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Silvia Duett - Folge 08

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Mit Eva fing alles an
  4. Wenn es Nacht wird in Paris
  5. Vorschau

Mit Eva fing alles an

Evas sonst so warm blickende Augen richten sich verächtlich auf den Mann, der da so lässig und mit einem spöttischen Lächeln vor ihr steht.

»Sie sind ein ganz schön verschlagener Bursche!«, sagt sie so ruhig wie möglich.

»Ach, tatsächlich?« Belustigt hebt Justus eine Augenbraue.

Zorn schießt wie eine heiße Flamme in Eva empor, und ehe sie weiß, was da mit ihr geschieht, klatscht es zweimal. Die junge Frau hat ihrem Ärger Luft gemacht, und Justus reibt sich verblüfft die brennenden Wangen. Was geschieht hier eigentlich mit mir?, will er fragen, doch es ist niemand mehr da …

Als es stürmisch an die Tür zu dem kleinen Büro klopfte, wusste Gertie Honeck, die Leiterin der Stadtbücherei, sofort, wer da zu ihr wollte.

»Komm rein, Eva!«, forderte sie ein wenig resigniert auf.

Die Tür flog auf, und auf der Schwelle stand Eva Berghofer, die junge Bibliothekarin. Sie hatte so gar nichts Zurückhaltendes, Stilles, Gedämpftes – typische Eigenschaften, die man einer Bibliothekarin sofort zugeschrieben hätte.

Im Gegenteil, Eva wirkte stets atemlos, vom Winde verweht und sehr, sehr energiegeladen. Unvorstellbar, dass sie sich für Stunden ruhig mit einem Buch in einem ungestörten Winkel zurückzog, um zu lesen.

»Du hast mich erwartet?«, fragte sie überrascht.

Gertie lächelte milde. »Ich habe dich an deinem Klopfen erkannt. Außerdem dachte ich mir, dass ich heute noch von dir höre.«

»Wieso? Kannst du hellsehen?« Eva zog sich einen Stuhl heran und tat auch dies mit viel Geräusch.

Gertie zuckte deshalb leicht zusammen. »Eva, ich bitte dich! Das sind lauter neue Bücher, mit denen wir behutsam umgehen müssen. Der Stadtrat bewilligt uns nicht so bald wieder einen Zuschuss, damit wir Frauenliteratur kaufen können …«

»Ich frage mich sowieso, ob wir dafür Leser finden«, brummte Eva und warf schwungvoll ihr braunes, langes Haar in den Nacken.

»Wieso nicht?«, wollte Gertie nun verwundert wissen.

Eva zuckte mit den Schultern. »Ach, Gertie, wir wohnen in einer kleinen Stadt, und wir sind nur eine kleine Bücherei. Hier hat nie eine Frauenbewegung stattgefunden, bis hierher ist der Ruf der Feministinnen nie gedrungen.«

»Das hindert mich aber nicht daran, unseren Lesern diese Literatur anzubieten«, meinte Gertie gelassen. »Nur so können wir schließlich das Interesse wecken.«

»Sicher, sicher.« Eva nickte.

»Aber wir können das Pferd nur zum Wasser tragen, Gertie, saufen muss es letztlich selbst.«

Gertie hob die Augenbrauen. »Sehr drastisch, wie du dich heute wieder ausdrückst. Ich frage mich überhaupt, woher du abends um halb sechs noch deine Energie nimmst.«

»Ja, das frage ich mich heute auch«, seufzte Eva. »Denn bis vor fünf Minuten habe ich noch einen ganzen Kindergarten abgefertigt. Das war Schwerstarbeit. Die lieben Kleinen brachten sämtliche Regale durcheinander und die Karteikarten und …«

»Na, dann wissen wir ja heute wenigstens, womit wir unseren Feierabend verbringen«, sagte Gertie nüchtern. »Nämlich mit Aufräumen.«

Eva machte ein bittendes Gesicht. »Liebe Gertie, darum geht es ja gerade. Ich muss heute pünktlich weg, ich kann nicht eine Minute länger bleiben.«

»Warum denn das nicht? Ach, ich erinnere mich. Weil du heute Morgen zu spät gekommen bist, musst du heute Abend früher nach Hause.« Gerties Augen blitzten.

»Ich hatte eine Panne mit meinem Wagen«, verteidigte sich Eva heftig. »Er ist nun mal nicht besonders zuverlässig.«

»Wenn du weißt, dass du dich auf dein komisches Auto nicht verlassen kannst, dann fahr gefälligst zehn Minuten früher los!« Gertie blieb unerbittlich.

