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Silvia Duett - Folge 01

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die Frau, die dich niemals vergisst
  4. Zu enttäuscht, um zu vertrauen
  5. Vorschau

Die Frau, die dich niemals vergisst

Nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes hat Anne Marhold ihr Leben ausschließlich auf ihre Kinder ausgerichtet. Inzwischen sind alle drei erwachsen und gehen ihre eigenen Wege.

Anne bleibt allein zurück und spürt die Einsamkeit, doch sie hat verlernt, auf ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu hören …

Anne Marhold lächelte, als sie den leichten, schnellen Schritt ihrer Tochter Beate erkannte. Wie immer hatte das Mädchen es eilig, als es die Wohnung betrat, die Mutter mit einem liebevollen Kuss begrüßte und dann den leichten Sommermantel auszog.

»Was gibt es heute Gutes?« Beate schnupperte, und die Mutter freute sich, ihr ein Leibgericht ankündigen zu können. Der Auflauf im Backofen war fertig, sie musste nur noch rasch den Tisch decken.

»Isst Robert heute nicht mit uns?«, fragte Beate, als sie sah, dass ihre Mutter nur zwei Teller aus dem Schrank genommen hatte.

»Nein«, seufzte Anne Marhold. »Er ist schon fort. Er isst … im Lokal.«

Beate zuckte die Schultern. »Wenn es ihm dort besser schmeckt, Mutsch, lass ihn. Ich verstehe ihn allerdings nicht, denn deine Aufläufe sind unübertrefflich.«

Das ehrliche Lob freute die Frau mit dem dunkelblonden Haar. Sie lebte für ihre Kinder. Doch während Beate ihr nur Freude machte, bereitete ihr Robert oft Sorgen.

Beate nahm die Mutter in den Arm. »Er wird seinen Weg machen«, tröstete sie, und Anne Marhold nickte dankbar.

Im Herzen war sie allerdings nicht davon überzeugt. Drei Kinder hatte sie geboren, die tüchtige, etwas kühle Petra, die schon verheiratet war und eine recht zufriedene Ehe führte, den langen, schmalen Robert mit den sensiblen Händen und dem unbefriedigten Herzen und zuletzt noch ihren Sonnenschein Beate.

Sie mochte nicht daran denken, dass auch ihre jüngste Tochter einmal heiraten und sie allein zurücklassen würde.

»Du hast heute Abend noch etwas vor?«, fragte sie möglichst gleichgültig, als sie die Auflaufschüssel auf den Tisch stellte und Beates Teller füllte.

»Ja«, erwiderte Beate ohne Zögern. »Fabian hat mich ins Kino eingeladen.«

Anne Marhold lächelte. »Ein sehr netter Mann«, urteilte sie.

Der Bankangestellte Fabian Bünding gefiel ihr gut. Er war sparsam, sehr korrekt, er würde es einmal weit bringen. Sie fragte sich nur manchmal, ob Beate an seiner Seite glücklich werden konnte. Ihr übersprühendes Temperament war das genaue Gegenteil seiner etwas nüchternen, pedantischen Art.

Beate lächelte vor sich hin. »Wahrscheinlich werden wir bald heiraten, Mutsch«, sagte sie versonnen. »Fabian wartet noch auf seine nächste Gehaltserhöhung, dann ist es wohl so weit.«

Anne senkte den Kopf. »Das freut mich«, sagte sie und bemühte sich, ihre Stimme dem Inhalt ihrer Worte anzupassen. Ganz wollte es ihr nicht gelingen.

»Ich bleibe immer deine Tochter, Mutsch.« Impulsiv legte Beate ihr die Hand auf den Unterarm. »Du weißt doch, dass wir beide …«

Ihre Mutter nickte. Sie kannte das Leben besser als ihre fröhliche Tochter, sie wusste, dass auch in Beates Leben erst ihr Mann kommen würde, später die Kinder. Und für sie, ihre Mutter, blieb dann nicht mehr viel übrig.

»Darf ich Fabian am Sonntag zum Mittagessen einladen?«, fragte Beate. »Ich könnte mir vorstellen, dass er deine gute Küche zu schätzen weiß. Mehr jedenfalls als mein feiner Bruder Robert.«

»Der Geschäftsführer hält viel von ihm«, nahm Anne ihren Sohn in Schutz. »Und wenn Fabian kommen will, werde ich mich freuen. Hoffentlich ist es ihm bei uns nicht zu eng …«

Sie aßen, der Bequemlichkeit halber, gleich in der Küche. Anne Marhold schaute sich ein wenig beklommen um. Fabian Bünding war sehr ehrgeizig. Er wollte es zu etwas bringen. Glück war für ihn gleichbedeutend mit materiellem Wohlstand.

Beate würde es vermutlich nicht leicht haben an seiner Seite, aber Anne Marhold hoffte, dass die Frohnatur ihrer Tochter seine Pedanterie besiegen würde.

»Du brauchst keine Angst zu haben, Mutsch.« Auch Beate schaute sich in der Küche um, aber sie sah nicht, dass der Raum nur klein und die Möbel altmodisch waren, sie sah die Sauberkeit und die Gemütlichkeit. »Ich werde Fabian schon klarmachen, dass wir stolz auf das sein können, was wir besitzen. Und dass wir sehr stolz auf dich sind, Mutsch.«

Beate legte das Besteck beiseite und erhob sich.

