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Sinnliche Nächte in Brasilien

Anne Mather

Sinnliche Nächte in Brasilien

1. KAPITEL

„Wer ist der Typ?“

Sonia Leyton kam hinzu, als Isobel gerade einen betrunkenen Gast davon abhalten wollte, seinen Punsch mit dem Inhalt einer weiteren Flasche Wodka zu verlängern.

„Wer ist das?“, wiederholte sie, als Isobel ihr keine Antwort gab. „Heraus damit, Darling. Du musst es wissen. Schließlich hast du ihn eingeladen.“

„Falsch … Julia hat es getan“, sagte Isobel kurz angebunden. Sie hatte inzwischen verhindert, dass Lance Bliss seinen Drink in pures Gift verwandelte.

„Spielverderberin“, lallte Lance, setzte die Wodkaflasche an und trank einen gehörigen Schluck. „Sei nicht so trübselig. Dies ist schließlich eine Party.“

„Aber kein Besäufnis“, entgegnete Isobel, die ahnte, was so viel Alkohol anrichten konnte. „Wenn ich das geahnt hätte!“

„Du hast mir immer noch nicht verraten, wer der Typ da drüben ist“, drängte Sonia unbeirrt weiter. „Es kann ja sein, dass du ihn nicht eingeladen hast, aber dies ist dein Apartment. Du musst doch wissen, wen Julia hergebeten hat.“

Isobel seufzte. Sie hatte den Mann in dem Moment bemerkt, als Julia ihn hereingelassen hatte. Ihre Blicke waren sich kurz begegnet, und Isobel hatte ihre starke Reaktion auf den Fremden damit zu erklären versucht, dass er nicht englisch aussah. In Wirklichkeit lag es daran, dass ihr noch nie ein so aufregend attraktiver Mann über den Weg gelaufen war.

Er war sehr groß – vermutlich jünger als Julia – und hatte dichtes schwarzes Haar, das sich um seinen Hemdkragen kringelte und ihm tief in die Stirn fiel. Die Farbe seiner Augen hatte Isobel nicht so schnell erfassen können, vermutlich waren sie ebenfalls dunkel. Außerdem hatte er ausgesprochen markante Gesichtszüge. Er lehnte lässig an der gegenüberliegenden Fensterbank, hatte eine schlanke gebräunte Hand auf seinen Schenkel gelegt und hielt in der andern eine offene Bierflasche. Doch weder das Bier noch die Party schienen ihn zu interessieren – auch nicht die Frau, die ihm besitzergreifend den Arm um die Schulter gelegt hatte.

„Ich kenne nicht einmal seinen Namen“, sagte Isobel, die sich wunderte, warum Sonia nicht einfach Julia selbst fragte. Wahrscheinlich hatte sie Angst, Julia damit zu sehr ins Gehege zu kommen.

„Zu blöd!“ Sonia machte ein enttäuschtes Gesicht. „Dabei bin ich ziemlich sicher, dass ich ihn schon einmal gesehen habe. Vielleicht letzte Woche bei den Hampdens? Doch woher solltest du das wissen?“ Sie betrachtete Isobel mitleidig. „Du magst ja keine Partys.“

„Jedenfalls keine wie diese“, gab Isobel zu. Sie bedauerte längst, dass sie Julias Drängen nachgegeben hatte. Doch ihr Apartment war bedeutend größer als deren Etagenwohnung, und es wäre ihr kleinlich vorgekommen, ihre Freundin hängen zu lassen.

„Ich merke schon, ich muss das Rätsel selbst lösen“, meinte Sonia und füllte reichlich Punsch in ihr Glas. „Hm … ist da überhaupt Alkohol drin?“

Isobel verkniff sich eine Antwort. Wenn Sonia den Punsch zu schwach fand, war sie offenbar an Stärkeres gewöhnt. Julia hatte vor Isobels Augen die Mischung aus Wein und Fruchtsaft mit dem Inhalt einer ganzen Flasche Rum aufgefüllt. Ob vorher schon etwas anderes beigefügt worden war, wusste Isobel nicht, hielt es aber für möglich.

