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Silvia Duett - Folge 09

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. In jener Nacht gab ich dir alles
  4. Verlorene Träume der Liebe
  5. Vorschau

In jener Nacht gab ich dir alles

Frauen! Henrik van Doeren zieht verächtlich die Mundwinkel herab. Sie können ihm alle gestohlen bleiben, egal, ob sie Annelie, Melinda oder Jana heißen. Hinter dem Aussehen eines Engels verstecken sie die Seele eines Teufels. Alle sind sie da gleich! Doch halt!

Jana – sie sieht wahrhaftig nicht aus wie ein Engel, eher wie ein … Henrik beißt sich auf die Zunge. Dass Jana aussieht wie ein halber Junge könnte ja – natürlich nur rein theoretisch – bedeuten, dass sie dann tatsächlich ein Engel wäre.

Nein, nein, nein! Henrik ist fest entschlossen, sich nicht noch einmal einwickeln zu lassen …

»Du wirst Melinda vergessen, Henrik«, sagte Hella van Doeren voller Überzeugung und trat hinter ihren Bruder, der vor dem Kamin kniete und mit finsterem Gesicht zerrissene Fotos in das knisternde Feuer warf. Den mitfühlenden Händedruck seiner Schwester bemerkte er kaum. »Sie ist es nicht wert.«

»Oh, mach dir um mich keine Sorgen«, erwiderte Henrik und erhob sich. »Ich werde es überleben.«

»Sicher.« Sie nickte. »Es fragt sich nur, wie. Du hast sie geliebt, oder nicht?«

»Habe ich das?«, kam es derart kalt zurück, dass ein eisiger Schauer über Hellas Rücken lief.

»Henrik, bitte!«, rief sie verzweifelt und packte ihn an den Schultern. »Lass es nicht zu! Bitte! Du hast doch eben erst wieder angefangen, wirklich zu leben. Lass nicht zu, dass eine Frau wie Melinda dein Leben zerstört. Versteck dein Herz nicht wieder hinter einem Panzer aus Eis.«

Henrik van Doeren musterte seine besorgte Schwester aus hellen, ausdruckslosen Augen.

»Zum ersten Mal, seit Annelie mich verlassen hat, habe ich einer Frau wieder vertraut – nur, um ein weiteres Mal enttäuscht zu werden. Nein, Hella, so etwas wird mir nie wieder passieren.«

»Henrik, kein Mensch kann ohne Liebe leben«, widersprach Hella ihrem Bruder und wusste doch schon, wie sinnlos ihre Worte waren.

»Ich musste schon einmal ohne Liebe leben«, entgegnete er mit bitterem Lachen. »Und ich kann es wieder. Soll man mich doch für einen Eisklotz ohne Gefühle halten. Damit kann ich leben – mit immer neuen Enttäuschungen nicht!«

»Wenn es nur das wäre.« Seine Schwester seufzte niedergeschlagen. »Aber seit der Geschichte mit Annelie wirfst du alle Frauen in einen Topf. Du verachtest sie alle und begegnest ihnen auch so, selbst denen, die es gut mit dir meinen.«

Henrik lachte auf. »Gut mit mir? Mit sich selbst, meinst du wohl. Melinda ist doch der schlagende Beweis. Ich habe ihr vertraut, aber sie hat keinen Augenblick lang diese Gefühle erwidert. Sie wollte sich mit dem Eisklotz Henrik van Doeren schmücken. Du hättest den Triumph in ihren Augen sehen sollen, als ich ihr meine Liebe gestand.«

»Ja, sie hat dich enttäuscht«, stimmte seine Schwester seinen bitteren Worten zu. »Aber durch sie hast du doch auch erkannt, dass deinem Leben etwas fehlt, oder etwa nicht?«

»Durchaus nicht, Hella, durchaus nicht. Das alles hat mir nur gezeigt, wie recht ich hatte!«

»Du bist verletzt, das ist verständlich«, meinte Hella. »Vielleicht solltest du erst einmal etwas Abstand gewinnen. In ein paar Wochen siehst du sicher alles ganz anders, Henrik.«

Er lachte auf. »Was soll ich tun? Mich in ein Mauseloch verkriechen und dann mein Schicksal beweinen?«

»Warum fährst du nicht für ein paar Tage nach Estersum, in deine Kate?«, schlug sie vor. »Dort hast du Gelegenheit, über alles nachzudenken und mit dir ins Reine zu kommen.«

Henriks Blick schien in eine weite Ferne zu gleiten.