»Ich helfe dir noch beim Abwasch, damit du auch einen schönen Feierabend hast, Mutsch. Fabian mag ein paar Minuten warten, es wird ihm nichts schaden.«

Selbstverständlich protestierte Frau Anne, beteuerte, dass ihr die kleine Arbeit nichts ausmachte, aber Beate ließ sich nicht überzeugen.

»Ich habe dir auch ein nettes Buch mitgebracht. Und etwas zum Naschen. Du sitzt immer allein zu Hause …«

Anne Marhold schluckte und wandte den Kopf hastig zur Seite, um ihre Tränen nicht zu zeigen. Beate war die Einzige, die versuchte, sich in ihre Lage hineinzuversetzen.

Robert wäre es niemals eingefallen, ihr etwas zu schenken, und Petra, ihre verheiratete Tochter, ließ sich höchstens einmal im Monat bei ihr sehen, eine elegante, wohlhabende Frau, die anscheinend gar nicht begreifen konnte, dass sie aus solch einem Milieu stammte.

»Musst du denn hier wohnen, Mutter?«, hatte sie bei ihrem letzten Besuch gefragt. »So klein ist deine Rente doch nun auch nicht, dass du so armselig leben musst.«

Ein bitterer Zug grub sich in Anne Marholds Gesicht, als sie sich an diese Worte erinnerte. Es stimmte, ihre Rente war nicht übermäßig klein, aber Robert verbrauchte viel Geld. Er studierte Musik, träumte von einem Künstlerdasein, von Ruhm und Anerkennung. Und spielte in einem Nachtlokal Klavier. Es sei nötig, behauptete er, von dem bisschen, was sie ihm gab, könne er nicht leben.

»Wiedersehen, Mutsch!«, rief Beate von der Tür her. Mit ihren blitzenden Augen und der ein klein wenig himmelwärts strebenden Nase sah sie aus wie ein vergnügter Lausbub. »Und dass du die Pralinen allein isst! Robert soll sich selbst welche kaufen, wenn er Appetit darauf hat!«

»Ja. Und viel Vergnügen im Kino!«

»Bestimmt. Bis später, Mutsch.« Sie winkte der Mutter zu und wirbelte dann hinaus.

Die kleine Küche kam Anne Marhold plötzlich leer vor. Die Uhr an der Wand tickte, mahnte sie daran, dass die Zeit unaufhaltsam vorwärtsging, dass es kein Stehenbleiben gab. Die Kinder wurden flügge und verließen das Nest, und sie, eine Frau in den besten Jahren, blieb allein zurück.

***

»Du siehst müde aus, Mutsch«, stellte Beate am nächsten Morgen fest. »Hast du etwa wieder gewartet, bis mein lieber Bruder Robert nach Hause kam?«

Anne Marhold spielte mit ihrem Besteck. Sie wagte nicht, ihre Tochter anzuschauen, weil sie nur zu genau wusste, dass ihr Kind sie einfach nicht verstand. Robert war schließlich alt genug, um den Weg ins Bett allein zu finden, es war überflüssig, auf ihn zu warten.

Selbstverständlich hatte sie trotzdem gewartet. Die ganze Nacht.

»Wann ist er gekommen?«, erkundigte sich Beate, die wie immer frisch und ausgeruht aussah. Pünktlich um dreiundzwanzig Uhr hatte sie die Wohnung betreten und war zu Bett gegangen. Fabian war nämlich der Meinung, geregelter Schlaf gehöre zu den wichtigsten Dingen des Lebens.

»Robert … ist noch gar nicht gekommen.«

»Was? Aber die Bar, in der er spielt, schließt doch um drei Uhr.«

»Ja«, bestätigte Anne müde.

»Ich glaube, ich muss dem hohen Herrn einmal gründlich meine Meinung sagen«, stieß Beate aufgebracht hervor. »Was bildet sich Robert nur ein? Schließlich muss er auf dich Rücksicht nehmen, das ist das Mindeste, was du von ihm verlangen kannst.«

»Sei lieber still, Kind, du weißt doch, wie er ist.«

»Jawohl, das weiß ich, aber mir kann er nicht imponieren, der Lackaffe. Immer moderne Anzüge und Gel im Haar, und was ist er? Ein Barpianist!«

»Er … Sei doch froh, dass er versucht, noch etwas zu verdienen.«

»Es gibt andere Möglichkeiten. Ich muss gehen, Mutsch. Und wenn er kommt, dann lies ihm die Leviten, er hat es nötig.«

»Ja«, versprach Anne Marhold, und Beate wusste, dass die Mutter es nicht tun würde. Mit dem festen Willen, es selbst nachzuholen, verließ sie die Wohnung, um mit der Straßenbahn in die Stadt zu fahren. Sie arbeitete als Buchhalterin an der gleichen Bank, an der auch Fabian Bünding beschäftigt war.