»Das ging nicht«, erwiderte Eva mit großen Unschuldsaugen. »Matthias hat doch Geburtstag. Ich konnte ihn doch an seinem Festtag nicht alleine frühstücken lassen.«

»Ach, nun ahne ich auch, warum du es jetzt so eilig hast! Du musst ganz schnell nach Hause, um ein festliches Menü für den lieben, kleinen Bruder auf den Tisch zu zaubern, was?«

Evas schmales Gesicht verfinsterte sich. »Ich weiß gar nicht, warum du das so spöttisch sagst!«

»Ich sage das so spöttisch, weil mir dein kleiner Bruder Matthias seit Langem maßlos auf die Nerven geht«, erklärte Gertie trocken. »Du verhätschelst ihn schlimmer als jede Mutter ihr Nesthäkchen. Mein Gott, Eva, der Bursche ist fünfundzwanzig …«

Eva senkte den Kopf. Plötzlich war sie sehr ernst.

»Das verstehst du nicht«, murmelte sie. »Ich bin nun mal seine große Schwester. Er hat nur mich, seit unsere Eltern umkamen. Und ich muss für ihn da sein, solange er …«

»Aber er ist doch wohl imstande, alleine auf seinen Füßen zu stehen!«, schalt Gertie. »Du verwöhnst ihn so sehr, dass man es fast nicht mit ansehen kann. Wenn du so weitermachst, darfst du dich nicht wundern, wenn die Leute anfangen, sich über euch lustig zu machen.«

Evas schöne, haselnussbraune Augen flammten auf.

»Das soll nur einer wagen! Matthias braucht mich eben immer noch. Er studiert Medizin, und ich unterstütze ihn. Sobald er mit seinem Studium fertig ist, wird er seine Freundin Antonia heiraten. Dann kann ich aufhören, Vater und Mutter gleichzeitig für ihn zu sein.«

»Antonia? Ist er immer noch mit dieser Antonia zusammen?«

»Kennst du sie? – Ach ja, sie hat bei uns schon ein paar Mal Bücher ausgeliehen. Sie studiert übrigens auch. Aber mit Medizin hat sie nichts im Sinn. Sie will zum Theater.«

»Passt denn das zusammen? Die Bühne und die Medizin?«, wunderte sich Gertie.

Eva breitete schwärmerisch die Arme aus. »Sie lieben sich, Gertie, und Liebe überwindet alle Gegensätze, alle Hindernisse.«

»Tatsächlich?« Gertie schüttelte den Kopf. »Komisch, davon habe ich noch nie etwas gemerkt. Bei mir brachte die Liebe immer nur zum Vorschein, wie unüberwindlich Gegensätze sind.«

»Dann war es eben nicht die wahre, echte Liebe«, erklärte Eva schlicht. »Du müsstest Matthias und Antonia sehen. Ein Herz und eine Seele. Zwei Menschen, ein Gedanke! Die verstehen sich ohne jedes Wort. Ach, der Junge ist zu beneiden! Hoffentlich weiß er zu schätzen, was er an Antonia hat.«

»Ja, ja, Männer sind immer allzu schnell bereit, so etwas als selbstverständlich zu nehmen.« Gertie seufzte tief. Dann lächelte sie plötzlich. »Dieser beneidenswerte Mensch wird also heute fünfundzwanzig? Und du hast ihm natürlich versprochen, heute Abend für ihn etwas Besonderes zu kochen?«

Eva nickte heftig. »Eben. Gertie, ich muss noch schnell hinüber in den Delikatessenladen, und dann habe ich noch keinen Wein eingekauft – und umziehen muss ich mich auch noch …«

Gertie lachte schallend. »Wenn du mir so kommst, kann ich natürlich nicht Nein sagen. Also, hau schon ab! Aber bei der nächsten Gelegenheit darfst du mir einen Gefallen tun. Du weißt ja, eine Hand wäscht die andere.«

»Selbstverständlich, liebste Gertie!«, zwitscherte Eva und stand schon in der offenen Tür, von wo aus sie verschwenderisch viele Kusshände zu Gertie hinüberwarf. »Du kannst alles, aber auch alles von mir haben. Nur heute Abend nicht. Matthias bringt Antonia mit, und da darf ich uns nicht blamieren. Sie kocht nämlich hervorragend.«

»Was zauberst du denn Schönes?«, rief Gertie ihr hinterher.

