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Silvia Duett - Folge 02

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Hochzeit ohne Bräutigam
  4. Doch es bleibt kein Herz allein
  5. Vorschau

Hochzeit ohne Bräutigam

Christel ist so glücklich: Bald wird sie die strahlende Braut Ingo von Niebergs sein. Nichts, so scheint es, kann sie noch trennen. Doch da schlägt das Schicksal zu. In einer rauschhaften Stunde verliert Ingo den Kopf und betrügt Christel. Und die verführerische Verena präsentiert ihm die Rechnung. Ingo glaubt, seine bittere Pflicht zu tun, indem er die geliebte Christel für immer aufgibt …

Über den Hafen der Hansestadt Hamburg dröhnte das dumpfe Signalhorn des Dampfers.

Fröstelnd standen Menschen auf dem unmerklich schwankenden Landungssteg der Überseebrücke. Vor ihnen ragte der Leib des Ozeanriesen empor. Seine Konturen verloren sich geisterhaft im Morgennebel, durch den sich langsam die Strahlen der ausgehenden Sonne tasteten. Die ersten Barkassen schoben sich über das träge glänzende Wasser des Hafens, brachten Arbeiter zu ihren Werkstätten, Seeleute zu ihren Schiffen.

Über allem lag der feine milchige Schleier eines Julimorgens, in dem Kühle war vor dem warmen Tag, Stille vor dem mächtigen Brausen des Lebens, das wenige Stunden später den Hafen und die Stadt erfüllen würde.

Zwei Menschen standen an der Reling der »Imperia« und blickten hinaus in den wogenden Nebel. Nun nahm der Mann das Mädchen sanft bei den Schultern. Blaue große Augen schauten ihn an, verschleiert von leisem Schmerz, aber auch leuchtend in Liebe und Zärtlichkeit.

»Christel – mein Liebling! Nun wirst du bald von Bord gehen müssen …«

Das Mädchen nickte. Ihre Augen waren plötzlich feucht.

»Ingo! Ich kann es noch gar nicht begreifen! Für ein halbes Jahr gehst du fort. Dieses Schiff nimmt dich von mir. Weit über den Ozean hinweg wird es dich in das ferne Land bringen. Und ich bleibe zurück – ohne dich!«

Zärtlich zog der junge Mann das Mädchen an sich.

»Glaub mir, es fällt mir schwer, davonzufahren. Jetzt, da wir auseinandergehen müssen, begreife ich erst, was es heißt, ein halbes Jahr ohne dich zu sein. Wirst du mich nicht vergessen? Wirst du mich immer lieben?«

»Ich werde dich von Tag zu Tag mehr lieben.«

In einem zärtlichen Kuss, der wie ein Schwur war, vereinten sich die Lippen. Zwei Herzen glühten in Liebe und in Abschiedsschmerz, zwei Seelen klangen zusammen, zwei Menschen waren eins, geeint durch eine große und heilige Liebe, ein zartes junges Gefühl voller Innigkeit und Süße.

Das Horn des Dampfers gellte zum dritten Mal.

Noch einmal glühten die Lippen in einem Kuss – dann riss sich das Mädchen los und eilte hinüber zur Gangway, huschte hinunter. Auf der Landungsbrücke wandte Christel sich noch einmal um. Ihr Blick suchte den Geliebten, ihre Hand winkte einen letzten Gruß.

Der Mann winkte zurück. Dann verschwand das Mädchen zwischen den Stahlträgern der Landungsbrücke, wurde undeutlicher, verschwommen – jetzt hatte der Nebel es verschluckt. Drüben brummte ein Motor auf, das Geräusch verlor sich, und dann war auf einmal das feine Gefühl des Schwebens da, des Gleitens – das Schiff fuhr.

Ingo von Nieberg zog den Mantel fester um die Schultern und ging hinüber zu seiner Kajüte. Nun mochte das Abenteuer beginnen. Indien – Land der Wunder und Märchen, Land der Merkwürdigkeiten, des Abenteuers – das alles lag jetzt vor ihm. In einigen Tagen würde er dort an Land gehen. Eine neue Welt würde sich ihm öffnen!

Ingo von Nieberg hätte kein echter Mann sein müssen, wenn er sich nicht letzten Endes auf diese Reise gefreut hätte. Da war der Trennungsschmerz, doch da war auch das lockende, prickelnde Gefühl, einem Abenteuer entgegenzugehen.

