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Silver – Erbe der Nacht

ASIA GREENHORN

Silver

ERBE DER NACHT

Übersetzung aus dem Italienischen von
Bettina Müller Renzoni

BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOG

Echte Vampire haben wenig zu tun mit dem, was gemeinhin über sie gesagt wird. Sie gehören zu einem menschenähnlichen Geschlecht, dem jedoch Blut und MACHT außergewöhnliche Kräfte, Langlebigkeit und Immunität gegen Krankheiten verleihen. Sie kommen zur Welt und wachsen ganz normal auf, altern jedoch sehr viel langsamer als wir Menschen. Nur ein Angriff auf ihre Vitalpunkte kann sie vor dem natürlichen Ende ihres extrem langen Lebens töten.

Doch das Blut eines Kindes, das von einem menschlichen Wesen und einem Vampir gezeugt wurde, könnte den Vampiren Unsterblichkeit verleihen. Aus diesem Grund hat der Rat – das Regierungsorgan, das die Vampire des Ordens der Nacht und die Familien vereint, die das Geheimnis ihrer Existenz hüten – die Geburt solcher Geschöpfe streng verboten.

Vor siebzehn Jahren haben meine Eltern dieses Verbot übertreten, worauf die Oberhäupter beider Organisationen, Alaric Lochinvar und Aeron Fennah, ihren Tod verordnet haben.

Einzig mir haben sie erlaubt zu leben, weil ich dadurch zu einem Instrument in ihrer Hand wurde.

Denn sie wissen um die MACHT meines Blutes und darum, was es bewirken kann.

Was sie nicht wissen, ist, dass Rhys Llewelyn seinen Geschmack bereits kennt …

Winter

Teil 1

TRÄUME DIESE NACHT

Wach auf, morgen, träume diese Nacht 

Emily Brontë,

Wie leuchtet hell

Winter Starr blieb unvermittelt stehen, die Schatten des Waldes spielten mit ihren langen schwarzen Haaren. Vor ihr lag das kleine Cottage. Sie wusste nicht, ob sie ganz zufällig hierher geraten oder ob dies von Anfang an das Ziel ihres Laufs gewesen war.

»Komm her, mein Kind. Ich freue mich, dass du da bist«, sagte Bethan Davies und trat aus dem Dickicht der Bäume. Der volle, melodische Klang ihrer Stimme drang durch den Wind und umfing das Mädchen.

»Ich muss die Wahrheit wissen«, verkündete Winter und folgte ihr ins Haus.

Die alte Frau zeigte keinerlei Überraschung und war sich nicht einen Augenblick darüber im Unklaren, was für eine Geschichte Winter hören wollte. Seit dem Tag, an dem das Mädchen von London nach Cae Mefus gezogen war, um bei der Familie Chiplin zu wohnen, hatte sie darauf gewartet.

»Eine Verbindung zwischen Mensch und Vampir kann praktisch nie gut gehen«, begann sie, während Winter ihr gegenüber am Küchentisch Platz nahm. »Viele haben es in der Vergangenheit versucht, aber nur den Angehörigen der Familien stand es zu, als ob die Natur ein Band zwischen uns geschaffen hätte.« Sie hob die Augen und richtete einen Blick voller Bitterkeit auf Winter. »Ich glaube, dass es irgendeine Art Gerechtigkeit in all dem gibt. Doch wer beiden Geschlechtern angehörte, hatte nie ein glückliches Schicksal, mein Kind.«

Winter sagte nichts, doch ihre Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln.

Das weiß ich nur allzu gut, Bethan, dachte sie bei sich. Niemand wusste das besser als sie, die Tochter eines Vampirs und Elaine Mitchells von den Familien. Was ich herausfinden will, ist, wie unglücklich es sein wird 

»Die beiden Geschlechter haben an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten Söhne und Töchter hervorgebracht. Aus Liebe, wie bei deinen Eltern, aus Dummheit, aus Berechnung, aus Gier nach Macht und Unsterblichkeit. Meist wurden diese besonderen Geschöpfe schon als Kinder getötet, bevor sie in der Pubertät ihre Kräfte entfalten konnten.«

Bethan sprach mit einfachen Worten, ohne Umschweife, und nahm keine Rücksicht auf den Schmerz, den sie Winter zufügte. Vermutlich gab es überhaupt keine andere Möglichkeit, die Wahrheit zu enthüllen.

»Einige von ihnen schenkten den Vampiren Unsterblichkeit, indem sie zuließen, dass sie sich mit ihrem Blut nährten.«

Von Bethans Stimme heraufbeschworen, verdichtete sich die Vergangenheit um sie herum wie undurchdringlicher Nebel, voller Geheimnisse, die man sich zuraunte. Winters Herz schlug heftiger, als Rhys’ Gesicht in ihren Gedanken aufleuchtete.

›Einige von ihnen schenkten den Vampiren Unsterblichkeit …‹ Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, um das Zittern zu unterdrücken. Genau so ist es 

Ihr kam es vor, als würden unsichtbare Lippen ihren Hals berühren, genau an der Stelle, wo ihre Vene pulsierte. Dort, wo Rhys Llewelyn sie vor wenigen Wochen gebissen hatte.

Sie hatte es so gewollt. Sie hatte ihn dazu verführt, damit es passierte. Und jetzt, wo es zu spät war, fragte sie sich, was sie da eigentlich getan hatte.

»Viele folgten der Stimme ihres Herzens. Einige wurden dazu gezwungen. Doch jede unserer Handlungen hat Folgen, und nur selten kann das, was geschehen ist, rückgängig gemacht werden. Wir können nur erhobenen Hauptes unsere Schuld auf uns nehmen und den Preis bezahlen, wie hoch er auch sei.«

Winters Schultern erbebten. Also gab es noch andere, tief in der Vergangenheit versunkene Unsterbliche. Wollte sie den Ausgang der Geschichte wirklich kennen?

»Was willst du mir damit sagen?« Die Frage entwich ihr, bevor sie sich zurückhalten konnte.

»Dass die MACHT immer durstiger macht und der DURST nur mit Blut gelöscht werden kann. Die MACHT braucht Nahrung, mein Kind. Kein Vampir ist über längere Zeit stark genug, um diesem Drang zu widerstehen, ohne dass erst die Seele, dann der Verstand vom Feuer verzehrt werden.«

Bethan hob den Kopf und sah Winter an. Sie hatte den geheimnisvollen Blick einer antiken Priesterin. Ihre Augen sahen sie vielleicht gar nicht wirklich, und dennoch wusste Winter mit Sicherheit, dass sie Rhys’ Antlitz in ihrem Geist erkannt hatte.

»Einige gehen dabei auch körperlich zugrunde«, sagte die Frau. »Die anderen wurden getötet. Von demjenigen, der sie geschaffen hatte.«

Das kann nicht sein …«

Winter starrte Bethan verwirrt an. Eiskalte, vor Angst klamme Finger drückten ihr die Kehle zu.

Die Augen der Frau klärten sich wieder, sie tauchte langsam aus der Vergangenheit auf. Bethan wirkte wie jemand, der aus einem tiefen Schlaf erwacht, doch jetzt saß sie wieder vor Winter.

»Es gibt ein Gesetz, das nicht gebrochen werden kann, mein Kind«, sagte sie leise. »Vampire können viele Jahrhunderte lang leben, doch irgendwann ist auch ihr Leben zu Ende. Sie sind von MACHT durchwirkt, doch sie verfügen nur über so viel davon, wie sie bereits in sich haben. Dein Blut jedoch entfesselt Energien, die nicht an ein einziges Geschöpf gebunden sind. Die Schaffung eines unsterblichen Vampirs ist eine Herausforderung an die Natur, die einen tödlichen Blutzoll verlangt. Niemand kann diese Schlacht gewinnen.«

Winter schüttelte heftig den Kopf. Rhys hatte sie gebissen, weil sie ihn dazu verleitet hatte. Sie hatte ihm aus Liebe ihr Blut geschenkt, damit keine Gefahr ihn jemals würde vernichten können.

Bethan schaute sie mit ihren großen, dunklen, geheimnisvollen Augen an, zugleich streng und mitleidsvoll. Mit den Jahren waren ihre Körperformen weicher, aber ihre Gesichtszüge nie wirklich sanft geworden.

»So ist es, Winter. Es ist immer so gewesen. Sollte dein Blut einen Unsterblichen schaffen, hättest du die Pflicht, ihn eigenhändig zu vernichten. Du bist ein Wesen, das Unsterblichkeit schenkt und zugleich die Unsterblichen auslöscht. Das ist deine dunkle Gabe. Niemand könnte es an deiner Stelle tun. Die Existenz eines Unsterblichen bedeutet seinen Tod.«

»Nein, du irrst dich«, wiederholte das Mädchen hartnäckig. Sie hasste die Alte für jedes Wort, das sie gesprochen hatte.

Sie sprang auf, wandte sich ab und rannte zur Tür.

Es ist bereits geschehen, Bethan, verstehst du nicht? Rhys ist unsterblich, dachte sie verzweifelt. Er ist nicht böse 

Die alte Frau konnte nichts anderes tun als zuzusehen, wie das Mädchen davonrannte.

Wut und Schmerz entflammten ihr Gesicht. Winter war sich dessen nicht bewusst, doch in ihr hallte das Echo der unmenschlichen Natur ihres Vaters wider.

Und dennoch lächelte Bethan. Nach all den vielen Jahren erkannte sie in Winter Blackwood Starr auch den unbeugsamen Willen ihrer Mutter Elaine.

Zum x-ten Mal verlor sich die alte Frau in Gedanken darüber, wie ihre Schicksale miteinander verflochten waren: Winter trug alle Gespenster der Vergangenheit in sich.

Sie musste sie besiegen, wenn sie frei sein wollte.

»Pass auf dich auf, mein Kind«, ermahnte Bethan sie.

Doch Winter war bereits zu weit weg, um sie zu hören.

Du irrst dich, Bethan, wiederholte sie immer wieder, unter Tränen. Sie rannte, ohne es zu merken, bis nach Hause, zu den Chiplins.

