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Silvia Duett - Folge 10

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Mit dir der Sonne entgegen
  4. Da kam Jenny in sein Leben
  5. Vorschau

Mit dir der Sonne entgegen

Ausgerechnet an Karneval lernt Sandra den jungen Baron aus Norddeutschland kennen. Inzwischen versteht sie, warum Alex von Randeck so ernst wirkt, denn sie weiß jetzt, dass er um seine Frau trauert, die bei einem Unfall ums Leben kam. Und Alex weiß seinerseits, dass Sandra von dem Mann, den sie geliebt hat, vor Kurzem den Laufpass bekommen hat.

Als Alex nach Karneval wieder abreist, glaubt Sandra, dass sie ihn nie wiedersehen wird, doch eines Tages steht er vor ihrer Tür, und den beiden jungen Menschen ist klar, dass sie ohne den anderen nicht mehr sein wollen. Aber was ist stärker, ihre Gefühle füreinander oder die Angst, erneut benutzt, belogen und verletzt zu werden? Ihr Schicksal hängt von dieser Frage ab …

Zwischen Jubel, Trubel und buntem Konfetti stand Sandra verloren am Straßenrand, hinter ihr der Kölner Dom, das Herz der Stadt, erhaben über dem Karnevalstreiben, ein gewaltiges Bauwerk aus vergangenen Zeiten mit einem sehr lebendigen Bezug zur Gegenwart.

Nahezu täglich wurde am Dom gebaut, ausgebessert oder nach altem Vorbild erneuert. Manche Leute behaupteten, am Rosenmontag seien die mächtigen Türme mit – natürlich unsichtbaren – Narrenkappen geschmückt.

Eins stand jedenfalls fest: Köln ohne den Dom oder der Dom ohne die Rheinstadt, das war völlig undenkbar. Beides gehörte zusammen wie Himmel und Erde.

Sandra hatte sich ihrer Geburtsstadt immer zugehörig gefühlt. Das betraf auch den traditionellen Karneval. Die närrischen Tage mit ihrem Höhepunkt, dem Rosenmontagszug, waren für sie bisher niemals ohne heitere Feste abgelaufen.

So hatte man es stets in ihrem Elternhaus gehalten, und die Verwandten und Freunde dachten genauso. Jeder hatte das Recht, einmal so richtig ausgelassen zu sein!

Aber in diesem Jahr hätte sich Sandra am liebsten in ein Mauseloch verkrochen. Von Fröhlichkeit keine Spur! Ihr Blick war ernst, fast schon traurig. Kein Lächeln lag auf ihren Lippen, kein Blitzen war in ihren blauen Augen zu sehen. Dabei war sie doch jung und bildhübsch!

So mancher wunderte sich über das bedrückte Aussehen der jungen Frau.

Wenigstens den Rosenmontagszug hatte Sandra sich ansehen wollen, obwohl sie seit Wochen jeden Tag den Tränen so nahe war. In der Dunkelheit der Nacht, wenn sie allein war, schluchzte sie in die Kissen und sank erst gegen Morgen in einen unruhigen Schlaf …

Das große närrische Ereignis war vorbei.

Sandra beschloss, nach einem kurzen Bummel durch die Stadt wieder nach Hause zu gehen. Die Party, zu der ihre Freunde sie eingeladen hatten, musste ohne sie steigen. Mit ihr war nichts los in dieser Karnevalssaison, leider, und ehe sie den anderen die Stimmung vermieste, hielt sie sich lieber fern.

In der Hand hielt Sandra ein Mimosensträußchen, das ihr Seine Tollität Prinz Karneval persönlich vom Prunkwagen zugeworfen hatte. Ihre zierliche Gestalt in der ersten Reihe der Zuschauer musste ihm wohl aufgefallen sein. Bauer und Jungfrau hatten sie mit je einer Tafel Schokolade bedacht. Das war schon eine besondere Ehre!

Aber freuen konnte sich Sandra trotzdem nicht.

In ihrem schwarzen Haar steckte eine bunte Papierblume, das einzige Attribut an den diesjährigen Karneval. Ach ja, ein paar Luftschlangen waren auf ihrem Mantel gelandet und kringelten sich elegant um den Kragen. Aber das war wirklich alles.