Ingo von Nieberg schlug die Kabinentür hinter sich zu. Er warf den Mantel von den Schultern und trat vor den Spiegel.

»So, mein Freund, jetzt kannst du zeigen, dass du ein Mann bist!«, sagte er zu sich selbst. »Jetzt geht es in die Ferne, jetzt beginnt das große Abenteuer deines Lebens – Indien!«

***

1. August

Mein Liebling, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll! Mein Herz ist übervoll, ich kann es kaum zwingen, eine Sekunde still zu, sein. Indien – das kannst Du Dir nicht vorstellen! Ich habe es mir ebenso wenig vorstellen können. Das Land ist ein Wunder, eine Märchenwelt, ein Traum. Diese Farben, dieses Blühen, diese Pracht, diese Rätsel, die Tag für Tag aufgegeben und doch nie gelöst werden.

Ich werde noch einige Zeit brauchen, bis ich mich zurechtgefunden habe in dieser Welt. Mein Onkel und meine Tante geben sich alle Mühe, mir den Zugang leichter zu machen, aber es ist doch zu viel, was auf mich einströmt. Alles möchte ich auf einmal erfassen, alles sofort sehen, begreifen, studieren, erlernen – aber man schafft es nicht.

Sehnlicher als je wünsche ich mir, Du würdest an meiner Seite sein. Wie würden Deine Augen strahlen und leuchten!

Ich küsse Dich von ganzem Herzen. Ich bin immer bei Dir, auch wenn mich hier das Neue und Überwältigende ganz in seinen Bann zieht. Vergiss mich nicht und empfange unendlich viele Küsse über einen Ozean hinweg von Deinem

Ingo

15. August

Mein Ingo, Deine Briefe sind mein kostbarster Besitz. Sie sind für mich wie eine Uhr. Jedes Mal, wenn ich Deine Zeilen in der Hand halte, weiß ich, dass wieder eine Woche vergangen ist, eine Woche des Wartens, der Sehnsucht und stillen Freude. Ja, ich freue mich mit Dir an den Dingen, die Du dort erlebst, ich gehe mit Dir durch die fremde Stadt. Ach, ich kann das alles in Deinen Briefen nacherleben.

Sieh Dir alles an, lasse Dir nichts entgehen, aber verliere Dich nicht in eine glutäugige Tempeltänzerin! Das könnte ich nie verwinden! Und versprich mir, dass wir bald nach unserer Hochzeit dieses Wunderland Indien gemeinsam besuchen. Dann zeigst Du mir alles, was Du jetzt gesehen hast, ja?

Ich liebe Dich für immer

Deine Christel

30. August

… sag, Liebling, was tust Du ohne mich? Langweilst Du Dich? Siehst Du Deine Freundinnen, gehst du aus? Mich interessiert alles, was um Dich ist. Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich Dich vor mir. Und ich möchte gern einmal erfahren, ob das, was meine Träume mir erzählen, stimmt …

14. September

… und Langeweile habe ich schon, gar nicht. Fast jeden Tag sind Verena und Anne bei mir. Wir haben immer etwas zu erzählen. Du weißt ja, wie das bei Mädchen ist – und dann und wann gehen wir ins Kino oder besuchen das Theater. Die beiden sind reizend zu mir. Sie wollen mir über die Wartezeit hinweghelfen, das spüre ich deutlich, und ich bin ihnen auch dankbar dafür.

Selbstverständlich sprechen wir viel von Dir. Du, Verena mag Dich wirklich gern! Sie fragt mir das letzte bisschen Wissen um Dich heraus. So sitzen wir oft zu dritt und schicken unsere Gedanken zu Dir in die ferne Welt. Der Kalender zeigt, dass schon eineinhalb Monate verstrichen sind. Noch liegt die größere Zeit der Trennung vor uns, aber sie wird rascher vergehen, als wir denken, und wenn hier der Winter ins Land gezogen ist, wenn die Neujahrsglocken läuten, dann weiß ich Dich auf dem Heimweg.

Darauf freut sich mit ganzem Herzen

Deine Christel

29. September

… und selbstverständlich sei heute auch einmal ein Gruß an Verena und Anne beigefügt. Ein herzlicher Gruß von einem, der auszog, die Ferne kennenzulernen, der aber deswegen immer noch nicht seine alten Freunde vergessen hat …

 

Christel ließ den Brief sinken.