Als sie sich jetzt umsah, bemerkte sie, dass viele Gäste schon ziemlich angetörnt waren. Sie hatte Julia ernsthaft vor Drogen gewarnt und fragte sich jetzt, ob alle, die jetzt auf wackeligen Beinen und mit glasigen Augen herumwankten, wirklich nur Alkohol getrunken hatten.

Auch die Musik war wesentlich lauter geworden. Statt Rock and Roll, wie von Julia vorgeschlagen, wurde jetzt Rap gespielt. Während Isobel die Gestalten beobachtete, die sich auf dem Parkett verrenkten, kam sie sich plötzlich uralt vor. Doch auch als Teenager war sie nie so aus sich herausgegangen. Sollte sie das vielleicht bedauern?

Wie auch immer, sie lebte hier immer noch, wenn alles längst vorüber war, und auch die Mitbewohner würden nicht dulden, dass sich die Party in einen allgemeinen Tumult verwandelte. Ihre unmittelbare Nachbarin, Mrs. Lytton-Smythe, hatte sich schon über die vielen Autos beschwert, die die Garageneinfahrt blockierten, und die beiden Ärzte im Apartment unter ihr erwarteten morgen früh wie üblich ihre Patienten.

Julia hatte vorgeschlagen, alle Anwohner zu der Party einzuladen, um Beschwerden vorzubeugen, das wäre jedoch keine Lösung gewesen. Keinem von Isobels Nachbarn hätte dieses Saufgelage gefallen.

Seufzend verließ Isobel den großen Raum, der sonst als Wohn-Esszimmer diente, und flüchtete sich in die kleine Küche direkt daneben. Die Musik war hier nicht so laut, dafür standen überall leere Dosen und Flaschen herum. Dazu kamen die Reste des kalten Büfetts, das von auswärts geliefert worden war, aber bei den Gästen kaum Anklang gefunden hatte. Inzwischen war Mitternacht vorbei, und Isobel fragte sich, wie lange ihre Freundin die Party noch ausdehnen wollte.

Isobel war erschöpft. Sie hatte sich schon morgens um halb sieben an ihren Computer gesetzt, um den Artikel über eine bekannte Designerin abzuschließen, den sie ihrem Chefredakteur für den nächsten Morgen zugesagt hatte. Genauer gesagt, für heute Morgen. Vielleicht hätte sie doch darauf bestehen sollen, die Party auf das Wochenende zu verschieben, aber es war Julias dreißigster Geburtstag, und sie hatte ihr nicht den Spaß verderben wollen, ihn am selben Tag zu feiern.

Isobel seufzte wieder, doch plötzlich stockte ihr der Atem. Ein Mann stand an der offenen Küchentür, mit der Schulter lässig gegen den Rahmen gelehnt. Es war der Fremde, nach dem sich Sonia gerade erkundigt hatte. Er war schlank und sah in den engen Jeans und dem schwarzen Seidenhemd mit aufgekrempelten Ärmeln unglaublich sexy aus.

„Oh“, stieß sie hervor. Da sie seinen Namen nicht wusste, konnte sie ihn nicht persönlich anreden. „Hallo. Kann ich etwas für Sie tun?“

Não quero nada, obrigado“, antwortete er mit tiefer, einschmeichelnder Stimme. „Ich bin wunschlos glücklich“, fügte er hinzu. „Ich wollte zu Ihnen.“

„Zu mir?“ Isobels Erstaunen hätte nicht größer sein können. Eigentlich passte sie nicht in Julias Freundeskreis. Sie hatte zusammen mit Julia studiert, aber während der letzten fünf Jahre kaum noch Kontakt zu ihr gehabt. Erst seit Isobels Umzug nach London waren sie sich wieder nähergekommen.

