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Silvia Duett - Folge 12

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Nur du kannst meine Sehnsucht stillen
  4. Wenn du an meiner Seite gehst …
  5. Vorschau

Nur du kannst meine Sehnsucht stillen

Für die Ärzte und Schwestern ist es wie ein Wunder, als die Unfallpatientin Catrin Roberts aus jahrelangem Koma aufwacht: Der jungen Frau ist das Leben neu geschenkt worden. Aber wie kann dieses Leben für Catrin ein Geschenk sein? Sie muss erfahren, dass eine andere Frau inzwischen den Platz an der Seite ihres Mannes eingenommen hat. Catrin weiß nicht, wie sie das ertragen soll. Doch es gibt Menschen, die ihr helfen wollen. Einer von ihnen ist ihr Arzt, Dr. Christian Bender. Er macht Catrin eines Tages die schönste Liebeserklärung, die eine Frau sich denken kann: »Ich habe ein Leben lang nach dir gesucht …«

Catrin Roberts schlug die Augen auf und starrte gegen die weiße Zimmerdecke. Bewegungslos blieb sie eine Weile liegen, während sich verschiedene Gedanken in ihrem Kopf formten.

Wieso lag sie am hellen Tag im Bett? Wieso fühlte sich ihr Körper so bleischwer an?

Nur mit Mühe gelang es Catrin, den Kopf zur Seite zu wenden. Es bereitete ihr keine Schmerzen, aber es kam ihr so vor, als wären sämtliche Gelenke eingerostet.

Die junge Frau sah sich um und suchte nach etwas Bekanntem, etwas, das ihr vertraut war. Doch das Zimmer war ihr fremd. Die Einrichtung ließ darauf schließen, dass sie in einem Krankenhaus lag. Catrin schob die Bettdecke beiseite und betrachtete ihren offensichtlich unversehrten Körper. Sie spürte keine Schmerzen und konnte keine Verletzungen feststellen.

Was machte sie in einem Krankenhaus? Was war mit ihr passiert? Sie hatte so viele drängende Fragen, auf die sie unbedingt eine Antwort haben wollte.

Sie wandte den Kopf zur Seite und entdeckte den Alarmknopf neben ihrem Bett. Fest presste sie ihren Finger darauf.

Eine Weile geschah nichts. Dann flog die Tür zu ihrem Zimmer so plötzlich auf, dass Catrin erschrocken zusammenzuckte.

Eine junge Schwester starrte Catrin an, als sähe sie ein leibhaftiges Gespenst vor sich. Wenige Sekunden später lief sie wieder hinaus. Die Tür ließ sie offen, sodass Catrin ihren lauten Ruf vernehmen konnte.

»Schwester Martha! Sie ist aufgewacht!«

Verwundert schüttelte Catrin den Kopf. Das war ein merkwürdiges Verhalten, fand sie.

Kurz darauf kam die junge Schwester im Laufschritt wieder ins Zimmer.

»Bitte, überzeugen Sie sich selbst«, sagte sie atemlos zu der älteren Krankenschwester, die sie begleitete.

Langsam kam die andere Krankenschwester auf Catrin zu.

»Können Sie mich hören, Frau Roberts?«, fragte sie behutsam.

Was für eine merkwürdige Frage!

»Natürlich kann ich Sie hören«, antwortete Catrin krächzend, und sie musste zweimal ansetzen, bevor sie den Satz klar formulieren konnte. Auch das Sprechen bereitete ihr keine Schmerzen, sondern erschien ihr lediglich ungewohnt. »Was ist mit mir?«, fragte sie und wunderte sich darüber, wie ungewohnt ihre Stimme klang.

»Wie geht es Ihnen?«, erkundigte sich die ältere Schwester und griff nach ihrer Hand.

»Ich … ich weiß nicht.« Hilflos blickte Catrin sie an. »Ich verstehe überhaupt nicht, was los ist.« Allmählich wurde ihre Stimme klarer.

»Dr. Bender kommt gleich. Er wird Ihnen alles erklären«, redete die Schwester beruhigend auf Catrin ein. Sie schickte die Lernschwester hinaus, um den Arzt zu holen.

Während sie auf den Oberarzt wartete, maß die Krankenschwester Puls und Blutdruck der Patientin. Ungeduldig ließ Catrin die Untersuchungen über sich ergehen. Endlich betrat ein hochgewachsener, gut aussehender Mann das Zimmer. Auch er wirkte ziemlich überrascht.

