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Sinnlich wie das Meer bei Nacht

1. KAPITEL

Lily Fontaines Nackenhärchen richteten sich mit einem Mal auf – und das hatte nichts mit der frischen Brise zu tun, die wie stets am Nachmittag vom Meer herüberwehte. Sie ahnte etwas, fühlte es …

Er war hier.

So war es immer schon zwischen ihnen gewesen – dieses plötzliche Gefühl, diese beinahe telepathische Verbindung. Offenbar hatte sich nichts daran geändert. Zum ersten Mal seit fast zehn Jahren war Lily wieder in ihrer Heimatstadt Onemata in Neuseeland – und zwar seit nicht einmal fünf Minuten. Aber sie spürte die Spannung bereits wie ein elektrisches Knistern in der Luft.

Gleich würde sie ihm in die Augen sehen, ihm, der ihr einmal so viel bedeutet hatte – in einer Vergangenheit, vor der Lily jahrelang davongelaufen war, nur um jetzt wieder zum Ausgangspunkt ihrer Flucht zurückzukehren.

Lily schaute auf, die Neugier war übermächtig. Ob er tatsächlich in der Nähe war? Eigentlich hegte sie daran nicht den geringsten Zweifel.

Und tatsächlich, da stand er. Jack Dolan. Ihre erste und einzige Liebe.

Der Duft seines exklusiven Aftershaves, der zu ihr herüberdrang, überdeckte mühelos den Benzingeruch der Tankstelle. Zu Lilys damals grenzenloser Enttäuschung war seine Leidenschaft leider abgekühlt und einem Desinteresse gewichen. Jack hatte es ihr allein überlassen, mit der Verachtung ihres Vaters zurechtzukommen. Jack hatte das Geld genommen, das ihr Vater ihm für den Fall angeboten hatte, dass er sich trennte.

Unbewusst straffte sie die Schultern. Als der Tank ihres Mietwagens voll war, steckte sie den Zapfhahn zurück in die Säule.

„Du bist es wirklich“, sagte er leise. Seine Stimme klang dabei reifer und dunkler als vor zehn Jahren. Lily erschauerte beinahe genauso wie damals, aber etwas war anders. Natürlich, schließlich hatten sie sich beide verändert.

Seine Hand war gebräunt. Langsam nahm er die teure Sonnenbrille ab. Und im nächsten Moment wünschte Lily, er hätte es nicht getan.

Die dunklen Gläser waren ein gewisser, wenn auch hauchdünner, Schutz für sie gewesen. Aber nun begegneten sich ihre Blicke ungehindert, und sie erkannte das gewohnte ungestüme Funkeln in seinen Augen. Von der Sonne geblendet, blinzelte Jack, wobei sich feine Fältchen in seinen Augenwinkeln bildeten. Die Sonne strahlte an diesem hochsommerlichen Februartag hell vom Himmel und wurde von der Fassade der Tankstelle reflektiert.

Bernsteinfarbene Augen. Einen Sekundenbruchteil lang fühlte sich Lily in die Vergangenheit zurückversetzt und brachte kein Wort heraus.

Mühsam schluckte sie, um das trockene Gefühl in ihrem Hals zu bekämpfen. Jack richtete seine Aufmerksamkeit von ihrem Gesicht auf ihren Hals. Sofort errötete sie. Dass er noch immer diese Reaktion bei ihr auslösen konnte!

Er blinzelte nicht mehr, als er sagte: „Du hast dich verändert.“ „Wie meinst du das?“ Lily hob den Kopf und sah Jack in die Augen.

Ein Fehler, wie sie sofort merkte. Man sollte dem Löwen nicht in seine Höhle folgen. Sie hätte Jack einfach links liegen lassen, in den Tankstellenshop gehen und zahlen sollen.

„Jedenfalls habe ich nicht damit gerechnet, dass du inzwischen ohne Hilfe dein Auto betanken kannst“, antwortete er gedehnt und lockte sie damit aus der Reserve.

