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Sinnliche Nächte in Paris

1. KAPITEL

Er stand auf der Terrasse des großen Ballsaals und blickte über den einsamen Strand und das dunkel schimmernde Meer. Der sichelförmige Mond spendete ein blasses Licht.

Gedämpftes Stimmengemurmel und leise Musik drangen durch die halb geöffneten Türen hinter ihm, doch er war allein.

Allein und verärgert.

Die Nacht war mild, der Blick bezaubernd, aber Khalil war nun mal aus geschäftlichen Gründen nach Al Ankhara gekommen, nicht weil er sich vergnügen wollte. Bislang hatten sie jedoch nicht mal ansatzweise über Geschäftliches geredet.

Alles hier war ihm vertraut. Der große maurische Palast. Der feine weiße Sand. Das endlose Meer. Er war hier geboren, nicht nur in Al Ankhara, sondern im Palast selbst. Die Legende besagte, dass sein Volk so alt war wie das Meer und so zeitlos wie die Wüste. Einst war es ein Land der Krieger gewesen, nun versuchte es, in einer modernen neuen Welt seinen Platz zu finden.

Khalil gehörte zu beiden Welten. Sein Herz würde immer hier, in diesem wilden und wunderschönen Land verankert sein, doch sein Leben fand in New York statt, wo er die vergangenen zehn Jahre verbracht hatte.

Ein Stirnrunzeln zeichnete sich auf seinem schönen Gesicht ab.

Früh am Morgen war er angekommen, von seinem Vater herzitiert, der von einer dringenden Staatsangelegenheit gesprochen hatte.

Khalil hatte die E-Mail gelesen, verhalten geflucht, per Telefon seinen Privatjet geordert, einen millionenschweren Business-Deal unterbrochen und eine neue Geliebte allein im Bett zurückgelassen. Stunden später war er aus dem Flugzeug gestiegen, auf alles gefasst …

Doch begrüßt wurde er, als sei dies nur ein ganz gewöhnlicher Besuch wie jeder andere auch.

Scheich Khalil al Kadar, Kronprinz von Al Ankhara, Beschützer des Volkes, Erbe des Thrones des Löwen und des Schwertes und – soweit er wusste – Träger mindestens eines Dutzends weiterer überholter Titel, schob die Hände in die Hosentaschen und seufzte frustriert.

Sein Vater, wie üblich von einer wahren Heerschar an Ministern und Beratern flankiert, hatte ihn herzlich begrüßt und ihm dann zu verstehen gegeben, dass er vorerst keine Zeit für ihn habe. Khalils Stimmung war schnell in Irritation und Verärgerung umgeschlagen, was sich auch nicht besserte, als am Nachmittag der Privatsekretär seines Vaters an die Tür klopfte und ihm mitteilte, der Sultan erwarte ihn auf dem Staatsdinner, das für den Abend angesetzt war.

Wenn er jetzt daran dachte, verkrampfte sich Khalils Kiefer.

Wie „dringend“ konnte wohl eine Sache sein, wenn man sie besprechen wollte, während zweihundert Gäste anwesend waren?

Khalil bemühte sich wirklich, während des Dinners höflich zu bleiben, und dass obwohl er immer wütender wurde. Irgendwann hatte er sich entschuldigt und war auf die Terrasse gegangen, um auf die Uhr zu schauen und sich zu fragen, was in aller Welt hier eigentlich los war und …

Was war das?

Eine dunkle Gestalt trat aus den Schatten der Palastmauer und eilte rasch auf den Strand zu. Khalil kniff die Augen zusammen. Wer war das? Zu so später Stunde? Oder noch wichtiger: Wer hielt sich an diesem Privatstrand auf, zu dem nur die Angehörigen des Palastes Zugang hatten, und der streng bewacht wurde?

Einer der Gäste? Nein. Die Gestalt war in ein Djellaba samt Kapuze gekleidet, eine Männertracht. Die Männer beim Staatsdinner trugen jedoch alle westliche Dinneranzüge.

Khalil trat dichter an das Geländer.