Anne seufzte, als die Tür hinter ihrer Tochter zuschlug. Es war noch nicht richtig hell, ein grauer nebliger Tag, und ihr fehlte heute die Lust, so fröhlich die Arbeit zu beginnen, wie sie es sonst immer tat.

***

Robert erschien aber erst gegen elf Uhr, übernächtigt und verdrossen. Man konnte sagen, dass er gut aussah. Er war groß, schlank und hatte sympathische Züge. Insgeheim war Anne sehr stolz auf ihn und glaubte an seine große Zukunft, von der er gern und häufig sprach.

»Morgen«, knurrte er, ohne seine Mutter anzusehen. »Mieses Wetter heute«, stellte er mit einer Kopfbewegung zum Fenster hin fest. Noch immer zogen Nebelschwaden vorüber. Die Autos fuhren mit abgeblendeten Scheinwerfern langsam durch die Straßen.

»Dein Kaffee ist gleich fertig. Setz dich, Robert.« Hinter sich hörte sie ein langes und lautes Gähnen. »Du kommst spät«, sagte sie.

»Und?«, knurrte Robert. »Jetzt soll ich dir wohl erzählen, wo ich gewesen bin? Dass Mütter doch nie begreifen können, dass Kinder einmal groß werden. Es passt dir nicht, dass ich heute Nacht nicht nach Hause gekommen bin. Aber sei unbesorgt, ich habe geschlafen.«

»Im Lokal?« Anne wusste, dass es falsch war, diese Frage zu stellen. Robert liebte es nicht, wenn sie sich zu sehr um ihn kümmerte, er empfand ihre Besorgnis als einen Eingriff in sein persönliches Leben.

Der Kaffee war fertig, sie stellte die Kanne auf den Tisch und nahm ihm gegenüber Platz.

»Du musst dir mehr Ruhe gönnen, Robert.«

»Lass mich zufrieden. Mir steht alles bis hier!« Mit der Handkante zog er einen Strich zwischen Lippe und Nase. »Oder meinst du denn tatsächlich, ich würde einmal ein guter Pianist werden? Durchschnitt bin ich, jawohl! Aber du kannst sicher sein, ich schaffe es trotzdem, aus diesen kleinen Verhältnissen herauszukommen …« Geradezu angewidert schaute er sich in der kleinen Küche um. »Die Frauen mögen mich. Ich werde eine heiraten, die was an den Füßen hat, und dann habe ich ausgesorgt.«

Anne Marhold war entsetzt, bemühte sich allerdings, ihre Gefühle nicht zu offen zu zeigen. Robert nickte ihr jetzt zynisch zu.

»Das hörst du nicht gern«, meinte er spöttisch. »Aber ich bin nun einmal nicht das Wunderkind, für das du mich immer gehalten hast.«

»Robert, sprich nicht so!«, beschwor Anne ihren Sohn. Sie hatte ehrliche Angst um ihn, denn wenn er manchmal auch bitter sprach, so wie heute hatte er sich noch nie geäußert.

Er trank den heißen Kaffee. Das Brot verschmähte er.

»Wo … warst du so lange?«, fragte die Mutter bedrückt. »Sag mir die Wahrheit, Robert!«

»Wie du willst. Ich hab da eine Frau kennengelernt, eine geschiedene Frau, von Bedetzki, hübsch, reich und – hm, sie mag mich. Ich war bei ihr, wenn du es genau wissen willst. Vielleicht heirate ich sie, ich weiß es noch nicht. Ich könnte es mir aber vorstellen, denn dieses Leben hängt mir zum Hals heraus. Oder meinst du, es macht mir Spaß, den Affen für diese geschniegelten Gäste zu spielen? Dankbar zu sein, wenn sie mir ein Glas Bier spendieren? Mein Kapital ist mein Aussehen. Es gibt schlechtere als die Sylvia. Sie hat wenigstens Geld.« Er hielt seiner Mutter die leere Kaffeetasse hin. »Gieß noch ein, ich hab den Kaffee nötig.«

Anne Marhold überhörte seine Bitte. Sie war viel zu sehr mit der geradezu unfassbaren Eröffnung beschäftigt, die er ihr so schonungslos zugeworfen hatte.

»Diese Sylvia von Bedetzki. Was für eine Frau ist das?«

Robert bediente sich selbst. »Sie würde dir nicht gefallen, Mutter.« Er zuckte die Schultern. »Ich habe dir gesagt, wie die Aktien stehen: Bescheiden stehen sie. Wenn Sylvia mich haben will, dann werde ich sie heiraten. Das ist alles.«

»Das wirst du nicht tun. Ich kenne die Frau gar nicht …«

Robert lachte heiser. »Du wirst sie auch nicht kennenlernen, Mutter. Die gute Sylvia hält mich für ein verkanntes Genie. Für einen armen Studenten, der sich durchhungert und im Übrigen keinen Anhang hat. Was meinst du, wie die sich hier in dieser Küche ausnehmen würde! Ausgeschlossen, die bringe ich nicht mit.«

Anne hatte schon vieles im Leben hinnehmen müssen, aber diese Worte warfen sie um.

