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Silvia Duett - Folge 18

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Auch wenn dein Herz nicht mir gehört
  4. Das Wagnis, das sich Liebe nennt
  5. Vorschau

Auch wenn dein Herz nicht mir gehört

Ohne es zu wollen, begleitet Robert von der Möhlen einen Freund zu einer Lesung, in der die bekannte Autorin Sybille Lentz ihr neues Buch vorstellt. Der junge Mann weiß nicht recht, wie ihm geschieht, denn wenig später sitzt er, der sachliche, kühle Geschäftsmann, da wie gebannt und lauscht der angenehmen, etwas spröden Stimme der Autorin. Er kann die hübsche Frau die ganze Zeit über nur anschauen. Was sie liest, bekommt er gar nicht richtig mit, so verzaubert ist er von ihr.

Als Robert die Autorin zwei Wochen später wiedersieht, muss er erfahren, dass sie die Verlobte seines Bruders ist …

Der Schnee, der plötzlich aus dem dämmerigen Abendhimmel fiel, war blau. Jedenfalls würde Robert von der Möhlen die Schneeflocken, die so überraschend aus einem bis dahin wolkenlosen, dunkelblauen Himmel zu rieseln begannen, so in Erinnerung behalten.

»Na, das hat gerade noch gefehlt«, fand sein Begleiter, der für einen Moment stehen blieb und den Kopf in den Nacken legte, um das Gesicht den immer rascher herabsegelnden Flocken entgegenzuhalten. »Was hat das zu bedeuten?«, verlangte er im nächsten Augenblick von Robert zu wissen, als wäre der für das winterliche Schauspiel, das kein Wetterbericht angekündigt hatte, persönlich verantwortlich. »In einer Woche ist Frühlingsanfang, und was soll nun das hier? Hanna und ich haben uns fest darauf verlassen, unsere Hochzeit als Frühlingsfest feiern zu können – und jetzt sieh sich einer dieses Schneetreiben an!«

Robert musste lachen. Schneetreiben war nun wirklich ein höchst gewagter Ausdruck für die Flocken, die still vom Himmel fielen.

»Ach, das ist doch nicht der Rede wert«, beschwichtigte er den Freund. »Es taut ja gleich wieder weg. Ist es denn noch weit?«

Sven Rögner, ein Mann mit einem jungenhaften, offenen Gesicht und einem ebensolchen Blick, sah sich suchend um.

»Eh, nein, ich glaube nicht«, meinte er ein wenig verunsichert. »Hier muss es irgendwo sein. Hanna hat gesagt, fünf Minuten zu Fuß von der S-Bahn-Station …«

Robert hatte den Kragen seines braunen Wildledermantels hochgeklappt und wischte sich nun ein paar Schneeflocken aus dem glatten, dunklen Haar.

»Bist du sicher, dass sie sich hier auskennt?«, wagte er skeptisch anzufragen.

Prompt warf Sven ihm einen entrüsteten Blick zu.

»Hanna ist in diesem Stadtteil aufgewachsen«, empörte er sich. »Sie kennt hier jeden Hund persönlich – behauptet sie jedenfalls.«

Robert, der die gegenüberliegende Straßenseite aufmerksam gemustert hatte, wurde lebhaft.

»Da drüben!«, rief er. »Links neben dem kleinen Café! Siehst du? Da ist die Buchhandlung!«

Sven atmete auf. »Gott sei Dank! Nun aber vorwärts, wir sind ohnehin schon spät dran. Hoffentlich hat es noch nicht angefangen.«

Robert überquerte schon mit langen Schritten die Straße, als die endlos scheinende, langsame Schlange von Autos für einen Augenblick zum Stehen kam. Der junge Mann drehte sich einmal nach Sven um, da hetzte auch sein Freund quer über die Straße, gerade rechtzeitig, denn jetzt setzte sich die Autoschlange wieder in Bewegung, um hundert Meter weiter vor einer rot leuchtenden Ampel erneut zum Stillstand zu kommen.

»Meine Güte, schläft diese Stadt denn nie?«, fragte Sven, als er Robert eingeholt hatte. »Selbst abends um acht bringt man sich beim bloßen Überqueren der Straße noch in Lebensgefahr.«

Robert vergrub die kalten Hände in den Manteltaschen, während er den Freund nachsichtig ansah.