»Estersum«, wiederholte er leise, und es klang beinahe sehnsüchtig. »Ja, das ist eine gute Idee. Estersum …«

Die alte, schon recht windschiefe Kate mit den kleinen Butzenfenstern und dem tief herabgezogenen Strohdach lag einsam, den Blicken der Welt entzogen, zwischen einem ausgedehnten Waldgebiet und einem der letzten, noch intakten Moore.

Auf Kilometer im Umkreis gab es keine Nachbarn, nur ein kleines Dorf lag auf der anderen Seite des Waldes, fast schon an der holländischen Grenze. Niemand wusste mehr, wer diese Behausung einst errichtet hatte, denn die Gegend eignete sich weder für die Landwirtschaft noch für die Viehzucht.

Henrik van Doeren war das gleich. Er liebte diese Kate, gerade weil sie so einsam lag, so völlig außerhalb der Welt.

Und als er wenige Tage nach der Unterhaltung mit seiner Schwester den großen Schlüssel vom Balken nahm und in das Schloss des breiten Holztores schob, das fast ein Drittel der gesamten Hauswand einnahm, war er nur froh, endlich hier zu sein.

Hier konnte er sich verkriechen und versuchen, zu vergessen. Alles vergessen – vor allem Melinda Brink. Die schöne Melinda, die jetzt wohl im Begriff war, ein Star zu werden – und das nur, weil ihr gelungen war, was seit Jahren etliche Frauen vergeblich versucht hatten: sein Herz zu erobern.

Ja, Hella hatte recht, es würde gut sein, sich für eine Weile von allem zurückzuziehen, vor allem aus dem öffentlichen Leben, in das er als immens reicher Guts- und Gärtnereibesitzer so fest eingebunden war.

Es würde gut sein, sich hier zu verkriechen, wo nur wenige ihn kannten und diese wenigen seine Freunde waren.

***

»Bitte?«

Jana Haagen vergaß vor Überraschung beinahe den Mund zu schließen, und nur langsam senkte sich die Gabel in ihrer Hand wieder auf den Teller zurück, während sie ihr süffisant lächelndes Gegenüber ungläubig anstarrte.

»Was sagten Sie eben, Roderich?«

Roderich Mellenbroichs Lächeln vertiefte sich ein wenig. Er war zweifellos ein attraktiver Mann und sich seiner selbst sehr sicher. Allerdings konnte Jana sich mit seinem arroganten Gehabe nicht sonderlich anfreunden, auch wenn sie ihn ansonsten recht nett und umgänglich fand.

»Ich bitte Sie, meine Frau zu werden, Jana«, wiederholte Mellenbroich die Frage, die Jana so erschüttert hatte.

»Guter Gott, Roderich«, entfuhr es seiner hübschen Begleiterin entgeistert, »wir kennen uns doch kaum!«

»Ich weiß.« Mellenbroichs Stimme blieb ruhig, und dass er auch sonst keine Gefühlsregung zeigte und sich nicht einmal beim Essen stören ließ, gefiel Jana überhaupt nicht. »Aber wir kennen uns gut genug, um zu erkennen, dass wir vom selben Schlag sind, nicht wahr?«

»Vom selben Schlag?«, wiederholte sie und hob in unnachahmlicher Art die linke Augenbraue. Im Gegensatz zu den meisten Männern, die bisher ihr Leben verunsichert hatten, beeindruckte Mellenbroich sie nicht im Geringsten.

Er lächelte weiter, als sei sie ein kleines Kind, dem er geduldig auf eine äußerst dumme Frage antworten sollte.

»Wir stehen auf der gleichen Stufe des Systems, und deshalb glaube ich, dass wir beide eine sehr gute Ehe führen werden, auch wenn ich etwas älter bin als Sie, Jana.«

Jana fegte die kleine Koketterie mit seinem Alter – immerhin war Mellenbroich fast fünfzig, wenn man ihm das auch nicht ansah – mit einer unwilligen Handbewegung beiseite.

»Ach, dann schwebt Ihnen also keine Liebesheirat vor?«, stellte sie lauernd fest.

»Natürlich nicht. Obwohl ich zugeben muss, dass ich Sie sehr reizvoll finde, meine Gute. Aber Liebe – du lieber Himmel, im Augenblick könnte ich Ihnen wohl nichts anbieten, was Sie weniger wünschten, nicht wahr?«

Jana wusste, dass er auf ihre unglückliche Liaison mit dem jungen Maler Stephan Freith anspielte, der in ihr von Anfang an nur die reiche Tochter eines noch reicheren Vaters gesehen hatte. Sie war verliebt genug gewesen, seinen Schmeicheleien und Liebesschwüren zu glauben, und hatte lange gebraucht, diesen Mann zu durchschauen.

