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Silvia Duett - Folge 11

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Hochsaison für Amor
  4. In jener Nacht am Meer
  5. Vorschau

Hochsaison für Amor

Von Roma Lentz

Was hatte sich der steinreiche alte Volker Elfenberg bloß gedacht, als er sein Testament verfasst hat? Darin hat er nämlich verfügt, dass seine drei Töchter das gesamte Erbe verlieren, wenn sich auch nur eine von ihnen zum Jawort hinreißen lässt. Dann müssten die drei Schwestern ihren Lebensunterhalt mit ihrer eigenen Hände Arbeit verdienen.

Ein schauderhafter Gedanke für die drei!

Aber wie geht ein Mann wie Patrick von Falkendorf mit diesen Fakten um, nachdem er sich Hals über Kopf in Celine, die jüngste der drei Schwestern, verliebt hat? Noch dazu, wenn sie ihm zwar ihr Herz schenkt, nicht aber ihre Hand?

»Auch das noch«, murmelte Patrick von Falkendorf, als er vorne auf der langen Buchenallee eine Frau erblickte, die offensichtlich eine Autopanne hatte.

Patrick war in Eile, deshalb hatte er statt der Bundesstraße diesen schönen, alten Schleichweg nach Gut Uhlenhorst gewählt. Der junge Mann transportierte den zweiten und dritten Gang eines Dinners, das heute Abend bei einem Fest auf Gut Uhlenhorst serviert werden sollte.

Die Vorspeisen, der Nachtisch und die Weine waren schon vor einer Stunde von Lübeck aus mit einem anderen Kleintransporter gestartet.

Die Fahrt über die Schlaglöcher der alten Allee bereitete Patrick, der sonst flotte Sportwagen fuhr, Schwierigkeiten. Er war jetzt schon unter Zeitdruck, und was wäre erst, wenn er anhielte, um dieser Frau bei ihrer Panne zu helfen?

Er wollte und musste seine Aufgabe gewissenhaft erfüllen, denn der Catering-Betrieb gehörte seinem Freund Jens, der mit diesem Auftrag in die Welt der Neureichen an der Ostsee aufsteigen wollte.

Außerdem fühlte sich Patrick schuldig.

Vor lauter Wiedersehensfreude hatten die beiden Männer herumgealbert und im Hof der Catering-Firma Fußball gespielt. Jens war dabei so unglücklich gestürzt, dass er sich eine Sehnenzerrung zugezogen hatte.

Ein Fahrer für Gut Uhlenhorst hätte sich auf die Schnelle finden lassen, aber niemand, der in einem dunklen Anzug und der Weste der Catering-Firma als »Butler« den Ablauf des Dinners überwachte, mehrere Hilfskräfte dirigierte und dabei noch eine gute Figur machte. Da war es Ehrensache gewesen, dass Patrick eingesprungen war.

Allzu fremd war ihm die Arbeit nicht, denn als künftiger Chef einer deutschen Hotelkette hatte er einiges über Catering gelernt. Das Wichtigste erschien ihm, pünktlich mit dem Hauptgang auf dem Gut vorzufahren.

Allzu viel Zeit blieb ihm also für seine Rolle als barmherziger Samariter nicht, wenn er der jungen Frau mit der Autopanne helfen wollte.

Mit dem Vorsatz, sich nicht lange aufhalten zu lassen, bremste Patrick den Wagen ab und hielt kurz vor dem liegen gebliebenen Auto an.

Die junge Frau hatte inzwischen die Heckklappe geöffnet und einen Wagenheber herausgeholt. Jetzt wandte sie sich Patrick zu und lächelte erfreut. Sie musste Mitte zwanzig sein, aber sie wirkte auf Patrick sehr viel mädchenhafter.

Der Eindruck war mit Sicherheit auf ihre schlanke Figur zurückzuführen. Auch ihre Kleidung, die aus einer marineblauen Hose und einer weißen Bluse mit hochgekrempelten Ärmeln bestand, schmeichelte ihrem Alter.

Jung und sommerfrisch erschien ihm die Frau mit dem dunkelblonden, halblangen Haar und den aparten bernsteinfarbenen Augen. Die Farbe passte in diese Landschaft mit der stürmischen See, den weißen Stränden und dem hohen blauen Himmel.

