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Silvia-Gold - Folge 47

Hör auf dein Herz

Er ist der Mann, der sie glücklich macht, aber er ist auch ihr Lehrer

Von Katharina Martin

Dankbar schmiegt sich die neunzehnjährige Julia in die Arme des attraktiven Lehrers Matthias Reitner. Die Klänge der romantischen Musik und die Wärme seiner Haut lassen ihr Herz schneller schlagen. Mattias ist wie ein rettender Engel in ihr Leben getreten, als sie – ungewollt schwanger und sitzengelassen von ihrem Freund – nicht mehr ein noch aus wusste.

Jetzt sieht sie wieder voller Zuversicht in die Zukunft und freut sich sogar auf ihr Baby und ein Familienglück mit Matthias.

Ja, alles scheint gut zu werden – bis die Schulleitung des ehrwürdigen und erzkonservativen Gymnasiums Wind von der Affäre des Lehrers und der Abiturientin bekommt …

Matthias Reitner wischte sich den Schweiß aus der Stirn und starrte frustriert in den strahlend blauen Sommerhimmel über dem Prinzipalmarkt. Warum musste heute die Sonne scheinen? Die ganze Woche über hatte es, völlig untypisch für August, fast durchgehend geregnet, und ausgerechnet jetzt musste herrlichstes Wetter sein – wo er nichts, aber auch gar nichts davon hatte!

Mit einem unterdrückten Seufzen senkte er den Kopf wieder und trat hastig zurück in den kühlen Schatten des Bogengangs vor dem historischen Rathaus. Die zahlreichen Passanten, die die Fußgängerzone von Münster bevölkerten, starrten ihn noch immer offen an. Einige von ihnen blieben sogar stehen, lachten und zeigten auf ihn – und nicht zum ersten Mal an diesem Tag wünschte Matthias, er hätte das alles schon hinter sich.

Im Grunde konnte er den Leuten ihre Reaktion nicht mal verübeln. Wer, dachte er, würde nicht hinsehen, wenn ein erwachsener Mann am helllichten Tag, umringt von seinen johlenden und feiernden Freunden, in einem lächerlichen Hahnenkostüm auf dem Prinzipalmarkt stand?

Nicht nur, dass ihm unter dem dicken Plüschstoff schon jetzt – noch bevor er mit seiner schweißtreibenden Aufgabe begonnen hatte – unglaublich warm war. Das Kostüm war auch ganz offensichtlich für einen kleineren und an den Schultern schmaler gebauten Menschen genäht worden, sodass er sich darin eingeengt fühlte und die Kapuze mit dem hohen roten Hahnenkamm unangenehm spannte. Eine Strähne seiner blonden Haare klebte ihm seitlich an der Stirn.

»Das ist ein dämlicher Brauch, hatte ich das schon erwähnt?«, knurrte er seinem Freund Christoph zu, der ihm am nächsten stand. Doch der lachte nur und boxte ihn auf den durch das Kostüm gut gepolsterten Arm.

»Jetzt sei kein Frosch«, meinte er gut gelaunt. »Das ist eben der Preis, wenn man mit dreißig noch keine Frau und keine Kinder hat.« Er nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche. »Dann hättest du eben da unten in Papua-Dingens bleiben sollen, bis der Stichtag vorbei ist.«

»Paraguay«, verbesserte Matthias ihn, obwohl er wusste, dass es zwecklos war. Christoph war schon in der Schule schlecht in Erdkunde gewesen, und er würde sich ganz sicher auch diesmal nicht merken, dass Matthias die letzten drei Jahre in Südamerika und nicht in Asien verbracht hatte. Für Christoph gab es generell nur das Münsterland, in dem er zu Hause war und sich auskannte, und wenn er im Urlaub ins Ausland fuhr, dann immer in dasselbe Hotel an der türkischen Riviera. Alles, was jenseits von Europa lag, war für ihn einfach nur ganz weit weg.

Dafür hatte er Matthias Reitner auch nach all der Zeit, die sie seit der gemeinsamen Schulzeit getrennt gewesen waren, nicht vergessen und ihn, als er im letzten Sommer in seine alte Heimatstadt zurückgekehrt war, sofort in seinen Freundeskreis aufgenommen. Matthias hatte dadurch viel leichter wieder Fuß gefasst, und dafür war er Christoph wirklich dankbar, auch wenn er mit der Zeit feststellen musste, dass ihre Welten und ihre Weltbilder sich inzwischen sehr stark voneinander unterschieden.