»Erklär mir noch mal, Sven, was wir hier eigentlich machen. Ich bin wohl etwas begriffsstutzig, aber ich kapiere es nicht. Wieso müssen wir ausgerechnet heute Abend kreuz und quer durch die Innenstadt rasen, nur um deiner Freundin …«

»Zukünftigen Ehefrau!«, korrigierte Sven ihn sogleich mit leichtem Tadel in der Stimme. »Ich weiß, dass dich das alles gar nicht interessiert. Du bist gekommen, um mit mir und den anderen meinen Junggesellenabschied zu feiern. Alles andere geht an dir vorbei. Aber ich habe es Hanna nun mal versprochen.«

»Was?«

»Dass ich, bevor wir Männer uns ins Vergnügen stürzen, noch einmal kurz heute Abend hier vorbeikomme.«

»Aber wozu, Sven?«, wollte Robert wissen. »Welchen Sinn ergibt das?«

Sven schwieg sekundenlang, dann zeigte sich ein kleines, verlegenes Lächeln auf seinen Lippen.

»Sieh mal, dies ist Hannas großer Abend«, erklärte er seinem Freund. »Sie hat schwer dafür gearbeitet, organisiert und geplant, damit alles einwandfrei klappt. Wochenlang hat sie von fast nichts anderem geredet, außer von unserer Hochzeit vielleicht noch. Und nun ist der große Moment endlich da. Da ist es doch selbstverständlich, dass ich daran teilhaben möchte. Ja, ich weiß, das kannst du nicht verstehen, aber in deinem Leben gab es ja auch noch nie eine Frau wie Hanna, oder? Eine, für die ein Mann sich zerreißt, um alles möglich zu machen, um sie nicht zu enttäuschen, sie fühlen zu lassen, dass das, was auch immer sie tut, wichtig ist …«

Robert hatte ein wenig beschämt den Blick gesenkt.

»Nein, so eine hat es nie gegeben«, musste er zugeben.

Sven atmete ganz tief. »Und deshalb sind wir heute Abend hier, Robert«, verkündete er dann. »Vor Hannas Buchladen, in dem gleich …« Er sah auf seine Uhr. »… in zwei Minuten eine berühmte Schriftstellerin eine lange angekündigte Lesung halten wird. Und wenn diese Lesung ein Erfolg wird, dann verdankt man das auch Hanna.«

Robert lächelte leicht. »Okay, Sven, ich habe es verstanden. Aber darf ich vielleicht doch noch anmerken, dass ich von Literatur keine Ahnung habe? Das letzte Buch, das ich gelesen habe, handelte von kranken Kühen, und das war nicht gerade eine erbauliche Lektüre.«

»Das glaube ich dir gerne, ich muss dich allerdings davor warnen, Hanna gegenüber solche Bemerkung loszulassen. Sie würde dich für einen grässlichen Banausen, ja, für einen Analphabeten halten, und das möchtest du doch sicher nicht, oder?« Sven legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter. »Auch gegenüber der Autorin dieses denkwürdigen Abends bitte kein abfälliges Wort, Robert. Ich musste es Hanna hoch und heilig versprechen, dass wir, was auch immer passiert, uns zu keinerlei verbalen Entgleisungen hinreißen lassen werden.«

»Na, dann …«, murmelte Robert und streifte mit einem flüchtigen Blick noch das Plakat, auf dem die Lesung dieses Abends in Hanna Nehls Buchhandlung angekündigt wurde:

Sybille Lentz … Lesung am 23. März … 20.00 Uhr … aus ihrem neuen Buch »NIEMAND IST EINE INSEL …«

»Wer denkt sich bloß immer solche blödsinnigen Titel aus?«, fragte Robert noch halblaut, als Sven ihn bereits mit sanfter Gewalt durch die sich automatisch öffnende Glastür in den Buchladen schob und ihm kaum hörbar seine Antwort ins Ohr zischte.

