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Sinnliche Überraschung

1. KAPITEL

Es war noch nicht hell, als Jasmine Byrne aufwachte. Was hatte sie geweckt? Vielleicht ein anderer Hochzeitsgast, der bis in die frühen Morgenstunden gefeiert und erst jetzt sein Hotelzimmer aufgesucht hatte?

Für eine Hochzeit ist es ein schönes Fest gewesen, dachte sie schläfrig. Ihre jüngere Schwester Sam war eine bezaubernde Braut gewesen und hatte wie ihr attraktiver Bräutigam Finn vor Glück gestrahlt.

Ihr Vater, Bischof in einem Vorort von Sydney, hatte stolz von der Kanzel geblickt und sich gefreut, eine weitere seiner vier Töchter trauen zu dürfen. Und ihre Mutter hatte sich wiederholt die Augen getupft und wieder einmal selbstsicher die Rolle der Brautmutter gespielt.

Schade nur, dass Connor Harrowsmith, Finns älterer Stiefbruder, der Trauzeuge gewesen war. Im Gegensatz zu sonst hatte er sich sogar mehr oder minder gut benommen. Er hatte seine Aufgabe treu erfüllt und sogar den drei Brautjungfern ohne den geringsten Spott Komplimente gemacht, bis er ihr, Jasmine, seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Freundlich hatte sie sein Lächeln erwidert, während sie insgeheim gekocht hatte. Sie war jedoch entschlossen gewesen, dass nichts und niemand den großen Tag ihrer Schwester verderben sollte.

Ja, sie verabscheute Connor, und er wusste es. Sie konnte es in seinen braunen Augen lesen, deren Blick er gestern viel zu oft auf sie gerichtet hatte. Dabei hatte sie den Eindruck gehabt, er würde sie necken, obwohl er kein Wort sagte, aber mit Sicherheit gedacht hatte: dreimal Brautjungfer, jedoch nie die Braut.

Wie ich ihn hasse, dachte sie, reckte sich ein wenig und erstarrte. Jemand lag neben ihr!

Jasmine hielt den Atem an und fragte sich, ob sie die Nachttischlampe anknipsen sollte, hatte jedoch Angst, dadurch den Schläfer zu wecken. Vorsichtig glitt sie an den Rand der Matratze, als die unbekannte Person sich bewegte und nach ihr tastete …

Sie sprang aus dem Bett und schaltete das Licht ein. „Du liebe Güte! Du!“ Entsetzt blickte sie Connor an, dessen athletischer Körper sich deutlich unter der dünnen Decke abzeichnete.

„Hallo, Jasmine, hast du gut geschlafen?“

Wütend nahm sie den Hotelbademantel und schlüpfte hinein. Sie trug nur einen BH und einen dazu passenden Slip. Das Set war zwar sehr teuer gewesen, aber freiwillig würde sie vor Connor bestimmt keine Peepshow abziehen.

„Verlass sofort mein Zimmer!“

Seelenruhig drehte er sich auf die Seite, wodurch die Decke nach unten glitt und seine nackte, muskulöse Brust und sein Waschbrettbauch sichtbar wurden. „Dein Zimmer?“ Er zog die Brauen hoch.

„Selbstverständlich ist es mein Zimmer. Und jetzt verschwinde, bevor ich den Sicherheitsdienst alarmiere.“ Sie riss sich von seinem Anblick los und schaute sich suchend nach ihrem Koffer um. Bestürzt stellte sie fest, dass er nicht da war. „Wo ist mein Gepäck?“

„In deinem Zimmer.“ Spöttisch betrachtete Connor sie, während er sich etwas aufrichtete, sich die Kissen in den Rücken schob und dann zurücklehnte.

„Du hast meine Sachen verschwinden lassen! Jetzt reicht’s mir. Ich werde sofort die Rezeption anrufen und …“, begann sie und wollte nach dem Telefon auf dem Nachttisch greifen, als Connor sie am Handgelenk festhielt.

„Das würde ich lieber nicht machen, wenn ich du wäre.“

„Lass mich los!“ Vergebens versuchte sie, sich zu befreien.