Vor dem niedrigen hölzernen Gartentor blieb sie stehen und atmete gierig den Duft des frisch gemähten Grases ein. Der unmittelbar bevorstehende Sommer lag in der Luft und Winter überließ ihre Gedanken dem Wind, der ihr ins Gesicht blies.

Aus dem Haus ertönte der Fernseher. Die Nachrichten waren wie üblich ein Konzentrat an Horrormeldungen: Die Realität war schon übel genug, man musste sich nicht auch noch von dem dummen Gerede einer Bethan Davies aufschrecken lassen.

Winter war kein kleines Mädchen mehr. Sie war nun fast siebzehn, und sie war stark. Sie musste es lediglich schaffen, ihre Angst so lange zu verbergen, bis sie sie vergaß, und wie alle anderen so tun, als wäre alles ganz normal.

»Schon wieder ein Überfall«, klagte Mrs Chiplin, als Winter durch den Hausflur ging.

»Verdammte Blutsauger«, murmelte ihr Mann und hoffte, dass das Mädchen nichts gehört hatte.

Winter stieg eilig die Treppen zu ihrer Mansarde hoch.

Winter verlor keine Zeit mit Haaretrocknen nach dem Duschen. Sie knüllte das Badetuch zusammen, steckte es in die Sporttasche und zog die Schuluniform an. Die obersten beiden Knöpfe der Bluse ließ sie offen.

Lorna Carter, eine der wenigen Freundinnen, die sie an der St Dewi’s gewonnen hatte, schminkte sich vor dem Spiegel über dem Waschbecken.

Winter ging zu ihr hin, sie war froh, nicht mit ihren wirbelnden Gedanken allein zu sein. Notdürftig frisierte sie ihre feuchten Haare, bis sie einigermaßen akzeptabel aussahen, doch als ein Wassertropfen unvermittelt auf ihren Hals fiel, schreckte sie zusammen. Lorna wandte ihr das herzförmige Gesicht zu.

»Bist du nervös, Win?«

Winter antwortete mit einem Schulterzucken.

Ja, gab sie innerlich zu. Klar war sie nervös, denn jeder Winkel in dieser Schule erinnerte sie an Rhys.

Aber ihre Lippen formten ein überzeugendes Lächeln und sie versuchte, das Thema zu wechseln, denn sie wusste genau, dass sie im Grunde beide keine Lust hatten, über ihr seltsames Benehmen zu sprechen.

»Gehst du heute Nachmittag zum Training?«

Lorna lachte kurz auf. »Darauf kannst du wetten, Schätzchen! Dieses Jahr kommen wir zum ersten Mal ins Endspiel!«

»Super!«

Football hatte Winter noch nie interessiert, doch sie würde alles tun, um sich ein wenig zu zerstreuen. Sogar ihren Schulkameraden dabei zusehen, wie sie hinter einem Ball herrannten, und bei jedem Tor mitfiebern.

Sie ging zur Bank, reichte Lorna ihre Sporttasche und griff dann nach ihrer eigenen.

»Vielleicht ist es auch einfach, weil du dieses Jahr zum ersten Mal mit einem Jungen aus der Mannschaft gehst …«, neckte sie Lorna, und prompt kam die erwartete Reaktion: Lorna sprudelte los und verlor sich in einer ausführlichen Beschreibung, wie faszinierend ihr Freund in kurzen Hosen war.

Winter hörte ihr bloß mit einem Ohr zu. Sie kam sich vor, als würde sie irgendein albernes Drehbuch rezitieren, während sie innerlich darum bemüht war, keine Erinnerungen an den Korridor aufkommen zu lassen, durch den sie gerade gingen.

Hier, genau in diesem Untergeschoss, hatte alles angefangen …

»Die Jungs aus der Mannschaft sind wirklich nicht übel, Winter. Du könntest doch auch ab und zu mal mit uns ausgehen …«

»Ach, hör auf, Lorna!«

Winter ging weiter, den Blick stur auf ihre Schuhspitzen gerichtet. Ein Schritt nach dem anderen. Und plötzlich spürte sie mit absoluter Gewissheit, dass er ganz in der Nähe war.

Sie musste sofort raus. Sie beschleunigte ihre Schritte, doch es war schon zu spät.

»Ich glaube, dein Nox wartet auf jemanden …«, sagte Lorna und stieß sie mit dem Ellbogen an. Die Nox waren ein elitärer und geheimnisumwitterter Klub an der Schule. Die Mitglieder waren alle Vampire, aber das wusste ein Großteil der Schüler nicht.

Winter schoss die Hitze ins Gesicht, trotz allem.

Rhys.

»Ich muss los …«, sagte Lorna. »Meiner Englischlehrerin ist aufgefallen, dass ich etwas zu oft zu spät komme!«

Verdammter Mist!

Winter wollte den Arm heben, um sie zurückzuhalten, als Lorna wegging, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht.

›Sollte dein Blut einen Unsterblichen schaffen, hättest du die Pflicht, ihn eigenhändig zu vernichten‹, sagte Bethan Davies in ihrem Kopf.

Rhys Llewelyn kam vorsichtig näher. Er fürchtete, sie zu erschrecken, und zu Recht, denn beide erinnerten sich nur allzu gut an den Moment, in dem er sie gebissen hatte …

Endlich standen sie sich gegenüber.

»Kann ich mit dir sprechen?«, fragte er unsicher.

Winter sah mit ihren silbernen Augen zu ihm hoch.

Er war schön, mit seinen feinen Gesichtszügen, den dunkelbraunen, ziemlich langen Haaren, die ihm in die Augen fielen, und der aristokratischen Körperhaltung, die für sein Geschlecht typisch war.

Ein Vampir, Mitglied eines menschenähnlichen und dennoch fremden Geschlechts, dessen Langlebigkeit durch den DURST gewährleistet war. Rhys war erst achtzehn, aber er war der einzige unsterbliche Vampir weit und breit.

Die starke und unruhige MACHT, die er ausstrahlte, berührte Winter, und etwas in ihr sprach melancholisch darauf an.

Winter nickte, obwohl sie sich wochenlang bemüht hatte, diesen Moment hinauszuschieben. Sie ging langsam zum Ausgang, und er folgte ihr und passte seinen Schritt ihrem Tempo an.

Das blendende Licht, das die beiden empfing, als sie aus dem Gebäude traten und zum Park der St Dewi’s gingen, ließ sie die Augen zukneifen. Sie wollten allein sein, doch weder Winter noch Rhys waren sich sicher, ob es wirklich eine gute Idee war.

Winter ging bis zur alten Eiche. Es war ihr liebster Baum, uralt und standfest.

Sie lehnte sich mit dem Rücken an den Baumstamm und sah zum Blättergewirr hoch, um dem Blick des Jungen auszuweichen. Sie war sicher, dass sie sich sonst in den rötlichen Sprenkeln seiner kastanienbraunen Augen verlieren würde.

»Was willst du mir sagen?«, zwang sie sich zu fragen.

Die Stimmen der anderen Schüler waren nur noch ein weit entferntes Gemurmel und leicht zu ignorieren.

Als Rhys lächelte, musste Winter gegen ihren Willen ebenfalls lächeln.

»Ich wollte bloß fragen, wie es dir geht …«

»Ich weiß nicht. Zu viele Dinge sind geschehen.«

›Du hättest die Pflicht, ihn eigenhändig zu vernichten.‹

»Ich weiß es wirklich nicht«, wiederholte sie bitter.

Rhys seufzte. Alle hielten ihn für ruhig und vernünftig, doch sobald er neben Winter stand, gelang es ihm nicht mehr, dieses Bild aufrechtzuerhalten. Seit ihrer ersten Begegnung hatte Winter es verstanden, die ganze Gewalt seiner Emotionen an die Oberfläche zu holen.

»Ich weiß, dass ich kein Recht habe, es zu sagen, Winter«, sagte er und schüttelte den Kopf, »aber ich bereue nichts von all dem, was wir getan haben. Nicht mehr.«

Er fürchtete, sie aufzuwühlen, doch er war es müde zu schweigen und so zu tun, als ob die Zeit sie früher oder später trennen könnte.

»Damals, bei der Mühle, habe ich den Tod gesucht.«

Winter schloss die Augen, während die Erinnerung an das, was in Glan Gors geschehen war, in ihr hochstieg.

Sie seufzte. Sie hatte es immer gewusst, aber es tat noch mehr weh, wenn es ausgesprochen wurde. Auch das gehörte zu den Dingen, mit denen sie fertigwerden musste: Rhys hatte versucht, sich für etwas zu bestrafen, wozu sie ihn verleitet hatte.

»Ich bin froh, dass es dir nicht gelungen ist«, sagte sie und berührte ganz instinktiv ihren Hals. »Du hattest kein Recht dazu.«

Rhys wandte sich zu ihr, bis er ihr ins Gesicht sehen konnte. Er war viel zu nah.

»Ich weiß. Ich habe es in jener Nacht begriffen.«

Diesmal gelang es ihr nicht, seinem Blick auszuweichen. Ihre Gedanken stürmten aufeinander zu und umfingen sich.

War dies der Kernpunkt ihres Blutsbandes? Oder war es einfach nur Liebe?

»Und trotz allem kann ich nichts bereuen …«, murmelte Winter. Sie spürte Rhys’ Blick auf ihren Fingern und zwang sich, sie wegzunehmen.

Ich kann mir nicht vorwerfen, dass ich dich unbesiegbar gemacht habe.

Darum ging es im Grunde. Sie hatte ihn vor jeder Gefahr in Sicherheit bringen wollen, und es war ihr gelungen. Auch wenn ihr Vertrauen in ihn dadurch Risse bekommen hatte.

Rhys bewegte die Hand und näherte sie ihrem Kinn. Er berührte ihre Haut nicht, sondern nahm nur eine ihrer schwarzen Haarsträhnen zwischen die Finger.

»Ich weiß, warum du es getan hast, und ich bin … glücklich darüber. Wäre ich wirklich so edelmütig, wie die anderen glauben, müsste ich dir beichten, dass ich deiner Gabe nie würdig gewesen bin. Ich hätte dir Einhalt gebieten müssen, bevor es geschehen konnte. Aber dazu war ich nicht fähig.«

Verwirrt und beunruhigt sah Winter, wie sich das Raubtierwesen in seinem Ausdruck zeigte. Rhys atmete tief ein, die dunklen Wimpern senkten sich und verhüllten seinen Blick.