»Wildkaninchen in Rotweinsoße«, kam es zurück, und dann war Eva auf und davon. Die Tür flog so heftig hinter ihr zu, dass die Deckenlampe bedenklich zitterte.

***

Eva summte leise vor sich hin, während sie in atemberaubendem Tempo ihren kleinen, giftgrünen Wagen durch die Innenstadt steuerte. Knatternd überquerte sie eine Kreuzung und zog eine lange, Unheil verkündende Rauchwolke hinter sich her, die aus dem Auspuff stieg.

Das alles jedoch konnte Evas gute Laune überhaupt nicht beeinträchtigen. Sie sang und pfiff selbst dann noch, als sie fünf Minuten vor Ladenschluss in den Delikatessenladen stürmte, dort mit ihren extravaganten Wünschen die Verkäuferin fast zum Wahnsinn trieb, aber letztlich bekam sie doch alles, was sie wollte.

Wein erhielt sie in der gegenüberliegenden Weinhandlung, obwohl dort eigentlich schon geschlossen war. Der Inhaber ließ sich jedoch von Evas Flehen und Bitten erweichen und schloss die Ladentür noch einmal auf.

Um halb sieben kam sie zu Hause an. Ihre Wohnung lag in der zweiten Etage einer herrlichen Altbauvilla, mitten in einem großen, etwas verwilderten Garten. Als Erstes öffnete Eva sämtliche Fenster, dann machte sie sich eifrig daran, die Vorbereitungen für das große Festessen zu treffen. Zwischendurch klingelte immer mal wieder das Telefon, denn ihr Bruder Matthias hatte einen großen Freundeskreis, und alle wollten gratulieren.

Um halb acht verschwand Eva unter der Dusche, danach zog sie sich ihr Lieblingskleid an, frisierte sich, deckte den Tisch festlich und sang und trällerte immer noch.

Ach, das Leben war so herrlich! Sie freute sich jetzt schon über Matthias’ Gesicht, wenn er zur Tür hereinkam und eine so fürstlich gedeckte Tafel vorfand. Ganz zu schweigen von Antonia, die Eva natürlich auch ein bisschen verblüffen und beeindrucken wollte, denn ihr Verhältnis zu Antonia war wie das einer Mutter zur künftigen Schwiegertochter: freundlich, aber abwartend und immer etwas distanziert.

Im Grunde war Matthias nämlich eher Evas Sohn als ihr jüngerer Bruder. Sie hatte ihn, nach dem Tod der Eltern, fast allein großgezogen und hatte dafür gesorgt, dass er eine vernünftige Schulbildung bekam und das Abitur machte.

Und sie hatte mit ihm zusammen um einen Studienplatz gekämpft. Medizin hatte es unbedingt sein müssen. Ach, sie hatte sich immer einen Akademiker in der Familie gewünscht – Matthias machte diesen Traum nun wahr. Sein Ziel war auch Evas Ziel, sein Vorwärtskommen auch ihres, sein Erfolg war ihr Erfolg.

Sie litt mit ihm, sie quälte sich mit ihm durch Höhen und Tiefen, sie freute sich für und mit ihm und sie würde – wie er – Blut und Wasser schwitzen, wenn es daran ging, das große Examen zu machen.

So, Eva war fertig. Ihr enges, kurzes Kleid saß wie eine zweite Haut über ihrer makellosen Figur. Das braune Haar hatte sie kunstvoll hochgesteckt. Ihre schönen, vollen Lippen hatte sie mit einem zartrosa Lippenstift vorteilhaft betont. Als Eva sich im Spiegel betrachtete, erblickte sie eine äußerst attraktive Frau!

Jetzt konnten Matthias und Antonia kommen.

Sie kamen aber nicht.

Um halb neun wich Evas Ärger einer immer größeren Angst um den kleinen Bruder. Was konnte da passiert sein?

Matthias war doch sonst immer pünktlich. Im Gegensatz zu ihr war er geradezu ein Pünktlichkeitsfanatiker. Sie ging ja meistens sehr großzügig mit ihrer Zeit um, aber Matthias?

Sollte er etwa vergessen haben, dass sie an seinem Geburtstag abends immer zusammen aßen?

Eva schluckte. Das würde sie zwar kränken, aber na ja, dann war es nicht zu ändern. Möglicherweise saß er irgendwo in einem Bistro mit Antonia zusammen und aß das übliche Baguette oder etwas anderes in der Art, das Eva hasste.