»Du sagst jetzt nichts mehr, okay? Das ist ein Zitat von John Donne, und wenigstens dieser Name wird dir bekannt vorkommen, oder? Ach, da ist ja schon Hanna …«

Das Letzte, was Robert dachte, ehe er sich auf dem eigens für ihn reservierten Stuhl niederließ, war: Sybille Lentz … Hört sich an wie ein Pseudonym … So heißt man nicht im wirklichen Leben …

Aber dann dachte er ziemlich lange gar nichts mehr, denn dann war der Star des Abends schon da, tauchte von irgendwo aus dem Halbdunkel auf, um sich auf ein kleines, rotes Sofa zu setzen, nach einem bereitliegenden Buch zu greifen, darin zu blättern und mit der Lesung zu beginnen. Robert hatte sie sich anders vorgestellt, weil ihm ihr Name ein gänzlich anderes Bild vermittelt hatte.

Sybille Lentz war mittelgroß, sehr schlank, mit langem, blondem Haar. Sie trug eine goldgerahmte Lesebrille, über die hinweg sie von Zeit zu Zeit ihr lauschendes Publikum – wie Robert fand – zurechtweisend anschaute, möglicherweise, weil sie den Verdacht hegte, dass hier kaum die leidenschaftlichsten Leser zusammengekommen waren, sondern nur Leute, die sich auf der Jagd nach einem weiteren prominenten Namen auf einer langen Liste befanden.

Sie hatte eine angenehme Stimme. Nicht hell und mädchenhaft, wie man zunächst hätte befürchten können, aber auch nicht dunkel, eher spröde, wie ein Teenager, dessen Stimmlage sich noch nicht endgültig gefunden hatte. Möglicherweise war Sybille Lentz’ Stimme aber auch nur überstrapaziert von den vielen Lesungen, die sie in diesen unruhigen Wochen zu absolvieren hatte.

Seit in einer Fernsehsendung über neue Bücher ihr Geschichtenband »Niemand ist eine Insel« vorgestellt worden war, wurde er jeden Tag viele Male verkauft, sodass er fast an der Spitze der Bestsellerlisten stand.

Robert hatte sich jegliche Art von Kaufwut noch nie erklären können, und – da war er ganz ehrlich – noch viel weniger verstand er den Wirbel, wenn es um Bücher ging. Doch immerhin, Sybille Lentz gelang es an diesem Abend, ihn für die kurze Zeit, die er und Sven sich unter das Publikum gemischt hatten, innehalten zu lassen.

Als Sven ihm nach einer knappen halben Stunde sanft den Ellbogen in die Seite stieß, und, nachdem Robert sich wie erwachend zu ihm umgewandt hatte, ein unmissverständliches Zeichen zur Tür hin gab, da verstand er nicht sofort. Sven merkte das und beugte sich zu ihm.

»Das reicht«, flüsterte er. »Wir warten nicht auf die Pause, sonst kommen wir zu spät zu den anderen.«

Robert begriff. Sie erhoben sich, was natürlich für Unruhe sorgte, und da geschah etwas, worauf keiner gefasst war, nicht Sven, nicht Robert und erst recht nicht Hanna: Sybille Lentz beendete den Satz und damit auch die Geschichte, die sie gerade vorgelesen hatte, und nahm ihre Brille ab.

»Mein Buch gefällt Ihnen offensichtlich nicht«, sagte die Autorin mit ihrer seltsam spröden Stimme. »Aber bitte laufen Sie nicht weg, sondern lassen Sie mich Ihre Kritik wissen. Ich bin schließlich auch hier, um mich mit meinem Publikum auseinanderzusetzen.«

Alles lachte unterdrückt, und von allen Seiten schlug Sven und Robert kaum unterdrückte Schadenfreude entgegen.

Hanna erkannte wohl, wie sich die beiden jungen Männer vor Verlegenheit wanden, und ergriff die Gelegenheit geistesgegenwärtig beim Schopf. Sie erklärte, ebenfalls lachend, dass es sich bei den beiden Flüchtlingen nicht etwa um harsche Kritiker der Autorin handelte, sondern vielmehr um ihren, Hannas, zukünftigen Ehemann und dessen Freund und Trauzeugen, die eigentlich unterwegs zu Svens Junggesellenabschiedsparty waren.