»Ich werde mich in die Falle hauen. Weck mich um sechzehn Uhr, ich bin mit der lieben Sylvia verabredet. Ein kleines Hauskonzert, verstehst du? Der Herr Barpianist und sie, die gnädige Frau. Es wird bestimmt sehr nett.« Er gähnte und schlurfte hinaus, die Schultern gesenkt, das Kinn fast auf der Brust. An der Tür blieb er noch einmal stehen. »Um vier, vergiss es nicht, Mutter.«

Dann war Anne wieder allein, diesmal mit noch schwereren Sorgen als vorher. Die Worte ihres Sohnes hatten alle Zukunftsträume zerstört. Sie wusste, dass man ihm eine Karriere voraussagte, sein Lehrer auf dem Konservatorium hielt viel von ihm. »Robert muss sehr fleißig sein, dann schafft er es!«, hatte er gesagt.

Fleißig sein, das hieß üben. Viele Stunden am Tag, aber auf dem Klavier im Wohnzimmer übte Robert seit einiger Zeit nur banale Schlager. Ernste Stücke machten zu viel Arbeit, das andere war leichter, viel leichter.

Und am leichtesten war es natürlich, eine Frau zu heiraten wie diese Sylvia. Wie hieß sie noch? Sylvia von Bedetzki. Anne wusste, dass sie diesen Namen nie wieder vergessen würde.

***

»Willst du heute Abend schon wieder fort?«, fragte Anne Marhold, als Beate gleich nach dem Essen aufstand. Sie war es nicht gewohnt, dass ihre Tochter so häufig fortging, denn Fabian Bünding pflegte zu sparen und behauptete, dass jeder unnötig ausgegebene Cent ihre Heirat verzögere.

»Ja, wir wollen uns ein Tischtennisspiel ansehen. Der Eintritt ist übrigens frei. Glücklicherweise können wir das Vereinslokal zu Fuß erreichen …« Beate lachte, noch nahm sie die Sparsamkeit ihres zukünftigen Mannes auf die leichte Schulter. Dann wurde sie ernst. »Wo war Robert denn nun letzte Nacht? Ich muss schon sagen, es gefällt mir absolut nicht, dass er jetzt immer erst so spät nach Hause kommt. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er eines schönen Tages ganz fortbliebe. Weißt du eigentlich, wo er steckt?«

»Nein«, behauptete Anne. Das Lügen fiel ihr schwer, und Beate stutzte auch prompt.

»Hat er vielleicht irgendein Mädchen?«, forschte sie. »Du weißt doch etwas, Mutsch!«

»Du musst dich beeilen, wenn du pünktlich sein willst.«

Beate zwinkerte ihr zu. »Seine Flamme ist wohl nicht dein Geschmack, nicht wahr? Aber lass ihn nur gewähren, Mutsch, er ist jetzt gerade in dem Alter, in dem junge Männer nicht allzu wählerisch sind. Er wird das Mädchen nicht gleich heiraten wollen.«

Es fiel ihr nicht auf, dass die Mutter keine Antwort gab. Mit ihren Gedanken war Beate bei dem Rendezvous mit Fabian Bünding. Sie fand Tischtennisspiele zwar ausgesprochen langweilig, aber als vernünftiges Mädchen beugte sie sich dem Wunsch ihres zukünftigen Mannes.

»Tschüss, Mutsch, warte nicht auf mich. Leg dich zeitig ins Bett, du siehst sehr müde aus.« Mit einem flüchtigen Kuss verabschiedete sie sich und wirbelte hinaus.

Wieder einmal war Anne Marhold mit sich und ihren Sorgen allein. Sie scheute sich, mit Beate über Robert zu sprechen, denn es erschien ihr unfair, das Vertrauen ihres Sohnes zu enttäuschen. Die Geschwister verstanden sich nicht übermäßig gut, zwischen ihnen herrschte eine Art bewaffneter Frieden, weil sie inzwischen herausbekommen hatten, wie nutzlos es war, sich zu streiten.

Beate war mit ihrem Leben zufrieden. Robert hielt sein Dasein für erdrückend und eng. Er sehnte sich hinaus, er wollte ohne viel Arbeit nach oben kommen.

Anne seufzte und griff nach dem Buch, das Beate ihr auf den Tisch gelegt hatte. Ihre Tochter eilte unterdessen durch die dunklen Straßen, ein Lächeln froher Erwartung im Gesicht.

***

An der Bahnhofsuhr wartete Fabian Bünding, und beim Näherkommen sah das Mädchen, dass er von seiner Armbanduhr einen vergleichenden Blick auf das große Zifferblatt über sich warf.

»Drei Minuten zu spät«, empfing er sie missbilligend.