Lily hielt nun nicht mehr an sich. Gereizt entgegnete sie: „Erstaunlich, was passiert, wenn Menschen erwachsen werden, nicht wahr? Übrigens: Du hast dich ebenfalls verändert.“ Mit einem, wie sie hoffte, kritischen Blick musterte sie ihn von oben bis unten, seinen elegant geschnittenen Anzug und seine handgefertigten Schuhe aus feinem italienischem Leder.

O ja, so etwas fiel ihr auf. Denn das war es, was sie in der Welt gerettet hatte, in der sie viel zu lange gelebt hatte.

„Offenbar bist du aus dem Tankwart-Overall herausgewachsen. Kannst du dich an die Arbeit von damals überhaupt noch erinnern?“, fuhr sie fort.

Nachdenklich kniff er die Augen zusammen. Lily hätte sich für ihre unbedachte Bemerkung ohrfeigen können. Wann würde sie endlich lernen, ihre Zunge im Zaum zu halten?

„Du weißt schon, wie es gemeint war, Jack.“ Sie wandte sich um, und die Absätze ihrer Manolos klackten auf dem Asphalt, als sie zum Shop ging, um das Benzin zu bezahlen. Jack folgte ihr mit Blicken. Lily spürte bei jedem Schritt, wie er sie betrachtete.

Sie atmete auf, als sich die automatischen Türen aus getöntem Glas leise rauschend hinter ihr schlossen. Was auch immer sie erwartet haben mochte, jedenfalls nicht die modern gestylte Ladentheke und die bunten Lebensmittel- und Haushaltswarenregale. Auch hier stand die Zeit nicht still. Lily war nicht die Einzige, die sich verändert hatte – seit ihrem schmachvollen Abschied von der Stadt, in der sie es nicht mehr ausgehalten hatte.

Hinter ihr gingen die Türen wieder auf, und an dem unverkennbaren Duft von Sandelholz und Limonen erkannte Lily, dass Jack ihr nachgekommen war. Sie lächelte der Kassiererin flüchtig zu, steckte den Zahlungsbeleg ein und wandte sich zum Gehen. Aber ein über einen Meter achtzig großer, unwiderstehlicher Mann versperrte ihr den Weg.

„Was führt dich hierher zurück, Lily?“ Er sprach leise, sicher um die Neugier möglicher Zuhörer nicht zu wecken. Ihre gemeinsame Vergangenheit ging nur sie beide etwas an. Doch an dem ernsten Blick erkannte Lily, dass es ihn wirklich interessierte.

„Nichts Bestimmtes“, log sie so gewandt wie möglich. Nicht in tausend Jahren würde sie ihm ihre finanziellen Sorgen anvertrauen. „Ich wollte mich einfach mal wieder hier umschauen.“

„Dann bleibst du wohl nicht lange?“ Seine Augen wirkten plötzlich ausdruckslos, sodass sie nicht einschätzen konnte, was hinter dieser Frage steckte.

„Doch, Jack. Ich habe nicht vor, so schnell wieder abzureisen. Zufrieden?“

„Schnell abzureisen war einmal dein Spezialgebiet, wenn ich mich nicht irre. Und zur Frage, ob ich zufrieden bin …“ Er beendete den Satz nicht.

Jäh bildeten sich auf Lilys Dekolleté und auf ihrem Hals rote Flecken. Hastig kramte sie in ihrer Handtasche nach der Sonnenbrille, setzte sie auf und ging etwas steif zu ihrem Wagen. Das war in dieser Situation ihre einzige Rückzugsmöglichkeit. Zitternd öffnete Lily die Tür und setzte sich ans Steuer. Sie musste sich konzentrieren, um den Motor anzulassen, und wollte gerade losfahren, als ein lautes Klopfen gegen die Scheibe der Fahrertür sie aufschreckte.

Jack. Was nun? Sie verbot sich, die bissige Bemerkung auszusprechen, die ihr auf der Zunge lag, und ließ die Seitenscheibe herunterfahren.

„Ja?“, fragte sie betont gelangweilt.

Ihr Herz schlug schneller, als der Ausdruck auf Jacks Gesicht sanfter wurde und er lächelte. Selbst nach so vielen Jahren durchschaute er sie immer noch mühelos. Natürlich war ihm nicht entgangen, wie sehr sie seine Anspielung auf die Vergangenheit durcheinandergebracht hatte.

