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Silvia-Gold - Folge 10

Maren und der Mann vom Deich

Roman um ein bezauberndes Paradies in den Dünen

Von Lydia Vormsteeg

Wie heißt es doch so tröstlich? »Die See ist die beste Therapeutin; sie hört immer zu und sagt nichts weiter!«

Wie wahr! Trotz ihres Kummers muss Maren lächeln, als sie sich für die Nacht fertig macht – die erste Nacht nach der Katastrophe, die erste Nacht in dem kleinen Haus hinter dem Deich, das ihr in seiner Behaglichkeit wie ein kleines Paradies erscheint. Hier wird sie hoffentlich ihren Seelenfrieden wiederfinden, der in tausend Stücke zerbrach, als ihr Verlobter sie buchstäblich vor dem Traualtar verließ, um mit ihrer Schwester, »der Frau seines Lebens«, zu verschwinden …

Ja, Ruhe und Frieden, die braucht sie jetzt, nachdem sie sich fast die Augen aus dem Kopf geheult hat! Mit einem erleichterten Seufzer und voller Zuversicht schläft Maren ein. Doch bereits der nächste Morgen soll ihr eine Begegnung bescheren, die alles andere verheißt als Ruhe oder gar Seelenfrieden …

Der Kaffee schmeckte heute irgendwie nach Seife. Elmar Döhring schob die Tasse angewidert von sich und stand auf. Noch während er zu der weit geöffneten Terrassentür schritt, zog er sein silbernes Etui aus der Tasche, nahm eine Zigarette heraus und zündete sie an.

In dem Moment, in dem Elmar den ersten tiefen Zug nahm, wurden draußen im Vorraum Geräusche laut. Er blieb mit gerunzelter Stirn neben der mannshohen Yuccapalme stehen und lauschte angestrengt auf die Stimmen, die zu ihm auf die Terrasse drangen. Eine gehörte zweifelsohne seiner Haushälterin Marthe. Und die andere?

»Ich weiß Bescheid«, sagte der Bariton gerade.

Elmar tat einen zweiten tiefen Zug. Aha, sein Agent, Erasmus Holderlinger. Elmars Laune sank. Er hatte keine Lust, mit Erasmus zu sprechen. Aber der Literaturagent hatte bereits das Esszimmer betreten und kam zielstrebig auf Elmar zugeeilt.

»Guten Morgen«, grüßte Erasmus, während er auf die Terrasse trat. »Wie geht es dir?«

Elmar drückte den Rest seiner Zigarette im Aschenbecher aus und deutete auf einen der bequemen Gartensessel.

»Gut«, antwortete er, während er selbst an die Brüstung trat. »Und dir?«

»Es ginge mir besser, wenn ich wüsste, dass du am Schreibtisch sitzt und fleißig an deinem neuen Manuskript tippst«, lautete Erasmus’ Erwiderung. »Aber der Tag ist ja noch jung. Du wirst sicherlich gleich in dein Büro gehen und den Computer anwerfen, nicht wahr?«

Elmar drehte sich um. Starr blickte er auf die gepflegte Rasenfläche hinunter, in der bunte Krokusnester hockten.

»Elmar?« Erasmus’ Ton hatte etwas Drängendes. »Du wirst doch schreiben, oder?« Er stellte sich neben Elmar. »Nicht, dass ich mir große Sorgen mache. Bis zur Abgabe hast du ja noch ein Dreivierteljahr Zeit. Es interessiert mich nur, wie du vorankommst. Es läuft doch, oder?«

Elmar starrte weiter auf die Krokusfarbkleckse.

»Über die Kritik in den einschlägigen Medien musst du dir keine Gedanken machen«, fuhr Erasmus fort. »Du weißt doch, wie diese Presseleute sind. Heute heben sie dich in den Himmel, morgen zerreißen sie dich. Mit deinem neuen Buch wirst du ihnen zeigen, dass du immer noch der Meister der Spannung und Unterhaltung bist. Deine Leser werden dir das neue Buch aus den Händen reißen!«

Endlich bewegte sich Elmar. Er nahm die Hände von der Brüstung, richtete sich auf und fixierte sein Gegenüber mit einem langen Blick. Dann drehte er sich um, kehrte ins Esszimmer zurück und kam gleich darauf mit der Tageszeitung zurück.