»Wie schön, Frau Roberts, dass Sie aufgewacht sind. Ich bin Christian Bender, der Oberarzt dieser Station.«

»Sagen Sie doch bitte, was mit mir los ist«, bat Catrin mit flehender Stimme.

»Frau Roberts, Sie haben sicher bemerkt, dass wir alle ziemlich überrascht sind«, begann der Arzt. Er hätte ihr gerne schonend beigebracht, was er ihr zu sagen hatte, aber das war beinahe unmöglich. »Sie hatten einen schweren Autounfall und haben seither im Koma gelegen.«

Catrin versuchte verzweifelt, sich zu erinnern. Aber da war nichts, nur eine dumpfe Leere.

»Wann war das?«, fragte sie deshalb.

»Vor drei Jahren«, klärte Dr. Bender sie auf.

Im ersten Augenblick glaubte Catrin, sich verhört zu haben. Nur allmählich drang es in ihr Bewusstsein, dass sie ihn richtig verstanden hatte.

Drei Jahre! Wie ein Schock traf Catrin die Erkenntnis, dass sie drei Jahre ihres Lebens verloren hatte, an die sie nie eine Erinnerung haben würde. Drei Jahre! Einfach ausgelöscht, als hätte es sie nie gegeben.

»Wie geht es meinem Mann? Und meiner Tochter?«, flüsterte Catrin. Sie bemerkte nicht den betretenen Blick, den die Schwester und der Arzt wechselten.

»Ich werde Ihren Mann umgehend informieren, dass Sie aufgewacht sind«, versprach Dr. Bender ihr schließlich.

***

Schwester Martha versuchte, Catrin zu überreden, sich noch ein wenig auszuruhen.

»Ich habe drei Jahre geschlafen«, wehrte Catrin ab. »Mein Gott, drei lange Jahre!« Ihr Blick verlor sich in weiter Ferne.

Was hatte sie alles verpasst in dieser Zeit? Ihre kleine Tochter Marie, wie sah sie jetzt wohl aus? Catrin hatte noch das Kleinkind vor Augen. Mittlerweile war Marie sieben Jahre alt! Würde sie das Kind überhaupt wiedererkennen?

Allmählich setzte ein Teil von Catrins Erinnerung wieder ein. Nur an den Unfall konnte sie sich nicht mehr erinnern und auch an nichts, was danach geschehen war.

Nach kurzem Anklopfen wurde plötzlich die Tür aufgerissen. Albert trat ein. Unsicherheit lag in seinem Blick, als Catrin ihm zum ersten Mal seit drei Jahren mit geöffneten Augen entgegenschaute.

»Albert!« Catrin streckte ihrem Mann beide Hände entgegen. Sie wollte, dass er sie in die Arme nahm und ihr versicherte, dass alles wieder gut werden würde.

Albert griff verlegen nach ihren Händen.

Catrin spürte, dass sich etwas verändert hatte. Da war etwas zwischen ihnen, das sie nicht in Worte fassen konnte. Sie machte sich klar, dass für Albert drei Jahre vergangen waren, in denen sie nicht bei ihm gewesen war. Aber ihr kam es so vor, als hätten sie gestern noch zusammen gefrühstückt, bevor sie mit ihrer Tochter und der Mutter zum Einkaufen in die Stadt gefahren war!

»Warum hast du Marie nicht mitgebracht?«

Albert zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben Catrins Bett. Umständlich begann er, über den Unfall zu reden, ohne auf ihre Frage einzugehen.

»Es war nicht deine Schuld«, erklärte er. »Mehrere Zeugen haben erklärt, dass du bei Grün über die Ampel gefahren bist. Der Fahrer des anderen Wagens ist dir in die Seite gefahren …«

»Wann bringst du mir Marie?«, drängte Catrin. »Ich sehne mich so nach ihr. Hat sie sich sehr verändert?«

Albert stand auf und ging unruhig auf und ab.

»Warum sagst du nichts, Albert?« Eine dunkle Ahnung stieg in Catrin auf.

Albert trat an das Fußende ihres Bettes und umklammerte es mit beiden Händen so fest, dass die Knöchel auf seinen Handrücken weiß hervortraten.

»Marie ist tot«, sagte er mit tonloser Stimme. »Sie ist bei dem Unfall gestorben. Ebenso wie deine Mutter.«

Fassungslos starrte Catrin ihren Mann an. Ihr Verstand weigerte sich, das Schreckliche zu begreifen.