Während die Kölner Jecken natürlich in allerbester Stimmung waren und in alle Richtungen auseinanderstrebten, um sich zu amüsieren, starrte Sandra gedankenverloren vor sich hin.

Es wäre lohnender gewesen, nach oben zu schauen, denn das Wetter war prächtig. Sonne, fast frühlingshafte Temperaturen, ein leichter angenehmer Wind – mit diesen Trümpfen wartete der blitzblanke Februartag auf. Nur ein paar harmlose Wölkchen segelten am blauen Himmel dahin.

Neben Sandra stand noch immer dieser Mann im roten Umhang. Pünktlich zu Beginn des Karnevalsumzuges war er aufgetaucht und hatte sich auf das Plätzchen neben ihr geschoben.

Er trug eine auffällige venezianische Maske, ein ausgesprochen schönes Exemplar.

Wahrscheinlich war ihm unter dem Kunstwerk hin und wieder die Luft ausgegangen, denn einige Male hatte er es kurz angehoben.

Natürlich war Sandra nicht daran interessiert gewesen, näher hinzusehen. Aber der ungewöhnliche, groß gewachsene Mann hatte einen gewissen Eindruck auf sie gemacht. Zwischen all der überschäumenden Ausgelassenheit wirkte er wie ein Fremder, der mit dem Kölner Karneval nichts anzufangen wusste. Und das, obwohl er kostümiert war.

Aber eigentlich, stellte Sandra fest, handelte es sich gar nicht um ein Karnevalskostüm. Die Verkleidung wirkte so echt, dass er wirklich wie ein venezianischer Graf aus längst vergangenen Zeiten aussah. Mit dem munteren Narrentreiben ringsum hatte das nichts zu tun.

Nun nahm der Mann die schöne, kunstvoll bemalte Maske erneut ab und holte tief Luft, und Sandra riskierte einen raschen Seitenblick. Das Gesicht unter der Maske gefiel ihr, das musste sie zugeben. Der Venezianer sah ausgesprochen gut aus. Wahrscheinlich wusste er das auch, denn jetzt lächelte er sie an.

»Hätten Sie Lust, mit mir ein Glas Champagner zu trinken?«, fragte er. »Irgendwo gibt es doch sicher ein nettes Lokal, das Sie empfehlen könnten. Ich kenne mich leider in der Stadt zu wenig aus.«

Sandra musterte ihn für einige Augenblicke von der Seite.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie etwas gegen mich haben, obwohl Sie mich eben so skeptisch gemustert haben«, fügte der Mann selbstbewusst, aber nicht aufdringlich hinzu. »Es war ein Blick aus den Augenwinkeln, aber ein sehr interessierter, wenn ich mich nicht irre.«

»Sie sind völlig auf dem Holzweg, Exzellenz«, gab Sandra ärgerlich zurück. »Mir steht der Sinn weder nach Champagner noch nach Ihrer Gesellschaft. Aber jemand, der so toll kostümiert ist wie Sie, findet doch mit Leichtigkeit den passenden Anschluss. Wenn man in Köln nicht allein bleiben will, dann muss man es auch nicht. Aber ich brauche keine Gesellschaft. Viel Spaß noch.«

Ehe er etwas erwidern konnte, verschwand Sandra um die nächste Ecke. Sie kannte sich in jedem Winkel ihrer Heimatstadt aus und wusste, wo man auch am Rosenmontag ein halbwegs ruhiges Plätzchen finden konnte.

Die kleine Gasse mit den malerischen Altstadthäuschen zum Beispiel war ideal, um dem Trubel zu entfliehen. Ein schickes kleines Bistro gab es hier, in dem es auch heute gedämpft zuging.

Sandra konnte sich jedoch nicht recht dazu entschließen, dem »Blue Point« einen Besuch abzustatten, obwohl sie gern einen Cappuccino getrunken hätte. Vielleicht einen italienischen Likör dazu, schön süß, damit die Bitterkeit in ihrem Herzen ein wenig überlagert wurde … Sollte sie oder sollte sie nicht?

Unschlüssig hockte sie sich auf einen Mauervorsprung. Eine Gruppe laut singender Clowns zog vorüber, ohne sich um Sandra zu kümmern, dann war es – dem Himmel sei Dank – wieder ruhig.

