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Silvia Duett - Folge 13

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Wer falschen Küssen Glauben schenkt
  4. Dein Herz weiß nicht, was Liebe ist
  5. Vorschau

Wer falschen Küssen Glauben schenkt

Gibt es irgendwo ein schöneres Fleckchen Erde als Hartenland? Nicht für Amelie! Seit sie als Gesellschafterin der reizenden alten Sophie Falckenberger auf deren Gut lebt, ist sie einfach nur glücklich. Nie hat sie irgendetwas vermisst, obwohl das Leben auf dem herrlichen Anwesen in fast verträumten Bahnen verläuft. Nur der Nachbar Michael Raaben sorgt dafür, dass es nicht zu still wird. Amelie schätzt den jungen Mann sehr. Allerdings hält er etwas sorgsam vor ihr verborgen: seine Gefühle für sie. Und was ist mit ihr? Amelie verdrängt jeden Gedanken an Liebe, jedes Sehnen nach Leidenschaft. Zu groß sind ihre Ängste, und das hat gute Gründe …

Die junge Frau ritt auf das Herrenhaus zu und genoss es sichtlich, die warme Morgensonne auf der Haut zu spüren. Ihre Haare hatten sich aus dem Knoten gelöst und flatterten frei im Wind. Vor dem Grün der dicht belaubten Parkbäume und der schier endlosen Rasenflächen leuchtete die weiße Baumwollbluse, die sie zu den sandfarbenen Reithosen trug.

»Hallo!«, rief Amelie von Cahlden der alten Dame zu, die sie jetzt auf der Terrasse entdeckte. Und in ihrer ausgelassenen Stimmung winkte sie ihr so lebhaft, als hätte man sich lange nicht gesehen. Es war die Schönheit des Hauses und der Umgebung, die Amelie einmal mehr mit Freude und Bewunderung erfüllte.

Konnte es ein herrlicheres Fleckchen Erde geben als Gut Hartenland? Ach, sie war ein Glückspilz, dass sie hier leben durfte! Hatte sie nicht früher, als materielle Not sie bedrängte und sie ihre ganze Kraft aufbringen musste, um sich von den hässlichen Seiten des Lebens nicht zermürben zu lassen, sehnsüchtig von einem solchen Ort geträumt?

Amelie glitt aus dem Sattel und übergab den Braunen dem Gärtner, dem alten Karl, der bis eben die Rosen gewässert hatte. Das Pferd schnaubte und nahm den Stoff von Karls alter Jacke zwischen die Zähne, um mutwillig daran herumzuzupfen. Der Gärtner lachte gutmütig, klopfte ihm den Hals und zog den Apfel aus der Tasche, den er am frühen Morgen für den Braunen eingesteckt hatte. Erst jetzt setzte sich das Tier in Bewegung und ließ sich widerstandslos am Zügel in Richtung Stall führen.

»Ist es nicht ein himmlischer Tag?« Amelie streifte die Reithandschuhe ab und stieg die wenigen Stufen zur Terrasse empor, wo sie die alte Dame mit einem strahlenden Lächeln begrüßte.

Sophie Falckenberger nickte zustimmend. »Deshalb habe ich hier draußen auf der Terrasse aufdecken lassen, wo es viel luftiger ist als drinnen. Es ist Ihnen hoffentlich recht.«

»Sehr sogar, eine gute Idee!« Als Amelie am Frühstückstisch Platz nahm, entdeckte sie das hübsch verpackte Kästchen auf ihrem Teller. Verdutzt betrachtete sie es.

»Das ist für Sie, meine Liebe.« Die alte Dame lächelte verschmitzt und gab der im Hintergrund wartenden Haushälterin das verabredete Zeichen, jetzt den Kaffee zu bringen.

»Für mich?«, fragte Amelie überrascht, während Maria die beiden Damen mit heißem, herrlich aromatischem Kaffee versorgte und sich anschließend am Tisch aufbaute.