Das Publikum jubelte und applaudierte, und schon erhob sich Sybille Lentz von ihrem Sofa, kam, schlank und schmal im schwarzen, engen Kleid mit Rollkragen, auf die jungen Männer zu und reichte erst Sven, dann Robert die Hand.

»Dann wünsche ich viel Spaß«, sagte sie lächelnd. »So eine Männerfreundschaft ist ja etwas sehr Schönes und gar nicht so häufig, wie alle immer meinen.«

Sven glühte bis in die Ohrläppchen, während Robert, als Sybille Lentz vor ihm stand, nur dachte, dass sie ihm genau bis zum Kinn reichte …

»Na also«, meinte Sven draußen vor dem Buchladen aufatmend. »War doch gar nicht schlimm, was?«

»Das hört sich an, als kämen wir vom Zahnarzt«, stellte Robert belustigt fest und knöpfte seinen Mantel zu, weil der Wind stärker geworden war. Aber es fiel kein Schnee mehr.

»Egal, jetzt kommt der gemütliche Teil des Abends.« Sven rieb sich die Hände. »Der Kultur haben wir nun genug gehuldigt. Mann, bin ich aufgeregt! Ich möchte zu gerne wissen, was sich die Jungs für diesen Abend alles ausgedacht haben. Und auf die Gesichter bin ich gespannt, wenn sie sehen, wen ich als Überraschungsgast mitbringe!«

Robert war so viel Wirbel um seine Person beinahe peinlich.

»Meine Güte, wir sind doch alle alte Freunde«, brummte er, doch davon wollte Sven nichts hören.

»Du bist fast zwei Jahre weg gewesen. Keiner hatte eine Ahnung, wo du dich herumtreibst, und nun ist es mir gelungen, dich zurückzuholen!«

»Nur weil du mich als Trauzeugen haben willst«, erinnerte Robert trocken. »Sonst wäre ich nicht den ganzen Weg von Montana gekommen.«

»Ich weiß.« Sein Freund grinste. »Um dich von irgendwas zu überzeugen, muss man schon die ganz schweren Geschütze auffahren …«

Sie rannten wie kleine Jungen zum Auto.

***

Hamburg im März, das war nicht unbedingt der Ort, der die Herzen der Touristen höherschlagen ließ. Jeder wusste das, auch die Hamburger selbst, die jedoch gelernt hatten, sich in Geduld zu fassen und mit den Kapriolen des Frühlings, der sich hier im Norden lange zierte, ehe er denn endgültig Einzug hielt, gelassen umzugehen.

Mittags hatte die Sonne noch von einem klaren Himmel auf Krokusse und Märzenbecher geschienen, abends war der Schneeschauer über der Stadt niedergegangen, und noch später am Abend, nämlich, als Hanna Nehl ihren Buchladen hinter sich abschloss, um nach Hause zu fahren, da war aus der kalten Brise vom Wasser her ein ziemlich ungemütlicher Nordwestwind geworden, der Regen ankündigte.

Ach nein, dachte Hanna etwas resigniert, als sie in ihr Auto stieg, bitte nicht schon wieder Regen. Bitte nicht morgen, wenigstens nicht in der Zeit von zehn bis zwölf. Denn da hatte sie einen Termin beim Friseur, und zwei Stunden später sollte sie mit Sven und allen Trauzeugen beim Standesamt sein und das möglichst trockenen Fußes …

Oh nein, bitte nicht!, dachte auch Sybille Lentz, die im Übrigen tatsächlich so hieß und auch nie Lust gehabt hatte, sich hinter irgendeinem fantasievollen Pseudonym zu verstecken. Sie stand ein wenig unschlüssig vor ebenjenem Laden, den Hanna gerade verlassen hatte.

Sybille war hier verabredet. Sie sollte auf keinen Fall ein Taxi nehmen, weil der Mann, mit dem sie sich demnächst verloben wollte, geschworen hatte, dass er ganz bestimmt pünktlich sein würde, wenn er schon nicht zu ihrer Lesung kommen konnte.

Nun aber blies der Wind kräftig durch die Straßen dieses Hamburger Stadtteils, und Sybille trug nur einen leichten Trenchcoat über ihrem Strickkleid, dessen Rollkragen immerhin angenehm wärmte, ganz im Gegenteil zu ihren dünnen Strümpfen und den ebenso dünnen Schuhen.

