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Silvia Duett - Folge 03

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Verschenke deine Jugend nicht
  4. Er küsste sie im Zauberschloss
  5. Vorschau

Verschenke deine Jugend nicht

Menschenschicksale rühren ans Herz, wenn man den ersten Roman liest. Da gibt es ein schreckliches Unglück, bei dem eine junge Frau stirbt. Ein winziges Kind bleibt einsam zurück. Die Ärztin, Dr. Anne Dallmann, kümmert sich um das Kind. Sie kann nicht ahnen, dass dieses tragische Geschehen ihren Schicksalsweg in gänzlich neue Bahnen lenkt …

»Kann ich noch etwas für Sie tun, Frau Doktor?«

»Nein, danke, Schwester Helene, ich werde versuchen, ein wenig zu schlafen.«

»Das sollten Sie wirklich tun, Frau Doktor, zwei Nachtwachen in einer Woche sind einfach zu viel.«

Als sich die Tür hinter der Schwester geschlossen hatte, erhob Anne Dallmann sich. Äußerlich sah man ihr nicht an, dass sie einen so verantwortungsvollen Beruf hatte. Sie war klein zu nennen, hatte eine zierliche Gestalt. Schwarzes Haar lag modisch gewellt um ihren Kopf.

Dass sie vor ein paar Monaten ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert hatte, fiel einem schwer zu glauben, denn sie wirkte wie ein junges Mädchen.

Anne Dallmann öffnete das Fenster. Sie liebte die reine Luft der Nacht. Gegenüber, im Operationssaal, brannte noch Licht.

Die junge Ärztin drehte sich ins Zimmer zurück. Sie wollte versuchen, ein wenig zu schlafen.

Anne schloss die Augen, aber der ersehnte Schlaf wollte nicht kommen.

Die Jahre liefen zurück. Dr. Anne Dallmann sah sich als junges Mädchen. Schon immer hatte sie davon geträumt, Ärztin zu werden. Nun hatte sie ihr Ziel erreicht.

Aber so einfach hatte es damals gar nicht ausgesehen, als die Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Da war die Angst gewesen, nicht studieren zu können. Aber der Vater hatte vorgesorgt. Ob er geahnt hatte, dass er den schönsten Tag im Leben seiner Tochter nicht erleben würde? Nun – jedenfalls hatte er eine hohe Versicherung für seine Tochter abgeschlossen. Eine Summe war ihr ausgehändigt worden, die ihr das Studium ermöglichte.

Zuerst hatte sie geglaubt, sie könnte den Tod der Eltern niemals verwinden, aber die Zeit hatte die Wunde geheilt. Anne hatte hart gearbeitet. Und dann – ja, dann war Mark in ihr Leben getreten. Mark von Birkner, der nicht einmal gemerkt hatte, wie sehr sie ihn liebte.

War das alles wirklich schon zehn Jahre her?

Sie sehnte sich nach einer Familie. Die gute alte Grete Brumof, die schon für die Mutter den Haushalt geführt hatte, tat ja wirklich alles, um es Anne behaglich und schön zu gestalten – aber genügte das wirklich?

Sie war ja auch eine junge Frau aus Fleisch und Blut. Sie wollte für einen Mann da sein, wollte lieben und geliebt werden. Kinder wollte sie haben, und alle sollten so aussehen wie Mark von Birkner.

»Warum kann ich ihn nur nicht vergessen?«, fragte die junge Ärztin in die Stille hinein. Sie hatte sich diese Frage schon oft gestellt, aber sie fand keine Antwort darauf.

Sie hatte sich eben in den großen wunderbaren Mann verliebt. Es war ganz einfach geschehen, so etwa, wie morgens die Sonne aufging. Er aber hatte es nicht bemerkt … oder nicht bemerken wollen? Jedenfalls war es nie zu einer Freundschaft zwischen ihnen gekommen.

Wohl hatten sie sich ein paarmal getroffen, aber immer waren auch andere Studenten und Studentinnen dabei gewesen. Man hatte sie ausgelacht, denn jeder schien zu merken, dass sie Mark von Birkner liebte – nur er nicht.

Er hatte sie zwar immer zärtlich Ann genannt, aber er hatte nie von Liebe zu ihr gesprochen, er hatte sie nie geküsst – und doch konnte sie ihn nicht vergessen. Lernte sie einen Mann kennen, dann verglich sie ihn mit Mark von Birkner – und jedes Mal zog der neue Bekannte dann den Kürzeren.

»Ich muss ihn endlich aus meinem Gedächtnis streichen«, flüsterte Anne vor sich hin. »Es ist ja lächerlich! Ich bin eine erwachsene Frau, ich habe eine Station voller Kranker, die man mir anvertraut hat, und ich hänge wie ein Teenager an einem Mann, der nicht einmal mehr weiß, dass es mich einmal gegeben hat.«

Es sprach für sie und ihren Stolz, dass sie nie versucht hatte, ihn wiederzusehen. Sie war aus Heidelberg fortgegangen. Ohne Groll, ohne Hoffnung. Obwohl sie neugierig war, wen Mark von Birkner wohl geheiratet hatte, hatte sie nie Erkundigungen eingezogen.