Bei näherem Hinsehen erkannte er, dass die Gestalt da unten kein Mann sein konnte. Sie war viel zu zierlich. Dann wohl noch ein Junge, der jetzt das Meeresufer erreicht hatte. Khalil verengte die Augen. Bildete er sich das nur ein, oder wirkte der Junge äußerst angespannt?

Sehr zögerlich schien er einen Schritt nach vorn zu machen. Das Meerwasser umspülte seine Fußknöchel, leckte an den Beinen und durchdrang den dicken Stoff der Djellaba.

Was in aller Welt hatte der Junge vor?

Nur ein Narr stellte eine solche Frage. Der Junge ging direkt ins Meer – lediglich zwanzig Schritt vom Ufer entfernt fiel das Wasser jedoch steil ab, und in dieser Gegend tummelten sich häufig gefährliche Haie.

Khalil fluchte, griff nach dem Geländer und sprang darüber hinweg auf den Strand.

Laylas Herz hatte so laut gepocht, als sie aus der Tür des Harems geschlüpft war, dass sie sicher gewesen war, jeder müsse es hören können.

Es wunderte sie immer noch, dass sie überhaupt so weit gekommen war.

Ihre Bewacher hatten nichts bemerkt. Nicht, dass sie sich selbst so nannten. Die zwei Frauen, die sie nie aus den Augen ließen, waren laut ihrem Vater ihre Dienerinnen, und als Layla ihn angefunkelt und gefragt hatte, was die Funktion ihres dritten „Dieners“ sei, eines riesenhaften Kerls mit pockennarbigem Gesicht und fehlendem Zahn, da hatte er geantwortet, Ahmet sei zu ihrem Schutz da.

„Al Ankhara mag wie ein Märchenland wirken“, warnte er sie, „aber das ist es nicht.“

Das zumindest stimmte. Al Ankhara sah vielleicht aus wie ein arabischer Traum aus Tausendundeiner Nacht mit all den Minaretten und maurischen Bögen, doch das war es nicht. Die vergangenen Tage hatten es eindeutig bewiesen.

Heute Nacht konnte sie sich jedoch nicht erlauben, darüber nachzudenken.

Nein, sie war ganz auf ihre Flucht konzentriert gewesen. Die Frage lautete allerdings: Wie sollte ihr die gelingen?

Sie und ihre sogenannten Diener waren in einem abgeschiedenen Teil des Palastes untergebracht. Einst war er vermutlich wunderschön gewesen, doch jetzt konnte man deutlich die Gebrauchsspuren auf dem Marmorboden sehen, die seidenen Teppiche waren fadenscheinig und die Wände rissig. Vor den Fenstern, die den Blick auf einen einsamen Strandabschnitt freigaben, befanden sich dekorative Eisengitter. Die Tür, die in den Palast hineinführte, war fest verriegelt, und die Tür, die zum Strand ging, schien schon seit Jahrhunderten nicht mehr geöffnet worden zu sein.

Mit anderen Worten: Layla war eine Gefangene.

Doch kurz vor Sonnenuntergang wendete sich ihr Schicksal.

Ein Schiff erschien am Horizont. Eine Jacht, um genau zu sein. Sie ankerte kurz vor dem Strand. Zwei-, dreihundert Meter, vielleicht auch ein bisschen weiter weg, doch welche Rolle spielte das für eine Frau, die verzweifelt war?

Wie konnte sie dorthin gelangen? Keine zwanzig Minuten später hatte sie die Antwort.

Sie fand eine Haarnadel.

Nicht von der Art, wie man sie in Drogerien kaufen konnte. Diese Nadel war enorm groß, aus Kupfer gefertigt. Oder vielleicht sogar aus Gold. Darauf kam es jedoch nicht an – das Entscheidende war die Größe, die Stärke …

Und dass Layla sie benutzen konnte, um das Türschloss hin zum Strand zu knacken, sobald sich ihre Bewacher zur Ruhe begeben hatten. Vermutlich war es die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen, sich all die alten Filme anzusehen, in denen raffinierte Heldinnen mit Hutnadeln Schlösser aufbrachen.

Also versteckte Layla die Haarnadel in einem Riss in der Wand und wartete.

Als sie den Chorus mehrerer markerschütternder Schnarchgeräusche hörte, schlich sie auf Zehenspitzen zu der verriegelten Tür hinüber.