»Na? Was sagt ihr nun?«

»Ingo ist wirklich ein lieber Kerl«, sagte Verena Dahl und streckte die Hand aus, doch Christel versteckte mit einem raschen Schwung den Brief hinter ihrem Rücken. Lachend schüttelte sie den Kopf.

»Was sonst noch in dem Brief steht, ist nur für mich bestimmt!«

»Das finde ich aber nicht schön von dir. Schließlich ist Ingo auch unser Freund«, mischte sich jetzt Anne Bonhart ein. »Du darfst nicht so geizig sein, Christel. Weltreisende kann man einfach nicht für sich allein behalten. Die gehören all denen, die in der Heimat zurückgeblieben sind.«

»Ausgeschlossen!«, wehrte Christel ab und schob den Brief rasch in ihre Jackentasche. »Wenn ihr mal einen Liebesbrief bekommt, werde ich auch nicht so neugierig sein.«

»Ich? Einen Liebesbrief? Ich werde bestimmt eine alte Jungfer«, erwiderte Anne und ließ sich mit einem Plumps in einen der tiefen Sessel fallen, die in Christels Mädchenzimmer zum Entspannen einluden.

»Jetzt schwindelst du. Erst vorgestern habe ich dich im Café Franz mit einem Mann gesehen.« Verena war richtig stolz auf ihre Neuigkeit.

Anne wurde rot. »Was ihr immer gleich denkt! Das war der Sohn eines Bekannten, der meinen Vater besucht hat. Da ist doch weiter nichts dabei?«

»Dann begreife ich nicht, weshalb du so rot geworden bist«, neckte Verena ihre Freundin.

Anne machte ein beleidigtes Gesicht. Doch nach wenigen Minuten hatte sie schon wieder alles vergessen und beteiligte sich munter an dem Gespräch, das sich jetzt entwickelte, über Mode, Stars und Filme – über Dinge, die junge Mädchen nun einmal interessieren.

Christel war eine charmante Gastgeberin, auch dann, wenn sie nur ihre beiden vertrauten Freundinnen zu Besuch hatte. Neben ihr stand eine Schale mit Leckereien, und alle drei vergaßen nicht, eifrig zuzulangen, wenngleich Verena auch immer wieder mahnte: »Wenn die Damen nicht aufhören zu essen, werden sie ihre schlanke Linie verlieren. Denken Sie daran!«

Verena war ein hübsches Mädchen. Ihre Schönheit war eine andere als die Christels. Christel war strahlend, hell, lustig, frisch und froh, Verena war dunkel, voller Geheimnisse und schlummernder Feuer. Ihre braunen Augen konnten manchmal regelrecht glühen, manchmal wieder waren sie verschlossen, verschleiert, fast kalt. Ihr schönes Gesicht mit den vollen Lippen war von dunklem Haar umrahmt, ein vollendet modellierter Körper bewegte sich mit berückender Anmut und leiser, fast nur angedeuteter, aber ohne Zweifel vorhandener Koketterie.

Und Anne? Auch sie war ein Mädchen, nach dem sich die jungen Männer der Stadt mehr als einmal umdrehten. Auch sie war schlank und hochgewachsen, voller Liebreiz und Harmonie, aber das Schönste an ihr waren die Hände, schlanke, zarte, feingliedrige Hände, die jeder unter tausend anderen sofort erkannt hätte.

In der Tat war Anne mit ihren zwanzig Jahren drauf und dran, eine befähigte Geigenspielerin zu werden. Ihr Köpfchen steckte voller Melodien und Märchen, ihr Herz sang und jubelte Tag für Tag, ganz im Gegensatz zu Verena, die fest mit beiden Beinen auf der Erde stand und immer wieder dafür sorgte, dass Anne nicht den Boden der Realität unter den Füßen verlor.

Die drei Mädchen saßen nun schon seit zwei Stunden beisammen. Eben kramte Anne in Christels CD-Regal herum.

»Leg was Flottes auf!«, rief Verena. »Ich weiß nicht, wie es kommt – ich bin heute so aufgedreht, dass ich am liebsten tanzen möchte.«

Während Anne eine CD einlegte, setzte sich Verena zu Christel auf die Couch.

