Logo weiterlesen.de
Silvia Duett - Folge 05

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Eine Frau will vergessen
  4. In seinen starken Armen
  5. Vorschau

Eine Frau will vergessen

Georg von Korff ist ein reifer Mann mit grauen Schläfen. Er hat bereits eine glückliche Ehe hinter sich, als er sich in die blutjunge Clementine verliebt und sie nach nur kurzer Zeit heiratet. Er vergöttert seine bezaubernde Frau und hofft, dass seine zweite Ehe ebenso glücklich wird wie die erste.

Doch da packt ihn plötzlich die Eifersucht, nimmt gegen seinen Willen Besitz von ihm und bereitet der jungen Frau an seiner Seite die Hölle auf Erden. Auf Schritt und Tritt bewacht, lebt Clementine wie eine Gefangene im luxuriösen Haus ihres Mannes. Die Katastrophe kann nicht ausbleiben …

Charlotte Thomas blickte verstohlen durch die Gardine auf die Straße hinaus.

»Sein Wagen hält, Clementine«, berichtete sie aufgeregt. »Er steigt aus, und er hält einen großen Blumenstrauß in der Hand.« Schnell drehte sie sich zu ihrer Tochter um. »Es ist so weit! Oh, Clementine! Was für ein Glück! Wir müssen dem Himmel dankbar sein.«

Clementine Thomas lauschte nach innen, als wollte sie sich fragen, wie ihr Herz empfand. Hatte es nicht immer heftig geschlagen, wenn Georg Freiherr von Korff sie bewundernd anblickte?

Charlotte Thomas strahlte, als sie auf ihre Tochter zuging.

»Clementine, du liebst ihn doch?«, forschte sie. »Der Altersunterschied macht dir doch gewiss nichts aus? Er wird dich auf Händen tragen. Wenn Vater das noch erlebt hätte!«, sprach sie.

Die Türklingel schrillte.

Charlotte Thomas eilte hinaus.

Clementine trat zum Spiegel und blickte sich aufmerksam an.

Liebe ich Georg von Korff?, fragte sie sich. Macht mir der Altersunterschied tatsächlich nichts aus? Georg ist zweiundvierzig Jahre alt, also zweiundzwanzig Jahre älter als ich. Nein, es macht mir nichts aus. Ich wundere mich bloß, dass er an mir Gefallen gefunden hat.

Nie kann ich so werden wie Carla, Georgs erste Frau. Von ihr spricht er nur in Ehrfurcht und Bewunderung. Werde ich nicht immer gegen ihren Schatten ankämpfen müssen?

Die Tür öffnete sich.

»Er ist da«, flüsterte Charlotte Thomas.

»Ja, ich komme«, sagte Clementine. Tapfer drückte sie die Türklinke nieder.

Georg Freiherr von Korff stand in der Mitte des Raumes. Er hielt zwei Blumensträuße in den Händen. In der Rechten trug er einen üppigen Strauß mit Teerosen, in der Linken hielt er langstielige blutrote Rosen.

Als Clementine eintrat und leise die Tür hinter sich zudrückte, ging er einen Schritt auf sie zu.

»Clementine«, sagte er, und seine Stimme klang heiser.

»Guten Tag, Georg.« Sie starrte ihn an und fand, dass er so gut aussah wie kein anderer Mann auf Erden. Die silbern schimmernden Schläfen gaben ihm etwas Überlegenes, Weltmännisches.

»Wie schön du bist!« Er legte den gelben Rosenstrauß auf den Tisch und ging auf sie zu. »Weißt du, warum ich hier bin?«, fragte er leise. Er hob die Linke mit dem Strauß roter Rosen.

»Ich glaube, ja«, stotterte sie.

Er nahm ihre Hand und zog sie an die Lippen.