Nur wenige Minuten später, nach einigem geschickten Werken mit der Haarnadel, war Layla frei.

Am liebsten wäre sie gleich zum Strand hinuntergerannt, doch was, wenn gerade jemand aus den Fenstern des Palastes hinausschaute? Mühsam beherrschte sie sich und zwang sich, langsam den Strand entlangzuschlendern. Gerade hatte sie das Ufer erreicht und einen Schritt ins Wasser gemacht …

Da prallte etwas mit ihr zusammen.

Etwas Großes. Starkes.

Ein Mann.

Kräftige Arme schlossen sich von hinten um sie. Hoben sie in die Höhe. Sie schrie auf, sowohl aus Wut als auch aus Angst. Wie hatte Ahmet sie so schnell entdecken können?

Nur dass es gar nicht Ahmet war.

Der Körper, der sich von hinten an sie presste, fühlte sich athletisch und schlank an, nicht schwabbelig. Die Arme, die sich um sie geschlossen hatten, waren muskulös. Der Mann roch nicht mal so wie Ahmet, der ständig nach Schweiß und Fett stank. Nein, der Mann, der sie in die Luft gehoben hatte und nun leise fluchte, während sie gegen ihn ankämpfte, duftete allenfalls nach Meer und nach einem Hauch teurem Eau de Cologne.

Ich werde nicht an einen fetten Banditen verschachert, der eine Frau will, dachte Layla fassungslos, ich werde von einem muskulösen, gut riechenden Fremden vergewaltigt!

Danach hörte sie auf zu denken und schrie.

Der Schrei ließ Khalil beinahe das Trommelfell platzen.

Eine Frau? Die Gestalt, die ihn wie eine Wildkatze bekämpfte, war gar kein Junge, sondern eine Frau.

Ganz eindeutig.

So wie er sie gegen seinen Körper gepresst hielt, bestand da keinerlei Zweifel. Die Kapuze der Djellaba war herabgeglitten und enthüllte ihr langes seidiges Haar. Ihr Po schmiegte sich gegen seine Lenden, und ihre Brüste …

Verdammt, ihre Brüste füllten seine Hände.

Bei Ishtar, was war hier los?

Khalil wusste nur eines: Dies war nicht der rechte Zeitpunkt, um eine Antwort auf seine Frage zu suchen. Die Frau zappelte nämlich derart wild in seinen Armen, dass sie ihm schmerzhaft die Ellbogen in die Rippen rammte.

Bass!“, zischte er. „Bass!

Genauso gut hätte er von einem Tiger verlangen können, dass er sich ruhig verhielt. Khalil fluchte, presste sie noch enger an sich und legte seinen Mund an ihr Ohr. „Shismak?“, fragte er.

Sie antwortete nicht, doch wer würde das in einer solchen Situation auch schon tun? Dennoch war es logisch, dass er wissen wollte, wer sie war, wie sie hieß.

Egal.

Erst einmal musste er sie unter Kontrolle bringen.

Wobei er ihre verführerischen Formen, die Fülle ihrer Brüste ignorieren musste …

Hatte er den Verstand verloren? Das war doch nun wirklich nebensächlich. Die Frau war ein Eindringling. Was hatte sie hier verloren? Wie war sie an den Wachen vorbeigekommen? Wollte sie etwa jetzt, um Mitternacht, im Meer baden? Oder wollte sie sich umbringen?

Schwere Schritte waren zu hören. Khalil blickte auf und sah zwei kräftige Frauen und einen riesenhaften Mann über den Strand rasch näher kommen.

Der Mann hielt ein Messer in der Hand.

„Lass es fallen“, befahl Khalil auf Arabisch.

Der Mann blieb abrupt stehen, starrte ihn an, erbleichte und fiel dann auf die Knie. Die Frauen folgten seinem Beispiel.

Einen Moment lang bewegte sich niemand, nicht mal die Frau in seinen Armen. Gut, dachte Khalil grimmig, drehte sie zu sich um und ließ sie los.