„Es ist lange her“, sagte er langsam. „Wir wollen uns doch den Neuanfang nicht gleich verderben. Entschuldige bitte, dass ich gestichelt habe. Ich wollte dich nicht aufregen, kaum dass du wieder hier bist.“

„Lassen wir es gut sein, Jack. Seit damals ist viel Wasser den Bach heruntergeflossen.“

Er nahm die Hände nicht von der Fahrertür. Doch Lily hätte am liebsten einfach Gas gegeben, um von hier wegzukommen. Sie sah auffällig auf seine Finger, damit er es merken und sie wegnehmen würde – aber natürlich verstand er diesen Hinweis nicht. Seine Hände waren breit, die Finger lang und ordentlich manikürt. Ganz anders und viel gepflegter als damals. Damals hatte er, der Tankstellenneuling, sie mit seinen Liebkosungen in schwindelerregende Höhen geführt.

Plötzlich fühlte sich Lily von Sehnsucht ergriffen und unterdrückte nur mühsam ein Seufzen. Es war ein schrecklicher Fehler gewesen, wieder nach Hause zurückzukehren.

„Also, dann bis bald“, meinte er mit einer Bestimmtheit, die über bloße Höflichkeit hinausging.

„Ja, bis dann.“

Ihre Fingerknöchel zeichneten sich weiß ab, als Lily entschlossen das Lenkrad umklammerte. Sie zwang sich, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Schließlich nahm Jack die Hände weg und winkte ihr zum Abschied zu.

Lily fuhr los. Sie glaubte nicht, dass sie Jack so schnell wiedersehen würde. Jedenfalls nicht, wenn sie es irgendwie verhindern konnte. Ja, es war viel Wasser den Bach heruntergeflossen, wie sie gesagt hatte. Aber, um bei dem Bild zu bleiben, das Wasser hatte mit gewaltiger zerstörerischer Kraft die Brücke zwischen ihr und Jack, ihre Beziehung, unterspült und schließlich vernichtet.

Ein Gutes hatte es ja, dass sie ihm so kurz nach ihrer Ankunft in Onemata begegnet war: Sie hatte es wenigstens hinter sich. Jetzt musste sie nur noch ihren Vater besuchen – ach ja, und ihr Leben in Ordnung bringen. Lily lächelte kläglich. Ganz so einfach würde das nicht werden.

Während sie durch die Stadt in Richtung der Spitze der Halbinsel fuhr, fielen ihr die mehr oder weniger offensichtlichen Veränderungen auf – und Lily fühlte sich unbehaglich. Nicht zuletzt, weil sie zum Haus ihres Vaters unterwegs war. Es lag an der Küste Neuseelands, am äußersten Zipfel des Landes, dem Onemata seinen Namen verdankte.

Sie hatte das Haus nicht mehr betreten seit jener Nacht, in der ihr Vater die jugendliche Liebe zwischen ihr und Jack restlos zerstört und sie, Lily, nach Auckland geschickt hatte. Nach ein paar Jahren an der Universität dort hatte Lily wenig Lust verspürt, wieder nach Hause zurückzukehren. Die Anonymität in Neuseelands größter Stadt war ihr sehr viel lieber gewesen – so ganz anders als daheim in der Kleinstadt, wo jeder jeden kannte.

Ihre Entdeckung verdankte sie einem Talentwettbewerb einer Model-Agentur. Fotos von ihr, die in der Modezeitschrift Fashion Week erschienen waren, verhalfen ihr zu einem hohen Bekanntheitsgrad, auch in Übersee. Nach Onemata zurückzukehren, daran hatte Lily wirklich nicht im Traum gedacht.

Aber im Leben jedes Menschen kam ein Punkt, an dem man Bilanz ziehen und wenn nötig eine andere Richtung einschlagen musste. Ein herber finanzieller Verlust wegen einer falschen Geldanlage und das Pfeiffersche Drüsenfieber, durch das sie keine neuen Aufträge hatte annehmen können – das hatte sie an ebendiesen Punkt gebracht.

