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Silvia Duett - Folge 06

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Allein im Paradies
  4. Es war dein Lächeln, Nathalie
  5. Vorschau

Allein im Paradies

Weil das Schicksal ihr in der Vergangenheit immer wieder Wunden zugefügt hat, die zutiefst schmerzen, hat Sibylle Koch alle Brücken hinter sich abgebrochen und ist nach Hawaii gezogen. In diesem Paradies mit seinen weißen Traumstränden sucht sie Frieden und Glück.

Tatsächlich weichen die düsteren Schatten von ihrer Seele – bis sie ausgerechnet an einem der einsamsten Orte der Welt einem Mann begegnet, der ebenfalls Schweres hinter sich hat. Beide haben sie sich geschworen, ihr Herz nie wieder einem anderen zu öffnen, doch Sehnsucht und Leidenschaft sind stärker …

»… deshalb müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir uns für einen anderen Bewerber entschieden haben.«

Sibylle Koch ließ mit einem tiefen Seufzer den Brief sinken. Schon wieder eine Absage! Das war jetzt schon die zehnte. Warum war es nur so schwer, eine Arbeitsstelle zu finden?

»Wohl wieder nichts?«, erkundigte sich Gerhard Göllner.

»Nein. Wieder nichts.«

»Ich hab’s dir ja gleich gesagt, dass du es schwer haben wirst. Wenn die Zahl der Arbeitslosen wächst, dann sind zuerst die Frauen davon betroffen. Daran ändert auch kein Gesetz etwas. Eigentlich ist das ja auch ganz klar. Wenn ich Unternehmer wäre und die Wahl hätte, dann würde ich eine gehobenere Position auch lieber mit einem Mann besetzen. Mit dem hat man im Großen und Ganzen weniger Scherereien.«

»Ich kenne deine Meinung dazu«, gab Sibylle zurück.

Nach außen hin wirkte sie gelassen, doch in ihrem Innersten sah es anders aus. Gerhards Verhalten verletzte sie. Er hielt nichts von Frauen in Führungspositionen. Er war ein Macho, der viel pauschalierte, nur seine Meinung gelten ließ und andere gern niedermachte.

Das war nicht immer einfach für Sibylle und ihrer Partnerschaft nicht gerade zuträglich. Kein Wunder, dass die Vierundzwanzigjährige erschöpft und auch etwas genervt wirkte.

Drei Jahre war sie jetzt mit Gerhard zusammen. Er hatte wie sie Betriebswirtschaft studiert, war aber ein Jahr früher fertig geworden. Seitdem arbeitete er in der Marketingabteilung eines Elektronikkonzerns. Ihm war es, im Gegensatz zu ihr, recht schnell gelungen, eine interessante und gut bezahlte Position zu bekommen. Inzwischen hatte man ihn sogar zum Marketingmanager befördert, was er Sibylle gegenüber oft und gern erwähnte.

Warum ist es nur so schwer, einen geeigneten Job zu finden?, grübelte Sibylle. Lag es wirklich daran, dass sie eine Frau war? Dabei waren ihre Examensnoten besser als Gerhards.

Doch sie wollte sich nicht so einfach geschlagen geben. Deshalb meinte sie zuversichtlich: »Ein Eisen hab ich noch im Feuer: die Cibix GmbH. Das ist ein großer Reiseveranstalter, der eine Position im Finanzbereich ausgeschrieben hat. Vielleicht klappt’s ja da!«

»Mach dir nicht zu viele Hoffnungen«, entgegnete Gerhard schwarzseherisch. »Auf eine Stelle wie diese kommen heutzutage mehr als hundert Bewerbungen.«

Er war ein gut aussehender Mann, dem es meist recht schnell gelang, Menschen für sich einzunehmen. Sibylle musste da erst mal Überzeugungsarbeit leisten. Bei ihren Bewerbungen schien das jetzt ähnlich zu sein.

»Du kannst einen wirklich aufbauen!«

»Darum geht’s doch nicht. Du machst dir nur einfach immer was vor. Du hast keinen Sinn für die Realität. Vielleicht spüren das auch die Leute beim Vorstellungsgespräch«, setzte er zu allem Überfluss noch eins drauf.