»Fünf Minuten, mehr nicht«, beschwor sich Patrick selbst, stieg aus und trat neben die junge Frau. »Kann ich Ihnen helfen?«

Sie deutete mit dem Kopf nach vorne.

»Ja, wenn Sie einen Reifen wechseln können.«

Patrick blickte auf seine Armbanduhr.

»Ich kann einen Reifen wechseln, aber ich habe es eilig. Ich fahre einen Catering-Wagen mit einem Abendessen.«

Er zeigte auf die Wagentür, auf der Jens’ Logo prangte: eine gebratene Taube, die gerade in den Mund eines Mannes flog – genau die Zeichnung, wie man sie aus dem Märchen vom Schlaraffenland kannte. Jens hatte einen etwas eigenwilligen Sinn für Humor.

Die junge Frau lachte auf.

»Catering-Wagen? Dann wollen Sie nach Gut Uhlenhorst. Da wüsste ich noch einen anderen Schleichpfad, der den Weg abkürzt. Ich muss ebenfalls dorthin und möchte auch pünktlich sein.«

»Ach, dann sind Sie eine der jungen Damen, die mir heute Abend zur Seite stehen werden?«

»Sollte ich das?«, fragte die junge Frau, und der Schalk blitzte in den schönen Augen auf.

»Ich kann das ja nicht alles alleine bewältigen. Es sind über hundert Gäste geladen … Wo ist der Reifen?«

Die junge Frau zuckte mit den Schultern.

»Das ist das Problem. Ich finde ihn nicht«, gab sie zu. »Diese modernen Autos, die überall nur verschachtelte Metallboxen haben! Vielleicht verbirgt sich der Reifen in einem dieser Kästen …« Sie bückte sich. »Soll ich mal unter dem Wagen nachschauen?«

Patrick hielt sie am Arm fest.

»Nein, bitte nicht. Wir haben keine Zeit für so etwas. Eines Tages werde ich Sie zwar fragen, was sich eine Frau beim Kauf eines solchen Wagens denkt, aber …«

»Es ist der Wagen meiner Schwester. Außerdem hätte mich das Reserverad normalerweise wenig interessiert. Was machen wir jetzt?«

»Wir stellen das Warndreieck auf, und ich nehme Sie zum Gut mit«, schlug Patrick vor. »Wir können ja später nach dem Reifen schauen.«

Während Patrick das Warndreieck in sicherer Entfernung aufbaute, holte die junge Frau eine große Ledertasche an langem Riemen aus dem Wagen und setzte sich kurze Zeit später vergnügt auf den Beifahrersitz neben Patrick.

»Mm, das riecht gut«, sagte sie und schnupperte nach hinten. »Sie sind also Jens Claasen?«

»Nein, Jens ist mein Freund. Er hat sich den Fuß verletzt, deshalb habe ich dieses Dinner übernommen.«

»Nett von Ihnen«, kommentierte sie und öffnete das Seitenfenster.

Es war Sommer, der Fahrtwind war angenehm. Da ihr warm war, hob sie das Haar mit einer hübschen, natürlichen Bewegung.

Patrick bemerkte es, genauso, wie er bemerkte, dass sie nach Wind und Sonne roch und – wenn ihn nicht alles täuschte – nach Terpentin. Hatte sie etwas mit Malen zu tun?

»Da entlang!«, rief sie plötzlich, weil er einen Seitenweg übersehen hatte, der hinter einer dicken Buche neben einem hohen Kornfeld verborgen lag. »Der Weg endet genau vor den Scheunen des Gutes, früher wurde er von den Erntewagen benutzt.«

Patrick bog auf den Weg ab.