»Vorbei ist vorbei«, sagte sie laut vor sich hin.

Das Telefon klingelte. Anne Dallmann schrak auf. Ein Griff zur Lampe, ein Griff zum Hörer.

»Ja, bitte?«

»Guten Abend, Schwester, hier spricht Helmut von Radeck, ich möchte den diensthabenden Arzt sprechen. Es geht meiner Schwester sehr schlecht, und unser Hausarzt ist nicht zu erreichen. Bitte, Schwester, können Sie den Arzt schnell ans Telefon rufen?«

»Hier spricht Dr. Dallmann, was kann ich für Sie tun?«

»Sie sind Arzt? Ich meine Ärztin?«

»Ja, Herr von Radeck. Was hat Ihre Schwester für Beschwerden?«

»Sie hat starke Bauchschmerzen, sie erbricht dauernd, und jetzt kann sie die Schmerzen kaum noch ertragen.«

»Bringen Sie sie her.«

Anne Dallmann wartete schon im Untersuchungszimmer, als die Patientin hereingeschoben wurde.

»Wie heißen Sie?«, fragte sie freundlich, aber die Kranke konnte keine Auskunft mehr geben. Ihr Gesicht war vor Schmerzen entstellt.

Schweigend zog Dr. Dallmann die Decke zurück. Sie brauchte keine zwei Minuten zu ihrer Diagnose. Der Blinddarm musste sofort operiert werden. Höchste Eile war geboten.

»Sie müssen bei uns bleiben«, sagte sie erklärend zu der Patientin. Als diese nickte, griff Anne Dallmann zum Telefon.

Sie blickte aus dem Fenster, das Licht im kleinen Operationssaal ging schon an, kaum, dass sie das Gespräch beendet hatte. Dann öffnete sich schon die Tür. Zwei Pfleger kamen, um die Kranke abzuholen.

Ein Routinefall, nichts weiter.

Dr. Anne Dallmann steckte die Hände gewohnheitsmäßig in die Taschen. Dann trat sie auf den Gang hinaus.

»Sind Sie die Ärztin, mit der ich telefoniert habe?«, fragte plötzlich ein junger Mann.

»Dr. Dallmann«, stellte sie sich vor.

»Mein Name ist Helmut von Radeck.«

»Ihre Schwester ist schon in den besten Händen. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.«

»Was hat sie, Frau Doktor?«

»Es ist der Blinddarm.« Anne blickte zu dem Mann auf. Er hatte blondes Haar, das an den Schläfen leicht gewellt war. Und er hatte blaue Augen.

Genau wie Mark, schoss es der zierlichen Frau durch den Kopf.

»Sind Sie die ganze Nacht auf der Station?«, fragte der Mann leise.

»Ja.«

»Würden Sie sich nachher einmal nach meiner Schwester erkundigen und mich anrufen? Oder macht das zu viel Mühe?«

»Wenn ich Sie mit meinem Anruf beruhigen kann. Nachts ist ohnehin nicht sehr viel zu tun.«

»Danke, Frau Doktor, danke.«

Sie hatte in dieser Nacht noch viel zu tun, und sie war dankbar dafür, denn so konnten die alten Erinnerungen sie nicht wieder in ihren Bann ziehen.

Trotzdem vergaß sie nicht, Helmut von Radeck anzurufen. Seine Schwester hatte die Operation, wie es zu erwarten gewesen war, gut überstanden. Sie schlief tief und fest.

Helmut von Radeck dankte ihr mit überschwänglichen Worten.

***

»Hallo, Frau Dr. Dallmann.«

»Guten Tag, Herr von Radeck.«

»Sie erkennen mich wieder?«

»Patienten, die den Arzt in seinem Nachtschlaf störten, vergisst man nicht«, lachte die junge Ärztin.

»Darf ich Sie nach Hause fahren?«

»Danke, ich bin selbst mit dem Wagen da.«

»Dann darf ich Ihnen Blumen überreichen?« Helmut von Radeck legte ihr den großen Strauß weißer und roter Nelken in den Arm.

Betroffen schaute Anne Dallmann auf. »Warum schenken Sie mir Blumen?«

»Weil Sie meiner Schwester so spontan geholfen haben, weil Sie die Krankheit sogleich erkannten, und weil … Sie eine bezaubernde Frau sind.«

Anne Dallmann verwünschte sich, als ihr jetzt das Blut in die Wangen schoss. Eine Frau mit dreißig Jahren wurde noch rot? Das war doch einfach lächerlich!

Helmut von Radeck ergriff ihren Arm und zog sie einfach mit sich, sie verließen die Klinik.

Die Promenade führte an einem See vorbei, der die Hauptstraße in zwei Teile trennte.

Zwei Schwäne zogen im Wasser majestätisch ihre Bahn. Anne Dallmann kramte in ihrer Tasche, wo sie noch ein paar Kekse wusste.

So stand sie, mit den Blumen im Arm, und fütterte Schwäne. Wie lange hatte sie so etwas nicht getan? Es schien eine Ewigkeit her zu sein. Damals mit Mark, ja, da hatte sie auch Schwäne gefüttert, aber sie wollte nicht mehr an ihn denken.

»Haben Sie Ihre Schwester schon besucht?«, fragte sie, um irgendetwas zu reden.