»Allerdings«, gab sie zurück und konnte den enttäuschten und wütenden Unterton in ihrer Stimme nicht ganz verbergen.

»Eine sehr unangenehme Geschichte, ich weiß.« Mellenbroich nickte, ohne jedoch das geringste Mitgefühl zu zeigen. »Ich kenne diese Situation. Zu oft habe ich sie selbst erfahren müssen und deshalb sollten Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass Sie Ihr Glück nur an der Seite eines Mannes finden werden, der wie Sie ist – der zu Ihnen passt. Wir beide, liebe Jana, haben vieles gemeinsam, und wir könnten einander viel geben.«

»Verzeihen Sie, aber ich kann Ihnen nicht ganz folgen, Roderich.« Jana hatte sich von ihrer Überraschung erholt und nippte an ihrem Wein.

»Nein?« Etwas verblüfft legte Mellenbroich endlich sein Besteck ab und sah sie an. »Aber mein liebes Kind, das ist doch ganz einfach. Sie sind nicht nur die Tochter einer meiner besten Geschäftsfreunde, Sie entstammen zudem auch noch einer erstklassigen Familie. Ihre verstorbene Mutter war, wenn ich mich nicht irre, sogar eine niederländische Baroness, oder nicht? Eine Verbindung mit Ihnen würde meinem Renommee also sehr gut bekommen, was wiederum auf eine Intensivierung profitabler Geschäftsabschlüsse hoffen ließe. Für einen Mann wie mich ist es immer von Vorteil, nicht nur eine schöne Frau, sondern auch eine mit erstklassigen Verbindungen zu heiraten.«

Jana nickte. »Das leuchtet mir ein. Und was hätte ich von dieser Verbindung?«

»Eine gesicherte Zukunft, meine Liebe – und vor allen Dingen wären die Stephan Freiths dieser Welt keine Gefahr mehr für Sie. Denn ich, das dürfen Sie mir glauben, bin an Ihren finanziellen Angelegenheiten nicht interessiert.«

Ihr Gesicht verfinsterte sich ein wenig, als Stephans Name fiel. Was Mellenbroich sagte, war so sehr wahr, dass es ihr fast das Herz abschnürte.

»Eine schöne Frau wie ich ist offenbar kein Mensch mehr, sobald sie Geld hat«, meinte sie verbittert.

»Sie werden Männer wie Stephan Freith nicht ändern. Sie werden nur Gefahr laufen, immer wieder auf einen von Ihnen hereinzufallen. Ich biete Ihnen einen sicheren Hafen, mein Kind.«

»Ein sicherer Hafen?« Eine verlockende Vorstellung für Jana in ihrer augenblicklichen Verfassung. »Ich sollte Sie warnen, Roderich. Ich bin fest entschlossen, mich nie mehr zu verlieben, mich nie mehr so demütigen und verletzen zu lassen.«

»Ich erwarte nicht, dass Sie sich in mich verlieben«, beruhigte Mellenbroich sie. »Mir schwebt da eher so etwas wie eine Vernunftehe vor, da wir beide Vorteile von einer Verbindung zwischen uns zu erwarten haben. Wir wären gleichberechtigte Partner und könnten dennoch jeder unser eigenes Leben führen. Und Sie, Jana, hätten endlich einen festen Platz im Leben und könnten Ruhe finden – und ein bisschen Zufriedenheit.«

»Ruhe und Zufriedenheit!«

Sehnsüchtig ließ sich Jana diese beiden Worte auf der Zunge zergehen. Wie sehr wünschte sie sich gerade dies: Ruhe und Zufriedenheit! Nie mehr betrogen werden, nie mehr Männer wie Stephan Freith, nie mehr unglücklich sein. Mellenbroichs Argumente waren bestechend und verlockend – und nicht nur das, sie waren auch absolut überzeugend!

Jana musterte ihn nachdenklich. Sie betrachtete das angenehme, schmale Gesicht des Mannes, in dem sie nur der arrogante Zug in den Mundwinkeln störte. Das Haar, glatt und dunkel, war streng zurückgekämmt.

Das Seidenhemd, der elegante Anzug, die passende Krawatte, die gepflegten Hände boten das Bild eines weltgewandten, perfekten Gentlemans.