»Nun sag mal – wie steht es denn eigentlich mit euch? Wollt ihr nicht bald heiraten?«

Christels Augen strahlten auf. »Denk dir, im vorletzten Brief hat Ingo den Vorschlag gemacht, dass wir uns an meinem Geburtstag verloben sollen. Du weißt doch, das wäre der fünfzehnte April. Ist das nicht herrlich?«

»Dann hat er es ja mächtig eilig!«

»Ganz wie ich! Ich würde mich sehr freuen, wenn das klappen würde. Denk dir, in einem halben Jahr Verlobung. Wenn Ingo zurückkommt, soll er im Geschäft seines Onkels einen ausgezeichneten Posten bekommen. Er will sich jetzt schon die Kenntnisse aneignen, die er später einmal braucht, um den Betrieb seines Vaters zu leiten, wenn dieser nicht mehr ist.«

»Ingo ist ein tüchtiger, fleißiger Kerl.« Verena nickte. »Na, dann herzlichen Glückwunsch, Christel. Werden wir zu deiner Verlobung eingeladen?«

»Aber Verena, das ist doch selbstverständlich!«

»Schön – dann müssen wir uns rechtzeitig nach einem passenden Geschenk umsehen.«

Eine halbe Stunde später verabschiedeten sich die beiden Mädchen von Christel.

»Mach’s gut, Christel, und träume von deinem Schlangenjäger!«, rief Anne über die Schulter zurück, als sie mit Verena das Gartentor vor der Osdorffschen Villa verließ und Christels Gesicht im offenen Fenster ihres Zimmers bemerkte.

***

Langsam schlenderten die Freundinnen auf dem schattigen Gehsteig der breiten Wohnstraße entlang. Das Haus der Osdorffs lag in einem eleganten Wohnviertel, in dem es nur die Häuser der reichsten und angesehensten Bürger der Stadt gab.

Christels Vater besaß eine große Stahlfabrik, die seine Vorfahren mit ihrer eigenen Hände Arbeit, mit Energie und zielbewusstem Streben aus dem Nichts heraus geschaffen hatten. Christels Vater war stolz auf sein Werk und auf seine Väter, und er tat alles, um weiterhin erfolgreich zu sein.

»In einer schnelllebigen Zeit muss man sich beeilen, um Schritt zu halten«, pflegte Dr. Bodo Osdorff zu sagen, und der Erfolg seiner Arbeit gab ihm recht.

Eine Zeitlang waren die beiden Mädchen schweigend nebeneinander einhergeschritten. An einer Querstraße blieb Verena einen Augenblick stehen.

»Sie weiß gar nicht, wie gut sie es hat.«

»Wer?«

»Christel natürlich! Sie heiratet den besten Mann, den es hier in der Stadt gibt.«

»Ingo?«

»Natürlich – Ingo. Gerade hat sie mir erzählt, dass sie sich wahrscheinlich an ihrem Geburtstag verloben werden. Unvorstellbar ist das! Ingo und Christel! Die passen doch gar nicht zusammen!«

»Wie meinst du das?«

»Das weißt du nicht? Mach doch nur mal deine Augen auf, dann wirst du es schon merken. Stell dir Christel vor, das wohlerzogene, zartfühlende Mädchen, das sich fürchtet, wenn es in einer Gesellschaft von mehr als fünf Personen ist. Das sich, wenn schon überhaupt, nur ganz leise und andeutungsweise schminkt … Die und Ingo! Die Frau an Ingos Seite habe ich mir immer ganz anders vorgestellt!«

»Wie denn?«

»Repräsentativer, vornehmer, eleganter! Denk doch nur mal an den Betrieb im Hause der Nieberg, an die vielen Menschen aus allen Ländern, die bei dem reichen Reeder verkehren. Und Ingo soll später an seines Vaters Stelle stehen! Da passt keine Frau von Christels Typ an seine Seite. Da muss eine Frau hin, wie Ingos Mutter sie ist: schön, klug, gewandt … Eben anders als Christel!«

»Vielleicht eine Frau, die so ist wie du?«

Verena blieb mit einem Ruck stehen. »Wie meinst du das?«

»Wie ich es sage. Aber deswegen brauchst du dich nicht gleich so aufzuregen. Sag mal – solltest du etwa …«

Erstaunt wandte Verena sich um.

»Was soll ich?«

»Sag mir die Wahrheit, Verena: Liebst du Ingo?«

Verena senkte den Kopf. Sie schwieg.

»Nun sag doch schon!«

Da nickte das Mädchen langsam. »Ja, ich liebe ihn – viel mehr als die dort … Ich liebe ihn, solange ich denken kann! Soll ich jetzt zusehen? Das kann ich nicht!« Ein Schluchzen brach aus ihrer Brust.

Anne legte den Arm um die Schultern der Freundin. Sie war tief erschrocken.