Wortlos reichte er das Blatt seinem Agenten und wandte sich wieder den Krokussen zu.

»Ach, das!«, rief Erasmus verächtlich. »Ein mieser Schreiberling, der sich darüber ärgert, dass er selbst nicht weiterkommt. Das ist keine Kritik, das ist der Aufschrei eines ewig zu kurz Gekommenen. Kümmere dich nicht darum.«

»Das ist es nicht!«, knurrte Elmar wütend. »Und das weißt du auch. Dieser Mann hat recht, wenn er schreibt, dass mir nichts mehr einfällt. Mein letztes Buch war Schund! Jawohl, Schund. Ich hätte es verbrennen sollen.«

»Okay, ja!« Erasmus hieb mit der Faust auf die Brüstung. »Es war nicht gerade dein Meisterwerk, aber so schlecht, wie es die Kritiker und du machen, war es wirklich nicht. Es hat sich doch toll verkauft.«

»Weil die Leser glaubten, einen spannenden, gut geschriebenen Roman zu bekommen«, knirschte Elmar. »Ich habe sie bitter enttäuscht.«

»Ach was!« Erasmus’ Hand fuhr durch die Luft. »Die Leser lieben dich! Sie lieben deine Bücher, egal, ob sie einmal besser und einmal schlechter ausfallen. Hauptsache, sie bekommen recht bald einen neuen Roman von dir in die Hände.«

Elmar verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln.

»Geht es dir jetzt auch nur noch ums Geldverdienen?«

»Du hast schlechte Laune«, stellte Erasmus fest. »Dagegen hilft Arbeit. Setz dich an deinen Computer, schreib ein paar Seiten und nimm dir für den Rest des Tages frei. Du wirst sehen, das hilft.«

»Wenn du nur daran glaubst«, murmelte Elmar missgelaunt und wandte sich wieder den Krokussen zu.

»Geh endlich an die Arbeit«, versetzte Erasmus unfreundlich, und als der bekannte Autor keine Antwort gab, drehte Erasmus sich um und verließ die Terrasse.

Elmar wartete, bis die Haustür hinter seinem Agenten zugefallen war, dann kehrte er ins Esszimmer zurück. Der Kaffee war inzwischen kalt geworden. Seufzend verzichtete Elmar endgültig auf sein Frühstück, nahm sich einen Apfel aus dem Obstkorb und marschierte damit in sein Arbeitszimmer hinüber.

Es war einer der schönsten Räume der ganzen Villa. Großzügig geschnitten, mit einem verglasten Erker, durch den ausreichend Tageslicht fiel, und mit deckenhohen Regalen an den Wänden, in denen Elmar seine gesamte Bibliothek untergebracht hatte.

Auf dem riesigen Schreibtisch stand ein leistungsstarker Rechner mit großem Flachbildschirm. Ein Scanner gehörte ebenso zur Ausstattung wie ein Laserdrucker und ein Kopiergerät, die neben dem Tisch standen.

Im Erker wartete ein gemütlicher Lehnstuhl darauf, dass der Autor eine Schreibpause einlegte. Buschige Kübelpflanzen, mehrere Skulpturen eines bekannten Bildhauers und ein abstraktes Gemälde vervollständigten das Interieur.

Früher hatte Elmar sich stets gefreut, diesen Raum zu betreten. Figuren waren hier geboren, Lebensläufe geschmiedet worden. Es hatte Zeiten gegeben, in denen Elmar diesen Raum tagelang nicht verlassen hatte, weil ihn die Protagonisten seiner Romane regelrecht an den Computer gefesselt hatten. Das hatte sich gründlich geändert.

Elmar schaltete den PC ein. Während die Programme hochfuhren, starrte Elmar auf das Exposé, das neben der Tastatur lag. Es begann schon zu verstauben.

Endlich hatte der PC alles geprüft und auf Viren untersucht. Elmar ging in die Arbeitsdatei, ein leeres »Blatt« sah ihn an. Er starrte zurück, bis sich der Bildschirmschoner einschaltete und bunte Fische über die Mattscheibe glitten.