»Gerhard, jetzt reicht’s!«, fauchte sie ihn an.

In einer Situation wie der ihren erwartete sie von ihrem Partner eigentlich ein anderes Verhalten. War Gerhard überhaupt der Richtige für sie? Diese Frage stellte sie sich in letzter Zeit immer öfter. Vielleicht genoss er ihre verzweifelte Jobsuche sogar ein wenig? Denn das bestätigte seine These doch geradezu ideal, dass Frauen in der Geschäftswelt nichts zu suchen hatten!

Er hob abwehrend die Hände, sagte: »Okay, okay. Ich muss ohnehin weg!«, und begann, seine Tennistasche zusammenzupacken.

»Spielst du heute schon wieder?«, fragte Sibylle wenig erbaut.

In letzter Zeit ging er abends immer öfters ohne sie weg.

»Ja. Mit Liebig. Was dagegen?«

»Ach was!«

Er tat ja doch, was er wollte. Eine weitere Diskussion war zwecklos. Dann würde sie eben alleine zu Hause bleiben, etwas lesen oder vielleicht auch ein wenig fernsehen.

Eine Stunde, nachdem Gerhard gegangen war, rief Kurt Liebig, sein angeblicher Tennispartner, an und wollte Gerhard sprechen.

Spätestens da war für Sibylle alles klar. Tränen stiegen in ihr auf. Es war schwer, drei Jahre auf diese Art abschreiben zu müssen. Gerhard und sie hatten zusammen studiert und hatten eine Anzahl gemeinsamer Freunde. Aber jetzt sah es so aus, als rückte das Ende ihrer Zweisamkeit immer näher.

Sibylle schenkte sich ein Glas Rotwein ein. Kurz danach klingelte das Telefon schon wieder. Diesmal war ihre Mutter dran, die aufgeregt hervorsprudelte: »Stell dir bloß vor, Kind, wer gerade angerufen hat …«

»Ich hab keine Ahnung, Mutsch«, erwiderte Sibylle.

»Onkel Walter.«

»Onkel Walter … Aber ich denke, der lebt auf Hawaii.«

»Tut er gewöhnlich auch. Aber im Augenblick reist er durch Europa und wirbt für sein Hotel. Er möchte sich morgen mit uns im Altheimer Hof treffen. Er hat uns um eins zum Essen eingeladen.«

»Ich habe um elf ein Bewerbungsgespräch. Das kann länger dauern. Ich weiß nicht, ob ich pünktlich sein kann.«

»Aber das macht doch nichts, Kind. Hauptsache, du kommst überhaupt. Onkel Walter will dich nämlich unbedingt sehen!«

Sibylle hatte den Bruder ihres vor acht Jahren verstorbenen Vaters nur einmal getroffen. Damals war sie noch ein Kind gewesen. In Erinnerung war ihr der Eindruck eines großen Mannes mit einer tiefen Stimme geblieben.

»Ich komme auf jeden Fall vorbei«, versprach Sibylle.

»Sehr schön. Und was macht Gerhard?«

»Er ist beim Tennisspielen.«

Sibylle konnte förmlich sehen, wie ihre Mutter jetzt missbilligend den Kopf schüttelte. Und prompt sagte sie auch: »Dein Vater und ich haben unsere Freizeit immer gemeinsam verbracht. Ich verstehe nicht, warum dich dein Freund so viel alleine lässt.«

Das verstand Sibylle eigentlich auch nicht. Was hatte eine Partnerschaft für einen Sinn, wenn jeder seine eigenen Wege ging?

Sibylle wusste, dass Gerhard nicht der Schwiegersohn war, den sich ihre Mutter wünschte, und auch sie selbst hatte gedacht, dass sich ihre Beziehung anders entwickeln würde, als es jetzt der Fall war.

Als sie gegen elf zu Bett ging, war Gerhard immer noch nicht da. Weit nach Mitternacht hörte sie endlich die Eingangstür. Kein Wunder, dass sie miserabel schlief.