»Aber Verena, das ist ja furchtbar! Nun komm weiter, beruhige dich, so schlimm wird’s doch nicht sein!«

Tatsächlich, Verena hatte sich schon wieder in der Gewalt. Sie wischte die Tränen aus dem Gesicht und strich dann entschlossen das lange schwarze Haar aus dem Gesicht.

»Du hast recht – man soll das nicht so tragisch nehmen. Es sind schon mehr Mädchen als ich an unglücklicher Liebe erkrankt, ohne gleich zu sterben. Na ja, wollen sehen, wie alles kommt. Vielleicht anders, als wir alle heute denken. Mach dir um mich keine Sorgen. Ich beiße mich durch!«

Die Mädchen eilten auseinander.

***

Dr. Bodo Osdorff legte den Dessertlöffel aus der Hand. Das Mädchen kam herein, um das Geschirr abzutragen.

»Cläre, ich bitte dich, opfere mir ein paar Minuten von deiner Mittagsruhe«, wandte er sich an seine Frau. »Du auch, Christel! Kommt mit mir ins Herrenzimmer. Ich habe mit euch etwas zu besprechen.«

»Nanu, so feierlich?«, lächelte Christel.

Ihr Vater zuckte geheimnisvoll mit den Schultern und ging voraus. Mit raschem Griff schloss er hinter den beiden Frauen die Tür seines Raumes.

»So, meine Lieben, nun setzt euch dort in die beiden Sessel und hört aufmerksam zu, was ich euch mitzuteilen habe.«

»Hast du eine Erbschaft gemacht?«, wollte Frau Osdorff wissen.

Ihr Gatte schüttelte verneinend den Kopf und zog dann einen Briefumschlag aus der Tasche. Christel hatte mit einem raschen Blick die zahlreichen Stempel und fremdländischen Marken auf dem Papier gesehen. Sie wusste genug. Eine flammende Röte breitete sich über ihr Gesicht.

Belustigt bemerkte der Mann die Verlegenheit seiner Tochter.

»Da, Cläre, schau dir deine Tochter an, die ist schon im Bilde. Doch ich will nicht länger um den heißen Brei herumreden. Heute Morgen fand ich in meiner Privatpost diesen Brief. Er kommt aus Indien und stammt von einem gewissen Herrn von Nieberg. Nun ja, dieser junge Mann ist im fernen Indien auf die Idee gekommen, um die Hand meiner Tochter anzuhalten.«

»Unsere Christel?«

»Natürlich, Cläre! Die möchte er gern heiraten. Was meint ihr dazu? Ich will sagen, was meint die besorgte Mutter dazu, denn wenn ich meine Tochter anschaue, so weiß ich die Antwort schon im Voraus. Stimmt’s?«

Christel nickte und strahlte ihren Vater aus glücklichen Augen an.

»Na, also – dachte ich’s doch! Da das Mädchen einverstanden ist, wäre Punkt eins geklärt. Nun ist es an uns beiden alten Menschen, unser Ja und Amen auszusprechen. Offen gestanden, mir persönlich fiele es nicht schwer. Ingo ist uns ja schließlich schon bekannt gewesen, als er noch in den Windeln lag. Ich weiß, das war wieder unpassend für einen Bräutigam in spe. Also, ich gebe gern und mit Freuden mein Jawort zu der Geschichte. Und du, Cläre?«

»Ich muss mich der Mehrheit fügen!«, sagte die Frau und schloss ihre Tochter in die Arme. »Ich freue mich, dass du mit Ingo ein Leben aufbauen willst. Er ist ein verlässlicher, ordentlicher und tüchtiger Mann. Wir alle mögen ihn gern und schätzen seine Familie. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute!«

Ein wenig Rührung zitterte in der Stimme der vornehmen Frau. Aber ihr Gatte war schon wieder bei der Hand, helfend einzugreifen.

»So, nachdem also die Chefin dieses Hauses ihren Segen gegeben hat, bleibt es mir überlassen, einen Antwort nach Indien zu schicken und den jungen Mann aus seiner Unruhe zu erlösen. Ich tue es gern. Und selbstverständlich finde ich, dass auch mir eine Umarmung meiner Tochter zusteht. Komm, kleines Häschen, wirf dich deinem alten Vater an die Brust!«

Die reizende Szene, die jetzt Vater und Tochter boten – der große elegante Mann mit dem grauen Haar und das schöne glückstrahlende Mädchen –, wurde von Frau Osdorff unterbrochen, die sich verstohlen eine Träne aus den Augen wischte.