»Doch jetzt fühle ich mich nicht mehr schuldig«, flüsterte er und drückte seine Stirn gegen ihre.

Er ließ ihre Haare los, sodass sie weich über ihre Wangen fielen, und öffnete die Augen, um mit großer Entschlossenheit seinen Blick in ihrem zu versenken.

»Ich würde es wieder tun, Winter«, sagte er ernst und hob den Kopf ganz leicht an. »Ich bereue nichts, nicht einmal, dass ich dich in Gefahr gebracht habe. Denn jetzt bin ich endlich stark genug, um dich beschützen zu können.«

Winters Atmung setzte erst in diesem Moment wieder ein. Sie hatte nie gedacht, dass Rhys ihr Leid antun könnte, doch seine Nähe weckte eine Mischung aus allzu gewaltigen Empfindungen in ihr.

Sie öffnete den Mund, doch er ließ sie nicht zu Wort kommen.

»Ich weiß, dass ich dein Vertrauen wahrscheinlich nie mehr zurückgewinnen werde«, sagte er in bitterem Ton. »Wenn du mir sagen würdest, dass du mich nie mehr sehen willst, würde ich das verstehen. Es wäre grausam, aber gerecht.« Er trat einen Schritt zurück, doch ihre Augen weigerten sich, den Kontakt zu unterbrechen. »Ich wollte dir bloß sagen, dass ich keine Absicht habe, auf dich zu verzichten, es sei denn, du willst es so.«

Die Schwindel, die sie erfassten, sagten ihr, sie solle ihn küssen.

Doch Winter widerstand der Versuchung.

Sie wandte sich ab, die Hand am Stamm der Eiche aufgestützt, in der Hoffnung, der Baum würde ihr Halt geben.

»Für mich hat sich nichts geändert, Winter …«

Auch wenn er es nicht aussprach, wusste sie genau, woran er dachte.

Das Verbot war übertreten worden.

Sie hatten bereits getan, was alle verhindern wollten.

Welchen Sinn hatten also ihre verzweifelten Bemühungen, sich aus dem Weg zu gehen?

»Die Entscheidung liegt bei dir.«

›Es wäre deine Pflicht, ihn eigenhändig zu vernichten …‹ Würden diese Worte sie für immer verfolgen?

Winter straffte sich.

»Ich weiß es wirklich nicht, Rhys«, murmelte sie leise. »Ich weiß gar nichts mehr.«

Sie kehrte zu den Schulgebäuden zurück, ohne sich umzudrehen. In ihrem Körper hallten Rhys’ Gefühle wider, seit sie ihm ihr Blut geschenkt hatte. Sie waren miteinander verbunden und würden es für immer sein. Sie brauchte ihn nicht anzusehen, um zu wissen, wie sehr ihn ihre Worte getroffen hatten.

Winter überquerte langsam den Campus und kehrte ins Klassenzimmer zurück. Sie warf einen zerstreuten Blick auf das Footballfeld und für einen Moment traten die Umrisse des Klubhauses der Nox in ihr Gesichtsfeld.

Die St Dewi’s sah aus wie immer: Vampire und Menschen, vereint durch die gemeinsame Schuluniform und dennoch getrennt durch eine unsichtbare Grenze.

Und dann gab es noch sie, Winter, die beide Wesen in sich vereinte. Und die in einem allzu labilen Gleichgewicht genau auf dieser Grenze balancierte.

Als sie in der Mittagspause wieder ins Freie trat, begannen ihre Augen sofort zu brennen. Sie musste sie mit der Hand abschirmen, um die anderen sehen zu können.

Als Ersten erkannte sie Trevor Biven, der auf dem Rasen trainierte und dabei laut zählte, wie oft sein Fuß den Ball in die Luft kickte.

Eleri und Gareth, die beiden ältesten Kinder der Familie Chiplin, saßen gleich neben dem Schussfeld, die blonden Schöpfe so nah beieinander, dass ihre Haare sich verfingen. Vor ihnen lag eine aufgeschlagene Zeitung, die offenbar ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog.

Sicher lauter gute Nachrichten, dachte Winter und näherte sich lustlos. Wie üblich.

Kaum fiel ihr Schatten auf die offene Seite, schloss Eleri die Zeitung rasch.

»Hallo, Win«, begrüßte sie ihre Freundin mit einem breiten Lächeln. Mit ihren himmelblauen Augen und dem kindlichen Gesicht war sie ein Bild der Unschuld.

Winter war ihr dankbar für den Versuch, ihr neue Beunruhigungen zu ersparen. Sie setzte sich vor die beiden hin und umfasste ihre Knie.

Gareth begrüßte sie mit einer kurzen Handbewegung und fixierte sie dabei einen Moment länger als nötig.

»Meine Augen brennen ein bisschen«, erklärte das Mädchen widerstrebend.

Er nickte. Wahrscheinlich fragte er sich, ob sie geweint hatte, doch inzwischen kannten die beiden sie gut genug, um zu wissen, dass sie nicht in sie dringen sollten. »Zu Hause müssten wir noch Augentropfen haben«, meinte er nur und streckte die Beine aus.

Er hatte den Krawattenknoten gelockert und die Hemdsärmel aufgerollt, sodass seine nackten Arme sichtbar waren. Gareth schaffte es immer, absolut entspannt zu wirken, doch Winter wusste, dass Momente wie dieser, in denen die Anwesenheit Trevors und der anderen Schüler sie zwang, alles beiseitezuschieben, was die Familien und die Vampire betraf, für ihn einen ganz speziellen Beigeschmack hatten.

Schließlich lächelte sie ihm zu. Wie immer.

»Wie war der Vormittag?«, fragte sie leichthin.

Gareth zuckte mit den Schultern. »Nichts Besonderes … Die Folter beginnt erst nächste Woche. Jeden Tag eine Klassenarbeit.«

»Da wirst sogar du etwas Zeit finden müssen, um zu lernen«, spöttelte Eleri.

»Keine Zeit. Ich muss die Ferien planen.«

In dem Moment schlug ein Ball unmittelbar neben ihnen auf, gefolgt von Trevor.

»Ganz richtig, Gareth«, meinte der Junge. »Dieses Jahr verreisen wir mit Interrail!«

»Unter der Bedingung, dass du dieses dämliche T-Shirt nicht einpackst …«

Trevor schaute an sich herunter auf das S von Superman, das auf seinem ausgewaschenen blauen T-Shirt prangte. Zusammen mit dem giftgrünen Bart-Simpson-Shirt war es sein Lieblings-T-Shirt.

»Das sagt der Richtige! Du hast doch dasselbe im Schrank«, erwiderte er genervt.

Gareth grinste. »Im Schrank, ja. Und mit Sicherheit wird es auf keinem Urlaubsfoto zu sehen sein.«

Trevor ließ sich nicht ablenken. »Ich werde unserem Freund hier ganz Europa zeigen. Das wird großartig!«

»Ich habe noch nicht zugesagt, Trev«, protestierte Gareth, während sein Blick ganz kurz den von Winter auffing.

»Ach, komm schon! Du willst doch nicht etwa auch diesen Sommer in Llandudno verbringen? Meine Großeltern fahren nach Llandudno. Und die finden es toll. Aber es sind … Großeltern

Trevor wandte sich verzweifelt an die Mädchen, auf der Suche nach Unterstützung.

»Wir fahren nicht nach Llandudno«, erwiderte Eleri kopfschüttelnd, und ihr Pferdeschwanz flog hin und her. »Sondern nach Porthcawl.«

Trevor zog es vor, sie zu ignorieren. »Und du, Win? Du fährst mit uns, nicht wahr?«

Winter hob die Schultern. »Ehrlich gesagt, kehre ich nach London zurück. Meine Großmutter ist aus dem Krankenhaus entlassen worden und ich war praktisch seit August nicht mehr zu Hause.«

Trevor war jetzt völlig verzweifelt, doch er wusste, welche Ängste Winter ausgestanden hatte, dass ihre Großmutter nicht mehr aus dem Koma aufwachen und eventuell nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sein würde, darum riss er sich zusammen und erwiderte nur: »Na ja, das ist doch super. Ich freue mich für dich. Du hast zumindest einen guten Grund, nicht mitzukommen.«

Gareth drückte ihm ein Sandwich in die Hand. »Ich habe nicht Nein gesagt, Trev. Ehrlich. Ich überlege es mir noch.«

Sein aufrichtiger Ton überraschte Winter. Es war dumm von ihr, aber sie konnte sich Gareth nicht wochenlang fern von den Familien vorstellen.

Im Grunde war sie überzeugt, dass durch die Geheimnisse, in die Gareth und Eleri eingeweiht waren, ihr Leben einfach unwiederbringlich anders war als das der anderen Jugendlichen.

Während sie sich über ihre Tasche beugte und ihr Lunchpaket suchte, legte sich ein Schleier von Traurigkeit über ihr Gesicht.

Sie sind wenigstens Menschen, Win.

Sie biss in ihr Sandwich, doch nach zwei Bissen legte sie es, von leichtem Ekel ergriffen, zur Seite.

In diesen Tagen kam es oft vor, dass sie nichts Essbares herunterbrachte, und Rhys’ Worte vor ein paar Stunden hatten sie aufgewühlt.

›Nun habe ich die Kraft, dich zu beschützen.‹

War es wirklich so? Hatten sie tatsächlich eine Chance, zusammenzubleiben? Oder war es vielmehr absurd, auch nur daran zu denken?

Ihre Übelkeit nahm zu.

Beruhige dich, ermahnte sie sich. So geht das nicht weiter!

Als sie wieder aus ihren Gedanken auftauchte, sah sie, dass Eleri in einer Zeitschrift blätterte, während Gareth und Trevor faul auf dem weichen Rasen lagen und dösten.

Winter versuchte, es ihnen gleichzutun, und legte sich neben sie. Sie wollte die warme Sonne auf dem Gesicht spüren, wie früher im Londoner Hyde Park, bevor ihr Leben eine andere Wende genommen hatte. Es war so einfach, so beruhigend.