»Allmählich mache ich mich«, strahlte Beate ihn ungekränkt an. »Letztes Mal waren es noch sieben Minuten. Sollst mal sehen, ich schaffe es sogar noch, pünktlich zu sein.«

»Ich hoffe es sehr«, erwiderte Fabian steif. »Du weißt, dass ich Pünktlichkeit liebe. Es ist ein Ausdruck innerer Selbstzucht. Man darf sich nicht gehen lassen.«

»Stimmt genau.« Beate lachte ihn aus. Sie hatte seine kleinen Predigten schon so oft gehört, dass seine Worte sie völlig ungerührt ließen. »Gehen wir etwas schneller, dann sind wir bestimmt noch pünktlich. Soweit ich diese Tischtennisleute kenne, fangen die auch nicht mit dem Glockenschlag an.«

Der Mann runzelte die Stirn. Irgendwie gewann Beate den Eindruck, dass er noch etwas auf dem Herzen hatte. Sollte er ihr tatsächlich ernsthaft böse sein? Sie studierte sein Gesicht, ein etwas strenges, gut geschnittenes Gesicht mit kühlen, wägenden Augen und einem schmalen, festen Mund. Alle in der Bank fanden, dass Fabian Bünding gut aussah, und viele beneideten Beate, weil er sie bevorzugte.

»Komm, wir müssen gehen.« Beate hängte sich bei ihm ein, aber Fabian blieb stehen.

»Leider ist es mir unmöglich, mein Wort zu halten und das Tischtennisspiel mit dir zusammen zu besuchen.«

Er sprach etwas gespreizt und geschwollen, aber Beate hatte sich inzwischen daran gewöhnt, sie hörte es kaum noch.

»Weshalb?«, erkundigte sie sich. »Es ist doch nicht deine Art, ein Mädchen zu versetzen, hoffe ich.«

»Nein, natürlich nicht«, beteuerte Fabian. »Herr Direktor Dittelbach hat mir die Ehre erwiesen, mich heute Abend einzuladen. Selbstverständlich konnte ich nicht absagen, Beate, es ist eine … große Auszeichnung, von Herrn Direktor Dittelbach aufgefordert zu werden.«

»Hm«, machte sie enttäuscht. Es mochte stimmen, dass eine Einladung des Chefs eine Ehre war. Aber so kurzfristig?

»Es tut mir wirklich außerordentlich leid«, versicherte Fabian unbehaglich. »Ich hoffe, du siehst ein …«

»Dass dein Herr Direktor ein Flegel ist?«, fiel Beate ihm aufgebracht ins Wort. »Jawohl, das habe ich begriffen. Grüß ihn schön von mir und sag ihm, er wäre ein Affe!« Sie zog ihren Arm unter seinem hervor und warf den Kopf in den Nacken. »Viel Vergnügen!«

Sie ließ den Mann einfach stehen, denn sein Verhalten kränkte sie. Jeder Mensch mit Rückgrat hätte dem Direktor geantwortet, dass er schon verabredet sei, aber Fabian in seiner beflissenen Art hatte natürlich nichts Eiligeres zu tun gehabt, als diese ehrenvolle Einladung dankend anzunehmen.

»Beate, ich bitte dich!« Fabian machte keine Anstalten, ihr zu folgen, denn er fühlte sich im Recht. Vom Wohlwollen des Direktors hing schließlich seine Karriere ab.

Beate hatte Tränen in den Augen, als sie durch die Straßen ging, ohne ein festes Ziel zu haben. Sie fühlte sich sehr enttäuscht, obwohl sie sich keineswegs auf diesen Abend sonderlich gefreut hatte. Es war Fabians Verhalten, das sie aufbrachte.

In ihrer zornigen Verwirrung achtete sie nicht auf die Passanten, bis sie einen Mann geradezu anrempelte.

»Entschuldigen Sie!«, sagte sie, ohne den Fremden anzuschauen.

»Sie sollten die Augen besser aufmachen«, riet der Mann. Unwillkürlich konstatierte Beate, dass er eine angenehme Stimme hatte. »Ist Ihnen etwas geschehen?«

»Nein!«, fuhr Beate ihn an. Sie war wütend – auf sich, auf Fabian, auf die ganze Welt. Und außerdem auch noch auf diesen Fremden, der unverschämt gut aussah und sie anschaute, als nähme er sie nicht ganz ernst. »Mir ist nichts geschehen.«

»Das freut mich. Würden Sie es für eine Unverschämtheit halten, wenn ich Ihnen ein Stück meine Begleitung anbiete? Sie sehen aus, als könnten Sie männlichen Schutz vertragen.«

»Ach, lassen Sie mich zufrieden!« Beate hatte die Worte kaum ausgesprochen, da taten sie ihr schon leid. Sie war gerecht genug, um einzusehen, dass dieser Mann es nur gut meinte. »Entschuldigen Sie bitte, ich hatte es nicht so gemeint.«

Der Mann stellte fest, dass sich ihr Gesicht beim Lächeln sehr zu ihrem Vorteil veränderte. Auf den ersten flüchtigen Blick hatte er sie nett gefunden, weiter nichts, jetzt aber bemerkte er, dass die Kleine ganz entzückend war.

Ihre Bereitwilligkeit, eine Voreiligkeit einzusehen und dafür um Entschuldigung zu bitten, machte sie ihm sofort sympathisch.

»Ich danke Ihnen für die Erlaubnis, Sie begleiten zu dürfen«, versicherte er. »Ich verspreche Ihnen auch, Sie nicht zu verschleppen. Ich bin zufällig kein Mädchenhändler.«

Beate lächelte noch einmal und warf ihm einen blitzschnellen Seitenblick zu. In ihren Augenwinkeln hockte schon wieder der Schalk. Sein Ton gefiel ihr, und obwohl sie sonst keineswegs zu den Menschen gehörte, die einen anderen sofort nett finden, dieser Fremde machte entschieden eine Ausnahme.

