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Sinnliche Erpressung aus Liebe?

Jacqueline Baird

Sinnliche Erpressung aus Liebe?

1. KAPITEL

Zac Delucca stieg aus der Limousine und schaute zu dem viergeschossigen Bau im georgianischen Stil auf. Vor zwei Wochen hatte er die Firma Westwold Components erworben und seinen Topmann Raffe Costa mit der Übernahme betraut. Eigentlich hatte er erwartet, dass man ihn vor Juni nicht in London brauchen würde, doch nun war es anders gekommen …

Zac Delucca war ein athletisch gebauter, blendend aussehender Mann mit schwarzem Haar und wachsamen dunklen Augen. Sein dunkelblauer Mohair-Anzug zeugte von einem teuren Schneider. Das Jackett umspannte ungewöhnlich breite Schultern. Mit seiner Größe von einem Meter zweiundneunzig war Zac in jeder Hinsicht eine eindrucksvolle Erscheinung, die man nicht übersehen konnte – und erst recht nicht den meist missbilligenden Ausdruck auf seinen markanten Zügen.

Durch einen tragischen Unfall hatte er seine Eltern verloren, als er gerade erst ein Jahr war, und die Kindheit in einem Waisenhaus in Rom verbracht. Mit fünfzehn hatte er dann das Heim nur mit dem verlassen, was er auf dem Leib trug, und mit dem brennenden Ehrgeiz, es im Leben weit zu bringen.

Mit Intelligenz, Mut und Entschlossenheit war es ihm gelungen, sich von ganz unten empor zu arbeiten. Sicher war dabei hilfreich gewesen, dass er, auch aufgrund seiner Größe, älter wirkte. Tagsüber hatte er studiert und regelmäßig nachts als Boxer Geld verdient, denn Ziel war es, eine eigene Firma gründen zu können: die Delucca Holdings.

Stets hatte er mit Maske und unter Pseudonym geboxt, an seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten geglaubt. Immer davon überzeugt, eines Tages als Sieger dazustehen. Irgendwann ganz oben an der Spitze zu sein, und sei es nur im Boxring …

Seine große Stunde schlug kurz darauf. Mit gerade mal 20 Jahren hatte er einen heruntergewirtschafteten Bauernhof in Süditalien erworben, zu dem drei Hütten, ein großes Haupthaus und tausend Hektar verwildertes Land gehörten. Einige Wochen später hatte die Regierung einen Teil des Landes für den Bau einer neuen Start- und Landebahn eines nahe gelegenen Flughafens aufgekauft, um dem wachsenden Tourismusaufkommen gerecht zu werden.

Manche hatten Zac Delucca verdächtigt, über Insiderinformationen verfügt zu haben, doch er hatte sich nie dazu geäußert und bei dem Handel mehr Geld verdient, als er in das gesamte Gut investiert hatte. Das Bauernhaus an der südlichsten Spitze Italiens, das einen atemberaubenden Blick auf das Meer bot, hatte er für sich behalten und es nach seinen Vorstellungen umbauen lassen.

Zum restlichen Land gehörte ein überwucherter Olivenhain, den Zac selbst zu bewirtschaften versuchte. Doch bald hatte er einsehen müssen, dass er nicht viel von Landwirtschaft verstand und einen Verwalter eingestellt. Die Hütten hatte er zu Unterkünften für die Landarbeiter umbauen lassen. Nach einiger Zeit hatte er die Ernte unter dem Markennamen „Delucca Natives Olivenöl extra“ vertrieben, das hochpreisig als Spitzenprodukt beworben und bald schon von Kennern geschätzt wurde.

In den vergangenen fünfzehn Jahren hatte Delucca Holdings sich zu einem internationalen Konglomerat entwickelt, zu dem nun ganz verschiedene Unternehmensbereiche gehörten, darunter auch Bergwerke, Fertigungsbetriebe, Immobilien, Erdölförderung und die Produktion von Olivenöl. Nichts war vor dem Zugriff Zac Deluccas sicher.