»Nein!«, schrie sie verzweifelt. Wie wild schlugen ihre Fäuste ins Leere, ihr ganzer Körper bäumte sich auf. Sie war wie von Sinnen.

Catrin bekam nicht mit, wie ihr Mann immer wieder ihren Namen rief und schließlich den Alarmknopf neben ihrem Bett drückte. Sie bekam auch nicht mit, dass Schwester Martha und Dr. Bender sie zu beruhigen versuchten. Sie spürte nicht einmal den Einstich der Injektionsnadel in ihrem Arm.

Allmählich ließ dieser schreckliche Schmerz nach, der Catrin zu zerreißen drohte. Ihr Kopf sank zur Seite, und ihre Augen schlossen sich.

»Nun weiß sie es«, erklärte Albert aufatmend. »Die ganzen Jahre hatte ich Angst vor diesem Augenblick.«

»Was für ein schreckliches Erwachen«, murmelte Schwester Martha mit Tränen in den Augen.

»Haben Sie ihr alles gesagt?«, wollte Dr. Bender wissen.

Albert schüttelte den Kopf. »Nur, dass sie an dem Unfall schuldlos ist und dass ihre Mutter und Marie nicht mehr leben. Das andere werde ich ihr später sagen. Sie wird sicher noch einige Zeit hier im Krankenhaus bleiben müssen, oder?«

Christian Bender nickte. »Ein paar Wochen wird es schon noch dauern.«

»Soll ich noch bleiben?« Befangen sah Albert auf seine Frau. Es war ihm anzusehen, wie unwohl er sich fühlte.

Christian Bender schüttelte den Kopf. »In den nächsten Stunden wird sie schlafen. Ich werde dafür sorgen, dass jemand bei ihr ist, wenn sie aufwacht.«

»Ich werde bei ihr bleiben«, versprach Schwester Martha.

***

Müde schloss Christian Bender die Eingangstür zu dem hübschen Einfamilienhaus auf.

»Papi! Da bist du ja endlich!« Mona, seine achtjährige Tochter, kam auf ihn zugelaufen und schlang ihre Arme um seine Taille. Ganz fest drückte sie sich an ihn.

Die Müdigkeit wich aus Christians Zügen. Zärtlich lächelte er auf seine Tochter hinab. Er liebte dieses Kind mehr als alles andere auf der Welt.

»Sag mal, solltest du nicht schon längst im Bett liegen?«, fragte er liebevoll.

Mona zog eine Schnute. »Ich wollte dir doch noch Gute Nacht sagen«, meinte sie. »Außerdem hat Mutti keine Zeit, um mich ins Bett zu bringen. Sie macht sich schön.«

Als hätte sie damit ihr Stichwort erhalten, kam Yvonne Bender in diesem Augenblick die Treppe herunter. Die junge Frau trug ein tiefblaues Abendkleid, das vorn hochgeschlossen war, aber mit einem gewagten Rückenausschnitt die Blicke auf sich zog. Die dunkle Farbe des Kleides bildete einen wundervollen Kontrast zu ihrem goldblonden Haar, das sie hochgesteckt trug. Brillanten funkelten an ihren Ohren und an ihrem Handgelenk.

Yvonne war eine ausgesprochen schöne Frau. Doch die Zeiten, wo ihr Anblick Christian den Atem geraubt hatte, waren lange vorbei.

»Du gehst noch aus?«, erkundigte er sich.

»Wir gehen aus, mein Lieber«, lautete ihre gereizte Antwort. »Schon seit Tagen erzähle ich dir von der Vernissage, zu der wir beide eingeladen sind. Wahrscheinlich hast du mir mal wieder nicht zugehört.«

Christian erinnerte sich daran, dass sie vor ein paar Tagen von einem unbekannten, aber sehr talentierten Maler gesprochen hatte, der seine Bilder in der Stadt ausstellte.

Hatte er Yvonne tatsächlich zugesagt, sie zu dieser Ausstellung zu begleiten?