Ein paar Minuten lang gingen sie schweigend nebeneinander her, und unwillkürlich passte Beate ihre Schrittlänge seinem Gang an.

»Ich glaube, ich finde meinen Weg jetzt wieder allein.«

»Ich zweifle nicht daran«, versicherte der Mann, »aber ich muss sagen, dass es mir leidtut. Darf ich das sagen, oder sind Sie mir böse?«

»Nein, ich bin Ihnen nicht böse«, versicherte Beate impulsiv. Sie errötete prompt und senkte verlegen den Kopf.

»Sie sind eine nette junge Dame«, hielt seine sympathische Stimme sie noch einmal zurück. »Und deshalb wage ich es auch, Sie um einen Rat zu bitten. Darf ich?«

»Natürlich.«

»Wie macht es ein junger Mann, eine Dame, deren Namen er nicht einmal kennt, um ein Wiedersehen zu bitten, ohne frech und aufdringlich zu wirken? Darf er sie vielleicht zu einem Glas Wein einladen?«

Beate fand ihn sehr nett, und wahrscheinlich merkte der Fremde es, denn auch er lächelte ihr zu.

»Hier in der Nähe ist eine kleine Bar. Vielleicht haben Sie noch etwas Zeit und überlegen sich die schwierige Antwort in Ruhe.«

Beate fand keinen Grund, diese charmante Einladung abzulehnen, schreckte erst zurück, als der Mann, der sich inzwischen als Markus von Hattfeld vorgestellt hatte, den Schritt vor der Bar verhielt, in der Robert abends spielte.

Aber sie stutzte nur einen Augenblick, dann folgte sie ihm tapfer in das Innere des Lokals. Sie war noch nie in einer Bar gewesen und versuchte, sich wie eine Dame von Welt zu geben.

Markus von Hattfeld, der sie unauffällig beobachtete, hatte seine helle Freude an ihrer netten Art, half ihr höflich aus dem Mantel und bot ihr dann galant den Arm.

»Ich freue mich sehr, dass Sie mir helfen wollen«, versicherte er, als sie an einem kleinen Tisch saßen. »Glauben Sie mir, es ist ein schreckliches Problem für jeden Mann, wenn er solch ein entzückendes Mädchen wie Sie sieht. Man kann doch nicht einfach sagen: Hallo, Sie gefallen mir, wann wollen wir uns wiedersehen? Ich bin dem Zufall dankbar, der Sie mir über den Weg geführt hat.«

Beate lächelte unwillkürlich. Der Mann verstand es richtig, fasste es nicht als Ermutigung auf, sondern nahm es nur für ein Zeichen, dass sie ihm nicht zürnte.

Markus von Hattfeld verstand sich selbst nicht mehr. Es war keine Lüge, wenn er sagte, dass er bisher kein Mädchen auf der Straße angesprochen hatte. Ihm wäre niemals der Gedanke gekommen, so etwas zu tun.

Er besaß einen kühlen Kopf und eine große Skepsis, was Frauen anging. Wahrscheinlich hing es mit seinem Beruf zusammen. Dr. von Hattfeld war Rechtsanwalt, und wer sich viel mit zwischenmenschlichen Abgründen beschäftigen musste, verlor bald den Kinderglauben an Anständigkeit und Güte.

»Die Weinkarte.« Ein Ober reichte ihnen ein ledergebundenes, recht umfangreiches Buch und zog sich dann diskret zurück.

Beate blätterte es flüchtig durch, aber die vielen bunten Etiketten sagten ihr nichts.

»Was wollen wir trinken?«, erkundigte sich Markus und beugte sich zu ihr hinüber. »Ich richte mich ganz nach Ihrem Wunsch.«

»Ich verstehe nichts von Wein«, gestand Beate mit einer Offenheit, die Markus geradezu entzückte. »Ist das schlimm?«

»Nein. Wenn Sie gestatten, entscheiden wir uns für einen guten Riesling.«

Markus gab seine Bestellung auf, lehnte sich dann bequem zurück und überflog mit flüchtigem Blick die Gäste. Allzu voll war das Lokal noch nicht, der Hauptbetrieb begann erst kurz vor Mitternacht.

Ein Mann nahm hinter dem Flügel Platz und begann zu spielen. Markus hob erstaunt den Kopf. Er war musikalisch und wunderte sich über die Sicherheit des jungen Mannes, der allmählich in einen Schlager überging, ihn aber auf geistvolle, überlegene Art variierte.

»Ein talentierter Bursche«, bemerkte er zu Beate, die genau wie er auf das Profil des jungen Pianisten schaute.

Das Mädchen schreckte zusammen, dann huschte ein schüchternes Lächeln um ihren Mund.

»Das sagen alle«, stieß sie hervor und errötete, als sie in Markus’ Gesicht Erstaunen sah. Erstaunen und vielleicht ein wenig Enttäuschung.

