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Signal

1

Das Monster war barsch, aber höflich, und sein Akzent hörte sich leicht französisch an. Während sie die schwerfällige, zweifüßige, Testosteron ausstrahlende Kreatur über die Straße hinweg beäugte, begriff Ingrid, warum sie sich ihnen lieber außerhalb der Stadt und fern von neugierigen Augen näherte. Selbst in einer Welt voller seltsamer und exzentrischer Melds wirkte das Aussehen des Freewalkers noch äußerst exzentrisch.

Aber ihr war zweifelsfrei klar, dass er sie erwartete. Allein die Art, wie er in ihre Richtung starrte, bewies, dass er sich nicht zufällig auf diesem ansonsten verlassenen Feldweg aufhielt.

Whispr und sie hatten sich schon fast einen ganzen Tag lang auf der einsamen Straße von Orangemund nach Norden bewegt, wobei die Bezeichnung »Straße« für diesen uralten, holprigen Weg sehr beschönigend war. In diesem unwirtlichen Wüstengebiet wäre ein Schweber welcher Art auch immer das beste Transportmittel gewesen. Die Überreste des noch vorhandenen Pfades wurden nicht mehr gepflegt und gingen mehr und mehr in die von Kies bedeckte Ebene über. Schon bald würden sie sich nur noch auf die Positionsinstrumente in ihren Kommunikatoren verlassen müssen, um den geheimen Weg zu finden, den ihnen Morgan Ouspel verraten hatte.

Orangemund lag hinter ihnen. In jeder anderen Richtung befand sich nichts als die Leere der Namib, da waren nur Sand und Kies, Sonne und karge Büsche sowie der blaueste Himmel, den sie jemals gesehen hatte. Doch jetzt stand direkt vor ihnen ein Monster.

Diese Beschreibung war für eine Ärztin ziemlich armselig, schalt sie sich. Der Freewalker war nicht wirklich ein Monster, sondern eher einer der radikalsten Melds, die sie je gesehen hatte. Daher konnte man ihr ihre anfängliche Reaktion auf ihn auch kaum verdenken. So etwas Fremdartiges hatte sie in Savannah nie zu Gesicht bekommen, nicht einmal bei ihren Studien an der medizinischen Fakultät. Extreme Bedingungen erforderten extreme Manipulationen, erkannte sie, und es gab auf dem Planeten wohl kaum extremere Umgebungen als die Namib-Wüste.

Wie sie in die Situation gekommen war, in Begleitung zweier Melds zu Fuß am südlichen Rand der Namib unterwegs zu sein, das war die Geschichte einer Suche und von Entdeckungen, die ihr im Nachhinein eher wie ein Traum als wie die Realität vorkamen. Einer Sache war sie sich jedoch ganz sicher: Sie hatte sich weit von ihrer vertrauten Arztpraxis und ihrer gemütlichen Wohnung entfernt.

Während der Freewalker sie studierte, musterte sie ihn ebenfalls. Soweit sie es erkennen konnte, musste er zwischen vierzig und fünfzig sein, genauer konnte sie sein Alter allerdings nicht bestimmen. Das war angesichts der Art, wie sein Körper verändert, verzerrt, aufgebläht, überzogen, manipuliert und neu geformt worden war, auch kaum möglich. Auf gewisse Weise waren die Melds, die er erhalten hatte, extremer als die der Marsianer, allerdings kamen sie nicht an jene heran, die ein echter Titanit aufweisen konnte. Der in ihren Rucksack integrierte Autostabilisator passte dessen Position an, als sie Whispr einen Blick zuwarf und erkannte, dass dieser den Riesen in seiner üblichen misstrauischen Art begutachtete.

»Wollen Sie uns überfallen?« Sein Tonfall war säuerlich, seine Haltung angespannt.

Die mit einem Sonnenschutz überzogenen, manipulierten Pupillen in den winzigen Augen sahen aus einem breiten, fast schon flachen Kopf auf Ingrids Begleiter herab. Der kahle Schädel bestand aus mehreren Falten von Meld-Haut, die offenbar dazu gedacht waren, die im Inneren des Kopfes herrschende Hitze abzuleiten. Nur an der Stirn, wo sich die Ränder der einzelnen Hautschichten wie abblätternder Granit überlagerten, wurde das Meld offensichtlich. Die unteren Falten ergaben zusammen flexible, fast schon greifbare Brauen, die die empfindlichen Augen vor dem umherwehenden Staub und der gnadenlosen Sonne schützten.

»Mein Name ist Quaffer. Ich will Ihnen nicht schaden. Ich bin offizieller Fremdenführer. Das ist meine Arbeit, mein Leben, dafür wurde ich geschaffen. Zwischen der Alexander Bay und Cape Cross gibt es keinen besseren. Und ich möchte Sie führen.« Eine flache Hand von der Größe eines Esstellers deutete beiläufig in Richtung Norden. »Wenn Sie noch weiter in diese Richtung gehen wollen, brauchen Sie einen Führer.«

Seine Stimme klang tief und donnernd, allerdings wusste Ingrid nicht, ob der Widerhall auf seiner Größe, seiner Masse oder seiner mantaartigen Manipulation auf dem Rücken beruhte. Das sehr beeindruckende Meld auf seinem Rücken war lang und breit und diente vermutlich dazu, sein langfristiges Überleben in der Wüste zu gewährleisten.

Gestützt von aus Knochen gefertigten Verlängerungen seiner Rippen, war diese fleischige Erweiterung eine gewaltige Masse aus mit Wasser gefüllten Zellen. Das interne Rohr-Meld, das erforderlich war, um eine derartige Wucherung mit Wasser aus seiner Kehle oder seinem Magen zu versorgen, musste deutlich komplizierter und umfangreicher sein als der manipulierte Wassersack selbst. Das grundlegende Design war einfach und praktisch. Während Quaffers Körper das Wasser nutzte, schrumpfte das Rücken-Meld langsam, wie das Fett, das im Höcker eines Kamels gespeichert war. War der fleischige Fortsatz komplett geleert, musste er flach und lose an der Wirbelsäule anliegen. Obwohl die tief gebräunte Haut des Freewalkers auch als Sonnenschutz dienen konnte, war sie nicht der Grund, warum er kein Hemd trug. Für dessen Anfertigung hätte man auch eher einen Segelmacher als einen Schneider benötigt.

Unterhalb der Hüfte und des abstehenden Speicher-Melds, entfernt von dem flachen Schädel und den winzigen Augen, die vor der Sonne geschützt waren, sah der Körper des Fremdenführers fast schon normal aus. Da er auf seinem stark manipulierten Rücken keinen Rucksack tragen konnte, nutzte Quaffer übergroße Hosentaschen und einen leichten Handkoffer, um seine Ausrüstung zu transportieren. Der Platz schien ihm zu reichen. Aber Ingrid rief sich ins Gedächtnis, dass er ja auch keine Wasserflaschen mit sich führen musste. Sie fragte sich, ob man schwappende Geräusche hören konnte, wenn er sich bewegte.

»Danke, aber wir brauchen keinen Fremdenführer«, erwiderte sie.