»Ja, gestern schon und heute auch. Es geht ihr gut. Auch sie ist Ihnen sehr dankbar.«

»Aber ich bitte Sie, Herr von Radeck.«

»Bitte keine falsche Bescheidenheit«, lachte der Mann. »Einem Arzt, der eine Krankheit sofort erkennt, sollte man immer dankbar sein.«

»Es war ein ganz klarer Fall.«

»Wissen Sie, dass Sie bezaubernd sind?«

»So etwas sollten Sie wirklich nicht sagen.«

»Warum nicht, wo es doch die Wahrheit ist?«

»Oh, bitte, ich möchte jetzt zurück.«

»Haben Sie es wirklich so eilig? Machen Sie mir die Freude, und essen Sie mit mir zu Mittag.«

»Ich wollte …«

»Verschieben Sie es – bitte.«

»Gut.«

»Die Blumen bringen wir zu Ihrem Wagen, ja? Dann brauchen Sie nicht immer mit dem Strauß herumzulaufen. Kommen Sie.«

Dr. Anne Dallmann ließ sich von der Unbeschwertheit des Mannes anstecken. Sie aß mit ihm, blieb dann tatsächlich noch in einem Gartenlokal bei einer Tasse Kaffee sitzen.

Als sie ihm die Hand zum Abschied reichte, wusste sie, dass er sie wieder aufsuchen würde. Eine Frau spürt so etwas, und Anne Dallmann war eine sehr empfindsame Frau.

***

»Aber Junge, ist das alles nicht ein bisschen schnell gekommen? Für mich stand es fest, dass du Gerlinde von Schilling heiraten würdest. Nun aber hast du dich abermals verliebt. Diesmal willst du dich sogar verloben.«

»Ich möchte Anne Dallmann heiraten.«

Wilhelm von Radeck schaute seinen Sohn über den Brillenrand hinweg verblüfft an. Er war klein und korpulent. Das große Kaufhaus hatte er schon von seinem Vater geerbt. Für ihn stand es fest, dass sein einziger Sohn Helmut es später ganz übernehmen würde.

»Was sollen wir mit einer Ärztin im Haus?«, fragte er schleppend.

»Ich liebe sie.«

»Liebe! Wenn ich das schon höre! Mit deinen fünfunddreißig Jahren solltest du aus dem Schwärmalter heraus sein, mein Junge. Denk doch an Gerlinde von Schilling. Unsere Familien passen zusammen. Gerlinde ist reich. Wir könnten es, ehrlich gesagt, gebrauchen. Wir müssten ausbauen, erweitern. Mit Gerlindes Mitgift könnten wir das alles tun.«

»Ich werde euch heute Anne Dallmann vorstellen, Vater.«

»Nun gut, mit mir ist ja noch zu reden, wenn sie hübsch ist, was aber wird Mutter dazu sagen? Sie ist doch vernarrt in Gerlinde.«

»Sie wird sich schon damit abfinden, Vater.«

»Und Cornelia? Denkst du gar nicht an deine Schwester? Sie ist schließlich die beste Freundin von Gerlinde.«

»Gerlinde hat mir nie etwas bedeutet.«

»Das ist schlimm, das ist sogar sehr schlimm, mein Junge. Das Mädchen ist reich und …«

»Sie ist fad, Vater. Hättest du sie an meiner Stelle etwa geheiratet?«

»Ich hätte mir das goldene Vögelchen schon lange ins häusliche Nest geholt. Was ist schon Liebe, mein Junge?«

»Auf jeden Fall fasziniert mich Anne Dallmann. Ich werde sie heiraten.«

»Und dann? Wird sie ihren Beruf aufgeben wollen? Helmut, so nimm doch Vernunft an! Diese Frau bringt uns nur Ärger. Ich spüre es.«

»Unsinn, Vater.«

»Gut, magst du tun, was dir gefällt. Ich habe dich jedenfalls gewarnt.«

»Wir sind doch nicht arm, Vater.«

»Nein, aber eine reiche Frau wäre mir angenehmer. Was sind denn das für Leute? Was ist Ihr Vater?«

»Sie hat keine Eltern mehr.«

»Keine Eltern, du meine Güte, dann wird sie auch noch sehr selbstständig sein. Der Beruf wird noch das Übrige getan haben. Junge, ich rate dir noch einmal, lass die Finger davon. Die Frau passt nicht in unser Haus, außerdem ist sie schon ziemlich alt, nicht wahr? Mit dreißig Jahren hat eine Frau meistens schon viel erlebt.«

»Gerlinde ist fünfundzwanzig, Vater.«

»Na, sind fünf Jahre nichts? Ahnst du denn, was man in fünf Jahren alles erleben kann?«

»Ja – ja.«

»Nun gut, du willst nicht hören. Bring sie also ins Haus, aber ich sage dir, dass du das irgendwann einmal bereuen wirst. Ich fühle es.«

Helmut von Radeck suchte seine Mutter auf. Sie war Anfang sechzig, bemühte sich aber, jünger zu erscheinen.