Sim … zu Ihnen“, bestätigte er mit einem entwaffnenden Lächeln. „Ich habe den Eindruck, dass Sie wie ich … como se diz? … ein wenig gelangweilt sind.“

Er war also Portugiese. Was er sagte, hätte Julia allerdings nicht gefallen. Sie war ihm den ganzen Abend nicht von der Seite gewichen.

„Ich habe nur ein bisschen aufgeräumt“, sagte sie nach einer Pause, denn sie konnte immer noch nicht glauben, dass er ihretwegen in die Küche gekommen war. Ein Mann, der so aussah, konnte sich unmöglich für jemanden wie sie interessieren. Okay, für eine junge Frau, die innerhalb von zwei Jahren geheiratet hatte und wieder geschieden worden war, sah sie noch ganz attraktiv aus, aber zu den langbeinigen Blondinen wie Julia oder Sonia gehörte sie nicht.

„Quê?“ Der Mann runzelte die Stirn. „Ich glaube nicht, dass Sie nur die … doméstica sind.“

„Oh nein.“ Isobel lächelte bei der Vorstellung. „Dies hier ist mein Apartment. Julia … Ihre Bekannte …“ Es fiel ihr schwer, den richtigen Ausdruck zu finden, aber warum eigentlich? „… ist eine Freundin von mir.“

„Ah.“ Der Mann lehnte den Kopf an den Türpfosten und musterte sie. Jetzt konnte sie auch die Farbe seiner Augen erkennen: goldbraun wie Bernstein. Von dichten dunklen Wimpern überschattet verursachten sie bei ihr ein leichtes Frösteln, was sie sich nur ungern eingestand. Zum ersten Mal seit der Trennung von David fühlte sie sich wieder zu einem Mann hingezogen.

Ängstlich, aber auch erwartungsvoll sah sie ihn langsam näher kommen. Etwas Ähnliches hatte sie nie empfunden. Nimm dich zusammen, Belle, ermahnte sie sich und schob alles auf den Punsch, von dem sie vielleicht zu viel getrunken hatte. Doch der Mann stellte nur seine Bierflasche auf die Spüle. Dabei lag ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen, als machte ihm ihre allzu deutliche Reaktion insgeheim Spaß.

Er kehrte auch nicht an seinen alten Platz zurück, sondern fragte: „Dann müssen Sie Isobel sein, não?“

„Ja“, antwortete sie etwas atemlos. „Isobel Jameson.“ Sie zögerte. „Und Sie sind …?“

„Ich heiße Alejandro. Alejandro Cabral.“ Er neigte leicht den Kopf. „Muito prazer.“

„Oh.“ Isobel war überrascht, als er seine Hand ausstreckte. Sie war ein so förmliches Verhalten nicht gewohnt, aber in seiner Heimat galten vermutlich noch die alten Anstandsregeln. „Wie geht es Ihnen?“

„Sehr gut, Miss Jameson … obrigado“, antwortete er, nahm ihre Hand und führte sie an die Lippen.

Doch statt ihr, wie Isobel erwartet hatte, einen förmlichen Handkuss zu geben, küsste er ihre Handfläche. Für einen Moment glaubte sie sogar, seine Zunge zu spüren, doch das hatte sie sich in ihrer Verwirrung wohl nur eingebildet.

Natürlich hätte sie ihm ihre Finger sofort entzogen, an ihrer hellen Baumwollhose abgewischt und so getan, als wäre nichts passiert, aber Alejandro ließ sie nicht los und sah ihr dabei unverwandt in die Augen. Er wusste, dass sie zutiefst beunruhigt war – durch seine Frechheit ebenso wie durch ihre unfreiwillige Reaktion.