Hinter den geschlossenen Lidern brannten die Augen nicht mehr.

Sie sehnte sich nach Licht.

Nach Schulschluss kam Gareth zu ihr und reichte ihr eine Sonnenbrille.

»Entschuldige, mir ist gerade erst in den Sinn gekommen, dass ich sie in die Schultasche gesteckt hatte.«

Die Sonnenbrille war viel zu groß, mit dunklen Gläsern, und als Winter sie aufsetzte, konnte der Junge sich das Lachen nicht verkneifen. »Du siehst aus wie ein kleines Mädchen mit der Brille seines Vaters.«

Winter lächelte wenig überzeugend, und ihre Finger griffen instinktiv nach dem Kristallkugel-Anhänger, den sie immer um den Hals trug. Der Talisman ihres Vaters.

Idiot, beschimpfte Gareth sich innerlich. Ich musste sie natürlich prompt an ihre Eltern erinnern! Sein Gesichtsausdruck verlor jede Belustigung. »Winter … ich …«

Sie schüttelte heftig den Kopf. »Macht nichts. Es ist dumm von mir, immer wieder an Mama und Papa zu denken. Sie kehren nicht zurück, auch wenn sie mir fehlen.«

Tut mir leid, hätte der Junge gern geantwortet. Winters unergründlicher Gesichtsausdruck brachte ihn jedoch zum Schweigen.

»Sie haben getan, was sie für richtig hielten. Manchmal denke ich, mein Leben wäre einfacher, wenn ich sie vergessen könnte.«

Aber ich werde es nie können, auch wenn du dir nicht vorstellen kannst, wie sehr ich es mir wünsche, Gareth, klagte sie innerlich.

Winter ließ den Anhänger los und befahl ihrem Gesicht, sich zu entspannen.

»Bleibt Eleri in der Schule?«, fragte sie, um das Thema zu wechseln.

Gareth zögerte einen Moment zu lang, bevor er sich ihr wieder zuwandte. »Sie bleibt zum Training. Ich habe heute Mittag schon genug gesehen.«

Winter nickte und rückte die Sporttasche auf der Schulter zurecht. »Ich glaube, ich gehe auch nach Hause …«

Sie machten sich nebeneinander auf den Weg, wie unzählige andere Male zuvor, ihre Schritte waren durch die Gewohnheit im Gleichtakt.

»Ich hoffe, Trev hat nicht im Sinn, seinen verdammten Ball auch noch in den Urlaub mitzunehmen«, sagte Gareth nach einiger Zeit. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich das ertragen könnte.«

Winter schaute ihn überrascht an. »Willst du tatsächlich mit ihm verreisen?«

»Nicht, wenn du mich daran hinderst …«

Ein seltsames Schweigen herrschte. Zu viele Anspielungen verbargen sich in dem Satz. Winter schüttelte den Kopf, doch Gareth blieb ernst.

»Es ist tatsächlich so, dass ich darüber nachdenke«, gab er schließlich zu. »Ich weiß nicht, manchmal denke ich, dass mir ein Tapetenwechsel ganz guttäte.« Er seufzte, die Augen starr auf den Horizont gerichtet. Dann machte er eine Handbewegung. »Manchmal beklemmt mich die ganze Situation hier etwas. Aber das muss ich dir ja wohl nicht erklären, oder?«

Winter biss sich auf die Lippen. »Ich denke, wir haben dasselbe Problem …«

Gareth schüttelte den Kopf. »Nein, Win. Von uns beiden bin ich der Glücklichere. Ich meine, schau mich an: Ich könnte alles haben, was ich will.«

Er wagte einen Blick in ihre Richtung.

»Oder fast«, fügte er rasch hinzu. »Ich beklage mich hier über Cae Mefus, darüber, immer das zu tun, was alle von mir erwarten. Aber im Grunde bin ich wahrscheinlich einfach nur ein verwöhnter Junge …«

»Nein«, unterbrach sie ihn. »Das ist nicht richtig.«

»Wenige Dinge sind es, Winter, das habe ich in diesen Monaten begriffen. Und genau hier liegt das Problem: Ich bin im Glauben aufgewachsen, dass die Familien den Schlüssel … zur Weisheit haben. Dass das, was sie tun, immer das Richtige ist.«

»Vielleicht versuchen sie es einfach nur.«

Gareth blieb stehen. Um sie herum ging das tägliche Leben weiter wie eh und je. Das Manaros, das einzige Pub im Ort, hatte noch nicht geöffnet, und die Besitzerin fegte den Bürgersteig vor dem Eingang.

»Ausgerechnet du sagst das?«, fragte er ungläubig. »Nach all dem, was man dir angetan hat?«

»Deine Eltern waren immer sehr lieb zu mir.«

Gareth schnaubte. »Klar. So sind sie einfach. Aber sie haben sich nie aufgelehnt. Sie haben mir und Eleri beigebracht, dass man den Vampiren nicht trauen darf. Unser kleiner Bruder wächst in derselben Überzeugung auf. Und dennoch, als wir ernsthaft Hilfe nötig hatten, sind es die Nox gewesen, die uns als Erste ihren Beistand angeboten haben.«

Winters Gesicht verfinsterte sich.

»Diese Hilfe hättet ihr nicht gebraucht, wenn ich nicht gewesen wäre«, murmelte sie.

Er nahm ihre Hand. »Gib dir nicht die Schuld dafür. Sie haben dich jahrelang im Dunkeln gelassen über alles, bevor sie schließlich entschieden haben, dass der Moment gekommen sei, dich deinem Schicksal in den Rachen zu werfen. Es waren die Familien, die das getan haben. Besser gesagt, der ganze Rat war es, auch die Vampire haben das Ihre dazu beigetragen. Und nicht einmal du kannst ernsthaft glauben, sie hätten es getan, um dich zu beschützen.« Er nahm ihre Finger, drückte sie und schaute ihr direkt in die Augen. »Und all das aus Eigeninteresse, Winter. Ich bin verwirrt, weil es eben nicht so ist, wie ich geglaubt habe: Das ist alles andere als richtig. Es ist schlicht und einfach … widerlich.«

»Es ist meine persönliche Geschichte, Gareth.«

Er drückte ihre Hand noch fester.

»Da irrst du dich, Winter. Es ist unsere Geschichte. Man hat uns alle benutzt.«

Gareth lächelte erneut, doch es war nicht das warme Lächeln, das er ihr normalerweise schenkte.

Sie hatten sich alle verändert in den vergangenen Monaten.

»Ich kann es nicht einfach so akzeptieren. Deshalb verreise ich vielleicht mit Trev. In der Hoffnung, bei meiner Rückkehr klarer zu sehen.«

Er legte ihr einen Arm um die Schultern und setzte sich wieder in Bewegung.

Ich könnte mich umstimmen lassen, Winter, fügte er innerlich hinzu und drückte sie an sich. Du müsstest mich nur darum bitten, dann hätte ich einen Grund zu bleiben …

Er seufzte, und das Geräusch der Schritte erfüllte ihr Schweigen.

Winter starrte weiter vor sich hin.

Die Farbe des Himmels veränderte sich unmerklich. Ganz unauffällig, sie hatte es kaum wahrgenommen, doch weit in der Ferne begann der gelbe Horizont sich zu röten und kündigte den Sonnenuntergang an.

»Gareth«, sagte sie, kurz bevor sie um die letzte Ecke bogen und das Haus der Chiplins erreichten. »Hast du nicht Lust, mit mir noch etwas draußen zu bleiben? Diese Jahreszeit ist so schön …«

Der Vorschlag kam ihr albern vor. Doch plötzlich schien es ihr, als seien die warme Sonne auf der Haut und das Licht des Spätnachmittags das einzig Wichtige.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, hob sie ihre Hand und berührte erneut den Anhänger von Morgan Blackwood.

Bald würde es Abend werden. Winter konnte ihn bereits hinter den Wolken wahrnehmen.

Bald würde der Mond aufgehen.

Der Mond war voll und glänzend. Er blinzelte durch das Laub der Bäume und beschien mit seinen opalisierenden Strahlen die Waldung.

Sein fahler Glanz war so anders als das strahlende Licht der Sonne …

Winter konnte sich nicht sattsehen daran.

Leichten Fußes, beinahe schwebend, ging sie über den Teppich aus Blättern und Moos auf dem Waldboden. Nachts roch es hier nach Wasser und Gras, die Luft war feucht und frisch.

Die Chiplins wären besorgt gewesen, wenn sie gewusst hätten, dass sie sich allein da draußen befand, fernab jeder Schutzmöglichkeit. Doch die milde Nacht umfing sie mit feinen Dunstschwaden, die vom Teifi, dem nahe gelegenen Fluss, aufstiegen, und der silberne Nebel spiegelte sich in ihren Augen.

Hier, abseits vom Wohngebiet und seinen künstlichen Lichtern, umgaben sie gedämpfte Geräusche: ein leichtes Lüftchen über ihr, das Gurgeln des hinter dichten Bäumen verborgenen Flusses.

Es war, als würde die Nacht ihre Sinne schärfen: Sie hörte die Dachse scharren, einen Fuchs entfliehen.

Ihre Augen nahmen den Vollmond in sich auf, jeden Widerschein seiner Strahlen, die Kräuselungen in den Baumrinden.

Sie konnte sich auf ein einzelnes Detail konzentrieren, bis alles andere darum herum verschwand, oder alles, was sie umgab, zugleich in sich aufnehmen und in eine eigenartig unstimmige Symphonie eintauchen. Die Stimme des Waldes.

Für einen Augenblick fühlte sie sich stark und frei. Ihre Schritte verwandelten sich in einen Tanz.

Dann erregte ein neues Geräusch ihre Aufmerksamkeit. Es gehörte nicht zum Wald, war aufdringlich, unpassend.

Und plötzlich begriff sie: Es waren menschliche Stimmen.

Eine raue, schroffe Stimme. Die andere gelassen und freundlich.

Weit entfernt und irgendwie vertraut.

Sie kannte die beiden Stimmen, und dennoch kamen sie ihr in dem Moment fremder vor als die Geräusche der Nacht.