„Du wirst ziemlich dumm dastehen, wenn du dich bei der Hotelleitung beschwerst und selbst diejenige bist, die im falschen Zimmer ist.“

„Das bin ich nicht. Ich bin schließlich mit meinem Schlüssel hereingekommen.“

„Ich habe gestern Abend noch schnell etwas für Finn geholt und vergessen, wieder abzuschließen.“

„Das glaube ich dir nicht.“

Connor zuckte die Schultern und gab Jasmine frei. Ärgerlich rieb sie sich das Handgelenk, nicht weil es schmerzte, sondern um das Gefühl loszuwerden, das seine warmen Finger auf ihrer Haut hinterlassen hatten.

„Öffne doch die Tür, und überprüf die Zimmernummer“, forderte er sie auf.

Jasmine wandte sich verunsichert ab und durchquerte den Raum. Was war, wenn Connor die Wahrheit sagte? Wie würde sie damit fertig werden? Dann öffnete sie die Tür und errötete beim Anblick der Nummer. Es war nicht ihre. Es war schon schlimm genug, dass sie sich in einem fremden Zimmer befand, aber musste es ausgerechnet auch noch das von Connor sein?

Leise machte Jasmine sie wieder zu und tappte zurück. „Okay, ich bin hier nicht richtig. Das erklärt jedoch nicht, warum du dich in dieses Bett gelegt hast, ohne mich auf meinen Irrtum hinzuweisen.“

„Ich wollte dich nicht wecken.“

„Verflixt, du hattest nicht das Recht, die Situation auszunutzen!“

Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf, und sie bewunderte unwillkürlich seine muskulösen Arme.

„Woher willst du wissen, dass ich die Situation ausgenutzt habe?“ Langsam ließ er den Blick über sie schweifen.

Jasmine wurde immer nervöser. Ihr war entsetzlich warm. Normalerweise hatte sie sich gut im Griff, doch jetzt war ihr, als hätte Connor ihren Körper neu gepolt, während sie geschlafen hatte. Sie hatte keine Ahnung, was sie denken sollte. Was war in der Nacht passiert? Hatte er sie vielleicht angefasst oder gar geküsst oder …?

„Du schnarchst übrigens.“

„Das tue ich nicht.“

Unverhohlen betrachtete er sie. Ihre lockigen haselnussbraunen langen Haare waren zerzaust, und die graublauen Augen schienen Feuer zu sprühen. So bezaubernd wie jetzt hatte sie noch nie auf ihn gewirkt, nicht einmal am Tag zuvor in dem eisblauen Brautjungfernkleid, das ihre vortreffliche Figur wunderbar betont hatte.

„Reg dich ab, Jasmine. Bei mir bist du sicher.“

„Kein Mensch ist bei dir sicher.“

Er lachte und schlug die Decke zurück.

„Was willst du jetzt machen?“, fragte sie schrill.

„Aufstehen.“

Schon schwang er die Beine aus dem Bett, und Jasmine wandte sich abrupt ab. Ihr brannten die Wangen, sie atmete schnell und flach, und ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

„Streif dir um Himmels willen etwas über!“, stieß sie heiser hervor.

„Tut mir leid, aber meinen Bademantel hast du an“, erwiderte er trocken.

Ernsthaft überlegte sie, ob sie ihn ausziehen sollte. „Ich habe aber nichts zum Anziehen.“

„Die ewige Klage der Frauen.“

Dann hörte sie das leise Rascheln von Stoff, und wenig später fiel ihr Brautjungfernoutfit neben ihr auf den Boden.

„Nimm das, ich drehe mich solange um.“

Bestimmt tat er es nicht. Sie glaubte kein Wort, das aus seinem sinnlichen Mund kam, traute sich allerdings auch nicht, zu überprüfen, ob sie sich vielleicht irrte. Eilig schlüpfte sie in das Kleid und warf den Bademantel anschließend in Connors Richtung, ohne sich umzublicken.

„Du kannst dich jetzt wieder umdrehen“, informierte er sie kurz darauf.