In dieser Nacht überlegte sie, wie wohl das Leben auf den traumhaften Hawaii-Inseln war. In Gedanken sah sie paradiesische Traumstrände, kristallklares Wasser und Feuer speiende Vulkane vor sich.

Am nächsten Morgen verschlief sie prompt. Gerhard war bereits weg, als sie erwachte. Und das war gut so. Seine abwertende Art war das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.

Heute Vormittag ging es nur darum, sich erfolgreich zu bewerben.

***

Reichlich nervös betrat Sibylle um fünf vor elf das eindrucksvolle Stahlgebäude der Firma Cibix GmbH. Sie trug ein schickes helles Kostüm. Die frisch geföhnten Haare glänzten kastanienbraun, und ihr Make-up bestand aus kräftig braun getuschten Wimpern und einem Hauch blass-rotem Lippenstift.

Sie musste zehn Minuten warten, bis der Personalchef sie ins Besprechungszimmer bat. In groben Zügen stellte er ihr die Firma vor und richtete dann ein paar Fragen an sie, bevor schließlich der Finanzchef, Klaus Schönberger, sie begrüßte.

Sibylle hatte den Studienschwerpunkt Finanzen gewählt. Sie konnte prima mit Zahlen umgehen, Bilanzen analysieren, Rentabilitäts- und Planungsrechnungen erstellen. Nur in der Praxis hatte sie, bis auf ein studienbegleitendes Praktikum, ihr Wissen noch nicht umsetzen können.

Und genau das war jetzt das Thema. Aus der Darstellung von Schönberger ging hervor, dass er einem Bewerber mit Berufserfahrung den Vorrang gab. Davon hatte in der Stellenanzeige jedoch nichts gestanden.

Das wird wieder nichts, dachte Sibylle ziemlich entmutigt, als sie gegen halb eins das Gebäude mit hängenden Schultern verließ. Wie sollte es bloß weitergehen? Es sah ja fast so aus, als würde sie keinen Job finden, der ihrer Ausbildung entsprach. Hatte sie womöglich umsonst studiert?

Nachdenklich trat sie auf die Rolltreppe, die hinunter zur U-Bahn führte. Sollte sie überhaupt zum Altheimer Hof fahren? Die Lust auf das bevorstehende Familientreffen war ihr inzwischen restlos vergangen. Aber dann sagte sie sich, dass sie dies ihrer Mutter nicht antun konnte, und ein wenig neugierig auf Onkel Walter war sie freilich auch.

Eine halbe Stunde später stand sie vor dem Altheimer Hof, einem Fünf-Sterne-Hotel mit einem Restaurant, in dem auch Gourmetfreunde auf ihre Kosten kamen.

Reiß dich zusammen!‚ befahl sich Sibylle und versuchte, ein Lächeln auf ihre Lippen zu zaubern, als sie das Restaurant betrat.

Es war nicht schwer, auszumachen, wo ihre Mutter mit dem Gast saß, da eine tiefe Stimme mit amerikanischem Akzent deutlich zu hören war.

»Bille!«, rief ihre Mutter sogleich und winkte ihr von einem edel gedeckten Ecktisch zu, in dessen Mitte ein herrliches Blumengebinde stand.

»Hallo, ihr beiden!« Sibylle winkte zurück und schritt auf den Tisch zu.

Im gleichen Augenblick war auch schon der drahtige, ältere Herr aufgesprungen, der neben ihrer Mutter gesessen war.

Groß, mit kräftigen Schultern, grau melierten Haaren und einem breiten Lächeln im braun gebrannten Gesicht kam er ihr entgegen und rief: »Sibylle, Mädel! Du hast dich ja rausgemacht! Wahrhaftig – du bist eine Schönheit geworden! Komm, lass dich umarmen!«

Ungeniert dröhnte die tiefe, sympathische Stimme durch das Restaurant. Im nächsten Augenblick wurde Sibylle auch schon in seine Arme gezogen.