»Tja«, sagte Sophie Falckenberger, »ich wollte auch bloß gratulieren …«

»Mir etwa?« Amelie lachte etwas verunsichert. »Ich fürchte, da liegt ein Irrtum vor, denn ich habe heute nicht Geburtstag.«

»Ich weiß.« Sophie Falckenberger sah sie wohlwollend an. »Trotzdem gibt es etwas zu feiern, ein sehr wichtiges Jubiläum sogar.«

Die junge Frau mit den feinen, regelmäßigen Gesichtszügen zog die Brauen zusammen und wirkte ratlos. Was übrigens bei ihr, der gewandten Amelie, die als so umsichtig und als Meisterin der Organisation und Improvisation galt, sehr selten vorkam.

»Meine besten Glückwünsche«, bemerkte Maria herzlich. Und dann knickste sie noch, wie man es ihr vor vielen, vielen Jahren beigebracht hatte und zog sich zurück.

»Mögen die nächsten fünf Jahre genauso angenehm verlaufen wie die, die hinter uns liegen«, erklärte die alte Dame mit einem wohlwollenden Nicken.

Amelie begriff. »Tatsächlich!«, rief sie verblüfft, und ihre Miene hellte sich auf. »Ich bin seit fünf Jahren auf Hartenland. Meine Güte, die Zeit ist wie im Flug vergangen. Fünf Jahre …«, murmelte die junge Frau nachdenklich, dann holte sie tief Luft, um mit Nachdruck anzufügen: »Und ich hatte zu keiner Zeit das Bedürfnis, etwas verändern zu wollen. Ganz im Gegenteil, Frau Falckenberger. Diese Jahre waren die bisher glücklichsten meines Lebens.«

»Das höre ich natürlich mit Freude, meine Liebe.« Selten lächelte die Dame des Hauses so liebevoll, wie sie es jetzt tat. Das durfte Amelie durchaus als Kompliment verbuchen, denn Sophie Falckenberger gab sich normalerweise zwar liebenswürdig, aber doch deutlich reservierter.

»Ich möchte Ihnen für alles herzlich danken, Frau Falckenberger«, sagte Amelie aus tiefstem Herzen. »Vor allem für Ihre Großzügigkeit, Ihr Verständnis …«

»Halt!«, fiel die alte Dame ihr energisch ins Wort, wenn auch mit freundlicher Miene. »Erst bin ich an der Reihe, schon weil ich es war, die an diesen wichtigen Tag gedacht hat.«

»Ich habe das Datum völlig vergessen«, räumte Amelie ein. Sie schien es sich sehr übel zu nehmen, wie ihre zerknirschte Miene verriet. Obwohl sie sonst wenig anspruchsvoll war, stellte sie doch hohe Anforderungen an sich selbst.

»Für mich ist dieser Tag eine willkommene Gelegenheit, Ihnen, meine liebe Amelie, für die fünf Jahre zu danken, die Sie mir geschenkt haben.« Die helle Stimme der alten Dame klang ein wenig feierlich, als sie fortfuhr: »Sie waren immer für mich da und sind stets auf meine Wünsche und Anliegen eingegangen. Nie haben Sie sich über meine Launen beschwert …«

Amelie wirkte überrascht. »Aber Sie haben keine Launen!«

»Ich bin gewiss nicht immer …« Sophie Falckenberger schmunzelte. »Nein, pflegeleicht bin ich wohl nicht. Mein Sohn Georg hat mich mal als anstrengend bezeichnet. Allerdings weiß ich gar nicht mehr, bei welcher Gelegenheit das war. Und ich bin nicht so sicher, ob er sich noch daran erinnert, so beschäftigt, wie er leider ist.«

Selten sprach Sophie über ihre Kinder, die auf Gut Hartenland im Norddeutschen aufgewachsen waren. Deshalb spitzte Amelie immer aufmerksam die Ohren, wenn die alte Dame sich wie jetzt äußerte.

Die junge Frau hatte die drei längst erwachsenen Kinder der alten Dame, die allesamt in Übersee lebten, noch nicht kennengelernt. In den vergangenen fünf Jahren hatten weder Georg, Anton oder Claudia es für nötig befunden, die Mutter einmal zu besuchen. Einzig per Telefon stand man miteinander in Verbindung, man schickte ab und an Fotos und zu Weihnachten Videos.