Argwöhnisch folgte sie seiner Aufforderung und bemerkte erleichtert, dass er den Bademantel übergestreift hatte. Doch die Vorstellung, dass der weiße Frottee, der ihn nun einhüllte, nur Minuten zuvor ihren eigenen Körper bedeckt hatte, weckte ein seltsames Gefühl in ihr.

„Ich muss gehen.“ Sie stürzte auf die Tür zu und wäre dabei fast über ihre eigenen Füße gestolpert.

„Hast du nicht etwas vergessen?“, rief er ihr hinterher.

„Was denn?“ Sie sah über die Schulter zurück und entdeckte ihre Riemchensandaletten, die an Connors Zeigefinger baumelten. „Oh.“ Wohl oder übel kehrte sie um. „Vielen Dank.“ Sie wollte ihm die Schuhe entreißen, aber er hielt ihre Hand fest.

Dabei schaute er ihr tief in die Augen und begann, mit dem Daumen die Innenseite ihres Handgelenks zu streicheln. „Es war schön, das Bett mit dir zu teilen.“

Ihr Magen reagierte sogleich auf die Zärtlichkeit, und sie musste sich zwingen, Connors Blick nicht auszuweichen. „Hoffentlich habe ich dich nicht beim Schlafen gestört“, erwiderte sie so locker wie möglich.

„Doch, sogar sehr“, erwiderte er und zog sie so dicht an sich, dass sie seinen muskulösen Körper spürte – und seine wachsende Erregung. „Bitte“, stieß sie leise hervor, „lass mich los.“

„Das hast du letzte Nacht nicht gesagt.“

„Was soll das heißen?“

„Du warst eine kleine Verführerin“, antwortete er mit unergründlicher Miene.

Du liebe Güte, was war geschehen? Hatte sie sich ihm etwa an den Hals geworfen? Eigentlich konnte sie es sich nicht vorstellen. „Ich glaube dir nicht. Du willst mich nur auf den Arm nehmen.“

„Warum sollte ich das tun?“

„Weil du ein arroganter Mistkerl bist, der meint, dass ihm jede Frau unwillkürlich in die Arme sinkt.“

„Eine wahrlich interessante Charakteranalyse, die allerdings nicht ganz zutrifft.“

„Nein?“ Zynisch sah sie ihn an.

„Du hast zu viele Klatschgeschichten gelesen. Ist dir nicht klar, dass die Redakteure der Boulevardpresse sie sich ausdenken, um den Umsatz zu steigern?“

„Was immer du machst, ist eine Schlagzeile wert. Du forderst den Tratsch absichtlich heraus, um deinen Stiefvater zu ärgern.“

Ein harter Ausdruck trat in seine Augen. „Dass deine Schwester sich meinen Stiefbruder geangelt hat, gibt dir nicht das Recht, auch die Angelegenheiten meiner Familie zu kommentieren.“

„Ich kann äußern, was ich möchte.“

„Nicht, ohne einen Preis dafür zu zahlen.“

„Welchen Preis?“ Eine dunkle Vorahnung beschlich sie und ließ sie erschauern.

„Diesen.“ Schon beugte er sich zu ihr und presste den Mund auf ihren.

Jasmine wusste, dass sie sich wehren sollte, aber ihr Körper hörte nicht auf ihren Verstand. Es war, als hätte er einen eigenen Willen entwickelt, entschlossen, sich ein Vergnügen zu gönnen.

Connor drängte ihre Lippen auseinander und begann ein erotisches Spiel mit ihrer Zunge. Jasmine erbebte ein ums andere Mal und lehnte sich schließlich an ihn, als die Beine ihr den Dienst zu versagen drohten. Sogleich zog er sie noch näher und drückte sie so fest an sich, dass sie seine Erregung überdeutlich spürte.

Sie küssten sich ohne Unterlass. Und während Jasmine von einer Welle brennenden Verlangens nach der anderen erfasst wurde, war es ihr, als hätte sie ihr ganzes Leben lang auf diese Begegnung gewartet.

Nach einer Weile neigte Connor den Kopf etwas zurück, sodass sie ihn ansehen musste. Sein Blick irritierte sie. „Das hättest du nicht tun sollen“, stieß sie atemlos hervor.