»Clementine«, murmelte er, sich wieder aufrichtend, »ich will die entscheidende Frage an dich richten, auch auf die Gefahr hin, dass ich einen Korb von dir bekomme. Seit unserem letzten Zusammentreffen vor drei Tagen kann ich an nichts anderes mehr denken als an dich und an meine Liebe zu dir.«

»Georg, ich – ich …«

»Sag noch nichts!«, bat er rau. »Nimm mir noch nicht die Illusion, dass wir glücklich werden können. Natürlich weiß ich, dass du mich nicht lieben kannst. Ich bin mehr als zwanzig Jahre älter als du. Aber ist das ein Grund, dich nicht zu lieben?«

»Du bist nicht alt, Georg. Du bist ein Mann, zu dem ich aufblicken kann. Du bist so klug, so weit gereist und erfahren! Gegen dich bin ich nichts.«

Schnell legte er den roten Rosenstrauß fort und packte sie an den Schultern.

»Du bist so zauberhaft jung. Und du bist eine Schönheit. Wenn du mir dein Jawort gibst, werde ich dich auf Händen tragen. Jeden Wunsch werde ich dir erfüllen. Seit ich dich kenne, bin ich ein anderer geworden.«

Clementine wurde es ganz eigen ums Herz. Seine Nähe machte sie trunken.

»Ich bitte dich hiermit in aller Form um deine Hand«, sagte er feierlich.

Clementine zitterte vor Aufregung.

Ja, sie wollte die Frau dieses Mannes werden!

»Ich will«, antwortete sie tonlos. »Ja, ich will deine Frau werden, Georg!«

Georg Freiherr von Korff ließ keinen Blick von ihrem kleinen, süß geschnittenen Mund und ihren dunkelblauen Sternenaugen. Er hatte das Gefühl, reich beschenkt worden zu sein.

Mit einem tiefen Atemzug zog er sie an sich. Bewusst und fordernd legte er seinen Mund auf ihre Lippen.

Clementine schloss die Augen, als er sie küsste. Ich liebe ihn mehr als mein Leben, dachte sie.

***

Die Herren an dem runden Tisch im Klub Turania hoben ihre Gläser.

»Auf den Bräutigam in unserer Mitte«, rief Geheimrat Petermann.

Hell stießen die Gläser aneinander.

»Sicher wird dich deine junge Frau so in Atem halten, dass du in der nächsten Zeit für uns unsichtbar bleiben wirst«, prophezeite der Tierarzt Dr. Linge.

»Du hast völlig recht«, bestätigte der Freiherr, »in den nächsten vier Wochen werdet ihr mich nicht zu Gesicht bekommen. Unsere Hochzeitsreise geht nach Griechenland und in die Türkei.«

»Ich bewundere ja deinen Mut!« Des Freiherrn bester Freund, der noch jugendliche Professor Albert Suyter, stellte sein Weinglas wieder ab. »Deine Auserwählte ist immerhin erst zwanzig.«

Georg wurde um einen Schein blasser.

»Zu dem, was ich vorhabe, gehört kein Mut. Clementine und ich lieben uns. Das Alter ist nicht wichtig.«

»Na«, rief der Tierarzt lachend, »dich hat es aber mächtig gepackt, wie?«

»Ja«, bestätigte der Freiherr ernst. »Es war wie eine Schicksalsfügung, als ich ihr begegnete.« Er atmete schwer. »Clementine ist trotz ihrer Jugend nicht leichtsinnig und oberflächlich.« Er sah in die Runde. »Ihr habt doch alle Clara, meine erste Frau, gekannt. Mit ihr war es ganz anders. Wir waren gleichaltrig. Auch sie habe ich geliebt, aber es war eine ganz andere Liebe als mein Gefühl für Clementine.«

Professor Suyter hatte eine scharfe Antwort auf der Zunge.

Ich könnte dir genau sagen, warum du eine um zweiundzwanzig Jahre jüngere Frau liebst, dachte er. Du hast Angst vor dem Altern und glaubst, wenn dieses blühende Geschöpf dich liebt, bedeutet das die ewige Jugend für dich. Aber weit gefehlt, mein guter Georg! Eines Tages wird deine Clementine flügge sein. Und sie wird ahnen, dass es eine Dummheit war, dich zu heiraten.

Er hob sein Glas und nickte Georg zu.

»Wir wünschen dir von Herzen alles Glück in deiner Ehe, Georg!«, sagte er nachdrücklich. »Deine Braut ist gewiss bezaubernd.«

»Aus was für Verhältnisse kommt sie denn?«, erkundigte sich der Tierarzt.