Sie kannte ihn zwar kaum, eigentlich nur durch ihren Vater und gelegentliche Einladungen zum Abendessen – wie heute –, aber sie war plötzlich sicher: wenn sie sich gegenseitig respektierten, würde sie mit ihm leben können. Gut leben können sogar.

»Sie haben völlig recht, Roderich«, sagte sie langsam. »Ich brauche einen Platz im Leben. Also sollte ich wohl wirklich besser Ihre Frau werden.«

Anzeichen größter Zufriedenheit glitten über Mellenbroichs Gesicht, und er ergriff die schmale Hand der jungen Frau.

»Sie werden es nicht bereuen, Jana, das verspreche ich Ihnen!«

***

Jana stand vor dem Spiegel und bürstete sich das lange, dunkle Haar, das dicht und glatt bis in die Taille fiel.

»Jana Haagen«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild und schnitt eine Grimasse. »Ist dir klar, dass du jetzt verlobt bist? Bald wirst du Jana Mellenbroich sein und das ehrbare und geruhsame Leben als Gattin eines erfolgreichen Geschäftsmannes führen, und kein Stephan Freith wird dich je wieder verletzen können.«

Sie ließ die Bürste sinken, als das Bild eines lächelnden, äußerst gut aussehenden jungen Mannes aus ihrer Erinnerung emporstieg.

Im Laufe ihres jetzt siebenundzwanzigjährigen Lebens war sie schon oft enttäuscht worden und hatte häufig erleben müssen, dass Männer nur an ihrem Vermögen interessiert waren oder an Geschäftsverbindungen zu ihrem Vater.

Bei Stephan Freith war sie sich ihrer Gefühle, und vor allem seiner Gefühle für sie, so sicher gewesen! Sie hatte ihn geliebt – leidenschaftlich, verzehrend. Sein Verrat war der schlimmste von allen gewesen. Sein höhnisches Lachen würde sie bis an ihr Lebensende verfolgen.

Nein, es war gut so. Sie würde Mellenbroich heiraten und endlich Ruhe finden.

Sie lächelte. Ruhe und Zufriedenheit hatte Mellenbroich ihr versprochen, und sie war sicher, an seiner Seite würde sie finden, was sie brauchte, auch wenn er zwanzig Jahre älter war als sie.

Eigentlich hätte sie wohl ihren Vater anrufen und ihn von ihrer überraschenden Verlobung unterrichten sollen – aber das, so fand sie, als sie sich den seidenen Morgenrock von den Schultern streifte und ins Bett schlüpfte, hatte auch noch Zeit bis morgen.

Irgendwie ahnte sie, dass ihren Vater diese Heirat nicht begeistern würde.

Meta Haagen, ihre Großmutter, war bereits siebzig, und obwohl sie zierlich und zerbrechlich wirkte, war sie doch äußerst agil. Sie freute sich hörbar über den Anruf ihrer Enkelin am nächsten Tag.

»Jana, wie schön, dass du dich wieder einmal meldest. Wie geht es dir so in Berlin?«

»Gut, Großmama, das weißt du doch. Ich bin so leicht nicht kleinzukriegen«, erwiderte Jana am anderen Ende der Leitung munter.

»Ja, ja, das weiß ich. Das hast du von mir«, war die alte Dame überzeugt. »Ich bin froh, dass es dir wieder besser geht, Kind. Wir haben uns große Sorgen um dich gemacht, dein Vater und ich. Aber jetzt scheint ja alles wieder in Ordnung zu sein, ja?«

»Alles, Großmama.«

»Ich sagte ja, dass du ihn schnell vergessen wirst. Er ist deine Tränen nicht wert.«

Jana lachte leise. »Das ist er wirklich nicht. Aber, Großmama, ist Paps vielleicht in der Nähe? Ich würde ihn gern sprechen, wenn es geht.«

»Natürlich geht das. Warte einen Augenblick.«

Meta nahm den Hörer vom Ohr und drehte sich zu dem großen, schweren Mann um, der in einem Ohrensessel am Fenster saß und in einer Wirtschaftszeitung blätterte.

»Klaas? Jana möchte dich sprechen.«

»Hab mich schon gefragt, ob sie ihrem alten Vater nichts mehr zu sagen hat«, murmelte er vor sich hin, erhob sich schwerfällig und nahm den Hörer, den seine Mutter ihm lächelnd hinhielt.