Die Hände in die Hüften gestemmt, ließ er einen Wortschwall auf Layla niedergehen, den sie nicht im Geringsten nachvollziehen konnte. Überhaupt begriff sie die ganze Situation nicht. Warum lagen ihre Bewacher mit dem Gesicht im Sand und unterwarfen sich dem Verrückten, der sie angegriffen hatte?

Nach Atem ringend, warf Layla die Haare zurück und brachte zwei der drei Beleidigungen hervor, die sie kannte. Nun ja, zumindest wusste sie, wie man sie aussprach, auch wenn ihr die genaue Bedeutung nicht klar war, doch wen scherte das in dieser Situation?

Ibn Al-Himar“, zischte sie. „Inta khaywan!

Eine der Frauen schrie unterdrückt auf, die andere stöhnte. Ahmet erhob sich auf die Knie, doch der Mann, der sie so brutal in seine Arme gerissen hatte, hielt abwehrend eine Hand hoch.

Mit der anderen packte er ihr Handgelenk und drückte ihr den Arm auf den Rücken.

Shismak?“, fuhr er sie an und senkte den Kopf, bis seine Augen beinahe auf einer Höhe mit ihren waren.

Was bedeutete das? Sie war mit ihrem Arabisch am Ende. Das Einzige, was ihr übrig blieb, war, trotzig das Kinn zu heben und ihm eine letzte Beleidigung entgegenzuschleudern.

Yakhreb beytak!

Was auch immer sie gerade gesagt hatte, es schien seine Wirkung nicht zu verfehlen.

Der Mann starrte sie an, als wäre sie verrückt. Die Frauen schlugen die Hände vors Gesicht. Ahmet erhob sich blitzschnell und wollte nach ihr greifen.

Der Fremde wies ihn jedoch scharf zurecht, worauf Ahmet innehielt. Dann schien er einen Befehl zu erteilen. Laylas Dienerschaft erhob sich. Unsicher blickten sie sich an, schließlich deutete eine der Frauen auf Layla und begann, leise zu sprechen. Der Unbekannte unterbrach sie, die Frau nickte. Mehr Gesten und noch mehr Worte.

Danach drehte sich der Mann zu ihr um, verschränkte die Arme über der Brust und betrachtete sie genauer.

Zum ersten Mal bemerkte Layla, wie er aussah. Groß. Breite Schultern. Lange Beine. Er trug einen schwarzen Abendanzug, keine Djellaba. Sein Haar war dicht und dunkel. Die Farbe seiner Augen konnte sie nicht erkennen, doch sie wirkten ausdrucksvoll in diesem Gesicht, das so markant war und männlich und …

Schön. Atemberaubend schön, wenn man das bei einem Mann sagen konnte.

Langsam, so langsam, dass ihr das Blut in die Wangen stieg, ließ er seinen Blick über sie wandern. Über ihr Gesicht, ihre Brüste, ihre Beine.

Layla keuchte leise auf. Wieder schaute er ihr in die Augen, und was sie in seinem Blick las, bereitete ihr weiche Knie.

Das Meeresrauschen, der laue Wind … alles verblasste. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln – die Art Lächeln, die jede Frau verstand. Zu Hause hätte sie ganz genau gewusst, wie sie mit diesem Lächeln umzugehen hatte.

Hier wusste sie nur, dass sie besser einen Schritt zurücktrat.

Vergeblich.

Energisch packte er sie an den Schultern und zog sie nach vorne. Layla strauchelte, fiel gegen ihn, gegen diesen harten, muskulösen Körper, sodass sich ihre Brüste gegen ihn pressten. Mit einer Hand fuhr er ihr Rückgrat entlang, mit der anderen umfasste er ihren Po. Schockiert spürte sie, wie sich seine harte Erektion an ihren Unterleib schmiegte.

Sie schrie auf. Merkte, wie sie in seiner Umarmung zu taumeln begann.

Er sprach leise. Sie konnte seine Worte nicht verstehen, aber die Bedeutung war auch so klar, insbesondere als er den Kopf senkte, mit den Fingern durch ihr Haar strich und ihren Kopf zurückbog.

Balashs.