Als der Sohn ihr nun in aller Ruhe auseinandersetzte, dass er die Ärztin Anne Dallmann zu heiraten beabsichtige, hatte er sich innerlich auf eine Szene vorbereitet. Doch was nun geschah, übertraf seine kühnsten Träume.

Lisa von Radeck jammerte und lamentierte. Sie weinte und bedauerte das arme Mädchen, das ihr Sohn nun so schmählich verraten wollte.

Als Helmut von Radeck seiner Mutter klarmachte, dass er Gerlinde von Schilling nicht liebe, schluchzte sie noch heftiger, wobei sie immer wieder pathetisch rief: »Die arme, arme Gerlinde – dass ich das wirklich erleben muss!«

Helmut von Radeck nahm den Ausbruch der Mutter gelassen hin. Er hoffte, dass sie sich fangen würde. Sie hatte ja gern Gäste im Haus. Sie war stolz auf die vornehme Villa, der sie vorstehen konnte. Er hoffte, dass sie am Abend zu Anne sehr nett sein würde.

***

Anne Dallmann holte noch einmal tief Luft, als sie vor der Tür der vornehmen Villa stand. Unwillkürlich griff sie den Arm des Mannes, dem sie sich für ein Leben anvertrauen wollte.

Sie traten ein. Anne blieb überrascht stehen.

Die Teppiche waren so dick, dass sie jeden Laut verschluckten, die Lüster an der Decke waren aus erlesenem Kristall.

Auf dem Tisch standen Kerzen. Alles war zu einem Mahl hergerichtet worden. Das Tafelsilber, das erlesene Porzellan, die Blumen, die ihren leicht süßlichen Duft verströmten, ließen Anne in eine feierliche Stimmung kommen.

Jetzt werde ich endlich wieder ein Zuhause haben, dachte sie. Ich werde einen Vater und eine Mutter haben. Wie schön, dass Helmut seine Eltern noch hat.

Da öffnete sich die Tür. Frau von Radeck trat ein. Annes Gesicht hatte sich etwas gerötet, als sie nun der Frau die Hand reichte, die sie als Mutter lieben wollte.

»Helmut hat schon viel von Ihnen erzählt«, sagte Frau von Radeck. Sie sagte es kühl, ablehnend, nur gerade den guten Ton wahrend.

Nun betraten auch Cornelia und der Hausherr den Raum. Cornelia begrüßte die junge Ärztin sehr freundlich und herzlich, aber auch in den Augen des zukünftigen Schwiegervaters konnte Anne keine Wärme entdecken.

Man nahm Platz. Trotz aller Bemühungen wollte das Gespräch nicht recht in Fluss kommen.

Wein perlte in den Gläsern. So trank man sich zu, aber auch jetzt fühlte Anne die Ablehnung der zukünftigen Schwiegermutter.

»Sie wollen also unseren Sohn heiraten?«, fragte Lisa von Radeck plötzlich in die Stille hinein.

»Helmut und ich wollen heiraten, ja«, erwiderte Anne nach einigem Zögern.

»Es muss für ein Mädchen ganz angenehm sein, in die erste Familie der Stadt einzuheiraten«, fuhr Lisa von Radeck fort.

»Das würde ich mehr für Zufall halten.«

»Zufall? In welcher Beziehung?«, fragte Lisa von Radeck ziemlich streng.

»Es ist Zufall, dass ich meine Liebe einem Mann schenkte, der zur ersten Familie des Ortes gehört. Ich will damit sagen, dass ich Helmut auch lieben würde, wenn er arm wäre.«

»Das ist eine sehr artige Antwort, aber in gewisser Beziehung ist es doch wohl ganz angenehm, dass Helmut reich ist – oder nicht?«

Anne Dallmann verkrampfte die Hände. Sie errötete wieder, wartete darauf, dass Helmut nun ins Gespräch eingreifen würde, aber er tat es nicht.

In jedem anderen Haus, bei jeder anderen Gelegenheit wäre sie aufgestanden und hätte den Raum verlassen. Jetzt aber erinnerte sie sich daran, dass es Helmuts Eltern waren, mit denen sie sich unterhielt. Obwohl sie fühlte, dass man sie hundertprozentig ablehnte, sagte sie gleichbleibend freundlich: »Ich habe einen schönen Beruf, gnädige Frau.«

»Den werden Sie ja wohl aufgeben müssen.«

»Helmut und ich – wir haben das noch nicht besprochen.«

»Da ist ja auch wenig zu besprechen, Helmut wird das für eine Selbstverständlichkeit gehalten haben – und im Grunde ist es das ja auch. – Aber nehmen Sie doch bitte noch von dem Fleisch.«

In diesem Augenblick schellte es an der Tür. Wer immer es auch sein wird, dachte Anne, die Unterbrechung ist recht angenehm.

Jeder der Anwesenden schien nach draußen zu lauschen, dann trat das Mädchen nach einem kurzen Klopfen ein.

»Frau von Schilling«, meldete es.

Helmut von Radeck legte die Serviette fort, aber es war bereits zu spät. Gerlinde von Schilling hatte den Raum schon betreten.

»Störe ich?«, fragte sie, wobei sie eigentlich nur Helmut anschaute.

Lisa von Radeck erhob sich nun.