»Nun, Jana, meine Kleine, wie geht es dir?«

»Gut, Paps«, hörte er die samtweiche Stimme seiner Tochter. »Sehr gut sogar. Ich habe mich verlobt, Paps.«

Für einen Augenblick verschlug es ihm die Sprache.

»Das ist ein Scherz«, vermutete er.

Lachen klang an sein ungläubiges Ohr.

»Aber nein, Paps. Ich habe mich wirklich verlobt und gedenke in Kürze zu heiraten.«

»Verdammt, du bist doch nicht wieder auf einen dieser Typen hereingefallen, die außer Süßholz raspeln nichts gelernt haben?«

»Nein, Paps, diesmal ist es kein Süßholzraspler …«

»Sondern …?«

»Roderich Mellenbroich!«

»Guter Gott – nein!«, entfuhr es Klaas Haagen derart empört, dass seine Tochter überrascht schwieg. »Nicht Mellenbroich!«

Aber seine rigorose Ablehnung weckte nur ihren Widerspruchsgeist.

»Warum nicht, Paps? Was kannst du gegen ihn haben? Ist er nicht dein Geschäftsfreund?«

»Das heißt nicht, dass ich ihn mir zum Schwiegersohn wünsche: Der Mann ist zwanzig Jahre älter als du!«

»Richtig. Aber das tut nichts zur Sache, Paps. Ich bin sicher, dass Roderich der richtige Mann für mich ist.«

»Du kannst dich nicht in ihn verliebt haben«, war Janas Vater sicher.

»Wer spricht denn von Liebe?«, bekam er da auch schon ironisch zu hören. »Von Liebe habe ich ein für alle Mal genug, Paps. Roderich bietet mir einen festen Platz im Leben. An seiner Seite werde ich Ruhe und Zufriedenheit finden.«

»So siehst du die Ehe?« Klaas Haagen schüttelte den Kopf. »Du bist auf dem falschen Weg, mein Kind. Zu dieser Heirat werde ich nie und nimmer meine Zustimmung geben!«

»Falls du es vergessen hast«, klang es spöttisch zurück, »ich bin siebenundzwanzig und brauche deine Zustimmung nicht. Warum versuchst du nicht wenigstens, mich zu verstehen?«

»Diesen übereilten Entschluss soll ich auch noch verstehen?«, knurrte Haagen. »Du wirst ihn nicht heiraten und damit basta! Das ist mein letztes Wort!«, bellte er erregt in den Hörer und legte wütend auf.

Endlich nahm Klaas den besorgten Blick seiner Mutter wahr.

»Heiraten will sie«, brummte er verärgert. »Heiraten! Und ausgerechnet diesen verdammten Mellenbroich!«

»Und warum nicht? Sie ist alt genug, Klaas.«

»Du hast es doch gehört, Mutter. Von Liebe ist nicht die Rede. Ruhe und Zufriedenheit will sie an seiner Seite finden – ausgerechnet an Mellenbroichs Seite, diesem arroganten Esel!«

Theatralisch warf Klaas die Arme in die Höhe und ließ sich wieder in den Ohrensessel fallen.

»Deine Meinung von Mellenbroich ist offenbar nicht die beste. Ich dachte, er ist ein guter Geschäftsfreund?«, wunderte sich Meta und trat ans Fenster, das einen wunderbaren Blick auf den ausgedehnten Park erlaubte, der die großzügige Villa der Haagens umgab.

In der Ferne, hinter den Bäumen, konnte man bei klarer Sicht wie heute die Hochhäuser Amsterdams erkennen.

»Natürlich ist er das«, sagte Klaas Haagen. »Aber deshalb ist er noch lange nicht der Mann, den meine Tochter braucht. Glaube mir, sie macht einen schweren Fehler, wenn sie diesen Menschen tatsächlich heiratet.«

»Sie macht einen Fehler, wenn sie ihn aus reinen Vernunftgründen heiratet«, versuchte seine Mutter die Dinge etwas genauer zu sehen. »Sie hat ein paar böse Enttäuschungen hinter sich, Klaas, und ich kann verstehen, wenn sie von der Liebe nichts mehr wissen will. Aber das wird sich wieder ändern, wenn sie den richtigen Mann trifft. Und deshalb wäre es falsch, wenn sie sich in ihrem jetzigen Zustand bindet. Es wird Zeit, dass Jana sich wieder auf ihre Gefühle besinnt.«

»Ihre Gefühle, pah!«, machte Klaas verächtlich. »Du hast doch erlebt, was ihre Gefühle wert sind – immer fällt sie auf die falschen Männer herein.«