„Du auch nicht.“

„Ich habe nichts getan.“

„Hast du wohl. Du hast den Kuss erwidert.“

„Ich … ich …“ Was sollte sie zu ihrer Verteidigung vorbringen? „Ich war nicht darauf vorbereitet. Du hast mich überrumpelt.“

„Das sollte ich mir merken. Es könnte vielleicht nützlich sein.“

Abrupt befreite sie sich aus seinen Armen, stürmte zur Tür und öffnete sie schnell. Doch in dem Moment, in dem sie über die Schwelle trat, blendete ein Blitzlicht sie. „Was …“ Unwillkürlich hielt sich Jasmine die Hände vors Gesicht, wurde aber noch dreimal fotografiert, bevor sie sich an dem Mann vorbeigedrängt hatte und zu ihrem Zimmer eilte.

Aufgewühlt lehnte sie wenig später von innen an der Tür. Wie konnte Connor es wagen, sie lächerlich zu machen? Wahrscheinlich hatte er dafür gesorgt, dass jemand von der Presse auf dem Flur gewartet hatte, um seine Sensationsstory zu bekommen.

Ihr schauderte bei dem Gedanken an ihren Vater, der natürlich in der Zeitung über ihr jüngstes Fehlverhalten lesen würde. Und sobald ihre Mutter es erfuhr, würde sie sich in ihr Zimmer zurückziehen, sich einen kalten Waschlappen aufs Gesicht legen und peinlich berührt an die Bibelgruppe am Dienstagvormittag denken. Dort würden die Frauen erst einmal kein anderes Thema kennen als das empörende Benehmen der missratenen ältesten Tochter. Auch ihre Geschwister würden den Kopf schütteln und bei ihren erfolgreichen Ehemännern emotionale Unterstützung suchen, während sie mit einer weiteren Skandalgeschichte ihrer Schwester konfrontiert wurden.

Jasmine stieß sich von der Tür ab und begann zu packen. Wütend warf sie ihre Sachen in den Koffer, als wäre jedes Stück ein Körperteil von Connor, dem sie wehtun wollte. Ja, sie verabscheute ihn wegen seiner mokanten Art. Durch Sams Beziehung zu Finn war sie ihm mehrfach begegnet und immer zur Zielscheibe seines Spotts geworden. Zweifellos war sie aufgrund ihres angeschlagenen Rufs eine leichte Beute, doch sie verübelte es Connor, das auszunutzen. Ihr Name war ohnehin schon öfter als ihr lieb war durch den Schmutz gezogen worden, und jedes Mal war das Ansehen ihrer Familie beschädigt worden.

Okay, dachte sie, während sie ihre Toilettenartikel aus dem Bad holte, ich bin nicht mehr unschuldig, na und? Bestimmt waren es ihre Schwestern, als sie geheiratet hatten, auch nicht gewesen. Nur hatte sie nicht gehört, dass sich jemand darüber beklagt hätte, schon gar nicht ihre Eltern.

Aber sie hatte ihren Vater und ihre Mutter noch nie wirklich zufriedenstellen können, egal, wie sehr sie sich bemüht hatte. Was immer sie tat, verletzte ihre strenge Auffassung von dem, was gut und schicklich war. Und dass sie in einem Drogentherapiezentrum von Sydney arbeitete, war natürlich auch nicht gerade förderlich, doch würde sie diesen Job für niemanden aufgeben.

Sie war das schwarze Schaf in der Familie und hatte es nie ganz geschafft, mit der Rolle zurechtzukommen, die älteste Tochter von Bischof Elias Byrne zu sein. Sonntags hatte sie nie ruhig auf der Kirchenbank sitzen und aufmerksam den gelehrten Worten ihres Vaters lauschen können, sondern war auf ihrem Platz hin und her gerutscht. Sie hatte die Musik verabscheut und die Art und Weise, wie die Frauen jede Woche versucht hatten, sich gegenseitig mit ihrer Kleidung zu übertreffen. Und sie hatte es gehasst, wie die Lehrer in der Sonntagsschule bei ihren Fragen die Stirn gerunzelt und hinter vorgehaltener Hand ihren vorsätzlichen Ungehorsam getadelt hatten.