Whispr nickte langsam und machte ein entschlossenes Gesicht. »Wir kommen gut alleine klar.«

Die verkleinerten Augen sahen ihn von weit oben herab an. »In der Namib kommt niemand gut alleine klar.«

»Wir haben keinen sehr weiten Weg.« Ingrid versuchte, ihn freundlich anzulächeln. »Wir sind hier, um Vögel zu beobachten und auch andere Wildtiere und um die Anblicke und Geräusche der Wüste zu erleben. Alleine.« Sie deutete auf ihren Rucksack. »Wir haben genug Vorräte, um eine Woche oder sogar noch länger hier draußen zu bleiben, wenn uns der Sinn danach steht.«

»Wildtiere?« Aus dem breiten Mund drang ein leises Lachen. Er war nahezu lippenlos, da man die horizontalen fleischigen Kissen entfernt hatte, damit die Haut dort durch Hitze und Wind nicht aufspringen konnte. »Es gibt hier einige, aber ohne einen Fremdenführer werden Sie sie kaum zu Gesicht bekommen. Vielleicht sehen Sie einige Echsen und Schlangen. Eine Kobra könnte in Ihre Schlafdecke kriechen, und dann werden Sie sich wünschen, dass Sie jemanden angeheuert hätten, der weiß, wie man sie wieder loswird.« Er schüttelte reuevoll den Kopf. »Ich habe schon viele Besucher geführt. Meine Menschenkenntnis ist nicht die schlechteste, und ich kann Ihnen ansehen, dass Sie nicht zu den Leuten gehören, die eine Woche auf der Suche nach Tieren in der Wüste verbringen.«

Obwohl ihn der große Freewalker so weit überragte, dass er nicht einmal den oberen Rand des Wassersacks sehen konnte, machte Whispr einen mutigen Schritt nach vorn. »Sie haben nicht die leiseste Ahnung, was wir für Leute sind oder wonach wir suchen.«

»Ha! Das glaube ich schon.« Der Fremdenführer deutete an dem deutlich schmaleren Meld vorbei in Richtung der flachen Gebäude von Orangemund. »Ich lebe das ganze Jahr hier. Quaffer kennt jeden, und jeder kennt Quaffer.«

Aufgrund ihres kürzlich erfolgten heimlichen Treffens mit dem Nerens-Flüchtling Morgan Ouspel war Whispr sofort alarmiert. »Es ist bestimmt schön, so beliebt zu sein.«

Der große Meld ließ seine linke Hand unauffällig an die Seite gleiten. »Jeder, der auf der Suche nach wilden Tieren an diesen entlegenen Ort kommt und klar bei Verstand ist, hält sich dabei an den Fluss und dessen direkte Umgebung. Die einzigen Menschen, die in der Wüste nach Tieren suchen, sind Wissenschaftler, Biologen, Zoologen, Herpetologen und Entomologen.« Er verengte die Augen noch weiter. »Sind Sie Wissenschaftler?«

»Kann schon sein.« Ingrid war erschrocken, wie leicht ihr diese Antwort fiel. Sie erkannte, dass das noch etwas war, was sie sich seit Beginn ihrer Partnerschaft mit dem gerissenen Whispr angeeignet hatte. Inzwischen war sie zuversichtlich, glaubhaft lügen zu können. »Was interessiert Sie unser Beruf?«

Quaffer sah eher amüsiert als beleidigt aus. »Ein Fremdenführer sollte so viel wie möglich über die wissen, für die er verantwortlich ist. Ich sollte beispielsweise wissen, ob Sie in der Wüste eher hilflosen Kindern gleichen würden oder schon Erfahrung mitbringen.«

»Sie müssen überhaupt nichts wissen.« Whispr ging um den Freewalker herum und zückte seinen Kommunikator. »Wir gehen weiter. Wenn Sie versuchen, uns aufzuhalten, werde ich die Polizei informieren.« Er gestattete sich ein vielsagendes Grinsen. »Da Sie behaupten, jeder würde Sie kennen, wird das vermutlich auch für die Polizei gelten.«

»Ich will Sie nicht aufhalten«, knurrte der große Meld. »Ich wollte Ihnen bloß helfen. Sie können unmöglich ohne Unterstützung weit in das Sperrgebiet hineingehen.«

Whispr verdrehte die Augen. »Wieso glauben Sie überhaupt, dass wir ›weit in das Sperrgebiet hineingehen‹ wollen

Der Tonfall des Freewalkers veränderte sich merklich. »Wie gesagt, ich kenne jeden, und jeder kennt mich. Vielleicht sind mir ja einige Dinge zu Ohren gekommen … über Sie.«

Ingrid warf ihrem Begleiter einen besorgten Blick zu. Whispr war jedoch noch lange nicht eingeschüchtert, allerdings auf einmal sehr vorsichtig.

»Sie wissen überhaupt nichts und haben auch nichts gehört. Das war doch nichts weiter als ein Schuss ins Blaue.«

»Das kann schon sein«, gab Quaffer zu. »Doch ein Versuch kann ja nicht schaden.« Als er seine Füße bewegte, beantwortete der Meld-Wassersack auf seinem Rücken Ingrids zuvor nicht ausgesprochene Frage und gab ein leichtes Gluckern von sich. »Ich schätze, Sie könnten durchaus Wissenschaftler sein. Gehen wir einfach mal davon aus, es wäre so. In diesem Fall müssten Sie mich nicht für meine Hilfe bezahlen. Ich würde Sie nur zu gern für einen Anteil an den ›wissenschaftlichen‹ Entdeckungen, die Sie machen, herumführen.«

Als sie ihn mit einem Stirnrunzeln anblickte, wünschte sich Ingrid, sie würden diese Unterhaltung im Schatten führen. Mit Ausnahme der hinter ihnen liegenden Stadt und den Bergen weit im Westen gab es jedoch kilometerweit nichts, was ihnen Schatten spenden konnte.

»Ich kann Ihnen nicht folgen. Wie sollten wir eine wissenschaftliche Entdeckung mit Ihnen teilen können?«

Auf dem lippenlosen Mund zeichnete sich ein vielsagendes Grinsen ab. »Ich weiß, dass es jede Menge verschiedener Wissenschaften und alle möglichen Wissenschaftler gibt. Einige habe ich bereits erwähnt. Dann wären da noch die Ornithologen, die Botaniker, die Paläontologen …« Er erschreckte Ingrid, als er sich plötzlich vorbeugte und ihr zuzwinkerte. »Die Geologen.«

Jetzt erschien ein anderes Lächeln auf Whisprs Gesicht. »Ach, so ist das also.«

Ingrid sah ihn blinzelnd an. »Ich kann euch nicht folgen.«

Ihr Gefährte deutete mit dem Kinn auf den Wüsten-Meld. »Ich hab’s jetzt begriffen. Unser mit Wasser vollgesogener Freund hier glaubt, wir hätten es auf Diamanten abgesehen.«

»Diam…?« Sie schüttelte den Kopf und wandte sich erneut dem Freewalker zu. »Wir gehen campen und hoffen, viele wilde Tiere zu sehen.« Erneut deutete sie auf ihren Rucksack. »Wenn mein Freund und ich unsere Rucksäcke ausleerten, würden Sie sehen, dass wir keinerlei geologische Werkzeuge bei uns haben.«

»Das hat nichts zu bedeuten.« Als sich Quaffer ein wenig zur Seite drehte, konnte Ingrid den bemerkenswerten Buckel aus mit Wasser gefülltem Fleisch erkennen, der sich wie ein riesiges beigefarbenes Hohltier an seinen Rücken klammerte. »Dieses Land ist voller Diamanten. Als die ersten Deutschen hierhergekommen sind, haben sie Kaffeekannen mit Edelsteinen gefüllt, die sie nur vom Boden aufheben oder aus dem Sand sieben mussten. Man braucht nicht jedes Mal Sprengstoff und schwere Maschinen. Nicht, wenn man weiß, wo man suchen muss.« Er sah sie wieder an.

»Ich glaube, Sie beide haben einen Hinweis auf einen Ort gefunden, den die Deutschen, die Briten und die Buren übersehen haben. Ein großer Teil dieses Landes wurde noch von keinem Menschen betreten. Möglicherweise mit Ausnahme der San, aber die haben sich nicht für die Diamanten interessiert. Sie könnten einen Hinweis auf eine alte Flussablagerung haben oder vielleicht auch eine noch nicht abgebaute Meeresterrasse, die unter den Dünen verborgen liegt.« Seine kleinen Augen schienen sie zu durchbohren. »Aber ich weiß mit Sicherheit, dass niemand Orangemund verlässt und zu Fuß in Richtung Norden geht, um Wildtiere zu beobachten.«

Whispr begann, um ihn herumzugehen. »Dann ist das eben das erste Mal. Komm jetzt, Ing… liebste Freundin.«

Sie folgte ihm, wobei sie einen Bogen um den massigen Freewalker schlagen musste. Quaffer beobachtete sie, machte aber keinen Versuch, ihr den Weg zu versperren. Als Whispr und sie schnell weitergingen, konnte sie seinen Blick in ihrem Rücken spüren. Er rief ihnen noch etwas nach, und seine warnenden Worte schienen in der kristallklaren Wüstenluft zu schweben.