Rücksichtslos, arrogant und gnadenlos ginge er vor, behaupteten seine Feinde. Allerdings konnte niemand in der Branche, ob Freund oder Feind, bestreiten, dass er ein Finanzgenie und ein fairer Geschäftspartner war – ein Global Player, der stets erreichte, was er sich vorgenommen hatte.

„Bist du dir deiner Sache sicher, Raffe?“, fragte er den Mann, der ebenfalls ausgestiegen und ihm auf den Gehsteig gefolgt war.

Raffe Costa war nicht nur seine „rechte Hand“, sondern auch sein Freund. Vor zehn Jahren hatten ihre Wege sich zum ersten Mal gekreuzt, als Zac sich für die Finanzierung eines Geschäfts an eine Bank in Neapel gewandt hatte, bei der Raffe in der Kreditabteilung für Geschäftskunden arbeitete. Sie hatten sich auf Anhieb verstanden. Zwei Jahre später war Raffe als Leiter des Rechnungswesens und persönlicher Assistent in Zacs schnell expandierende Firma eingetreten. Zac vertraute ihm bedingungslos. Er wusste, dass sein Freund ein gewiefter Geschäftsmann war und sich selten irrte.

„Bist du dir sicher?“, wiederholte Raffe nachdenklich, während sie auf das Eingangsportal zuschritten. „Nicht völlig. Aber ich bin immerhin so weit überzeugt, dass ich finde, du solltest dir die Bücher selbst ansehen. Bei den Prüfungen, die wir vor der Übernahme vorgenommen haben, sind die Abschöpfungen nicht weiter aufgefallen, weil die Unterschlagungen gewisser Geldbeträge – und darauf läuft es hinaus – sehr geschickt vorgenommen und in den Bilanzen seit Jahren gut versteckt ausgewiesen wurden.“

„Hoffentlich hast du recht. Eigentlich hatte ich vor, Urlaub zu machen, und wollte gar nicht nach London kommen.“ Zac warf seinem Freund einen vielsagenden Blick zu, während sie das Gebäude betraten. „Ich war eher auf heißes Klima und eine heiße Frau eingestellt.“

Über die Entwicklung der Dinge war Zac alles andere als glücklich.

Umgänglich begrüßte er den Wachmann, den Raffe ihm vorstellte. Dabei überlegte er, wie schnell er – falls der Verdacht seines Freundes sich bestätigen sollte – das Problem in den Griff bekommen und wieder abreisen konnte.

Nach monatelangen zähen Verhandlungen hatte er den Vertrag endlich unter Dach und Fach gebracht. Komisch, dass ihm genau am Morgen danach beim Duschen bewusst geworden war, dass er fast ein Jahr wie ein Mönch gelebt hatte. Vor zehn Monaten hatte er sich von seiner letzten Freundin getrennt, weil sie zu besitzergreifend geworden war und zu oft vom Heiraten gesprochen hatte.

Erstaunt über seine Abstinenz, hatte Zac sein Mönchsdasein beenden wollen und war einige Male mit einem Supermodel aus Mailand ausgegangen. Heute hatte er die Schöne auf seine Jacht einladen und zu seiner Geliebten machen wollen. Für den Fall, dass sie zueinander passten, hatte er sogar erwogen, sie entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten auf eine mehrwöchige Kreuzfahrt durch die Karibik mitzunehmen.

Seit Jahren hatte er sich nie mehr als eine Woche Urlaub gegönnt. Doch in letzter Zeit fragte er sich häufiger, ob die Arbeit wirklich sein ganzer Lebensinhalt sein sollte. Solche Gedanken passten eigentlich nicht zu ihm. Er neigte nicht dazu, in sich zu gehen, und hatte beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen – daher die Idee mit Lisa, dem Model aus Mailand.

Dummerweise hatte Raffe ihn dann jedoch gestern Abend angerufen und sich besorgt über die Übernahme von Westwold Components geäußert, sodass Zac seine Urlaubspläne hatte verschieben müssen.

Er trug sich im Besucherbuch an der vom Wachmann bezeichneten Stelle ein – eine reine Formalität, aber der Mann wollte ihm offenbar beweisen, wie pflichtbewusst er war. Anschließend stellte er ihm Melanie, die Empfangsdame, vor.