„Nicht.“ Sie hatte es fest und bestimmt sagen wollen, nicht als brüchiges Wispern, doch die Art und Weise wie er sie ansah, das Gefühl seiner Hand in ihrem Haar, sein Duft, der sich mit dem des Meeres vermischte …

Layla klopfte das Herz bis zum Hals.

Eine halbe Ewigkeit schienen sie sich in die Augen zu starren. Ein Muskel an seinem Kiefer zuckte heftig. Dann ließ er sie los, zog sein Dinnerjackett aus und legte es ihr um die Schultern.

Layla griff ganz automatisch danach und kuschelte sich in die Wärme – seine Wärme. Erneut packte er sie an den Schultern, drehte sie um und schob sie in die ausgestreckten Arme einer der Frauen.

Dann wandte er sich ab, ging langsam den Strand hinauf und verschwand in die Nacht.

2. KAPITEL

Khalil ging auf einen wenig benutzten Hintereingang des Palastes zu, den er einmal als kleiner Junge entdeckt hatte.

Als er die Tür öffnete, schlug ein überraschter Wachmann rasch die Hacken zusammen und legte die Hand grüßend an die Stirn. Khalil erwiderte den Gruß wortlos und eilte die Treppe hinauf. Er hegte nicht die Absicht, in den Ballsaal zurückzukehren. Schon zu Beginn des Abends hatte er keine Lust verspürt, die prunkvolle Veranstaltung zu besuchen – jetzt stand ihm noch weniger der Sinn danach.

Rasch durchquerte er den Vorraum seiner Suite und betrat schließlich das Schlafzimmer. Er war vollkommen durchnässt. Schuhe, Hose …

Tja, das passierte nun mal, wenn ein Mann eine nasse Frau in den Armen hielt.

Eine nasse, beinahe nackte Frau.

Khalil, der sich gerade die Kleider auszog, hielt inne. Ganz bestimmt war sie nackt unter diese Djellaba, die er bislang immer für ein eher praktisches, nützliches Kleidungsstück gehalten hatte.

Jetzt nicht mehr.

Die nasse Baumwolle hatte sich wie eine zweite Haut an ihren Körper geschmiegt und jede verführerische Kurve betont. Die Fülle ihrer Brüste. Die schlanke Form ihrer Beine. Die aufreizenden Brustknospen, die sich deutlich unter dem Stoff abzeichneten …

Allein der Gedanke an sie erregte Khalil. Er schloss die Augen und erlebte in der Erinnerung noch einmal den Moment, als er sie gegen sich gepresst und ihren biegsamen Körper gespürt hatte …

Verdammt!

Wütend zog er die letzten Kleidungsstücke aus, warf sie auf einen Stuhl und ging ins Bad hinüber.

Er hatte auf sie reagiert. Na und? Jeder Mann hätte das getan. Dabei gab es ganz andere Gesichtspunkte zu klären. Wer war sie? Was hatte sie um diese Zeit allein am Strand gemacht? Weshalb war sie vollständig bekleidet ins Meer gegangen?

Mit einem Stirnrunzeln betrat er die Duschkabine und drehte den Wasserhahn auf.

Ihre Begleiter behaupteten, sie sei die Tochter eines reichen Kaufmannes, die sich auf dem Weg zu ihrer Hochzeit befinde. Spontan habe sie sich entschieden, ein Bad im Meer zu nehmen, auch wenn man ihr davon abgeraten habe.

Seltsam war nur, dass sie ihr hinterhergerannt waren, als sei sie ihnen entwischt. Aber wovor sollte diese Frau fliehen müssen? Und warum ging sie mit einer Djellaba bekleidet ins Wasser? Sie musste doch wissen, dass das Gewicht des nassen Stoffes das Schwimmen im Meer fast unmöglich machte.

Khalil senkte den Kopf, legte die Handflächen gegen die Glastür und ließ das Wasser über Nacken und Schultern fließen.

Er hätte die Frau selbst fragen sollen, anstatt ihre Begleiter. Sie hatte nicht viel zu ihm gesagt, gerade genug, um einen merkwürdigen Akzent festzustellen, den er nicht einordnen konnte – und genug, um sich von ihr beleidigen zu lassen. Einen Esel hatte sie ihn genannt, einen Dummkopf und einen dreckigen Köter …

Und er hatte es ihr tatsächlich durchgehen lassen.