Aus zusammengekniffenen Augen sah Jack Lily nach, als sie die Tankstelle verließ und die Hauptstraße entlangfuhr. Wahrscheinlich wusste Lily nicht einmal, dass die halbe Stadt inzwischen ihm gehörte. Hatte sie überhaupt eine Ahnung davon, mit wem sie es zu tun hatte?

Er bezweifelte es.

Vorhin, als er sie erkannt hatte, war eine jähe Hitze in ihm aufgestiegen, die er auch jetzt noch verspürte. Er hatte gedacht, nach all den Jahren gegen ihre Reize immun zu sein, aber weit gefehlt. Seine Reaktion war ebenso plötzlich und prompt erfolgt wie damals, als er Lily auf der Highschool von Onemata zum ersten Mal gesehen hatte. Dasselbe Gefühl. Leidenschaftliches Verlangen.

Sie war dünner geworden, sah beinahe zerbrechlich aus. Und ihre hellblauen Augen schimmerten so distanziert, wie er es nicht von ihr kannte. Dieser stumpfe Glanz hatte Jack an ihren Vater und seine Geschäftspraktiken erinnert.

Jack dachte an seinen Schwur, dem er es zu verdanken hatte, dass er nun zur Spitze der neuseeländischen Geschäftswelt gehörte. Die Fontaines würden nie wieder einem Menschen, der ihm etwas bedeutete, ein Leid antun.

Seufzend überlegte er sich seine nächsten Schritte.

Lilys Rückkehr war schicksalhafter und beruhte viel weniger auf ihrer Entscheidung, als ihr klar war. In den letzten Jahren hatte er systematisch alle Vermögenswerte aufgekauft, die zuvor Charles Fontaine gehört hatten.

Und nun war Jack gerüstet für den letzten großen Schlag – die Vernichtung von Fontaine Compuware, dem Herzstück von Charles Fontaines Wirtschaftsimperium. Schon in ein paar Wochen würde er dazu in der Lage sein. Und was würde es für eine Genugtuung sein, Lily Fontaine bei diesem Coup als taktische Waffe einzusetzen! Charles verdiente es nicht anders, und seine unaufrichtige Tochter schon gar nicht.

Lily wusste, dass sie eigentlich etwas essen und sich auf die Begegnung mit ihrem Vater vorbereiten sollte, der bald aus dem Büro heimkommen würde. Stattdessen lief sie jedoch über die gepflegte Rasenfläche zu den Sanddünen hinunter und ließ das abendlich beleuchtete zweistöckige Haus hinter sich, das ihr Vater als repräsentativen Ausdruck seines Reichtums im spanischen Stil hatte erbauen lassen.

Sie schaute auf das Meer hinaus, das im Mondlicht zauberhaft glitzerte. Sie sah die Wellen schäumend gegen den Strand schlagen und dabei langsam und unerbittlich die Küstenlinie Stück für Stück abtragen. Es erschien Lily, als ob genau dasselbe mit ihr in Onemata passierte, als ob sie unmerklich, aber unbarmherzig aufgefressen wurde.

Bei ihrer Ankunft hatte sie eine kurze Notiz von der Haushälterin Mrs. Manson vorgefunden, nachdem sie mit ihrem alten Schlüssel die Haustür aufgesperrt hatte. Ihr Vater war im Büro aufgehalten worden. Deshalb sollte Lily erst einmal in Ruhe ihre Sachen auspacken und mit dem Essen nicht auf ihn warten.

Sie war erleichtert, dass das Wiedersehen verschoben wurde, und fühlte sich dafür irgendwie schuldig. Zugleich verletzte es sie, dass er es nicht hatte einrichten können, bei ihrer Ankunft daheim zu sein. Von einem Augenblick auf den anderen war der Abstand, den Lily im Lauf der Zeit gewonnen hatte, wie weggeblasen.

Nachdem ihr Vater sie damals fortgeschickt hatte, hatte sie in ihr Kissen geweint und sich unter Tränen geschworen, niemals wieder zurückzukehren. Der offizielle Grund hatte gelautet, dass Lily in Auckland ihr Studium beginnen sollte. Aber es steckte mehr dahinter, denn ihr Vater hatte sie durchschaut. Er wusste alles. Und er schämte sich – er schämte sich für sie.