„Sicher hat Mr. Costa es Ihnen bereits mitgeteilt“, hauchte die üppige Blondine sinnlich und ließ Zacs Hand gar nicht wieder los. „Wir alle freuen uns sehr, in Zukunft zu Delucca Holdings zu gehören. Und wenn ich persönlich etwas für Sie tun kann …“ sie senkte den Blick, sodass die langen Wimpern besonders gut zur Geltung kamen, „brauchen Sie es nur zu sagen.“

Erstaunlich, wie die Schöne es fertigbringt, sich aufreizend und unterwürfig zugleich zu geben, dachte Zac.

„Danke“, erwiderte er höflich und entzog ihr die Hand, um sich zu seinem Freund umzudrehen. „Komm, Raffe, gehen wir.“

Doch dann blieb er gleich wieder stehen, als eine junge Frau das Gebäude betrat.

„Wunderschön“, sagte er mehr zu sich selbst und betrachtete sie fasziniert. Ihr Gesicht glich dem eines Engels, und sie besaß eine überaus verführerische Figur. Sie hatte unglaublich große blaue Augen, einen ganz ebenmäßigen Teint, eine kleine Nase, einen breiten Mund und volle Lippen, die zum Küssen einluden. Das lange rote Haar fiel ihr in weichen Wellen über die schmalen Schultern, und das ärmellose weiße Designerkleid umschmeichelte ihren schlanken Körper. Ein breiter weißer Gürtel betonte die schmale Taille und ließ die recht üppige Oberweite gut zur Geltung kommen.

Wie eine Braut sah sie aus …

Das herausfordernde Klappern ihrer hochhackigen Pumps auf dem Marmorboden lenkte Zacs Blick auf ihre Beine … ihm blieb fast das Herz stehen. Unglaublich, diese langen schlanken Beine in den sexy roten Stilettosandaletten! Wie würde es erst sein, wenn sie diese Beine um seine Taille schlang …

„Wer ist das, Raffe?“, fragte Zac leise.

„Keine Ahnung. Eine Klassefrau!“

Zac blickte zu seinem Freund, der die junge Frau ebenfalls gebannt beobachtete. Am liebsten hätte er ihn gewarnt: Finger weg, Junge! Sie gehört mir!

Sein Entschluss war gefasst. Diese Frau entsprach nicht dem Typ, auf den er sonst flog. Normalerweise bevorzugte er große elegante Brünette – und sie war mittelgroß und rothaarig –, doch aus einem ihm selbst unerklärlichen Grund begehrte er diese Frau so heftig wie schon lange keine mehr. Er wollte sie haben …

Zac setzte sein charmantestes Lächeln auf und steuerte direkt auf sie zu. Aber zu seinem großen Erstaunen ging die Schöne einfach an ihm vorbei und nickte nur ganz leicht mit dem Kopf.

Zielstrebig schritt Sally Paxton durch die Eingangshalle von Westwold Components. Nur kurz hatte sie einen Blick auf die Leute am Empfang geworfen und das Lächeln des größten Mannes dort bemerkt. Ihr Herz pochte aufgeregt, und sie straffte die Schultern. Sie musste sich den Anschein geben, hierher zu gehören. Vielleicht hätte sie den Mann dann kennen müssen …

Sicherheitshalber nickte Sally ihm noch grüßend zu.

Sie hatte eine Mission zu erfüllen, und nichts und niemand würde sie davon abhalten!

Prüfend blickte sie zu den beiden Aufzügen im hinteren Teil der eleganten Eingangshalle. Sie wusste, dass einer für die Allgemeinheit war, aber der andere, auf den sie es abgesehen hatte, direkt zur obersten Etage und dem Büro ihres Vaters hinauffuhr.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte eine Frau ihn buchstäblich übersehen, und Zac Delucca war einen Augenblick lang sprachlos.