Mit sechzehn hatte sie der Kathedrale den Rücken gekehrt und nie mehr zurückgeblickt, es sei denn im Zorn. Im Zorn darüber, dass durch ihre Glaubensansichten eine Entfremdung zwischen ihr und ihren Eltern eingetreten war, die doch immer Toleranz und Akzeptanz predigten. Noch bevor Jasmine eine Ausgabe der Montagszeitung gesehen hatte, klingelte ihr Telefon. Ihre zweitjüngste Schwester Caitlin war am Apparat.

„Wie konntest du nur? Du hast uns schon so viel zugemutet, und jetzt das, als hätte die Affäre mit Roy Holden nicht mehr als gereicht!“

„Ich hatte keine Affäre …“

„Wie konntest du bloß mit Connor schlafen? Du weißt so gut wie wir alle, was für ein Playboy er ist.“

„Ich habe nicht …“

„Natürlich ist unser Vater außer sich. Der Erzbischof hat ihn bereits angerufen, und unsere Mutter hat nun Migräne, was allein deine Schuld ist.“

Jasmine ließ ihre Schwester erst einmal reden. Jede Erklärung war zwecklos, denn niemand würde ihr glauben.

„Hoffentlich werfen Sam und Finn keinen Blick in die Morgenzeitung, sonst würdest du ihnen mit deinem törichten Verhalten die Hochzeitsreise gründlich verderben.“

„Wenn die beiden am zweiten Tag der Flitterwochen Zeitung lesen, ist Finn nicht halb der Mann, der er sein sollte“, antwortete Jasmine, die sich das nicht länger bieten lassen wollte, und hörte, wie Caitlin nach Atem rang.

„Wie kannst du nur so schamlos sein? Wenigstens hat Finn noch Moralvorstellungen im Gegensatz zu seinem Stiefbruder, diesem Schürzenjäger.“

Obwohl Jasmine wütend auf Connor war, verteidigte sie ihn. „Du kennst ihn ja kaum. Es ist nicht fair, ihn zu verurteilen.“

„Jeder weiß über ihn Bescheid! In der Presse schreibt man über alles, was er macht. Er ist Sydneys größter Playboy, und du bist fotografiert worden, wie du am Morgen nach der Hochzeit deiner Schwester halb bekleidet aus seinem Zimmer gekommen bist.“

„Ich war nicht halb bekleidet, sondern hatte lediglich keine Schuhe an.“

„Und wo waren die?“, fragte Caitlin abfällig. „Noch unter Connors Bett?“

„Ja, er hatte sie.“

„Ich fasse es nicht, wie gleichgültig dir das ist. Aber das wird sich ändern, wenn ich dir erzähle, was unser Vater gesagt hat. Er hat damit gedroht, Connor zu verklagen, sollte er nicht sofort etwas unternehmen, damit es nicht zum Skandal kommt.“

„Man kann es wohl kaum einen Skandal nennen …“

„Vielleicht solltest du dich einmal daran erinnern, dass unser Vater ein prominenter Geistlicher ist. Es ist ein Skandal.“

„Meiner Meinung nach kann man eher von einem Skandal reden, wenn Leute sich um Dinge kümmern, die sie überhaupt nichts angehen. Und nun muss ich zur Arbeit. Bis demnächst, Caitlin.“

Jasmine verfluchte Connor und hatte sich kaum vom Telefon abgewandt, als es erneut klingelte. Entweder wollte ihre Mutter sie sprechen, um ihr unter Tränen Vorwürfe zu machen, oder ihr Vater, um ihr eine Moralpredigt zu halten. Beides hatte ihr jetzt gerade noch gefehlt.

„Falls du anrufst, um mich zu kritisieren, lege ich sofort auf.“

„Das hatte ich nicht vor“, erklärte Connor am anderen Ende der Leitung.