»Sie sind auf dem Weg zu einem der schlimmsten Orte der Erde! Es ist mir egal, was für Kommunikations- und Navigationsgeräte Sie bei sich haben … Die Namib verschlingt Menschen. Ohne einen Fremdenführer wird sie auch Sie verschlingen.«

Bei diesen Worten drehte sich Whispr um, sodass er rückwärts über den vollkommen flachen Boden ging, zog seinen Kommunikator und wedelte damit in der Luft herum. »Wenn wir um Hilfe rufen, können Sie sich zumindest darauf berufen, dass Sie uns gewarnt haben.«

»Das kann ich dann Ihren Leichen erzählen.« Quaffers Stimme wurde immer leiser, je weiter sie sich voneinander entfernten. »Denn wenn Sie länger als einen Tag ohne Führer in das Sperrgebiet hineingehen, wird der Sicherheitsdienst der Firma Sie entdecken und umbringen! Selbst wenn Sie wirklich Wissenschaftler sind.«

Als Ingrid ihren Rucksack etwas höher zog, pumpten sich die integrierten Luftkissen ein wenig weiter auf, um ihr die Last zu erleichtern. »Glaubst du, dass er recht hat, Whispr? Haben wir nur einen Tag, bevor uns der SAHV findet?«

Der Antwort ihres Begleiters war sein charakteristischer Fatalismus anzuhören. »Hast du etwa vergessen, dass ich diese ganze Wüstendurchquerung von Anfang an für ein Himmelfahrtskommando gehalten habe? Andererseits hätte ich auch nie gedacht, dass wir überhaupt so weit kommen. Ich fühle mich wie ein Stein, der einen immer steileren Abhang hinunterrollt. Bei jedem Schritt muss ich schneller gehen, und die Wahrscheinlichkeit, dass ich den Rückweg je antreten werde, wird immer geringer.« Er zuckte mit den Achseln. »Wir können nicht umkehren, also gehen wir weiter.«

»Wenigstens hast du deine Tiere gesehen«, meinte sie, während sie einen großen Schritt über eine breite Ameisenstraße hinweg machte.

»Ja.« Als er sich an ihren Besuch im Sanbona-Reservat erinnerte, in dem es von Tieren nur so gewimmelt hatte, steckte er seine Daumen unter die Riemen seines Rucksacks. Er war so dünn, dass er ihn nur aufgrund der eingebauten Stabilisierungsfunktion überhaupt tragen konnte. »Ja, das war schon was ganz Besonderes.« Er warf ihr einen Blick zu. »Dafür bin ich dir sehr dankbar, Doc. Was immer jetzt noch passieren mag, dafür danke ich dir. Das war definitiv anders als in Savannah.«

»Wem sagst du das.« Sie richtete den Blick wieder nach vorne. »Ich wüsste zu gern, was einige meiner Patienten sagen würden, wenn sie mich jetzt sehen könnten.«

»Vermutlich würden sie sich Sorgen machen, weil die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass du bald ebenfalls einen Arzt brauchen wirst.«

Er sah zurück zur Stadt. Hinter ihnen war nirgendwo eine Bewegung zu entdecken. Der Freewalker mochte sich zwar sehr für ihr Ziel interessieren, aber er folgte ihnen nicht. Erneut waren sie völlig allein in der gewaltigen südlichen Namib-Wüste.

Nicht völlig allein, rief er sich in Erinnerung. Auch wenn sie jetzt im Grunde genommen Eindringlinge in der verbotenen Zone waren, brauchte es doch nur einen Anruf mit dem Kommunikator, um Hilfe zu rufen. Die Behörden in Orangemund würden den Notruf zweier zu Besuch weilender Namerikaner nicht ignorieren. Sollten sie in eine lebensgefährliche Lage geraten, konnten Ingrid und er problemlos um Unterstützung bitten. Das wäre zwar vermutlich das Ende ihres Versuchs, den Geheimnissen des mysteriösen Metallfadens auf den Grund zu kommen, den Ingrid bei sich hatte, und man würde sie wegen unbefugten Eindringens in dieses Gebiet belangen, aber er bezweifelte, dass man sie ins Gefängnis werfen würde. Erst recht nicht, wenn sie herausfanden, dass seine Begleiterin Ärztin war. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Rechtsprechung hier sehr viel anders ablief als zu Hause, wo die Gerechtigkeit ein gemischter Salat war, der mit Geld gewürzt wurde.

Ein Blick zur Seite sagte ihm, dass Ingrid flott weitermarschierte und eine entschlossene Miene zur Schau stellte. Sie hatte ihr manipuliertes rotes Haar unter dem breitkrempigen thermosensitiven Hut hochgesteckt und ihre Haut biochirurgisch abdunkeln lassen. Jetzt marschierte sie Meter um Meter über den harten Boden, auf Beinen, die dank ihrer Reise durch Florida und Südafrika kräftiger geworden waren. Ihr gleichbleibendes Tempo und ihr resoluter Gesichtsausdruck unterschieden sich sehr von dem Anblick, den die blasse Ärztin, die er anfangs in ihrem Büro in Savannah gebeten hatte, die Polizei-Traktaks aus seinem Rücken zu entfernen, geboten hatte. Er und diese Frau, die über einen Grad an Bildung verfügte, den er niemals erreichen würde, liefen Seite an Seite denselben steilen Abhang entlang. Einer Sache war er sich inzwischen ganz sicher: Sie würden auch zusammen am Boden ankommen.

Wenn sie sich doch nur ein Mal von ihm umarmen ließe, bevor es zu Ende ging.

Er seufzte. Eine Bewegung über seinem Kopf erregte seine Aufmerksamkeit, und er sah blinzelnd zum Himmel hinauf, der derart saphirblau war, dass es in seinen Augen wehtat. Da war eine Krähe, eine stinknormale schwarz-weiße Krähe. Er grinste. Es gab doch Leben in der Namib, wenn auch nicht gerade viel. Wilde Tiere. Was immer jetzt geschah, er hatte sich einen Kindheitstraum erfüllt und endlich Wildtiere gesehen.

Die Krähe flog weiter, nachdem sie beschlossen hatte, dass die beiden Gestalten, die sich weit unter ihr bewegten, zu groß waren, um angegriffen zu werden, und wurde zu einer kleinen geflügelten Silhouette am blauen Himmel. Zum Leidwesen des Aasfressers waren die beiden zweibeinigen Kreaturen weder tot noch kurz davor.

Noch nicht.

*

Die erste Nacht, die sie in der Namib-Wüste verbrachten, hätte magisch sein können, wenn es denn nicht so kalt gewesen wäre. Zum Glück hatten sie sich die Zeit genommen und ihre Campingausrüstung vor dem Aufbruch in Orangemund sorgfältig zusammengestellt, sodass sich Ingrid nun unter ihrer zusammenfaltbaren, aber warmen Heizdecke einkuscheln und zu mehr Sternen hinaufsehen konnte, als in den Astronomietexten an den Universitäten beschrieben wurden. Die Milchstraße, die nachts im hell erleuchteten Savannah nicht einmal zu erkennen war, schien so nah zu sein, dass sie sie beinahe anfassen konnte. Ingrid glaubte, sie müsse nur die Hand ausstrecken, um eine Handvoll Sterne zu ergreifen und sie wie geriebenen Parmesankäse auf ihrem sich selbst erhitzenden Nudelkonzentrat zu verstreuen.

Doch die vermeintliche Illusion der Einsamkeit verschwand, als in der Ferne etwas eindeutig Säugetierartiges und Unmenschliches jaulte. Sie unterdrückte ein Auflachen, als sie sah, wie sich Whispr nervös umblickte.

»Was ist das? Ein Wolf?«

Aus einer anderen Richtung hallte ein zweites Jaulen über die karge Ebene. Dann bildeten die beiden Tiere ein Duett und brachten eine Hundeoper dar. Ingrid war überrascht, dass sie diesen traurigen Austausch eher aufregend als beängstigend fand.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier Wölfe gibt. Das sind vermutlich Schakale.« Sie schaufelte noch eine Gabel voll Nudeln in ihren Mund. »Du musst doch auch etwas über diesen Ort gelesen haben, Whispr. Er mag verlassen aussehen, aber das ist er nicht.« Im Sternenlicht schienen ihre Augen zu strahlen. »Schakale müssen fressen, was wiederum bedeutet, dass es hier außer ihnen noch andere Tiere geben muss.«

»Das ist mir klar«, murmelte er. »Vermutlich ernähren sie sich von den Leichen anderer dummer Wanderer wie uns.«

Sie warf ihm in der Dunkelheit einen Blick zu und schüttelte den Kopf. »Manchmal glaube ich, dass dich dein Pessimismus noch überdauern wird, Whispr. Selbst wenn du gestorben bist, wird er noch da sein, wie ein grauer, trauernder Geist. Bis er von jemand anderem Besitz ergreifen kann, der dann ebenso deprimiert wird, wie du es bist.«

Nachdem er sein karges Mahl verspeist und den biozersetzenden Behälter so weit in die Nacht hinausgeworfen hatte, dass er sich sicher war, nachts nicht von herumwandernden Ameisen angefallen zu werden, legte er sich unter seine eigene dünne Decke.

»Ich sage es gern noch mal, Doc: Dieser Pessimismus hat einen großen Teil dazu beigetragen, dass du noch am Leben bist.«

Das konnte sie nicht bestreiten. Sie stand auf und schleuderte ihren eigenen Essensbehälter ebenfalls in die Dunkelheit. Ein leises Geräusch ertönte, als er auf dem Boden aufkam, dann herrschte wieder Stille. Whispr versuchte, sie nicht anzustarren, als sie sich reckte, was ihm wie immer nicht gelang. Während er immer nervöser und angespannter wurde, je näher sie ihrem Ziel kamen, desto schöner schien Dr. Ingrid Seastrom zu werden – und das lag nicht nur an den kürzlich erfolgten kleineren Reparatur-, Austausch- und Regenerationsmaßnahmen. Sie drehte sich um und sah ihn an.

»Wir werden das durchziehen, Whispr. Wir werden es nach Nerens schaffen, hineingelangen und rausfinden, worum es bei diesem Faden überhaupt geht.«

Er lag unter seiner Decke und antwortete, indem er seine üblichen Zweifel zum Ausdruck brachte. »Du glaubst noch immer, dass es uns gelingt, in die Anlage reinzukommen, wenn wir sie nur erreichen.«

Sie betrachtete seine liegende, zusammengekrümmte Gestalt. »Natürlich. Vor allem aus dem Grund, weil es niemandem möglich sein dürfte, Nerens zu erreichen. Alle werden davon ausgehen, dass wir dorthin gehören, und zwar allein aus dem Grund, weil sich nur jene dort aufhalten, die auch da sein dürfen.«

»Das ist ein Zirkelschluss. Deine Logik passt hinten und vorne nicht.«

Sie blinzelte. »Ich bezweifle, dass du das Konzept eines Zirkelschlusses überhaupt begreifst, Whispr.«

»Wie kommst du auf die Idee?« Er drehte sich herum. Der Boden war hart, aber das waren die Gehwege in Savannah auch, und auf denen hatte er schon so manche Nacht verbringen müssen. »Auf der Straße gibt es jede Menge Zirkelschlüsse. Man sieht aus wie ein Gesetzesbrecher, also nimmt die Polizei einen mit. Wenn man von der Polizei mitgenommen wird, muss man ein Gesetzesbrecher sein. Wenn man aussieht wie ein Verbrecher, wenn man in ein Geschäft geht, dann denkt der Ladenbesitzer auch, dass man ein Verbrecher ist, und behandelt dich wie einen.« Er hustete kurz. »Ich könnte noch ewig so weitermachen, aber ich bin müde.«

»Dann schlaf gut.« Sie setzte sich und wickelte sich in ihre Decke. Von den Gesängen der Silberrückenschakale, die sie nicht sehen konnte, begleitet, schlief sie langsam ein.

Whispr lag noch lange wach und konnte keinen Schlaf finden. Er vertraute dem Jaulen der vierbeinigen Vertreter ebenso wenig wie dem Gelaber, das die zweibeinige Variante so von sich gab.

*

Sie hielten alle dreißig Minuten an, um ihre Position auf ihren Kommunikatoren zu überprüfen. Verständlicherweise führte sie Morgan Ouspels Route weiter ins Landesinnere und blieb der einzigen, verbotenen Nord-Süd-Straße fern. Nach mehreren Tagen verloren sich selbst die letzten Anzeichen eines befestigten Weges. Das bedeutete jedoch nicht, dass das felsige, unbewohnbare Terrain niemals besucht wurde. Ein Schweber würde nur dort, wo er landete, Spuren hinterlassen.

Sie gingen parallel zu einem ausgetrockneten Flussbett. Zwar folgte Ouspels Kurs genau dessen gewundenem Verlauf, aber sie sahen keinen Grund, jede Kurve mitzumachen. Anstatt in dem fünf Meter tiefen Graben gingen sie oben am Rand danebenher und konnten so den Felsen und dem Sand am Boden ausweichen und gleichzeitig die schärferen Kurven abkürzen. Indem sie oben blieben, sparten sie Zeit und hatten einen kürzeren Weg.

Doch so waren sie auch besser zu sehen.

Zum Glück ermöglichte es ihnen Whisprs verbessertes Hörvermögen, das Geräusch aufzufangen, bevor sie entdeckt wurden.

»Runter!« Ohne sich zu vergewissern, dass sie seiner Aufforderung nachkam, kletterte er wie verrückt den erodierten Abhang hinunter und in das Flussbett. »Bleib nicht stehen, sieh dich nicht um – versteck dich einfach!«

Sie hastete ihm hinterher, sah sich aber dennoch um, konnte jedoch nichts erkennen. »Was … Whispr, ich sehe nichts …?«

»Sucher! Komm hier runter!«

Als sie unten angekommen war, bewegte sie sich so schnell, dass sie gegen ihn prallte und beinahe zusammen mit ihm zu Boden gestürzt wäre. Obwohl sie mehr wog als er mit seinem verschlankten Körper, hatte er genug Kraft in den Armen, um sie festzuhalten, bis sie wieder alleine stehen konnte. Der Schreck über diesen Körperkontakt machte ihm sofort zu schaffen. Er wollte sie in den Armen halten und nicht wieder loslassen. Schließlich überwand er sich jedoch und gab sie frei, weil er nicht wollte, dass sie beide aus diesem Grund sterben mussten.

»Hier!« Er deutete hektisch auf einen Felsüberhang. Ohne nachzusehen, ob die schmale Öffnung nicht bereits von Skorpionen oder Schlangen besetzt war, ließ er sich auf den Bauch fallen und glitt über den Sand unter den Vorsprung. Obwohl er ihr den meisten Platz überließ, musste sich Ingrid dennoch anstrengen, um sich weit genug hineinzuzwängen, dass man sie von oben nicht mehr sehen konnte. Es war nicht mehr genug Zeit, um den Rucksack abzunehmen, und sie konnte spüren, wie er über den Stein schabte und drohte, sie dort einzuklemmen.

Eine Minute verging, dann noch weitere. Die Sonne strahlte von oben herab. Zwei pechschwarze, fast schon kugelförmige Nebeltrinker-Käfer schlichen wie aus einem Comicstrip entsprungen über den Boden der Schlucht. Die Stille, die nicht einmal vom Schrei eines Vogels durchbrochen wurde, war ohrenbetäubend.

»Whispr, vielleicht hast du ja nur wieder eine Krähe gesehen.« Derart eingeklemmt unter dem vorstehenden Felsen, bekam sie langsam einen Krampf im rechten Bein. »Wir könnten ja mal nachsehen und …«

»Krähen reflektieren das Licht nicht. Bleib hier.«

Obwohl sie seine Anweisung befolgte, steigerte sich ihre Frustration mit jeder verstreichenden Minute. In ihrem Bein pochte es. Sie wusste aus Erfahrung, dass ihr Begleiter zu einer recht ausgeprägten Paranoia neigte. Man konnte sogar sagen, dass er sie genoss. Im Verlauf ihrer gemeinsamen Reise hatte er schon mehrfach unnötig Alarm geschlagen, und vielleicht war es auch jetzt wieder nichts als ein Fehlalarm. Wie lange sollte sie seiner Meinung nach dort liegen, das Gesicht auf den Kies und den Sand gedrückt?

»Hör mal, Whispr, falls da draußen irgendetwas gewesen ist, dann ist es inzwischen längst weg.« Sie wollte wieder rausklettern, doch er hielt ihren Arm fest. Ihr Blick war mörderisch. »Lass mich auf der Stelle …!«

Ohne ein Wort zu sagen, legte er ihr die andere Hand auf den Mund. Ihre Augen weiteten sich. Ihr gedämpfter Wutausbruch verpuffte an seiner nicht allzu sauberen Handfläche, die sich gegen ihre Lippen drückte.

Dann hörte sie es und erstarrte.

Die Suchdrohne war von einem Typ, den sie nie zuvor gesehen hatte. Jene, die in Savannah eingesetzt wurden, gab es in verschiedenen Variationen, die von der Abteilung der Stadt abhingen, in der sie eingesetzt wurden. Die Drohnen der Feuerwehr besaßen kleine Tanks gefüllt mit einem hochkonzentrierten Feuerlöschmittel, Fluchtleitern oder andere Notfallausrüstungen. Medizinische Drohnen waren mit Verbandskästen und Greifarmen ausgestattet, mit denen Ärzte, die im Kontrollraum des Krankenhauses vor dem Monitor saßen, direkt vor Ort eine Notfallversorgung vornehmen konnten. Polizeisucher waren bewaffnet und gepanzert. Aber diese hier 

Ihre Repulsoren summten leise, als sie durch die Schlucht und direkt an ihrem Versteck vorbeiglitt. Whispr drückte sein Gesicht in den Sand, aber Ingrid war so fasziniert, dass sie nicht wegsehen konnte. Vielleicht wurden sie nur dank des Schattens gerettet. Oder die Drohne war gerade dabei, die andere Seite der Schlucht zu scannen, als sie sie passierte. Sie war anders als jeder Sucher, den sie je gesehen hatte, selbst in den Vids hatte es so etwas nicht gegeben. Bedeckt von einem Hochleistungs-Flex-Schwarz, das auch einen Teil der Energieversorgung übernahm, bewegte sie sich nahezu lautlos, das einzige Geräusch war das leise Summen ihres gedämpften Antriebs. Aus dem oberen Teil ragten mehrere Antennen. Die Dinger, die seitlich herausragten, konnten Waffen sein, aber da war sie sich nicht sicher – sie hatte jedoch auch nicht die Absicht, das herauszufinden. Unter der Energiefarbe musste sich die Panzerung befinden. Der Sucher sollte nicht nur kämpfen, sondern auch dem ersten Angriff standhalten und eine verheerende Antwort geben. In der Stille konnte sie hören, dass ihr Herz laut klopfte.

Es schlug noch schneller, als sie spürte, wie sich an ihrem Bein etwas bewegte.

Sie sah an ihrem Körper herab und erblickte die Schlange, die über ihre Unterschenkel glitt, woraufhin sie unwillkürlich aufkeuchte. Vor ihrem Versteck hielt der Sucher, der sich die Schlucht entlangbewegt hatte, plötzlich an. In der Luft schwebend drehte er sich von einer Seite auf die andere und nutzte seine nach vorn ausgerichteten Scanner, um das Gebiet direkt vor sich zu untersuchen. Er drehte sich nicht um.

Die Schlange war riesig, über vier Meter lang und von einer glänzenden, dunkel-olivgrünen Farbe. So dunkel, dass sie schon fast schwarz war. Ingrid starrte das Tier an und bewegte keinen Muskel, während sie versuchte, sich an alles zu erinnern, was sie über diesen Teil der Welt gelesen hatte, als sie von Miavana aus den Atlantik überquert hatten. Die Namib-Wüste war die Heimat mehrerer Giftschlangen, und aufgrund ihres deutlich erkennbaren Schimmerns musste das hier eine 

Eine schwarze Mamba sein. Die zweitgrößte Giftschlange der Welt. Zwei Tropfen ihres Gifts reichten aus, um einen Menschen zu töten. Eine Schlange dieser Größe musste zwanzig bis fünfundzwanzig Tropfen bei einem Biss absondern. Diese Tiere waren aggressiv und furchtlos.

Sie entleerte ihre Blase. Ihr Erste-Hilfe-Set enthielt ebenso wie das von Whispr einige Dosen eines adaptiven Gegengifts, aber wenn sie hier draußen von einer so riesigen Mamba gebissen wurde, konnte sie das kaum überleben.

Wenigstens würde sie sich als Ärztin der Symptome und Effekte komplett bewusst sein, während das Gift sie tötete, dachte sie, als die Panik sie zu übermannen drohte.

Die Schlange folgte den warmen Kurven ihres Körpers und näherte sich ihrem Gesicht.

Sie hatte einen trügerisch kleinen Kopf, fand Ingrid. Er war seitlich abgeflacht und wirkte mit seinen dunklen Augen böse. Als der schwere, muskulöse Körper an ihrem Oberkörper entlangglitt und ihre linke Schulter erreichte, hatte sie das Gefühl, als würde ihr jemand ein Stahlkabel über den Rücken ziehen. Während sie näher kam, schnellte ihre Zunge immer wieder aus ihrem Maul, wie auf den Naturvids, die sie sich zur Entspannung angesehen hatte. Damals, in ihrer wunderschönen, klimatisierten, durch und durch zivilisierten schlangenfreien Wohnung in Savannah. Sie versuchte, sich in dieses ferne städtische Paradies zu versetzen, fort von der tödlichen Schlange, fort von dem harten, kalten, unebenen Boden, auf dem sie lag und mit dem Tod innerhalb der engen Höhle und einem ganz anderen, der draußen in dem ausgetrockneten Flussbett in der Luft schwebte, konfrontiert war. Sie schloss die Augen.

Das Gewicht war noch eine Weile zu spüren und dann verschwunden. Ingrid war noch am Leben. Sie schlug die Augen auf und sah, dass sich die Schlange von ihr entfernte. Ruhig glitt sie zur anderen Seite der Schlucht.

Sie war nicht die Einzige, die das Tier bemerkt hatte. Whispr, der neben ihr lag, hatte den Kopf gehoben, allerdings starrte er nicht etwa das sich entfernende Reptil, sondern sie an. Sie brauchte einen Augenblick, bis sie seinen Gesichtsausdruck gedeutet hatte.

Es war Bewunderung.

Dann pressten sie beide wieder die Gesichter gegen den harten Boden, als die Erde vor ihrem Versteck gen Himmel geschleudert wurde.

Zuerst glaubte Ingrid, man hätte auf sie geschossen, doch dann begriff sie, dass die spitzen Stiche, die sie am Kopf und den Schultern spürte, daher kamen, dass sie von zersplitterten Felsstücken und nicht etwa Kugeln getroffen wurde. Als sie aufsah, erkannte sie, dass noch weitere Felsen zu Boden fielen. Sie wirbelten Staub, Sand und die Überreste der armen Mamba auf. Nachdem sie die unautorisierte Bewegung hinter sich entdeckt hatte, hatte sich die präzise programmierte Suchdrohne in der Luft gedreht und ihre Primärwaffe abgefeuert. Nach der Analyse der organischen Rückstände und der Erkenntnis, dass die ursprüngliche Form keine Bedrohung mehr darstellte, zeichnete die Maschine die relevanten Informationen auf ihrem internen Speichermedium auf und sendete sie an ihre heimatliche Andockstation.

Tief im Inneren der SAHV-Anlage in Nerens nahm ein pflichtbewusster, aber gelangweilter Sicherheitstechniker zur Kenntnis, dass Sucher 18 eine Schlange getötet hatte. Alle bewaffneten Suchdrohnen der Anlage hatten so programmiert werden sollen, dass sie die zahlreichen der in der Namib beheimateten Wildtiere erkannten und verschonten, aber dies war nur sehr oberflächlich umgesetzt worden. Die Untergebenen von Sicherheitschef Het Kruger waren nicht gerade besorgt, dass eines Tages erzürnte Vertreter des World Wildlife Funds vor der Tür stehen könnten.

Sobald der Sucher nicht mehr zu sehen war, begann Ingrid, unter dem Felsvorsprung hervorzukrabbeln. Da das Adrenalin noch immer durch ihre Adern pulsierte, fiel es dem stärkeren, aber sehr viel leichteren Whispr schwer, sie zurückzuhalten.

»Noch nicht!«, zischte er. »Es ist noch zu früh.« Er deutete auf die Biegung der Schlucht, hinter der der Sucher gerade verschwunden war. »Die Drohne könnte noch direkt dahinter lauern oder beschließen, zurückzukommen und das Ganze noch einmal zu überprüfen.«

»Scheiß auf eine Überprüfung!«, fauchte sie. Ihre ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf die Dunkelheit im hinteren Teil der Höhle. »Was ist, wenn hier drin noch mehr Schlangen sind?« Sie spürte Säure in ihrer Kehle und schluckte sie wieder runter. »Was ist … Was ist, wenn das ihr Bau ist?«

Er versuchte, sie zu beruhigen. »Hör mir gut zu, Doc. Ich habe schon einige Zeit in den Sümpfen an der Küste verbracht. Das ist sogar noch gar nicht so lange her. Da wimmelt es nur so von üblen Schlangen. Mokassinschlangen, Wasserschlangen, Anakondas und anderen bösen Einwanderern. Ich wurde noch nie gebissen. Wenn du sie in Ruhe lässt, dann ignorieren sie dich ebenfalls. Sie vergeuden nicht gern ihr Gift.« Er lächelte verschmitzt. »Das ist in etwa wie bei den Bullen, die auch nicht gern ihre Munition verschwenden.«

Allmählich beruhigte sich ihr Herzschlag und normalisierte sich. »Was glaubst du, wie lange wir uns hier verstecken müssen?«

Nachdenklich sah er auf das weite, sonnenbeschienene, ausgetrocknete Flussbett hinaus. »So lange man sich eben irgendwo vor irgendwas verstecken muss, was vermutlich länger ist, als du glaubst. Lass uns zur Sicherheit noch eine halbe Stunde hier bleiben.«

Sie riss die Augen auf. »Eine halbe Stunde?« Ihr vom Urin bedecktes rechtes Bein begann zu jucken.

Er sah sie an. »Ich halte Wache. Du kannst ein Nickerchen machen.«

Vor ihrem inneren Auge sah sie, wie eine zweite Mamba über ihren Körper kroch, während sie schlief. Oder vielleicht würde es dieses Mal auch eine Kobra sein, die den seltsamen warmen Eindringling inspizierte. Sie hatte die Hosenbeine sicher in die Wanderstiefel gesteckt, aber trotzdem 

»Beobachte du die Schlucht«, erwiderte sie. »Ich behalte meine Zehen im Auge.«

2

Wenn sie sich an Morgan Ouspels Route hielten (und keinen weiteren Suchdrohnen auf Patrouille mehr begegneten), würden sie Whisprs Schätzung nach etwa zwei Wochen brauchen, bis sie die SAHV-Anlage in Nerens erreichten. Die Karte und die Koordinaten, die sie von dem abtrünnigen Firmenangestellten erhalten und auf ihre Kommunikatoren geladen hatten, wiesen auch die Position kleiner Wasserlöcher aus, an denen sie ihre kompakten Wasserflaschen auffüllen konnten. Im Notfall konnten die dicht gefalteten Sammelgewirke im Inneren dieser handlichen Geräte ausgeklappt werden, um eine begrenzte Menge an Feuchtigkeit selbst aus der derart trockenen Luft im Inneren der Namib zu extrahieren. Was ihre Ernährung anging, so hatten sie einen großen Vorrat an Konzentraten dabei, und er hatte Orangemund mit einer ausreichenden Menge an den erforderlichen Zusatzstoffen verlassen, damit das NEM, das er sich hatte einsetzen lassen, auch weiterhin richtig funktionierte. Sobald sie in die Anlage eingedrungen waren, würden sie Ingrids Ansicht nach einen Weg finden, um sich mit Essen und Trinken zu versorgen.

All diese Überlegungen basierten natürlich auf der Annahme, dass sie sich als Angestellte von SAHV und ihn als ihren Assistenten ausgeben konnte. Eine gewagte Prognose, sagte er sich, während er mühelos mit dem Tempo der Ärztin mithielt. Aber ihre ganze Reise war von dem Tag an, an dem sie Savannah verlassen hatten, sehr gewagt gewesen. Das Wissen, dass auf jene, die große Risiken eingingen, auch große Belohnungen warteten, beruhigte ihn ein wenig.

Das sagte er sich ständig, als er auf die gewaltige Weite des Sperrgebiets hinausstarrte, das sich vor ihm ausstreckte.

*

Ingrid war davon überzeugt, dass alles vorbei und sie erledigt waren, als sie auf den schlafenden Fremden fielen.

Obwohl Whispr ein kleines Stück vor ihr ging, traf ihn keine Schuld. Der Stoff, der unter ihm einstürzte, war von derselben Farbe und Textur wie der Boden, den sie schon seit mindestens einem Kilometer unter den Füßen hatten. Die Tatsache, dass er unter seinem äußerst geringen Gewicht nachgab, war ein Anzeichen dafür, wie zerbrechlich die Stützen waren, auf denen er geruht hatte. Der Schrei, den ihr Begleiter ausstieß, als er stürzte, glich ihrem eigenen Kreischen, als sie taumelnd versuchte, nicht das Gleichgewicht zu verlieren und ebenso wie er zu fallen, was ihr jedoch nicht gelang.

Der heisere überraschte Laut, der ihren Sturz begleitete, kam jedoch nicht von ihnen.

Während sie noch versuchte, irgendwie wieder auf die Beine zu kommen, wurde das Tarnmaterial, das sich beim Sturz um sie gewickelt hatte, heruntergerissen. Sie rollte herum und starrte das scharfe Ende einer spitz zulaufenden Schaufel an. Der neben ihr liegende Whispr hatte die Spitze einer Hacke vor dem Gesicht. Als sie aufsah, erkannte sie, dass ihr Gegenüber außerdem eine dicke Waffe mit kurzem Lauf in der Hand hielt, die auf sie zielte. Mit dem vierten Arm schirmte er seine Augen gegen das plötzlich eindringende Sonnenlicht in sein bis eben verborgenes Lager ab.

Sie konnte nicht anders, als ihn anzustarren. Wie die Rippen eines Dinosauriers ragten die Stiele der Hacke und der Schaufel aus seinen mehrfach manipulierten Schultern. Um die überzähligen Gliedmaßen zu stabilisieren, besaß er zusätzliche Muskeln sowie ein stützendes Titangewebe. Die Hacke und die Schaufel wurden jedoch nicht von weiteren Händen gehalten, sondern ersetzten diese. Anstelle der Finger war der Knochen an einem Ende jedes Arms so verformt und verändert worden, dass zwei völlig verschiedene Ausgrabungsutensilien entstanden waren. Jedes davon war mit einer Schicht aus organischem Kevlar bedeckt, die einen schützenden Handschuh über dem festen Knochen bildete. Auch wenn sie schon ziemlich viele exotische Melds gesehen hatte, war ihr so etwas wie die Gestalt, die ihnen nun gegenüberstand, noch nie begegnet. Wie sie bald herausfinden sollte, lag das vor allem daran, dass es innerhalb der Stadtgrenzen von Savannah keine unabhängigen Ausgräber gab. Auf einmal wurde ihr bewusst, dass Whispr ihr etwas zuraunte.

»Tja, das war’s dann wohl. Wir wurden entdeckt, sind aufgeflogen und erledigt. Jetzt ist alles aus.«

»Dass alles aus ist, können Sie laut sagen.« Der vierarmige Sprecher bewegte den Lauf seiner Waffe, sodass sie jetzt direkt auf Whisprs Gesicht zeigte. Währenddessen warf der Meld nervöse Blicke in Richtung Himmel. »Wo ist Ihr Schweber? Ist er schon unterwegs? Wird Ihnen aber auch nichts mehr bringen. Von Ihnen wird nichts als Mus übrig sein, wenn ich Ihre Körper durchs Sieb geschickt habe.«

Ingrid besaß noch gerade genug Geistesgegenwart, um zu stammeln: »Schweber? Wir haben keinen Schweber. Was zum Teufel reden Sie denn da?«

»Wollen Sie mir etwa erzählen, dass die Firma Sie zu Fuß hierher geschickt hat?« Er legte den Kopf auf die Seite, und Ingrid erkannte, dass sein rechtes Auge durch ein Vergrößerungs-Meld ersetzt worden war. Die Art, wie die darin eingebetteten Linsen die Sonne einfingen, bestätigte ihre Vermutung.

»Die Firma?« Sie warf Whispr einen Blick zu, bevor sie sich wieder zu dem Meld umdrehte. »Wir haben nichts mit der Firma zu tun. Wir sind unabhängig. Wissenschaftler. Wir sind aus eigenem Antrieb hier, um Tiere zu beobachten.«

Das lange Haar des Melds war glatt und weiß und fiel ihm auf die Schultern. Allerdings zeichnete sich auf dem Kopf bereits ein beachtlicher kahler Fleck ab. »Dann müssen Sie wissen, dass Sie sich hier illegal aufhalten. Der SAHV gestattet Wissenschaftlern den Zutritt zum Sperrgebiet nur dann, wenn sie von der Firma überwacht werden.« Die Mündung seiner Waffe wurde zur Seite gedreht, und die Schaufel und die Hacke wurden gesenkt. Die beiden Werkzeugarme falteten sich an zwei Gelenken zusammen und verschwanden hinter dem Rücken des Mannes, als sich die manipulierten Muskeln, die sie bewegten, entspannten.

Dann begann der Meld zu lachen.

Whispr ertrug das schnaufende Gelächter eine Weile, bevor er sich dazu durchringen konnte, etwas einzuwerfen. »Und … Werden Sie uns ausliefern?«

Schniefend rieb sich der alte Meld mit einem schmutzigen Zeigefinger über die Nase und schnippte etwas zur Seite, das besser nicht weiter erwähnt werden sollte. »Ich? Sie ausliefern? Heilige Scheiße, ich dachte, Sie liefern mich ans Messer.« Er streckte die Hand aus, mit der er gerade noch seine zweifelhaften hygienischen Maßnahmen getroffen hatte, und grinste Whispr an. »Ich bin Pul Barnato, und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Firma zu ärgern, so gut ich kann. Das tue ich jetzt schon seit über dreißig Jahren.« Der Stolz in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Seit dem Moment, in dem sie Whispr kennengelernt hatte, hatte Ingrid ihren Begleiter nie mehr bewundert als in dem Moment, in dem er die hygienisch zweifelhaft aussehende Hand des Mannes ergriff und fest schüttelte.

»Freut mich, jemanden kennenzulernen, der ein großes international agierendes Unternehmen ärgert.« Whispr nannte seinen eigenen Namen nicht. Auch Ingrid stellte sich nicht vor, als sie ihre professionellen und persönlichen Überlegungen hinsichtlich der Keime ignorierte und ihm ebenfalls die Hand schüttelte. Zu ihrem Glück bestand Barnato auch nicht darauf, dass sie ihm ihre Namen nannten. Wie sie später erfuhren, reichte es ihm voll und ganz zu wissen, dass sie keine Schergen des verhassten Unternehmens waren.

»Helfen Sie mir mal.« Er machte sich daran, den zerknautschten Stoff aufzuheben und wieder auszubreiten, der von seinen unangekündigten Besuchern heruntergerissen worden war. »Wir müssen das wieder aufhängen, bevor der nächste Sucher hier rüberfliegt.«

Whispr und Ingrid halfen ihm dabei, das Material wieder über ihren Köpfen anzubringen. Sobald es wieder an Ort und Stelle hing, kroch Barnato aus der Senke und befestigte es an den Ecken und am Rand. Ihr fiel auf, dass er dafür weder Metall- noch Kompositpflöcke oder -gewichte verwendete, sondern stattdessen Steine strategisch platzierte, sodass sie nicht weiter auffielen und niemanden alarmieren würden.

Danach schlüpfte er zurück zu ihnen in die Senke. Ingrid, die nun keine Angst mehr davor haben musste, erschossen oder mit der Hacke oder der Schaufel umgebracht zu werden, nahm sich die Zeit, ihre Umgebung genauer in Augenschein zu nehmen. Nischen, die in die Wände gehauen worden waren, enthielten Ausrüstungsgegenstände und Vorräte. Mit Ausnahme des Solargeräts, dessen automatisierter Trichter dem Sonnenlicht ausgesetzt war, befand sich alles andere unter der Abdeckung. Sie war überrascht, dass sie nicht ein einziges elektronisches Gerät entdecken konnte. Der Meld hatte seine unterirdische Behausung so angelegt, dass sie gänzlich ohne Elektronik auskam. Das war zu dieser Zeit an sich schon ausreichend, um ihn vor den Sinnen und den Sensoren der Außenwelt zu verbergen.

»Leben Sie hier?« Sie versuchte gar nicht erst, ihr Erstaunen zu verbergen.

»Das ist eher eine Operationsbasis als ein Heim. Ich komme viel herum. Weil ich es möchte, weil ich es muss und weil ich auf diese Weise keine Aufmerksamkeit errege.« Er lächelte erneut und präsentierte das Werk eines Kieferchirurgen, der seine Zähne nicht ersetzt oder durch Melds ausgetauscht, sondern stattdessen zwei Balken aus festem weißen Komposit eingesetzt hatte. »Das klappt jetzt schon seit dreißig Jahren, und ich gehe davon aus, dass es weitere dreißig Jahre lang funktionieren wird.«

»Aber was tun Sie?« Wenn Whisprs Neugier geweckt worden war, vergaß er jegliche Höflichkeit.

Barnato warf ihm aus seinem natürlichen Auge einen unschuldigen Blick zu. »Ich bin Wissenschaftler. Ich bin hier, um wilde Tiere zu beobachten.«

Es entstand eine Pause, in der seine Gäste seine Antwort erst einmal verdauen mussten. Sie dauerte länger, als man erwartet hätte, da der Meld seine Antwort mit völlig unbewegter Miene vorbrachte. Dann fingen die beiden Namerikaner an zu lachen.

»Okay.« Whispr wischte sich die Augen aus. »Wir haben es begriffen. Keine neugierigen Fragen mehr.« Er hob eine Hand. »Versprochen.«

»Es erstaunt mich, dass Sie hier draußen in dieser Wildnis so lange überlebt haben.« Ingrid suchte in den Wandnischen nach etwas, das an eine moderne Überlebensausrüstung erinnerte, doch bisher hatte sie noch nichts finden können. Sie deutete auf den Stoff, der jetzt wieder über ihren Köpfen hing. »Ist das alles, was man dafür braucht?«

Barnato sah mit einem zusammengekniffenen Auge nach oben. »Das Material hat dieselbe Absorptionszahl wie der Boden. Sucher und Satelliten können mich nicht sehen. Wenn ich den Standort wechsle, tue ich das meist mitten in der Nacht. Sie benutzen Infrarotsensoren, aber ich bin vorsichtig und weiß, wie ich meine Wärmesignatur verbergen kann. Man kann vom Land leben, wenn man weiß, was essbar ist und wo man Wasser findet. Die Sandleute haben das schon seit mehreren Tausend Jahren getan.«

Whispr runzelte die Stirn. »Sandleute?«

»So nenne ich sie. Ich versuche, ihnen nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen. Was ihnen nur recht ist, da sie sich auch die größte Mühe geben, niemandem zu begegnen. Diese Gewohnheit haben sie sich vor langer Zeit angeeignet, als die damalige Regionalregierung sie immer wieder aus ihrem Heimatland geworfen und versucht hat, aus ihnen Bauern und Händler zu machen. Nicht jeder möchte in einer Stadt oder auf einer mechanisierten Farm leben. Einige Menschen bevorzugen die Lebensweise früherer Zeit.«

»Verstehe.« In Whisprs Stimme schwang Mitgefühl mit. »Im Moment wäre mir meine alte Lebensweise in Savannah beispielsweise sehr viel lieber. Ich könnte am Fluss sitzen, einen Eiskaffee trinken und einen Donut essen.« Seine Stimme wurde leiser und verträumter.

»Wenn es irgendetwas gibt«, mischte sich Ingrid ein, »das wir als Gegenleistung für Ihre … Gastfreundschaft für Sie tun können, sagen Sie es bitte.« Sie ignorierte Whisprs zunehmende Unruhe und fügte mutig hinzu: »Ich bin Ärztin und könnte Sie untersuchen und Ihnen vielleicht sogar einige Heilmittel verschreiben.«

»Ärztin.« Barnato versuchte gar nicht erst, seine Skepsis zu verbergen. »Klar sind Sie das, schöne Frau.« Als sie aufbegehren wollte, fügte er hinzu: »Aber das ist auch egal. Ich habe keine gesundheitlichen Probleme.« Er reckte sich und streckte alle vier Arme aus, um die beiden, an denen sich das Werkzeug befand, dann wieder einzuziehen. »Wenn es nach der Gesellschaft ginge, wäre ich nicht mal am Leben, doch der Lebensstil, den ich mir ausgesucht habe, bewirkt, dass ich gesünder bin als tausend andere Männer meines Alters, die man in Lela oder den Kanälen von London antreffen könnte. Ich bin hier glücklich. Es ist friedlich, mir können die Konflikte einer überbevölkerten, verwirrten Welt egal sein, und wenn ich es möchte, kann ich den lieben langen Tag lang nach schönen Steinen graben.«

»Ich bezweifle, dass die Firma das gut finden würde, wenn sie es wüsste«, merkte Whispr an.

Barnato zuckte mit den Achseln. »Es ist doch egal, was ich mache. Schon allein durch die Tatsache, dass ich hier lebe, übertrete ich jedes Gesetz hinsichtlich des Betretens des Sperrgebiets, das in den letzten zweihundert Jahren erlassen wurde. Wenn sie mich entdecken, werden sie mich so oder so auf der Stelle erschießen.«

Whispr musste es einfach fragen. »Haben Sie schon mal was gefunden?«

»Steine.« Barnato grinste. »Viele Steine. Ich liebe Steine.«

»Okay, okay.« Whispr war trotz allem enttäuscht. »Hätte ich mir denken können.«

»Gehen Sie nie nach Orangemund oder zur Alexander Bay?«, wollte Ingrid wissen.

Barnato schüttelte traurig den Kopf. »Zu viele Menschen. Dieses Gebrüll und Geschrei, und ständig streiten sie sich wegen Kleinigkeiten. Sie versuchen, einem elektronische Geräte, Qwikmelds, abgelaufene Lebensmittel oder Religionen zu verkaufen. Ich ziehe die Wüste vor. Schlangen, Skorpione, Eidechsen, Insekten. Wir verstehen einander. Hier draußen herrscht nicht so ein räuberischer Lebensstil wie in der Stadt. Manchmal sehe ich sogar Leoparden oder Schimpansen, und gelegentlich ist mir auch schon eine Herde Spießböcke begegnet.« Er leckte sich die Lippen. »Diese Spießböcke sind echt lecker. Ebenso wie die Maden in dieser Gegend.«

»Sie werden verstehen, dass wir nicht zum Abendessen bleiben können, da wir einen engen Zeitplan haben«, entgegnete Whispr irritiert.

Barnato wurde wieder ernst. »In welche Richtung wollen Sie denn gehen?«

»In Richtung Norden.« Trotz der Freundlichkeit ihres Gastgebers sah Ingrid keinen Grund, genauer zu werden. Sie war bei Weitem nicht so naiv, wie Whispr zu glauben schien.

Darauf wurde Barnatos Miene finster. »Wenn Sie weiter nach Norden gehen, wird Sie das Sicherheitspersonal der Firma bestimmt erwischen. Dann enden Sie als Futter für die Krähen und Geier. Kehren Sie lieber wieder um, und gehen Sie zurück nach Orangemund. Wenn Sie sich vorsehen und Glück haben, schaffen Sie den Rückweg, ohne entdeckt oder aufgelesen zu werden.«

»Das können wir nicht tun«, erklärte Whispr. »Als gründliche Wissenschaftler haben wir keine andere Wahl, als weiterzugehen, bis wir unsere eingeplanten Ziele erreicht haben.« Ingrids Unterkiefer klappte herunter, und sie starrte ihn entgeistert an. Ihn durchflutete jedoch eine unerwartete Zuversicht, und er ignorierte sie. »Wir haben einen zu weiten Weg hinter uns, um unser Forschungsziel jetzt noch aufzugeben.«

»Ähm, genau«, fügte sie schnell hinzu. »Wir sind schon zu weit gekommen, um noch umkehren zu können.«

»Es ist nie zu spät zum Umkehren«, erwiderte Barnato ernst. »Gehen Sie dahin zurück, wo Sie hergekommen sind, rothaarige Lady. Ich lebe jetzt seit sehr langer Zeit hier und kann diesen Ort noch nicht wirklich als meine Heimat bezeichnen. Die Ihre wird er nie werden.«

Da er sich nicht mit dem Meld streiten wollte, wechselte Whispr das Thema. »Ich habe mich gefragt, warum ein Meld-Bruder wie Sie, der beschlossen hat, an einem Ort wie diesem zu leben, keine Nägel mit Köpfen gemacht und sich gleich für ein Marsianer-Meld entschieden hat. Natürlich ohne die Anpassung der Atemwege.«

Barnato kicherte leise. »Erstens, weil ich es mir nicht leisten konnte. Und zweitens habe ich noch nie halbe Sachen gemacht, und das, was Sie da beschreiben, wäre eine gewesen.« Er spannte die Schultern an, und die Hacke und die Schaufel bewegten sich an ihren Knochen aufwärts, bis sie an die Stoffdecke stießen. »Ich wollte nur graben können. Auf die altmodische Weise nach Bodenschätzen suchen. Für meine Ausrüstung brauche ich keine Elektrizität, und ich muss mir keine Sorgen machen, dass Motoren ausfallen oder Schaltkreise durchbrennen. Ich muss bloß dafür sorgen, dass ich genug Proteine und Kohlehydrate zu mir nehme.« Er warf Ingrid einen amüsierten Blick zu. »Maden sind voller Proteine und Kohlehydrate.«

Falls er damit bewirken wollte, dass ihr schlecht wurde, so hatte er sich die falsche Frau ausgesucht. Aber er glaubte ihr ja schließlich auch nicht, dass sie Ärztin war. Das Einzige, wovon einer praktizierenden Ärztin mit ihrer Erfahrung und mit ihren Fähigkeiten schlecht wurde, war die schlechte Bezahlung, die sie von der Regierung für ihre Dienste erhielt.

»Warum bleiben Sie nicht über Nacht?«, schlug er vor. »Ich kann Ihnen garantieren, dass Sie es hier wärmer und bequemer haben als da oben, und Sie könnten mich über einige der Dinge, die so passiert sind, auf den neuesten Stand bringen. Sie sollten wissen, dass ich kein Einsiedler bin. Ich lebe nur gern alleine.«

»Ist das nicht im Grunde genommen dasselbe?«, erkundigte sie sich.

»Nein. Das reflektiert meine Gefühle hinsichtlich der heutigen sozio-kulturellen Trends.«

Sie sah Whispr an, aber der zuckte nur mit den Achseln. Falls ihnen dieser Barnato übel mitspielen wollte, so hatte er bereits genug Gelegenheit dazu gehabt. Es sei denn, er hatte vor zu warten, bis sie hier eingeschlafen waren, um dann die Nerens-Sicherheit zu kontaktieren und sie zu verraten, überlegte sie. Vermutlich gab es von der Firma sogar eine Belohnung, wenn man Eindringlinge ans Messer lieferte. Doch sie schob diesen Gedanken beiseite. Nach all der Zeit, die sie in Whisprs Gesellschaft verbracht hatte, war es nicht verwunderlich, dass ein Teil seiner Paranoia auf sie übergegangen war. Barnatos Abneigung gegen Gesellschaft schien ebenso echt zu sein wie sein Desinteresse an weltlichen Gütern.

Als die Sonne irgendwo über dem Südatlantik verschwand, holte ihr Gastgeber einen konvektiven Eindämmungskocher hervor. Endlich ein modernes Gerät, dachte sie. Aber keines, für das potenziell verräterische Elektrizität benötigt wurde. Angetrieben wurde es von Solarenergie, die im Verlauf des Tages gesammelt wurde und die es komplett in Hitze umwandelte, ohne etwas davon als Strahlungsmüll freizusetzen, das eine nachts umherfliegende Sucherdrohne entdecken konnte. Mithilfe einheimischer Zutaten sowie von hiesigen Pflanzen stammenden Gewürzen stellte Barnato das erste nicht konzentrierte Mahl zusammen, das die beiden Namerikaner seit Verlassen von Orangemund zu sich nahmen.

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