Nachdem er sich von seiner Überraschung erholt hatte, fragte er die Empfangsdame: „Wer ist diese Frau? In welcher Abteilung arbeitet sie?“

„Keine Ahnung. Ich habe sie noch nie gesehen.“

„Wachmann“, wandte Zac sich an den Mann vom Sicherheitsdienst, der immer noch in der Nähe stand. Und der schönen Unbekannten rief er laut nach: „Stopp, Miss! Sie müssen sich erst anmelden!“

In düstere Gedanken vertieft blieb Sally vor der Aufzugtür stehen und drückte auf den Knopf. Bisher war sie nur ein einziges Mal im Londoner Büro ihres Vaters gewesen, und das war jetzt schon über sieben Jahre her. Achtzehn war sie damals gewesen und hatte ihn eines Mittwochnachmittags unangemeldet besucht, nachdem ihre Mutter am gleichen Morgen eine Geburtstagskarte ihres Mannes erhalten hatte.

An jenem schicksalsschweren Tag hatte Sally gehofft, ihren Vater überreden zu können, noch am selben Abend mit ihr nach Bournemouth zu fahren, statt wie üblich erst am Wochenende. Schließlich war es der Geburtstag ihrer Mutter gewesen! Wenigstens eine Karte hatte er ihr geschickt …

Da ihre Mum nach der Brustkrebsoperation gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte Sally ihm klarmachen wollen, dass seine Frau ihn brauche.

Für den Abend hatte Sally ein großes Abendessen als Überraschung für ihre Mutter geplant, und ob das ein Erfolg werden würde, hatte auch vor allem davon abgehangen, ob ihr Vater daran teilnahm.

Angewidert presste sie die Lippen zusammen und schloss kurz die Augen. Selbst jetzt noch verfolgte sie die Erinnerung an die hässliche Szene damals.

Die Sekretärin war nicht im Vorzimmer gewesen, als Sally an die Tür ihres Vaters geklopft hatte. Nachdem sie keine Antwort erhalten hatte, war sie kurzentschlossen eingetreten.

Der Anblick, der sich ihr geboten hatte, war einfach abstoßend gewesen! Ihr Vater stand über seine auf dem Schreibtisch ausgestreckte, halb nackte Sekretärin gebeugt, die übrigens seine Tochter hätte sein können …

Kein Wunder, dass sie das Klopfen nicht gehört hatten!

Ihr Vater, ein notorischer Verführer und Ehebrecher … ein aalglatter verlogener Kerl … der Mann, den ihre Mutter so liebte und für unfehlbar hielt, Sally verachtete ihn schon lange.

Der Aufzug kam, Sally betrat die Kabine, drückte den Knopf für die Chefetage und lehnte sich an die Wand.

Als junges Mädchen hatte sie ihren Vater vergöttert, obwohl er nicht oft zu Hause war. Damals hatten sie in Bournemouth ein Herrenhaus besessen, einen großen viktorianischen Bau mit Blick aufs Meer. Als Leiter des Rechnungswesens und Finanzbevollmächtigter von Westwold Components arbeitete ihr Vater in der Londoner Zentrale und wohnte während der Woche dort in einem Apartment.

Als idealistischer Teenager hatte Sally gegen jede Art von Krieg demonstriert und war entsetzt gewesen, als sie erfuhr, dass die Firma ihres Vaters Zulieferer für die Waffenindustrie war. Als Sally ihm empört erklärt hatte, es sei unmoralisch, für die Waffenindustrie zu arbeiten, hatte ihr Vater sie als dummes Mädchen bezeichnet, das den Mund halten, hübsch sein und die Geschicke der Welt den Männern überlassen solle.

Er war ein Chauvi der schlimmsten Sorte! Dunkelhaarig, gut aussehend und in den Augen von Leuten, die ihn nicht näher kannten, charmant – ein Profi in Wirtschafts- und Finanzfragen. Für Sally war er einfach ein durch und durch rückgratloser Mensch.

Tja, und heute würde sie ihm wieder einmal die Meinung sagen und fordern, dass er sie zu dem privaten Pflegeheim in Devon begleitete, in dem ihre über alles geliebte Mum seit fast zwei Jahren betreut wurde.