Ihr Vater hatte sie also fortgeschickt. Doch Jack Dolan war zu verdanken, dass sie jede Lust verlor, jemals zurückzukehren. In den ersten Wochen nach der Abreise hatte Lily verzweifelt gehofft, er würde ihre Anrufe erwidern, würde Mittel und Wege finden, um zu ihr zu gelangen. Nichts von alldem war geschehen. Jack hatte offensichtlich seine Wahl getroffen: Das Bestechungsgeld ihres Vaters war ihm wichtiger als ihre Liebe.

Jacks Zurückweisung hatte sie tiefer verletzt, als sie es je für möglich gehalten hatte – und sie kannte sich mit verletzten Gefühlen aus.

Jetzt war sie also wieder da. Zu Hause. Die meisten Menschen verbanden dieses Wort mit Wärme und Geborgenheit. Und dem Gefühl, jederzeit willkommen zu sein. Dazuzugehören, egal, was man getan, wo man sich aufgehalten und wie man sich verändert hat.

Für sie allerdings galt das nicht. Nicht mehr.

Sosehr sie es in den Jahren ihres selbst gewählten Exils auch versucht hatte, sie kam einfach nicht darüber hinweg, wie ihr Vater sie behandelt hatte – wie eine seiner geschäftlichen Angelegenheiten. Sobald ein Problem aufgetaucht war, hatte ihr Dad sie mit Geld überhäuft. Wohlhabend, wie er nun einmal war, wusste er, dass er sie so eine Weile beschäftigen konnte, wie ein Kind in einem Vergnügungspark. Zwar war er stolz auf ihren Erfolg als weltbekanntes Model, doch emotional blieb er ihr gegenüber stets auf Distanz.

In ihrer Kindheit hatte Charles Fontaine ihr Stärke und Rückhalt gegeben. Er hatte alles verkörpert, was Lily wusste und woran sie glaubte. Ja, er war manchmal hart gewesen, unnachgiebig und schwierig im Umgang. Doch seit der Scheidung ihrer Eltern, als sie vier Jahre alt gewesen war, war er immer für sie da gewesen – im Gegensatz zu ihrer Mutter.

Die hatte ein neues Leben angefangen und eine neue Familie gegründet. Zu ihrer Tochter hatte sie jeden Kontakt abgebrochen – und zwar ganz offenbar, ohne ihr auch nur eine einzige Träne nachzuweinen. Seither war ihr Vater für Lily wie ein Fels in der Brandung gewesen.

Bis sie ins Teenageralter gekommen war und seine Grundsätze zu hinterfragen begonnen hatte. Und bis sie angefangen hatte, mit Jack auszugehen. Der Zorn und die Wut ihres Vaters waren kein Hindernis gewesen, dass sich ihre ganze Zuneigung auf Jack übertrug. Im Gegenteil. Und die Heimlichtuerei um ihre Liebe hatte Lilys Gefühle für ihn nur noch verstärkt. Bis auch Jack sie schließlich im Stich gelassen hatte.

Gedankenverloren griff sie in den Sand. Tief in ihrem Inneren saß noch immer der Schmerz über diese Enttäuschung. Sie waren ja so jung gewesen. Zu jung, um sich zu verlieben? Zu jung, um eine gemeinsame Zukunft zu planen? Damals war ihr das ganz und gar nicht so vorgekommen.

Lily verbot sich, weiter darüber nachzudenken, und atmete tief durch. Sie wusste aus Erfahrung, wie wenig das Grübeln über Vergangenes brachte.

Traurig ließ sie die kühlen Sandkörner durch ihre Finger rinnen. Obwohl die Nachtluft allmählich feuchter wurde, hatte Lily keine Lust, den Strand zu verlassen. Es hatte sie buchstäblich gezogen hierher, zu dem vielleicht einzigen Platz, der für sie mit glücklichen Erinnerungen verbunden war: Lachen, Wärme und der naive Glaube, dass die Liebe alle Schwierigkeiten überwand.