»Ich habe es nur Michael zu verdanken, dass ich mich so miserabel fühle«, murmelte sie vor sich hin. »Dieser Schuft!«

Wahrscheinlich sonnte er sich mit seiner neuen Flamme irgendwo in südlichen Gefilden.

Vor zehn Tagen war er jedenfalls spurlos aus Köln verschwunden, und seine Neue ebenfalls, wie man sich erzählte.

Hausmeister Bechtold, ein vorzüglicher Beobachter, hatte Sandra berichtet, Herr Scheller sei mit der attraktiven Frau Leyen per Taxi zum Flughafen gefahren. Eine ganze Menge Gepäck hätten die zwei bei sich gehabt. Und vorher, so Fritz Bechtold, habe der Herr Scheller sein Architekturbüro sorgfältig verriegelt. In den Räumen sei allerdings, außer ein paar einfachen Tischen, nichts mehr gewesen. Die Computer – weg. Das moderne Designer-Mobiliar – verkauft.

Was war passiert?

Vor etwa einem Monat hatte Sandra Becker, achtundzwanzig Jahre jung, hübsch und gelernte Chefsekretärin mit fundierten Fremdsprachenkenntnissen, das Büro ihres Verlobten in der City zum letzten Mal betreten.

Sie erinnerte sich bis ins kleinste Detail an diesen Tag, an dem ihr Traum vom Glück wie ein Kartenhaus in sich zusammengestürzt war.

Unermüdlicher beruflicher Einsatz in Michaels Architekturbüro von acht Uhr am Morgen bis sechs Uhr am Abend, dazu Überstunden, Verzicht auf die Mittagspause, stets absolut korrekte Arbeit – so lautete das Resümee der letzten beiden Jahre für Sandra.

Ihr Verlobter hatte sich gern beim Golfen oder Schwimmen entspannt, und sie hatte ihm die großzügige Freizeit und seinen Sport gegönnt. Von Herzen sogar.

Dann, an diesem kalten, nebligen Tag im Januar, war Michael im Büro erschienen, hatte sich in seiner gewohnt lässigen Art in den Sessel geschwungen und eine Rede gehalten.

»Kleines, vielleicht kommt das ja sehr plötzlich für dich, aber du hast sicher schon gemerkt, dass ich finanziell nicht auf Rosen gebettet bin. Klar, das wird schon wieder, aber momentan muss ich mal eine Pause einlegen und nachdenken. Das Büro wird ab morgen bis auf Weiteres geschlossen, und leider heißt das für dich, dass du dich nach einer neuen Arbeitsstelle umsehen musst. Tja, alles verändert sich im Leben, und das schneller, als man denkt. Man sollte darauf gefasst sein und flexibel bleiben.«

Nach und nach hatte er dann ziemlich schonungslos die ganze Wahrheit vor ihr ausgebreitet.

Es war ihm gar nicht so sehr ums Geld gegangen, denn er wusste bereits, wo er die fehlende Summe herbekommen würde: von Yvonne, dem Mädchen mit dem schönsten kupferroten Haar in ganz Köln – hauptberuflich verwöhnte, zickige Tochter des angesehenen Kölner Firmenbesitzers Franz Leyen und dessen Frau Doris.

An jenem schrecklichen Januartag hatte sich Michaels Geständnis also in erster Linie um die Affäre mit Yvonne gedreht. Es war ihm angeblich ja alles so unter die Haut gegangen, der unvermeidliche Abschied von Sandra, die geplatzte Verlobung, die Schließung seines Büros und so weiter und so fort.

»Ich liebe dich eben nicht mehr so, Sandy, und deshalb muss ich Nägel mit Köpfen machen, obwohl es mir furchtbar wehtut. Du bist jetzt traurig und enttäuscht, aber Kopf hoch. Es werden wieder bessere Zeiten für dich kommen. Sieh es auch positiv. Wir haben doch gar nicht wirklich zueinandergepasst.«

Dies waren die letzten Sätze gewesen, die sie aus seinem Mund gehört hatte. Sandra war regelrecht davongelaufen, um Michael keine Minute länger sehen zu müssen.

Und nun saß sie wie ein Häufchen Unglück auf dem Mäuerchen gegenüber vom »Blue Point« und trauerte.