Gut sechs Wochen war es schon wieder her, dass ihr Vater einen Besuch im Pflegeheim gemacht hatte. Sally blinzelte gegen die Tränen an und stellte sich die Reaktion ihrer Mutter vor, sah vor sich, wie der Hoffnungsschimmer in ihren Augen erlosch, wenn sie erkannte, dass wieder nicht ihr Mann zu Besuch kam. Die ständige Ausrede, ihr Dad könne wegen Arbeitsüberlastung nicht kommen, erschien Sally von Mal zu Mal fadenscheiniger.

Nachdem Sally sich als Achtzehnjährige lauthals darüber aufgeregt hatte, was sie mit angesehen hatte, hatte ihre Mutter zugegeben, schon lange von Affären mit anderen Frauen gewusst zu haben.

Sally war entsetzt gewesen, als ihre Mutter dann auch noch versucht hatte, ihn in Schutz zu nehmen. Er sei nun mal ein Mann mit starken körperlichen Bedürfnissen, und sie sei ihm schon seit einiger Zeit, auch vor der Brustkrebsoperation, im Bett keine gleichwertige Partnerin mehr. Dennoch sei er ein guter großzügiger Ehemann und Vater, und sie liebe ihn.

Keiner von Sallys Einwänden konnte die Liebe ihrer Mutter zu ihm erschüttern. Und da Sally ihre Mutter nicht weiter aufregen wollte, hielt sie sich von da an zu diesem Thema taktvoll zurück.

Ihrem Vater sagte sie jedoch schonungslos, was sie von ihm hielt. Und wie stets hatte er ihr erklärt, sie sei ein naives Ding, das keine Ahnung von den Bedürfnissen der Erwachsenen habe. Sie solle sich lieber ihrem Studium widmen, schließlich bezahle er genug dafür …

Empört hatte Sally daraufhin ihr Studium an der Exeter University abbrechen wollen, wo sie im ersten Semester Geschichte des klassischen Altertums belegt hatte. Doch davon wollte ihre Mutter nichts hören. Widerstrebend hatte Sally ihr schließlich recht geben müssen. Aber es war ihr schwergefallen, sich ihrem Vater gegenüber höflich zu geben, wenn er gelegentlich am selben Wochenende wie sie zu Hause war.

Heute war Sally froh, dass ihre Mutter sie davon abgehalten hatte, das Studium aufzugeben. Nach einiger Zeit hatte ihre Mum sich von der Krebsoperation erstaunlich gut erholt. Erleichtert erlebte Sally mit, wie ihre Mutter allmählich wieder zuversichtlich und hoffnungsvoll wurde, da alle Nachfolgeuntersuchungen zufriedenstellend ausfielen.

Nach fünf Jahren ohne Rückfall hatte sie Sally erklärt, sie solle sich keine Sorgen mehr um sie machen und sich endlich ein eigenes Leben aufbauen. Sally schloss ihr Studium erfolgreich ab und arbeitete anfangs in einem kleinen Museum in der Nähe. Nachdem ihre Mutter sie immer wieder dazu ermutigte, bewarb sie sich dann jedoch um einen Forschungsposten am Britischen Museum in London.

In ihrem neuen Aufgabenbereich fühlte Sally sich glücklich und genoss das Gefühl der Unabhängigkeit in ihrem gemieteten Einzimmerapartment, das über einer Bäckerei in der City lag. Im ersten halben Jahr hatte sie ein herrliches Leben geführt. Ihrer Mum ging es gut, sie war sogar öfter nach London auf Besuch gekommen. An den Wochenenden war Sally meist nach Hause gefahren, und bis auf das angespannte Verhältnis zu ihrem Vater schien alles sich bestens zu entwickeln.

Und dann hatte ein schrecklicher Unfall das zerbrechliche Glück ihrer Mutter wieder zerstört.