»Mein liebes Kind«, rief sie pathetisch, »es ist ein grausamer Zufall, der dich gerade in diesem Augenblick hierher brachte – aber irgendwann hättest du es ohnehin erfahren. Wir feiern Verlobung. Helmut hat uns seine Braut heute ins Haus gebracht.«

Als müsste sie um Verzeihung bitten, schaute die Gastgeberin zu der jungen Frau, die nun ganz verwirrt näher getreten war.

»Dann möchte ich lieber nicht stören«, wisperte sie, doch Lisa von Radeck hielt sie auf.

»Setz dich zu uns, mein Kind, du bist ja Cornelias Freundin, und wenn man es recht bedenkt, gehörst du ja halb zur Familie.«

Anne begriff nun, dass dieses schüchterne, etwas farblose Mädchen von Lisa von Radeck als Schwiegertochter erhofft worden war.

Gerlinde von Schilling gab nun doch vor, noch etwas Wichtiges erledigen zu müssen. Sie hatte es sehr eilig, den Raum zu verlassen. Lisa von Radeck begleitete sie.

Sie blieb lange draußen. Deutlich konnte man Mädchenweinen hören. Die plötzlich so sanfte, tröstende Stimme der Lisa von Radeck war bis in den Raum hinein zu hören.

Als die Hausfrau schließlich zurückkam, sagte sie tadelnd zu ihrem Sohn: »Du hättest es Gerlinde wenigstens schonend beibringen können, Helmut.«

»Dazu bestand keine Veranlassung, Mutter«, entgegnete Helmut von Radeck ruhig.

Für ihn war die Sache erledigt, denn als das Essen endlich beendet war, als man sich erneut zutrank, steckte der Mann seiner Braut den kostbaren Ring an den Finger.

Anne blickte ihn an. Als sie in seinen Augen Liebe sah, wurde sie etwas ruhiger.

Drei Stunden blieb Anne noch in dem Kreis, in dem man sie so wenig herzlich aufgenommen hatte. Sie atmete auf, als es an der Zeit war, aufzubrechen.

Schweigend trat sie mit Helmut von Radeck in die anbrechende Nacht hinaus.

»Nun, Anne, wie findest du meine Eltern?«

»Sie waren nicht sehr erfreut, mich an deiner Seite zu sehen. Ich wusste gar nicht, dass es ein anderes Mädchen gab. Ich meine, du hast mir nie etwas von Gerlinde erzählt.«

»Ich habe dich auch nie nach eventuellen Freunden gefragt, Anne.«

»Du hättest es tun können«, entgegnete sie betroffen. »Ich habe nichts zu verbergen. Ich hatte nur meine Arbeit und einen Jugendschwarm, den ich nicht einmal geküsst habe.«

»Und ich habe Gerlinde niemals Hoffnungen gemacht, es war allein der Wunsch meiner Mutter.« Und noch etwas leiser fragte er: »Glaubst du mir?«

»Wenn du es sagst, glaube ich es natürlich.«

»Bist du traurig, Anne?«

»Du hast wenig getan, um mir beizustehen.«

»Was hätte ich denn tun sollen? Mutter muss sich erst an dich gewöhnen. Sie wird es tun, sei unbesorgt«, antwortete der Mann.

So gingen sie Arm in Arm durch die Straßen. In dem kleinen Park küssten sie sich.

Anne Dallmann dachte: Es ist nicht einmal mehr der gleiche Kuss. Wo ist der sichere Mann nur geblieben, den ich in Helmut von Radeck sah? Sie hatte das Gefühl, dass ein fremder Mann sie in den Armen hielt.

***

Dr. Anne Dallmann atmete auf. Endlich war der Dienst vorüber. Sie hatte sich schon den ganzen Tag nicht wohlgefühlt.

Gierig atmete sie die frische Luft ein, als sie aus dem Krankenhaus trat. Langsam, ein wenig in die Sonne blinzelnd, ging sie zu ihrem Wagen.

Helmut wird mich heute Abend besuchen, dachte sie. Sie wunderte sich aber, dass sie sich gar nicht so sehr darauf freute.

Seit dem unerfreulichen Verlobungsabend hatte Anne das Haus der Familie von Radeck nicht mehr betreten. Obwohl Helmut alles versucht hatte, um sie zu beeinflussen, war sie standhaft geblieben. Sie wusste selbst nicht, wie alles weitergehen sollte, denn Helmut drängte nun auf eine schnelle Heirat.

»Meine Mutter ist eine liebenswerte Frau – du wirst schon sehen«, hatte er gemeint, aber Anne bezweifelte das.

Mit trägen Bewegungen nahm sie am Steuer ihres Wagens Platz. Der goldene Verlobungsring blinkte in der Sonne auf.

Anne seufzte. Immer, wenn sie diesen Ring sah, erinnerte sie sich an den schrecklichen Tag, an dem sie ihn erhalten hatte.

Langsam fuhr sie an. Sie kam aber nicht weit, denn die Hauptverkehrsstraße war verstopft. Autos hupten, eine große Menschenmenge hatte sich zusammengefunden.

Es ist etwas passiert, dachte Anne, und dann war sie auch schon aus dem Wagen heraus. Vergessen war die Müdigkeit – sie sah nur die verletzte Frau am Boden liegen, neben ihr der schreckensbleiche, wild gestikulierende Unglücksfahrer.