Sehr lange hatte sie solche Gedanken verdrängt. Jetzt wehrte sie sich einen kurzen Augenblick lang nicht dagegen – und schob sie dann entschieden wieder von sich. Herbeiziehende Wolken schoben sich vor die Mondsichel und tauchten den Strand in tiefschwarze Finsternis. Es wurde höchste Zeit, zurückzugehen und sich der Realität zu stellen.

Im Haus angekommen, ging Lily zuerst ins Bad und zog sich aus. Sie warf einen kurzen Blick in den Spiegel, stellte die Dusche so warm ein, wie sie es gerade noch aushielt, und trat in die Kabine.

Die Arme gegen die Wandfliesen gestützt, ließ Lily sich zur Beruhigung das heiße Wasser über Nacken, Schultern und Rücken laufen. Mit geschlossenen Augen hielt sie ihr Gesicht in den Wasserstrahl. Erst jetzt spürte sie, wie müde sie war.

Seit sie von ihrer Bank erfahren hatte, wie viel Geld sie durch unkluge Spekulationen verloren hatte, schlief Lily schlecht. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen! Sie investierte den Großteil ihres Sparguthabens – völlig risikolos, wie sie meinte, mit angeblich bombensicherer Rendite.

Seit ihre Krankheit ihr das Modeln unmöglich gemacht hatte und sie nicht mehr zur Mannequin-Weltspitze gehörte, hatte Lily von den Zinsen gelebt.

Nach einiger Zeit hatte sie dann versucht, beruflich wieder Fuß zu fassen. Sie hatte sich, wie man in ihrer Branche sagte, an den richtigen Plätzen sehen lassen. Doch leider passte ihr neuer Partygirl-Look nicht zu dem eleganten und durchgestylten Image, das ihre Modefirma bevorzugte. Lilys Vertrag war nicht verlängert worden. Darum war ihr gar nichts anderes übrig geblieben, als zu Daddy zurückzukehren.

Mit geschlossenen Augen verteilte sie das Duschgel auf ihrem Körper und genoss für einen kurzen Moment das belebende Gefühl auf der Haut. Lily zögerte, als sie ihre wohlproportionierte Bauch- und Hüftpartie einschäumte, wo feine, kaum sichtbare Streifen schimmerten. Plötzlich wurde sie vom Gefühl des Verlustes überwältigt, der Schmerz nahm ihr fast den Atem. Sie seufzte tief.

Es tat immer noch genauso weh wie damals – die Erinnerung an ihren kleinen Sohn, der tot zur Welt gekommen war. Und Jack hatte von ihnen beiden nichts wissen wollen.

2. KAPITEL

Lily schloss fest die Augen, um ihre Tränen zu unterdrücken. Sie musste sich zusammenreißen – wie schon unzählige Male zuvor. Anderen präsentierte sie sich immer nur als Lily Fontaine, Ex-Model und in der Welt der Reichen und Schönen zu Hause. Aber damit war es in solchen Momenten nicht mehr weit her.

Nachdem sie das Wasser abgedreht hatte, trocknete sie sich ab und wickelte sich in ein Handtuch. Dann musste sie plötzlich gähnen. Auf dem langen Flug von Los Angeles hierher hatte sie nicht geschlafen, und der Jetlag machte sich allmählich bemerkbar.

Ihr Vater war immer noch nicht daheim. Anscheinend hatte er es nicht besonders eilig, sein einziges Kind wieder in die Arme zu schließen.

Da ließ sie ein lautes Klopfen an der Haustür hochschrecken. Lily ließ das Handtuch fallen und zog schnell ihren dünnen rosa Bademantel an, der zuoberst in ihrem Koffer lag, und eilte die Treppe hinunter. Ein Blick auf die alte Standuhr, die die geflieste Eingangshalle zu bewachen schien, bestätigte ihr, dass es tatsächlich schon sehr spät war.

Wer auch immer an der Tür sein mochte, hoffentlich niemand, der zu einer längeren Unterhaltung aufgelegt war. Lily setzte ein freundliches Lächeln auf und öffnete schwungvoll die Tür.