Jetzt sah er seinem alten Freund in das rundliche, offene Gesicht, und seine schlechte Laune verflog. Bräuche zu pflegen, war nun mal etwas völlig Selbstverständliches für Christoph und seinen Kreis. Auch die anderen Männer – Peter, Andi und Lukas, die Matthias ebenfalls noch aus der Schule kannte, sowie deren Freunde und Bekannten, die ebenfalls gekommen waren – hätten sich selbst in diesem Kostüm an die Treppe gestellt. Und deshalb würde er diesen Spaß mitmachen und kein Spielverderber sein.

Matthias trank das volle Schnapsglas aus, das Christoph ihm hinhielt, verzog das Gesicht, als ihm der Selbstgebrannte feurig durch die Kehle lief, und meinte lächelnd: »Ach, komm, sei ehrlich, Chris! Du hast doch schon immer jede Gelegenheit genutzt, um zu feiern. Wenn ich später zurückgekommen wäre, dann hättest du bestimmt irgendeine neue Regel erfunden und mich trotzdem gezwungen, mich vor der ganzen Stadt in diesem Kostüm lächerlich zu machen!«

»Wie gesagt«, meinte Christoph ungerührt und gab seiner Frau Corinna ein Zeichen, die daraufhin ihr Sektglas wegstellte und die mitgebrachten Tüten und Rucksäcke an die Männer verteilte, »du hättest ja heiraten können.«

Matthias verzog das Gesicht bei dem Gedanken an das Lebensmodell, für das sich alle seine gerade anwesenden Freunde bereits entschieden hatten. Heiraten, nein, das war nichts für ihn. Nicht nur, dass ihm dafür derzeit die passende Frau gefehlt hätte, er verspürte auch wenig Lust, sich auf diese Weise an einen Menschen zu binden. Seine Eltern waren schließlich ein gutes Beispiel dafür gewesen, dass so etwas in einer Katastrophe enden konnte, und er hatte nicht vor, deren Fehler zu wiederholen.

Es gab grundsätzlich nur einen Menschen in seinem Leben, dem er sich verpflichtet fühlte, und das war seine inzwischen neunundsiebzigjährige Großtante. Ihretwegen war er wieder hier, und solange Elsa ihn brauchte, würde er auch in Münster bleiben. Sonst hielt ihn hier nichts – aber das mochte er weder Christoph noch den anderen gestehen.

»Nein, danke«, betonte er noch einmal. »Da fege ich schon lieber die Rathaustreppe.«

»Und damit sollten wir dann auch endlich mal anfangen«, mischte sich Corinna ein und nickte Christoph auffordernd zu, während sie an die anderen Frauen Sektgläser verteilte.

Christoph ließ sich nicht zweimal bitten.

»Na dann, an die Arbeit, Geburtstagskind!« Mit einem triumphierenden Lächeln drehte er den weit geöffneten Rucksack um und ließ die erste Ladung Kronkorken auf die Steinstufen der Rathaustreppe fallen. Die silbern glänzenden Verschlüsse ergossen sich scheppernd und klirrend über die Steine, und das Geräusch hallte in dem Bogengang so laut wider, dass Matthias unwillkürlich zusammenzuckte.

»Und das war erst der Anfang, Kumpel!«, fügte Peter hinzu und leerte unter dem Applaus der anderen noch zwei weitere Rucksäcke und eine große Plastiktüte mit gleichem Inhalt über der Treppe aus, sodass die Kronkorken in einer dicken Schicht die Steinstufen bedeckten.

»Dein Werkzeug!« Corinna reichte Matthias fröhlich einen alten Reisigbesen, der schon bessere Tage gesehen hatte, und zückte sofort wieder ihre Digitalkamera, mit der sie – wie Matthias nicht entgangen war – schon die ganze Zeit über jedes unrühmliche Detail seines großen Tages festhielt.

»Wie soll ich denn damit fegen?«, fragte er und betrachtete mit gerunzelter Stirn die abgenutzten Borsten, die ihren eigentlichen Zweck kaum noch erfüllen konnten.