»Warum können wir nicht einfach einen Abend zu Hause bleiben? Wir waren in der vergangenen Woche jeden Abend unterwegs.«

»Dir mag es genügen, den ganzen Tag in der Gesellschaft kranker, gebrechlicher Menschen zu verbringen«, erklärte Yvonne von oben herab. »Ich hingegen stelle gewisse kulturelle Ansprüche.«

Es ärgerte Christian jedes Mal, wenn sie so geringschätzig über seinen Beruf sprach. Ihm lag eine heftige Erwiderung auf der Zunge. Mit Rücksicht auf Mona hielt er sich jedoch zurück. Das Kind musste oft genug den Auseinandersetzungen der Eltern beiwohnen.

»Geh schon nach oben, Mona«, sagte er liebevoll zu dem Mädchen. »Ich komme gleich.«

Das Kind gehorchte augenblicklich. Mona spürte die Spannungen zwischen Vater und Mutter genau.

Christian wandte sich wieder seiner Frau zu. »Vielleicht denkst du hin und wieder einmal daran, dass du außer deinen ’kulturellen Ansprüchen‘ auch noch eine Tochter hast. Ich halte nicht viel davon, dass wir Mona jeden Abend alleine lassen …«

»Sie ist nicht alleine«, widersprach Yvonne. »Ich habe den Babysitter bereits bestellt.«

»Du kannst ihn gleich wieder abbestellen«, entgegnete Christian gereizt. »Ich habe nicht die Absicht, heute noch auszugehen.«

»Ich erwarte, dass du mich begleitest!«, fuhr Yvonne ihn an. »Wie sieht das denn aus, wenn ich alleine dort auftauche?«

»Unter den Umständen wäre es sicher das Beste, wenn du auch zu Hause bleiben würdest«, meinte Christian ungerührt.

Er lockerte seine Krawatte und wollte an seiner Frau vorbei die Treppe hinaufgehen. Yvonne packte jedoch seinen Arm und hielt ihn fest.

»Ich lasse es nicht zu, dass du mich so behandelst!«, fauchte sie ihn an.

Energisch befreite sich Christian aus ihrem Griff.

»Entweder gehst du allein oder du bleibst hier«, erwiderte er ruhig. »Ich werde auf keinen Fall mitgehen.« Er wandte sich ab und ging weiter.

Noch bevor er die obere Etage erreicht hatte, hörte er die Haustür ins Schloss fallen. Christian seufzte tief. Yvonne zeigte immer deutlicher, wie unzufrieden sie in der Ehe mit ihm war. Die Rolle als Ehefrau und Mutter füllte sie nicht aus. Er hätte Verständnis dafür gehabt, wenn sie sich eine Stelle gesucht hätte, um nicht ständig zu Hause sein zu müssen. Mona ging vormittags zur Schule, sodass Yvonne halbe Tage außer Haus verbringen könnte. Doch darauf legte sie keinen Wert.

Das Einzige, was sie interessierte, waren Vergnügungen aller Art. Sie wollte ausgehen, sich bewundern lassen. Christian hätte das alles akzeptieren können, wenn Yvonne sich wenigstens um Mona kümmern würde. Aber das Kind war ihr lästig.

Wie geschockt war sie damals gewesen, als die Schwangerschaft festgestellt worden war. Yvonne hatte keine Kinder haben wollen, die ihr Leben einschränkten. Es war Christian gewesen, der sich vehement gegen einen Schwangerschaftsabbruch gewehrt hatte. Schon zu dieser Zeit hatte es viele Differenzen in ihrer Ehe gegeben, die nach Monas Geburt fast unerträglich geworden waren.

Einzig und allein der gesellschaftliche und finanzielle Hintergrund, den Christian ihr bot, verhinderte, dass Yvonne aus dieser Ehe ausbrach. Und Christian blieb wegen Mona bei seiner Frau. Einmal hatte er von Scheidung gesprochen. Daraufhin hatte Yvonne ihm triumphierend angedroht, das Sorgerecht für Mona zu fordern, obwohl das Kind sie nicht im Geringsten interessierte.

Christian ging in sein Zimmer und zog sich rasch um. Schon seit Jahren hatten sie getrennte Schlafzimmer. Wenig später stand er am Bett seiner kleinen Tochter. Monas Gesichtchen strahlte auf.

»Ist Mutti fort?«, erkundigte sie sich hoffnungsfroh.

Christian fand es besorgniserregend, dass sich Mona während der Abwesenheit ihrer Mutter am wohlsten zu fühlen schien. Wie gerne hätte er seinem Kind diese vergiftete Atmosphäre erspart. Aber Yvonnes Drohung klang immer noch in seinen Ohren. Alleine mit ihrer Mutter leben zu müssen, wäre für Mona schlimmer, als die derzeitige Situation auszuhalten.

