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Silvia-Gold - Folge 48

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Und plötzlich reißt der Himmel auf
  4. Vorschau

Und plötzlich reißt der Himmel auf

Eine einzigartige Liebe und ein düsteres Geheimnis

Von Sabine Stephan

Seit frühester Kindheit lebt Annika Lindberg in einem kleinen Häuschen auf der Nordseeinsel Baltrum. Die junge Malerin ist mit ihren Bildern, die hauptsächlich die raue Küstenlandschaft und das Meer darstellen, sehr erfolgreich. Bei den Vorbereitungen einer Ausstellung lernt sie den Architekten Christian Kersting kennen und weiß sofort: Das ist der Mann meines Lebens! Christian empfindet ganz ähnlich. Er, der nie an die Liebe auf den ersten Blick glauben wollte, spürt genau, dass Annika die Frau ist, mit der er glücklich werden kann. Doch einiges spricht dagegen, dass aus den beiden ein Paar wird: Da ist zum einen die schöne Ines, mit der Christian verlobt ist, zum anderen hütet Annikas Mutter ein düsteres Geheimnis …

Annika Lindberg stand in der ehemaligen Scheune ihres Häuschens, die sie humorvoll »Atelier« nannte, vor der Staffelei. Ihr weißer Kittel war mit Farbspritzern verziert. Das lange, hellblonde Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Konzentriert malte sie das Meer bei Sturm, und inmitten der schäumenden Meeresbrandung tanzte ein dunkles Fischerboot auf den Wellen.

Sie war so in ihre Arbeit vertieft, dass sie die Schritte überhörte, die sich näherten. Und so schrak sie zusammen, als sie eine vertraute Stimme vernahm: »Moin, moin, Annika, mien seute Deern!«

»Moin, Jannis. Musst du dich so heranschleichen? Du hast mich erschreckt!«

»Entschuldige, Annika.« Der kräftige Mann trat neben sie und betrachtete das Bild. »Ist schon seltsam, Annika, sooft du auch das Meer malst – es sieht immer anders aus.«

Annika lächelte und nickte. »Richtig, Jannis, das Meer hat viele Gesichter. Es ist immer wieder faszinierend anders, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde.«

»Worüber du so sinnierst …« Verlegen kratzte er sich den Nacken.

Manchmal verstand er Annika nicht. Das kam wohl daher, dass sie studiert hatte. Da konnte er als Bademeister nicht mithalten. Obwohl das auch ein wichtiger Job war. Wenn erst die leichtsinnigen Touristen die schöne kleine Nordseeinsel Baltrum überfluteten, musste er darauf achten, dass sie keine Dummheiten machten und dabei zu Schaden kamen.

»Wie wäre es mit einem Tee, Jannis? Ich muss dringend mal ein Päuschen machen. Die Farben müssen trocknen.«

»Gern, Annika.« Er schloss hinter ihr das Tor, das in den Angeln quietschte. »Muss mal geölt werden. Werd nächstens ein Ölkännchen mitbringen.«

»Mach das, Jannis!« Annika wusste, dass es Jannis freute, wenn er sich bei ihr im Haus nützlich machen konnte. Er war ihr bester Freund und so was wie ihr treuer Husar, der immer für sie da war, von Jugend an.

Annikas Friesenhäuschen war weiß getüncht und hatte ein tiefgezogenes Reetdach. Durch die blaugestrichene Haustür gelangte man in den großen, gemütlich eingerichteten Wohnraum mit Kachelofen und Sitzecke.

Die Bilder an den Wänden hatte Annika selbst gemalt. Die Spitzengardinen vor den Fenstern stammten noch von ihrer Großmutter, die leider vor fünf Jahren verstorben war. Die hölzerne Treppe links führte in die Schlafräume.

Hinter dem Wohnraum gab es eine kleine Einbauküche, durch die man auf die Terrasse und in den kleinen Garten gelangte. Auf allen Fensterbänken standen blühende Pflanzen. Annika liebte es, sich mit schönen Dingen zu umgeben, und sie hatte eine angeborene Begabung, auch kleine Dinge kostbar erscheinen zu lassen und attraktiv zu arrangieren.

Der Duft des ostfriesischen Tees durchzog das Haus. Annika füllte ihn in hauchdünne blauweiße Tassen aus Porzellan. Wenn der heiße Tee über den weißen Kandis floss, knisterten die Zuckerstückchen, was eine behagliche Stimmung schuf.

»Ist bannig schön bei dir!« Seine Blicke streiften ihr schmales Gesicht mit den tiefblauen Augen. Baltrum wurde auch »das Dornröschen der Nordsee« genannt, und auch Annika erschien Jannis wie Dornröschen, das noch immer darauf wartete, vom Kuss des Prinzen geweckt zu werden.