»Darf ich erfahren, wann die Verlobung sein soll? Wie ich Ingo kenne, hat er sicher schon seine Pläne.«

»Stimmt! Er schreibt hier, dass die Verlobung zu Christels Geburtstag recht gut passen würde. Mir gefällt die Idee. Wenn es euch recht ist, dann …«

Es war ihnen recht.

Und so setzte sich Christels Vater, nachdem ihn die beiden Frauen verlassen hatten, an seinen Schreibtisch und formulierte seine Antwort an Ingo.

 

Mein lieber Ingo, wir haben soeben großen Familienrat gehalten und sind bereit, Sie in den Schoß unserer Sippe aufzunehmen. Nebenbei gesagt, freuen wir uns darüber natürlich, und noch mehr am Rande gesagt, haben wir ja auch schon damit gerechnet. So war die folgenreiche Entscheidung also in wenigen Sekunden zu Ihren Gunsten gefallen.

Ich freue mich über die bevorstehende Verbindung zwischen meiner Tochter und Ihnen und wünsche Euch beiden schon heute von Herzen alles nur erdenklich Gute.

Bauen Sie sich ein schönes Leben mit Christel, Ingo! Und kommen Sie wieder, gesund, kräftig und so, wie Sie früher waren. Dann habe ich weder um Sie noch um meine Tochter Bange.

Dr. Bodo Osdorff

***

Die Wochen eilten dahin.

Ingo sah, lernte und erlebte. Die Monate, die er in Indien verlebte, vermittelten ihm eine Fülle unbezahlbarer Erkenntnisse und wertvolle Lehren für sein späteres Leben. Ingo lernte, den anderen zu achten, seine Eigenheiten zu verstehen, seine Nöte zu begreifen und seine Freuden.

Die Wochen reihten sich zu Monaten. Briefe gingen hinüber in die Heimat und kamen herüber über den großen Ozean.

Christel! Wenn er früher der Meinung gewesen war, das Mädchen aus ganzem Herzen zu lieben, so hatte er jetzt, in der langen Zeit der Trennung, die ganze Tiefe und das Feuer dieses Gefühls zu spüren bekommen.

Da waren Tage, in denen er sich vor Sehnsucht nach dem geliebten Wesen verzehrte. Er schämte sich nicht, es einzugestehen. Da waren Stunden, in denen er am liebsten mit dem nächsten Flugzeug zu ihr hätte eilen mögen. Diese Trennung war eine große Probe für ihn und seine Liebe, aber er bestand sie. Christel war in seinem starken, männlichen Herzen, und es gab niemanden, der sie hätte herausreißen können.

Mit glühenden Augen las er die Briefe des Mädchens, die regelmäßig aus der Heimat kamen, die ihm Grüße brachten, ihm erzählten von ihrem Leben, ihrer Sehnsucht, ihrer Hoffnung und Erwartung. Aus Christels Zeilen sprachen so viel Hoffnung und Zuversicht, dass es Ingo immer wieder heiß über den Rücken lief, wenn er einen der Briefe empfangen hatte.

Und er antwortete ihr, er erzählte ihr aus seinem Erleben. Er sprach ihr von seiner Liebe, von seinem Sehnen.

Und eines Tages …

 

… die Koffer schon gepackt. Sie stehen jetzt neben mir und warten darauf, dass man sie abholt und zum Schiff bringt. Du wirst staunen, wenn ich auszupacken beginne!

Morgen also geht das Schiff. Heute schlafe ich zum letzten Mal auf dem Boden Asiens, in diesem Land der Wunder und Rätsel.

Dieser letzte Gruß kommt noch zu Dir, dann komme ich selbst!

 

Endlich!

Aus dicken grauen Wolken taumelten weiße Schneeflocken hernieder. Der Scheibenwischer surrte ununterbrochen über die feuchte Glasscheibe, wischte die dicken Tupfen fort. Weiß waren die Straßen, die Höfe, die Dächer, weiß waren die Menschen, die durch Hamburg eilten.

Der Wagen erreichte die Autobahn. Der Chauffeur setzte sich zurecht und drückte fester aufs Gaspedal.

Hinten auf dem Rücksitz schauten sich stumm und glücklich zwei junge Menschen in die Augen. Ihre Hände waren vereint. Ihre Augen strahlten das ganze unausgesprochene Glück in die Welt. Wie viel wollten sie sich erzählen! Und nun war alles fort. Nur noch ein einziges großes Gefühl der Liebe war zwischen Ingo und Christel.