Sie hörten sich besorgt an, unangenehm.

»Hier ist er entlanggekommen.«

»Er war allein.«

Winter brauchte nicht lange, um zu verstehen, von wem die Rede war.

Ein Windstoß drang durch die Bäume und fegte den Dunst weg. Er trug einen neuen Geruch zu ihr …

Es war nicht der Geruch eines wilden Tiers, sondern ein Aroma, das nach Finsternis schmeckte.

Ein Vampir, dachte sie gleich.

Er hatte sich bisher im Windschatten gehalten, sich ihr nur langsam und heimlich genähert, und jetzt beobachtete er sie von der gegenüberliegenden Seite der Waldlichtung.

Reglos stand er da und Winter, die Haut von kalten Schauern gekräuselt, tat es ihm gleich, musterte ihn eingehend.

In seinen dunklen, zerzausten, bis auf die Schultern fallenden Haaren hatten sich ein paar Laubblätter verfangen. Er war groß und kräftig. Doch das Unglaublichste an ihm war das Gesicht. Es war unmöglich, seine Gesichtszüge klar zu erkennen, so stark waren sie verzerrt, vom DURST vollkommen entstellt. Die Augen waren nur noch schmale Schlitze, glühend in fiebrigem Licht. Die Lippen waren leicht geöffnet und ließen spitze weiße Zähne aufblitzen. Es war die Fratze eines Wolfes im Jagdfieber.

Winter hielt den Atem an.

Der Vampir schaute in ihre Richtung, schien sie aber nicht zu sehen. Alle seine Sinne waren auf etwas anderes gerichtet.

Er bewegte sich nicht, und dennoch schien es, als würde er zittern. Das Adrenalin schoss durch seinen Körper und ließ unsichtbare Energieströme vibrieren. Der DURST, der ihn antrieb, strahlte aus und überflog die Waldlichtung bis zu ihr. Drang durch die nackten Füße in ihren Körper ein und durchfuhr sie ohne Eile.

Als er bis zu ihrer Brust vorgedrungen war, wurde Winter von Schwindel ergriffen und begann schwer zu atmen. Ihr Herz schlug im Takt mit dem des Vampirs. Ein heftiges Hämmern in ihrem Kopf setzte ein.

Und plötzlich entlud sich die unbändige Energie und der Unbekannte preschte los zur Treibjagd.

Winters Gedanken färbten sich blutig und der DURST drückte ihr die Kehle zu.

Sie fuhr hoch und wurde sich nur verworren bewusst, dass sie sich nicht mehr im Wald, sondern bei den Chiplins in ihrer Mansarde befand.

Doch das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, war ein Wirbel aus Blättern, Baumstämmen und Zweigen, die ihren Lauf lenkten.

Sie blinzelte.

Jemand stand neben ihrem Bett und war keineswegs glücklich darüber, dass sie ihm das Handgelenk abdrückte.

»Gareth?!«

»Lass mich los«, sagte der Junge.

Winter gehorchte. Sie musste ihm ziemlich wehgetan haben, denn ihre Finger waren so verkrampft, dass sie den Griff nur mit einer noch nie gekannten Kraft lösen konnte.

»Was zum Teufel tust du hier?« Nein, sie war noch nicht ganz wach. Sie schüttelte den Kopf und versuchte es noch einmal. »Entschuldige. Tut mir leid.«

Gareth massierte sich das endlich befreite Handgelenk, dann machte er eine versöhnliche Geste. »Umso besser. Es beweist, dass du dich wehren kannst …«

Winter kreuzte die Arme über der Brust. Sie hatte Herzrasen und ihre Kehle brannte.

»Ich glaube, ich hatte einen Albtraum«, murmelte sie und versuchte sich selbst davon zu überzeugen.

»Das steht außer Zweifel.«

Und er war so wahrhaftig gewesen, dass sie immer noch nicht glauben konnte, dass es nur ein Traum gewesen war. Sie war so sicher gewesen, im Wald zu sein …

Instinktiv begann sie mit ihrem Anhänger zu spielen, wie sie es immer tat, wenn sie aufgeregt war. Es war eine Angewohnheit, die sie seit ihrer Kindheit hatte. Sie drückte die glatte Kristallkugel in der Hand, und ihre Haut war so kalt, dass der Stein sich für einen Augenblick lauwarm anfühlte.

»Wie spät ist es?«, fragte sie und schob die Bettdecke zurück, ohne auf die Antwort zu warten. »Ich glaube, ich brauche jetzt einen Kaffee.«

Gareth wandte sich abrupt ab und Winter empfand das übergroße Longshirt, das sie als Nachthemd trug, plötzlich als zu kurz.

»Ich warte in der Küche auf dich.«

Wenige Minuten später saßen sie sich gegenüber und warteten darauf, dass das Wasser im Topf heiß genug wurde, um den Nescafé zu lösen.

Winter hatte die Hose eines alten Trainingsanzugs übergezogen, obwohl der Sommer vor der Tür stand. Die eisige Kälte des Traums steckte ihr noch in den Knochen, und gleichzeitig verspürte sie ein seltsames Unbehagen.

Sie bezweifelte, dass sie es so bald wieder loswerden würde.

»Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe«, sagte sie.

Gareth war ebenfalls unruhig. Er stand auf, um die Herdplatte abzuschalten und zwei Tassen zu holen, die er mit steifen Bewegungen auf den Tisch stellte.

»In Wahrheit hast nicht du mich geweckt. Papa ist erst vor Kurzem nach Hause gekommen. Er hatte sich gerade schlafen gelegt, als du angefangen hast zu schreien.«

Statt sich wieder hinzusetzen, lehnte er sich an den Tisch und rührte mit dem Teelöffel den Nescafé in seiner Tasse, bis er sich ganz gelöst hatte.

»Er war so müde, dass er dich vermutlich nicht gehört hat.«

Winter fühlte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. »Griffith war heute Nacht draußen?«

Gareth schlug den Teelöffel ganz leicht gegen den Tassenrand, um die Tropfen abzustreifen.

»Evans hat ihn um Hilfe gebeten, sie wollten eine Jagd zerschlagen.«

Eine Alarmglocke ertönte in ihrem Kopf: der Polizeichef und Griffith, bekannte menschliche Stimmen zwischen den Bäumen und dem Nebel. Ein Vampir auf der Jagd.

»Wo?«

»Im Wald.«

Winter erbleichte. Sie hatte eine schlimme Vorahnung.

Cameron Farland verließ den Klubsitz der Nox und machte dabei so viel Radau wie möglich. Inmitten seiner fleißigen Schulkameraden hatte er gerade einen der langweiligsten Nachmittage seines Lebens verbracht.

Und wenn er sich langweilte, neigte er dazu, streitlustig und etwas kindisch zu werden.

Er atmete die frische Luft ein und durchquerte mit langen Schritten den Campus, im vollen Bewusstsein, dass er viele Blicke auf sich zog, während er leise pfeifend über den Schulhof ging.

Ein Nox blieb nur selten unbeachtet, aber Cameron gab sich erst gar keine Mühe. Er genoss es viel zu sehr, die Blicke auf sich zu spüren, die ihm folgten. Er wusste, dass die Mädchen den kapriziösen Ausdruck seines Mundes und seine bernsteinfarbenen Locken unwiderstehlich fanden.

Seine Gesichtszüge waren etwas zu hart und kantig, um wirklich schön zu sein, aber die wenigsten machten sich die Mühe, so genau hinzuschauen.

Am Horizont verdichteten sich die Wolken und ließen erahnen, dass das Training der Footballmannschaft unter strömendem Regen stattfinden würde.

Und wer will sich dieses Schauspiel schon entgehen lassen?, fragte sich Cameron etwas sadistisch. Er verzog die Lippen und sang eine langsame und ironische Version von Singin’ in the Rain, während er sich einen Sitzplatz etwas abseits auf der Tribüne suchte.

Er entschied sich für einen Platz in der ersten Reihe, weit entfernt von der Treppe, einen der unbequemen Plätze, die niemand wollte, nicht einmal beim Endspiel.

Die Schwäche, die ihn beim Aufwachen befallen hatte, hatte ihm klargemacht, dass es besser war, das Serum mitzunehmen, bevor der DURST allzu drängend würde. Er schaute sich um und zog einen dunklen Flakon aus der Tasche.

Nachdem er sicher war, vor indiskreten Blicken geschützt zu sein, schüttete er einen Teil des Pulvers aus dem Flakon in eine kleine Wasserflasche.

Er mochte es nicht, bei dieser Operation beobachtet zu werden. Nur die Chiplins und Winter Starr wussten, dass dieses Pulver das Wasser in Blut verwandelte und damit das Überleben der Vampire und gleichzeitig eine größtmögliche Unversehrtheit der Menschen gewährleistete. Niemand sonst hätte sich das vorzustellen vermocht.

Den DURST zu löschen war allerdings etwas ziemlich … Intimes. Die unerträgliche Anspannung, die diesem Moment vorausging, die Kälteschauer im Zahnfleisch, wenn die Eckzähne durchstießen, wollte er mit niemandem teilen.

Natürlich wäre es stilvoller gewesen, das Serum in kleinen Schlucken aus einer kristallenen Sektflöte zu trinken, im Klubsitz der Nox, auf Samtkissen liegend, aber an diesem Tag hatte er genug von der Stille, die schwer über dem Lesesaal hing.

Er nahm den ersten Schluck, zog sich in seine innere Welt zurück und vergaß augenblicklich die Spieler auf dem Feld und jedes andere störende Element.

Aus diesem Grund traf ihn der Ball, der plötzlich aufschlug und den Serumflakon zu Boden schleuderte, völlig unvorbereitet und machte ihn fuchsteufelswild.

Cameron kickte ihn postwendend auf das Footballfeld zurück und vergaß dabei, seine Kräfte richtig zu ermessen.

Winter war schwindlig.

Jedes kleinste Geräusch drang gleichsam verstärkt zu ihr, und das unvermeidliche Stimmengewirr auf den Korridoren machte alles noch schlimmer. Winter presste die Hände an die Schläfen, um sich Linderung zu verschaffen, ohne auf Eleri zu achten, die neben ihr herging.