»Ihr Mutter ist Witwe«, berichtete Georg Freiherr von Korff. »Sie musste sich schwer durchs Leben schlagen, die Arme! Clementine ist ihr einziges Kind. Um ihrer Tochter eine ordentliche Schulbildung zukommen zu lassen, hat sie halbtags in einer Bibliothek gearbeitet, weil ihre Witwenrente nicht reichte. Clementine ist sehr bescheiden. Sie hat vor einem Jahr ihr Abitur gemacht. Sie ist außerdem sehr musikalisch und spielt Klavier und Geige. Ich werde ihr einen Bechstein-Flügel schenken.«

»Du bist ein Glückspilz, Georg«, ließ sich Geheimrat Petermann vernehmen.

***

Für Clementine war die Ehe mit Georg Freiherr von Korff ein einziges großes Erlebnis.

Er behandelte sie wie eine wertvolle Porzellanfigur und war ständig besorgt um ihr Wohlergehen. Den kleinsten Wunsch las er ihr von den Augen ab. Immer, dachte sie, werde ich ihn lieben. Er ist der wunderbarste Mann auf Erden. Ein klein wenig aber hatte sie auch Angst vor ihm.

Clementine wusste nicht, wie es kam, doch sie war sich klar darüber, dass sie nicht bis in das Innerste seines Herzens vordringen konnte. Wenn man sich liebt, dachte sie jedoch, muss man sich seine Sorgen anvertrauen.

Auf der Reise durch Griechenland und die Türkei erwies er sich als vollendeter Kavalier. Wenn sie an seiner Seite im Hotelfoyer erschien, wandten sich viele Köpfe nach ihnen um. Und viele fragten sich, ob sie wohl Vater und Tochter wären.

Als Clementine und Georg drei Wochen miteinander verheiratet waren, gab es eine kleine Unstimmigkeit zwischen ihnen. Sie saßen in Istanbul in einem Luxushotel beim Fünf-Uhr-Tee.

»Wie die Männer dich mit ihren Augen verschlingen«, bemerkte Georg ärgerlich.

»Mich?«, fragte sie.

»Nun tu doch nicht so unschuldig!«

»Aber Georg«, sagte sie bestürzt. »Wenn es wirklich so sein sollte, dann kann ich doch nichts dafür.«

»Wirklich nicht?«, fragte er herausfordernd. »Wenn du nur die Augen hebst und an mir vorbei siehst, fühlt sich jeder Mann in deiner Blickrichtung betroffen. Jeder glaubt, du wolltest mit ihm flirten.«

»Georg«, stieß sie hervor, »glaubst du das wirklich von mir?«

Georg sah sie fast feindselig an. Wenn es jemand wagen sollte, sie mir fortzunehmen, dachte er und musste das Zittern seiner Hände unterdrücken, ich würde ihn umbringen.

»Vielleicht«, sprach er versöhnlicher, »habe ich mich getäuscht.«

Clementine atmete auf. Doch die Angst saß in ihrem Herzen. Noch nie hatte Georg sie so böse angesehen.

Er legte seine gepflegte Hand über ihre schmalen Finger.

»Ich liebe dich so sehr, dass ich auf jeden Blick eifersüchtig bin, den du einem anderen Mann schenkst.«

Clementine erschrak. »Georg«, stammelte sie, »wie soll ich dich nur überzeugen, dass ich dich allein liebe?«

»Die anderen Männer«, sagte er mit kalten Augen, und die Wut riss ihn von Neuem fort, »sind viel jünger als ich. Wer hat dir eigentlich eingeredet, dass du mich heiraten müsstest? Ich könnte dein Vater sein.« Er holte tief Luft. »Oder hat dich mein Reichtum gelockt?«

»Ich weiß nicht, was dich so verärgert hat. Du weißt doch, dass ich dich aus Liebe geheiratet habe.«

Ihr Blick rührte ihn bis ins Innerste. Nein, sie kann nicht lügen, dachte er. Ich bin wirklich der einzige Glückliche, dem sie ihr Herz schenkt. Aber wie lange? Wann wird sie sich von mir abwenden?

Jetzt sah er Tränen in ihren Augen.

Schnell und voller Reue zog er ihre Hand an die Lippen.