Was Amelie mit Sorge erfüllte, gelegentlich sogar empörte, schien Sophie Falckenberger mit Gelassenheit hinzunehmen. Noch nie hatte Amelie von ihr ein enttäuschtes oder verbittertes Wort zu hören bekommen, und noch weniger beschwerte sie sich bei ihr über ihre Kinder, die sich so gut wie nicht um sie kümmerten.

Sophie Falckenberger schien in dieser Hinsicht nicht besonders verwöhnt zu sein. Sie fühlte sich glücklicherweise auch nicht von ihren Kindern vernachlässigt. Allem Anschein nach hatte sie sich mit den Gegebenheiten arrangiert und wirkte alles andere als unzufrieden.

Allerdings legte sie Wert auf ein zurückgezogenes Leben, an Reisen oder Theaterbesuchen war sie nicht interessiert, noch weniger an einem intensiven Kontakt mit der Nachbarschaft. Einzig der Pastor war ein gern gesehener Gast auf Hartenland. Mit ihm debattierte Sophie manchmal sogar lebhaft, wobei es ihr eine gewisse Freude zu machen schien, anderer Meinung als er zu sein.

Wer regelmäßig zu Besuch kam, natürlich immer unangemeldet, war der Sohn des Pastors, Michael Raaben, der einzige wirklich und herzlich willkommene Besucher, soweit Amelie es beurteilen konnte. Ein sympathischer, kluger und sensibler Mann mit einem ausgeprägten künstlerischen Talent …

»Wollen Sie nicht auspacken?«, fragte Sophie und warf einen Blick auf das hübsch verpackte Kästchen. »Sind Sie gar nicht neugierig? Also ich konnte mich zu meiner Zeit nie beherrschen. Ich galt als unerhört vorwitzig, was damals durchaus keine Ehre brachte.«

»Sie beschämen mich«, flüsterte Amelie mit gesenktem Kopf. »Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet und bekomme von Ihnen ein Geschenk. Für meine Vergesslichkeit bitte ich um Nachsicht.«

»Es macht mir Freude, Sie ein wenig zu verwöhnen. Es ist ja auch nichts Großartiges, nur etwas Persönliches, ein Souvenir. Und nun spannen Sie mich nicht länger auf die Folter, meine Liebe, ich bin schrecklich neugierig, wie sie Ihnen gefällt.«

Amelie streifte die blaue Seidenschleife und das geheimnisvoll knisternde Geschenkpapier ab. Dann öffnete sie das Kästchen. Mit einem erstickten Aufschrei betrachtete Amelie die blitzende Brosche auf dem schwarzen Samtkissen.

»Ist die schön!«, rief sie entzückt, um gleich darauf zu protestieren: »Aber ich kann sie nicht annehmen, sie ist viel zu kostbar. Und wann soll ich so etwas Hübsches tragen?«

»Die Gelegenheit wird kommen.« Sophie nahm ihr die Brosche aus der Hand und steckte sie ihr an. »Hier am Kragen macht sie sich nett, ich denke, das ist ein guter Platz.« Zufrieden musterte sie die junge Frau, die ihr in den letzten fünf Jahren so ans Herz gewachsen war.

Amelies dunkelblaue Augen, deren Farbe bei entsprechendem Licht ins Violette wechseln konnte, füllten sich mit Tränen. Ihre Fingerspitzen strichen behutsam über den Amethyst, der von einem Kranz winziger Orientperlen eingerahmt war.

»Ich danke Ihnen«, flüsterte sie bewegt. »Aber …«

»Ich möchte heute keinen Widerspruch mehr hören«, entgegnete die alte Dame vergnügt. Mit schräg gelegtem Kopf betrachtete sie Amelie. »Reizend sehen Sie aus, meine Liebe. Sie sollten öfter Schmuck tragen, das macht Sie noch hübscher. Ich bin sicher, meine Bernsteinkette würde Ihnen auch gut stehen, gerade jetzt im Sommer, wo Sie so schön braun sind.«

»Das geht nicht, Frau Falckenberger!« Amelie hatte Mühe, wieder zu Atem zu kommen. »Bitte halten Sie mich nicht für undankbar, aber ich kann Ihr großzügiges Geschenk unmöglich annehmen. Verzeihen Sie, aber … beim besten Willen nicht.«