»Wenn Sie so viel wissen, erzählen Sie mir doch etwas über die Gastgeber heute Abend«, forderte er sie auf. »Es sind doch die Elfenberg-Schwestern, nicht wahr? Die jungen Frauen, die reich, klug und schön sind, aber nach dem Willen des Vaters nicht heiraten sollen, weil sie sonst enterbt werden. Eine recht seltsame Einstellung, die der Vater hatte.«

»Finden Sie? Ich glaube, der alte Herr meinte, dass man in einer Ehe nur unglücklich werden kann – und vermutlich wollte er so seinen Töchtern die Mitgiftjäger vom Hals halten.«

»Wie das?«, wollte Patrick wissen, der sich gerade fragte, wie hoch die Achse eines Erntewagens lag und ob dieser Schleichweg jemals von einem Auto benutzt worden war.

»Wenn man eine Frau nicht heiraten kann, kann man ihr Geld auch nicht erben«, erklärte seine Beifahrerin. »Solange die drei Schwestern nicht heiraten, schwimmen sie im Geld.« Sie wandte sich ihm zu. »Sind Sie jemals in Geld geschwommen?«

Erheitert lachte Patrick auf.

»Sehe ich wie Dagobert Duck aus? Im Ernst, ich wollte es gar nicht. Übrigens wüsste ich eine Lösung für das Problem dieser drei Schwestern.«

Die junge Frau wandte den Blick wieder ab.

»Die Schwestern haben keine Probleme, sie genießen das Leben. Aber wo wäre da eine Lösung?«

»Sie müssten doch nur einen reichen Mann heiraten.«

Seine Beifahrerin lachte seltsam bitter auf.

»Reiche Männer wollen reiche Frauen heiraten – und auch keine Frauen, die ihr Vermögen durch die Hochzeit verlieren.«

Patrick warf ihr einen skeptischen Blick zu. Sie sah plötzlich traurig aus, jedenfalls trauriger als vorhin, als sie die Autopanne hatte.

»Sind Sie da so sicher?«, erkundigte er sich.

»Ja, absolut. Aber ich glaube nicht, dass Sie nachempfinden können, was in einem reichen Mann vor sich geht.«

»Aber Sie können es, Sie nette, kleine Serviererin – wo ist überhaupt Ihre Schürze?« Er zeigte mit dem Kopf auf die Ledertasche, der dieser Terpentingeruch entströmte. »Hoffentlich nicht da drin.« Da die junge Frau ihn immer noch verständnislos musterte, fuhr er fort: »Jens hat von drei Hilfskräften gesprochen, die in hübschen weißen Schürzen …«

»Und was soll ich mit dieser Schürze tun?«

»Mir beim Aufbau des Büfetts helfen natürlich! Und später die Gäste bedienen.«

»Die Schürze bekomme ich bestimmt auf dem Gut«, beruhigte sie ihn. Sie lehnte sich im Sitz zurück und schien vollkommen entspannt zu sein.

Die Landschaft hatte sich wieder geweitet, links und rechts zogen sich lang gestreckte Felder hin.

Patrick und die junge Frau fuhren an einer Gruppe von drei mächtigen Kastanienbäumen vorbei. Das seitlich fallende Sonnenlicht flirrte durch die Baumkronen. Das dunkle Grün der Blätter, das Gelb des reifen Kornes, der blaue Himmel … Am liebsten hätte Patrick den Wagen angehalten, um diese Landschaft in sich aufzunehmen. Es musste herrlich gewesen sein, hier früher auf Erntewagen in den Gutshof zurückzuschaukeln und, hoch oben auf dem Heu liegend, den Wolken nachzuschauen, die über einem vorbeizogen.

»Schön«, meinte Patrick.

»Nett, dass Sie das merken.« Die junge Frau lächelte ihm zu. »Ich finde es auch schön. Jedenfalls habe ich keine große Lust auf dieses Fest. Ich mag diese Leute eigentlich gar nicht.«

»Sie müssen Sie ja nicht mögen, Sie sollen sie ja nur bedienen«, erklärte er etwas gönnerhaft.

Am liebsten hätte er ihr jetzt beruhigend mit der Hand auf die Schulter geklopft, sozusagen von Kollege zu Kollege. Aber er spürte, dass das nicht angebracht war, und außerdem war da etwas in ihrer Art, was ihn zurückhielt.

Das war seltsam, und es hätte Patrick zu denken geben sollen.