„Mr. Cabral …“

„Sie dürfen mich Alejandro nennen“, unterbrach er sie mit rauer Stimme, und plötzlich fühlte sich ihr Mund trocken an. „Wenn Sie mir erlauben, Sie Isobel zu nennen. Was für ein schöner Name! Meine Großmutter heißt übrigens Isobella. Der Name ist in meinem Land sehr beliebt.“

Isobel schüttelte benommen den Kopf. Sie wusste nicht, wo Alejandro Cabral seine Verführungskünste gelernt hatte, in England bestimmt nicht. Sie schätzte sein Alter auf fünf- oder sechsundzwanzig Jahre. Sie selbst war fast dreißig, aber irgendwie schaffte er es, dass sie sich unerfahren und hilflos fühlte.

„Nennen Sie mich, wie Sie wollen … Alejandro“, sagte sie, „aber lassen Sie endlich meine Hand los.“ Es gelang ihr, sich zu befreien und zu lächeln. „Die Party macht Ihnen also keinen Spaß?“

Er zuckte die Schultern, und das Spiel seiner Muskeln unter dem teuren Seidenhemd war deutlich zu erkennen. „Ihnen vielleicht?“, fragte er, ohne sich von der Stelle zu bewegen. „Verstecken Sie sich deshalb hier?“

„Das tue ich doch gar nicht“, protestierte Isobel.

Alejandro betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. „Wir könnten uns zusammentun“, schlug er vor und strich ihr dabei mit dem Finger über die Wange. „Was halten Sie davon?“

Isobel trat unwillkürlich einen Schritt zurück. „Absolut gar nichts!“, rief sie, denn sie ärgerte sich, dass es überhaupt so weit gekommen war. Was für einen Eindruck sie auch immer auf ihn gemacht hatte – an einem flüchtigen Abenteuer war sie nicht interessiert. Sollte Julia doch seine Wünsche erfüllen. Sie war jedenfalls nicht gewillt, sich mit irgendjemandem einzulassen.

Unglücklicherweise stand direkt hinter ihr ein leerer Bierkasten. Um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, griff sie nach der Tischkante und streifte dabei Alejandros breite Brust. Es durchzuckte sie so heiß wie bei seiner letzten Berührung, und als er sie stützen wollte, wich sie ihm aus.

„Ich denke, Sie sollten besser zu den anderen Gästen zurückkehren, Mr. Cabral“, sagte sie und benutzte diesmal bewusst seinen Vornamen nicht. „Julia wundert sich bestimmt schon, wo Sie bleiben.“

„Und warum?“, fragte er in noch vertraulicherem Ton.

„Weil es für Julia wichtig ist“, antwortete sie kurz angebunden. Um das Gespräch wieder etwas aufzulockern, fügte sie gleich darauf hinzu: „Sie besuchen in Portugal wohl viele Partys?“

„Nicht eine einzige“, antwortete er. „Ich bin außerdem Brasilianer … nicht Portugiese.“

Isobel vergaß sofort ihren Knöchel, der mit dem Bierkasten eine schmerzhafte Bekanntschaft gemacht hatte, und sie vergaß auch, dass sie versucht hatte, Alejandro loszuwerden. „Wie aufregend!“, hauchte sie. „Ich wollte Südamerika schon immer kennenlernen.“

„Wirklich?“

„Dann arbeiten Sie hier in London? Etwa auch in der gleichen Branche … wie Julia?“

„Ah, não.“ Alejandro lächelte überlegen. „Ich mache keine Werbung.“

„Ich verstehe“, sagte Isobel, der sogleich der Gedanke kam, dass das in höchstem Maße bedauerlich war. Niemand wäre geeigneter gewesen, nackt aus den Wogen des Ozeans aufzutauchen und für einen rassigen Männerduft zu werben. „Und womit beschäftigen Sie sich?“, fuhr sie schnell fort, weil sie befürchtete, er könnte erraten, was ihr gerade durch den Kopf gegangen war. „Oder machen Sie hier Ferien?“

„Ferien?“ Die Vorstellung schien ihn zu amüsieren. „In England … im November? Wohl kaum.“