»Und warum nicht? Ist es neuerdings verboten, am Wochenende Geschenke anzunehmen?« Sophie nippte an ihrer Kaffeetasse. »Meinen Sie nicht, dass Sie es mir überlassen können, wem ich ein Schmuckstück schenke? Würden Sie mir bitte ein Brötchen geben?«

Amelie reichte ihr den silbernen Brotkorb. »Bitte sehr.«

»Die Brosche steht Ihnen viel besser als mir.« Sophie warf einen flüchtigen Blick auf Amelies gekrauste Stirn. »Und mit der Bernsteinkette wird es sich nicht anders verhalten. Ich frage mich, wieso ich sie Ihnen nicht längst gegeben habe.«

»Sie sind zu liebenswürdig.« Ein befangenes Lächeln huschte über Amelies schmales, sonnengebräuntes Gesicht. »Aber … Ihre Tochter … Sie könnte …«

»Aha!« Sophie Falckenberger setzte die Kaffeetasse ab. »Meine Liebe, es ehrt Sie, dass Sie an meine Tochter denken. Aber Claudia hat selbst so viel Schmuck, dass sie sich für meine Stücke überhaupt nicht interessiert. Im Übrigen finde ich, dass es meine Tochter nichts angeht, wenn ich Ihnen eine kleine Freude machen will.«

»Ich bin Ihnen unendlich dankbar für das noble Geschenk.«

»Wir hatten eine erfreuliche Zeit miteinander, nicht wahr?« Sophie ergriff Amelies Hand und hielt sie fest. »Sie kamen vor genau fünf Jahren hierher, um meine Sekretärin zu werden …«

Sie erinnerte sich noch gut an jenen Vormittag, an dem Amelie zum ersten Mal nach Hartenland gekommen war, um sich vorzustellen. Es war ein schöner sonniger Junitag gewesen, als Amelie plötzlich vor ihr gestanden hatte, drüben im Fuchsien-Hain, weil sie, wie sie sympathisch verlegen geäußert hatte, einfach durch das weit offen stehende Parktor spaziert war.

Amelie von Cahlden war der alten Dame von einer weitläufigen Verwandten wärmstens empfohlen worden. Man könne ihr, trotz ihrer Jugend, blind vertrauen, sie sei taktvoll, talentiert und tatkräftig. Außerdem verfüge sie über vorzügliche Zeugnisse, die ihr ausnahmslos eine blendende Zukunft vorhersagten.

Die junge Frau hatte auf Sophie Falckenberger gleich den erhofften günstigen Eindruck gemacht. Die üblichen Formalitäten hatte die alte Dame daher übersprungen und sofort die Frage geäußert, wann Amelie denn ihren Job als Sekretärin bei ihr antreten könne. Und schon vor fünf Jahren war Amelie keine Freundin langer Überlegungen gewesen. Spontan war sie auf Sophies Angebot eingegangen und hatte eine Bedenkzeit dankend abgelehnt.

Bei Amelies schnellem Entschluss war natürlich auch der erste Eindruck von Bedeutung gewesen, den sie von Gut Hartenland gewonnen hatte. Das stattliche, weiße Herrenhaus hatte sie stark beeindruckt, und der sehr gepflegt wirkende Park hatte sie an ein Bild erinnert, das daheim im Wohnzimmer ihrer vor Kurzem bei einem Autounfall verstorbenen Eltern gehangen hatte …

»Und inzwischen sind Sie längst mehr als meine Sekretärin«, fuhr Sophie Falckenberger herzlich fort, weil Amelie sich nicht äußerte. »Sie sind mir, um ehrlich zu sein, sehr ans Herz gewachsen, meine Liebe. Ich wüsste gar nicht mehr, was ich ohne Sie machen sollte.«

Die junge Frau war an solche Worte nicht gewöhnt und machte deshalb ein verlegenes Gesicht.

