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Sinnliche Nächte im Topkapi-Palast

1. KAPITEL

Osmanisches Reich, 1565

Während Laila binte Nur Hamidah neben all den anderen Frauen auf dem Sklavenmarkt stand, schlug ihr das Herz bis zum Halse. Die Sonne brannte heiß hernieder, und Laila spürte, wie ihr unter der ferace, dem weit geschnittenen Überkleid, das ihren Leib verhüllte, ein Schweißtropfen über die Haut rann. Angst lähmte sie, und dennoch stand sie kerzengerade da. Sie konnte nichts tun, außer die übrigen Frauen zu beobachten und zu warten, bis es an ihr war, auf das Versteigerungspodest zu treten.

Das Aroma von Tabak, Gewürzen und Kaffee lag schwer in der Luft – exotische Düfte, die Laila allzu deutlich gewahr werden ließen, dass sie nicht hierher gehörte. Die nächste Jungfrau wurde ausgezogen und gemustert. Fremde fassten der Sklavin an Brüste und Gesäß und prüften, ob ihr Fleisch auch straff war. Sie wurde begutachtet wie eine kostbare Zuchtstute. In Lailas Kehle bildete sich ein Kloß. War dies auch ihr Schicksal? Von Fremden betastet und gekniffen, vor aller Augen gedemütigt zu werden?

Die Welt verschwamm vor ihren Augen, und Laila atmete tief durch in dem Bemühen, sich wieder zu fangen. Sie versuchte, sich Vater und Brüder ins Gedächtnis zu rufen … die vertrauten schwarzen Zelte des Beduinenlagers und die melodische Stimme ihrer Mutter. Ihre Mutter hatte immer Geschichten erzählt, überliefert von einer Generation zur nächsten.

Nie wieder würde sie Geschichten erzählen. Lailas Familie gab es nicht mehr, sie war beim Angriff eines Nachbarstamms getötet worden. Laila hatte fliehen wollen, war jedoch vom Feind ergriffen worden. Und hier stand sie nun. Ihr Aussehen und ihre Jungfräulichkeit machten sie wertvoll, weshalb ihr Häscher sie nicht angerührt hatte.

Behutsam gelenkt von einer Peitsche an ihrer Schulter, wurde sie schließlich aufs Holzpodest geschoben. „Tu genau, was ich dir sage“, wies der Sklavenhändler sie an. „Wenn du Glück hast, wirst du Konkubine in eines Mannes Harem. Wenn du dich aber widersetzt, bekommt deine zarte Haut die Peitsche zu spüren.“ Schwielige Hände zerrten ihr die ferace vom Leib und entblößten sie vor der Menge.

Die Zähne fest zusammengebissen, starrte Laila stur geradeaus. An ihre Handgelenke waren Seile geknotet. Männer begafften sie, doch sie weigerte sich, unter ihren Blicken einzuknicken. Schande hin oder her, sie würde diese Schmach überstehen. Aus ihrer nackten Angst erwuchs ein Vorsatz: Noch ehe sie einem Herrn übergeben wurde, würde sie fliehen.

Sie richtete den Blick auf die Araberstuten, die nicht weit entfernt angebunden waren. Die Tiere waren nervös, reckten die Hälse und scharrten mit den Hufen. Sie waren es nicht gewohnt, so dicht zusammengedrängt dazustehen, und es gefiel ihnen nicht.

Wenn sie nur nahe genug an die Stuten herankäme, konnte sie womöglich eine stehlen und fliehen. Es musste doch einen Weg geben, vom Marktplatz zu entkommen. Wenn es ihr nur gelingen würde …

Ein Mann in schwarzer Gewandung ritt auf sie zu und nahm ihr die Sicht auf die Pferde. Er trug einen weißen Turban, und sein Reichtum zeigte sich am rubinbesetzten Zaumzeug des Hengstes, auf dem er saß. Hinter dem Mann erspähte Laila ein Dutzend Leibwächter. Wer er wohl war? Vermutlich ein Pascha oder irgendein anderer hochgestellter Herr. Sie fragte sich, was ihn dazu bewogen haben mochte anzuhalten. Edelleute verirrten sich höchst selten auf den Sklavenmarkt.