»Sie kennen den Mann?«, fragte er. Irgendwie bekam Beate den Eindruck, als zöge er sich innerlich von ihr zurück. Für ihn war es sicherlich keine Empfehlung, mit einem Barpianisten bekannt zu sein.

»Ja«, bestätigte sie und schaute ihn klar an. »Es ist nämlich zufällig mein Bruder.«

Der Anwalt lächelte befreit. »Dann kann ich Sie beglückwünschen. Ich verstehe nur nicht, weshalb er in einer Bar spielt …«

Beate erklärte es ihm, und sie wunderte sich über die Aufmerksamkeit, mit der dieser selbstsichere, interessante Mann ihr zuhörte. Es schien fast so, als nähme er wirklich Anteil an ihrer Familiengeschichte.

Es wurde ein netter, angeregter Abend, und es lag nicht nur an der Wirkung des ungewohnten Weines, dass Beate so gern und häufig lachte, sondern noch mehr an der spritzigen, leicht ironischen Art, in der Dr. Markus von Hattfeld erzählte.

»Es wird Zeit, dass ich nach Hause gehe«, seufzte sie schließlich bekümmert. »Ich muss morgen pünktlich im Büro sein, mein Chef liebt es nicht, in unausgeschlafene Gesichter zu schauen.«

Sie empfand es als angenehm, dass der Anwalt keinen Versuch machte, sie zum längeren Bleiben zu überreden, sondern sofort dem Kellner winkte. Noch immer spielte Robert auf dem Flügel, die Gäste applaudierten höflich, aber recht gleichgültig.

Bis eine elegante, sehr elegante Dame in seiner Nähe Platz nahm. Die klatschte demonstrativ laut, unbekümmert um das Aufsehen, das sie erregte. Es schien fast, fand Beate, als ob sie die neugierigen Blicke der Gäste genoss.

»Aha, Frau von Bedetzki«, murmelte Markus.

Er zog seine Brieftasche und schob dem Kellner einen größeren Geldschein hinüber. Beate schaute auf ihren Bruder, der sich erhob, über sein dunkles Haar strich und dann zu der Fremden hinüberging. Er küsste ihr die Hand, und die Frau lachte, als fände sie sein Verhalten witzig.

»Wir können gehen.« Dr. von Hattfeld schob die Brieftasche in sein Jackett. Er folgte der Richtung ihres Blickes und verzog den Mund. »Sie sollten Ihren Herrn Bruder übrigens vor der Dame warnen. Sie ist nicht der richtige Umgang für ihn.«

Es war fast, als könne Robert seine Worte verstehen, denn gerade in diesem Augenblick wandte er den Kopf, erkannte Beate, stutzte, erhob sich halb und setzte sich sofort wieder.

Und drehte den Kopf zur Seite.

Beate war es, als habe sie eine Ohrfeige bekommen. Sie wusste sofort, was sein Benehmen zu bedeuten hatte: Er wollte sie nicht kennen, weil er sich vor ihr schämte.

»Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment, Herr Dr. von Hattfeld«, bat sie.

Der Anwalt nickte ihr freundlich zu, als er sich erhob.

»Guten Abend!«, wünschte Beate, als sie den Tisch erreicht hatte, an dem Robert mit der nicht mehr ganz jungen Dame saß.

Ihr Bruder runzelte die Stirn. »Was machst du denn hier?«

»Ich warte darauf, dass du mich mit deiner … Dame bekannt machst. Und außerdem könnte es nichts schaden, wenn du einen höflichen Gruß erwiderst. Soviel ich weiß, hat Mutter dich gut erzogen.«

»Wer ist das?«, fragte die Frau mit dem grell geschminkten, vollen Mund. Sie zog die gezupften Augenbrauen fragend in die Höhe und stieß ein amüsiertes Lachen aus.

»Nur meine Schwester.« Robert dachte nicht daran, sich zu erheben und die beiden Frauen miteinander bekannt zu machen, aber an der Röte, die über sein Gesicht gehuscht war, las Beate seine Verlegenheit ab.

»Ich heiße Beate Marhold«, stellte sie sich selbst vor. »Und ich bin die Schwester dieses ungezogenen Mannes. Ich kann Sie nur um Entschuldigung bitten. Aber wahrscheinlich weiß er nicht, was sich gehört.«

»Sie sind süß«, äußerte die Frau gedehnt. »Darf ich erfahren, was Sie von Robert wollen? Ausgenommen natürlich, dass Sie ihn auf sein schlechtes Benehmen aufmerksam machen wollen«, fügte sie lässig hinzu.