Es wurde neun, es wurde halb zehn und das Wildkaninchen in der herrlichen Rotweinsoße wurde unansehnlich. Länger konnte Eva es beim besten Willen nicht im Ofen lassen, es trocknete ja jetzt schon völlig aus. Der Vanilleflammeri war mit einem wehen Seufzer in sich zusammengesunken, und die Erbsen sahen auch gar nicht mehr gut aus.

Eva stand in der kleinen Diele vor dem Spiegel und begann, eine Haarnadel nach der anderen aus ihrer Frisur zu nehmen. Ihr schmales, braun gebranntes Gesicht war dabei von einem ernsten Gesichtsausdruck überschattet. Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn, sah sich dann in die Augen und versuchte ein kleines, aufmunterndes Lächeln.

»Na ja, dann feiert er eben woanders … Ist ja kein Weltuntergang …«

Aber weh tat es trotzdem. Sosehr sie sich auch bemühte, keine Tragödie daraus zu machen, dass Matthias nicht zum Essen gekommen war – es wollte ihr nicht recht gelingen.

Und in diesem Augenblick hörte sie Schritte auf der Treppe. Sofort war sie wie elektrisiert. Da kamen sie! Eva stürzte an die Wohnungstür und riss sie mit dem für sie typischen Schwung auf.

»Bist du es, Matthias?«

»Ja …«, kam es zurück. Mehr nicht.

Sein Schritt war unsicher. Er tastete immer wieder nach dem Treppengeländer. Sein helles Haar hing ihm wirr in die Stirn, sein Hemdkragen stand offen. Er sah nicht gut aus, nein, er sah gar nicht aus.

Eva schluckte erst einmal. Alles, was sie im ersten Moment sagen wollte, verbot sie sich. Dann hatte sie sich wieder gefasst.

»Du kommst allein?«, fragte sie mit völlig normaler Stimme. »Antonia war es wohl schon zu spät?«

Matthias ging an seiner Schwester vorbei, ohne sie anzusehen. Der Geruch von Alkohol wehte Eva entgegen. Sie unterdrückte einen Seufzer. Er hatte also getrunken – und dabei wusste er doch, dass er nicht einmal ein Glas Wein vertrug, ganz zu schweigen von härteren Sachen!

»Ja, zu spät«, murmelte er unzusammenhängend vor sich hin. »Alles zu spät … viel zu spät …«

Eva schloss sacht die Tür hinter ihm. Oh, sie konnte sehr zartfühlend sein, wenn die Situation es verlangte, und diese Situation verlangte es zweifellos.

***

Eva musste einfühlsam und taktvoll zugleich sein, und gleichzeitig würde sie wieder Vater und Mutter und große Schwester in einer Person sein müssen, denn so, wie es aussah, brauchte Matthias Trost und Zuspruch.

Matthias war inzwischen im Esszimmer angekommen. Entsetzt starrte er auf die gedeckte Tafel mit all dem schönen Porzellan und den kostbaren Gläsern, die Eva eigens zu seinem Geburtstag hervorgeholt, geputzt und poliert hatte. Plötzlich vergrub er seinen Kopf in den Händen und begann laut zu weinen.

Eva stand in der Tür wie zur Salzsäule erstarrt. Sie konnte sich nicht erinnern, ihren Bruder jemals weinen gesehen zu haben. Nein, er war immer tapfer gewesen, stets hatte er sich zusammengenommen.

»O mein Gott«, sagte sie dann mit dünner Stimme. »Ein Unfall? Matthias, sag es mir, du brauchst mich nicht zu schonen. Ist es ein Unfall?«

Da hob Matthias das Gesicht, das dem seiner Schwester auf so verblüffende Weise glich. Seine Wangen waren feucht von Tränen, aber er lächelte. Ja, er versuchte zu lächeln.

»Ein Unfall? So kann man es auch nennen!«

»Antonia?«, fragte Eva stockend.

Er nickte. »Du hast dir umsonst so viel Mühe gemacht, Eva. Antonia kommt nicht zum Essen. Sie kommt überhaupt nicht mehr.«

»Was bedeutet das denn?«, wollte Eva erschrocken wissen.