An diesem Nachmittag schienen die Schüler der St Dewi’s nichts Besseres zu tun zu haben, als besonders laut zu diskutieren und zu lärmen. Viele rannten zum Ausgang, andere drängten sich vor den großen Fenstern, die auf den Hof hinausgingen.

Als schon wieder ein Grüppchen an ihnen vorbeistürmte, wandte Eleri sich blitzartig um und hielt einen Jungen zurück.

»He, was ist hier eigentlich los?«

Der pickelige Junge, höchstwahrscheinlich ein Unterstufenschüler, war ganz aufgeregt.

»Eine Schlägerei«, antwortete er, als erkläre das alles.

»Ja, und?«

Er schnaubte genervt, weil sie ihn aufhielt.

»Zwischen dem Kapitän der Footballmannschaft und einem Nox!«

Interessant.

Eleri ließ ihn los und eilte zum Ausgang, Winter blieb nichts anderes übrig, als hinterherzulaufen.

Der Junge, den Camerons Ball getroffen hatte, hielt sich noch immer die schmerzende Schulter. Die Ironie des Schicksals wollte, dass es ausgerechnet der Torhüter war, mit dem Lorna Carter seit Kurzem ging. Und das verlieh Camerons Geste eine ganz besondere Bedeutung.

An der St Dewi’s wussten alle von der komplizierten Beziehung zwischen Lorna und Cameron bis vor einigen Monaten. Lorna war buchstäblich besessen gewesen von dem Nox, und er war abwechselnd auf sie eingegangen und hatte sie zurückgewiesen, je nach Augenblick und Laune.

Nicht dass er die vom Pakt festgelegte Grenze je überschritten hätte: Er hatte sie nie gebissen. Er hatte nur mit ihr geflirtet, doch es gab zu viel, was Lornas jetziger Freund nicht wusste, als dass er gut auf ihn zu sprechen gewesen wäre.

Und Andrew Lloyd, als guter Kapitän, wollte seinem Mannschaftskameraden zu Hilfe kommen und baute sich vor Cameron auf.

»Hey, Farland, was hattest du vor? Was hattest du vor?«, schrie er laut und stellte damit die ohnehin knapp bemessene Geduld des Nox auf eine harte Probe.

»Es ist ziemlich offensichtlich, dass dein Torhüter keinen Ball abfangen kann«, konterte Cameron provokativ. »Ich frage mich, wie ihr es ins Endspiel schaffen konntet …«

Auch Lloyd war nicht gerade bekannt für seine Selbstkontrolle. Er versetzte Cameron einen Stoß und schaute zu, wie dieser zurückwich.

Sie waren gleich groß, aber Lloyd war doppelt so breit und hatte seit seinem ersten Schultag an der St Dewi’s einen Groll auf die Nox. Sein quadratischer Kiefer war angespannt und drückte Streitlust aus.

Cameron dagegen gehörte zu den eher schmal gebauten Jungen, die von Sportlern nicht sehr ernst genommen werden. Aber er war auch ein Vampir, der gerade seine Blutzufuhr erhalten hatte. Sich von seiner äußeren Erscheinung täuschen zu lassen, war ein gravierender Fehler.

Mit großer Geschmeidigkeit gewann Cameron das verlorene Gleichgewicht zurück und sein Blick bekam etwas Gefährliches, das den Kapitän und seine Mannschaftskameraden hätte nachdenklich stimmen müssen.

Doch Lloyd schien nichts zu bemerken. »Soll ich etwa so tun, als ob nichts geschehen wäre, nur weil du ein Nox bist?«, fragte er und kam bedrohlich näher. Er drückte Cameron die Hand auf die Brust und versetzte ihm erneut einen Stoß. »Ihr haltet euch für unantastbar, nicht wahr?«

Cameron wich noch einmal einen Schritt zurück. Sein Gesichtsausdruck blieb unverändert belustigt, verlor aber jede Wärme.

»Lass mich in Ruhe, Lloyd«, legte er ihm nahe.

»Und wenn nicht?« Der Kapitän stand nun unmittelbar vor ihm und war offensichtlich überzeugt, die Angelegenheit rasch erledigen zu können. »Wen rufst du jetzt, wo kein Vaughan mehr da ist, der euch in Schutz nimmt?«

Eine unglückliche Bemerkung.

Lloyd versetzte ihm noch einen Stoß, doch diesmal rückte Cameron keinen Millimeter von der Stelle.

»Idiot«, murmelte Rhys Llewelyn und verließ seinen Platz in der Menge der Schaulustigen, um einzugreifen.

»Reg dich ab, Lloyd«, sagte er mit fester Stimme. »So eine Lappalie ist doch keine solche Aufregung wert …«

Der Mannschaftskapitän drehte sich zu ihm um. Rhys war größer als er, und trotz seiner schlanken Gestalt konnte man ihn unmöglich für schwach halten.

»Lappalie?«, fragte Lloyd und ließ sich nicht einschüchtern.

»Alle haben gesehen, dass er es absichtlich getan hat! Er hat ihn auf dem Kieker, weil Lorna nicht mehr an seinen Lippen hängt.«

Rhys zog eine Augenbraue hoch.

»Hast du es absichtlich getan, Cameron?«

Cameron straffte sich in den Schultern. »Wenn ich ihm wehtun wollte, würde ich andere Wege finden«, antwortete er mit ausdrucksloser Stimme.

Rhys nickte und deutete ein Lächeln an. »Das denke ich auch.«

Dann wandte er sich wieder an Lloyd, und seine Stimme klang fröhlich. »Missverständnis geklärt. Wir begleiten euch ins Krankenzimmer. Die Schulter muss mit Eis gekühlt werden«, entschied er.

Da wurde Lloyd erst recht wütend.

Die Angst half Winter, ihre Kopfschmerzen zu vergessen.

Sie wusste aus Erfahrung nur allzu gut, wozu Farland fähig war, wenn er die Kontrolle verlor. Und obwohl Lloyd ihr nicht sympathisch war, war ein Blutvergießen an der Schule das Letzte, was sie jetzt brauchen konnten.

Sie entfernte sich von Eleri, drängte sich durch die Menge und ging direkt auf die Gruppe der Jungs zu. Sie wusste, dass sie Rhys dort antreffen würde, doch das Adrenalin in der Luft verhinderte ein klares Denken.

»Macht keinen Blödsinn«, murmelte sie.

Eine Sekunde bevor Lloyds Faust auf seinen linken Backenknochen auftreffen konnte, trat Rhys einen Schritt zur Seite.

Durch den Schlag ins Leere verlor der Kapitän das Gleichgewicht und gab Rhys die Gelegenheit, sich blitzschnell hinter ihn zu stellen.

»Du machst dich lächerlich«, sagte er leise zu ihm. »Wir haben keinerlei Absicht, eine Rauferei loszutreten. Reg dich also ab. Und zwar sofort.«

Er sprach mit leiser Stimme, damit nur Lloyd ihn hören konnte, und verlieh seiner Stimme einen unnatürlich ruhigen, fast hypnotischen Klang. Er musste Ruhe bewahren, andernfalls würde die Situation eskalieren und jemand würde ernsthaft verletzt werden. Und nach den vielen Jahren erfolgreicher Tarnung würden die Nox zumindest einen gewissen Verdacht erregen.

Andrew Lloyd jedoch war außer sich. »Aber sicher. Ihr macht euch ja nie die Hände schmutzig …«

Die Spannung, die in der Luft lag, weckte Instinkte, die nur noch schwer unter Kontrolle zu halten waren.

Rhys spürte den Ruf der MACHT. Sie war eine Versuchung, ähnlich wie die mythologischen Sirenen, deren betörender Gesang die vorüberfahrenden Seeleute anzog.

Ganz wenig würde schon reichen, sagte er sich. Du könntest ihn kleinkriegen, statt wie ein Feigling dazustehen.

Rhys ballte die Fäuste und nahm den Diskurs wieder auf. »Sei vernünftig, Lloyd … Siehst du nicht, dass du aus einer Mücke einen Elefanten machst?«

Endlich schaffte er es, in Lloyds Hirn etwas in Gang zu setzen.

Lloyd warf ihm einen finsteren Blick zu.

Dann nickte er.

Winter spürte, wie sich die MACHT um sie herum verstärkte. Eindringlich vernahm sie ihren Ruf, und durch die Verbindung mit Rhys war ihre Intensität fast nicht auszuhalten.

Das Grummeln eines Gewitters in der Ferne war bereits ein Widerhall der Energie, die sich gleich entladen würde.

»Wenn sich jemand wehgetan hat, sollten wir wohl etwas unternehmen«, platzte sie zwischen die beiden Gegner.

Cameron und Lloyd drehten sich zu ihr um und schauten sie an, als wäre sie ein Gespenst.

Rhys verdrehte genervt die Augen. Durch ihr Eingreifen hatte Winter die mentale Brücke unterbrochen, die er zu Lloyd errichtet hatte, sodass er die Kontrolle über sein Hirn wieder verlor.

Das geht dich nichts an, Win, ermahnte er sie wortlos.

»Wir waren gerade dabei, das zu klären.«

Rhys’ Stimme war kontrolliert, doch Winter spürte die Vibrationen der MACHT darin. Sie antwortete ihm mit einem feurigen Blick und bemühte sich, die Anspannung zu unterdrücken, die ihr den Magen zusammenzog.

»Wenn ihr euch raufen wollt, solltet ihr endlich loslegen«, sagte sie, »die ganze Schule wartet bereits gespannt. Und der Schulleiter wird sicher nicht lange überlegen, wen er rausschmeißen soll.«

Cameron runzelte die Stirn, und Lloyd zeigte erste Anzeichen einer Beunruhigung: Wenige Tage vor dem Endspiel von der Schule verwiesen zu werden, war ein Risiko, das er nicht bedacht hatte.

Er straffte sich in den Schultern, gab sich eine würdevolle Haltung und wandte sich ab.

»Lass dich im Krankenzimmer verarzten«, empfahl er dem Torhüter. »Die anderen sollen weitertrainieren.«

Als er jedoch an Winter vorbeiging, schaute er ihr fest in die Augen.