Sie erwiderte seinen Blick offen und ohne Demut zu heucheln. Vollkommen hüllenlos mochte sie sein, ihren Stolz würde sie sich jedoch nicht rauben lassen. Mochte Allah ihr gnädig sein, sie würde sich aus diesem Albtraum befreien – und wenn es das Letzte war, was sie tat.

Laila achtete nicht auf die nach ihr grapschenden Hände und die lüsternen Blicke. Stattdessen musterte sie eingehend die Pferde und versuchte abzuwägen, welche der Stuten sich von ihr reiten lassen würde. Das nämlich würde kein leichtes Unterfangen werden. Die meisten Araberpferde waren ihrem Herrn treu; es waren kluge Geschöpfe, die sich nicht einfach von jedem davonführen ließen. Laila musste die richtige Stute wählen.

Während die Männer weiter um sie boten, ritt der Pascha näher und sah sie dabei unverwandt an. Laila hielt seinem Blick stand und war überrascht, im Schatten des Turbans tiefblaue Augen zu sehen. Das Gesicht des Mannes war sonnengebräunt, sein Kinn markant. Seine Züge hatten etwas Fremdländisches an sich und ließen erahnen, dass seine Mutter eine große Schönheit gewesen war, vielleicht aus Al-Andalus oder einer Region noch weiter nördlich. Er ließ die Hände auf dem Sattelknauf ruhen, nahm alles um ihn her auf und ignorierte die Händler, die an ihn herantraten, um ihn zu fragen, ob er mitzubieten gedenke.

Laila bemerkte seine neugierige Miene, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Pferde richtete. Alles in ihr schrie nach Flucht. Sie würde sich nicht von irgendeinem Mann ablenken lassen, nicht einmal von einem ansehnlichen.

Der Pascha musterte sie noch einen Moment lang, wandte sich aber schließlich ab. Die Händler liefen ihm hinterher und versuchten ihn dazu zu bringen, doch etwas zu kaufen. Raue Stimmen erschallten hier und da. „Für Euch, Herr, nur eintausend kurush!“, lockte ein Händler. „Neunhundert!“, bot er, als der Edelmann einfach weiterritt.

Diese kleine Ablenkung war die Gelegenheit, auf die Laila gewartet hatte. Sie riss sich von dem Kerl los, der sie an ihren Handfesseln festhielt, sprang vom Podest und eilte auf die Pferde zu. Hinter sich hörte sie die Peitsche knallen. Die Schnur verfehlte sie knapp, ritzte jedoch einer der Stuten die empfindliche Flanke auf. Wild vor Schmerz, bäumte sich das Tier auf und schlug mit den Hufen durch die Luft.

Abermals ließ der Sklavenhändler die Peitsche knallen, und nun stemmten sich auch die übrigen Stuten gegen die Stricke und bleckten die Zähne. Laila wusste, wie leichtsinnig es war, sich aufgescheuchten Pferden zu nähern, aber ihr blieben nur wenige kostbare Augenblicke, ehe die Männer sie erneut einfangen würden.

Dies war ihre letzte und einzige Chance.

Prinz Khadin zügelte sein Pferd hart. Er vermochte kaum zu glauben, was er da sah. Die junge Sklavin war vom Versteigerungs­podest gesprungen und rannte auf eine Gruppe von Pferden zu. Jede andere Frau hätte vor Schreck aufgeschrien, als die Stuten stiegen, doch diese Sklavin stand nur reglos da.