***

Um seinen Freund zu entlasten, musste Jens wohl die Zahl seiner Helferinnen an diesem Abend erhöht haben. Deshalb dauerte es eine Weile, bis Patrick im Trubel der Vorbereitungen begriff, dass er vier Mädchen in kurzen schwarzen Röcken und weißen Schürzen um sich hatte.

Seine nach Terpentin duftende Pannenfreundin aber war nicht darunter.

Patrick bedauerte es und machte sich auf die Suche nach ihr, er schaute sogar in der Gutshofküche nach, konnte die junge Frau jedoch nicht finden. Also zog er sich seinen dunklen Anzug und Jens’ schwarz-gold gestreifte Weste an und half von da an überall dort, wo beim Aufbau des Büfetts männliche Kraft erforderlich war.

Die vier Mädchen arbeiteten mit der Präzision von Stewardessen, die ihren Job auch unter schwierigsten räumlichen Bedingungen beherrschten. Hier auf Gut Uhlenhorst hatten sie Platz – das Büfett wurde auf der großen Terrasse am Swimmingpool aufgebaut. Tische wurden gruppiert, die Warmhalteplatten angeworfen, das in diesem Fall hauseigene, kostbare Geschirr durchsortiert, Gläser und Weine aufgestellt, Brot aufgeschnitten, die Kräutermischung für die Salate zubereitet, frisch geschnittener Käse dekoriert.

Patrick, der auch als Kurier zwischen dem Gutshaus und der Terrasse eingesetzt wurde, hatte Gelegenheit, die Räumlichkeiten zu erkunden.

Das Gut hatte ihn gleich beim ersten Anblick verzaubert. Es fügte sich in seiner klassisch breiten Bauweise mit dem typischen roten Satteldach harmonisch in die Landschaft ein. Zwei Stockwerke mit weiß gerahmten Sprossenfenstern, dazu eine Freitreppe, davor Rosenrabatten. Zu dem Hauptgebäude gehörten zwei Nebengebäude und mehrere große Scheunen. Hinter dem Haupthaus erstreckte sich ein kleiner Park bis zum Buchenwald hin.

In Patricks Augen schienen die sichtlich neu angelegte Terrasse und der daran anschließende große Swimmingpool die einzigen Stilbrüche zu sein. An den recht breit ausgelegten Beckenumrandungen standen kleine Tische, die für den heutigen Abend wohl die Illusion eines Restaurants am Wasser zaubern sollten.

Wahrscheinlich ist hier früher ein Seerosenteich gewesen, dachte Patrick voller Bedauern. Ein Swimmingpool, wo das Meer keine drei Kilometer vom Gut entfernt war! Aber heutzutage war ja jeder Kilometer ein Kilometer zu viel.

Die Gäste, die nun eintrafen, waren für Patrick keine große Überraschung: Halbprominenz, die sich gerade aus beruflich oder privaten Gründen an der Ostsee aufhielt. Hier ein Schlagerstar, dort ein Model, das man aus der Zeitung kannte, weil es mit jemandem gesehen worden war. Außerdem Starfriseure, die Sylt als »out« erklärten, oder auch die Ehefrauen von wirklichen Prominenten, die mit den Kindern zur Erholung ans Meer gekommen waren. Die Ostsee war schließlich wieder im Kommen.

Patrick kannte einige der Gäste aus den Hotels seines Vaters, aber natürlich vermutete niemand in dem Butler mit der schwarz-gold gestreiften Weste Roderick von Falkendorfs Sohn.

Als die Sonne nun langsam unterging und die meisten Gäste nach einem Glas Wein oder Bier, angeregt plaudernd, auf das Essen warteten, erschienen endlich die drei Gastgeberinnen in der großen Flügeltür zum Park.

Patrick, dem die Sicht durch eine recht korpulente Mittvierzigerin verbaut wurde, die er über den Kalorienwert der einzelnen Speisen aufklärte, konnte nur einen flüchtigen Blick auf die Schwestern erhaschen. Er nahm drei hübsche junge Frauen wahr, die wohl alle beim selben Schneider anfertigen ließen, denn sie trugen Kleider mit dem gleichen Schnitt, aber in verschiedenen Farben. Ihr Auftritt in den drei Farben Lindgrün, Maisgelb und Schwarz wirkte fast wie auf einer Bühne.