»Du siehst auch prima aus, Onkel Walter! Herzlich willkommen in Deutschland!«

Sibylle drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange. Sie war angenehm überrascht. Sie hatte einen behäbigen älteren Herrn erwartet. Aber der Mann vor ihr war dynamisch bis in die Fingerspitzen und strahlte einen Optimismus aus, um den ihn jeder Zwanzigjährige beneiden konnte.

Walter Koch strahlte tatsächlich übers ganze Gesicht. Und das lag auch daran, dass ihm seine deutsche Nichte außerordentlich gut gefiel.

»Wie geht es dir, Sibylle? Deine Mutter hat mir gerade erzählt, dass du dein Studium beendet hast und jetzt eine Stelle suchst.«

»Ja, das stimmt.«

Auch wenn Sibylle von ihrer Mutsch ein paar fragende Blicke erhielt, fand sie es doch besser, das wenig erfolgreiche Vorstellungsgespräch nicht zu erwähnen. Sie mochte die gute Stimmung am Tisch jetzt nicht mit ihren Problemen verderben.

»Na, dann wollen wir unser Familientreffen und dein Examen erst mal mit einem guten Schluck begießen«, erklärte er und rief: »Herr Ober, eine Flasche Champagner, bitte!«

Der Champagner war vom Feinsten und wohltemperiert. Sibylle hatte den Onkel im Verdacht, ihn schon vorher bestellt zu haben.

»Auf unser Wiedersehen!« Onkel Walter prostete den Damen höflich zu.

»Auf dich, Onkel Walter«, gab Sibylle zurück. Doch kaum hatte sie einen Schluck getrunken, da fragte sie ungeduldig: »Nun, erzähl doch mal von Hawaii! Ich platze vor Neugierde. Ist es dort wirklich immer so schön warm, und die tanzenden Hula-Mädchen sind atemberaubend hübsch und verdrehen jedem Mann den Kopf?«

»Ja, genauso ist es, Sibylle«, gab Walter schmunzelnd zurück. »Du und deine Mutter, ihr solltet mich wirklich einmal besuchen kommen. Aber davon rede ich ja schon seit Jahren. Ich fürchte beinahe, ihr beide traut euch nicht so recht.«

»Genauso ist es«, gab Sibylle in der gleichen Wortwahl, die er zuvor gebraucht hatte, amüsiert zurück.

Auf einmal genoss sie das Treffen. Wann war sie in letzter Zeit schon mal so unbekümmert, so fröhlich gewesen?

»Was führt dich denn jetzt nach Deutschland?«

»Ich werbe bei einigen großen Reiseveranstaltern und Firmen für mein Hotel. Denn wir sind bestens gerüstet für große Veranstaltungen wie Kongresse, Tagungen, internationale Meetings, Hotelaufenthalte im Rahmen von Incentive-Reisen. Das ist der Markt der Zukunft. Viele unserer Gäste sind Amerikaner und Japaner. Aber wir möchten in Zukunft auch in Europa Fuß fassen. Du als gestandene Diplom-Kauffrau wirst ja am besten wissen, dass man sich um den Markt, den man gewinnen oder ausbauen will, auch besonders bemühen muss. In den nächsten zwei Wochen führe ich mit meinen Mitarbeitern einige Präsentationen durch, in denen wir unsere Hotelanlage einem ausgewählten Kundenkreis vorstellen.«

»Das hört sich ja interessant an. Toll, was du so anpackst!«

Bewundernd ruhten Sibylles Blicke auf dem sportlichen Sechziger, der eine Dynamik und Begeisterungsfähigkeit entwickelte, die sie nur so mitriss.

»Wenn es dich interessiert, kannst du gerne einmal zuhören.«

»Wirklich? Ginge denn das?«

»Aber natürlich, Sibylle. Ich würde mich sogar sehr darüber freuen. Und wenn ich sage, dass das geht, dann geht das. Schließlich gehört mir doch der Laden. Aber jetzt habe ich erst mal einen riesigen Hunger. Ich denke, ich werde mal wieder einen ordentlichen Schweinebraten essen.«

Es wurde ein ausgesprochen vergnüglicher Nachmittag. Der Onkel entwickelte einen wahren Heißhunger auf deutsche Hausmannskost. Vor allem die Mehlspeisen hatten es ihm angetan. Und so bestellte er sich anschließend noch eine Extraportion Apfelstrudel.