»Lange«, erwiderte Corinna lachend und prostete ihm mit ihrem Sektglas zu, das sie jetzt wieder in der Hand hielt. Die Kamera baumelte noch immer an ihrem Handgelenk. »Schließlich soll der Spaß ja nicht gleich wieder vorbei sein. Und vergiss nicht – du bist erst erlöst, wenn eine Jungfrau dich küsst, so wie der Brauch es will.«

Matthias hob ironisch die Augenbrauen. »Und wie soll ich rausfinden, ob sie noch Jungfrau ist?«

»Mann, das sagt man doch nur so.« Corinna verdrehte die Augen. »Unverheiratet muss sie jedenfalls sein. Wenn du also nicht allzu lange fegen willst, dann wirst du wohl deinen ganzen Charme spielen lassen müssen – denn junge Frauen küssen wildfremde Männer in der Regel nicht gerne!«

Die Aussicht schien sie zu freuen, denn auf ihrem sommersprossigen Gesicht lag ein zufriedener Ausdruck.

»Matthias findet bestimmt eine«, meinte Peters Frau Patrizia. »Er hat sich wirklich gut gehalten für seine dreißig Jahre. Da wird es doch wohl ein passendes Hühnchen geben, das sich erbarmt.« Sie warf ihm einen flirtenden Blick zu, den Matthias nur mit einem schiefen Grinsen erwiderte. Er kannte Patrizia inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie ihn damit nur aufziehen wollte und das keineswegs ernst meinte – was ihm sehr recht war.

Corinna stellte jetzt den mitgebrachten CD-Player an, und aus den Boxen wummerte fröhliche Musik, zu der seine Freunde und Bekannten, die einen lockeren Halbkreis um die Rathaustreppe bildeten, aufmunternd klatschten.

»Fegen, fegen, fegen …«

Matthias seufzte und machte sich an die Arbeit.

Eine knappe Stunde später stellte er den Reisigbesen vor seinen Schuhspitzen auf den Boden und stützte erschöpft die Hände darauf. »Erbarmen«, stöhnte er. »Wie lange soll denn das noch so weitergehen?«

Die Kapuze hatte er längst abgestreift, weil es einfach zu heiß war, und der Hahnenkamm baumelte jetzt irgendwo auf seinem Rücken. Schon drei Mal hatte er die gesamte Rathaustreppe abgefegt, die von den anderen dann sofort wieder neu mit Kronkorken bedeckt wurde. Doch eine Erlösung schien noch nicht in Sicht. Die meisten jungen Frauen, die vorbeikamen, eilten irritiert oder grinsend weiter, wenn die anderen sie ansprachen und auf ihn aufmerksam machten.

Bisher war ihm keine Einzige nahe genug gekommen, um ihm einen Kuss auf seine verschwitzte Wange zu geben – was er durchaus verstehen konnte. Trotzdem war es verdammt frustrierend.

»Ich habe mal gehört, dass nette Freunde anderen Fegern irgendwann ihre Töchter vorbeischicken, damit sie erlöst werden«, beschwerte er sich bei Andi. »Wo ist denn eigentlich Larissa?«

Andi, der erst vor Kurzem geheiratet hatte, grinste.

»Meine Schwiegermutter passt auf die Kleine auf.«

»Und da sie mit ihren zehn Monaten noch nicht läuft«, mischte seine Frau Danni sich ein, »hätten wir sie dir auch kaum vorbeischicken können.« Sie reichte Matthias noch ein Bier, das dieser dankbar trank, weil seine Kehle schon wieder extrem trocken war.

»Und Sophia ist wirklich krank?«, wandte er sich an Lukas, dessen Tochter schon sechs war.

»Glaubst du, sonst wäre Gabi zu Hause geblieben und hätte sich das hier entgehen lassen?«, entgegnete der füllige Lukas, der ebenfalls sehr guter Stimmung war. »Außerdem ist Sophia so erkältet, dass du dich nur anstecken würdest. Und dann müssten deine Schüler nächste Woche auf dich verzichten, wenn die Schule wieder anfängt. Das wollen wir doch nicht.«

Matthias stöhnte innerlich auf. Mein Gott, die Schule! Daran wollte er lieber nicht erinnert werden. Zum Glück waren noch Sommerferien, und es bestand Hoffnung, dass alle seine Schüler im Urlaub oder bei dem Wetter zumindest im Freibad waren. Denn wenn ihn einer in diesem Aufzug entdeckte, würde er sich einiges anhören müssen, wenn der Unterricht wieder anfing.

Andererseits mochten ihn die meisten, und vermutlich hatte er nur mit mildem Spott zu rechnen.