Es war Donnerstagabend, und Sybille war dazu verurteilt, zu warten: Das war etwas, was sie überhaupt nicht mochte. Früher, als es jenen Mann in ihrem Leben noch nicht gegeben hatte, wäre sie an so einem Abend mit dem Bus oder der S-Bahn nach Hause gefahren, ohne sich auch nur den geringsten Gedanken darüber zu machen. Aber seit einiger Zeit war alles anders.

»Wieso solltest du mit dem Bus fahren, wenn ich sowieso in Hamburg bin, Liebes? Du kannst es dann doch bequemer haben«, hatte er gesagt.

Sybille seufzte leicht. Sie war lange nicht mehr in dieser Gegend von Hamburg gewesen, obwohl sie einmal eine Freundin gehabt hatte, die hier lebte. Sybille zwang ihre Gedanken in eine andere Richtung. Sie musste bei der Erinnerung an die beiden Männer, die zwar heimlich, still und leise, aber doch Hals über Kopf ihre Lesung verlassen wollten und von ihr angesprochen worden waren, noch nachträglich lachen.

Eigentlich schätzte die Autorin die Konfrontation mit ihren Lesern nicht so sehr und verspürte nur wenig Lust, auf jede Frage, mochte sie auch noch so banal sein, Rede und Antwort stehen zu müssen. Aber als inzwischen einigermaßen prominente Schriftstellerin hatte sie gewisse Verpflichtungen, nicht nur ihren Lesern, sondern auch ihrem Verlag gegenüber, und dazu gehörte nun einmal jener Satz auf allen Einladungen zu ihren Lesungen, der da lautete:

»Die Autorin freut sich auf einen regen Gedankenaustausch mit ihrem Publikum im Anschluss an die Lesung …«

Sybille freute sich nie auf diesen Gedankenaustausch. So manches Mal hätte sie sich liebend gerne davongestohlen wie die zwei Männer heute Abend, die buchstäblich auf Zehenspitzen zur Tür hinausgewollt hatten …

Eine große, dunkelblaue Limousine kam in raschem Tempo auf Sybille zu und hielt dicht am Bordstein.

»Liebes, ich bin untröstlich! Aber der Redner der Landwirtschaftskammer kam einfach nicht zum Ende seines Vortrages. Ich hätte ihn natürlich erwürgen können, aber …«

»Gut, dass du es nicht getan hast, denn dann müsste ich noch viel länger hier in der Kälte stehen, nicht ahnend, welch schlimme Tat du inzwischen auf dein bis dato blütenreines Gewissen geladen hast«, ergänzte Sybille in freundlicher und federleichter Ironie und ließ sich in den Wagen helfen.

Als sie nebeneinandersaßen, sanken sie sich erst einmal in die Arme.

»Meine Güte, wie lange haben wir uns nicht gesehen?« Sybille seufzte, als sie reichlich zerzaust und mit glühendem Gesicht aus der Umarmung hervorkam. »Zwei Jahre? Zwanzig Jahre?«

»Genau viereinhalb Stunden«, war die korrekte Antwort. »Denn, wenn ich dich erinnern darf, wir haben um achtzehn Uhr zusammen im ›Atlantic‹ gegessen, und jetzt ist es halb elf.«

»Ach, Jasper …«, meinte Sybille daraufhin nur.

Jasper von der Möhlen startete den Wagen und reihte sich mühelos in den fließenden, spät abendlichen Verkehr ein.

»Wie war es?«, fragte er dann mit einem kurzen Seitenblick auf Sybille. »War es ein Erfolg?«

»Restlos«, bestätigte sie, was er auch gar nicht anders erwartet hatte. »Ich weiß nicht, wieso, aber die Menschen lieben meine Geschichten und kaufen meine Bücher, als hätten sie Angst, es wären die allerletzten Exemplare.«

»Fantastisch«, fand Jasper. »Und nicht nur deine Geschichten lieben alle, sondern auch dich. Ja, vor allem dich.«

Sybille saß einen Moment stumm da, gerade so, als lauschte sie in sich hinein, auf das Echo auf so unglaubliche Worte.