»Nirgendwo auf der Welt könnte ich es besser haben als bei Ihnen, Frau Falckenberger. Es würde mir schwerfallen, Hartenland eines Tages verlassen zu müssen, weshalb auch immer.«

»Solange ich hier wohne«, versicherte Sophie, »wird es keine Veränderungen geben. Ich wäre ja dumm, wollte ich ausgerechnet auf Sie verzichten. Sie sind doch mein Gedächtnis, mein lebender Terminkalender und meine Inspiration. Ganz zu schweigen von Ihrer fabelhaften Disziplin! Wer erinnert mich denn immer daran, dass es Zeit für meine Tabletten ist? Und wer sorgt dafür, dass immer frische Blumen auf meinem Schreibtisch stehen?«

»Jede halbwegs patente Sekretärin könnte das auch.«

»Aber ich schätze Sie, Amelie. Weil Sie eine hübsche Stimme haben und niemals zusammenzucken, wenn ich mich verspiele.«

»Das passiert extrem selten, Sie sind eine hervorragende Pianistin, Frau Falckenberger«, entgegnete die junge Frau wahrheitsgemäß. »Ich wünschte, ich könnte wenigstens den Flohwalzer so flott spielen wie Sie ganze Klaviersonaten mit all ihren schwierigen Passagen.«

»Sie gehören zu den wenigen Menschen, die Noten wirklich umblättern können. Es ist schrecklich irritierend, wenn jemand das nicht richtig macht, glauben Sie mir. Meine Tochter Claudia zum Beispiel ist das unmusikalischste Geschöpf auf der Welt.«

Amelie lächelte der alten Dame, mit ihrem sanften Lächeln, das ihr so gut stand, zu. Manchmal bedauerte Sophie, dass man dieses Lächeln so selten zu sehen bekam. Dann fragte sie sich besorgt, ob sie Amelie wohl überfordere. Oder war die junge Frau womöglich im Innersten ihres Herzens unglücklich, mochte sich jedoch niemandem anvertrauen …?

»Ich versuche lediglich, meinen Pflichten nach besten Kräften nachzukommen, Frau Falckenberger, und Sie belohnen mich dafür. Befürchten Sie nicht, ich könnte nun übermütig werden?«

Sophie fand die Frage völlig abwegig und schüttelte den Kopf. »Dazu sind Sie viel zu bescheiden. So, und nun wollen wir überlegen, was wir heute unternehmen. Irgendetwas Besonderes sollten wir uns einfallen lassen, etwas Unvergessliches.«

***

»Herr Michael Raaben ist da, und er würde gern die Damen sprechen«, kündigte Maria mit einer gewissen Feierlichkeit an. Man sah es ihr an, wie gern sie den Besucher hatte, denn ihr rundes Gesicht leuchtete vor Vergnügen.

»Wir wollen gerade gehen«, sagte Amelie. »Schade.«

Die alte Dame kam die Treppe herunter, den weichen Kaschmirschal in der Hand. »Er kann uns doch begleiten«, schlug sie vor. »Wir werden ihn fragen, ob er Lust dazu hat, einverstanden?«

»Selbstverständlich.« Amelie strich sich eine rotblonde Haarsträhne hinters Ohr und nahm Maria den Picknickkorb ab. »Haben Sie an die Papierservietten gedacht?«

»Diesmal sind sie dabei«, bestätigte die Haushälterin. »Und das grobkörnige Salz habe ich auch nicht vergessen.«

Michael Raaben betrat die über zwei Stockwerke reichende, mit Fichtenholz getäfelte Halle und begrüßte die Dame des Hauses mit einem perfekten Handkuss. Dass Sophie Falckenberger den jungen Mann gern hatte, sah man schon daran, wie sie ihm zulächelte. Sie erkundigte sich sogleich, ob er Zeit und Lust habe, ihr und Amelie bei einem kleinen Ausflug Gesellschaft zu leisten.

»Wir wollen an die Ostsee fahren«, erklärte Amelie. »Wer bei diesem herrlichen Wetter nichts unternimmt, sondern lieber im Haus hockt, dem ist einfach nicht zu helfen!«

Michael hatte seine linke Hand bisher auf dem Rücken gehalten. Jetzt zog er sie hervor und präsentierte ein buntes Sträußchen aus Gartenblumen, das er etwas umständlich der verblüfften Amelie überreichte.

