egal. Sie war stark genug, dieses Kind allein großzuziehen.

Sie schluckte die letzten Kekskrümel hinunter und ließ sich wieder gegen die Couchlehne sinken.

„Ich habe gar nicht mitbekommen, dass du geheiratet hast“, murmelte Nico.

Resigniert sah sie ihn an. „Ich bin nicht verheiratet.“

Ein unangenehmes Schweigen breitete sich aus.

„Ah“, sagte Nico schließlich und nickte.

Tina wusste genau, was er dachte. Und es machte sie wütend.

„Ich hatte es nicht geplant, falls du das jetzt denkst. Aber ich werde mich auch nicht für mein Kind schämen.“

„Das musst du auch gar nicht“, versuchte er sie zu beruhigen. Es nützte nichts. Sie wusste genau, wie Leute aus reichen Familien dachten. Die Erfahrung hatte sie schon damals im Internat gemacht, als die anderen Mädchen sie wie eine Außenseiterin behandelten, bloß weil sie keinen Vater hatte. Und weil ihre Mutter Kellnerin war und nie geheiratet hatte, obwohl sie Kinder hatte.

Diese Mädchen hatten ihr das Leben zur Hölle gemacht. Und mit ihrer Schüchternheit war sie ein leichtes Opfer für sie gewesen. Diese verdammten Snobs! Bis auf Lucia natürlich.

Verärgert krallte Tina die Finger in das Kissen neben sich. Nico gehörte auch zu diesen Leuten aus reicher, adliger Familie. Und auch er verurteilte sie. Auch wenn er es nicht zugab. Am liebsten hätte sie sich irgendwo verkrochen.

Stattdessen wurde sie nun richtig wütend.

„Ich weiß genau, was du denkst. Du brauchst es gar nicht abzustreiten.“

Regungslos blickte er sie an. Er sah so unglaublich gut aus, wie er da vor ihr stand.

„Ich denke überhaupt nichts. Ich frage mich bloß, was das alles mit mir zu tun haben soll.“

Ihr Herz schien stillzustehen, während sie ihn betrachtete. Jetzt oder nie. Der Moment der Wahrheit war gekommen. Sie musste die Worte nur noch aussprechen.

„Es hat sehr viel mit dir zu tun“, stieß sie hervor. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Doch er hatte sie verstanden. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, wurde noch abweisender. Er war der Aristokrat, sie das uneheliche Kind.

„Ich wüsste nicht, was ich mit der Sache zu tun haben sollte. Ich habe dich fast zehn Jahre lang nicht gesehen. Und glaub mir“, erklärte er, während sein Blick über ihren Körper glitt, „ich würde mich daran erinnern, wenn es nicht so wäre.“

Tina errötete. Wieder hatte seine Stimme diesen erotischen Unterton, an den sie sich noch gut erinnern konnte. Als sie weitersprach, blickte sie ihm fest in die Augen.

„Nicht unbedingt“, sagte sie. „Es war schließlich dunkel, und wir haben … Masken getragen.“

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