»Da kommen die drei Grazien«, nuschelte der Mann, der schon geraume Zeit an Patricks Büfett gestanden und bereits zu viel auf nüchternen Magen getrunken hatte.

Klaus Ritter war Diplom-Landwirt und arbeitete auf dem Gut. Patrick hatte ihn in der Küche kennengelernt, als er dort nach seiner netten Mitfahrerin gefahndet hatte.

Zu dem Zeitpunkt war Klaus Ritter noch nüchtern und ungeheuer stolz auf das frische Gemüse, die Salate, die Tomaten und Kräuter gewesen, die alle auf dem Gut selbst produziert wurden.

»Kennen Sie das Märchen von den Königstöchtern, die ihren Verehrern die Köpfe abhacken ließen?«, wollte Klaus Ritter jetzt wissen. »Hier werden einem nicht die Köpfe abgehackt, hier wird einem das Herz herausgerissen. Jawohl!«, bekräftigte er. »Haben Sie ein Herz?«, fragte er dann kummervoll.

»Ich denke doch«, erwiderte Patrick und hinderte den Mann daran, ein weiteres Weinglas von einem der Tabletts zu nehmen. »Welche der Schwestern hat Ihnen denn das Herz gebrochen?«, fragte er und blickte sich nach den Elfernberg-Schwestern um, die inzwischen von ihren Gästen umringt wurden, sodass er sie wieder nicht richtig ausmachen konnte.

Der Mann schwankte ein bisschen, als er anklagend mit dem Finger in Richtung der drei Frauen zeigte.

»Laura, die in dem gelben Kleid. Alle drei Schwestern sind von verschiedenen Müttern, deshalb hat jede eine andere Augenfarbe. Laura hat graugrüne Augen, Silvie blaue und Celine bernsteinfarbene Augen, jawohl, bernsteinfarbene! Sehr hübsch, kann ich nur sagen, sie ist auch die netteste. Die macht dieses ganze erotische Affentheater nicht mit. Das ist die, die das grüne Kleid trägt.«

Bernsteinfarbene Augen? Patrick stutzte, diese Augenfarbe war selten.

Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um einen Blick auf Celine im grünen Kleid zu erhaschen. Genau wie ihre Schwestern wurde sie jetzt von jungen Männern umringt.

Celine! Das war seine hübsche, mädchenhafte, so unschuldig wirkende Pannenfreundin!

»Was für ein erotisches Affentheater?«, erkundigte sich Patrick so beiläufig wie möglich.

»Sie sind alle bis ins Mark verdorben«, erklärte Klaus Ritter verbittert. »Ein Jammer! So hübsche Frauen und so unmoralisch …«

»Unmoralisch?« Patrick unterdrückte ein Grinsen. Er hielt sich für einen Menschenkenner, und Celines Verhalten war nett und absolut natürlich gewesen.

»Sehen Sie doch da oben, diese Gi-gi-gigolos! Hier ist eine verkehrte Welt. Kennen Sie die Geschichten von den Mädchen, die sich an reiche Männer hängen, um einen Diamantring abzustauben? Hier ist es genauso, nur andersherum. Da stehen diese Klassefrauen und sind von nutzlosen männlichen Drohnen umgeben, die …« Er winkte wieder verächtlich ab.

Während Patrick zusah, wie die »Drohnen« die Elfenberg-Schwestern an den großen runden Tisch in der Mitte der Terrasse geleiteten, begannen seine vier Mitarbeiterinnen schnell und geschickt die Vorspeisen zu servieren.

Patrick reichte ihnen zu, behielt dabei aber den runden Tisch im Auge.

Bildete er es sich nur ein, oder hatte Celine vor dem Hinsetzen wirklich einen Blick zum Büfett geworfen?