»Weil du doch heute … Ich meine, du bist jetzt seit genau fünf Jahren hier, weshalb ich mir erlaubt habe …«

»Das ist aber aufmerksam!«, rief Sophie. »Wie charmant, Michael.«

»Die sind für mich?« Amelie musterte den jungen Mann ungläubig. »Du hast dir das Datum wirklich gemerkt?«

Michael nickte mit verlegener Miene und schob rasch die Hände in die Taschen seiner sandfarbenen Jeans, die er zu einem tannengrünen Poloshirt trug. Sophie bewunderte die Blumen, womit zu rechnen gewesen war. Sie schien in Michael ihren Schützling zu sehen und lobte ihn bei jeder Gelegenheit über den grünen Klee.

»Sie stammen aus dem Pfarrgarten, nicht wahr?«, wollte die alte Dame wissen.

»Ja. Meine Mutter hat sie gepflückt. Für dich, Amelie.«

»Danke schön.« Die junge Frau schnupperte an den Blüten. »Ich versorge sie rasch mit frischem Wasser, ja? Dann starten wir. Du hast doch hoffentlich noch nichts vor, Michael, oder?«

Michaels Miene verriet, dass er sich nichts Besseres vorstellen könnte, selbst wenn er sich sehr anstrengte. Sophie, die sich wie viele ältere Herrschaften darauf verstand, in den Gesichtern anderer zu lesen, ahnte, dass ihn der Gedanke, den Tag mit Amelie zu verbringen, geradezu entzückte.

Michaels gutes Aussehen basierte fraglos auf dem glücklichen Einvernehmen zwischen Innerem und Äußerem, wie Sophie philosophierte. Sie hatte in ihrem langen Leben die Erfahrung gemacht, dass es nicht vielen jungen Männern gegeben war, wirklich tief empfinden zu können. Die meisten, beendete Sophie ihre Überlegungen, marschieren flott und unbekümmert durch ihr Leben mit einer Miene, auf der nur die Sorge um die nächste Gehaltserhöhung geschrieben steht oder die Frage, wohin die nächste Urlaubsreise gehen soll …

»Wir können schwimmen gehen«, sagte Amelie, als sie zurückkehrte. »Das Wasser ist bestimmt schon herrlich warm.«

Michaels Lächeln erlosch, und er verschränkte die Arme vor der Brust. »Mir fällt gerade ein, dass ich noch zu arbeiten habe …«

»Am Wochenende?«, mischte sich Sophie ein. »Dass Sie ein ungewöhnlich fleißiger junger Mann sind, ist mir ja bekannt, Michael. Aber dass Sie neuerdings zu den Arbeitstieren gehören, wusste ich noch nicht. Wollen Sie nicht mir zuliebe eine Ausnahme machen? Werfen Sie doch mal einen Blick in den blauen Himmel!«

»Ich bedaure, aber ich habe wirklich wenig Zeit.«

»Dann werden wir eben nur ein kurzes Picknick abhalten und auf das Bad in der Ostsee verzichten«, beschloss Sophie kurzerhand in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. »Einverstanden?«

»In Ordnung.« Michael wirkte erleichtert und nickte ihr zu. »Aber den Korb trage ich zum Wagen, wenn Sie gestatten, Frau Falckenberger.«

Sophie wartete, bis der junge Mann das Haus verlassen hatte. Dann wandte sie sich mit gedämpfter Stimme an Amelie.

»Der arme Kerl«, flüsterte sie. »Sie haben gewiss gesehen, wie er gerade gelitten hat.«

»Michael?« Amelie blickte sie bestürzt an. »Weshalb denn?«

»Als Sie davon sprachen, dass Sie schwimmen wollen.« Sophie sah ihr ernst in die Augen. »Zuerst war er ja ganz angetan von unserer Einladung, aber dann kamen diese Ausflüchte.«

»Das habe ich auch nicht verstanden.« Amelie zuckte mit den Schultern. »Michael verbringt doch die meisten Wochenenden hier. Und er weiß, wie gern ich im Meer schwimme.« Tatsächlich liebte es Amelie ganz besonders, sich bei stürmischer Brandung weit hinaus zu wagen. Das war eine Herausforderung nach ihrem Geschmack.

