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Sieh dich um

JON OSBORNE

Sieh  
dich
um   

THRILLER

Übersetzung aus dem Englischen
von Axel Merz

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BASTEI ENTERTAINMENT

Für Jacob, meinen neuen kleinen Mann

Danksagung

Ein Buch zu schreiben ist immer Teamarbeit – und ich bin sehr dankbar, das beste Team der Branche zu haben, das mir in jeder Situation tatkräftig zur Seite steht.

Zunächst danke ich meiner fantastischen Literaturagentin Victoria Sanders, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre.

Dasselbe gilt für ihre beiden rechten Hände Chris Kepner und Bernadette Baker-Baughman, zwei in ihren eigenen Bereichen ganz außergewöhnlichen Literaturagenten. Danke für alles, Leute.

Auf der Lizenzseite geht ein großes Dankeschön an Chandler Crawford und Jo Grossman für all die harte Arbeit, die sie für mich getan haben.

Georgina Hawtrey-Woore ist in jeder Hinsicht eine Superstar-Lektorin. Sie hat es über all die Jahre so oft verstanden, aus Kieselsteinen Diamanten zu machen, dass ich heute – wären es echte – gar nicht wüsste, wohin mit all dem Reichtum.

Danke auch den restlichen Mitarbeitern der großartigen Crew von Random House UK, besonders Selina Walker, Susan Sandon und Ruth Waldram.

Wie immer: Laura Osborne war mein Fels in der Brandung und mein Resonanzboden – was eigenartig ist, denn ich wusste bisher nicht, dass Felsen so viel Schwung vermitteln können. Danke, Honey, dass Du immer da warst.

Danke außerdem meinen Eltern, Richard and Della; meinen Kindern, Madison, Justin und Khloe; meinen Schwestern und ihren Ehemännern, Kathy und Steve; Elizabeth und Cliff sowie Julie und Mark, wie auch meinen Nichten und Neffen – Patrick, Molly, Annie, Nathan aund Elyse.

Erster Teil

SCHACHERÖFFNUNG

»Es gibt nur dich und deinen Gegner am Brett, und du versuchst, etwas zu beweisen.«

Bobby Fischer, in den Vereinigten Staaten geborener Schachgroßmeister, der den sowjetischen Weltmeister Boris Spasski 1972 im Verlauf einer weltweit beachteten, dramatischen, höchst umstrittenen und zur damaligen Zeit als Schlacht des Kalten Krieges geltenden Begegnung in Reykjavik, Island, besiegte und von ihm den prestigeträchtigen Titel eroberte

1

Manhattan, New York – Freitag,
23:15 Uhr

Der Mann am Telefon hatte zu ihr gesagt, es wäre eine Art Schnitzeljagd. Und er würde sie die ganze Zeit über beobachten.

»Ein Fehler, und du siehst deine Kinder nie wieder«, hatte er ihr gedroht.

Stephanie Mann schlang ihren fadenscheinigen Mantel noch enger um den zierlichen Leib, während sie zitternd und fröstelnd am Eingang eines Mini-Markts an der West 85th Street stand. Ein Teil der Eiseskälte, die wie mit Gift bestrichene Rasierklingen durch ihr Nervensystem schnitt, rührte von Angst und Adrenalin her, das ihren Kreislauf überflutete. Der andere Teil rührte daher, dass sie mehr oder weniger ungeschützt in einer Aprilnacht in New York City draußen auf dem Bürgersteig stand.

Ein leichter Nieselregen, der die verbliebene Wärme aus jedermann saugen zu wollen schien, kleisterte ein paar Strähnen von Stephanies langen dunkelbraunen Haaren auf ihre Stirn. Sie schob sie nach hinten, doch kaum zehn Sekunden später hingen sie ihr wieder ins Gesicht. Nicht gerade Key-West-Wetter. Verdammt, nicht mal Newark.

Schlimmer noch, der Mantel trug kein Stück dazu bei, die Kälte zu mildern. Nicht einmal annähernd. Das ramponierte Kleidungsstück hätte genauso gut aus dünnen Blättern der Sonntagszeitung zusammengenäht sein können, so wenig Wärme lieferte es. Der Mantel war alt, an den Säumen abgewetzt und stammte aus zweiter Hand. Wie alles andere in ihrem Leben, seit Don beschlossen hatte, dass es kein Problem sei, sie mit zwei Kindern sitzen zu lassen, ohne Job und nicht mal mit einem Highschool-Abschluss, um sich für einen vernünftigen Job zu bewerben. War es da ein Wunder, dass der Staat ihr die Kinder weggenommen hatte? Wie sollte sie für ihren Lebensunterhalt aufkommen?