„Nun …“ Isobel wollte nicht zu interessiert erscheinen und griff nach Alejandros Bierflasche, um sie wegzuräumen. Dabei übersah sie, dass sie noch halb voll war, und bespritzte ihre Bluse. „So ein Mist!“, platzte sie heraus. „Warum haben Sie nicht gesagt, dass Sie noch nicht ausgetrunken hatten?“

Alejandro reagierte blitzschnell und nahm ihr das Corpus Delicti ab. „Es tut mir sehr leid.“ Dann betrachtete er die nasse Bluse, die Isobel so auf der Haut klebte, dass ihr Spitzen-BH durchschimmerte. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“ Er griff nach den Knöpfen der Bluse. „Por favor … ich werde Ihnen das hier besser ausziehen.“

Isobel schlug empört seine Hand weg. „Was fällt Ihnen ein, Mr. Cabral?“ Seine Finger wirkten auf dem weißen Stoff ganz fremd. „Bitte lassen Sie das. Wenn jetzt jemand hereinkommt …“

Alejandro lächelte und legte ihr die Hände auf die schmalen Schultern. „Halten Sie mich nur deshalb zurück?“, fragte er mit einem neugierigen Ausdruck in den goldbraunen Augen. „Muito bem.“

Isobel merkte, dass sie zitterte, und ärgerte sich darüber. Was war eigentlich mit ihr los? Selbst bei ihrer ersten Begegnung mit David hatte sie sich nicht so verletzlich gefühlt. Oder so erregt, wie sie sich schmerzerfüllt eingestand.

„Sie sollten endlich Ihre Finger wegnehmen, Mr. Cabral“, sagte sie steif. „Ich fürchte, Sie haben einen falschen Eindruck von mir.“

„Und wenn ich das nicht möchte?“, fragte er leise und spielte dabei mit dem Kragen ihrer Bluse.

„Das steht nicht zur Diskussion“, erwiderte Isobel. Auf keinen Fall durfte er merken, wie sehr er sie irritierte. „Ich weiß nicht, was Julia Ihnen über mich erzählt hat, aber flüchtige Sexabenteuer interessieren mich nicht.“

Er wirkte plötzlich schockiert, und ein Schatten huschte über seine Gesichtszüge, trotzdem ließ er sie immer noch nicht los. „Mich auch nicht“, erklärte er entschieden. „Übrigens hat Julia nichts über Sie berichtet … so überraschend das auch sein mag.“

Isobel errötete. „Ich meinte nur …“

„Ich weiß, was Sie meinten, querida.“ Sein Blick wurde durchdringend. „Dennoch glaube ich nicht, dass Sie noch unschuldig sind, não?“

Der Griff seiner Hände wurde fester, und ihr stockte der Atem. „Ich bin geschieden“, sagte sie kurz angebunden. „Bitte lassen Sie mich los.“

„Habe ich Sie etwa beleidigt? Das war nicht meine Absicht“, stellte er mit finsterer Miene fest.

„Nein?“ Isobel glaubte zu wissen, was er im Sinn gehabt hatte, und wollte unbedingt mehr Abstand zu ihm gewinnen. Solange sie seinen warmen Atem und den Druck seiner Finger spürte, war sie ihm nicht gewachsen. „Wie auch immer … Ich habe nicht vor, Ihrem Ego zu schmeicheln.“

„Meinem Ego?“, fragte er amüsiert. „Dann meinen Sie also zu wissen, was für ein Mann ich bin?“

Isobel wand sich unter seinem Griff. „Ich denke, dass Sie zu sehr von sich überzeugt sind“, antwortete sie mühsam. „Und ich bezweifle, dass Sie selbst noch ein unbeschriebenes Blatt sind.“

Ihre Antwort brachte ihn zum Lachen. „Wie recht Sie haben, cara. Natürlich habe ich schon mit Frauen geschlafen, sim. Wollen Sie hören, mit wie vielen?“

„Nein.“ Sie fühlte sich immer mehr in die Enge getrieben, was seine Heiterkeit nur steigerte.