»Verzeih mir«, bat er. »Ich wollte dich nicht kränken. Ich weiß, dass du mir treu bist.«

»Du darfst so etwas nie mehr sagen«, sprach sie mit bebender Stimme. »Ich kann doch nichts dafür, wenn die Männer mich so ansehen.«

»Würden wir im Mittelalter leben«, versuchte er zu scherzen, »könnte ich sie nacheinander zum Duell fordern. Vergessen wir dieses Gespräch! Aber eines möchte ich dir dazu noch sagen. Meine Frau …« Er unterbrach sich verlegen. »Ich meine Carla, meine erste Frau. Sie war nicht so schön wie du, aber ungemein attraktiv und von einfach umwerfender Eleganz. Sie hatte eine Art, solchen Männerblicken zu begegnen, die einfach einmalig war. Ihre Augen wurden dann eiskalt, und sie machte ein so arrogantes Gesicht, dass sich jeder Mann sofort verstört zurückzog.« Er lachte. »Du musst es mal probieren. Es wirkt todsicher.«

»Hast du sie sehr geliebt?«, fragte Clementine leise.

Seine Wangenmuskeln spielten. »Ja, sehr«, bestätigte er. »Und als sie starb, glaubte ich, nicht mehr weiterleben zu können. Wir harmonierten in so vollendeter Weise.«

»Und dann, Georg?«, stammelte sie.

»Du weißt ja, wie einsam ich nach ihrem Tod war. Ich glaubte, nie im Leben wieder eine Frau wie Carla finden zu können.« Seine Stimme erstarb.

»Und?« Clementine wagte kaum zu atmen. »Hast du sie gefunden, Georg?«

»Ich suchte unbewusst seit Carlas Tod eine Frau, die so aussah wie sie: groß, dunkelhaarig und stattlich. Und dann begegnete ich dir. Du gleichst ihr zwar, aber die Liebe, die ich für dich empfinde, Mädchen, ist ganz anders. Sie ist kein zweiter Aufguss. An Carla band mich etwas anderes – und überhaupt!« Er seufzte auf. »Wie kann man zwei so verschiedenartige Gefühle miteinander vergleichen?«

»Ich bin nicht eifersüchtig auf Carla.« Clementines Stimme bebte. »Sie muss eine wunderbare Frau gewesen sein.«

»Du brauchst auch nie eifersüchtig zu sein«, versicherte er mit einem Lächeln. »Carla ist tot, und du bist die Stärkere, weil du lebst.«

***

Georg Freiherr von Korff bewohnte ein luxuriöses Herrenhaus am Rande der Stadt, in dem schon seine Urgroßeltern gewohnt hatten.

Aus Taktgefühl hatte er Clementine nicht das ehemalige Schlafzimmer seiner ersten Frau zugeteilt. Clementine erhielt ein freundliches Zimmer mit Palisanderholzmöbeln.

Es war schwer für sie, sich daran zu gewöhnen, dass sie jetzt eine Freifrau von Korff war und dass die Dienstboten gnädige Frau zu ihr sagten. Sie war heilfroh, dass die grauhaarige Frau Andersen, die jahrelang Haushälterin im Herrenhaus gewesen war, auch weiterhin alle Verantwortung von ihr nahm.

Clementine hätte nicht gewusst, wie sie so ein großes Haus führen sollte. Die beiden Zofen, die zwei Diener und der alte Butler Heribert Kramm waren ebenfalls schon jahrelang in den Diensten Georgs, ebenso der Chauffeur Paul Merk und der alte Gärtner Fridolin.

Hatte schon die kleine unliebsame Eifersuchtsszene in Istanbul Clementine einen Schock versetzt, so wiederholte sich ein ähnlicher Vorfall eine halbe Stunde vor dem Eintreffen der Gäste. Georg Freiherr von Korff hatte seine Freunde und ihre Frauen zu einer kleinen Party eingeladen.

Georg war noch in seinem Schlafzimmer, wo der Butler ihm beim Ankleiden behilflich war, als Clementine aus der Tür ihres Schlafzimmers trat.

Sie trug ein raffiniert einfaches Kleid aus zartblauer Spitze, hauteng im Oberteil, und von der Taille ab besaß es einen weiten gerafften Rock.