Zur Hölle, warum verschwendete er seine Zeit damit, an eine Frau zu denken, die er nie wiedersehen würde?

Khalil stellte das Wasser ab, schlang ein Handtuch um seine Hüften, ging ins Schlafzimmer zurück – und zuckte zusammen, als das Licht anging und ein dünner alter Mann sich vom Teppich vor dem Kamin erhob.

„Oh, verdammt“, rief Khalil erschrocken. „Hassan! Was machst du hier?“

„Ich warte auf Sie, Euer Hoheit.“

„Das ist lächerlich! Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht auf mich warten sollst …“ Hassans Gesichtsausdruck ließ ihn abrupt innehalten. Seine Stimme wurde sanfter. „Geh ins Bett, alter Mann. Ich schaffe das allein.“

„Das gehört sich nicht, Prinz Khalil. Ich bin Ihr Diener. Ich sollte Ihnen helfen. Die Tradition besagt …“

„Die Tradition besagt, dass es schon spät ist“, unterbrach Khalil ihn schroff. Er legte einen Arm um die Schultern des alten Mannes und führte ihn zur Tür. „Vielen Dank, dass du auf mich gewartet hast, aber ich komme wirklich allein zurecht.“

Der alte Diener seufzte, dann verbeugte er sich so tief, dass Khalil schon fürchtete, er würde vornüberkippen, und zog sich zurück.

Tradition, in der Tat, dachte Khalil, während er die Tür schloss. Würde sein Volk jemals den Weg ins einundzwanzigste Jahrhundert finden, wenn es sich mit so vielen nutzlosen Sitten und Gebräuchen belastete? Er war zwar mit diesen Dingen aufgewachsen, hatte alles beachtet, wie man es von ihm erwartete, doch mehr als eine Dekade im Westen hatte ihn gelehrt, dass sich bestimmte Dinge ändern mussten.

Er ließ das Handtuch fallen und schlüpfte in eine graue Pyjamahose.

Bei der Stellung von Dienern angefangen. Dann die blinde Ehrfurcht, die der Königsfamilie entgegengebracht wurde. Die rigide Starrheit des Gesetzes, das der Sultan diktierte, der Kronprinz …

Oder der Vater einer Frau.

Khalil legte sich ins Bett, verschränkte die Hände unterm Kopf und starrte die reich verzierte Kassettendecke an.

Irgendetwas stimmte nicht mit der Geschichte, die ihm am Strand erzählt worden war. Wen sollte diese Frau heiraten? Und warum reiste sie mit einem derart kleinen Brautgefolge?

Zwei Frauen. Ein Bewacher. Das passte nicht. Eine Hochzeit zwischen zwei Personen von Wohlstand und Macht war eine überaus wichtige Angelegenheit, und darum handelte es sich bei dieser Hochzeit doch sicherlich. Normalerweise würde die Braut mit Ehrbezeugungen überschüttet. Mindestens ein Dutzend Reiter müsste sie begleiten. Ebenso viele Begleiterinnen. Mitglieder ihrer Familie und ihres Dorfes.

Und welche Rolle spielte sein Vaters bei dieser Vermählung? Weshalb hatte er das Brautgefolge nicht zu dem opulenten Dinner eingeladen, das unten im Ballsaal immer noch stattfand?

Nachdenklich stand Khalil auf, trat ans Fenster und blickte hinaus.

Etwas Merkwürdiges war an diesem Abend passiert. Das wusste er. Allerdings wusste er auch, dass es nichts mit ihm zu tun hatte. Das hier war Al Ankhara, ein uralter Ort, der Geheimnisse barg, die er nicht immer verstehen konnte.

Khalil ging zurück ins Bett.

Eines war jedoch sicher. Die Begebenheit hatte ihm ein Grundbedürfnis enthüllt. Er brauchte eine Frau.

Vor beinahe zwei Monaten hatte er eine Affäre beendet. Zwar gab es mittlerweile eine neue Geliebte an seiner Seite, doch er hatte sie nur einmal getroffen, ehe er hierher geflogen war. Ganz sicher war das der Grund, der einzige Grund, weshalb er derart heftig auf die Frau am Strand reagierte.