Denn nun fuhren sie endlich der Heimat entgegen.

***

Es folgten ereignisreiche, lebhafte, freudvolle Tage. Jedermann wollte Ingo sehen, seine Berichte hören, wollte seine Geschenke in Empfang nehmen, die er in reicher Fülle mitgebracht hatte: Schmuck, Kunst, Bilder, Nützliches und Tand, aber alles mit dem Hauch des exotischen Landes.

Christel musste sich in diesen Tagen ein wenig bescheiden. Aber sie sah ein, dass sie Ingo nicht für sich allein behalten durfte in diesen ersten Tagen, da sich alles drängte, den Freund, den Vertrauten, den Sohn zu sehen und zu hören.

Einmal, als Ingo im Hause seiner Eltern weilte und dort einer ansehnlichen Gesellschaft von zumeist älteren Damen notgedrungen Parade stehen musste, klagte Christel ihren beiden Freundinnen ihr Leid.

»Gestern habe ich ihn gerade mal für zwei Stunden gesehen, aber da waren auch schon acht Schulkollegen von ihm dabei. Heute ist er mir überhaupt noch nicht zu Gesicht gekommen. Es ist zum Verzweifeln!«

»Rück doch einfach mit ihm aus«, warf Verena beiläufig ein.

»Das würde einen schönen Krach geben.«

»Ich hab’s!«, schlug Verena plötzlich vor. Sie sprang mit einem Satz aus ihrem Sessel empor. »Wir fahren in den Harz zum Wintersport! Ich kann mich jederzeit freimachen. Anne wird einmal ein paar Tage ohne Konservatorium und Geige leben können, und Christel ist sowieso mit von der Partie. Nun, ist das eine glänzende Idee oder nicht?«

Die drei Freundinnen waren bald Feuer und Flamme und beschlossen, rasch zu handeln. Christel holte ihr Telefon und wählte Ingos Nummer. Nach wenigen Augenblicken vernahm sie seine Stimme.

»Liebes, was ist?«

»Ingo, ich hab eine tolle Neuigkeit!«

»Lass hören, aber mach rasch. Die Damen da drinnen haben mich nur entlassen mit dem Schwur, in drei Minuten wieder zurückzukommen. Es ist schrecklich anstrengend. Hoffentlich haben sie bald genug!«

»Hör zu, Ingo: Wir retten uns in die Einsamkeit! So geht das hier nicht weiter. Du kommst einfach nicht mehr zur Besinnung, und ich sehe dich nur noch im Vorübergehen. Wir fahren übermorgen in den Harz zum Wintersport. Verena ist auf die Idee gekommen. Sie ist großartig, findest du nicht auch? Verena und Anne kommen selbstverständlich mit. Das ist dir doch recht?«

»Christel, lieber heute als morgen. Aber was werden unsere Eltern …«

»Sie werden ein bisschen brummen, aber dann werden sie Ja sagen. Und wenn wir zurückkommen, dann ist der Indienkoller bei den Herrschaften hier vorüber. Dann geht das Leben seinen normalen Gang.«

»Einverstanden! Sag Verena, dass sie ein Goldkerl ist! Und pack deine Koffer. Übermorgen dampfen wir ab. Und wenn die Welt hinter uns zusammenbrechen sollte. Ich halte es hier nicht mehr aus!«

»Ich freue mich unendlich, Ingo!«

»Ich nicht weniger, Süße. Alles Liebe. Bis nachher.«

Es knackte im Hörer.

Christel lachte ihren beiden Freundinnen entgegen: »Kinder, wir fahren!«

»Herrlich!«, freute sich Verena und sprang empor. »Da gibt es aber nicht viel Zeit zu verlieren. Ich brauche eine neue Kombination und noch manches andere mehr. Komm, Anne, wir müssen los. Christel, bis morgen!«

Die beiden Mädchen eilten davon. In Verenas Augen lag ein seltsam schillernder Glanz. Doch als Anne sie aus den Augenwinkeln musterte, hatte sie sich wieder in der Gewalt.

»Tolle Idee von dir«, meinte Anne und beobachtete ihre Freundin.

Verena nickte. Was war nur mit dem Mädchen?

»Und was ist mit Ingo?«

»Wie meinst du das? Ich verstehe dich nicht.«

»Nun – mit Ingo und dir?«

Flammende Röte schoss über Verenas Gesicht. Sie senkte den Blick zu Boden.