»Und was willst du jetzt nach dem Studium machen?«, fragte er zwischendurch.

»Ich bewerbe mich gerade um eine Stelle in der Finanzabteilung. Aber es ist im Augenblick nicht so leicht, etwas Geeignetes zu bekommen.«

»Dann war’s heute wohl wieder nichts?«, konnte sich ihre Mutter die Frage nun doch nicht mehr verkneifen.

Sibylle blieb nun nichts mehr anderes übrig, als kleinlaut zuzugeben: »Der Finanzchef sucht jemanden mit Berufserfahrung. Aber wie soll ich die bekommen, wenn mir keiner eine Einstiegschance gibt?«

»Das ist allerdings schwer zu machen«, fand auch Onkel Walter und sagte plötzlich übergangslos: »Warum fängst du nicht bei mir an, Sibylle?«

»Bei dir …?« Ihre Augen wurden bei dieser Frage immer größer.

»Ja. Warum kommst du nicht mit nach Hawaii und lernst das Hotelgeschäft kennen? Keine schlechte Branche übrigens. Wenn man’s richtig anfängt, kann man dabei eine Menge Geld verdienen. Allerdings muss man hart arbeiten. Geschenkt wird einem nichts. Aber für dich wäre das eine prima Lösung, wenn du hier nichts findest, was dir zusagt. Du sprichst doch Englisch, oder?«

»Sibylle spricht perfekt Englisch. Ich habe sie immer wieder nach England geschickt. Und dann haben wir zwei Jahre ein irisches Mädchen bei uns wohnen gehabt, das mit uns nur Englisch gesprochen hat«, berichtete ihre Mutter nicht ohne Stolz in der Stimme. Es war nicht zu verkennen, dass sie ihre Tochter liebend gerne ihrem Schwager anvertrauen würde.

»Na, ausgezeichnet! Dann würde ich vorschlagen, dass du ab morgen mit mir kommst. Wir gehen zur Firma Cibix. Die amerikanische Muttergesellschaft möchte das nächste europäische Konzernmeeting auf Hawaii stattfinden lassen. Das Meeting wird allerdings von Deutschland aus organisiert. Deshalb werden wir den Damen und Herren aufzeigen, was wir so alles zu bieten haben.«

Sibylle glaubte, sich verhört zu haben, und fragte: »Sagtest du Cibix, Onkel Walter?«

»Ja. Wieso?«

»Weil das die Firma ist, bei der ich mich heute Vormittag beworben habe. Und Herr Schönberger, der Finanzchef, ist derjenige, der jemand mit Berufserfahrung bevorzugt.«

»Na, wenn er dich ohnehin schon abgelehnt hat, dann brauchst du darauf keine Rücksicht mehr zu nehmen. Also, kommst du mit?«

Sibylle spürte, dass er sie gerne dabei gehabt hätte. Außerdem interessierte sie das Hotel auf Hawaii, und dann war sie auch auf das Gesicht von Schönberger gespannt. Aber das Wichtigste war die Stimme in ihr, die ihr zuzuflüstern schien: »Mach’s, Sibylle! Das ist die Chance, endlich mal aus all dem herauszukommen.«

Und das bezog sich auch auf Gerhard.

»Gut, ich komme mit.«

»Das ist schön. Darüber freue ich mich sehr. Dann lernst du auch gleich zwei meiner Mitarbeiter kennen. Sie kümmern sich um die Öffentlichkeitsarbeit und sind ganz hervorragende Leute.«

Sie tranken zum Abschluss noch einen Espresso zusammen, und als Sibylle nach Hause fuhr, war sie bestens gelaunt.

***

Gerhard war schon da. Er sah ihren entspannten Gesichtsausdruck und bezog das auf das Bewerbungsgespräch, denn er fragte sogleich: »Na, hat’s heute wenigstens funktioniert?«

»Nein. Ich denke, das hat es nicht.« Ihre Stimme klang beinahe gleichgültig.