»Bis jetzt!«

»Guter Gott«, seufzte ihr Sohn, »ich wünschte, ich könnte Jana von dieser idiotischen Idee abhalten. Mellenbroich ist ein arroganter, von sich selbst maßlos überzeugter, alter Esel! Kannst du dir unsere Jana, unser schönes, temperamentvolles Kind, als seine Frau vorstellen? Sie wird eingehen wie eine Primel!«

»Oder Mellenbroich das Fürchten lehren!« Seine Mutter lachte auf. »Ich glaube, er hat sich diese Heirat nicht sehr gut überlegt.«

»Jedenfalls rufe ich ihn jetzt sofort an und sage ihm, dass er sich meine Jana abschminken kann. Aus dieser Heirat wird nichts!«, meinte Klaas Haagen entschlossen und stemmte sich wieder aus dem Sessel.

***

Roderich Mellenbroich erschien pünktlich zur verabredeten Stunde, um Jana abzuholen. Der Besuch einer Theaterpremiere war geplant. Jana sah entzückend aus in ihrem schlichten schwarzen Abendkleid und den kunstvoll aufgesteckten Haaren. Galant küsste Mellenbroich ihr die Hand.

»Bezaubernd, meine Liebe, ganz bezaubernd. Man sollte nicht glauben, dass dein Vater ein Mensch mit so einem Dickschädel ist.«

Jana begriff sofort. »Offenbar hat Paps mit dir gesprochen, Roderich, wie? War er sehr wütend?«

»Zumindest hat er mir deutlich zu verstehen gegeben, wie wenig er unsere Heirat wünscht. Aber vermutlich sprach aus ihm nur die Eifersucht eines liebenden Vaters, der Angst hat, sein einziges Kind zu verlieren. Was ich ihm, nebenbei gesagt, nicht einmal verübeln kann. Jeder Mensch wäre stolz auf eine Tochter wie dich.«

»Du bist ein Charmeur, Roderich.« Jana lächelte. »Du solltest mich nicht derart mit Komplimenten überschütten, ich könnte mich nämlich daran gewöhnen.«

Mellenbroich lachte nur, führte sie zu seinem Wagen und öffnete ihr den Fond.

»Eigentlich erstaunt es mich, dass mein Vater so sehr gegen unsere Heirat ist, Roderich«, meinte Jana nachdenklich, bevor sie einstieg. »Vielleicht ist es doch besser, ich besuche ihn und kläre die Sache, was meinst du?«

Mellenbroich nickte zustimmend.

»Eine gute Idee. Wir sollten deinen Vater nicht mehr verärgern als nötig.«

»Gut«, sagte Jana entschlossen, »dann fliege ich morgen nach Amsterdam.«

Mellenbroich machte ein besorgtes Gesicht.

»Ich nehme an, du willst selbst fliegen?«

»Aber natürlich, wozu besitze ich ein eigenes Sportflugzeug? Du wirst doch keine Angst um mich haben?«

Ihr Verlobter zuckte mit den Schultern.

»Ein wenig, was du wohl verstehen wirst. Aber natürlich weiß ich, dass du eine ganz ausgezeichnete Pilotin bist. Selbstverständlich habe ich nichts dagegen, wenn du selbst fliegen möchtest, und werde es dir nicht verbieten.«

»Selbstverständlich nicht«, gab Jana spöttisch zurück. »Weil es, ganz nebenbei bemerkt, auch gar nicht in deiner Macht läge.«

***

Jana startete mit ihrem kleinen Sportflugzeug am nächsten Nachmittag bei strahlendem Sonnenschein von einem kleinen Sportflugzeugplatz am Rande Berlins. Zwar sprach der Wetterbericht von wechselhaftem Wetter und aufziehenden Wolkenbänken im Norden, doch Jana vertraute auf ihr Glück. Und sollte die Sicht, wider Erwarten, doch zu schlecht werden, konnte sie das Schlechtwettergebiet immer noch weiträumig umgehen und Amsterdam von Süden her anfliegen.

Doch der ereignislose Flug bei herrlichstem Wetter schläferte Janas Aufmerksamkeit ein, zumal ihre Gedanken bei ihrem Vater und ihrer Großmutter weilten, die sie mit ihrem Besuch zu überraschen hoffte.

Sie war sicher, ihren Vater doch noch zu einer Einwilligung bezüglich ihrer Heiratspläne bewegen zu können, auch wenn er sich noch nie derart ablehnend verhalten hatte – nicht einmal, als sie damals Stephan Freith kennengelernt hatte.