»Nichts«, knirschte Beate. »Aber es interessiert eine Schwester doch, in welcher Gesellschaft der Bruder die Nächte verbringt.«

»Verschwinde!«, fuhr Robert sie gereizt an. Endlich hielt er es für nötig aufzustehen, aber nur, um ihren Arm zu packen und sie fortzuschieben. »Bist du denn ganz und gar von allen guten Geistern verlassen!«, schnauzte er sie mit unterdrückter Stimme an. »Frau von Bedetzki ist ein sehr guter Gast des Lokals, wie kannst du sie beleidigen?«

»Du solltest dich schämen, Robert. Weißt du denn gar nicht, dass Mutter zu Hause sitzt und sich deinetwegen grämt? Sie glaubt an dich, an dein Talent, an deine Zukunft. Und du hast nichts Besseres zu tun, als in solcher Gesellschaft deine Zeit zu vergeuden!«

»Davon verstehst du nichts. Ich weiß genau, was ich tue. Grüß Mutter, wenn du nach Hause kommst. Wer ist eigentlich der Mann, mit dem du zusammensitzt? Ich habe ihn hier noch nicht gesehen.«

»Das spricht sehr für den Mann«, versicherte Beate und drehte sich brüsk um. Es fiel ihr schwer, wenigstens äußerlich Gelassenheit zu heucheln, als sie neben Dr. von Hattfeld am Tisch stehen blieb. »Wenn Sie wollen, können wir gehen«, brachte sie hervor. Ihre Stimme schwankte ein wenig, und sie tat dem Mann sehr leid.

»Darf ich mir erlauben, Sie in einem Taxi nach Hause zu bringen? Ich habe meinen Wagen heute vor dem Büro stehen lassen.«

Schweigend nickte Beate. Noch immer verfolgte sie das Gesicht der Frau, die für ihren Bruder viel zu alt war.

Ein Zug des Ekels lag auf ihrem Gesicht, und Markus von Hattfeld, der sie verstohlen beobachtete, wusste genau, woran sie dachte. Taktvoll vermied er es, Fragen zu stellen. Er wartete, bis sie von selbst anfing zu sprechen.

»Was kann man da tun?«, fragte Beate aus ihren Gedanken. »Mein Bruder studiert Musik am Konservatorium, seine Lehrer bestätigen, dass er sehr begabt ist. Aber seit einiger Zeit … Mutter hat mir gesagt, dass er schon vier Wochen lang nicht mehr geübt hat. Das geht doch nicht! Dafür sitzt er nächtelang in der Bar herum.«

»Sie können nichts tun. Ihr Bruder ist alt genug, um zu wissen, was für eine Frau Sylvia von Bedetzki ist. Sie hat Geld, sehr viel Geld sogar. Und außerdem einen schlechten Ruf.«

»Ich habe es mir gedacht. Meine Mutter macht sich solche Sorgen.«

»Eines Tages wird er wieder zur Vernunft kommen. Vielleicht gehört es zum Leben eines jungen Mannes, einmal Dummheiten dieser Art zu begehen. Ich weiß es nicht, aber es scheint fast so.«

Markus nahm ihre zitternden Finger in seine Rechte und hielt sie beruhigend fest. Er spürte die Wärme ihrer Haut, und ein seltsames Gefühl beschlich ihn. Er wünschte sich, dass diese Fahrt in dem Taxi länger dauern möge.

»Wann darf ich Sie wiedersehen?«, fragte er. Er sah, dass Beate Marhold den Kopf senkte. »Oder … wollen Sie mich nicht wiedersehen?«

»Ich – ich bin so gut wie verlobt«, erwiderte das Mädchen mit dünner Stimme. »Uns fehlt nur noch das nötige Geld zum Heiraten.« Es klang nicht so, als hinge sie sonderlich an dem Mann, dem sie ihr Leben und ihre Zukunft anvertrauen wollte, fand Dr. von Hattfeld.

»Ach so.« Er lehnte sich enttäuscht zurück. Auch Beate wusste nichts mehr zu sagen. Schon mehrfach im Laufe dieses Abends hatte sie sich dabei ertappt, dass sie Fabian Bündings nüchterne Art mit dem charmanten, weltgewandten Benehmen dieses Anwalts verglich. Und stets fiel der Vergleich zuungunsten des Mannes aus, den sie heiraten wollte.

Sie war zu ehrlich, um sich deswegen nicht böse zu sein. Es war eine Sünde, fand sie, wenn ihr jemand anders besser gefiel als Fabian. Ihren Kollegen kannte sie, sie wusste genau, was er dachte und fühlte. Dr. von Hattfeld war ihr fremd, außer der Tatsache, dass er Anwalt war, wusste sie nichts von ihm.

Und doch war er ihr irgendwie vertrauter als Fabian. Vielleicht lag es an seinen Augen, in denen solch ein gütiger Humor funkelte, vielleicht auch an seinem Taktgefühl, mit dem er ihr geholfen hatte, alle Klippen zu umschiffen. Nicht ein einziges Mal hatte er mahnend den Zeigefinger emporgehoben und ihr einen Verweis erteilt.

»Woran denken Sie?«, fragte Markus von Hattfeld aus seiner Ecke.

Beate schüttelte den Kopf, antworten mochte sie ihm nicht.

»Sie arbeiten in der Landesbank?«, versuchte der Anwalt ein neutrales Thema zu finden.

»Ja, ich habe auch dort gelernt. Es gefällt mir.«

»Sie sind nicht der Typ, der sich im Büro wohlfühlt, möchte ich sagen«, widersprach Markus von Hattfeld nachdenklich.

»Und wo fühle ich mich, Ihrer Meinung nach, wohl?«, fragte Beate leise.

»A

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