»Bist du nun zufrieden, Freundin der Nox?«, fragte er feindselig. »Die Freundschaft mit Lorna hat dich offenbar nichts gelehrt.«

Winter erwiderte kühl seinen Blick.

»Gib dich nicht mit denen ab, wenn du keine Scherereien willst, Starr«, schloss Lloyd. »Die sind nicht wie die anderen.«

Er ging so nah an ihr vorbei, dass sie sich fast berührten, und Winter erschauerte. Wie konnte er es wagen, ihr vorzuschreiben, wie sie sich zu verhalten hatte!

Das Adrenalin verwandelte sich in Wut.

Sie brauchte weder Rhys noch Cameron anzuschauen, um zu wissen, dass beide dasselbe empfanden.

Sie kochte vor Wut. Der Zorn verlieh ihr Stärke und verzehrte gleichzeitig jede Energie in ihr.

Sie wusste nicht einmal mehr, gegen wen sich ihre Wut richtete, ob gegen Lloyd oder gegen Farland. Oder gegen Rhys, der seine MACHT ausgenutzt hatte, um einem dummen Jungen den eigenen Willen aufzuzwingen.

Rhys näherte sich ihr.

»Ich hatte keine andere Wahl, um ihn zu beruhigen, Winter«, versuchte er zu erklären.

»Du hattest kein Recht dazu«, erwiderte sie.

Dann wurde es schwarz um sie herum, und er konnte sie gerade noch rechtzeitig auffangen, bevor sie zu Boden glitt.

Winter trieb in einem grauen Dunstnebel, der sie vollends umgab, weder fest noch flüssig, aber dichter als Rauch. Lange Zeit schwebte sie darin.

Ihr Hirn war wattiert und sie empfand dasselbe Wohlgefühl, das normalerweise dem Erwachen aus einem schönen Traum vorausgeht.

Ein rhythmischer Ton schlug langsam und regelmäßig. Erst nach einer Weile begriff sie, dass es ihr eigener entspannter Herzschlag war.

Die Ruhe gefiel ihr.

Nur noch fünf Minuten …, dachte sie träge.

Sie versuchte sich zu bewegen, doch es kam ihr vor, als hätte sie keinen Körper mehr: Keine Muskeln befolgten ihre Anweisungen, kein Tastgefühl.

Irgendwo allerdings schlug ihr Herz.

Sie begann unruhig zu werden, der Dunst um sie herum schien vibrierend darauf zu reagieren und verdichtete sich noch mehr.

Winter wurde aufmerksamer, doch ihr Kopf funktionierte nicht, wie er sollte. Sie erinnerte sich nicht, wie sie hierhergekommen war und wo sie vorher gewesen war. Aber sie konnte nicht einfach hier in der Falle sitzen …

Sie konzentrierte sich, auf der Suche nach einem Indiz, und konnte endlich ein Geräusch erkennen. Es war nicht mit Sicherheit zu identifizieren, wirkte aber wie die Vibration eines langen Stahlseils.

Das Geräusch drang von jenseits des Dunstnebels zu ihr. Es klang angespannt, frustriert.

Aufmerksam horchte sie, bis sie eine bekannte Färbung heraushörte, die sie zugleich anzog und erschreckte.

Es war seltsam. Winter erinnerte sich an nichts, als wäre der graue Dunst das Erste, was sie in ihrem Leben kennenlernte. Und doch hatte das Geräusch eine Bedeutung für sie.

Sie strengte sich an, um diese Bedeutung zu erfassen, aber das Einzige, was ihr in den Sinn kam, war ein Gesicht mit kastanienbraunen Augen. Nein, nicht nur kastanienbraun … sie hatten eine wärmere, fast rötliche Tönung.

Es war das Gesicht eines Jungen, ein wunderschönes und besorgtes Gesicht.

Die metallische Vibration verwandelte sich in ein Wort.

»Winter …«

Sie schreckte auf.

Der Dunstnebel verlor seine Konsistenz, ihr Körper erhielt wieder Gewicht und ihr Herz wurde erneut zu einem pulsierenden Muskel in ihrer Brust.

Rhys 

Sie schwebte nicht mehr im luftleeren Raum. Die Erinnerungen kehrten zurück. Cameron Farland und Lloyd, die hypnotische Stimme von Rhys.

Ihre Ohnmacht.

Das Krankenzimmer der St Dewi’s roch nach Desinfektionsmittel. Das war das Einzige, was Rhys Llewelyn auffiel, als er mit Winter auf den Armen eingetreten war.

Der ganze Rest – die Wände in deprimierendem Krankenhausgrün, das durch ein einziges Fenster einfallende Licht, der Linoleumfußboden – hatte nicht die geringste Bedeutung für ihn.

Mach die Augen auf, wiederholte er zum x-ten Mal tonlos und warf einen raschen Blick zur Tür.

Der Schularzt war im Vorzimmer, zusammen mit dem von Cameron getroffenen Torhüter. Glücklicherweise war die Verletzung weniger schlimm, als auf den ersten Blick befürchtet, er würde dem Jungen bloß etwas Eis auflegen und sich dann um Winter kümmern. Er hatte Rhys klar zu verstehen gegeben, dass er ihn bei seiner Rückkehr nicht mehr anzutreffen wünschte.

»Beweg die Schulter erst mal nicht. In ein paar Stunden wird der Schmerz abklingen«, sagte er eilig.

Ich bitte dich, Winter, wiederholte der Junge, während die Schritte des Arztes bereits näher kamen. Die Türklinke wurde heruntergedrückt.

Rhys hatte nicht vor, das Feld zu räumen.

»Du bist Rhys Llewelyn, nicht war?«, fragte der Arzt.

Winter war ihm noch nie begegnet, doch seine charakteristische Art, die Wörter in die Länge zu ziehen, war sprichwörtlich an der St Dewi’s.

Sie hielt den Atem an, während sie auf Rhys’ Reaktion wartete.

»Ja, Sir.«

Seine Stimme war ruhig, wie gewöhnlich.

»Dann haben also auch die Nox ein Herz …«, erwiderte der Mann.

Winter widerstand der Versuchung, die Augen zu öffnen, und stellte sich sein Lächeln vor.

»Jetzt solltest du aber besser gehen. Das Mädchen muss behandelt werden.«

»Winter«, murmelte Rhys ungeduldig. »Ihr Name ist Winter Starr.«

Winter wusste mit absoluter Sicherheit, dass der Arzt nicht besonders interessiert nickte.

»Ich wollte mich nur versichern, dass ihr nichts fehlt.«

Winter öffnete die Augen einen Spalt weit, um die beiden heimlich zu beobachten. Der Schularzt war ein kleiner, fahriger Mann. Der breite, braune Schnurrbart verlieh ihm ein lustiges Aussehen.

»Ob du es glaubst oder nicht, das Einzige, was sie braucht, ist meine Behandlung«, erwiderte er und fixierte scharf den Jungen, der vor ihm stand. »Sie ist in Ohnmacht gefallen und ich habe einen Studienabschluss in Medizin.«

Er ging an Rhys vorbei und Winter schloss rasch die Augen wieder, damit die beiden nicht merkten, dass sie wach war.

Die kühle, raue Hand des Mannes legte sich auf ihre Stirn, doch er nahm sie sogleich wieder weg.

»Seltsam«, kommentierte der Arzt. »Ein Absinken des Blutdrucks müsste die Körpertemperatur eigentlich senken … Doch das Mädchen glüht.«

Vielleicht gelten für diejenigen, die nicht vollständig dem Menschengeschlecht angehören, etwas andere Regeln, dachten Rhys und Winter in perfekter Übereinstimmung.

»Ich hole das Fieberthermometer …«

Winter bemühte sich um ein ausdrucksloses Gesicht und beschloss, die Komödie noch etwas länger hinzuziehen, während der Arzt sich entfernte.

Ein Luftzug und ein unvermittelter Schauer machten ihr klar, dass es ihr nicht gelungen war, Rhys hinters Licht zu führen.

»Wenn du mir sagst, dass es dir gut geht, schicke ich ihn weg«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Oder ich gehe, wenn du willst.«

Die Verlegenheit trieb ihr die Röte in die Wangen, aber sie hatte keine Zeit zu antworten.

»Es geht dir also besser, mein Kind«, stellte der Arzt fest, als er zurückkam.

Winter riss die Augen auf und konzentrierte ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihn. »Ja, ich bin wieder okay.«

»Du bist ziemlich dünn«, meinte der Arzt. »Isst du auch genug?«

»Ja, Herr Doktor.«

»Und schläfst du genug?«

»Ja, natürlich.«

Genug, um jede Nacht Albträume zu haben.

»Nimmst du Drogen?«

»Nein, Herr Doktor.«

Der Mann beugte sich über sie und senkte die Stimme. »Wäre es möglich, dass du schwanger bist?«

Winter zuckte zusammen, ihr war unbehaglich wie nur selten zuvor.

»Nur, weil ich ohnmächtig geworden bin?«

»Es gehört zu meiner Pflicht, dich das zu fragen. Und ich brauche auch noch ein paar Angaben zur Gesundheit deiner Eltern …«

Das Mädchen zog die Augenbrauen hoch. Sie sind tot, dachte sie, sagte aber nichts. Und abgesehen davon war mein Vater ein Vampir.

»Herr Doktor, mir geht es gut«, versicherte sie schließlich. »Wirklich. Sie brauchen keine Zeit mit mir zu verlieren.«

Sie setzte sich mit einem energischen Schwung auf und hoffte, dass die Röte im Gesicht ihre Aussage glaubhaft machte.

Der Arzt ließ sich allerdings nicht überzeugen.

»Ich muss ein Krankenblatt ausfüllen sowie deine Temperatur und den Blutdruck messen. Das ist Vorschrift.«

Winter seufzte ungläubig.

»Das haben Sie doch gerade eben getan«, mischte Rhys sich überraschend ein. »Erinnern Sie sich nicht?«

Der Arzt drehte sich empört zu ihm um.

»Ich habe dir bereits gesagt, du sollst gehen«, erwiderte er.

Der Junge verschränkte die Arme über der Brust. Nichts an seiner Körperhaltung deutete darauf hin, dass er dem Befehl nachkommen würde.