»Das bedeutet, dass sie mir heute Nachmittag den Laufpass gegeben hat. Oder vornehmer ausgedrückt – sie stellte fest, dass wir nicht miteinander harmonieren. Wir wären zu gegensätzlich. Medizin und Theater, das könne ja gar nicht gut gehen. Sie habe es immer gewusst, und vorgestern Abend, als wir zusammen im Theater gewesen waren, sei es ihr ganz deutlich geworden …«

Eva erinnerte sich. »Ach ja, sie hatte ja Freikarten zu diesem seltsamen, modernen Stück …«

»Seltsam? In der Tat, sehr seltsam!« Matthias lachte höhnisch. »Ich habe dann auch aus meiner Meinung gar kein Geheimnis gemacht, und das hat sie mir übel genommen.«

»Was hast du gesagt?«

»Ich nannte dieses Stück einen willkürlich zusammengeschriebenen, unreifen Haufen Zeug, aus dem kein vernünftiger Mensch klug werden könne!«, verkündete er. Seine Stimme klang beinahe triumphierend.

Eva griff sich an die Stirn. »Oh Gott, Matthias, das musste sie dir ja übel nehmen! Konntest du deine Kritik nicht ein wenig sanfter formulieren?«

»Nein, das konnte ich nicht«, erklärte er bockig wie ein kleiner Junge. »Was kann ich denn dafür, wenn ich davon nichts verstehe? Es verschließt sich mir, weißt du?«

»Mir verschließt sich auch so manches«, murmelte Eva und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

Sekundenlang starrten sie beide schweigend auf das weiße Tischtuch. Die erste Kerze war mittlerweile heruntergebrannt und erlosch.

»Aber deswegen entzweit man sich doch nicht«, begann Eva nach einer Weile. Sie sah ihren Bruder eindringlich an. »Ihr kennt euch nun seit Jahren, ihr wisst, was ihr voneinander zu halten habt. Vor unangenehmen Überraschungen solltet ihr eigentlich mittlerweile sicher sein.«

»Du siehst, das Leben hält immer noch eine Überraschung bereit«, sagte er bitter. »Und meistens dann, wenn man nicht damit rechnet.«

Eva sah ihn an und spürte, wie tiefes Mitgefühl in ihr hochstieg. Sie beugte sich vor und strich zärtlich mit den Fingern über seine nassen Wangen.

»Antonia wusste offensichtlich nicht, was sie sagte«, meinte sie dabei. »Sie ist doch nicht so.«

»Oh, sie wusste sehr gut, was sie sagte«, gab Matthias heftig zurück. »Sie hat mir außerdem noch ein paar andere, sehr aufschlussreiche Sachen an den Kopf geworfen. Zum Beispiel, dass ich mich endlich von dir lösen und erwachsen werden soll. Ich würde sonst bis an mein Lebensende dein Ableger bleiben.«

Eva blieb vor Empörung der Mund offen stehen. »Das hat sie tatsächlich gesagt? Und das hat sie auch so gemeint?«

»Oh ja, und wie sie das gemeint hat!«

Eva holte ganz tief Luft. »Also, wenn sie das ehrlich gemeint hat, dann lass sie laufen, Matthias! Dann musst du froh sein, wenn du dieses Biest endlich los bist!«

Das hätte sie nicht sagen sollen. Matthias starrte sie sekundenlang mit großen, entsetzten Augen an.

»Aber ich will sie nicht los sein!«, stieß er wütend hervor. » Ich will sie nicht laufen lassen! Ich kann ohne sie nicht leben!«

Eva presste die Lippen zusammen. Wortlos strich sie über das helle Haar des jungen Mannes. Ach, wie gerne hätte sie Antonia in diesem Moment für das, was sie ihrem Bruder angetan hatte, zur Rechenschaft gezogen!

Nie hatte Eva sich hilfloser gefühlt. Was konnte sie denn bloß tun? Sie strich ihm unaufhörlich über das Haar und hörte zu, wie er klagte, litt und sich quälte. Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass ein junger, selbstbewusster und sonst so fröhlicher Mann derart mitgenommen aus einer solchen Geschichte hervorgehen konnte.

Schließlich hob Matthias erschöpft den Kopf und sah Eva an.

»Es hat ohne Antonia alles keinen Sinn. Was soll das noch – das Studium, das Examen, das ganze Leben?«

Eva hatte das Gefühl, als wenn eine eiskalte Hand nach ihrem Herzen griff. In dieser Sekunde, so erkannte sie, hörte alles auf, ein Spaß zu sein. Es war ernst, bitterer Ernst. Keine rührselige Szene aus einem Film oder einem Roman, nichts, worüber man insgeheim lächelte oder den Kopf schüttelte.

Eva begriff, dass Matthias’ Schmerz echt war. Ihr Bruder starrte mit abwesendem Blick ins Leere. Sein sonst so hübsches Gesicht war gezeichnet von dem, was ihn bewegte, und das, was Eva sah, tat ihr weh. Nein, sie würde nicht viel tun können, um ihm zu helfen. Sie konnte seine Trauer nicht zu ihrer machen.