»Meine Liebe, wir dürfen nicht vergessen, dass er seine Behinderung als viel dramatischer empfindet, als wir es tun.«

»Aber er ist doch nicht behindert!«, protestierte Amelie laut. »Wenn er es wäre, würde ich doch nie so taktlos sein und …«

»Pssst!« Sophie Falckenberger warnte sie mit erhobenem Zeigefinger. »Er könnte uns hören, meine Liebe. Und es wäre ihm bestimmt peinlich, wie ich ihn einschätze. Er ist der sensibelste junge Mensch, den ich kenne, weitaus feinfühliger als seine braven Eltern.«

Amelie kannte das Ehepaar Raaben nicht besonders gut, aber so viel war ihr immerhin klar: Ursula Raaben war bestimmt nicht ihr Fall. Denn Michaels Mutter war eine sehr sachliche Frau, die für ihren Sohn kaum Verständnis aufbrachte. Ob sie überhaupt wusste, aus welchem Holz Michael geschnitzt war?

Mit Michaels Vater Hans-Henrich konnte man etwas besser zurechtkommen, auch wenn er als überzeugter Theologe gern ganz spezielle Meinungen hatte und nicht zögerte, diese zu äußern. Seine rechthaberische, selbstgerechte Art machte es einem jedoch schwer, diesen an sich gemütvollen und intelligenten Mann zu mögen …

Im Herrenhaus inmitten des gepflegten Parks schien sich Michael schon immer verstanden gefühlt zu haben, deshalb wunderte es nicht, dass er so selten daheim war und jede Gelegenheit zu nutzen schien, sich woanders aufzuhalten.

Amelie war so an Michaels Gegenwart gewöhnt, dass sie seine leichte Gehbehinderung längst nicht mehr wahrnahm. Außerdem schätzte sie seine Freundschaft und die interessanten Gespräche mit ihm so sehr, dass sie sich so gut wie nie mit seiner folgenreichen Erkrankung befasst hatte. Diese war übrigens in ihren Unterhaltungen bisher nie thematisiert worden. Noch weniger hatte Michael darauf bestanden, dass man irgendwie Rücksicht auf ihn nahm.

Jetzt allerdings fragte sich Amelie irritiert, ob sie sich womöglich falsch verhalten hatte. Hatte sie es sich zu leicht gemacht und ihn damit gekränkt? Ich werde ihn bei nächster Gelegenheit fragen, nahm sie sich vor, denn nichts lag ihr ferner, als ihren einzigen und besten Freund zu verletzen und womöglich zu verlieren.

Dieser Gedanke sorgte sogar für ein beschleunigtes Herzklopfen, was, wie Amelie sich sagte, natürlich wieder mit ihrem Hang zur Perfektion zu tun hatte. Der konnte durchaus seine Schattenseiten haben. Amelie ertrug es einfach nicht, etwas falsch gemacht zu haben, sei es absichtlich oder unbewusst.

***

Michael saß schon hinter dem Steuer, als die alte Dame und Amelie in die perlgraue Limousine stiegen. Es handelte sich um ein elegantes und sorgsam gepflegtes Fahrzeug der gehobenen Klasse, das noch von Herrn Falckenberger angeschafft worden war.

Da Sophie ihren Mann schon vor fast zwei Jahrzehnten verloren hatte, konnte man sich vorstellen, wie alt das Auto war, das in Sammlerkreisen als Oldtimer gehandelt wurde und bei einem eventuellen Verkauf einen hohen Preis erzielt hätte.

Man saß unvorstellbar gemütlich in der Limousine. Die dunkelroten Sitze rochen dezent nach Leder, und das polierte Mahagoni der Innenausstattung vermittelte einen Hauch von Luxus.

Da Sophie auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, saß Amelie im Fond und hatte so ausreichend Gelegenheit, Michael zu betrachten. Und das, was sie aus ihrer Perspektive zu sehen bekam, war ausgesprochen erfreulich, wie sie befriedigt feststellte, denn Michael war fraglos das, was man als gut aussehend bezeichnete.

Er besaß ein markantes Gesicht und ein klares, gut proportioniertes Profil, eine hohe Stirn und ein ausgeprägtes Kinn. Das blonde Haar lockte sich und hätte längst mal wieder geschnitten werden müssen, doch es gab Michael ein jugendlich-unbekümmertes Aussehen. Und genau das, stellte Amelie fest, täuschte.