»Machen Sie Platz, ich bin Ärztin«, sagte sie mit metallener Stimme.

Schnell beugte sie sich zu der jungen Frau hinab, aus deren Mund ein Blutfaden sickerte.

»Frau Doktor«, keuchte die Verletzte, »muss ich sterben?«

»Aber nein, bleiben Sie ruhig! Ich werde bei Ihnen bleiben, bis der Rettungswagen hier ist.«

»Meine kleine Tochter ist allein zu Hause. Ich – ich wollte doch nur Milch holen gehen.«

»Ich werde alles veranlassen, seien Sie unbesorgt.«

»Es ist ein Baby – kaum vier Monate alt.«

»Wie heißen Sie?«

»Beate Jürgensen.«

»Und Ihre Wohnung?«

»Gleich hier drüben – in der Wallstraße.« Sie stöhnte, hatte Mühe weiterzusprechen, fragte dann aber doch: »Frau Doktor, würden Sie sich um das Baby kümmern? In meiner – in meiner Tasche sind die Schlüssel.«

»Wann kommt Ihr Mann nach Hause?«

»Ich habe keinen Mann.«

»Wen kann ich benachrichtigen?«

»Ich … habe … keinen … Menschen. Das Baby – bitte …«

»Seien Sie ganz ruhig, ich verspreche Ihnen, mich um das Kind zu kümmern.«

»Nehmen Sie es – bis ich wieder aus dem Krankenhaus herauskomme?«

»Ja, ich verspreche es Ihnen.«

»Bitte – schwören Sie! Ich habe … Angst.«

»Ich schwöre es Ihnen. Ich lasse Ihr Baby nicht allein. Wie heißt das Kind?«

»Beate, wie ich.«

»Und der Vater? Kann ich den Vater nicht benachrichtigen?«

»Wir … haben uns … getrennt.«

Die Augenlider fielen zu. Das Gesicht der jungen Frau verkrampfte sich.

Dr. Anne Dallmann blickte auf. Soeben hielt der Krankenwagen am Unfallort. Zwei Männer sprangen mit einer Trage heraus.

Anne griff in die Handtasche und nahm die Schlüssel an sich. Sie schaute zu, wie die Männer die Verletzte aufhoben. Noch einmal öffneten sich die Augen von Beate Jürgensen.

»Wallstraße vier!«, rief sie mit kraftloser Stimme.

Das Martinshorn war noch eine Zeitlang zu hören, die Polizei nahm den Unfall auf, allmählich löste sich der Verkehrsstau.

Anne Dallmann fuhr zur Wallstraße vier.

Es war ein altes Haus. Der Putz bröckelte von der Fassade. Im Flur roch es nach Essen.

Anne stieg die Treppe hinauf, sie suchte den Namen. Endlich, in der oberen Etage, fand sie das Namensschild.

Anne Dallmann schloss auf. Es war alles blitzsauber in der kleinen Wohnung.

Leise öffnete die Ärztin eine Tür. Es war ein nur kleines Zimmer mit wenig Mobiliar: einem Bett, einem einfachen Schrank, einem Tisch, der augenscheinlich zum Wickeln des Kindes benutzt wurde, denn Babywäsche und Windeln lagen darauf.

An der Wand stand das Kinderbett. Das kleine Mädchen schlief, es ahnte nicht, dass es vergeblich auf seine Mutter warten sollte.

Anne suchte einige Sachen zusammen, die sie für das Kind, das sie ja nun für ein paar Tage zu sich nehmen musste, benötigen würde.

Grete Brumof wird Augen machen, dachte sie. Jetzt bringe ich ihr auch noch einen Säugling ins Haus.

Die Kleine erwachte nicht einmal, als Anne Dallmann sie vorsichtig hochhob.

***

»Wen bringen Sie denn da mit?«, fragte Grete Brumof verblüfft, als Anne lange und laut geklingelt hatte und sie nun die Tür öffnete.

Anne berichtete, was sich ereignet hatte. Die Haushälterin schlug die Hände zusammen.

»Wie gut, dass die Frau wenigstens noch Namen und Adresse sagen konnte«, rief sie bestürzt. »Mein Gott, das arme Dingelchen hätte ja verhungern können!«

»Die Polizei hätte sich sicherlich darum gekümmert, aber so ist es natürlich einfacher. Außerdem wird die Frau beruhigt sein.«

»Gewiss. Geben Sie mir das Kind, Frau Doktor, ich werde es gleich bemuttern.«

»Es wird dadurch eine ganze Menge Mehrarbeit geben.«

»Das macht nichts, ich habe Kinder sehr gern.«

»Wollen Sie die Kleine mit in Ihr Zimmer nehmen, oder soll ich …«

»Nein, nein, das mache ich gern. Sie brauchen Ihren Schlaf nötiger als ich. Ich bin schon eine alte Frau, ich schlafe nicht mehr so viel.«

Anne nickte. Sie brachte das Kind erst einmal ins Wohnzimmer. Gemeinsam mit der mütterlichen Frau wickelte sie das kleine Würmchen aus.

»Es ist gut gepflegt worden«, sagte die Haushälterin anerkennend.