»Ich habe es gehört«, antwortete er nur.

»Ich habe nicht vor, sie in deiner Anwesenheit zu untersuchen«, fuhr der Arzt fort.

»Sie vergessen, dass es gar nicht mehr nötig ist.«

Seine Stimmlage war tiefer geworden und hatte denselben hypnotischen Tonfall angenommen, den er auch bei Lloyd angewandt hatte.

Die Wut des Arztes begann zu verrauchen und in seinen Augen zeigte sich ein Zweifel.

»Ich würde mich daran erinnern«, beharrte er leicht verunsichert.

Rhys fixierte ihn weiterhin, ohne mit der Wimper zu zucken, während die Luft sich unmerklich veränderte und mit einer neuen Energie anfüllte.

»Sie haben wahrscheinlich recht«, räumte er schließlich ein. »Nehmen Sie sich Zeit, um nachzudenken …«

Der Blick des Arztes wurde wässrig, während Rhys’ MACHT seinen letzten Widerstand brach.

»Ich muss mal kurz raus, die Beine vertreten«, murmelte er und verließ den Raum.

Der Junge nickte zufrieden.

»Was willst du damit eigentlich erreichen?«, zischte Winter, kaum dass der Arzt weg war.

Die Röte in ihrem Gesicht war jetzt Zornesröte.

»Ich habe die MACHT gespürt, Rhys«, fuhr sie ihn an. »Du darfst sie nicht benutzen, um einfach nur jemanden zu kontrollieren, der nicht tut, was du willst.«

Rhys wandte den Blick ab, aber es brachte ihn nicht in Verlegenheit. »Ich bin gleich weg, Win. Ich wollte nur sicher sein, dass es dir gut geht.«

Sie drehte den Anhänger zwischen den Fingern. Er war angenehm warm geworden im Kontakt mit ihrer Haut.

Sie seufzte und starrte auf einen Punkt, wo der Linoleumboden eine leichte Erhöhung aufwies.

»Es geht mir gut.«

Es hätte so viel zu sagen gegeben, dass sie gar nicht wusste, wo sie beginnen sollte.

»Danke, dass du mir geholfen hast.«

Sie trug die Haare zu einem Zopf geflochten, der ihr den Nacken entlang über den Rücken fiel und ihre Haut noch heller erscheinen ließ.

Rhys näherte sich ihr wieder. »Das werde ich immer tun«, sagte er sanft.

Das Bedürfnis, sie zu berühren, war fast nicht mehr zu bremsen, doch er wusste, dass er ihr Zeit lassen musste. Also beschränkte er sich darauf, ihr Bild in sich aufzunehmen. Er fühlte, dass auch sie aufgewühlt war. Die Blutgabe, die sie miteinander verband, machte den einen für den anderen allzu durchlässig.

»Ich wollte, alles wäre einfacher …«

Winters Augen glänzten silbern. Die Traurigkeit, die er darin lesen konnte, war unerträglich.

»Es ist einfacher, als du glaubst«, unterbrach er sie. »Zumindest zwischen uns beiden.«

Langsam, ungeachtet seines drängenden Verlangens, streckte er die Hand nach ihr aus und legte sie sanft auf ihr Gesicht. Er hielt den Atem an und wartete auf eine Reaktion, doch Winter bewegte sich nicht.

Sie schaute ihn nicht mehr zornig an, sie wirkte nur erstaunt, als ob sie sich anstrengen würde, ihm zu glauben.

»Da bist du und hier bin ich.«

Er versuchte verzweifelt, sie zu überzeugen, auf eine Weise, die nichts mit MACHT und Blut zu tun hatte. Er wusste, dass er immer noch Gefahr lief, sie zu verlieren, und allein der Gedanke daran ließ ihm den Atem stocken.

Er beugte sein Gesicht zu ihr hinunter und brauchte dazu eine, wie ihm schien, unendlich lange Zeit, dann hielt er erneut inne. Er wartete auf einen Wink, eine Geste, irgendetwas, das ihm gebieten würde, sie nicht zu küssen. Dann liebkoste er ihre Lippen mit den seinen.

Als sie erschauerte, beschleunigte sich sein Atem.

»Ich würde so gern, Rhys …«

Endlich hatte der Junge den Mut, sie zu küssen. Ihn verlangte danach, sie zu umarmen, sie ganz fest an die Brust gedrückt zu halten, um sicherzugehen, dass sie nicht entfliehen konnte. Doch er nahm sie nur mit der größtmöglichen Zärtlichkeit in die Arme.

»Dann versuchen wir es doch.«

Nach ein paar Augenblicken spürte er Winters Hände seinen Rücken entlangstreichen.

»Nicht …«

Er küsste sie, damit sie nicht weitermachen konnte.

Es ist nicht wahr. Niemand kann uns verbieten, zusammen zu sein.

Die gegenseitige Nähe benebelte sie. Winter erwiderte den Kuss und gab sich der Illusion hin.

Dann näherte sich die Stimme des Arztes erneut, hallte im Korridor wider. Er sprach mit jemandem.

»Samstag um zehn, am Bahnhof«, flüsterte Rhys, bevor er sie losließ. »Überleg dir eine Ausrede.«

Er drückte ihr rasch einen federleichten Kuss auf den Mund.

»Ich bitte dich …«

›Du hättest die Pflicht, ihn eigenhändig zu vernichten.‹

Winter nickte, in dem Wissen, dass sie einen Fehler machte. Und sie wusste, dass sie trotzdem hingehen würde.

Als der Arzt ins Zimmer trat, ging Rhys ungezwungen hinaus.

Sein hinter der Hand verborgenes Lächeln verflog jedoch augenblicklich, als er auf Gareth Chiplin traf, der im Korridor wartete.

»Hast du immer noch nicht kapiert, dass du sie in Ruhe lassen sollst?«, fragte der Junge mit harter Stimme.

Er war besorgt und gab sich keine Mühe, es zu verbergen.

Rhys zwang sich, freundlich zu sein. »Jemand musste sie schließlich ins Krankenzimmer bringen.«

Gareth presste die Kiefer zusammen, denn wieder einmal war ihm der Nox zuvorgekommen. Sein Blick heftete sich auf die Tür des Krankenzimmers, als könnte er durch sie hindurchsehen.

»Sie ist nicht wie du, Llewelyn.«

Er versuchte, diese Worte wie eine Selbstverständlichkeit klingen zu lassen, und legte seine ganze Sicherheit in den Tonfall.

»Mag sein«, erwiderte Rhys ohne Überzeugung, »doch bilde dir nicht ein, sie sei menschlich. Je früher du das akzeptierst, desto eher kannst du ihr wirklich helfen.«

Gareths Gesichtsausdruck wurde noch finsterer. Es war tatsächlich ein Problem für ihn, die Kraft aufzubringen, um die Wirklichkeit anzunehmen.

Rhys entfernte sich ohne weitere Worte.

›Bilde dir nicht ein, sie sei menschlich …‹

Bevor sie das Krankenzimmer verließ, seufzte Winter tief auf.

Seit Monaten wusste sie, dass es so war, und doch war sie noch immer nicht bereit, es zu akzeptieren.

Das Rollgitter der Werkstatt wurde ratternd heruntergelassen. Der Besitzer hantierte mit den Schlössern und der Junge neben ihm schaute auf die Uhr: 22:30 Uhr.

Verdammt, es ist schon spät 

Ungeachtet des schwarzen Schmierfetts an den Händen fuhr er sich durch das rötliche Haar.

Er hatte den ganzen Nachmittag gearbeitet, und es war eine große Befriedigung gewesen, den Motor des alten Bentley endlich aufheulen und schnurren zu hören. Doch seine Pläne für den Abend waren damit geplatzt.

»Wir haben gute Arbeit geleistet, Miles«, meinte der Mann mit einem zufriedenen Lächeln. Er war müde, doch seine kleinen blauen Augen leuchteten. »Wir bringen dieses Schmuckstück wieder zum Strahlen …«

Miles erwiderte das Lächeln. Der Bentley war ein Modell aus den frühen Achtzigern. Er gehörte nicht zu seinen bevorzugten Automarken, doch er sagte nichts, denn er wusste, dass sein Onkel diese alten Modelle liebte.

»Kommst du mit auf ein Bier, Hank?«

Der Mann wägte ab. Er war kurz versucht, das Angebot anzunehmen. »Ruf deine Freunde an und trinkt auf mein Wohl. Deine Tante wartet schon seit drei Stunden zu Hause auf mich.«

Miles schlug ihm mit der Hand auf die Schulter. »Bis morgen, Alter.«

Sie trennten sich, und jeder ging seines Wegs: Hank betrat gleich um die Ecke den Hauseingang, und Miles wandte sich in die entgegengesetzte Richtung.

Er wollte zu seiner Freundin. Seit er einen Job hatte, sahen sie sich fast nicht mehr, und er war es müde, sich immer anhören zu müssen, dass er seine Zeit lieber mit den Rostlauben verbringe.

Seine Freundin wohnte etwas außerhalb des Städtchens, was bedeutete, dass ihm ein stiller Spaziergang über die Felder bevorstand, zwanzig Minuten zu Fuß bei zügigem Schritt. Miles nahm eine Abkürzung durch eine Nebenstraße, die zu asphaltieren sich niemand je die Mühe gemacht hatte, und ignorierte das Schild mit dem T-förmigen Symbol, das anzeigte, dass es sich um eine Sackgasse handelte. Mit einem Sprung überwand er die Durchgangsverbotsschranke, wie er es seit Jahren tat, und stapfte mitten durch das Grasland.

Winter hatte keine Ahnung, warum sie sich plötzlich in einer unbekannten Kleinstadt neben Miles befand.

Er konnte sie nicht sehen, sie jedoch wandte die Augen nicht von ihm ab.

Miles war nicht attraktiv: Er war bullig, trug einen abgenutzten Overall voller Flecken, und sein Aussehen ließ auf einen langen Arbeitstag schließen.

Aber er lebte.

Und das machte ihn unglaublich interessant.

Winter war überrascht, dass sie ein Verlangen spürte, ihn zu beobachten.

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