Um wenigstens irgendetwas zu tun, begann Elmar im Exposé zu blättern. Endlich gab er sich einen Ruck, legte die Finger auf die Tastatur und begann zu tippen.

Die Sonne von Santa Cruz …

Löschen! Die Straße wand sich in staubigem – staubigem – löschen! Auf der staubigen, gewundenen Straße näherte sich ein altersschwacher Lincoln. Die Insassen stöhnten unter den Strahlen der gleißenden Sonne, die unbarmherzig vom Himmel grinste … Gott, das las sich wie Stacheldraht! Löschen! Löschen! Löschen! Datei verlassen. Wollen Sie die geänderte Datei speichern? Nein, bloß nicht!

Elmar fuhr den Computer herunter und erhob sich. Es hatte keinen Sinn. Er musste raus, weg von diesem Zimmer, diesem Haus, dieser Stadt. Irgendwohin, wo ihm der Wind um die Nase wehte und er wieder einen freien Kopf bekam.

***

Hella hätte nie geglaubt, dass ein Mensch so viel Flüssigkeit produzieren konnte. Wie sonst war es möglich, dass Maren nach beinahe sechshundert Kilometern immer noch die gleiche Tränenmenge aus den Augen strömte?

Das Hinweisschild auf die Ausfahrt Emden/Norddeich erschien am rechten Fahrbahnrand. Hella setzte den Blinker, zog ihren Wagen auf die Ausfahrtspur und nahm etwas Tempo weg, um die Kurve zu schaffen. Weiter ging es durch die Stadt auf die Landstraße, vorbei am schiefen Kirchturm von Suurhusen bis zur Kreuzung, an der sie auf die Straße nach Norden biegen musste.

Endlich erreichten sie die kleine Provinzhauptstadt, aber Maren hatte keinen Blick für den hölzernen Kapitän, der ihnen ein fröhliches »Moin-Moin« zuwinkte.

Hella widerstand dem Wunsch, bei »Gitti« einen kurzen Stopp einzulegen und sich ein halbes Hähnchen mit Pommes und eine eiskalte Cola zu gönnen. Maren würde sowieso nur weiterheulen, und bis Norddeich waren es nur noch knappe vier Kilometer. Die würde Hella nun auch noch überstehen.

Endlich tauchten die ersten Häuser des Ortes auf. Hella nahm die Straße zum Schwimmbad, bog gleich darauf rechts ab und blieb wenig später vor dem Eingang des Seniorenhauses »Deichblick« stehen.

»Wir sind da«, teilte sie ihrer weinenden Freundin mit.

Maren hob ein feuchtes Taschentuch an die Augen und versuchte, die Tränenspuren auf ihrem Gesicht zu tilgen. Ein nutzloses Unterfangen, denn es flossen immer neue Tränen nach. Außerdem waren ihre Augen vom vielen Weinen total verquollen, und ihre Nase leuchtete wie eine Sturmlaterne.

»Komm«, bat Hella. »Rieke Jannsen hat schon Schlimmeres gesehen als eine aufgequollene Nase. Ich möchte einfach, dass ihr euch kennenlernt.«

Käthe, die während der Fahrt artig auf dem Rücksitz gedöst hatte, hob interessiert den Kopf und schnüffelte. Als Hella ihr sagte, dass sie im Wagen bleiben müsse, legte die Schäfermixhündin sich ergeben wieder hin und schloss die Augen.

Dankbar nahm Maren das frische Taschentuch, das Hella ihr reichte, putzte sich die Nase und quälte sich anschließend aus dem vollbepackten Wagen. Dann stolperte sie neben der Freundin zum Eingang, betrat das Foyer und folgte Hella in den Wintergarten, der von den letzten Strahlen der Sonne in goldenes Licht getaucht war.

Hier luden bequeme Rattanmöbel zum Verweilen ein. Die alten Leute hatten es sich gemütlich gemacht, tranken Tee, spielten Brettspiele oder führten angeregte Unterhaltungen. Als die jungen Frauen eintraten, hoben sich mehrere Köpfe, interessierte Blicke folgten ihnen, während Hella und Maren zu einer Sitzgruppe in der Nähe der Fenster gingen.