»Ich verstehe gar nicht, warum«, meinte sie nach einer Weile. »Ich bin doch ein ganz normaler Mensch. Ich will sagen, dass ich nicht einmal besondere Ecken und Kanten habe, solche, die ein Künstler doch einfach haben muss, wie die meisten Menschen immer glauben.«

Jasper musste lachen. »Du bist überhaupt kein normaler Mensch. Wenn du dich ein einziges Mal selbst reden hören könntest, dann wüsstest du schon einen Grund, der dich von der großen Masse unterscheidet. Und Ecken und Kanten? Nein danke, die brauchen wir nicht. Die Leute lieben dich, weil du freundlich, aufrichtig, zauberhaft und ungefähr ein Dutzend weitere hinreißende Dinge bist. Darum liebe ich dich ja auch.«

Er sah sie wieder an und fand, dass sie aussah, als staune sie über sich selbst am allermeisten. Jasper genoss es immer wieder, sie anzuschauen. Ihr Profil liebte er besonders …

Manchmal, wenn er so einen Moment wie jetzt erlebte, dann geriet sein Blick in Versuchung, sich geradezu zu verklären, weil Jasper sich dann wieder einmal fragte, warum diese hinreißende Frau ausgerechnet ihn liebte, und wieso das Schicksal ihm ein so großes Geschenk machte, das er doch in keiner Weise verdient hatte.

»Ach ja«, seufzte Sybille und lehnte das Gesicht gegen die Fensterscheibe des schnellen Wagens. »Wie bizarr das Leben doch sein kann«, fügte sie noch hinzu, und Jasper hütete sich davor, sie zu fragen, wie sie das meinte, denn er war nicht sicher, ob er das wirklich wissen musste.

Immerhin hatte er wenig später die Idee, Sybille zu fragen, ob sie hungrig sei, und als sie nach einem kurzen Nachdenken erwiderte, sie fühle sich nach zwei Stunden Lesung vor allem restlos ausgedörrt, da bremste er kurz entschlossen vor einer kleinen Eckkneipe.

Ein paar Minuten später stand Sybille vor der Tür des Lokals, die Jasper für sie aufhielt, und das war der Moment, da eine hochgewachsene junge Frau mit kastanienbrauner, wilder Mähne sich an ihm vorbeischob, um auf den Bürgersteig hinauszutreten. Sie streifte Jasper mit einem kurzen Blick, in dem für den Bruchteil einer Sekunde so etwas wie Erkennen aufblitzte, wie Sybille erstaunt beobachtete, und kaum war die andere verschwunden, da wandte sie sich an Jasper.

»Kanntest du sie?«

»Wen?« Der junge Mann sah sie überrascht an.

»Na, das Mädchen, das eben an uns vorbeigegangen ist …«

»Ich habe sie eigentlich gar nicht richtig wahrgenommen.« Er runzelte angestrengt die Stirn. »Wieso? Hätte ich sie kennen sollen?«

»Nein. Ich hatte nur geglaubt, sie hätte dich auf eine etwas merkwürdige Weise angesehen.«

»Tatsächlich?« Jasper lachte leise auf und legte den Arm um Sybilles Hüften. »Da kannst du mal sehen, wie ich auf Frauen wirke. Ich brauche gar nichts zu tun, und trotzdem wirft man mir, wie sagtest du noch, merkwürdige Blicke zu.«

»Alter Angeber!« Sybille schüttelte tadelnd den Kopf, stimmte dann aber in sein Lachen mit ein.

***

Sie kannten sich seit fünfzehn Monaten. Jasper war Sybille bei irgendeinem Empfang draußen auf dem Lande vorgestellt worden, nachdem sie in einem der bekanntesten ostholsteinischen Herrenhäuser eine weihnachtliche Lesung gegeben hatte, die eingerahmt war von Cellomusik.

Anschließend waren Punsch und Pfefferkuchen serviert worden, und gerade, als sich Sybille nach dem zweiten Glas heißen Punsch richtig gut gefühlt hatte, war jemand aus der großen Gästeschar neben ihr aufgetaucht.