»Ich bin ja so naiv gewesen«, flüsterte sie vor sich hin, während aus einer Seitenstraße Karnevalslieder erklangen. »Habe ich denn wirklich nicht gemerkt, dass Michael mich an der Nase herumgeführt hat? Oder wollte ich es einfach nicht wahrhaben?«

Sie war über die Demütigung, die ihr dieser Mann zugefügt hatte, noch lange nicht hinweg. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.

Sandra schluchzte vor sich hin, und der Rest der Welt schien nichts anderes als Frohsinn und Karneval im Kopf zu haben. Niemand beachtete sie, niemand tröstete sie.

Wirklich niemand?

***

»Hier bitte, nehmen Sie«, sagte eine Männerstimme. »Taschentücher. Ich habe Ihnen vorhin schon angesehen, dass Sie ein Problem mit sich herumschleppen.«

Sandra hob Kopf.

Vor ihr stand der Fremde im venezianischen Kostüm. Seine braunen Augen musterten sie mitfühlend. Die Maske hatte er endgültig abgenommen. Er trug sie wohl in einem Lederbeutel über seiner Schulter.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte er.

»Gar nicht. Lassen Sie mich einfach in Ruhe«, entgegnete Sandra reichlich patzig. »Danke für die Taschentücher. Und nun, auf Wiedersehen, Conte. Ihren Namen weiß ich ja nicht.«

Er lachte.

»Die Maske zeigt angeblich das nur leicht verfremdete Antlitz des Grafen Adorno, der irgendwann im Mittelalter in Venedig gelebt haben soll. Jedenfalls hat mir das der alte Mann in dem kleinen Antiquitätengeschäft am Markusplatz anvertraut. Dort habe ich mich nach einem Souvenir umgesehen. Graf Adorno oder nicht, ich fand die Maske sehr interessant und habe sie sofort gekauft. Den Umhang bekam ich dann noch zu einem Spottpreis obendrauf.« Er zögerte einen Augenblick und setzte dann leiser hinzu: »Das ist nun schon eine Weile her. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit.«

»Wirklich?«, sagte Sandra abweisend. »Wie auch immer, ich möchte jetzt trotzdem gern allein sein. Leben Sie wohl, Graf Adorno!«

»Sie sind widerspenstig«, beschwerte sich der Venezianer. »Und Sie haben keinen Sinn für Romantik. Wir könnten uns über Venedig unterhalten, über die Kanäle, die Palazzi und die Gondeln …«

»Ich bin aber nicht in der Stimmung dazu.«

»Schade. Ich würde gern alles tun, um Sie aufzuheitern. Vielleicht trinken Sie ja doch ein Glas Champagner mit mir?« Er wies auf das Bistro. »Da drin gibt es sicher ein gemütliches Plätzchen für uns. Glauben Sie mir, ich bin ein einsamer Außenseiter zwischen all den ausgelassenen Leuten. Ich komme nämlich aus Norddeutschland, genauer gesagt aus Schleswig-Holstein, und bin zum ersten Mal beim Kölner Karneval dabei. Momentan fühle ich mich wie ein Wesen von einem anderen Stern. Bei uns in Plön kennt man diese Art von … Belustigung nicht …«

Unwillkürlich musste Sandra lachen.

»Sie haben wohl eine ganz besondere Art von Humor«, meinte sie. »Verkleidet sind Sie als mittelalterlicher Graf von Venedig. In Wahrheit sind Sie jedoch ein Mann aus dem hohen Norden, kommen sich aber vor wie ein Marsmensch. Stimmt das?«

»Ganz richtig. Marsmensch trifft genau den Kern! Ich hätte es nicht besser ausdrücken können.« Er stimmte in ihr Lachen ein und setzte hinzu: »Der Kölner Karneval ist äußerst gewöhnungsbedürftig, finde ich. Hoffentlich mache ich mich jetzt mit dieser Bemerkung nicht ganz und gar unbeliebt bei Ihnen. Ich vermute, Sie sind ein echtes Kölner Mädchen!«

Ehe Sandra etwas erwidern konnte, legte er den Arm um sie und öffnete die Tür zum Bistro.

Das »Blue Point« erwies sich im augenblicklichen Karnevalstrubel tatsächlich als kleine Oase. Gedämpfte Musik, die nichts mit den aktuellen Schunkelliedern zu tun hatte, sorgte für eine gepflegte und entspannte Atmosphäre. Nur ein winziges Tischchen war noch frei.