Als sie die geschwungene Treppe zur Halle hinunterschritt, sah sie den Jungdiener Toni dort mit einem Staubwedel hantieren. Clementine musste unwillkürlich lachen. Frau Andersen hatte ihr erzählt, wie aufgeregt Toni heute war.

Beinahe so wie ich, dachte Clementine und ging langsam auf ihn zu.

Toni sah auf. Er mochte vielleicht achtzehn Jahre alt sein. Als er seine junge Herrin gewahrte, wurde er rot.

»Alles in Ordnung, Toni?«

»Ja, gnädige Frau.« Er starrte sie bewundernd an.

»Sie brauchen keine Angst zu haben, Toni. Die Gäste, die heute zu uns kommen, sind keine Menschenfresser.«

Später fiel ihr ein, dass ihr Gespräch mit dem Jungdiener vielleicht sehr vertraulich ausgesehen hatte. Ohne dass sie sein Kommen bemerkt hatte, hörte sie Georgs Stimme über sich.

»Clementine! Komm sofort herauf!«

Was ist passiert?, dachte sie. Sie raffte den langen Rock und eilte bebend die Stufen hinauf. »Georg«, rief sie atemlos, »was ist passiert?«

Er packte sie am Arm und zerrte sie weiter bis zur Tür seines Schlafzimmers. Clementine unterdrückte einen Schrei. Wie sah er nur aus? Seine Miene verhieß absolut nichts Gutes.

Das erste Mal wurde ihr bewusst, um wie viele Jahre er älter war als sie.

»Er ist dein Geliebter, wie?«, herrschte er sie an. Er packte sie auch am anderen Arm und schüttelte sie.

»Georg«, stammelte sie, »was ist mit dir?«

»Gib es doch zu, dass er dein Geliebter ist!«, knirschte er kalt.

»Du tust mir weh«, sagte sie tonlos.

»Du gibst es also nicht zu?«

»Wer?«, fragte sie hilflos. »Von wem sprichst du?«

»Du hast wohl so viele, wie?«, höhnte er. »Ich meine natürlich den Jungdiener Toni. Er gefällt dir wohl? Er ist wohl genau dein Typ, wie? Jugend zieht es zur Jugend. Und mich, den alternden Gatten, willst du wohl so schnell wie möglich los sein!«

Mit einem Ruck machte sich Clementine frei. Tränen stürzten aus ihren Augen. War das wirklich noch Georg, ihr Mann?

»Wie kannst du nur so etwas sagen«, schluchzte sie fassungslos. Etwas in ihr war gestorben, doch sie wusste es noch nicht. Unsagbare Hoffnungslosigkeit ergriff Besitz von ihr. »Ich habe mit Toni erst ein paar Worte gewechselt. Du weißt genau, dass ich keinen Geliebten habe – außer dir.«

»Und wo warst du heute Nachmittag? Und wo gestern gegen Mittag? Du lässt dich vom Chauffeur fortfahren. Weiß der Himmel, zu welchen zärtlichen Treffen du immer fährst! Mir setzt man Hörner auf, was?«

»Georg, warum vertraust du mir nicht?«, weinte Clementine.

»Mich kannst du nicht irre machen. Ich weiß, was ich gesehen habe. Wie du ihn angelächelt hast!«

»Ich bemühe mich, freundlich zu unseren Angestellten zu sein«, sagte Clementine mit schwacher Rechtfertigung.

Die Angst packte sie und ließ sie nicht mehr los. Immer begleitete sie von nun an diese Angst. Sie konnte es nicht begreifen, dass sie sich vor ihm fürchtete und vor seinen Zornausbrüchen. Er war doch ihr Mann, dem sie ewige Treue geschworen hatte.

In den Nächten, in denen er bei ihr war, hatte seine Leidenschaft sie mitgerissen, und sie hatte sich oft gefragt, ob ihre Liebe jemals an die seine heranreichen würde. Sie bewunderte ihn und sah zu ihm auf. Er war so weltmännisch und selbstsicher! Er war der Mann ihrer Träume.