Das Einzige, was ihr blieb, war das Zuhören, das Beruhigen, das Trösten, und das war für einen Menschen wie sie – zupackend, ungestüm, energisch und oft auch ungeduldig – nicht viel.

»Matthias, wenn du jetzt alles hinwirfst und aufgibst, dann wird später ein Moment kommen, wo dir das leidtut«, sagte sie beschwörend in die Stille hinein.

»Ich kann ohne Antonia nicht leben!«, wiederholte er nur mit monotoner Stimme.

»Du wirst ohne sie leben müssen«, erwiderte Eva leise.

»Sag mir, Eva, welchen Sinn hat das alles?« Er richtete seinen Blick auf seine Schwester, der gequälter nicht hätte sein können.

Sie versuchte, aufmunternd zu lächeln. »Es hat ganz sicher einen Sinn, wenn wir ihn auch in diesem Augenblick nicht sehen. Aber später werden wir verstehen …«

»Später, später!«, stöhnte Matthias. »Was interessiert mich später? Jetzt lebe ich, jetzt will ich Antonia haben!«

»Du wirst akzeptieren müssen, dass sie dich verlassen hat«, sagte Eva so sachlich wie möglich.

Da ruckte sein Kopf hoch, und ein Zucken lief über sein Gesicht. »Das kann ich aber nicht akzeptieren. Das halte ich nicht aus. Ich halte nicht aus, dass sie weggegangen ist!«

Matthias klagte und tobte die halbe Nacht. Schmerz und Wut wechselten sich in regelmäßigen Folgen ab.

Still saß Eva dabei und hörte ihm zu. Kaum einmal sagte sie etwas dazu. Was blieb ihr denn auch zu sagen? Mehr denn je fühlte sie sich wie eine alles wissende, alles verstehende, alles verzeihende Mutter – jene Rolle, die sie seinerzeit notgedrungen übernommen hatte und die ihr schließlich geblieben war.

Gegen Mitternacht war Matthias zum Umfallen müde. Er sank auf die Couch im Wohnzimmer und schlief buchstäblich mitten im Satz ein. Eva deckte ihn mit einer Wolldecke zu. Sanft strich sie ihm noch einmal durch das Haar.

»Was für ein trauriger Geburtstag«, flüsterte sie mit erstickter Stimme. »Aber gräm dich nicht, Matthias. Du hast ja mich, und ich werde dich nicht im Stich lassen. Verlass dich auf mich!«

***

Beim Frühstück am nächsten Morgen war Eva bereits wieder ganz die Alte – in Eile, etwas kopflos, mit der Kaffeetasse zwischen Tür und Angel.

Als Matthias müde durch die Diele schlich, um ins Bad zu gehen, warf er seiner Schwester einen Blick zu und schüttelte den Kopf.

»Wie du das machst, möchte ich wissen«, brummte er kraftlos. »Du siehst am frühen Morgen aus, als könntest du bereits Bäume ausreißen.«

»So ist mir auch zumute!«, sang Eva und umarmte ihren Bruder im Vorbeigehen. »Matthias, mein Kleiner, ich weiß, du verdienst es nicht, aber als deine große Schwester opfere ich mich bereitwillig für dich auf. Sag, möchtest du, dass ich mal mit Antonia rede?«

»Würdest du das tun, Eva?«, fragte er, und sein Blick leuchtete so prompt auf, als habe man einen ganzen Kronleuchter angezündet.

»Sicher würde ich das«, erwiderte sie trocken. »Aber ich brauche dazu deine offizielle Genehmigung. Ich will nicht hinter deinem Rücken zu Antonia schleichen. Sag Ja oder Nein, sag, ich soll mit ihr reden oder ich soll es lassen.«

»Sprich bitte mit ihr, Eva!«, sagte er ganz kleinlaut und beschämt, vor allem deswegen, weil er wieder einmal auf seine Schwester baute.

»Gut, ich werde in meiner Mittagspause zu ihr fahren. Sie ist doch mittags meistens in ihrer Wohnung, nicht wahr?«

Matthias nickte stumm. Aber ganz so hoffnungslos wirkte er nun nicht mehr. Es war ihm anzumerken, was er dachte und fühlte: Eva nahm sich der Sache an, dann war noch nicht endgültig alles verloren. Und hatte Eva nicht immer alles wieder in Ordnung gebracht? War es ihr nicht stets gelungen, die Dinge zum Positiven zu regeln?