Blaue Glitzergirlanden zierten die Wände, ein kleines Zugeständnis an den Karneval. Blau waren auch die Kerzen, die weichen Sessel und die runden Tische.

»Alles blau«, bemerkte der Graf. »Ich liebe diese Farbe. Wissen Sie übrigens, dass Sie die schönsten blauen Augen der Welt haben?«

»So etwas musste ja kommen«, seufzte Sandra. »Sie wollen mich nur anbaggern. Na ja … Männer. Alle sind gleich. Am besten, ich verabschiede mich sofort wieder …«

»Bitte nicht!« Er wurde ernst. »Ihre Augen sind wirklich wunderschön.«

Es klang durch und durch ehrlich.

Sandra schwieg, während er eine sündhaft teure Flasche französischen Champagner bestellte und dazu eine Platte mit pikanten Vorspeisen. Anscheinend kannte er sich in der Welt der kulinarischen Genüsse bestens aus.

»Ich mag Trinksprüche nicht«, sagte er, als das exquisite Getränk im Glas perlte. »Aber heute mache ich mal eine Ausnahme. Ich möchte mit Ihnen darauf anstoßen, dass wir uns an diesem turbulenten Tag begegnet sind. War es Zufall oder sogar Schicksal?«

»Das weiß man nie«, erwiderte Sandra, die schon nach den ersten Schlückchen ein angenehmes Kribbeln verspürte.

Nicht nur der Champagner hatte es in sich, auch ihr charmantes Gegenüber.

Sie dachte kurz darüber nach, was Michael wohl sagen würde, wenn er sie hier mit diesem interessanten, gut aussehenden Mann sehen könnte. Wahrscheinlich hätte er sich unglaublich geärgert.

»Es hatte also doch sein Gutes, dass ich mich in meiner Verkleidung unters Volk gemischt habe«, fuhr unterdessen der Mann aus dem Norden fort. »Zuerst wollte ich im Hotel bleiben, weil ich dieses ganze Karnevalstreiben viel zu laut fand. Aber dann habe ich mich doch aufgerafft. Ich sah Sie mit Ihrer bunten Blume im Haar am Straßenrand stehen, so schön wie eine Elfe, und von einer Sekunde zur anderen …«

»Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, Herr von und zu Adorno, dann verschonen Sie mich mit süßlichen Komplimenten«, unterbrach Sandra ihn. »Von Elfen halte ich sowieso nicht viel. Die gehören ins Reich der Märchen und Sagen.«

»Stimmt. Aber behaupten Sie bitte nicht, dass Sie etwas gegen Märchen haben. Sie sind eine Frau mit viel Gefühl und Einfühlungsvermögen. Das sehe ich Ihnen an. Frauen wie Sie lieben fantasievolle Geschichten.«

»Hm.« Ihr fiel keine passende Antwort ein. Was hätte sie auch erwidern sollen?

Dieser Mann verblüffte sie. Vor allen Dingen schien er ihr mitten ins Herz zu schauen. Wie machte er das nur?

Viel zu schnell trank sie ihr Glas aus, und das eiskalte Getränk stieg ihr auch sogleich zu Kopf.

»Jetzt wird es aber Zeit, dass ich mich vorstelle«, setzte ihr Begleiter das Gespräch fort. »Es geht doch nicht an, dass Sie ständig ›Graf Adorno‹ zu mir sagen. Ich heiße Alex von Randeck und wohne zehn Kilometer von Plön entfernt auf einem Gut.«

»Und was machen Sie da? Ist es dort nicht furchtbar einsam und langweilig?«

»Du meine Güte, Sie haben ja keine Ahnung!« Er betrachtete sie amüsiert. »Na gut, der Besitz liegt inmitten von Seen, Wiesen und Feldern, und große Wälder gibt es auch. Viel Landschaft eben. Aber es ist nicht einsam. Jedenfalls empfinde ich das nicht so. Ganz in der Nähe liegt das Dorf Lindenbach. Bis zur Ostsee fährt man knappe zwanzig Kilometer, und in Kiel ist man auch ziemlich schnell. Außerdem kenne ich eine Menge Leute. Ab und zu wünsche ich mir, mal einen Tag ganz für mich allein zu haben. Aber das lässt sich kaum einrichten.«

»Und Sie heißen wirklich ›von Randeck‹?«

Nun lachte er schon wieder. »Ja, warum nicht?«

Sandra nippte an ihrem zweiten Glas Champagner. Auf einmal war ihr Michael völlig schnuppe, und sie fühlte sich so frei wie ein Vogel im Wind.