Michael war selten unbekümmert. Amelie kannte ihn als nachdenklichen Menschen, der zwar über eine gute Portion Humor verfügte, jedoch höchst selten albern war. Meistens war er gefasst, er nahm sein Gegenüber wichtig und ernst und dachte über alles so gründlich nach, wie er auch seine Umgebung beobachtete. Der charakteristischste Zug an ihm war ein leidenschaftlicher Gerechtigkeitssinn.

Das war, mit Sicherheit, auf seine Erkrankung zurückzuführen, die ihn tragischerweise jahrelang ans Haus gefesselt hatte. Ursache war eine zu spät erkannte und ungünstig ausgeheilte Kinderkrankheit gewesen. Sie hatte dafür gesorgt, dass Michael für etliche Jahre die Schule nicht besuchen konnte. Sein Vater hatte ihn unterrichtet und das bestimmt ausgezeichnet gemacht, jedenfalls vom Standpunkt des Pädagogen aus. Michael hatte später mühelos das Abitur gemacht und mit viel Engagement eine Lehre im Buchhandel absolviert.

Doch Hans-Henrich hatte, dies jedenfalls vermutete Sophie Falckenberger mit milder Besorgnis, viel zu viel Strenge walten lassen. Er hatte erwartet und geplant, gefordert und gedrillt, wo er hätte liebevoller vorgehen und vor allem abwarten müssen.

Michaels Entschluss, nach der Lehre eine Kunstschule zu besuchen, anstatt Buchhändler zu werden und eine eigene kleine Buchhandlung zu betreiben, wie es der Wunsch der Mutter gewesen war, hatte im Pfarrhaus keine Freude ausgelöst. Es war zu hässlichen Debatten gekommen, und Hans-Henrich Raaben hatte sich auf Hartenland sehr ungehalten über seinen vermeintlich störrischen Sohn beklagt. Nur Sophie hatte dem jungen Mann, den sie für sehr talentiert hielt, gut zugeredet, seinen eigenen Weg zu gehen.

Die junge Frau im Fond seufzte. Sie mochte Michael. Er war einfach ideal. Sie konnte sich keinen besseren Freund als ihn vorstellen. Mit ihm konnte sie alles besprechen, weil er klug und einfühlsam war und außerdem noch verschwiegen. Was hatten sie nicht schon miteinander unternommen! Es war wunderbar, wie bereitwillig er auf alles einging, was sie vorschlug oder was sie einfach einmal erörtern wollte, um sich über irgendetwas klar zu werden. Es passierte selten, dass sie nicht einer Meinung waren.

Amelie dachte lächelnd an den Blumenstrauß, den Michael ihr vorhin geschenkt hatte. Das war so süß gewesen und ganz typisch für ihn, ihren besten Freund.

Im Rückspiegel begegneten sich ihre Blicke. Seine graublauen Augen hatten sie offenbar schon etwas länger beobachtet, denn sie wirkten nachdenklich. Woran dachte er wohl? Und wieso hatte sein Blick eben etwas so … Forschendes?

Die Fahrt zur Küste dauerte keine halbe Stunde und war wegen der herrlichen Aussicht so abwechslungsreich, dass die Zeit viel kürzer erschien. Frau Falckenberger erklärte bei der Ankunft, sich noch wunderbar frisch zu fühlen. Sie ließ sich von Amelie nicht einmal aus dem Wagen helfen und lehnte auch Michaels Arm mit einem dankbaren Lächeln ab.

Sie waren weit und breit die einzigen Menschen an diesem einsamen Strandabschnitt. Der sanfte blaue Himmel tauchte am Horizont scheinbar übergangslos ins Meer, das glatt wie ein Spiegel war. Überall flimmerte das helle Licht, glitzerte auf dem Wasser und sprühte auf dem Sand.

»Blau und Gold«, bemerkte Michael. »Ob man dieses herrliche Licht malen kann? Skandinavische Künstler haben es hinbekommen, man denke nur an Michael und Anna Ancher oder Christen Købke.«

Sophie fragte ihn, ob er sein Skizzenbuch mitgebracht habe. »Wenn nicht, sollten Sie mal im Kofferraum nachsehen, Michael«, schlug sie vor. »Zufällig habe ich neulich in der Stadt eine kleine Auswahl gekauft. Die Sachen waren reduziert, da konnte ich nicht widerstehen«, schloss sie verschmitzt.

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