»Ja, das Kind ist gut bei Kräften.«

»Wann kommt der Vater heim? Ist er schon benachrichtigt worden?«

»Die junge Mutter ist nicht verheiratet.«

»Oh!«

»Das heißt für uns, dass wir das Kind mit besonderer Liebe umgeben müssen, nicht wahr?«

»Natürlich«, murmelte die alte Frau, die das Kind mitleidig betrachtete.

Die kleine Beate war nun erwacht. Sie hatte helle Augen und lächelte verständnislos in die fremden Gesichter.

»Es ist gut, dass es noch so klein ist«, sagte Anne aus ihren Gedanken heraus.

Sie hatte den Nachmittag und auch den Abend frei. Eigentlich hatte sie sich etwas hinlegen und später Besorgungen machen wollen. Inzwischen war aber viel Zeit vergangen. Es würde höchstens noch zum Friseur reichen.

So aß Anne ein paar Happen im Stehen und verließ dann die Wohnung wieder. Auf dem Weg aber dachte sie plötzlich, dass sie rasch einmal zum Krankenhaus fahren könnte. Sie wollte sich überzeugen, wie es der jungen Frau ging.

So nickte sie dem Pförtner freundlich zu, als sie das Krankenhaus betrat.

»Sie sind schon wieder hier, Frau Doktor?«, fragte der alte Mann.

Anne winkte ab. »Nur einen Besuch machen«, war ihre Antwort.

Ihre Absätze tackten auf den Steinfliesen. Sie erkundigte sich bei ihrem Kollegen nach Beate Jürgensen.

»Warum fragen Sie nach ihr?«, forschte dieser.

»Ich war dabei, als sie den Unfall hatte. Wie geht es ihr?«

»Sie ist tot. Innere Blutungen.«

Annes Kopf zuckte hoch. »Sie ist tot?«

»Ja. Kannten Sie sie näher?«

»Nein«, antwortete die junge Ärztin. Dann verließ sie das Krankenhaus wieder.

Sie war in ihrem Beruf dem Tod schon oft begegnet – dieser tragische Unglücksfall aber griff ihr ans Herz. Nun hatte die kleine Beate nicht einmal mehr eine Mutti.

Vielleicht finde ich Unterlagen in der Wohnung, wer der Vater ist, dachte Anne Dallmann. Sie griff in die Manteltasche und fühlte die Schlüssel zu der fremden Wohnung.

Schnell, als hätte sie es sehr eilig, fuhr sie zur Wallstraße Nummer vier. Sie dachte nicht mehr an den Friseur, sie dachte nicht mehr an Helmut von Radeck, der ihr bestimmt einen Besuch machen würde.

Anne Dallmann suchte nach Dokumenten, aber sie fand nichts. Als sie jedoch eine Schublade öffnete und nun unter der Wäsche zu suchen begann, stießen ihre Finger an irgendetwas. Als sie es herauszog – war es ein Bild.

Anne Dallmann ließ das Foto fallen, das Glas zerbrach in zwei Teile.

Langsam, wie in Trance, bückte sich die Ärztin. Sie nahm das Bild wieder auf, wischte darüber, als könnte sie die Scheibe mit der Bewegung wieder heil machen.

»Mark«, flüsterte sie. »Mark!«

Der blonde Mann auf dem Foto lächelte. Mit fliegenden Händen nahm Anne das Foto aus dem Rahmen. Sie drehte es um.

»In Liebe für Beate«, stand darauf.

Mark von Birkner hatte Beate Jürgensen geliebt. Er hatte sich von ihr getrennt – aber das Kind, die kleine Beate, war sein Kind.

Anne musste sich setzen. Da hatte sie jahrelang auf einen Fingerzeig gewartet, da hatte sie gewünscht, sie würde den Mann wiedertreffen. Und nun – nun trat Mark auf diese tragische Weise wieder in ihr Leben.

»Es ist Marks Kind – ich habe Marks Kind im Haus«, flüsterte sie vor sich hin, erschrak dann aber vor ihrer eigenen Stimme.

Fieberhaft begann sie nach weiteren Unterlagen zu suchen. Wo war Mark? War er in der gleichen Stadt wie sie? Hätte sie ihm wirklich einfach auf der Straße begegnen können?

Ihr Herz raste wie ein Hammer in der Brust.

So sehr Anne aber auch suchte, sie fand nichts weiter, was einen Anhaltspunkt hätte geben können. Sie hatte nur das Bild und die Gewissheit, dass Mark von Birkner eine Tochter hatte.

Als sie die Wohnung schließlich verließ, war sie wie betäubt. Sie fuhr zur Polizeistation, stellte die Sachlage dar und bat um die Anschrift von Mark von Birkner.

Was sie nicht für möglich gehalten hätte, geschah. Sie hielt wenig später die Adresse in den Händen. Entsetzt stellte sie fest, dass der Mann nur etwa eine Viertelstunde von ihrer Wohnung entfernt wohnte.

Fassungslos verließ sie die Polizeistation und begab sich zum Wagen.