Hier saß eine Gruppe älterer Herrschaften, die konzentriert auf ein Spielbrett starrten. Doch nun sah eine der alten Damen auf, und ein strahlendes Lächeln breitete sich auf dem runden, erstaunlich glatten Gesicht aus.

Eigentlich war an dieser alten Dame alles rund, der Kopf, gekrönt von einem schneeweißen Knoten, der mit kleinen bunten Spangen verziert war, die Schultern, der Körper unter dem weiten, bunten Kleid, die Hände mit den schrill lackierten Nägeln bis hinunter zu den zierlichen Füßen, die in noch zierlicheren lilafarbenen Sandalen steckten.

»Hella, meine Süße!« Die alte Dame schnellte so energisch aus ihrem Sessel hoch, dass Maren erschrocken zurückwich. »Kindchen, wieso bist du schon wieder hier? Ich dachte, du würdest in Frankfurt tüchtig feiern und dir einen schmucken Herrn aussuchen.«

»Tja, das ging leider schief«, antwortete Hella, während sie die alte Dame liebevoll umarmte. »Darf ich dir meine beste Freundin Maren vorstellen? Maren, das ist Rieke Jannsen, meine zweite beste Freundin.«

Rieke reichte Maren die gepflegte Rechte, wobei sie die junge Frau kurz, aber eingehend musterte.

»Na«, stellte sie fest. »Da ist wohl einiges schiefgegangen. Kommt, Kinder, wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen. Ihr seht beide aus, als könntet ihr eine ordentliche Friesenmischung und etwas zu essen gebrauchen. Entschuldigt mich bitte«, wandte Rieke sich an ihre Spielerfreunde. »Ich steige aus.«

Mit einem Griff, der langjährige Übung verriet, strich die reizende alte Dame ihren Gewinn ein und trippelte den Freundinnen voran zu einem freien Tisch, der etwas abseits der übrigen Sitzgarnituren stand. Hohe Fächerpalmen schirmten den Platz vor neugierigen Blicken ab.

Was eine »Friesenmischung« war, erfuhr Maren, nachdem die Bedienung den Tee gebracht hatte, übrigens in traditioneller Form, mit Stövchen, Kandisbecher und Sahnekännchen für das »Wölkche«. Rieke wartete, bis die junge Frau wieder gegangen war, dann hob sie ihre Handtasche, entnahm ihr einen Flachmann und schüttete reichlich Rum in die Teekanne.

»So, nun lasst euch das mal schmecken, ihr Deerns«, forderte Rieke ihre Besucherinnen auf, während sie Tee eingoss. »Die Klütjes sind ganz frisch.«

Klütjes waren dicke Hefeklöße, zu denen Birnenkompott und goldgelbe, sämige Vanillesoße gereicht wurde.

»Doch, doch«, beharrte Rieke, als Maren ablehnend den Kopf schüttelte. »Egal, wie groß der Kummer ist, der Magen braucht etwas zum Arbeiten.«

Also schluckte Maren tapfer ihre Tränen hinunter und probierte vorsichtig von dem Hefekloß. Er schmeckte himmlisch.

»Was hat euch denn nun hergetrieben?«, wollte Rieke wissen, nachdem sie genussvoll die Hälfte ihres Klütjes verspeist hatte.

Hella sah zu Maren, die ihren Teller wegschob. In ihren Augen glitzerte es schon wieder verdächtig.

»Also gut, dann erzähle ich wohl besser«, seufzte Hella und legte ihre Gabel auf den Teller. »Wie du dir denken kannst, liebe Rieke, ist die Hochzeit geplatzt. Der Bräutigam hat es vorgezogen, heute Morgen nicht zur Trauung zu erscheinen und stattdessen lieber mit Marens Schwester, einem ausgemachten Luder, nach Berlin durchzubrennen. Um den anschließenden Peinlichkeiten zu entgehen, habe ich Maren mitsamt ihrem Hund, ihrem Laptop, und was wir sonst in der Eile greifen konnten, ins Auto gepackt und bin mit ihr hierhergefahren. Etwas Abstand und Ruhe werden ihr sicherlich guttun.«

Rieke stach gelassen ihre Gabel in den Hefekloß.

»Die See ist eine gute Therapeutin«,

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