»Alles Schmarotzer, diese Kerle!«, schimpfte der Diplom-Landwirt weiter. »Die behaupten zwar, produktiv zu sein, indem sie dichten, malen, Lieder komponieren oder sich einfach nur zu erholen, aber in Wirklichkeit fressen sie sich durch – wie die Maden, sage ich Ihnen. Ich muss es ja wissen! Zu diesem Gut gehören Ländereien, und ich bin für die Erträge verantwortlich. Jeder Salatkopf, jede Möhre, jede Artischocke …«

Er wies auf das Büfett, wobei Patrick ihn ein wenig stützen musste, damit er nicht umkippte.

»Alles kommt aus unseren Gärtnereien!«, erklärte Klaus Ritter stolz. »Wir könnten stolz darauf sein, könnten auf den Markt gehen und davon leben, aber nein … Sehen Sie sich doch diese Schwestern an! Füttern mit unserem Salat die Hohlköpfe durch und glauben auch noch, damit ein gutes Werk zu tun! Nehmen sich ab und zu einen von denen ins Bett …« Er seufzte abgrundtief. »Ich sag’s ja, eine verkehrte Welt.«

»Ins Bett? Auch die Jüngste?«

»Keine Ahnung, was Celine macht. Sie war wieder lange weg. Sie ist die Einzige, die noch Verbindung zu ihrer Familie mütterlicherseits hat, bei den anderen hat der alte Elfenberg seinen Ehefrauen die Kinder geradezu abgekauft und sie dann selbst erzogen. Da sehen Sie doch, was für ein Rabenvater der Mann war. Wie kann man ein solches Testament machen, durch das den Kindern eine Ehe verboten wird!«

»Er hat es sicher gut gemeint und wollte sie vor Schaden und Mitgiftjägern bewahren«, wiederholte Patrick, was er gehört hatte.

Klaus Ritter starrte Patrick mit trüben Augen an.

»Was halten Sie für besser – Mitgiftjäger oder Schmarotzer?«

Patrick schwieg. Auf der einen Seite hatte er Mitleid mit diesem großen, starken Mann, der jetzt wie ein trauriges Kind aussah. Andererseits fragte er sich, was die Elfenberg-Schwestern davon halten mochten, wenn jemand vom Personal bei einem gesellschaftlichen Ereignis am Büfett herumhing und sich betrank.

Patricks Vater hätte das nicht geduldet, und er selbst hätte es auch nicht durchgehenlassen. Riskierte dieser unglücklich Verliebte hier nicht gerade seinen Job?

»Schmarotzer oder Mitgiftjäger?«, fragte Klaus Ritter erneut.

»Schmarotzer wird man schneller los«, erwiderte Patrick, um die Diskussion zu beenden.

Er beobachtete, wie Celines rechter Tischnachbar seine Hand vertraulich auf ihren Arm legte. Das störte Patrick, obwohl er in seiner Lehrzeit in Hotelbars und Foyers ganz andere Annäherungsversuche beobachtet hatte.

Hunderte von Männern hatten um Hunderte von Frauen geworben und versucht, sich ihnen zu nähern, und es hatte ihm nichts ausgemacht. So war nun mal das Leben.

Also, was störte es ihn jetzt? Was war diese Celine Elfenberg ihm schuldig? Oder er ihr?

Nichts, dachte er seltsam verstimmt. Außer vielleicht den Reifen, den er aufzuziehen versprochen hatte.

Patrick zuckte mit den Schultern und wandte sich seiner eigentlichen Aufgabe zu, die immer noch leicht genug war. Es genügte, am Büfett zu stehen, zu lächeln und für Pannen da zu sein, die es offenbar nicht gab, weil Jens’ Crew so gut eingespielt war.

Er sah noch, wie Celine die Hand von ihrem Arm streifte, und das freute ihn. Obwohl das natürlich noch kein Beweis für einen moralischen Lebensstil war. Vielleicht mochte sie den Kerl einfach nicht.

***

Celine hatte gerade die Hand ihres Tischnachbarn freundlich, aber bestimmt weggeschoben. Sie mochte den Griechen nicht besonders, obwohl er ein sehr gut aussehender Mann war. Aber Zeno Kalimachos gehörte zu den ständigen Begleitern ihrer beiden Schwestern, und für diese Männer hatte Celine nicht viel übrig.