Jannis wünschte sich so sehr, dieser Prinz zu sein. Er liebte Annika schon seit Jahren. Doch sie zu küssen, wie ein Mann die Frau küsst, die er liebt, das hatte er sich noch nie getraut. Und ermutigt hatte Annika ihn auch nicht dazu.

»Ja, mir gefällt es auch hier, Jannis. Hilfst du mir am Freitag mit den Bildern? Kurdirektor Hansen hat mir ja erlaubt, in der Halle vom Kurhaus auszustellen. Jetzt, wo der Kurbetrieb hier wieder richtig losgeht, kann ich vielleicht einige Bilder an Feriengäste verkaufen.«

»Klar helfe ich dir. Ich komme dann mit dem Karren und hole die Bilder ab.«

»Was würde ich nur ohne dich machen, Jannis?«

»Möchte ich auch wissen.« Er grinste geschmeichelt. »Ich würd ja noch viel mehr für dich tun. Brauchst es nur zu sagen.«

»Ich weiß, Jannis, du bist mein allerbester Freund.«

»Du wohnst ja hier im Ostdorf ziemlich weitab von allem. Muss doch einsam sein für so eine junge Deern, wie du es bist. Du solltest heiraten und Kinder kriegen.«

»Da müsste ich ja erst mal den Mann finden, der mich heiraten will«, erwiderte Annika und lachte.

»Wird doch nicht so schwer sein.« Jannis räusperte sich und wollte gerade ansetzen, ihr einen Heiratsantrag zu machen, als an die Tür geklopft wurde und Frauke Kahn hereinwirbelte, Annikas Freundin.

Jannis verwünschte das rothaarige Mädchen, denn es hatte ihm mal wieder die Tour vermasselt. Wieder eine verpatzte Gelegenheit! Da machte er sich jetzt lieber davon. Wenn Frauen klatschten, war da ein Mann total überflüssig.

»Ach, Jannis, bleib doch noch«, drängte Frauke und strahlte ihn an. »Hab dich ja ewig nicht zu Gesicht gekriegt.«

»Hast mich doch gestern noch bei der Probe gesehen«, stellte er richtig. Sie waren beide im Heimatverein tätig. Frauke spielte Schifferklavier, und Jannis sang im Männerchor Shantys.

»Gesehen ist gut. Danach seid ihr Männer doch immer ganz schnell verschwunden. Könnt ja nicht schnell genug an die Theke zu eurem Bier kommen.«

»Singen macht eben eine trockene Kehle. Moin, ihr Deerns, die Pflicht ruft!« Und weg war er.

»Der hatte es aber eilig.« Gern nahm Frauke den Tee, den Annika ihr einschenkte. Sie lebte erst seit drei Jahren auf Baltrum, war als Arzthelferin bei dem Inselarzt beschäftigt. Mit Annika hatte sie sich spontan angefreundet.

»Was wollte er denn bei dir, der Jannis?«, wollte sie wissen.

»Nichts, er kommt öfter einfach so vorbei.«

»Der ist wohl mächtig verknallt in dich, was?«

»Es läuft nichts zwischen uns, falls du das wissen willst.« Annika lächelte. »Wir sind nur gute Freunde.«

»Ach so?« Frauke hob spöttisch die Brauen »Ob der Jannis das auch so sieht? Der frisst dich ja förmlich mit Blicken auf. Und mich beachtet er nicht die Spur.«

»Bedauerst du das?«

»Du kannst fragen! Schau dir Jannis doch mal an, ein wahres Prachtstück von Mann. Also, den würde ich nicht von der Bettkante stoßen.«

Annika riss die Augen auf. »Wow! Das war mal eine klare Aussage. Also, Frauke, von mir aus hast du freie Bahn. Ich mag Jannis als Freund, aber sonst …« Sie hob bedauernd die Hände. »Kein Interesse!«

»Da bin ich ja beruhigt. Es ist nämlich nicht meine Art, mich an den Liebhaber einer Freundin heranzuschmeißen. Eine Freundin so zu hintergehen, würde ich total mies finden.«

»Darüber denke ich genauso.« Annika kochte frischen Tee, und dann tratschten sie noch, wie es Freundinnen eben tun, wenn sie zusammen sind und viele gemeinsame Bekannte haben.

Hier auf der kleinen idyllischen Insel kannte ja jeder Einheimische jeden, und da mangelte es nicht an Gesprächsthemen.

Nachdem Frauke sich verabschiedet hatte – ihre Mittagspause war zu Ende – malte Annika weiter an ihrem Meerbild.

Beim Malen konnte man so wunderbar nachdenken und seine Gedanken schweifen lassen. Sie war jetzt neunundzwanzig Jahre alt und stand praktisch allein auf der Welt, abgesehen von ihrer Mutter, die weit weg in Bayern lebte. Sie hatte den älteren Witwer Xaver Hintergruber geheiratet.