Wie grausam und ungerecht das Schicksal sein konnte! Selbst jetzt kam Sally nicht darüber hinweg. Sie schüttelte den Kopf, als könne sie die traurigen Gedanken so vertreiben. Da hatte ihre Mutter den Krebs endlich besiegt, und dann war sie in Bournemouth von einem Auto überfahren worden, als sie bei einem Einkaufsbummel hinter einem Bus hervortrat, um die Straße zu überqueren. Neun Monate war sie im Krankenhaus gewesen und hatte es dann querschnittgelähmt verlassen, ohne jede Aussicht auf Besserung.

Seitdem fuhr Sally jedes Wochenende nach Devon, wo sie in einem kleinen Hotel in der Nähe des Pflegeheims übernachtete, um möglichst viel Zeit bei ihrer Mutter verbringen zu können. Am vergangenen Samstag hatte Sally an ihrem Bett gesessen und miterlebt, wie ihre Mum gestrahlt hatte, als ihr Mann sie anrief, und dann beobachtet, wie traurig und enttäuscht sie war, nachdem sie den Hörer aufgelegt und ihr vom Inhalt des Telefonats berichtet hatte.

Er könne am Sonntag nicht kommen, hatte ihr Vater ihrer Mutter mitgeteilt, auch nicht am folgenden Wochenende. Wegen der Übernahme des Unternehmens durch die italienische Firma Delucca Holdings stecke er bis zum Kragen in Arbeit.

Sally atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Wie sollte sie sich ihrem Vater gegenüber verhalten? Ihn anzuschreien wäre sinnlos. Schon um ihrer Mum willen sollte er sie freiwillig zum Pflegeheim begleiten, in seinem selbstbezogenen Leben endlich einmal der liebende Ehemann sein.

Dazu würde er sich möglicherweise nicht mehr lange zwingen müssen. Wenn der behandelnde Arzt recht behielt, hatte ihre Mutter nicht mehr lange zu leben.

Sally seufzte bei dem Gedanken laut. Bei ihrem letzten Besuch hatte der Mediziner sie in sein Sprechzimmer gebeten und ihr mitgeteilt, das Herz ihrer Mutter sei bereits nach der Krebsbehandlung stark in Mitleidenschaft gezogen gewesen, und nun auch noch durch die Folgen des Autounfalls … Er könne nichts mehr für sie tun, bestenfalls habe sie noch ein Jahr zu leben.

Die Lifttüren glitten auf, und Sally stieg aus. Das Büro ihres Vaters lag am anderen Ende des Ganges. Sie straffte die Schultern wieder, packte ihre schicke rote Handtasche fester und ging zielstrebig auf die Tür zu.

Der Wachmann begleitete Zac Delucca zum Chefetagenaufzug und drückte auf den Knopf.

„Tut mir leid, Sir, sie ist entkommen. Dieser Lift führt zum Konferenzsaal und Mr. Costas Büro. Das einzige andere Büro dort oben hat Mr. Paxton, der Chef des Rechnungswesens. Aber die Dame hier ist nicht seine Freundin … ähm … Sekretärin“, berichtigte der Mann sich schnell. „Vielleicht möchte die Lady zu Ihnen?“, versuchte er seinen Patzer zu überspielen, nachdem er ja versäumt hatte, dafür zu sorgen, dass die Besucherin sich anmeldete.

Der Chef des Rechnungswesens hatte also eine Affäre …

Zac speicherte die Information und blickte kurz auf das Namensschild an der Dienstuniform des Mannes. „Keine Sorge, Joe“, winkte er ab. „Wenn Sie recht haben, kommt die Lady nicht weit. Sie können also zum Empfang zurückgehen.“

Die Lifttüren glitten auf, und Zac und Raffe betraten die Kabine.

„Ob die Lady dich sucht?“ Raffe lächelte bedeutsam. „Oder ist sie sogar hinter dir her?“

„Das wäre ganz in meinem Sinn“, ging Zac auf den Ton seines Freundes ein. Es kam öfter vor, dass Frauen hinter ihm „her“ waren. Er war ein schwerreicher Mann, und wie ein Reporter einmal geschrieben hatte, mit seinem Geld, seinem guten Aussehen und seiner Größe wirkte er auf die Damenwelt wie ein Magnet. So sah Zac sich zwar nicht …

„Ist Paxton nicht der Rechnungschef, den du verdächtigst, Gelder unterschlagen zu haben, Raffe?“, fragte er sachlich.