Woran lag das nur? An dem prickelnden Edelgetränk oder an dem Mann namens Alex?

»Von Randeck«, wiederholte sie und kicherte. »Nun sagen Sie bloß nicht, dass Sie wirklich ein Graf sind.«

»Kein Graf, aber ein Baron.«

»Ein Adliger! Kaum zu glauben! Und wie soll ich Sie jetzt nennen? Herr Baron? Oder Herr von Randeck? Muss ich jetzt einen Hofknicks machen?«

»Seien Sie doch nicht so spöttisch«, wies er sie scherzhaft zurecht. »Ich bin ein ganz normaler Mensch. Von Ihnen möchte ich gern Alex genannt werden, und außerdem hat man mir gesagt, dass sich im Kölner Karneval alle duzen.«

»Falsch, ganz falsch, verehrter Herr Baron! Aber weil Sie es sind, bin ich mit dem Du einverstanden. Also, Alex, du bist ein sympathischer Mensch. Was hast du Interessantes zu erzählen?«

Er betrachtete sie entzückt. Sie hatte einen kleinen süßen Schwips, ihre blauen Augen strahlten. Vorhin war sie noch so traurig und bedrückt gewesen, dass ihn das Mitleid überwältigt hatte. Dieses Mädchen war bezaubernd!

»Es gibt viele interessante Dinge, hier in Köln und natürlich auch anderswo«, erwiderte er mit einem Lächeln. »Aber darüber können wir später reden.«

»Es gibt kein Später.« Sie schüttelte den Kopf. »Nachher gehe ich nach Hause, und du igelst dich vermutlich in deinem Hotel ein.«

»Ich weiß noch immer deinen Namen nicht, Prinzessin.«

»Becker, Sandra Becker. Ohne ›von‹. Geboren in Köln vor achtundzwanzig Jahren. Und ich wohne immer noch hier. Vermutlich werde ich es auch nie schaffen, meine Heimatstadt zu verlassen. Urlaubsreisen sind in Ordnung, aber in eine andere Gegend könnte ich nicht umziehen. Allenfalls in die Eifel wie meine Eltern.«

»Aha. Die Eifel beginnt da, wo Köln aufhört, nicht wahr?« Alex von Randeck winkte der Kellnerin und bestellte zwei Espressos.

»So könnte man sagen. Die Eifel ist Kölns grünes Vorzimmer«, witzelte Sandra. »Einfach herrlich! An den Wochenenden bin ich meistens dort. Meine Eltern sind vor zwei Jahren in den Ruhestand getreten und haben sich in Blankenheim ein Haus gekauft. Das war schon immer ihr Wunsch. Ich fahre für mein Leben gern dorthin. Es ist ja nicht weit.«

Der Espresso kam – schwarz, stark und süß.

»Genau das kann ich jetzt brauchen«, erklärte Sandra. »Und mit dem Champagner ist Schluss. Ich vertrage nicht viel davon. Dieses Prickelgetränk macht mich viel zu redselig. Ehe ich meine ganze Lebensgeschichte vor Ihnen ausbreite – vor dir, meine ich – verzichte ich lieber.«

»Aber ich höre dir gern zu, Sandra. Du redest keineswegs zu viel. Sag mir doch, warum du vorhin geweint hast.«

»Nein. Das war rein privat.«

»Bitte.« Er nahm ihre Hand. »Wir sind doch auf einer gemeinsamen Wellenlänge. Merkst du das denn nicht?«

»Doch. Aber wir kennen uns erst ganz kurz, daran ändert auch die tollste Wellenlänge nichts. Und ich rede mit Fremden nicht über mein Privatleben. Schon gar nicht im Karneval.«

Er schien ein wenig enttäuscht zu sein.