Für Silvie und Laura war das Leben wie ein heiteres Spiel, die Liebe inbegriffen. Ihr Vater hatte seine Ehefrauen verjagt, oder sie hatten ihn mit horrenden Abfindungen verlassen. Dafür hatte er seine Töchter behalten, die er abgöttisch geliebt und hemmungslos verwöhnt hatte.

Celine erinnerte sich nur zu gut daran, wie ihnen jeder Wunsch erfüllt worden war – egal, ob es um ein weißes oder schwarzes Pferd, einen Wagen, ein Schmuckstück oder eine Reise nach irgendwohin gegangen war.

Während sie, Celine, darauf bestanden hatte, ihr Abitur zu machen, hatten Silvie und Laura nie ernsthaft etwas gelernt, weil sie später ja kein Geld verdienen mussten.

Das Ergebnis dieser Erziehung waren zwei großzügige, sorglose junge Frauen, die lebten und leben ließen und die nach dem Tod ihres Vaters noch mehr Geld zur Verfügung hatten.

Jetzt wohnten sie auf dem Gut und machten gelegentlich einen Abstecher nach Rom, Paris oder London, und im Sommer zogen sie in das Haus an der Côte d’Azur.

Dass sie alle nicht heiraten durften, machte die Elfenberg-Schwestern für eine gewisse Sorte von charmanten Lebemännern und Weltenbummlern nur noch attraktiver.

Celine blickte sich an dem festlich gedeckten, runden Tisch um.

Silvie und Laura sahen unbeschwert und strahlend aus. Ihrem heiteren, gelösten Lachen konnte sie entnehmen, dass die Schwestern mit sich und diesem Abend zufrieden waren, der für sie, die Jüngste, gegeben wurde. Sie sollte nämlich endlich damit aufhören, einer großen Liebe nachzutrauern und sich diesem Freundeskreis anschließen.

Silvie und Laura wollten die kleine Schwester in ihre Welt der heiteren Beziehungen einweihen.

Celine griff nach ihrem Weinglas und bemerkte, dass die Hand des Griechen neben der ihren lag. Es war eine schöne kräftige Hand, dennoch wäre ihr jetzt zum Schreien zumute gewesen, hätte Zeno Kalimachos versucht, seine Hand auf ihre zu legen.

Was war das für eine übertriebene Reaktion? Mit sechsundzwanzig reagiert man nicht wie ein hysterischer Teenager! Warum wollte sie nichts mit diesen Menschen zu tun haben? Weil die Trauer um Georg noch zu tief saß. Oder weil sie heute beim Malen zu viel Sonne abbekommen hatte?

Diagnose »Sonnenstich und Herzeleid«, dachte sie ironisch.

Der schöne Grieche fasste nicht nach ihrer Hand, er aß genussvoll und mit bestem Appetit. Er sprach Französisch mit ihr, eine Sprache, die sie sehr gut verstand, weil alle Elfenberg-Schwestern mehrsprachige Gouvernanten gehabt hatten.

»Ich war schon öfter hier, Celine, und habe Sie hier nie gesehen«, begann er wieder mit der Konversation und strahlte sie weiterhin an.

Celine gab sich einen Ruck. Sie erwiderte das Lächeln, weil es kindisch war, herumzuschmollen, wenn ihre Schwestern ihr einen Gefallen tun wollten.

Außerdem war Zeno Kalimachos eine elegante, schlanke Erscheinung mit tiefschwarzem Haar und edlen Gesichtszügen, wie man sie sich bei den großen griechischen Helden vorstellte, dazu hatte er weiß blitzende Zähne und gefühlvolle Augen.

Der perfekte Verführer, dachte Celine und war sicher, dass viele Frauen sie um diesen Mann an ihrer Seite beneideten. Wessen Liebhaber war Zeno Kalimachos gewesen, Lauras oder Silvies? Aber was ging Celine das an? Sie hatte bestimmt nicht die Absicht, den Abend in seinen Armen zu beenden.

Celine hörte dem artigen Geplauder des Griechen zu, nahm ab und zu einen Bissen und blickte sich um.

Sie hatte den Bau des Swimmingpools miterlebt, sah ihn heute aber zum ersten Mal in seiner nächtlichen türkisfarbenen Pracht, samt der Unterwasserspots und der romantischen kleinen Kerzenschiffchen, die inzwischen darin herumschwammen.