Mutterliebe in dem Sinne habe ich nie gekannt, fiel es Annika ein. Ihre Mutter hatte stets ihr eigenes Leben gelebt und nie viel Zeit für ihre Tochter gehabt.

Annika war bei ihrer Großmutter aufgewachsen, und von ihr hatte sie alle Liebe bekommen, die ein Kind brauchte. Seit die alte Frau nicht mehr lebte, fühlte sich Annika oft so grauenvoll allein.

Wenn ich Jannis heiraten würde, wäre ich nicht mehr allein, dachte sie. Aber wäre das nicht ein fauler Kompromiss? Sie liebte Jannis ja nicht, und wie vielleicht jede Frau träumte sie von der großen Liebe und hoffte, sie würde ihr eines Tages begegnen.

***

Zuverlässig wie immer brachte Jannis Annikas Bilder ins Gebäude der Kurverwaltung, wo er sie in der Halle aufhängte. Da es in diesem Raum auch den Brunnen gab, an dem die Kurgäste das Heilwasser trinken konnten, durfte Annika auf regen Besuch hoffen.

Jannis musste gleich danach wieder zum Badestrand. Man konnte ja nicht wissen, was die Badegäste alles anstellten, wenn er nicht ein wachsames Auge auf sie hielt.

Annika trat einige Schritte zurück und betrachtete die Bilder. Ihr fiel auf, dass das Bild mit der tosenden See schief hing. Sie versuchte es geradezuhängen, doch prompt fiel es in die Schieflage zurück.

»Darf ich Ihnen helfen?«, hörte sie plötzlich eine Männerstimme. »Das Bild ist doch viel zu schwer für ein so zartes Persönchen wie Sie.«

Sie fuhr herum und sah einen hochgewachsenen jungen Mann, der so korrekt gekleidet war, als käme er direkt aus dem Büro des Kurdirektors: grauer Anzug, hellblaues Hemd und passende Krawatte.

»Gern! Für Hilfe bin ich immer dankbar.« Sie lächelte und hatte für Sekunden den verrückten Eindruck, sie würde in dem Blick seiner tiefblauen Augen versinken.

Er nahm ihr das Bild ab, und sie dirigierte ihn, wie es aufgehängt werden musste.

»Wundervoll«, sagte sie dankbar. »Vielen herzlichen Dank!«

»Ich heiße Christian, aber meine Freunde nennen mich Chris.«

»Annika Lindberg!«, stellte sie sich korrekt vor.

»Dann sind Sie die Malerin dieser hübschen Bilder?«

Annika lächelte und nickte. »Sie sind aber nicht von hier, Chris oder?«

»Nein, ich bin beruflich auf der Insel. Gerade komme ich von einer Besprechung mit dem Kurdirektor.«

Sie schwiegen. Ihre Blicke trafen sich und hingen wie träumend ineinander. Annika verspürte Herzklopfen. Ein Mann wie Chris war ihr noch nie begegnet. Konnte er der Mann ihrer heimlichen Träume sein?

Unsinn, sagte sie sich. Ich kenne ihn doch gar nicht.

»Ich muss noch einige Tage hierbleiben«, erklärte der Mann da. »Und ich kenne hier keine Menschenseele. Annika, würden Sie mir die Freude machen, am Abend mit mir im Hotel Seeblick zu Abend zu essen?«

»Ja, warum nicht?« Sie wunderte sich selbst, dass sie so spontan die Einladung annahm. Das war sonst nicht ihre Art. Aber bei ihm war eben alles anders. Der Mann interessierte sie.

Chris war ihr einfach auf Anhieb sympathisch. Sie wollte ihn wiedersehen. Sie verabredeten sich für zwanzig Uhr.

***

Christian Kersting hatte einen Tisch auf der Glasveranda gewählt. Von hier aus hatte man einen herrlichen Blick aufs Meer, das in stürmischen Wellen gegen den Strand brandete.

Der Himmel war leicht bewölkt, und die Strahlen der sinkenden Sonne malten die Wölkchen himbeerrot. Auf der Mauer unten hockte eine Möwe und verspeiste genüsslich ein Stück Brot.

Während die jungen Leute den ausgezeichneten Fisch genossen, erzählte Chris Annika, dass er als Architekt beauftragt war, Pläne für ein neues Projekt zu entwerfen.

»Es soll ein großes Apartmenthaus hinter dem Ostdorf gebaut werden. Die Wohnungen werden so eingerichtet sein, dass man dort auch überwintern kann.«

»Der Winter kann hier aber sehr ungemütlich werden, Sturm und Kälte sind nicht zu unterschätzen.«

Chris lachte. »Das härtet doch ab, und das Seeklima ist sehr gesund. Ergreifen Sie denn im Winter die Flucht, Annika?«

»Nein, als Insulanerin bin ich ja an schlechte Witterungen ...

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