Er merkte gar nicht, welch schwere und große Hypothek er damit seiner Schwester auflud. Er entließ sie gewissermaßen mit dem Gedanken: Liebe Eva, ich lege alles in deine Hände, du wirst es schon richten.

***

Eva richtete es dann ja auch, wenn auch auf reichlich merkwürdige und ganz persönliche Weise.

»Meine Güte, Eva, was ist denn bloß los mit dir?«, fragte Gertie Honeck mittags, als Eva wieder einmal einen Stapel Bücher mit viel Getöse fallen ließ. »Die Geburtstagsfeier gestern hat wohl etwas lange gedauert, was?«

»Ach, Gertie, ich wünschte, es wäre so gewesen.« Eva fuhr sich mit einem Seufzer über die Stirn. »Stattdessen hat sich ein Drama abgespielt. Ein riesengroßes Drama – mit allem, was dazugehört. Tränen und Verzweiflung, Schmerz und Trauer, Vorwürfe, Anklagen und was des Lebens Füllhorn sonst noch für uns arme Menschen bereithält.«

Gertie machte ein ganz erschrockenes Gesicht. »Das hört sich ja furchtbar an. Was ist denn passiert?«

»Es war furchtbar!«, bekräftigte Eva ihren Bericht und sank auf einen kleinen Hocker, nachdem sie einen Stapel nagelneuer Taschenbücher heruntergenommen hatte.

»Keine fröhliche Geburtstagsfeier?«, erkundigte Gertie sich mitleidig.

»Nein – Matthias war am Boden zerstört, denn seine Freundin Antonia hatte sich kurz vorher von ihm getrennt.«

»Ach? Hätte sie ihm das nicht nach dem Geburtstag sagen können?«, wollte Gertie lakonisch wissen.

Eva rang die Hände. »Das habe ich mich auch gefragt. Aber diese jungen Dinger … Du weißt, wie sie sind. Kein Taktgefühl, keine Sensibilität. Die hauen immer gleich mit dem großen Hammer drauf, ganz gleich, ob es wehtut oder nicht.«

»Das tut mir aber leid«, sagte Gertie bedauernd. »Der arme Matthias! Was wird denn nun aus den beiden?«

Eva lachte schon wieder. »Ach, du hast bei der ganzen Sache eins übersehen, nämlich mich! Glücklicherweise hat Matthias eine große Schwester.«

»Wie konnte ich das vergessen?« Gertie seufzte resigniert auf. »Oh nein, Eva, da solltest du dich nicht einmischen! Es ist zu riskant, Schicksal spielen zu wollen. Und dann bei diesen privaten Geschichten! Halt dich da lieber raus!«

»Im Gegenteil!« Eva lachte kampfeslustig. »Ich werde mich einmischen. Und wie ich mich einmischen werde! Die Fetzen werden fliegen! Und wenn ich nichts erreiche, dann will ich wenigstens die Gewissheit haben, dass ich der lieben Antonia gehörig meine Meinung gesagt habe!«

»Du richtest nur noch mehr Schaden an!«, warnte Gertie.

»Das ist nicht wirklich möglich, Matthias ist ohnehin schon restlos zerstört!«, erwiderte Eva grimmig. »Und das alles wegen dieser Frau. Es wird sich noch herausstellen, ob sie das überhaupt wert ist.«

Gertie hob ahnungsvoll die Brauen. »Eva, ich wünschte, du würdest ein einziges Mal auf mich hören. Ich bin älter als du und habe meine Erfahrungen …«

»Ich bin fast dreißig und habe auch meine Erfahrungen gemacht«, sagte Eva entschlossen. »Mich hält nichts auf, Gertie! Ich muss mit Antonia sprechen, ich will von ihr hören, was sie Matthias alles gesagt hat. Und wenn sie mir dann zugehört hat, dann wird es sich zeigen, ob sie immer noch die Trennung will.«

»Wieso löst sie denn eigentlich diese Beziehung so plötzlich?«

Eva machte ein verächtliches Gesicht. »Sie faselte irgendetwas von zu großen Gegensätzen. Ein Arzt und eine Theaterwissenschaftlerin – das ginge nicht.«

Gerties Gesicht wurde plötzlich ernst. »Wenn du mich fragst, sie hat einen anderen Mann, bei dem diese großen Gegensätze nicht ins Gewicht fallen.«

Eva hielt in ihrer Bewegung inne. »Was? Glaubst du wirklich? Aber das wäre ja …«

»Eine Gemeinheit, jawohl!«

Gertie nickte. »Bei solchen Geschichten steckt immer ein anderer Mann dahinter, Eva. Das wollte sie deinem Bruder aber offensichtlich so nicht sagen.«

»Da hat sie auch gut dran getan«, flüsterte Eva, ihre Augen waren eng geworden. »Denn was dann geschehen wäre, wage ich mir nicht auszumalen.«

***

Ein anderer Mann?