»Wie war es heute in der Schule?«, erkundigte sich Christian liebevoll und setzte sich auf die Bettkante. Wenn möglich nahm er sich jeden Abend Zeit, um sich nach Monas Erlebnissen des Tages zu erkundigen. Normalerweise hörte er dem Kind auch aufmerksam zu, doch an diesem Abend schweiften seine Gedanken immer wieder zu Catrin Roberts ab.

Seit drei Jahren war sie in seiner Behandlung, und nie zuvor war ihm eine Patientin so vertraut gewesen. Er freute sich für sie, dass es nun allmählich wieder aufwärtsgehen würde, obwohl ihr noch schwere Zeiten bevorstanden. Gleichzeitig wusste Christian, dass ihm etwas fehlen würde, wenn Catrin aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

Jeden Tag hatte ihn sein erster Weg zu ihr geführt. Und wenn sein Dienst zu Ende war, verabschiedete er sich von ihr. Ebenso wie Schwester Martha hatte er während der langen Bewusstlosigkeit mit ihr gesprochen, als würde sie ihn hören und jedes Wort verstehen. Früher war auch Catrins Mann täglich gekommen. Doch irgendwann wurden seine Besuche seltener, und in den letzten Monaten hatte er sich kaum noch blicken lassen.

»Papi, du hörst mir überhaupt nicht zu!«, drang die Stimme seiner Tochter in seine Gedanken. Christian lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf Mona.

»Tut mir leid, aber ich war mit meinen Gedanken bei einer Patientin. Was hast du mir gerade erzählt?«

Mona hatte keine Lust, die Geschichte von ihrem Klassenkameraden, der sie heute auf dem Schulhof furchtbar geärgert hatte, noch einmal zu wiederholen. Stattdessen erkundigte sie sich nach der Patientin.

»Ist die Frau sehr krank?«, wollte die Kleine wissen.

»Sie war sehr krank«, berichtete Christian. »Danach hat sie ganz lange geschlafen, und wir haben schon befürchtet, dass sie nie wieder aufwachen würde. Du kannst dir sicher vorstellen, wie sehr wir uns gefreut haben, als sie heute die Augen aufgeschlagen hat.«

Mona nickte. »Wenn ich groß bin, werde ich auch eine Frau Doktor!« Das sagte sie nicht zum ersten Mal, denn ihr Vater war ihr großes Vorbild.

»Das ist ein sehr schöner Beruf«, meinte Christian lächelnd. »Aber oft ist es auch sehr anstrengend. Doch bis es mit dir so weit ist, hast du noch eine Menge Zeit. Jetzt machst du ganz schnell die Augen zu, damit du morgen ausgeruht in der Schule erscheinst.« Er gab seiner Tochter einen Kuss und stand auf.

Mona kuschelte sich in ihre Kissen. Als ihr Vater die Tür öffnete und das Licht ausknipsen wollte, fiel ihr noch eine Frage ein.

»Papi, ist die Frau nett?«, wollte sie wissen.

Christian dachte einen Moment über die Frage nach. Im Grunde kannte er Catrin Roberts nicht und wusste nichts über sie. Trotzdem war er überzeugt, dass sie ein ganz besonderer Mensch war.

»Ich glaube schon, dass sie sehr nett ist«, beantwortete Christian die Frage seiner Tochter.

Es folgte eine wahre Flut von Fragen, die einzig dazu dienten, Christian noch ein bisschen länger in Monas Zimmer festzuhalten. Doch Christian kannte diesen Trick und ließ sich, wie üblich, nicht darauf ein.

Als er gerade hinunterging, klingelte es an der Haustür. Natürlich hatte Yvonne vor ihrem wütenden Verlassen des Hauses den Babysitter nicht mehr abbestellt. Christian bezahlte das junge Mädchen, obwohl er sie an diesem Abend nicht brauchte, und schickte sie nach Hause. Danach ging er in sein Arbeitszimmer.

Er hatte sich Patientenakten aus dem Krankenhaus mitgebracht, in die er sich an diesem Abend noch vertiefen wollte. Doch wieder schweiften seine Gedanken ab. Nun beschäftigte ihn allerdings nicht Catrin Roberts, sondern seine eigene Frau.

Wie soll das nur mit uns weitergehen?, dachte er mutlos.