»Geh und pudere dein Gesicht!«, befahl er unbeherrscht. »Ich wünsche nicht, dass unsere Gäste merken, dass es zwischen uns Streit gegeben hat.«

Sie stürzte in ihr Zimmer, und erst als sie allein war, überkam sie die ganze Verzweiflung.

Sei doch froh, dass er eifersüchtig ist, bohrte es gleichzeitig in ihr. Das ist der beste Beweis seiner Liebe.

Froh?, dachte sie bitter. Warum vertraut er mir nicht?

Sie starrte ihr Spiegelbild an. Tränenüberströmt waren jetzt die Wangen. Hastig griff sie nach der Puderquaste.

Sie hörte das Klingeln unten an der Haustür. Die ersten Gäste!, schoss es ihr durch den Kopf. Sie betrachtete sich erregt. Und so sollte sie den Gästen die glückliche junge Ehefrau vorspielen? Mit diesen verweinten Augen?

Ihr Blick wirkte von den Tränen leicht glasig. Und die Augenränder waren gerötet. Großer Himmel! Sie erschrak. Georg würde böse sein.

Da war sie wieder! Diese grenzenlose, nie enden wollende Angst!

Clementine sprang auf und stürzte zum Fenster. Sie riss es auf. Draußen wehte ein kühler scharfer Wind, der nach Regen roch. Sie atmete tief und regelmäßig.

Es klopfte an der Tür ihres Schlafzimmers.

»Ja, wer ist da?«, rief sie bange.

»Ich bin es – Helli. Der gnädige Herr bittet Sie, in die Halle zu kommen, gnädige Frau.«

»Ja, Helli, ich komme sofort!«

Clementine hatte die Treppe erreicht und ließ ihren Rock ein bisschen tiefer hinunter. Sie hatte es mehrere Male einstudiert, wie sie mit dem langen Rock graziös die Stufen hinabschreiten konnte.

Als sie nur noch drei Stufen hinunterzuschreiten hatte und es endlich wagte, zu Georg und dem Ehepaar hinüberzuschauen, klingelte es von Neuem an der Haustür.

Sie sah den Butler Heribert zur Haustür eilen und sie aufreißen. Sie erkannte drei Neuankömmlinge: eine Dame mit grauem Haar und zwei Herren.

Da hörte sie sich angesprochen.

»Komm, Clementine. Ich will dich unseren Gästen vorstellen!« Georg sprach sehr freundlich zu ihr, doch etwas in seinen Augen stimmte noch immer nicht. Da war etwas Lauerndes, als ob er sie ständig misstrauisch beobachtete.

»Natürlich, Georg.« Sie legte ihre Hand in seinen Arm.

»Oh, wie reizend, meine Liebe! Sie sind ja noch bezaubernder, als ich mir das vorgestellt hatte.« Die rothaarige Gattin des Geheimrats tätschelte Clementines Hand.

»Hallo, Georg!«, rief eine laute, frische Stimme. »Du wirst verzeihen, dass ich meinen Neffen mitbringe. Aber er überraschte uns heute Nachmittag mit seinem Besuch.«

Polternd kam Professor Suyter näher. Er begrüßte den Geheimrat und Laura Petermann mit Handschlag, drückte Georg die Hand und blieb schließlich vor Clementine stehen.

Ganz still sah er sie an.

»Ja«, sprach er endlich, »Sie sind die Einzige, die diesen Junggesellen zur Heirat bewegen konnte. Ich hatte ein bisschen Angst …«

»Du redest entschieden zu viel!«, mischte sich die Dame mit dem grauen Haar ein. Sie schob den Professor zur Seite und nahm Clementines Hand. »Hören Sie nicht auf ihn! Ich freue mich sehr, liebe Clementine, dass wir uns endlich kennenlernen. Und jetzt müssen Sie auch unseren Neffen begrüßen.«

Von der Garderobe her, wo er seinen Mantel abgelegt hatte, kam Jonas von Reitz näher. Clementines Blick wanderte zu Georg, und sie glaubte, auf seinem Gesicht Unwillen wahrzunehmen.

Jonas von Reitz aber riss die Umhüllung von zehn langstieligen Teerosen und verneigte sich vor Clementine.