Unwillkürlich umfasste sie den Hörer fester. „Offenbar hast du schon die Morgenzeitung gelesen.“

„Du nicht?“

„Nein, doch bin ich bereits über alles informiert“, antwortete sie bitter. „Wie mir scheint, bin ich wieder in einen Skandal verwickelt, nur dieses Mal mit dir.“

„Du Ärmste.“ Er lachte. „Dass du so tief gesunken bist.“

„Ich finde es nicht komisch. Und das Ganze ist deine Schuld.“

„Ich übernehme die volle Verantwortung.“

Er klingt nicht im Mindesten zerknirscht, dachte sie, sondern so, als wäre er stolz auf seine Tat. „Mein Vater ist wütend auf mich.“

„Mein Stiefvater ebenfalls.“

„Und meine Mutter hat Kopfschmerzen.“

„Was mich nicht überrascht, da sie immer den Predigten deines Vater lauschen muss.“

Jasmine wollte Connor zurechtweisen, überlegte es sich dann aber anders. „Meine Schwestern werden vermutlich nie wieder mit mir reden.“

„Na und? Wann haben sie dir das letzte Mal wirklich zugehört?“

Er hatte recht, ob es ihr gefiel oder nicht. Doch obwohl sie insgeheim darüber staunte, dass er die innerfamiliären Abläufe durchschaute, spürte sie den Impuls, ihn zu bekämpfen. „Meine Leute sind mir sehr wichtig.“

„Wie bewundernswert!“

„Du machst dich über mich lustig.“

„Nein, ich bin ganz auf deiner Seite.“

„Das glaube ich dir nicht.“

„Jetzt ist mir klar, warum dein Vater ein solches Problem mit dir hat. Deine Fähigkeit, zu glauben, ist beklagenswert.“

„Du verspottest mich schon wieder.“

Connor lachte. „Vielleicht mokiere ich mich über das Leben im Allgemeinen. Nimm es nicht zu persönlich.“

„Droht dein Stiefvater dir auch damit, dich zu enterben?“

„Das sollte er tunlichst lassen, denn ich habe nichts Falsches getan.“

„Du hast mit mir geschlafen. Und der Tochter eines Bischofs die Unschuld zu rauben rangiert ziemlich oben auf der Liste unverzeihlicher Sünden.“

„Aber du bist doch nicht mehr unschuldig, oder?“

Was sollte sie darauf antworten? Ihre „unschickliche Beziehung“ zu Roy Holden war durch die ganze Presse gegangen, und Connor hatte bestimmt etwas davon mitbekommen. Allerdings liebten Reporter Skandalgeschichten und legten zuweilen nicht so viel Wert auf die Wahrheit, die sie noch immer hütete.

„Laut öffentlicher Meinung bin ich ja ein ‚absolutes Flittchen‘.“

„Ich gebe nichts auf die öffentliche Meinung, sondern ziehe es vor, mir immer ein eigenes Urteil zu bilden.“

Ein seltsames Gefühl durchzuckte sie bei der Vorstellung, dass er sich mit ihrer Person beschäftigte. Schnell verdrängte sie den Gedanken und erwiderte gleichgültig: „Ich muss zur Arbeit. Wolltest du mit mir über etwas Bestimmtes reden oder lediglich über den Inhalt der heutigen Zeitung?“

„Ja, da ist noch etwas, worüber ich mit dir sprechen wollte.“

„Und das wäre?“

Er schwieg einen Moment.

„Ich habe eine Lösung für unser kleines Problem.“

„Und wie sieht die aus?“

Erneut ließ er sie auf die Antwort warten.

„Sie würde alle Gerüchte zum Schweigen bringen und die Familienmitglieder wieder an zwei Missetäter glauben lassen.“

„Das kann nur ein Wunder bewirken.“

Connor lachte leise. „Nein, es würde kein Wunder, aber dennoch ein umwerfendes Ereignis sein.“

„Und was für eins?“

„Eine Hochzeit.“

„Eine Hochzeit?“, stieß Jasmine hervor. „Wessen Hochzeit?“

Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte Stille am anderen Ende der Leitung.

„Unsere Hochzeit.“

Jetzt war es an Jasmine zu schweigen.

„Ich finde, wir sollten so schnell wie möglich heiraten“, erklärte er ruhig.