Sie waren beide nicht glücklich in ihrer Ehe, die Yvonne auf keinen Fall aufgeben wollte.

***

Stimmengewirr und fremdländische Musik klangen Yvonne entgegen, als sie die Stufen zu dem Kellergewölbe hinabstieg.

Die Galerie der »Jungen Meister« war in jeder Hinsicht ungewöhnlich. In den darüber liegenden, eher konservativen Geschäftsräumen wurden bereits etablierte, moderne Maler ausgestellt. Das Gewölbe war den noch unbekannten Genies vorbehalten.

Ein Genie musste dieser Lukas Torbrink schon sein, wenn er hier ausstellen durfte. Der Galeriebesitzer hatte ein Auge für vielversprechende junge Künstler.

Die Vernissage war gut besucht. Ein Kellner trat auf Yvonne zu und bot ihr auf einem Tablett Getränke an. Yvonne nahm ein gefülltes Sektglas und schritt langsam durch den Raum auf eines der Bilder zu. Sie spürte, dass ihr viele Blicke folgten. Es waren bewundernde Blicke der anwesenden Herren, während die meisten Damen sie eher neidisch in Augenschein nahmen. Das war einer der Gründe, weshalb Yvonne derartige Veranstaltungen so gerne besuchte.

Lukas Torbrink hat einen eigenwilligen Stil, stellte Yvonne fest. Seine abstrakten, vorwiegend in schwarzer und roter Farbe gehaltenen Bilder, waren voll aggressiver Leidenschaft und machten neugierig auf den Künstler.

Aus den Augenwinkeln bemerkte Yvonne, dass ein junger Mann in einem eleganten Abendanzug und ebenfalls mit einem zur Hälfte geleerten Sektglas in der Hand neben sie trat.

Der Mann schien sich weniger für die Bilder, als für Yvonne zu interessieren. Unverwandt sah er sie an. Wortlos, bis Yvonne sich ihm schließlich zuwandte.

»Wie gefallen Ihnen die Bilder dieses Erfolg versprechenden Malers?«

»Nun«, gab Yvonne scheinbar gelangweilt zurück, »die Fachleute und auch die Presse mögen ihn als Erfolg versprechend bezeichnen. Ich kann mit dieser Art von Malerei nicht viel anfangen.« Der junge Mann blickte so betroffen drein, dass Yvonne laut auflachte. »Verzeihen Sie«, sagte sie. »Ich wollte Sie nur ein wenig aufziehen. Ich mag Ihre Bilder, Herr Torbrink.«

Der Mann machte eine Verbeugung. »Sie kennen mich? Ich bin sicher, Sie noch nie gesehen zu haben. Eine Begegnung mit Ihnen hätte sich mir unauslöschlich eingeprägt.«

»Ich kenne den Besitzer der Galerie«, klärte Yvonne ihn auf. »Als er mir die Einladung überreichte, zeigte er mir Fotos von Ihren Bildern. Auf einem der Fotos waren auch Sie zu sehen.«

»Ich bin Ihnen gegenüber im Nachteil«, beklagte sich Lukas Torbrink. »Meinen Namen kennen Sie bereits …«

»Yvonne Bender«, kam sie ihm zuvor und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich freue mich, Sie persönlich kennenzulernen.« Sie sah wieder auf das Bild und seufzte. »Schade, dass mein Mann sich so wenig für moderne Malerei interessiert.«

»Sie sind verheiratet?« Ein Schatten flog über sein Gesicht.

»Stört es sie?« Yvonne betrachtete ihn.

Nach kurzem Überlegen schüttelte Lukas Torbrink den Kopf.

»Eigentlich nicht«, meinte er dann.

»Mich auch nicht.« Kokett lächelte Yvonne ihm zu.

»Für meinen Geschmack sind zu viele Leute hier«, murmelte Lukas Torbrink, sah sie aber bei seinen Worten nicht an. »Möchten Sie noch hierbleiben? Ich würde Ihnen gerne mein Atelier zeigen.«

»Es ist Ihre Ausstellung«, wandte Yvonne ein. »Es wird sicher erwartet, dass Sie hier anwesend sind.«

Ungerührt zuckte Lukas mit den Schultern. »Bei einem Künstler wird allgemein vorausgesetzt, dass er sich exzentrisch verhält. Ich will die Leute nicht enttäuschen.«

Yvonne lachte laut auf und hängte sich bei ihm ein.