»Nicht …?« Sein Gesicht verdüsterte sich bei ihren Worten. »Ja, und von was willst du in Zukunft leben?«

Gerhard war mal wieder beim Thema. Seit er verdiente, hatte er einen Großteil ihrer Kosten getragen. Aber in letzter Zeit ließ er immer mehr durchblicken, dass er dazu nicht mehr länger bereit war.

»Keine Sorge«, gab sie ruhig zurück. »Ich werde dir nicht mehr lange auf der Tasche liegen. Vielleicht gehe ich ins Ausland.«

»Ins Ausland …? So ein Witz! Glaubst du, die haben ausgerechnet auf dich gewartet? Wenn du schon im Inland Schwierigkeiten hast, was zu finden, dann wird es woanders noch schwieriger. Die nehmen doch erst recht nur jemanden mit Erfahrung.«

Wie bekomme ich nur Erfahrung?, überlegte Sibylle. Als Lösung fiel ihr eigentlich nur Onkel Walter ein.

Und der sagte am nächsten Tag, nicht ohne Stolz in der Stimme: »Das ist meine Nichte Sibylle. Und dies sind Anne und Bruce. Meine beiden Promotion-Manager.«

»How do you do?«

»Nice to meet you.«

Sie schüttelten ihr erfreut die Hand, begannen dann aber gleich, sich auf die Veranstaltung vorzubereiten, die in dem großen Konferenzraum der Cibix GmbH stattfinden sollte.

Eine Stunde später hatten sich ein paar Herren der Führungsebene eingefunden, die das Hotelresort auf Hawaii kennenlernen wollten, um später ihre Entscheidungen treffen und verantworten zu können.

Schönberger war natürlich auch unter ihnen und hatte Sibylle sofort entdeckt.

»Ja, Frau Koch, was machen Sie denn hier?«, fragte er verwundert.

»Ach ja«, erinnerte sich Walter Koch. »Wie mir meine Nichte sagte, haben Sie sich bereits kennengelernt, Herr Schönberger. Vermutlich wird Frau Koch in meinem Hotel einige Schlüsselfunktionen übernehmen. Ich bin sicher, dass Sie dann auch mit ihr zu tun haben werden«, erklärte er mit einem smarten Lächeln in Richtung des Finanzchefs.

Sibylle hätte ihn dafür am liebsten auf der Stelle umarmt. Onkel Walter fand aber auch wirklich das rechte Wort zur rechten Zeit, und diesem Schönberger hatte er es ganz schön gegeben.

»Gratuliere, Frau Koch!«, meinte Schönberger trocken.

Bisher hatte sich Sibylle noch nicht zu einer Entscheidung durchringen können, aber in diesem Augenblick beschloss sie, das Hotelgeschäft bei Onkel Walter zu lernen. Es gab keinen besseren Lehrmeister als ihn. Die professionelle Informations- und Werbeshow, die folgte, bestätigte sie in ihrer Ansicht nur noch.

Walter Koch sprach die einleitenden Worte, dann folgte ein Film, der das »Coconut Beach Resort« zeigte. Man sah eine anspruchsvolle Luxusanlage an einem der schönsten Strände von Honolulu. Schon nach den ersten Bildern war Sibylle überzeugt davon, das Paradies vor Augen zu haben.

Zuletzt saßen sie dann noch mit Schönberger zusammen, der sich vor allem für die Preise interessierte. Als sie sich verabschiedeten, fragte er: »Frau Koch, dann darf ich Ihnen Ihre Bewerbung zurückschicken?«

Sibylle lachte kurz auf und erwiderte: »Aber Herr Schönberger, das hätten Sie doch ohnehin getan.«

»Damit dürfte sich deine Bewerbung erledigt haben«, meinte Walter, als sie die Firma verließen. »Wie gefällt dir mein Hotel?«

»Es ist ein Traum. Dort würde ich auch sofort Urlaub machen.«

»Und würdest du dort auch sofort zu arbeiten anfangen?«

»Ist das dein Ernst, Onkel Walter?«

Sie hatten zwei Taxis genommen. Sibylle und Walter saßen im Fond des einen, Anne und Bruce folgten ihnen im zweiten.