Als sie wieder in ihrer Wohnung ankam, sagte sie so ruhig, wie sie es vermochte: »Frau Brumof, ich habe es mir überlegt – ich werde das Kind in mein Zimmer nehmen.«

»In Ihr Zimmer?«

»Ja, bereiten Sie alles vor. Die Mutter der Kleinen ist ihren Verletzungen erlegen. Wir werden das Kind wohl eine Weile bei uns behalten müssen.«

***

Helmut von Radeck stutzte, als er Kinderschreien hörte, nachdem er seinen Mantel an die Flurgarderobe gehängt hatte.

»Was ist das?«, fragte er Frau Brumof.

»Das ist ein Baby, Herr von Radeck.«

»Wie kommt denn ein Kind ins Haus?«

»Das lassen Sie sich mal lieber von der Frau Doktor erzählen«, antwortete die Haushälterin geheimnisvoll. Sie lächelte und ging dann, um Helmut von Radeck zu melden.

Anne ging dem jungen Mann entgegen.

»Helmut«, sagte sie wie erwachend.

»Anne, was ist das für ein Kind?«

»Das ist eine lange Geschichte«, erwiderte die Ärztin. Sie strich sich über die Stirn, hauchte nun dem Mann einen Kuss auf die Wange.

Verstört betrachtete Helmut das weinende Kind.

»Kannst du es nicht beruhigen?«, fragte er nervös.

»Es wird gleich einschlafen«, antwortete Anne einsilbig.

»Wie lange bleibt es hier, Anne?«

»Ich weiß es nicht, ich …«

»Du weißt es nicht?«, fragte er streng.

»Helmut, setz dich doch erst einmal. Ich muss dir alles erzählen.«

Mit leisen Worten, mit Augen, die in die Ferne gingen, berichtete die junge Frau nun, was sie erlebt hatte.

Sie endete mit den Worten: »Du siehst also, dass die Sache weitaus komplizierter ist, als es erst aussah. Ich dachte, Beate würde für ein paar Wochen hierbleiben, bis die Mutter wieder gesund ist. So aber …«

»So ist die Sache noch einfacher«, entschied Helmut. »Du rufst die Polizei an, sagst, dass die Mutter gestorben ist und du die Kleine nicht behalten kannst. Dann wird man das Kind abholen und in ein Heim bringen.«

»Es soll aber nicht in ein Heim!«

»Aber was sonst? Willst du es behalten?«

»So lange, bis ich mit dem Vater gesprochen habe.« Anne berichtete nun, dass sie die Adresse von Mark von Birkner schon herausgefunden hatte. Sie schloss mit den Worten: »Das Kuriose an der Sache ist, dass ich den Mann kenne.«

»Diesen Mark von Birkner?«

»Ja. Wir haben zusammen in Heidelberg studiert. Ich wurde Ärztin, er Chemiker.«

»Das ist kein Irrtum?«

»Nein, ich sah ein Bild von ihm. Es handelt sich wirklich um den gleichen Mark von Birkner.«

»Du hast ihn nie wiedergesehen?«

»Nein.«

»Gib mir die Adresse, ich werde das in Ordnung bringen.«

»Nein«, antwortete Anne hastig. »Ich habe das Kind schließlich aufgenommen.«

»Dann werden wir gemeinsam hinfahren.«

»Nein, Helmut. Er hat diese Beate Jürgensen sicherlich geliebt. Auch wenn er sich von ihr getrennt hat, so wird es ihm einen Schock versetzen, wenn er erfährt, dass sie tot ist. Sie war schließlich die Mutter seines Kindes.«

»Um das er sich nicht kümmerte.«

»Woher willst du das wissen?«, brauste sie auf. »Du kennst ihn ja nicht. Mark von Birkner ist ein anständiger Mann.«

»Er hat das Mädchen nicht geheiratet.«

»Dafür kann es viele Gründe geben. Helmut, ich möchte allein zu Mark gehen.«

»Nein, ich werde dich begleiten.«

»Und ich sage dir, dass ich allein gehe.«

»Dir scheint viel an diesem Mann zu liegen. Sag mal, erzähltest du mir neulich nicht, dass du einen Mann geliebt hast, der dich leider gar nicht beachtete? Ist es dieser besagte Mark?«

»Sei nicht geschmacklos«, antwortete Anne Dallmann, aber sie wurde wieder rot dabei.

»Warum willst du nicht mit mir hingehen?«

»Weil das allein meine Angelegenheit ist.«

»Du bist meine Braut.«

»Helmut«, sagte sie erregt, »als deine Mutter neulich so hässlich zu mir war, da hättest du auftrumpfen sollen – aber nicht jetzt.«

Er war gekränkt. Sie merkte es, weil er nun schweigend ans Fenster trat.

Anne Dallmann ging zu ihm. Sanft legte sie ihm die Hand auf seine Schulter.

»Lieber«, sagte sie weich, »lass uns nicht streiten. Ich will dir auch sagen, dass es sich um diesen Mark handelt, in den ich damals verliebt war. Aber das alles liegt weit zurück.«

Schweigen.

»Ich habe es vorhin nicht so gemeint, Helmut. Ich wollte mich nicht beklagen, obwohl du wirklich bei deiner Mutter …«

»Schon gut«, sagte er, als er sich zu ihr herumdrehte, »reden wir nicht mehr davon.

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