Ehe Jana es bemerkte, steckte sie mit der kleinen Cessna tief in einer Wolkenwand. Als sie endlich aufmerksam wurde, war es zu spät.

Sie begriff, dass es sich um keine gewöhnliche Wolkenwand handelte, sondern dass dichter, undurchdringlicher Nebel die kleine Maschine völlig einschloss.

Jana versuchte, einen Notruf auszusenden, doch ihr Funkgerät gab keinen Ton von sich. Es hatte schon auf ihrem letzten Flug einen Wackelkontakt gehabt und hatte nun offenbar endgültig seinen Geist aufgegeben. Sie war fassungslos, denn sie hatte ihren Mechaniker eindringlich gebeten, das Gerät in Ordnung zu bringen.

Die Erkenntnis, völlig auf sich allein gestellt und ohne Aussicht auf Hilfe zu sein, ließ leise Panik in ihr aufsteigen.

Sie musste runter – sofort – sie musste landen, egal wie, egal wo – nur runter, so schnell wie möglich!

Doch dann besann sie sich und unterdrückte den von Panik diktierten Wunsch, die kleine Maschine im Sturzflug nach unten zu bringen, um nur so rasch wie möglich wieder Sicht auf den Boden zu bekommen.

Langsam und nur mit äußerster Vorsicht verlor die kleine Maschine an Höhe. Schemenhaft erkannte Jana unter sich einen Kirchturm und Häuser. Dann einen ausgedehnten Wald. Doch nirgendwo gab es eine Möglichkeit, zu landen.

Undeutlich sah sie, dass sich der Wald plötzlich zu einer freien Fläche öffnete. Ein Acker oder eine Wiese schob sich in ihn hinein. Was immer es auch war, es war ihre einzige Chance!

Entschlossen drückte Jana die Maschine nach unten. Der Nebel schien noch dichter zu werden. Plötzlich gab es einen scharfen Ruck. Jana flog nach vorn, ihre Hände verloren den Halt, ihr Kopf schlug hart an die Instrumententafel – dann umgab sie nur noch Dunkelheit.

Sie merkte nicht mehr, dass die Maschine, zu ihrem Glück, nur in einem flachen Winkel auf einer sumpfigen Wiese aufschlug und wie ein Pflug die Grasnarbe durchfurchte.

***

Der Nebel schluckte die dumpfen Geräusche, und Henrik nahm sie zunächst kaum wahr. Er war auf dem Rückweg zu seiner Kate, weil das Wetter immer schlechter wurde. Er hatte seinem nächsten Nachbarn geholfen, ein paar marktreife Rinder zu verladen. Keine ganz leichte Angelegenheit, denn die Tiere schienen zu spüren, was ihnen bevorstand. Die Hilfe brachte ihm ein paar frische Eier und einen kleinen geräucherten Schinken ein, eine Delikatesse, die die Anstrengung allemal wettmachte, wie Henrik fand.

Schon sah er schemenhaft die Umrisse seiner Kate vor sich auftauchen, als die Geräusche lauter wurden. Horchend blieb er stehen. Es hörte sich wie der Motor eines kleinen Flugzeugs an. Anscheinend flog es recht tief, wunderte er sich. Das Summen der Maschine wurde plötzlich ungleichmäßig und hörte sich höher an.

Besorgt sah Henrik in den Himmel. Aber er konnte nichts entdecken, bis plötzlich ein grauer Schatten über ihn hinwegglitt. Er war so tief, dass er sich unwillkürlich auf den Boden warf. Dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Krachen erfüllte die Luft. Und dann Stille! – Eine erschreckende Stille!

Henrik sprang auf und lief, so schnell er konnte, auf das Flugzeug zu, eine kleine Sportmaschine, die drohend und grau vor ihm aus dem Nebel ragte. Der Propeller hatte sich tief in die sumpfige Wiese gegraben und das Leitwerk ragte hoch in die Luft.

Als Henrik das Cockpit erreichte, sah er den Piloten bewegungslos über dem Steuerknüppel zusammengesunken. Nur mit Mühe gelang es ihm, die Tür zu öffnen, die sich beim Aufprall verzogen hatte und nun klemmte. Hastig, aber dennoch mit der gebotenen Vorsicht, zog er den Piloten aus der Maschine und trug ihn zum Waldrand.