»Na ja«, murmelte er. »Dann muss ich wohl bis morgen warten, vielmehr bis zum Aschermittwoch, denn dann ist die Narrenfreiheit aus und vorbei. Kein Karneval mehr, sondern absolute Ruhe in der Stadt.«

»Es ist nie absolut ruhig in Köln«, widersprach Sandra. »Das wäre ja auch entsetzlich. Aber ich muss gleich mal einen Riegel vorschieben. Wie ich schon sagte, wir trennen uns nachher und treffen uns nicht wieder. So ist das nun mal im Leben. Du fährst zurück in deine Wiesen und Felder, und ich bleibe in der Stadt.«

»Ich wünsche mir aber sehr, dass wir uns wiedersehen. Morgen und übermorgen. Bitte, Sandra. Ich reise erst am Donnerstag ab.« Plötzlich zog er ihre schmale Hand an seine Lippen. »Bitte«, wiederholte er eindringlich, lächelte aber dabei. »Sandra, du kannst mich doch in dieser fremden Stadt nicht untergehen lassen!«

Unwillkürlich errötete sie. Ihr wurde heiß und heißer. Daran war jetzt sicher der Espresso schuld!

»Witzbold«, konterte sie rasch. »Du siehst nicht so aus, als ob du dich in Köln nicht allein zurechtfinden würdest. Vermutlich warst du schon überall auf der Welt. Ein Baron kann sich das leisten. New York, Hongkong …«

»New York ja, Hongkong nein.« Er lehnte sich zurück. »Los Angeles, Kopenhagen, Stockholm und so weiter. Meine Eltern reisten gern und nahmen mich schon als Kind überall hin mit. Ach ja, und dann darf ich Venedig nicht vergessen.«

»Richtig, Venedig.« Sie seufzte. »Die romantische Stadt mit den nostalgischen Gondeln. Ich war auch schon dort. Aber eine so schöne Maske wie die des Grafen Adorno habe ich nicht gefunden.«

»Eigentlich waren es zwei Masken, die ich gekauft habe«, warf er ein.

Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht. Er schob sein Glas zur Seite.

»Die eine hatte sich meine Frau ausgesucht«, murmelte er. »Es war eine Harlekinmaske, rundum mit Federn besetzt. Eine Kostbarkeit, daher nicht gerade billig. Aber das spielte keine Rolle. Ilka war ganz vernarrt in die Maske. Also habe ich sie ihr geschenkt.«

»Sie sind … du bist verheiratet?« Um ein Haar wäre Sandra aufgesprungen und hätte das Bistro fluchtartig verlassen. »Also, das finde ich ja allerhand!«, rettete sie sich in einen poltrigen Ton. »Du flirtest mit mir, während deine Frau irgendwo allein und verlassen auf dich wartet. Im Karneval ist zwar so einiges erlaubt, aber für so etwas bin ich nicht zu haben, Herr Baron!«

»Du schimpfst wie ein Rohrspatz«, unterbrach er sie. »Aber beruhige dich, Sandra. Ich war verheiratet. Meine Frau ist tot. Im April ist es zwei Jahre her.«

»Ach Gott«, stammelte Sandra. »Entschuldige bitte, Alex. Ich habe mich benommen wie ein Elefant im Porzellanladen.«

»Du hast es ja nicht ahnen können.«

»Eure Hochzeitsreise ging nach Venedig?«

Er nickte. »Ja. Eine Woche waren wir dort, danach einige Tage in Rom und zum Schluss auf Capri. Sie wollte immer einmal wieder dorthin fahren. Aber es kam nicht mehr dazu.«

»Das tut mir alles so schrecklich leid«, flüsterte Sandra.

»Viel zu oft geht mir dieses Unglück durch den Kopf, bei dem sie ums Leben kam«, murmelte Alex von Randeck gedankenverloren. »In den letzten Wochen war es wieder besonders schlimm. Ich grübelte pausenlos und fand nachts kaum Schlaf. Als mir ein Freund den Rat gab, mich gründlich abzulenken, entschied ich mich für diese Reise nach Köln. Aber das ausgelassene Treiben macht mich eigentlich nur noch trauriger.«

»Natürlich, das ist kein Wunder.« Leise fügte Sandra hinzu: »Du hast deine Frau sicher sehr geliebt.«

Er schwieg einen Augenblick, ehe er antwortete.