»Ich bin uneingeladen bei Ihnen hereingeschneit«, sagte er, »deshalb – und zum Lob Ihrer Schönheit – diese bescheidenen Blüten.« Er richtete sich lächelnd auf. Und sein bewundernder Blick traf Clementine.

Schüchtern streckte sie die Hände nach den Rosen aus.

Dieser Jonas von Reitz war ein gut aussehender Mann von knapp fünfundzwanzig Jahren.

»Darf ich vorstellen? Jonas von Reitz, mein Neffe. Weltreisender in Sachen Kulturfilm.«

»Oh, ja, haben Sie nicht kürzlich einen Preis bekommen, lieber Herr von Reitz?« Laura Petermann drängte sich vor und streckte Jonas die Hand hin. »Welcher Ihrer Filme ist denn preisgekrönt worden?«

Jonas verneigte sich amüsiert. »Der Kulturfilm über das Gefühlsleben der Borstenwürmer. Er bekam den ersten Akademiepreis.«

Inzwischen kam auch das letzte Ehepaar, das geladen war. Tierarzt Dr. Linge hatte eine kleine zierliche Frau von etwa vierzig Jahren. Sie war mittelblond, ging sehr unauffällig gekleidet und hatte, wie Clementine wusste, zu Hause drei kleine Kinder.

Clementine fand die Freunde Georgs sehr sympathisch. Nur mit Laura Petermann konnte sie nicht so recht warm werden. Sie fand, dass Laura wie eine Schlange war: gefährlich und falsch. Aber Cilly Suyter war von überströmender Herzlichkeit, und auch die kleine Frau Pia Linge mochte Clementine vom ersten Augenblick an.

Der Hausherr führte die Damen in den Salon, wo ein Aperitif gereicht werden sollte, während die Herren zur Bibliothek des Hausherrn hinübergingen.

»Alle Achtung, Georg«, schmunzelte der Professor. »Ich kann jetzt verstehen, warum du um deine junge Frau so eine große Geheimnistuerei gemacht hast. Sie ist wundervoll!«

Georg lächelte überlegen. »Ich wusste, dass sie euch gefallen wird.«

Der Geheimrat nickte. »Wirklich, man kann deinen Mut nur bewundern. So jung hatte ich sie mir nicht vorgestellt. Sie wirkt ja fast noch kindlich.«

Georg Freiherr von Korff fuhr zusammen. »Kindlich?«

Ganz zufällig streifte er das Gesicht des jungen Jonas von Reitz. Wie er Clementine angestarrt hat! Einfach schamlos!

»Lasst unseren guten Georg in Ruhe«, mischte sich der Tierarzt ein. »Er hat seine Wahl getroffen, und es war eine gute Wahl.«

Während Jonas von Reitz dem Gespräch der drei Herren lauschte, versuchte er sich über seine Stimmung klar zu werden.

Etwas in ihm bäumte sich dagegen auf zu akzeptieren, dass die blutjunge Freifrau von Korff einen Mann geheiratet hatte, der mehr als zwanzig Jahre älter war als sie.

Ist sie wirklich so berechnend und schlau? Stach ihr das Geld des Freiherrn in die Augen? Wie Tante Cilly im Auto gesagt hat, stammt sie aus kleinbürgerlichen Verhältnissen.

Er blickte hinüber zu Georg Freiherr von Korff. Ja, er sieht gut aus, gab Jonas zu, aber ich bestreite entschieden, dass seine junge Frau ihn lieben kann. Dazu ist der Altersunterschied zu groß.

Inzwischen saßen Cilly Suyter, Laura Petermann und Pia Linge im Salon bei Clementine.

Erst jetzt kam es ihr zum Bewusstsein, dass alle diese Damen, die Ehefrauen der Freunde ihres Mannes, ihre Mutter hätten sein können.

»Hören Sie zu, mein Herz«, sagte Laura Petermann, »Ich hätte gern ein Glas Wasser. Ich muss meine Dragees nehmen, sonst kann ich nachher keinen Bissen essen.«

Clementine erhob sich. »Ich hole Ihnen selbst das Wasser, Laura. Die Diener werden mit der Vorbereitung der Tafel zu tun haben. Einen Augenblick, bitte!«

Sie eilte hinaus und atmete unwillkürlich auf, als sie draußen war.