„Herr“, sagte einer seiner Männer, „soll ich einschreiten?“

„Noch nicht.“ Khadin trieb sein Pferd vorwärts und beobachtete, wie die Frau begütigend die Hände hob und auf die Stuten einredete. Die Händler verstummten erstaunt, als sie die Pferde allein mit ihrer Stimme beschwichtigte.

War sie eine Zauberin? Nie zuvor hatte er erlebt, dass sich ein gepeitschtes Pferd von einer Frau besänftigen ließ. Doch in ihrer Miene lag keinerlei Angst, so als könne sie den Zorn des Tieres nachvollziehen.

„Ich weiß, du bist aufgeregt, meine Schöne“, meinte er sie flüstern zu hören. Sie hielt den Blick unverwandt auf die Stute geheftet, die sie aus ihren ovalen Augen ansah. Die Sklavin raunte ihr weitere Schmeicheleien zu, und die übrigen Tiere spürten offenbar, dass dieser Mensch keine Gefahr darstellte, denn eines nach dem anderen beruhigten sie sich.

Die junge Frau berührte mit den Fingerspitzen die Nüstern der Stute, und diese stupste ihrerseits sie. Wie eine Göttin aus längst vergangenen Zeiten stand die Frau inmitten der Menge, und das lange schwarze Haar, das ihr bis über die Hüften fiel, stand in krassem Gegensatz zu dem weißen Hals der Stute.

Mit ihren vollen Lippen und den mandelförmigen dunklen Augen wirkte die Sklavin betörend auf Khadin. Sie war schlank, als habe sie nicht genug zu essen bekommen, doch ihre Arme waren auf geschmeidige Weise kräftig – kräftig genug, ein widerspenstiges Pferd zu bezähmen. Ihre langen Beine wie auch ihr Hinterteil waren stramm und fest, so als habe sie viel Zeit auf dem Pferderücken verbracht. Zwischen ihren langen Flechten schimmerten zwei sanft geschwungene Brüste durch, und Khadin wusste, dass er nicht der einzige Mann war, der diese Frau begehrte.

Aber er brauchte keine Frau. Vor allem jetzt nicht.

Gleich darauf war auch schon der Sklavenhändler bei ihr und zerrte sie zurück. Sie schrie auf, während der Händler prompt ihr Geschick im Umgang mit Tieren anpries und ihren Preis verdoppelte.

Khadin wusste nicht, was über ihn kam, aber er schlug alle Vernunft in den Wind und lenkte seinen Hengst auf die Frau zu. Mit einer fließenden Bewegung beugte er sich hinab, hob sie zu sich aufs Pferd, riss sich einen Smaragd vom kaftan und warf ihn dem Händler als Bezahlung zu.

Die Sklavin wehrte sich und versuchte ihm mit den gebundenen Händen das Gesicht zu zerkratzen. „Lasst mich los!“, rief sie.

„Hör auf“, befahl er und zog ihre Fesseln straff. „Es sei denn, du willst, dass ich dich zurückbringe, damit du erneut feilgeboten wirst.“

Daraufhin war sie still und mühte sich lediglich, ihre Blöße zu bedecken. Khadin löste seinen Umhang und legte ihn ihr um, ehe er die Stricke an ihren Handgelenken durchschnitt. Die Frau zitterte und umklammerte den Stoff des Umhangs, als wolle sie damit verschmelzen.

Bei allem, was heilig war – wieso nur hatte er sie gerettet? Sie war bloß eine Sklavin. Es war nicht von Belang, welchem Mann sie gehörte oder was dieser mit ihr tat. Wer war er denn, dass er Einfluss auf ihr Schicksal nehmen durfte?

Sein Leben war so gut wie verwirkt. In wenigen Tagen, wenn nicht gar Stunden schon mochte er tot sein. Diese Frau an sich zu binden war weder redlich noch richtig. Besser, er übergab sie dem Harem, auf dass dort ein Platz für sie gefunden wurde.

Er trieb sein Pferd an und schlang der Frau einen Arm um die Taille.

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