„Wahrscheinlich nicht“, stellte er frech fest, und bevor Isobel erriet, was er vorhatte, beugte er sich vor und nahm ihre Oberlippe spielerisch zwischen die Zähne. Sie spürte einen leichten Schmerz, trotzdem war die Empfindung eher lustvoll. Er ließ die Zunge langsam über ihre leicht geöffneten Lippen gleiten und dann forschend in ihren Mund.

Dann umfasste er ihren Nacken und löste das Band, mit dem sie ihre Haare zusammengefasst hatte. Als ihr das blonde seidenweiche Haar über die Schultern fiel, entlockte es ihm einen Laut tiefer Befriedigung.

Isobel wehrte sich nur halbherzig. Alejandro verhielt sich so anders, als sie erwartet hatte, dass ihr alles unwirklich vorkam. Es kann nicht sein, dachte sie. So bin ich nicht. Wie oft hatte David ihr Gefühlskälte vorgeworfen, aber in Alejandros Armen spürte sie ihr heiß pulsierendes Blut.

Er drückte sie so fest an sich, dass sie sich von seiner männlichen Kraft überwältigt fühlte. Er hörte nicht auf, sie zu küssen, umfasste ihre Hüften und suchte noch engeren Kontakt. Deutlicher hätte er seine Absichten nicht zeigen können. Falls sie noch im Zweifel gewesen war …

„Was, zum Teufel, macht ihr da?“

Der zornige Ausruf schien von weit her zu kommen. Isobel realisierte ihn erst richtig, als sie schmerzhaft am Arm gepackt und von Alejandro weggerissen wurde. Dann erkannte sie Julia, deren Gesichtsausdruck sie mit tiefer Scham erfüllte. Später erklärte sie sich diesen Zustand äußerster Verzückung damit, dass sie nicht bei Verstand gewesen sein könne.

Während sie sich zu ihrer Freundin umdrehte, sagte sie: „Es ist nicht so, wie du denkst.“

„Ach nein?“ Julia wirkte keineswegs überzeugt. „Du liebe Güte, Issy! Ist das etwa Blut auf deiner Bluse?“

Isobel wünschte fast, es wäre so gewesen. Dann hätte sie behaupten können, Alejandro habe sie nur getröstet, obwohl Julia ihr auch das kaum abgenommen hätte. „Das ist Bier“, gestand sie reumütig. „Ich habe mich damit bespritzt.“

„Das war offensichtlich nicht alles“, beklagte sich Julia. „Und ich dachte, wir wären Freundinnen.“

„Das sind wir …“

„Entschuldigen Sie.“ Alejandro hatte den Wortwechsel schweigend verfolgt und mischte sich jetzt ein. „Ich bin allein zu der Party gekommen“, wies er Julia kühl zurecht. „Ich mag vieles sein, aber eins bin ich bestimmt nicht … Ihr Freund.“

„Oh, bitte …“ Isobel nahm Alejandros verärgerte Miene nur halb wahr. Sie wagte nicht, ihn richtig anzusehen oder ihm einzugestehen, was sie sich selbst nicht eingestand. Sie bemerkte nur, dass er sich nicht rührte und die Hände in die Gesäßtaschen seiner Jeans geschoben hatte. Mit denselben Händen hat er mich eben noch liebkost, dachte sie träumerisch, das sieht man ihm allerdings nicht mehr an.

„Wir waren die ganze Zeit zusammen“, ereiferte sich Julia weiter. „Ohne mich wären Sie gar nicht hier.“

„Ich wusste nicht, dass Ihre Einladung an … wie sagt man bei Ihnen? … Bedingungen geknüpft war“, erwiderte er eisig. „Sie vergessen sich, Julia. Ich brauche keine Erlaubnis von Ihnen, um mich mit Miss Jameson zu unterhalten.“

„Zu unterhalten?“, höhnte Julia. „Nennen Sie es so? Als ich hereinkam, haben Sie meine Freundin wie wild geküsst …“