»Frau Lentz, Sie müssen unbedingt Jasper von der Möhlen kennenlernen«, hatte er voller Eifer gemeint. »Er ist ein großer Verehrer von Ihnen und verschlingt jeden Buchstaben, den Sie zu Papier bringen.«

»Wie nett«, hatte Sybille ein wenig matt gesagt und dem Mann, der ihr gleich darauf gegenüberstand, die Hand gereicht.

Jasper von der Möhlen hatte ihr daraufhin auf eine Art zugezwinkert, die ihr gefallen hatte, und überhaupt hatte ihr nicht nur dieses fröhliche Zwinkern gefallen, sondern auch sein Lachen und seine Angewohnheit, sich immer wieder, während er redete, durch das hellbraune Haar zu fahren, und ebenso hatte sie auch seine schnörkellose, direkte Sprache auf Anhieb gemocht.

»Ihre Geschichten sind toll«, hatte er zum Beispiel ohne Umschweife erklärt. »Aber fragen Sie mich jetzt bloß nicht, warum ich das so empfinde. Ich hab dafür keine Worte. Entweder mir gefällt etwas, oder mir gefällt etwas nicht.«

Sybille erfuhr an diesem Vorweihnachtsabend alles über Jasper. Was er ihr nicht selbst erzählte, sagten ihr andere – nämlich, dass er das größte Gut weit und breit leitete, dass er mit seinen Eltern dort lebte und dass er an niemanden gebunden war. Und das war schließlich das, was Sybille am meisten an Jasper von der Möhlen gefallen hatte.

Ihre Beziehung hatte sich in rasantem Tempo und ausgesprochen stürmisch entwickelt. Jasper schien auf eine Frau wie Sybille nur gewartet zu haben, und auch in ihrem Leben war der Platz für den Einen, den ganz bestimmten Mann an ihrer Seite frei gewesen, sodass sie sich ohne jedes Zögern auf diese Beziehung hatte einlassen können.

Sybille hatte ihr Glück anfänglich kaum glauben mögen. Es tauchte keine Rivalin urplötzlich aus dem Abseits auf, um Jasper zurückzuerobern, er hatte nichts zu verbergen und aus seiner Vergangenheit nichts zu verschweigen.

»Ich bin eben ein echter Holsteiner, in allem sehr bedächtig und abwartend«, hatte er freimütig erklärt. »Bloß nichts überstürzen, sage ich mir immer. Und überstürzt habe ich nie etwas, besonders dann nicht, wenn es um eine Frau ging.«

Sybille war glücklich. Das vergangene Jahr hätte sich für sie nicht besser entwickeln können. Ihr erster Band mit Kurzgeschichten war weitaus erfolgreicher, als sie beziehungsweise ihr Verlag jemals erwartet hatten. Die Vorbereitungen für einen Roman waren wie von selbst gelaufen. Inzwischen hatte der Verlag dieses Buch herausgebracht, und dazu bescherte das Leben Sybille einen Mann wie Jasper.

Wo ist der Haken?, hatte sie sich immer wieder gefragt, denn so viel unangestrengtes Glück machte sie misstrauisch. Aber es gab keinen Haken. Sie durfte endlich darauf bauen und vertrauen, dass das Schicksal ihr ohne Wenn und Aber dieses wunderbare Geschenk machte in Gestalt eines so unerwarteten beruflichen Erfolges und einer ebenfalls so unerwarteten Liebe.

Vor zwei Wochen hatte Jasper sie gefragt, ob sie sich vorstellen könne, ihn zu heiraten. Sie hatte sich eine Bedenkzeit erbeten und eine Woche später Ja gesagt. Inzwischen stand ihr Verlobungsdatum fest, und sie fingen an, Pläne für die gemeinsame Zukunft zu schmieden.

Und jedes Mal, wenn Sybille an diese Zukunft dachte, klopfte ihr Herz schnell und seltsamerweise auch bang, vielleicht, weil da etwas auf sie zukam, was völlig neu war, und bei dem sie auf keinerlei Erfahrung zurückgreifen konnte.

Gleichzeitig war es überwältigend schön.