»Komische Frage – nichts, einfach nichts! Wir werden alle vier zusammen sein und werden uns amüsieren. Was soll da noch Besonderes sein?«

»Verena, mir kannst du nichts vormachen! Ich weiß genau, wie es um dich bestellt ist, und ich will es dir auch sagen, denn schließlich sind wir ja Freundinnen: Du kannst dich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass Ingo und Christel …«

»Lass das bleiben, hörst du!«, fuhr Verena auf. »Wir wollten nicht mehr davon sprechen!«

»Macht nichts, man kann so etwas nicht einfach totschweigen. Ich sehe doch, wie du dir Gedanken machst und den Kopf zerbrichst. So geht es nicht! Schlag dir die Sache aus dem Sinn, Verena! Ingo und Christel werden heiraten, das ist längst offiziell beschlossene Sache. Da kann man nichts mehr ändern, und du weißt doch selbst, wie sie aneinanderhängen und wie …«

»Nein!« Hart und entschlossen kam dieses Wort aus dem Munde des Mädchens. Verenas Augen glühten, als sie jetzt Annes Arm packte. »Ich werde mich nie und nimmer mit dem Gedanken zufriedengeben, dass Ingo eine andere heiraten soll. Nie! Und ich werde alles daransetzen, ihn für mich zu gewinnen. Mag die Stadt und die ganze Gesellschaft kopfstehen, Ingo darf Christel nicht heiraten. Ich werde alles daransetzen – alles. Hörst du? Und du …« Verena trat dicht an ihre Freundin heran, »… du wirst mir dabei helfen.«

Anne stand einen Augenblick wie erstarrt. Dann löste sie sich von Verena und blickte sie erschrocken an.

»Wie stellst du dir das vor? Das ist doch Unsinn, was du sagst! Und ich soll dir helfen? Wie?«

»Das weiß ich noch nicht. Ich weiß überhaupt nicht, wie alles werden soll. Ich weiß nur, dass ich Ingo liebe und ihn nicht freiwillig hergebe.«

»Aber er liebt dich doch nicht!«

»Er wird mich lieben, tiefer, heißer und leidenschaftlicher, als er heute Christel liebt. Er muss mich lieben. Ich werde ihm zeigen, was wahre Liebe ist und zu bewirken vermag!«

»Liebe kann man nicht erzwingen …«

»Das weiß ich genauso gut wie du. Aber ich kann ihn zwingen, mich anzuschauen. Bin ich hässlicher als Christel? Dümmer vielleicht oder biederer? Bin ich denn schlechter? Bin ich weniger reich? Na also! Und nun müssen wir uns beeilen, denn ich habe noch bei der Schneiderin zu tun. Tschüss, Anne, und … du bist doch meine Freundin, nicht wahr?«

Anne würgte an einer merkwürdigen Beklemmung in ihrem Hals.

»Warten wir ab und überstürzen nichts!«

»Die Zeit ist unzuverlässig und undurchschaubar. Lieber greife ich zu und baue mir die Zukunft selbst. Bis morgen, mein Schatz!«

Anne schaute der Freundin betroffen nach, die jetzt eiligen Schrittes die Straße überquerte und einem Taxi winkte. Anne meinte, Verena noch nie richtig gekannt zu haben. Erst jetzt, in diesen letzten Minuten hatte sie den wahren Kern des Mädchens erkannt.

Ein heißes Herz – ja, das hatte sie. So war Verena. In ihr mochten tausend Feuer brennen. In ihr mochten Gewalten wohnen, deren sie sich vielleicht selbst nicht bewusst war. Geraden Weges ging sie ihren Zielen entgegen, wenn sie auch noch so hoch gesteckt und schwer zu erreichen waren. In diesem dreiundzwanzigjährigen Menschen wohnte ein eiserner Wille, ein stürmisches Drängen.

Ja, temperamentvoll war Verena. Ganz anders als Christel, die Stille, Sanfte.

Es würde Christel zerbrechen, dachte Anne jetzt. Es würde Christels Welt umstürzen, wenn es Verena gelang, Ingo für sich zu gewinnen.

Anne schüttelte den Kopf. Nein, das alles war undenkbar! Und sie selbst wollte mit der Sache nichts zu tun haben. Verena und Christel waren ihre Freundinnen, da durfte es keine Lügen geben. Sie konnte nicht der einen helfen, um die andere unglücklich zu machen.

***

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