Dieser Grund leuchtete Eva sofort ein und ihr Wille, mit Antonia zu sprechen, wurde dadurch noch verstärkt. Ja, sie musste Antonia zur Rede stellen …

Was sollte schließlich dieses dumme Gerede von unüberwindlichen Gegensätzen? Es war nicht schön von Antonia, dass sie sich hinter so platten und fadenscheinigen Ausflüchten versteckte, nur um für einen anderen frei sein zu können. Das hatte Matthias nicht verdient.

Antonia hatte eine schöne, große Altbauwohnung in der Nähe der Universität. Eva kannte sich hier gut aus, da sie Matthias des Öfteren von Antonia abgeholt hatte. Meistens war sie dann noch auf einen kleinen Plausch geblieben. Immer waren sie eine fröhliche, harmonische, kleine Runde gewesen. Eva hatte sich nie als störende Dritte empfunden.

Aber heute, heute war alles anders.

Eva war als Rächerin unterwegs, als Beschützerin, als Kriegerin – und das alles im Namen ihres kleinen Bruders. Mittlerweile hatte sie sich dermaßen in ihre Gefühle hineingesteigert, dass sie vor Zorn und Entschlossenheit glühte. Sie wollte Rechenschaft, wollte Antonia zu der ganzen Sache hören und ihr dann, nach allen Regeln der Kunst, die eigene Meinung um die Ohren schlagen.

O nein, zurückhaltend oder gar schüchtern war Eva nie gewesen. Takt war vielleicht auch nicht gerade ihre Stärke. Vor allem aber saß eins ganz tief in ihr:

Wie konnte Antonia – oder irgendein anderer Mensch – es wagen, Matthias einen solchen Schmerz zuzufügen?

Immer hatte Eva solche Dinge von ihm fernzuhalten versucht, immer war sie sein Schutzschild gegen alles Unangenehme, weil sie genau wusste, dass er mit diesen Schicksalsschlägen alleine nicht fertig wurde.

Eva kochte beinahe über, als sie schließlich vor Antonias Wohnungstür stand. Sie hob schon die Hand, um zu läuten, als von innen ganz unerwartet die Tür geöffnet wurde.

»Gott sei Dank, endlich kommst du!«, sagte eine dunkle Männerstimme. »Wie lange willst du mich eigentlich noch warten lassen?«

Eva war so verdutzt über diesen Empfang, dass sie nichts antworten konnte. Das war auch gar nicht nötig, denn nun bemerkte der große, hagere junge Mann, der ihr geöffnet hatte, seinen Irrtum.

»Entschuldigen Sie! Ich dachte, Sie wären … also, ich hatte Sie für Antonia gehalten«, fügte er hastig hinzu.

»Das merke ich«, erwiderte Eva kühl und trat einfach ein, ohne dass man sie dazu aufgefordert hätte.

Sie sah sich im Flur um, als wäre sie soeben auf einem fremden Stern gelandet, dabei war es doch nur Antonias Wohnung, vertraut, schön und gemütlich, so, wie Eva sie in Erinnerung und immer gemocht hatte.

Aber inzwischen hatte sich vieles geändert. Sicher, es war immer noch Antonias Wohnung, aber gleichzeitig die Wohnung einer Verräterin, einer Betrügerin.

Bei diesem Gedanken wandte Eva sich dem jungen Mann zu, und alles fiel ihr wieder ein. Was Matthias gesagt hatte und was Gertie ihr mahnend ans Herz gelegt hatte. Die Sache mit dem anderen Mann in Antonias Leben. Kein Zweifel, das war er, dieser andere. Gertie hatte also recht gehabt.

»Sie kennen sich hier gut aus«, bemerkte sie gedehnt, als sie sah, wie der junge Mann einen Schlüssel vom Schlüsselbrett nahm und in seiner Jackentasche verschwinden ließ.

»Natürlich!«, brummte er nicht übermäßig freundlich. »Ich bin hier ja fast zu Hause – und deshalb habe ich auch immer einen eigenen Schlüssel zur Wohnung.«

»Immer?«

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