Sein Bedürfnis nach Sex würde er stillen, wenn er nach New York zurückkehrte. Die Frau, die dort auf ihn wartete, verfügte sowohl über Schönheit als auch über Kultiviertheit. Sie würde ihn freudig begrüßen und etwas Verführerisches tragen, das sie vielleicht bei Saks oder Bendel’s gekauft hatte.

Welcher Mann, der halbwegs bei Verstand war, würde ihr eine kratzbürstige Wildkatze in einer Djellaba vorziehen?

Doch als Khalil die Augen schloss, war das Gesicht, das er vor sich sah, nicht das seiner Geliebten in New York, sondern jenes der Frau vom Strand.

Umso wichtiger, dachte er, während ihn allmählich die Schwere des Schlafes überkam, herauszufinden, was sein Vater von ihm wollte, seinen Wunsch zu erfüllen und dann so schnell wie möglich nach New York zurückzukehren.

Sein Vater schickte einen Diener, der ihm mitteilte, dass sie gemeinsam in dem kleinen Hof, dessen Mitte ein Springbrunnen schmückte, frühstücken würden.

Als Khalil dort ankam, saß sein Vater bereits an einem Marmortisch, der üppig mit süßem Obst, Joghurt, Käse und frisch gebackenem Brot gedeckt war.

Der Sultan erhob sich halb, worauf die beiden Männer eine rasche Umarmung teilten.

Sabah ala-kheir, mein Sohn.“

„Guten Morgen, Vater.“

„Hast du gut geschlafen?“

„Sehr gut, danke.“

„Bitte, setz dich. Greif zu. Du musst hungrig sein. Gestern Abend hast du nicht besonders viel gegessen.“

Khalil schaute auf. Der Sultan blickte ihn unschuldig an. Dabei schwang seinem Kommentar durchaus eine doppelte Bedeutung mit. Es war eine leichte Rüge, weil Khalil nicht bis zum Ende des Dinners geblieben war.

„Hat dir das Essen nicht geschmeckt?“

Auch Khalil beherrschte dieses Spiel. „Es war köstlich, Vater, aber ich war sehr müde von meiner Reise.“

Mit anderen Worten: Er hatte kurzfristig eine große Entfernung zurückgelegt und wusste immer noch nicht, warum.

Vater und Sohn lächelten sich an. Als Khalil noch klein war, hatten sie nicht viel Zeit miteinander verbracht – es entsprach nicht der üblichen Sitte – doch als Khalil erwachsen wurde, kamen sie sich näher.

„Und wie war deine Reise, mein Sohn?“

„Sehr gut. Wir hatten den ganzen Weg über einen klaren Himmel.“

„Und dein neues Flugzeug?“

„Auch das ist sehr gut, Vater“, entgegnete Khalil und bemühte sich, nicht ungeduldig zu klingen.

„Aber noch besser wäre es“, bemerkte der Sultan und hob seine buschigen weißen Augenbrauen, „herauszufinden, warum ich dich hierher gerufen habe.“

Also Schluss mit der Wortklauberei. „Ja“, bestätigte Khalil offen, „das wäre noch besser.“

Zwei Diener standen wartend an einem Rollwagen, der mit silbernen Speiseglocken beladen war. Ein dritter Diener hielt Kaffee und Tee bereit. Der Sultan tupfte sich die Lippen ab, warf die Serviette auf den Tisch und erhob sich.

„Begleite mich, Khalil. Ich möchte dir zeigen, wie schön meine Rosen zu dieser Jahreszeit sind.“

Was sollte das? Hatte sein Vater Angst, dass man sie belauschte? Khalil schob den Stuhl zurück und trat an die Seite des Sultans.

Als sie tief in den prächtigen Palastgarten eingedrungen waren, umgeben von Blumen, Büschen und Bäumen und weit genug entfernt, als dass irgendjemand ihr Gespräch mitanhören könnte, nahm der Sultan auf einer schmiedeeisernen Bank Platz. Khalil setzte sich ihm gegenüber und wartete.

„Du warst nicht glücklich darüber, dass ich dich hierher gebeten habe“, bemerkte der Sultan.

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