„Und ich finde, dass du zu einem Psychiater gehen solltest. Dich werde ich nie heiraten.“

„Sag niemals nie.“

Sein leises Lachen jagte ihr Angst ein. „Meine Eltern würden es nie zulassen“, erwiderte sie so zuversichtlich, wie sie konnte.“

„Bist du dir sicher?“

„Natürlich! Mein Vater würde lieber sterben, als es mir zu erlauben.“

„Dann kennst du deinen Vater nicht sehr gut.“

„Was soll das heißen?“

„Ich habe vor wenigen Minuten mit ihm gesprochen.“

„Und?“

„Es war sein Vorschlag, dass wir so schnell wie möglich heiraten sollten.“

2. KAPITEL

Krampfhaft hielt sich Jasmine an dem Tisch fest, auf dem das Telefon stand. Sie zitterte am ganzen Körper und hatte das Gefühl, gleich umzufallen. „Du hast doch bestimmt nicht vor …“, stieß sie hervor. „Ich meine … Es ist unvorstellbar. Wir sind einander praktisch fremd.“

„Wieso?“, fragte Connor. „Durch Sams und Finns Hochzeit sind wir doch Verwandte geworden. Außerdem haben wir eine Nacht miteinander verbracht.“

„Ich habe nicht vor, irgendwen zu heiraten, und dich schon gar nicht. Die Ehe ist eine veraltete Institution, die von Männern geschaffen wurde, um Frauen zu beherrschen.“

„Deine Schwestern wären sehr enttäuscht, würden sie dich so reden hören. Schließlich hat sich jede innerhalb der letzten zwölf Monate einen Ehemann geangelt. Und ich würde dir ein guter Ehemann sein.“

„Du hast überhaupt keine Ahnung, was das Wort bedeutet.“

„Welches? Gut oder Ehemann?“

„Das eine wie das andere“, antwortete sie bissig.

„Natürlich müssten wir uns in aller Stille trauen lassen.“

„Ich werde dich nicht heiraten!“

„Ich weiß allerdings nicht, ob deine Eltern wollen, dass du ein weißes Kleid trägst.“

„Ich werde dich nicht hei…“

„Auch denke ich, dass wir keine lange Hochzeitsreise zu machen brauchen.“

„Ich werde dich nicht …“

„Andererseits könnte sie vergnüglich sein.“

Wütend hängte Jasmine den Hörer ein. Wie konnte er sie so verspotten! Doch erneut klingelte das Telefon. „Scher dich zum Teufel, Connor“, schrie sie in die Sprechmuschel, unterbrach die Verbindung und legte den Hörer neben den Apparat.

Erregt ging sie im Zimmer auf und ab. Sie würde ohnehin zu spät zur Arbeit kommen, da spielten ein paar Minuten mehr keine Rolle. Sie musste das Missverständnis unbedingt aus der Welt schaffen. Nur wie? Vielleicht sollte sie ihre Eltern anrufen. Entschlossen wählte sie deren Nummer.

„Elias Byrne.“ Jasmines Vater klang wie gewohnt salbungsvoll.

„Dad, ich bin’s.“

„Jasmine.“ Tief atmete er ein. „Ich habe mich bereits gefragt, wann du dich melden würdest.“

„Ich wollte euch …“

„Deiner Mutter geht es gar nicht gut. Ich musste schon Dr. Pullenby herbitten. In allen Zeitungen wird über dich berichtet.“

„Es ist nicht meine Schuld. Ich …“

„Erzähl mir nicht, der Teufel hätte dich dazu verleitet. Weißt du, wie oft ich das in der Woche höre?“

„Connor und ich, wir kennen uns kaum …“

„Zumindest ist er bereit, für seine Tat einzustehen. Ich werde euch aber nicht trauen. Damit würde ich gegen meinen Glauben handeln.“

„Ich werde ihn nicht heiraten.“

„Doch, das wirst du, oder du siehst deine Mutter und mich nie wieder.“

Jasmine traute ihren Ohren nicht. Der Moralkodex konnte ihren Eltern unmöglich wichtiger sein als ihr eigen Fleisch und Blut! „Ich verstehe“, antwortete sie reserviert.

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