„Ja.“

„Ist er verheiratet?“

„Ja. Verheiratet, ein Kind, glaube ich.“

„Der Mann scheint eine Geliebte zu haben, und so ein Vergnügen ist teuer, stimmt’s, Raffe?“

Entschlossen betrat Sally das Büro ihres Vaters und hielt inne. Er saß am Schreibtisch und hatte die Hände vors Gesicht geschlagen – ein Bild des Jammers. Vielleicht tat sie ihm unrecht, und der hoffnungslose Zustand seiner Frau nahm ihn mehr mit, als er sich anmerken ließ.

„Dad?“, machte Sally sich leise bemerkbar, und er hob den Kopf.

„Ach, du bist es.“ Ihr Vater richtete sich auf und runzelte die Stirn. „Was führt dich her? Nein, sag’s nicht.“ Abwehrend hob er die Hand. „Du willst mir ins Gewissen reden. Ich soll deine Mutter besuchen, stimmt’s?“

Also machte er sich wohl nicht ihretwegen Sorgen. Er war der selbstsüchtige Macho, ganz wie immer.

„Wie konnte ich so dumm sein?“ Angewidert schüttelte Sally den Kopf. „Einen Moment lang habe ich gedacht, es quält dich, dass es Mum so schlecht geht.“ Sie sah sich in dem geräumigen Büro um, dann deutete sie zur offenen Tür des verlassenen Vorzimmers. „Inzwischen habe ich genug von deinen Lügen und Täuschungen. Zeig heute Abend endlich einmal Anstand und begleite mich.“

„Nicht jetzt, Darling“, erwiderte er scharf, stand auf und zupfte sich die Krawatte zurecht.

Zac Delucca hatte das Büro betreten und gerade noch mit angehört, wie die Besucherin Nigel Paxton drängte, sie zu begleiten. Das Darling war Zac nicht entgangen, auch nicht die ironische Antwort der Frau.

„Was ist los? Hat deine neue Gespielin dich verlassen?“, fragte Sally abschätzig.

Sie dachte, sie habe den Nagel auf den Kopf getroffen, weil ihr Dad erbleichte. Doch dann wurde ihr bewusst, dass ihr Vater an ihr vorbeischaute. Sein Lächeln wirkte aufgesetzt, und in seinen Augen erschien ein furchtsamer Ausdruck, der allerdings gleich wieder verschwand.

Unwillkürlich erschauerte Sally, obwohl die Luft an diesem Sommertag schwülwarm war. Jemand hatte den Raum betreten, vermutlich seine Sekretärin, die ihre zynische Bemerkung mitgehört haben dürfte.

„Mr. Costa … so bald hatte ich Sie hier nicht erwartet.“

Reglos stand Sally da, während ihr Dad an ihr vorbei auf den Mann zuging. Dann hörte sie, wie Costa ihn mit einem Signor Delucca bekannt machte.

„Mr. Delucca, was für ein unerwartetes Vergnügen. Ich freue mich, Sie endlich kennenzulernen.“

Die herzliche Begrüßung konnte Sally nicht täuschen. Sie kannte jeden Ton auf der Klaviatur ihres Vaters – er war alles andere als erfreut. Und sie war es auch nicht. Der Name Delucca versprach nichts Gutes.

Nachdem ihr Vater von der Firmenübernahme berichtet hatte, war Sally im Wirtschaftsteil einer Zeitung auf einen Artikel über Zac Delucca gestoßen. Er war ein italienischer Industrieller, unglaublich reich und bekannt als Übernahmekönig. Sein neuester Erwerb war Westwold Components. Am Schluss des Beitrags wurde erwähnt, er halte sein Privatleben streng unter Verschluss, es sei lediglich bekannt, dass er eine Vorliebe für Supermodels habe.

Sally überlegte blitzschnell. Seit Jahren hatte sie um ihrer Mutter willen Frieden mit ihrem Vater gehalten.

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