Was die konservative Schulleitung des erzkatholischen Gymnasiums dazu sagen würde, dass ein junger Kollege, der noch darauf hoffen musste, dass sein befristeter Vertrag am Ende des nächsten Schuljahrs verlängert wurde, seine Freizeit damit verbrachte, in einem Hahnenkostüm durch die Fußgängerzone zu laufen, stand dagegen auf einem anderen Blatt. Und er hoffte auch, dass ihm eine Begegnung mit einer Mutter oder einem Vater aus dem Elternbeirat erspart blieb …

Die Musik dröhnte immer noch laut und ging Matthias schon seit geraumer Zeit auf die Nerven. Er nahm noch einen Schluck aus der Bierflasche und drückte sie dann dem Nächststehenden – in diesem Fall Lukas – in die Hand. Es war offensichtlich, dass keiner seiner Freunde ein echtes Interesse daran hatte, seine Qualen vorzeitig zu beenden. Dafür amüsierten sie sich viel zu gut. Wenn er also etwas an seinem Zustand ändern wollte, dann würde er das selbst erledigen müssen – und zwar etwas aktiver als bisher.

»Ich hole mir jetzt meine Jungfrau«, verkündete er entschlossen. Durch den Alkohol und die Anfeuerungen seiner Freunde ermutigt, die johlten und klatschten, lief er in die Mitte des Prinzipalmarktes und blickte sich um.

Es war Samstag, und eigentlich war die Fußgängerzone von Münster voller Menschen. Doch irgendwie schienen tatsächlich alle einen großen Bogen um ihn zu machen, vor allem die jungen Frauen. Sie starrten ihn an oder kicherten unsicher und liefen schnell weiter, wenn er sich ihnen näherte, wahrscheinlich, weil sie befürchteten, er könnte nicht ganz richtig im Kopf sein.

Matthias’ Verzweiflung wuchs. Wie sollte er eine holde Maid ansprechen und bitten, ihn zu erlösen, wenn keine ihm zu nahe kommen wollte?

Und dann sah er sie. Eine junge Frau mit langen dunklen Haaren kam direkt auf ihn zu. Sie hatte den Blick auf den Boden gerichtet und war offenbar so in Gedanken versunken, dass sie ihn gar nicht wahrnahm – und ihm deshalb auch nicht auswich.

Das war seine Chance. Matthias trat der Frau entschlossen in den Weg, die stehen blieb und überrascht aufsah. Sie ist hübsch, dachte er unwillkürlich. Schmales, blasses Gesicht, rosige Lippen, klare, graue Augen, in denen ein ernster Ausdruck stand. Und sie war viel jünger, als er geglaubt hatte, höchstens zwanzig. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor, doch es wollte ihm nicht einfallen, wo er ihr schon einmal begegnet sein konnte. Eigentlich war das auch egal. Jetzt kam sie ihm jedenfalls gerade recht, deshalb hielt er sie am Arm fest, als sie seinen Aufzug registrierte und wie alle anderen zurückweichen wollte.

»Bitte, nicht weglaufen.« Er lächelte so gewinnend wie möglich und hoffte, dass er sie damit nicht noch mehr erschreckte. Eigentlich wollte er nicht direkt mit der Tür ins Haus fallen, doch in seiner Situation blieb ihm nichts anderes übrig, denn sehr lange würde die junge Frau sich von ihm sicher nicht aufhalten lassen. Er musste zur Sache kommen. »Sind Sie verheiratet?«

Die junge Frau starrte ihn nur an, als hätte er Chinesisch gesprochen. Dann schüttelte sie den Kopf. Offenbar konnte sie nicht glauben, dass er sie das gerade gefragt hatte.

»Ich … wie bitte?«

Matthias ergriff ihre Hände – das Kostüm hatte zum Glück nur angenähte Flügel und ließ seine Unterarme frei – und betrachtete sie. Kein Ring.

»Nein?«

Sie schüttelte wieder den Kopf, und diesmal wertete er das als Antwort auf seine Frage.

»Würden Sie mir einen Kuss geben?«

Jetzt schien es der jungen Frau zu bunt zu werden, denn sie löste ihre Hände von seinen.

»Also wirklich …«

Matthias spürte, dass er sie verlor. Sie würde gleich gehen, und seine Freunde würden noch weiter Spaß haben, während er ein weiteres Mal die Rathaustreppe fegte – aber er konnte einfach nicht mehr. Deshalb sank er auf die Knie.

»Bitte, ich weiß, das klingt alles völlig albern, und das ist es auch, glauben Sie mir. Aber Sie müssen mich erlösen. Ich bin in diesem Kostüm gefangen und muss schweißtreibende Arbeit verrichten, während meine Freunde sich auf meine Kosten köstlich ...

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