„Und das stört Sie?“ Alejandro sprach jetzt mit deutlicherem Akzent. „Ich schlage vor, dass Sie uns jetzt allein lassen, Julia. Wir sind keine Kinder, die eine Anstandsdame brauchen, não?“

„Vielleicht sollte Mr. Cabral allmählich aufbrechen“, mischte sich Isobel ein, ohne Alejandro dabei anzusehen. „Es ist schon sehr spät.“

Sie hörte, wie er tief den Atem einsog. „Das ist nicht Ihr Ernst!“, rief er aus, doch ehe sie antworten konnte, kam Julia ihr zuvor. „Ihr voller Ernst“, sagte sie mit triumphierender Miene. „Bye-bye, Alex. Wir sehen uns nächste Woche.“

Isobel ließ den Blick zwischen Julia und Alejandro hin- und herwandern. Was hatten diese Worte zu bedeuten? Doch ehe sie zu einem Schluss kam, war Alejandro schon an der Tür. Mit einer Hand stützte er sich gegen den Rahmen, mit der andern fuhr er sich durch das zerzauste schwarze Haar.

„Es ist noch nicht vorbei, Isobel“, sagte er leise, und sie fragte sich, ob das eine Drohung oder ein Versprechen sein sollte. „Volto mais tarde.“ Was das wohl heißen mochte? „Boa noite, senhoras. Gute Nacht.“

Nachdem Alejandro gegangen war, herrschte peinliches Schweigen. Endlich fragte Julia: „War das nicht lustig?“

„Ich möchte lieber nicht darüber sprechen“, antwortete Isobel. „Es ist spät, wie ich bereits sagte. Wir sollten endlich Schluss machen. Nach ein Uhr morgens …“

„Das meinst du nicht wirklich!“ Julia sah sie ungläubig an. „Jetzt geht es doch erst richtig los.“ Sie machte eine ungeduldige Handbewegung. „Du bist leicht beschwipst und hast dich an Alex herangemacht. Soll ich daraus eine große Sache machen? Wir sind zu lange befreundet, um uns wegen eines Mannes …“

„Woher kennst du ihn überhaupt?“, unterbrach Isobel sie. „Und was hast du damit gemeint, dass ihr euch nächste Woche wiederseht?“

„Oh.“ Julia machte ein betroffenes Gesicht. „Hat er dir nichts davon gesagt? Nun, er ist wohl nicht dazu gekommen. Wir … genauer gesagt, meine Agentur … arbeitet für seine Gesellschaft. ‚Cabral Leisure‘ spielt in Südamerika eine wichtige Rolle und möchte jetzt auch den europäischen Markt erobern. Unsere Firma erhielt den Auftrag, die Werbung zu gestalten.“

„Ich verstehe.“

„Na also. Alex gehört mit seiner Hotelkette zu den großen Unternehmern, Issy. Deshalb war ich so schockiert, als ich euch zusammen sah.“

„Wirklich?“, fragte Isobel zweifelnd.

„Wenn ich es doch sage. Ich war ehrlich überrascht, als er meine Einladung angenommen hat. Wahrscheinlich hatte er nichts Besseres vor. Männer von seinem Schlag tauchen selten in Hinterhäusern auf.“

Isobel wandte sich ab, sammelte die herumstehenden leeren Dosen ein und warf sie in den Mülleimer. Sie hätte gern bemerkt, dass ihr Apartment nicht in einem Hinterhofmilieu liege, was allerdings Julia nur Gelegenheit gegeben hätte, sich noch mehr aufzuspielen. Außerdem hatte sie wahrscheinlich recht. Falls Alejandro wirklich so reich war, wie sie behauptete, würde er sich wohl kaum unter das einfache Volk mischen.

„Wie auch immer“, fuhr Julia fort, als Isobel beharrlich schwieg, „nur weil er gegangen ist, brauchen wir die Party nicht abzubrechen. Noch eine Stunde, Issy, ja? Bitte, bitte. Dann schmeiße ich die Bande raus. Das verspreche ich.“

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