Sie drehte sich noch weiter um, als wollte sie den Pool in seiner ganzen Länge begutachten.

Der Mann, der der Freund von Jens Claasen war, stand hinter dem Büfett. Er trug einen dunklen Anzug und eine gestreifte Weste und unterhielt sich mit Klaus Ritter.

Schwankte der nicht ein bisschen? Betrank er sich etwa aus Liebeskummer? Der Arme, dachte Celine voll Mitgefühl.

Das war das Merkwürdige an der Moral ihrer Schwestern. Männer, die ernsthafte Absichten hatten, wurden automatisch aussortiert. Klaus Ritter konnte von Glück reden, dass man ihn nicht entließ. Kündigungsgrund: allzu große Zuneigung zu einer Elfenberg-Schwester.

Ihr Freund aus dem Catering-Wagen schien Klaus Ritters Problem zu erkennen. Celine sah, wie er den Landwirt daran hinderte, ein neues Glas zu nehmen.

Nett von dir, dachte sie.

»Sie lächeln?«, fragte Zeno. »Das freut mich. Ich dachte schon, man könnte Sie gar nicht aus der Reserve locken.«

Er strahlte sie an und zeigte seine Zähne. Dabei überlegte er, ob es angebracht wäre, jetzt seine Hand vertrauensvoll oder kameradschaftlich auf ihre Hand zu legen oder wenigstens ihre Finger zu streifen. Diese jüngste Schwester schien ein Kapitel für sich zu sein.

Man brauchte nur ihre Hände zu betrachten.

Drei Frauen, die denselben Vater hatten, aber verschiedene Mütter – sie sahen einander ähnlich, hatten aber unterschiedliche Augenfarben und ebenso unterschiedliche Handformen.

Silvie hatte die schönen Hände ihrer französischen Mutter geerbt, Hände, mit denen man eine Rose hielt, mit Fingern, an denen Brillantringe blitzen sollten. Lauras Hände hingegen wirkten sehr weiblich, waren weich und etwas rundlich, Celines jedoch … Das waren eigenwillige Hände.

Dieses Mädchen würde sich nicht so schnell in ein Klischee pressen lassen und sich auch im goldenen Käfig ihrer Schwestern nicht wohlfühlen.

Zeno führte die Hand jetzt sogar an die Lippen.

»Was machen Sie mit diesen Händen?«, fragte er mit echtem Interesse.

Celine errötete. »Sie meinen, wegen der kurzen Fingernägel? Ich male. Mit großer Vorliebe Bilder, auf denen Wasser, Wellen, Wolken und Sturm zu sehen sind. Das fasziniert mich. Für mich ist das Malen so etwas wie eine Leidenschaft, können Sie das verstehen?«

Zeno staunte. Eine Leidenschaft? Konnte man es als eine Leidenschaft bezeichnen, wenn man das Leben genoss, weil man gut aussah und nette Freunde hatte? Wahrscheinlich nicht. Er selbst war der Sohn eines griechischen Winzers, für den der Wein und seine Güte zuerst zur Leidenschaft und dann auch zur Mühsal des Lebens geworden waren.

Celine sah ihn zum ersten Mal direkt an.

»Haben Sie keine Leidenschaft?«, wollte sie wissen.

»Nicht in der Art, wie Sie es meinen. Schöne Frauen können auch eine Leidenschaft sein …« Zeno lächelte. »Haben Sie es professionell gelernt, dieses leidenschaftliche Malen?«

»Ich war zwei Jahre an der Kunstakademie, dann hatte ich das Gefühl, dass man meine Ursprünglichkeit zerstört.« Celine errötete wieder. »Außerdem war meine Großmutter erkrankt, und da wollte ich mich ein bisschen um sie kümmern.«

Er staunte schon wieder. Er hatte bei den Elfenberg-Schwestern noch nie etwas von einer Großmutter gehört. Soviel er wusste, hatte der despotische Vater jede Verbindung zu den Müttern und deren Familien unterbunden.

»Haben Sie … hat Ihre Großmutter denn kein ...

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