Walter öffnete seinen Aktenkoffer, als er ihr antwortete: »Es ist mein voller Ernst, Sibylle. Wenn du glaubst, dass dich die Branche interessieren könnte, dann würde ich vorschlagen, dass du gleich mit uns zurückfliegst. Ich kann dir auch ungefähr sagen, was du bei mir verdienen könntest.« Er schrieb eine fünfstellige Summe auf das Blatt Papier. »Das wäre dein Gehalt im ersten Jahr. Außerdem sorge ich für deine Unterkunft, die kostenlos ist.«

Das war viel mehr, als sie erwartet hatte.

»Allerdings wird dir nichts geschenkt werden. Ich sage dir lieber jetzt schon, dass wir mit einem achtstündigen Arbeitstag oft nicht auskommen. Vor allem nicht in der Hochsaison oder bei großen Kongressen, wenn’s wie in einem Bienenstock zugeht. Da muss man umsichtig sein und starke Nerven haben. Das, Sibylle, muss dir von Anfang an klar sein.«

»Trotzdem – danke, Onkel Walter. Das ist eine riesige Chance für mich.«

»Heißt das, du machst es?«, fragte er hoffnungsvoll.

Sie nickte.

Das war der Augenblick, als er seinen Arm um sie legte und ihr gestand: »Ich bin darüber sehr glücklich. Ich wollte immer jemanden aus meiner Familie im Geschäft haben. Und du bist meine einzige jüngere Verwandte, Sibylle.«

»Nur Mutsch …!«, wandte sie besorgt ein. »Ich muss erst mit ihr reden. Außerdem ist mir nicht ganz wohl dabei, sie hier alleine zurückzulassen.«

»Mach dir darüber keine Sorgen. Ich werde ihr vorschlagen, dass sie uns bald besuchen kommt.«

Dankbar sah sie ihn an und sagte: »Du bist wundervoll, Onkel Walter. Warum hast du uns nicht schon mal früher besucht?«

»Das frage ich mich auch«, erwiderte er schmunzelnd.

Vielleicht hatte er immer zu viel gearbeitet? Und als er vor einiger Zeit beim Golfspielen einen leichten Schwindelanfall erlitten hatte, war ihm zum ersten Mal schlagartig klar geworden, dass es niemanden in seiner Umgebung gab, der das Zeug dazu hatte, seinen Besitz einmal weiterzuführen. Vielleicht hatte er aus diesem Grund seine Schwägerin und Nichte aufgesucht …

Sibylle ging hinauf in die Drei-Zimmer-Wohnung, die Gerhard angemietet und zum Großteil eingerichtet hatte. Das war auch der Grund, warum er immer wieder von »seiner« Wohnung sprach.

Im Schlafzimmer sah sie den Schrank durch. Allzu viel zum Anziehen hatte sie ohnehin nicht. Meistens waren es ältere Sachen, die reif für die Kleidersammlung waren. Sie holte einen Plastiksack und begann, ihre Garderobe auszusortieren.

Als sie beinahe fertig war, kam Gerhard und sagte: »Ich habe heute mehrmals angerufen. Warst du unterwegs?«

»Ja«, antwortete sie einsilbig.

»Ein paar Kumpels kommen heute Abend vorbei. Könntest du einen kleinen Imbiss vorbereiten?«

Ein wenig irritiert sah sie ihn an. Gerhards Einladungen kamen meist sehr kurzfristig und nahmen selten Rücksicht darauf, ob sie nicht auch vielleicht einmal etwas vorhatte.

Bisher hatte sich Sibylle meist auch hektisch in die Küche gestürzt und in Windeseile etwas Leckeres hervorgezaubert. Aber heute passte ihr das überhaupt nicht in den Plan.

Deshalb sagte sie: »Tut mir leid, Gerhard, aber ich hab keine Zeit. Kannst du nicht etwas beim Pizzaservice bestellen?«

»Pizzaservice …! Warum machst du nicht ein paar Häppchen?«, fragte er unwillig.