»Also, dann gehen wir«, meinte sie fröhlich.

***

Lukas Torbrink wohnte in einem alten Mietshaus, das Yvonne als abbruchreif bezeichnet hätte.

»Es ist eine Umgebung, die mich künstlerisch inspiriert«, erklärte Lukas Torbrink ernsthaft. Gleich darauf grinste er verschmitzt. »Das behaupte ich immer. Die Wahrheit ist, dass ich mir bisher nichts anderes leisten konnte.«

Yvonne war so fasziniert von dem jungen, gut aussehenden Maler, dass sie die Umgebung nicht sonderlich interessierte. Sie hatte nur Augen für Lukas.

Lukas schloss die Tür zu seinem Apartment auf. Es war ein großer, schäbig wirkender Raum. Unverputzte Wände, auf dem Holzfußboden unzählige Farbspritzer. Eine Wand bestand fast ausschließlich aus Glas.

»Das ist der Grund, weshalb ich mich für diese Wohnung entschieden habe«, erklärte Lukas. »Wenn auch alles andere wenig ansprechend ist, so habe ich hier doch genug Licht für meine Arbeit.«

In einer Ecke stand ein breites Bett. Die Decken und Kissen waren unordentlich zusammengeknüllt. An der Wand neben dem Eingang befanden sich eine Spüle, ein kleiner Kühlschrank sowie ein Tisch, auf dem sich schmutziges Geschirr stapelte. Überall standen Bilder herum.

»Möchten Sie etwas trinken?«, fragte Lukas, während er sich sein Jackett auszog und es achtlos auf einen Stuhl warf. »Ich kann Ihnen allerdings nur Bier anbieten.«

Yvonne nickte. Als er zum Kühlschrank ging und zwei Dosen herausholte, wanderte sie umher und betrachtete seine Arbeiten.

Lukas trat neben sie. Er öffnete beide Dosen und reichte ihr eine. Tief sah er ihr dabei in die Augen.

»Sie sind unglaublich schön«, sagte er. »Ich würde Sie gerne malen.«

Mit einer Handbewegung wies Yvonne auf die Bilder.

»Das würde aber nicht zu Ihrem üblichen Stil passen«, stellte sie fest.

»Es wäre auch ein Bild, das ich niemals ausstellen würde, sondern nur für mich ganz alleine behalten wollte. Allerdings wäre mir das Original noch lieber …«

Yvonne lächelte ihn so verheißungsvoll an, dass Lukas ihr die Bierdose aus der Hand nahm und sie zusammen mit seiner auf den Tisch stellte. Er umfasste Yvonnes Taille und zog sie an sich. Mit leicht geöffneten Lippen sah die junge Frau zu ihm auf. Da presste Lukas seinen Mund hart und fordernd auf ihre roten Lippen.

Yvonne spürte, wie seine Hand nach dem Reißverschluss ihres Kleides tastete. Willig ließ sie sich von ihm zu dem breiten Bett führen.

Sie vergaß ihren Mann, vergaß ihr Kind. Selbst die schäbige Umgebung nahm sie nicht mehr wahr. Für sie gab es nur noch Lukas. Sie war berauscht von seiner Gegenwart, seinen Küssen und seiner Leidenschaft.

***

Es war ein Traum, dachte Catrin, als sie am nächsten Morgen aufwachte. Alles muss nur ein schrecklicher Albtraum gewesen sein. Für eine Weile gab sie sich dieser Illusion hin, bevor sie endgültig die Augen öffnete.

Sie fühlte sich benommen, und das lag nicht nur an dem Beruhigungsmittel, das Dr. Bender ihr gespritzt hatte. Da war der unerträgliche Schmerz um den Verlust ihres Kindes, den sie mit aller Macht zu verdrängen suchte, weil sie es sonst nicht ausgehalten hätte.

Catrin wandte den Kopf und starrte aus dem Fenster, ohne wirklich etwas wahrzunehmen.

Die Erinnerung an jenen Morgen war wieder da. Sie hatte ihre Mutter zum Frühstück eingeladen, weil sie alle zusammen zum Einkaufen in die Stadt fahren wollten.

Catrin konnte sich an jede Einzelheit erinnern, an jedes Wort, das gesprochen worden war. In ausgelassener Stimmung waren sie dann in den Wagen gestiegen. Catrin hatte Marie gewissenhaft auf dem Kindersitz angeschnallt.