Sie durchquerte die Halle und ging die Stufen zur Küche hinunter, die im Souterrain lag.

In der Küche war helle Aufregung.

Clementine stotterte: »Frau Petermann will ein Glas Wasser.«

Frau Andersen, sonst die Güte in Person, schüttelte den Kopf.

»Warum klingeln Sie dann nicht, gnädige Frau. Die erste gnädige Frau hätte das nie gemacht.«

Clementine fuhr zusammen. Seitdem sie im Haus Georgs lebte, musste sie dauernd gegen Claras Schatten ankämpfen.

»Geben Sie mir das Wasser, und dann verschwinde ich«, sagte sie ungeduldig.

Ich bin schließlich die Hausherrin hier, dachte sie rebellisch. Warum stößt mich jeder herum?

Ein Glas wurde mit Wasser gefüllt und auf einen Unterteller gestellt.

Clementine hastete die Treppe zur Halle hinauf. In der Halle prallte sie gegen die breite Brust von Jonas von Reitz.

»Verzeihung, gnädige Frau«, sagte er, und seine Augen lachten. Er sah zu ihr nieder, und so seltsam es war, zum ersten Mal an diesem Abend wurde es Clementine warm ums Herz.

Er deutete auf das Glas.

»Was ist das? Gin?«, fragte er mit einem Zwinkern.

Clementine schüttelte den Kopf. »Wasser«, erwiderte sie.

»Mir war es zu langweilig in der Bibliothek«, bekannte er. »Und da ging ich auf Erkundung aus. Ich wollte mal sehen, ob ich Sie nicht zufällig treffe.«

»Sie haben mich getroffen«, sagte Clementine atemlos. »Kann ich etwas für Sie tun?«

»Unterhalten Sie mich! Plaudern Sie mit mir«, forderte Jonas sie auf. »Bei den alten Herren schläft man ja ein vor Müdigkeit. Übrigens dreht sich die Rede nur um Sie. Alle bewundern Sie.«

»Ich weiß nicht, warum.«

»Vielleicht, weil Sie noch so jung sind«, erwiderte er bedeutungsvoll. Er beobachtete sie scharf. Berechnend war sie bestimmt nicht. Sie wirkte wie ein schüchternes junges Mädchen. Merkwürdig!

Es kommt mir vor, als ob sie Angst hätte. Warum blickte sie sich eigentlich dauernd um?

»Wenn ich jung bin«, erwiderte Clementine leise, »dann ist das nicht mein Verdienst. Jeder war einmal jung.«

Er nahm ihr mit ruhiger Selbstverständlichkeit das Wasser aus der Hand.

»Zeigen Sie mir, wo ich das Wasser hinbringen soll.«

»Wir sitzen im Salon«, stotterte Clementine. »Hier entlang, bitte.«

»Fein!«, freute sich Jonas. »Dann spiele ich Hahn im Korb. Ist Tante Cilly auch dabei?«

»Natürlich.« Clementine nickte. »Mit wem sind Sie verwandt? Mit Cilly oder mit dem Professor?«

»Mit beiden«, antwortete Jonas. »Tante Cilly und der Professor sind nämlich Cousin und Cousine dritten Grades. Ich bin der Sohn einer Cousine von beiden. Sie haben mich in ihr Herz geschlossen, und besonders der Onkel besteht immer darauf, dass ich alle Feiertage wie Ostern und Weihnachten bei ihnen verbringe, seitdem meine Eltern tot sind.«

»Ich finde Ihre Tante Cilly reizend«, sagte Clementine.

»Ich auch! Vorläufig bleibe ich mal sieben Wochen bei den beiden.« Er grinste. »Hoffentlich sieht man sich dann mal.«

»Wieso? Wie meinen Sie das?«, fragte sie.

»Ganz einfach! Ich finde Sie reizend und würde Sie gern wiedersehen! Ist das ein Verbrechen?«

Clementine sah ihn fassungslos an. Meine Güte, wenn Georg von diesem Gespräch erfährt!, dachte sie.

»Bitte«, flehte sie, »sagen Sie das nicht den anderen, und lassen Sie meinen Mann nicht merken, dass Sie …

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Silvia-Duett - Folge 05" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen