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Silberstrahl der Hoffnung

Nikki Logan

Silberstrahl der Hoffnung

PROLOG

Perth, Western Australia, vor zehn Jahren

„Marc, hast du einen Moment Zeit?“

Beth Hughes fing ihren besten Freund in der Pause ab und lotste ihn aus der Mitschülergruppe, die zwischen der vierten und fünften Stunde ihre Bücher austauschte. Der Druck in ihrem Magen, der seit dem Gespräch mit seiner Mutter ständig zugenommen hatte, war nicht mehr zu ertragen.

Marc blickte sie überrascht an. Kein Wunder, nachdem sie sich während der letzten Wochen immer mehr von ihm zurückgezogen hatte. Sie hätte auch verstanden, wenn er nicht mitgekommen wäre. Eigentlich wünschte sie sich das sogar. Dann wäre alles viel einfacher gewesen.

„Du hast nur noch drei Minuten, Duncannon.“ Tasmin Major schwebte lächelnd vorbei und tippte auf ihre Uhr. „Dann fängt die Geografiestunde an.“

„Ich bin rechtzeitig da“, rief Marc ihr nach. Seine tiefe Stimme klang angespannt.

Beth drängte sich durch die schlecht beschnittene Hecke, die den kleinen Schuttplatz vom Schulhof trennte und auf der Rückseite von der Mauer des Bibliotheksgebäudes begrenzt wurde. Hier traf man sich, um heimlich zu rauchen, vertrauliche Gespräche zu führen oder zu knutschen. Beth hatte den Ort immer gemieden, und das machte Marc stutzig.

„Was sollen wir hier?“, fragte er misstrauisch. „Weiß dein Freund Bescheid?“

Das Herz schlug Beth bis zum Hals. Sie bekam nur mühsam Luft und verbarg ihre zu Fäusten geballten Hände hinter dem Rücken.

„Damien ist schon wieder in der Klasse“, antwortete sie heiser. Es gefiel ihr gar nicht, wie Marc das Wort „Freund“ ausgesprochen hatte.

„Da müssten wir auch sein“, stellte er trocken fest. „Oder sind dir Zensuren nicht mehr so wichtig, seit du mit den Reichen verkehrst?“

Beth errötete und sah zu, wie Marc aus Verlegenheit Schutt mit der Schuhspitze zusammenscharrte. „Ich muss dich unbedingt sprechen.“

„Dazu hast du jeden Tag Gelegenheit.“

Wenn wir stumm aneinander vorbeigehen?

„Ich muss dich sprechen“, wiederholte sie. „Und zwar ungestört.“

Es entging ihr nicht, wie kräftig Marc geworden war. Wohl ein Grund, weshalb der Kapitän der Schwimmmannschaft ihn vor einigen Wochen in das Team aufgenommen hatte. Auch sein Gesicht war voller geworden. Es schien so, als hätte sich der schmächtige Junge an seinem sechzehnten Geburtstag plötzlich in einen Mann verwandelt. Vielleicht hatte sie doch zu lange gewartet …

„Musst du dich verstecken, um mit mir zu reden?“

Beth hätte Unverständnis heucheln können, aber Marc kannte sie zu gut. „Ich möchte verhindern, dass es zwischen dir und Damien Streit gibt“, sagte sie.

„Damien weiß bestimmt schon, dass wir befreundet sind. Schließlich kenne ich dich seit der vierten Klasse.“

„Trotzdem möchte ich nicht …“

„Dann hättest du dir einen anderen Ort für unser Gespräch aussuchen sollen. Du weißt doch, was auf dem Schuttplatz sonst los ist.“

Beth’ Blick streifte seine Lippen. Sie musste sich zwingen wegzusehen. „Ich wollte mit dir allein sein.“

Das zweite Klingelzeichen ertönte, und die letzten Nachzügler eilten in die Klassen. Auf dem Schulhof wurde es still. Marc stellte sich breitbeinig hin und verschränkte die Arme über der Brust. „Das bist du jetzt. Alle Schüler sind wieder im Unterricht.“

„Ich wechsle die Fachrichtung“, platzte Beth heraus, solange sie noch den Mut dazu hatte. „Ich wähle den B-Zweig.“

Marc sah sie verblüfft an, seine Nasenflügel bebten. „Du verlässt die Klassen, die wir das ganze Jahr gemeinsam besucht haben, um bei Damien mitzumachen?“

„Nicht seinetwegen …“

„Sondern?“

„Ich möchte weniger Naturwissenschaften und mehr Kunst haben. Darum geht es mir.“

„Seit wann das?“

„Seit jetzt.“

„Du willst mir nur aus dem Weg gehen.“

Das gab ihr einen Stich. „Nein!“

„Warum dann?“

„Es hat nichts mit dir zu tun“, versicherte sie noch einmal.

„Von wegen! Seit Semesterbeginn weichst du mir aus. Bist du zu beliebt geworden? Ist in der Clique der Reichen kein Platz für einen alten Kumpel?“

„Marc …“

„Ich bin vielleicht nicht so klug wie du, Beth, aber auch ich merke, woher der Wind weht. Hat Damien Angst vor mir?“

Beth schüttelte den Kopf. Damien war durch zu vieles abgelenkt, um Marcs körperliche Veränderungen zu bemerken. Er sah in Marc nur ihren alten Jugendfreund, der nicht mehr gebraucht wurde.

„Du kommst also in eine andere Klasse. War das alles?“

Wie banal das klang – und wie gemein! „Es bedeutet, dass wir nur noch eine gemeinsame Stunde haben“, sagte sie leise.

„Ich weiß. Das ist ja das Gute am B-Zweig … dass ich Damien McKinley nur einmal wöchentlich zu sehen kriege.“ Marc ließ sie nicht aus den Augen. „Willst du mich unbedingt loswerden?“

Am liebsten wäre sie ein Leben lang mit Marc Duncannon zusammengeblieben. Wie sich jedoch herausstellte, war das unmöglich. Um ihr Schuldgefühl loszuwerden, wurde sie aggressiv. „Die Erde kreist um die Sonne, Marc … nicht um dich.“

Marc wurde blass, was ihr Schuldgefühl verstärkte. In Wahrheit kreiste Marc Duncannon um Beth Hughes, oder besser: Sie kreisten gemeinsam auf einer komplizierten Bahn. Das aber empfanden ihre jeweiligen Eltern als ungesund.

Für ihn.

Wäre das nur die Meinung seiner verrückten Mutter gewesen, hätte Beth nicht weiter darüber nachgedacht. Doch auch ihre Eltern dachten genauso, und Russell Hughes irrte sich niemals. Nach einer langen, tränenreichen Aussprache hatte Beth ihrem Vater ihr Wort gegeben, dass sie sich von Marc zurückziehen und dann abwarten würde. Sie hatte ein Versprechen noch nie gebrochen.

„Wenn du nicht wechselst, um mehr mit Damien und weniger mit mir zusammen zu sein … warum dann?“

„Und wenn ich es nur für mich tue?“

„Das würde nicht zu dir passen, Beth. So plötzliche Entscheidungen hast du nie getroffen.“

„Trotzdem kann man mal seine Meinung ändern, oder?“

Aber ich nicht. Er weiß, dass ich lüge. Ich sehe es ihm an.

„Und unser Biologiestudium?“

Wieder spürte sie diesen schmerzhaften Stich. Warum ließ er sie nicht in Ruhe? Warum setzte er ihr so zu? Sie würde ihn nur noch mehr kränken. „Das war dein Traum … nicht meiner.“

„Ach, auf einmal?“ Marc machte ein verblüfftes Gesicht. „Du sprichst seit drei Jahren davon.“

Beth zuckte gespielt gleichgültig die Schultern. „Damals versprach ich mir etwas davon.“

„Bis sich etwas Besseres bot. Oder sollte ich sagen: ein Besserer?“

„Es geht hier nicht um Damien“, betonte sie noch einmal.

„Das behauptest du, aber ich glaube dir nicht.“ Marc kam näher, und sie wich bis an die Bibliotheksmauer zurück. Warum war er plötzlich so groß? „Wir sind seit acht Jahren befreundet, Beth. Unser halbes Leben lang, und du haust ab, nur weil sich der Schwarm aller Mädchen deiner Klasse nach dir umdreht. Bist du so verzweifelt auf Anerkennung aus?“

Die harten Mauersteine bohrten sich ihr in den Rücken. Sie hatte gewusst, dass Marc verletzt sein und zurückschlagen würde. „Die Menschen ändern sich, Marc. Auch wir werden erwachsen. Vielleicht haben wir uns einfach auseinandergelebt.“

„Ich weiß, dass du dich verändert hast“, gab er zu. „Ich habe dich beobachtet.“ Er musterte sie mit seinen braunen Augen von oben bis unten. Noch nie war sie sich ihres Körpers so bewusst geworden wie jetzt. „Allerdings hätte ich die Wandlung zu einer Miss Durchschnitt für unmöglich gehalten.“

„Ich brauche einfach mehr Freiraum“, verteidigte sie sich. „Wir haben uns so eng aneinandergeklebt, dass wir kaum noch mit anderen verkehren. Sobald wir getrennt sind, verlieren wir den Boden unter den Füßen.“

Lügnerin!

Marc verzog angewidert die Lippen. „Tu bloß nicht so, als wärst du auf einem Selbsterkennungstrip. Du tanzt einfach nur nach Damiens Pfeife. Der Schwarm der ganzen Schule hat es auch dir angetan.“

Er stützte sich mit beiden Händen an der Mauer ab, sodass Beth zwischen seinen Armen gefangen war. Seine Nähe verursachte ihr heftiges Herzklopfen. Wenn du wüsstest, dass ich nur im Auftrag deiner Mutter handle, dachte sie. Janice hat mich angefleht, dich freizugeben. Wie gern hätte sie Marc die Wahrheit ins Gesicht geschrien, doch das wäre sein Tod gewesen. Er durfte nie erfahren, wie seine verwitwete Mutter über ihn dachte.

„Was spricht dagegen, dass wir unseren gemeinsamen Weg fortsetzen?“, fragte er. „Wir sind doch schon so lange zusammen. Was ist an Damien McKinley so anders?“

Ich bin nicht an ihn gefesselt. Er gehört nicht zu unserer schwierigen Vergangenheit, und seine Eltern drängen mich nicht zu einer Trennung.

„Ich möchte nur etwas mehr Freiraum haben“, betonte Beth noch einmal.

„Den habe ich dir zwei Jahre lang gegeben“, antwortete er grimmig. „Vielleicht hätte dies genügt, um mir von meiner besten Freundin keine Abfuhr zu holen.“

Er presste die Lippen auf Beth’ Mund und drückte sie dabei gegen die Mauer. Wie gelähmt stand sie da, während er ihr Gesicht umfasste, damit sie ihm nicht ausweichen konnte. Seine Begierde überwältigte sie. Noch nie war sie so geküsst worden, und noch nie hatte sie den Kontakt mit einem anderen Körper als so erregend empfunden.

Langsam begann sie seinen Kuss zu erwidern. Als er seine Zungenspitze zwischen ihre Lippen schob, stöhnte sie leise und schmiegte sich an ihn. Ihre Sinne erwachten, und glühende Hitze breitete sich in ihr aus. Sie fühlte sich wunderbar lebendig, ergriffen von einer ihr bis dahin unbekannten, heftigen Leidenschaft.

Marc!

Bisher hatte sie nicht gewagt, so an ihn zu denken oder so von ihm zu träumen. Plötzlich war sie wieder frei, denn Marc war mit hochrotem Kopf zurückgewichen. Zitternd hob sie eine Hand, um zu verhindern, dass er wieder näher kam.

„Weiß Damien, dass du so küssen kannst?“, fragte er atemlos.

Wie hätte Damien das wissen sollen? Beth hatte weder ihn noch einen anderen jemals geküsst. Bis heute.

„Tu das nie wieder!“, stieß sie hervor und fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. Ihre Stimme klang hohl und fremd.

Tu es wieder! Ich möchte es wieder spüren …

„Beth …“

„Rühr mich nicht an, und sprich nie wieder mit mir!“

„Das meinst du nicht wirklich …“

Sie sah ihn gequält an. „Warum gibt es bei dir immer alles oder nichts? Ich wollte doch nur etwas Freiraum … für uns beide, damit sich jeder selbst kennenlernt. Mehr habe ich nicht gefordert. Hast du etwa geglaubt, du könntest mich für alle Zeit in Beschlag nehmen?“

„Ich kenne mich, und dich glaubte ich auch zu kennen. Anscheinend habe ich mich geirrt.“ Mit zwei Schritten stand er wieder vor ihr. „Du willst frei sein, Elizabeth? Bitte sehr. Nimm dir so viel Freiheit, wie du brauchst. Du verzehrst dich nach Damien? Dann wünsche ich dir viel Glück mit ihm.“

Gleich darauf war er verschwunden. Ihr bester Freund. Sie hatte die Leine nur etwas lockern wollen, aber der Drachen hatte sich im Sturm losgerissen und war weggeflogen.

Mit bebender Hand berührte sie ihre brennenden Lippen. Dann glitt sie an der harten Mauer hinunter und sank in sich zusammen.

1. KAPITEL

Südküste, Western Australia, Gegenwart

Wer wusste schon, dass Stille so unterschiedliche Farben hatte?

Da war die tiefe schwarze Stille der Nacht, irgendwo unter dem glitzernden Sternenhimmel Westaustraliens. Da war die erdige grüne Stille von Beth’ chaotischem Studio, die nur von den Farbtupfern ihrer neuesten Bilder unterbrochen wurde. Es gab die – erst kürzlich entdeckte – fahlgelbe Stille in ihrem Kopf, wenn die inneren Stimmen endlich schwiegen und nur noch ein angenehmes Summen zurückblieb.

Und es gab diese rot glühende Stille, die von einem Mann ausging, der nicht erfreut war, sie wiederzusehen. Nicht, dass Beth mit einem anderen Empfang gerechnet hätte! Deshalb machte sie den Besuch auch erst so spät.

Die Stille währte weiterhin an und übertönte zuletzt das Herzklopfen, das ihr in den Ohren dröhnte.

„Marc …“

Er war bedeutend größer als der Junge, an den sie sich erinnerte, aber zwei für ihn typische Dinge waren geblieben: Er stand noch genauso breitbeinig da, als müsste er einen plötzlichen Angriff abwehren, und er hielt die Arme, die viel muskulöser geworden waren, über der Brust verschränkt. Er hatte den Oberkörper eines Athleten bekommen, während ihre Oberweite nicht zugelegt hatte. Eine absurde Feststellung, aber nur bitterer Humor konnte die schmerzliche Leere ausfüllen, die sie empfand.

Es war ein Fehler gewesen hierherzukommen. „Willst du mich nicht wenigstens begrüßen?“, fragte sie.

„Hallo, Beth“, stieß er mit zusammengepressten Lippen hervor und nickte kurz.

Außer diesen zwei Worten hatte sie seit über zehn Jahren nicht von ihm gehört, und wie anders sprach er ihren Namen aus! Beth, Bessie, Betsy – ihr damaliges Reservoir an Kosenamen war unerschöpflich gewesen. Nur ein einziges Mal, an dem Tag, als er sie küsste, hatte er sie Elizabeth genannt.

An dem Tag, als sie ihm das Herz brach.

Beth räusperte sich. Die Erregung über das Wiedersehen schnürte ihr die Kehle zu. „Wie geht es dir?“

„Ich bin im Aufbruch.“

Schön. Sie hatte mit einem unfreundlichen Empfang gerechnet, aber seine feindselige Ausstrahlung befremdete sie doch. „Ich wollte … Nur ein, zwei Minuten, bitte!“

Er hatte den Blick seiner braunen Augen auf sie gerichtet, wandte ihn dann jedoch plötzlich ab, und gleichzeitig wich die Starre aus seinem Körper. Er bückte sich und fuhr fort, seinen Landrover zu beladen. Beth wagte sich näher heran und befürchtete, gleichzeitig zu ersticken. Es schien nur zwei Möglichkeiten zu geben: stehen zu bleiben oder den letzten Atemzug zu tun.

Damit würde das Wiedersehen nicht zu teuer erkauft sein.

„Du musst nicht dastehen und mich angaffen. Hilf mir lieber, das Gepäck zu verstauen.“

Beth kam der Aufforderung sofort nach. Seine Worte hatten nicht gerade freundlich geklungen, aber eine bessere Chance würde sie nicht bekommen.

„Ich war bei deinem alten Haus in Perth“, begann sie von Neuem. „Die Nachbarn nannten mir deinen Aufenthaltsort. Durch sie erfuhr ich auch von deiner Mutter. Was ist passiert? Ihr habt euch doch so nahegestanden.“

Marc wandte ihr sein Gesicht zu und fixierte sie aus halb geschlossenen Augen. Wie gut kannte sie diese braunen Augen! „Hast du den weiten Weg gemacht, um das in Erfahrung zu bringen?“

Beth sank der Mut. Früher war Marc nie sarkastisch gewesen.

„Nein“, gestand sie. „Entschuldige bitte.“ Wie albern das klang, nur was sollte sie sonst sagen?

Diesmal richtete er sich auf und sah sie offen an. Seine Miene verriet Ratlosigkeit und Ungeduld. „Wofür entschuldigst du dich?“, fragte er. „Für deinen plötzlichen Überfall oder für dein zehnjähriges Verschwinden?“

Beth hatte vergessen, wie direkt er immer auf sein Ziel losging. „Deshalb bin ich hier“, antwortete sie und rang nach Luft. „Ich wollte erklären …“

Marc wandte sich wieder ab. „Ein andermal, Beth. Ich muss los.“

Sie sah zu, wie die letzten Gegenstände im Kofferraum des schwarzen Landrovers verschwanden, darunter ein Neoprenanzug. „Was hast du vor?“

Der Blick, den er ihr zuwarf, wäre vernichtend gewesen, wenn sie nicht Schlimmeres erlebt und gewisse Abwehrmechanismen entwickelt hätte. Das verdankte sie ihrem Ehemann.

„In Holly’s Bay ist ein Wal gestrandet, um den ich mich kümmern muss. Ich habe leider keine Zeit für dich.“

Beth wollte aufbegehren. Sie war nicht aus einer Laune mal eben vorbeigekommen, sondern weil sie um ihre Heilung kämpfte. Hätte sie sich sonst dieser Situation ausgesetzt?

„Es dauert nur eine Minute …“

Marc beachtete sie nicht. Er ging um seinen Wagen herum und öffnete die Fahrertür. „Für den Wal ist diese Minute vielleicht lebenswichtig. Du hast mich ohnehin schon aufgehalten.“

Beth entschied sich in Sekundenschnelle. Nachdem es sie so viel gekostet hatte, hierherzukommen, konnte sie Marc nicht einfach gehen lassen. Vielleicht würde sie nie wieder den Mut finden.

Sie riss die Tür zum Beifahrertür auf und schwang sich auf den Sitz, als der Motor ansprang.

„Steig aus, Beth!“

„Ich muss mit dir sprechen.“

„Du verschwendest deine Zeit“, murrte er.

„Und du deine!“, fuhr sie ihn an. „Fahr endlich los!“

Marcs Hände umfassten fest das Lenkrad, als wären sie mit ihm verwachsen – wie eine Muschel mit dem Felsenriff. Solange er es nicht losließ, würden sie nicht zittern und ihn verraten. Beth sollte auf keinen Fall merken, wie verwirrt er war.

Sie hatte immer noch die schlanke, sportliche Figur, die sie schon als junges Mädchen ausgezeichnet hatte und die die Vermutung nahelegte, dass sie zu wenig aß. Nur zu gut hatten sich ihm ihre hohen Augenbrauen, die gerade Nase, die vollen roten Lippen eingeprägt. Marc hätte Beth immer wiedererkannt, auch ohne den weichen Klang ihrer Stimme, die bis jetzt in seiner Erinnerung fortgelebt hatte. Andererseits fiel ihm auf, wie mitgenommen sie wirkte und wie glanzlos das glatte, durch einen Mittelscheitel geteilte Haar ihr auf die Schultern fiel. Sie schien sich Mühe zu geben, nicht aufzufallen, und das passte nicht zu ihr. Nicht zu Beth Hughes, die sich immer gern präsentiert hatte. Jetzt erinnerte sie ihn beinahe an seine arme, gequälte Mutter.

Marc trat aufs Gaspedal, um die Küstenstraße schneller zu erreichen. Der für Beth typische Duft erfüllte inzwischen das Auto. Sie benutzte anscheinend immer noch dieselbe Körperlotion – ein natürliches, ohne Tierversuche oder chemische Zusätze hergestelltes Produkt, dessen zarter Kokosgeruch ihn an Sommer, Strand und Bikinis denken ließ. Und an Beth. Er würde sich wochenlang in den Polstern halten.

Aus den Augenwinkeln konnte er wahrnehmen, dass sie sich nervös auf die Lippe biss. Er kannte diese Angewohnheit von früher. Sie tat das, wenn sie angestrengt nachdachte oder ihn austricksen wollte. Damals hatte es immer mit einem befreienden Lachen geendet.

„Seit wann bist du unter die Walschützer gegangen?“, wollte sie wissen.

Die Frage hatte Marc nicht erwartet, auch nicht, dass sie offenbar genauso verunsichert war wie er. Schließlich hatte sie inzwischen die Regie übernommen.

„Das ergibt sich, wenn man an der Südküste lebt“, antwortete er. „In diesem Fall bin ich dran, weil mein Bootshaus am nächsten zur Unglückstelle liegt.“

„Hast du eine Prüfung gemacht?“

„Erfahrung genügt.“

„Warst du schon oft dabei?“

„Fünfmal … davon zweimal im letzten Jahr. Dieser Küstenabschnitt ist dafür bekannt.“

„Warum gerade dieser?“

Marc redete nicht gern sinnloses Zeug, und bei Beth war das nie nötig gewesen. Hatte sich da etwas verändert? Dann wollte er sie lieber gleich wieder vergessen. „Das weiß niemand“, antwortete er und zuckte die Schultern.

Auf der Küstenstraße kamen sie schneller voran, aber das Schweigen zwischen ihnen wurde immer drückender. Endlich lenkte Marc scharf nach rechts auf einen schlecht gepflasterten Weg, der zu Holly’s Bay hinunterführte, einer halbmondförmigen Bucht, die sich weit zum Indischen Ozean öffnete.

„Wie lange brauchen wir noch?“, erkundigte sich Beth.

Marc meinte geradezu zu spüren, wie angestrengt es in ihrem Kopf arbeitete und wie stark ihr Herz klopfte. Sie war so angespannt wie er selbst. Es war, als stießen gegensätzliche Strömungen aufeinander.

„Nur eine Minute länger, als du dir ausgebeten hast.“

Beth bemerkte seinen raschen Seitenblick und interpretierte ihn richtig. „Ich musste dich einfach sehen“, sagte sie. „Um alles zu erklären.“ Sie räusperte sich. „Um mich zu entschuldigen.“

„Wofür? Freundschaften halten nicht ewig, Beth. Das ist ganz normal.“

Ein harter Ausdruck trat in ihre Augen. Ein entschiedener Ausdruck, den Marc nicht kannte. Die erwachsene Beth schien ihr eigenen Waffen zu haben.

„Trotzdem bin ich von weit her gekommen, um dich zu treffen“, erklärte sie. „Du wirst dir anhören müssen, was ich zu sagen habe.“

Sie hatten die ersten Sanddünen erreicht, und Marc fuhr so weit, wie er riskieren konnte, ohne mit dem Auto einzusinken und stecken zu bleiben. Der weiße Strand dehnte sich vor ihnen aus und säumte die endlose Wasserfläche, die erst bei der Antarktis endete. Etwa zehn Meter voneinander entfernt, trieben zwei massige dunkle Körper in der schwachen Dünung.

Zwei Wale. Marc fluchte leise.

„Du musst deine Beichte leider aufschieben“, sagte er. „Ich habe zu tun.“

Beth übersah die Situation mit einem Blick und beschloss zu helfen. Nachdem sie zwei Jahre auf diese Begegnung gewartet hatte, kam es auf einige Stunden nicht mehr an. Die Tiere gingen vor.

Marc nahm sein Handy und wählte eine Nummer. Während er wartete, zog er Jeans und T-Shirt aus, dann gab er seine Position und die Anzahl der gestrandeten Wale durch und bat um schnellstmögliche Unterstützung.

Beth vermied es, in seine Richtung zu sehen. Der hoch aufgeschossene Junge von damals war nicht wiederzuerkennen. Bestimmt hatte er regelmäßig das Fitnessstudio besucht und viel Zeit an den Hanteln verbracht. Ein seltsames Gefühl regte sich in ihr.

Nach beendetem Gespräch zog Marc den Neoprenanzug an. Er musste stark ziehen, denn das Material haftete an seinen muskulösen Beinen. Während er Arme und Schultern in den engen Anzug zwängte, dehnte sich sein breiter Rücken.

„Hier!“, rief er und warf Beth sein T-Shirt, ein Sweatshirt mit Kapuze und ein altes Handtuch zu. „Das werden wir brauchen.“

Er hatte einen Vorratsbeutel aus dem Kofferraum genommen, tat das Handy hinein und schob ihn unter das Auto, damit er im Schatten lag. Dann schnappte er sich ein Abschleppseil mit Karabinerhaken und ein weiteres Tau und rannte durch die Dünen zum Strand hinunter.

Beth versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Wiederholt kam sie in dem tiefen Sand ins Straucheln und beschloss schließlich, ihre Schuhe auszuziehen. Dadurch blieb sie noch weiter hinter Marc zurück, trotzdem bekam sie auch so mit, was los war.

Der kleinere Wal lebte nicht mehr. Traurig dachte Beth daran, dass sie vielleicht noch rechtzeitig gekommen wären, wenn sie Marc nicht aufgehalten hätte. Er blieb einen Moment bei dem verendeten Tier stehen. Die gebeugte Haltung ...

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