Ihre Häppchen waren meistens große Platten, die sie mit delikaten Köstlichkeiten belegte. Dazu gab es mehrere Schüsseln frischer Salate, Knoblauchbrote oder auch mal einen Topf scharfe Gulaschsuppe.

»Ich muss weg.«

Sie wollte unbedingt noch mit ihrer Mutter über Hawaii reden.

»Etwa wegen dem Kram hier?« Kopfschüttelnd deutete er auf den Plastiksack mit den alten Sachen.

»Nein. Das hab ich nur schnell aussortiert. Dicke Sachen kann ich auf Hawaii kaum gebrauchen.«

»Auf Hawaii …?« Jetzt wurde er hellhörig. »Wieso auf Hawaii? Du hast doch nicht etwa im Lotto gewonnen und willst dich in den nächsten Monaten als Weltenbummlerin betätigen?«

»Vielleicht habe ich in Deutschland ganz einfach den Regen satt!«

Es tat ihr gut, ihn ein wenig zappeln zu lassen, bevor sie mit der Wahrheit rausrückte.

»Das wäre freilich auch eine Erklärung«, spottete er. »Aber das ist ja wieder typisch: Kaum gehen ein paar Bewerbungen daneben, schon gibst du auf. Und ich hatte gedacht, dass du allmählich etwas zur Miete beisteuern würdest.«

»Wenn ich auf Hawaii bin, kannst du dir eine Untermieterin suchen, die zahlt«, schoss Sibylle zurück, packte den Plastiksack und schleppte ihn zum Container der Kleidersammlung. Dann fuhr sie zu ihrer Mutter.

***

»Mutsch, was würdest du sagen, wenn ich tatsächlich nach Hawaii ginge?«, fragte sie eine Stunde später mit bangem Blick.

»Wichtig ist einzig und allein, was du davon hältst, mein Kind. Oder fragst du mich vielleicht, ob ich etwas dagegen habe? Ob du mich allein lassen kannst?«

Jetzt war es um Sibylles Beherrschung geschehen. Ihre Augen glänzten verdächtig, als sie mit bewegter Stimme meinte: »Aber wenn ich wirklich gehe, Mutsch, dann bist du hier ganz allein.«

»Aber Kind, das Einzige, was zählt, ist doch, dass du glücklich bist. Dass du im Leben weiterkommst. Sicherlich ist es hochinteressant für dich auf Hawaii. Und wenn’s dir nicht gefällt, dann kannst du jederzeit zurückkommen. Aber da ist noch etwas anderes: Ehrlich gesagt bin ich sehr froh, wenn du von Gerhard wegkommst. Dieser Mann liebt dich nicht und wird dich sein ganzes Leben nur wie eine Bedienung, wie ein lästiges Anhängsel behandeln. Bille, du solltest dir jemanden suchen, der dich liebt, achtet und glücklich macht.«

»Ach, Mutsch!« Sie fiel ihr um den Hals. Aber als sie daran dachte, dass sie bald getrennt sein würden, da rollten ihr ein paar Tränen die Wangen hinunter.

»Was hältst du davon, wenn ich dich schon bald besuche?«, fragte die ältere Dame plötzlich.

»Würdest du das wirklich tun?«

»Klar, warum nicht? Walter hat mich schon so oft eingeladen. Und wenn du dort bist, dann habe ich ja wirklich einen Grund zu fliegen.«

»O Mutsch! Das wäre toll!«, freute sich Sibylle und drückte ihr einen dicken Kuss auf die Wange.

Und dann schmiedeten sie gemeinsam Zukunftspläne.

***

Als Sibylle nach Hause kam, war die Feier in vollem Gange.

Von einem Partyservice hatte Gerhard offensichtlich nun doch Salate und Getränke bestellt. Die Pizzen waren vom Italiener schräg gegenüber angeliefert worden.

»Grüß dich, Sibylle. Wo warst du denn? Gerhard war ohne dich hier schon beinahe am Durchdrehen.

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