Dann kam die Kreuzung, die Ampel wechselte auf Grün. Catrin und ihre Mutter lachten gerade über eine lustige Bemerkung des Kindes, als Catrin den anderen Wagen von rechts auf sich zukommen sah …

Hier setzte ihre Erinnerung aus. Der Unfall und alles, was danach geschehen war, war in ihrem Gedächtnis wie ausgelöscht.

»Wie geht es Ihnen, Frau Roberts?«, fragte da eine freundliche Frauenstimme.

Catrin war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie das leise Anklopfen und Schwester Marthas Eintreten nicht bemerkt hatte. Langsam wandte sie den Kopf. Tiefe Verzweiflung lag in ihren Augen.

»Ich weiß, was Sie durchmachen«, sagte die Schwester leise, setzte sich zu ihr auf die Bettkante und griff nach ihrer Hand.

Catrin schluchzte trocken auf.

»Die ganze Zeit sehe ich mein Kind vor mir liegen. Leblos! War Marie sofort tot? Hat sie leiden müssen? Es macht mich fast wahnsinnig!«

Schwester Martha zuckte hilflos mit den Schultern.

»Sie sollten sich nicht so quälen«, flüsterte sie.

Catrin hörte nicht hin. »Albert!«, stieß sie hervor. »Ich muss unbedingt mit ihm reden!«

»Ich werde Ihren Mann sofort anrufen«, versprach Schwester Martha beklommen. Sie wusste, dass Albert Roberts nur ungern kommen würde.

Catrins Blick wanderte wieder zum Fenster, ihre Gedanken verirrten sich in die Vergangenheit.

Bedrückt verließ Schwester Martha das Zimmer. Ähnlich wie Christian Bender hatte auch sie eine ganz besondere Beziehung zu dieser Patientin entwickelt. Martha konnte jedoch nichts tun, um Catrin zu helfen. Schweigend ging sie ins Schwesternzimmer und suchte Albert Roberts Telefonnummer. Sie wählte, und schon nach dem zweiten Klingeln meldete sich eine helle Frauenstimme am anderen Ende.

»Ja, bitte?«

»Städtisches Krankenhaus«, antwortete Martha. »Kann ich bitte Herrn Roberts sprechen?«

»Es tut mir leid, aber er ist im Büro. Kann ich etwas ausrichten?« Die Stimme am anderen Ende klang sympathisch.

»Seine Frau möchte ihn gern sehen«, erklärte Schwester Martha schlicht.

Für eine Weile blieb es still.

»Verstehe«, sagte die Frau schließlich. »Eilt es sehr, oder hat es bis heute Abend Zeit?«

»Frau Roberts möchte mit ihrem Mann reden. Es bleibt ihm überlassen, ob er sofort kommt oder erst später«, erwiderte Martha steif.

***

Am späten Nachmittag betrat Albert das Zimmer seiner Frau. Verlegen schaute er Catrin an.

»Tut mir leid, dass ich nicht früher kommen konnte«, entschuldigte er sich. »In der Firma war die Hölle los.«

Wie am Vortag streckte Catrin ihrem Mann auch heute beide Hände entgegen.

»Schön, dass du da bist«, sagte sie.

Nur ganz kurz drückte Albert ihre Finger. Befremdet registrierte Catrin, dass er sich danach hinter das Fußende ihres Bettes stellte. Doch es war nicht nur diese räumliche Distanz zwischen ihnen.

»Was ist mit dir, Albert?«, hätte sie ihn gerne gefragt. Sie wagte es aber nicht, weil sie Angst vor der Antwort hatte.

Ihr selbst kam es vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass sie mit ihrer kleinen Tochter und der Mutter zu dieser verhängnisvollen Fahrt aufgebrochen war. Vielleicht musste sie einfach nur akzeptieren, dass für ihn das Leben in der Zwischenzeit weitergegangen war. Ein Leben, an dem sie nicht hatte teilhaben können. Vermutlich war es ganz natürlich, dass sie sich fremd geworden waren. Vielleicht musste sie sich und ihm einfach nur Zeit lassen.

Dabei brauche ich ihn gerade jetzt so sehr, dachte Catrin verzweifelt.

»Erzähl mir von Marie«, bat sie ihn mit Tränen in den Augen. »Hat sie sehr leiden müssen?«

Albert senkte den Kopf. »Nein«, antwortete er leise.

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