Es war Jack, der fast den ganzen Türrahmen auszufüllen schien. Ihr Lächeln erstarb augenblicklich. Da sie nur ihren Bademantel anhatte, fühlte sie sich auf einmal furchtbar verletzlich und zog den Gürtel fester um sich.

„Was willst du?“ Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen kühlen und abweisenden Klang zu geben. An den nackten Beinen spürte sie die frische Nachtluft.

„Du frierst ja.“ Mit diesen Worten trat Jack ein, wodurch Lily nichts anderes übrig blieb, als zurückzuweichen.

Vorhin schon, an der Tankstelle, hatte sie sich ihm gegenüber im Nachteil gefühlt, doch jetzt war es noch schlimmer. Jack war groß und dunkelhaarig. Sein frisches weißes Hemd, die Seidenkrawatte in einem satten Goldton, sein anthrazitfarbener Anzug – all das betonte seinen sonnengebräunten Teint. Er war in der Sonne schon immer schnell braun geworden. Herauszufinden, wie weit sich der ebenmäßige Karamellton erstreckte, war immer sehr reizvoll für sie gewesen und hatte sie oft stundenlang beschäftigt.

Aber ebendaran durfte sie jetzt auf keinen Fall denken, also zog sie die Aufschläge ihres Bademantels enger zusammen. Doch schon die Erinnerung ließ ein leises Prickeln zurück.

Jack schloss die Tür hinter sich, und auf einmal wirkte die geräumige und luftige Eingangshalle eng.

„Willst du mich nicht hereinbitten?“

Lily seufzte. Er war offensichtlich nicht nur auf einen Kurzbesuch hier.

„Jack, können wir bitte ein andermal auf das zurückkommen, was du mir sagen willst? Mein Flug aus L. A. hatte Verspätung, und die Fahrt von Auckland hierher hat mich ganz schön mitgenommen. Ich kann kaum noch die Augen offen halten.“

Sanft strich er mit dem Finger über ihre Wange. Lily zwang sich, stillzustehen und nicht vor Überraschung über die unerwartete zärtliche Berührung zurückzuweichen.

„Ich will dich nicht lange aufhalten.“

Heftig atmete sie ein. Doch er beachtete es nicht, sondern ging geradeaus durch die Halle Richtung Küche und Wohnzimmer, die sich auf der Gartenseite des repräsentativen Hauses befanden. Lily blieb gar nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Das renovierte Wohnzimmer, von dem ihr Vater am Telefon erzählt hatte, kannte sie noch nicht. Durch das Entfernen von Trennwänden war eine geräumige Lounge entstanden.

Wie immer war alles perfekt aufgeräumt – ein Bild wie aus einem Lifestyle-Magazin. Auf einem Tischchen lag ein Stapel Fotos, zum Großteil Studioaufnahmen von ihr, wie sie überrascht feststellte. Zwei lange Sofas standen einander gegenüber, den Hintergrund dominierte ein rohweißer Gaskamin aus Hinuera, dem typischen Naturstein Neuseelands.

Warum auch immer ihr Vater einen solch eleganten Raum eingerichtet hatte, er selbst verbrachte jedenfalls nicht viel Zeit darin. Die Couchgarnituren waren unberührt, keine einzige Knitterfalte in einem Kissen, auf dem jemand gesessen haben könnte. Völlig nutzlos steckten die Platzdeckchen auf dem Kaffeetisch in ihrem Halter.

Lily machte einen weiten Bogen um Jack, als sie in die Küche ging. Unruhig klopfte sie mit den Fingern auf die kühle Arbeitsplatte aus Granit und füllte den Wasserkocher.

„Wenn du schon da bist: Möchtest du einen Kaffee?“, fragte sie und holte Tassen und Kaffeepulver aus dem Küchenschrank.

„Ja, gern. Ohne Milch bitte.“

Allzu sehr hatte er sich nicht verändert, stellte sie fest. Dafür, dass er sie so dringend hatte sprechen wollen, ließ er sich jetzt erstaunlich viel Zeit mit dem Reden.

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