»Sie war mein Herzblatt.« Er räusperte sich umständlich. »Zart, lieb, irgendwie zerbrechlich. Ihre Augen waren so sanft. Jeder, der Ilka ansah, war entzückt. Vielleicht habe ich mir nicht genug Zeit für sie genommen, und das belastet mich jetzt mehr, als ich sagen kann.«

»Man darf sich keine Schuld an Dingen geben, die unabänderlich sind.«

»Das ist richtig. Aber in der Tat begann ich gleich nach unserer Hochzeitsreise, das Gut zu vergrößern und verschiedene Umbauten vorzunehmen. Bevor das erste Baby kommen würde, sollte alles fertig sein. Das hatte ich mir vorgenommen. Meine Eltern zogen nach Sylt, ich stellte einen neuen Verwalter ein und strukturierte mit ihm zusammen wichtige Bereiche völlig neu. Meine Freizeit war knapp bemessen. Ilka beschwerte sich nie, aber sie litt unter meiner Arbeitswut. Ja, ich war wie besessen von dem Gedanken, aus dem Gut einen makellosen Vorzeigebetrieb zu machen.«

»Es ist dir vermutlich gelungen«, warf Sandra ein.

»Und ob! Aber ich habe einen hohen Preis bezahlt.« Er starrte vor sich hin. »Meine Frau fühlte sich zurückgesetzt, weil ich dauernd beschäftigt war. Sie wirkte sehr bedrückt, obwohl ich ihr versprach, mir nach Abschluss der Umbauten wieder mehr Zeit für sie zu nehmen. Weil Ilka künstlerisch sehr begabt war, belegte sie im zweiten Jahre unserer Ehe einen Malkurs in Seehagen, einem kleinen Ort am Meer. Sie fuhr sehr oft dorthin, zwanzig Kilometer hin, die gleiche Strecke zurück. Bis es passierte …«

»Es war also ein Autounfall?«, erkundigte sich Sandra mitfühlend.

»Ja. Sie wurde von der tief stehenden Sonne geblendet, als sie eines Tages auf dem Rückweg von Seehagen war.« Die Stimme des Barons klang plötzlich heiser. »Jedenfalls steht das so im Polizeibericht. Kurz vor ihrer Abfahrt hatte Ilka mich noch angerufen. Sie war irgendwie aufgewühlt, sprach von ihren Bildern, die sie demnächst ausstellen wollte, und dass wir am Abend darüber reden müssten.«

»Das ist schrecklich traurig.« Angesichts des Schicksalsschlages, den dieser Mann erlitten hatte, kamen Sandra ihre eigenen Sorgen ziemlich nichtig vor. Michael hatte sie zwar schmählich hintergangen, aber er war die Tränen nicht wert, die sie seinetwegen vergossen hatte!

»Meine Frau war allein im Wagen«, fuhr indessen der junge Baron fort. »Sie war eine sehr umsichtige Autofahrerin. Auch an jenem Spätnachmittag war sie mit gemäßigtem Tempo unterwegs, wie ich später erfuhr. Ein Landwirt, der in der Nähe auf seinem Feld beschäftigt war, wurde Zeuge des Unfalls. Das Auto landete zwar auf einer Wiese neben der Straße, war aber nur an der rechten Seite beschädigt. Sie muss wohl einen Baum gestreift haben.«

»Mein Gott, womöglich hat sie starke Schmerzen gehabt …«, hauchte Sandra.

Alex schüttelte den Kopf.

»Zwei, drei Minuten nach dem Unfall war der Bauer zur Stelle und veranlasste alles Nötige. Der brave Mann glaubte, Ilka sei nur bewusstlos. Es sah ja alles auch nicht schlimm aus. Sie hatte fast keine sichtbaren Verletzungen, nur ein paar Schrammen und eine Platzwunde an der Stirn. Als der Rettungswagen kurze Zeit später eintraf, schlug jedoch ihr Herz nicht mehr.«

»Aber weshalb überlebte sie den Unfall nicht, wenn sie doch kaum verletzt war?«

Die tragische Geschichte berührte Sandra zutiefst.

»Sie hatte eine schwere innere Blutung, das wurde später festgestellt. Sämtliche medizinischen Maßnahmen kamen zu spät, obwohl der Notarzt alles Menschenmögliche tat. Es war aussichtslos, die Wiederbelebungsversuche scheiterten. Meine Frau wurde nur siebenundzwanzig Jahre alt.

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