***

In der Bar, in der Sven Rögner mit seinen Freunden kurz vor Mitternacht landete, um hier nach dem feinen Essen in einem stilvollen, sehr hanseatischen Restaurant den Abschied von seinem Junggesellendasein ausklingen zu lassen, war es brechend voll und so verraucht, dass man hätte meinen können, sämtliche noch verbliebenen Raucher der Stadt hätten sich an diesem einen Abend hier getroffen.

Die jungen Frauen hinter der Bar hatten gut zu tun und gerieten dennoch kaum außer Atem, sondern hatten auch immer noch Zeit für eine schlagfertige Antwort auf einen Zuruf oder eine aufmunternde Bemerkung, sobald bei einem Gast Anzeichen von einsetzender Melancholie sichtbar wurden.

Sven hatte den Umtrunk mit Sekt eingeleitet, doch nun wandte man sich den etwas härteren Getränken zu. Robert hob allerdings dankend eine Hand, als man ihn zu einem Whisky überreden wollte.

»Ich soll den Bräutigam noch sicher nach Hause bringen«, erinnerte er. »Und das würde Hanna mir bestimmt nie verzeihen, wenn ich als sein Trauzeuge da kläglich versage.«

Die anderen hatten vollstes Verständnis dafür, hatten ihrerseits jedoch keinerlei Bedenken und sprachen dem Whisky fortan fröhlich zu.

In dem Gedränge an der Bar, wo jedem kaum ausreichend Raum zum Luftholen blieb, entstand irgendwann, noch vor Mitternacht, eine kleine Unruhe, dann hatte sich eine junge Frau zwischen die Männer gedrängt und verlangte mit einer Stimme, die wie helles Metall klang, nach einem Bier.

Robert fühlte sich beim Klang dieser Stimme an jemand ganz Bestimmten erinnert, wandte sich um und erkannte, zu seiner Verwunderung, Svens Schwester Melanie Rögner neben sich.

»Mellie!«, entfuhr es ihm ungläubig. »Du? Und dann hier? Woher weißt du, dass wir heute Abend hier feiern?«

Melanie verzog ein wenig spöttisch den Mund.

»Na, das war doch nicht schwer zu erraten, wohin es euch zieht, wenn es um den Junggesellenabschied meines großen Bruders geht. Es konnte nur die Kneipe sein, die eurer alten Schule gegenüberliegt. Wohin hat es euch denn früher nach jeder verhauenen Klausur gezogen, um den Frust hinunterzuspülen?«

Lachend umarmten sie sich. Dann betrachtete die junge Frau Robert mit einem kleinen Lächeln.

»Dass du tatsächlich gekommen bist!«, staunte sie. »Ich hätte wetten können, dass dich nichts mehr in die alte Heimat zieht.«

»Ich kann meinen besten Freund doch nicht ohne meinen Beistand vor den Traualtar treten lassen«, meinte Robert schmunzelnd.

»Das mag schon sein«, entgegnete sie skeptisch und fuhr sich durch die nur schwer zu bändigenden, hellbraunen Locken, die ihr bis über die Schultern fielen. »Aber ob dein bester Freund seinerseits den Weg zu dir angetreten hätte im Falle deiner Heirat …«

Robert blickte in sein leeres Glas. »Ich hab noch eine andere Feier vor mir …«

Melanie hielt kurz inne.

»Jasper?«, fragte sie dann sehr kühl. »Hat er irgendwelche Absichten?«

Robert nickte. »Hat er, Mellie, hat er. Die Einladung zu seiner Verlobung hat mich einen Tag, bevor ich zu Svens Hochzeit aufgebrochen bin, erreicht, und da dachte ich mir, ich könnte doch bequem das eine mit dem anderen verbinden.«

Sie sah mit zusammengekniffenen Augen an ihm vorbei.

»Wer wird denn die Glückliche an der Seite deines großen Bruders sein?«, fragte sie.

»Das weiß ich nicht.« Robert zuckte mit den Schultern. »Es war nur ein kurzer, formloser Brief, in dem er mir den Tag der Verlobungsfeier mitgeteilt und mir versichert hat, er würde sich freuen, wenn ich kommen könnte.«

Nun schwieg Melanie lange. Als eines der Mädchen hinter der Bar sie fragte, was sie denn trinken wolle, schrak sie zusammen, wirkte fahrig und irgendwie abwesend.

»Ich?

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