Er zuckte beinahe zurück, als er erkannte, dass es sich um eine Frau handelte. Um eine schöne Frau noch dazu. Mit dunklem Teint und langen, schwarzen Haaren. Sie lebte, und von offenen Verletzungen konnte er auf den ersten Blick nichts sehen. Trotzdem konnte er sie nicht hier auf dem Waldboden liegen lassen, wenn er sich aufmachte, um einen Arzt zu verständigen.

Widerwillig brachte er sie also in seine Kate, in das kleine Zimmer, in dem manchmal seine Schwester Hella übernachtete, wenn sie zu Besuch kam.

Eine Frau in seiner Abgeschiedenheit, das hatte Henrik gerade noch gefehlt! Er bedeckte sie widerwillig mit einem Plaid, bevor er sich grimmig auf den Weg machte.

»Verdammt«, murmelte er ärgerlich. »Hätte sie sich keinen anderen Ort suchen können, um runterzukommen?«

Auf halbem Weg kam ihm bereits sein Nachbar mit dem Geländewagen entgegen. Auch er hatte die abstürzende Maschine bemerkt und vernahm nun erstaunt und neugierig, was passiert war.

»Ich sag sofort Dr. Jacobsen Bescheid«, versicherte der Mann. »Sollen wir sie nicht lieber zu uns bringen?«

Nichts wäre Henrik lieber gewesen, aber er winkte ab.

»Später. Warten wir lieber erstmal, bis Jacobsen sie untersucht hat«, erklärte er.

»Hm, wird wohl besser sein, falls sie sich was gebrochen hat oder so«, gab Bauer Behrens, sein Nachbar, zu. »Aber gib Bescheid, wenn du Hilfe brauchst, van Doeren.«

»Mach ich«, versprach Henrik und machte sich auf den Rückweg.

Bei der abgestürzten Maschine hielt er noch einmal an, durchsuchte das Cockpit und fand schließlich eine kleine Reisetasche, die er vorsichtshalber an sich nahm. Wahrscheinlich waren darin ihre persönlichen Sachen. Schließlich wusste man ja, was Frauen alles so mit sich schleppten, wenn sie verreisten. Sie würde den Krempel vermutlich brauchen.

Die Frau hatte sich keinen Zentimeter bewegt, als Henrik wieder in die Kate zurückkehrte und mürrisch in das Zimmer sah.

Das Beste würde sein, sie so schnell wie möglich zu Behrens zu bringen oder in ein Krankenhaus. Jedenfalls weg von hier. Henrik konnte sie hier nicht gebrauchen. Er hatte genug Scherereien mit Frauen hinter sich, als dass er sich jetzt schon wieder solchen Ärger aufhalsen würde.

***

In Janas Kopf dröhnte es, als sei gleich eine ganze Kolonne von Bauarbeitern mit Presslufthämmern angerückt, um sie zu malträtieren. Jeder Atemzug glich dem Tanz eines Fakirs auf dem Nagelbrett ihrer Rippen. Hinzu kam, dass sie sich müde, zerschlagen und lahm vorkam. Wie eine flügellahme Ente, dachte sie, und traf es wohl ziemlich genau.

Mit dieser Maschine würde sie sicher nicht mehr aufsteigen können. Den Schmerzen nach zu urteilen, die sie am ganzen Körper spürte, musste die Landung äußerst ruppig ausgefallen sein.

Mühsam versuchte Jana, den Kopf zu heben, und wurde sich langsam bewusst, dass sie nicht mehr in der Maschine saß, sondern in einem weichen Bett lag. Einem recht kurzen allerdings, denn sie konnte mit ihren Zehen das hölzerne Fußende spüren.

Ruckartig öffnete sie die Augen und fand sich im Halbdunkel eines kleinen, niedrigen Raumes wieder.

Die altersdunklen Holzbalken der Decke warfen seltsame Schatten in dem flackernden Licht, das zwei altertümliche Petroleumleuchten verbreiteten, die auf einem kleinen, runden Tisch unter dem Fenster standen und auf einem Schemel neben ihrem Bett.

Das heißt, ihr Bett war gar kein Bett, sondern ein Alkoven, der in die Längswand des winzigen Raumes eingebaut war. Die kunstvoll geschnitzten Türen, hinter denen er sonst verborgen lag, waren weit geöffnet und der kastenförmige Innenraum mit bunt bemalten Holzkassetten erfreulich anheimelnd ausgestattet.

Ein Blick aus dem Fenster, das frische Gardinen mit zartem Blumendekor umrahmten und auf dessen Fensterbrett eine einzelne ...

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