In ihr aufsteigende Wut wärmte sie für kurze Zeit. Obwohl sie fünfzehn Jahre zusammen gewesen waren, hatten sich Don und sie nie die Zeit genommen, es durch den langen – und angeblich furchtbar romantischen – Gang zum Altar offiziell zu machen und zu heiraten, daher waren ihre rechtlichen Möglichkeiten äußerst begrenzt. Vermutlich könnte sie den verlogenen Mistkerl auf Kindesunterhalt verklagen, wenn sie es wirklich darauf anlegte – aber wie sollte sie die Forderung nach Geld für die Kinder durchsetzen, wenn die Kinder nicht mal mehr bei ihr wohnten?

Stephanie biss vor wieder erstarkter Abscheu die Zähne zusammen. Was sollte es. Arme Leute gingen wegen zivilrechtlicher Angelegenheiten ohnehin nicht vor Gericht. Wegen krimineller Belange schon, sicher, sogar ständig. Man brauchte nur an einem beliebigen Tag der Woche in irgendeiner Großstadt irgendwo im Land irgendein Gericht besuchen, und man bekam zu sehen, was die Armenviertel an Leistungen hervorbrachten.

Anwälte, Kleidung, Transportmittel – alles kostete Geld. Unmengen an Geld. Und Stephanie konnte sich nicht einmal einen ordentlichen Mantel leisten.

Dann – aus heiterem Himmel – ein Glücksfall. Zumindest hatte sie das im ersten Moment gedacht. Das erste Mal im Verlauf der letzten sechs Monate, wenn nicht mehr, dass sie ein wenig Glück gehabt hatte.

Als Stephanie am Morgen aufgewacht war und das Wertkarten-Mobiltelefon auf dem Wohnzimmertisch in der zum Abriss bestimmten Wohnung gefunden hatte, die sie und ihre Kinder ein Zuhause nannten, hatte sie ihren Augen nicht getraut. In ihrem vor Hunger geschwächten Zustand hatte sie geglaubt, das große Los gezogen zu haben.

Sie hatte sich den Schlaf aus den Augen gerieben, gegähnt und sich gestreckt, bis ein verrenktes Gelenk in ihrer Schulter geknackst hatte, dann hatte sie sich auf dem Sofa aufgesetzt. Da hatte das Telefon gelegen. Es hatte sie förmlich angegrinst, ihr bedeutet, es zu ergreifen.

Töricht, wie sie war, hatte sie nicht innegehalten, um einen Moment lang zu überlegen, wie es überhaupt dorthin hatte kommen können. Sie hatte sich nicht gefragt, wer es dorthin gelegt hatte oder warum. Der Schlaf hatte ihr Gehirn noch umnebelt.

Stephanie schüttelte den Kopf. Dumm, im Nachhinein betrachtet, unbeschreiblich dumm. Die Schlösser an der Wohnungstür gehörten zu den wenigen Dingen, die noch funktionierten, und die Einzigen – außer ihr selbst –, die einen Schlüssel hatten, waren ihre Kinder.

Leider jedoch hatte Stephanie sich nicht die Zeit genommen, um kurz über diese Ungereimtheiten nachzudenken. Nicht eine Sekunde. Stattdessen hatte sie nur daran denken können, das Mobiltelefon zu verkaufen und vielleicht an diesem Tag noch etwas zu essen zu bekommen. Irgendetwas, das den ständigen, unablässig nagenden Hunger lindern würde.

Heiße Tränen schossen Stephanie angesichts der deprimierenden Erkenntnis in die Augen, wie tief sie tatsächlich gesunken war, seit Don sie verlassen hatte. So tief, wie ein Mensch nur sinken konnte. Sie wünschte sich sehnlichst, diesem verräterischen Lügner niemals begegnet zu sein, wünschte sich, in der Zeit zurückreisen zu können bis zu jener Nacht, in der sie törichterweise bereit gewesen war, in der berstend vollen, erstickend heißen Sporthalle der St. Bonaventure Highschool in Queens eng mit dem Kerl zu tanzen. Damals hatte sie die leise, nagende Stimme in ihrem Hinterkopf ignoriert, die sie die ganze Zeit über ermahnt hatte, sich von Don und seinem alkoholschwangeren Atem so fern wie möglich zu halten. Und sie wünschte sich verzweifelt, dieses elende Mobiltelefon nie angerührt zu haben. Aber sie hatte all diese Dinge getan, und nun bezahlte sie in jeder Hinsicht den Preis dafür.

Kaum hatte Stephanie das Telefon an jenem Morgen aufgehoben, hatte es in ihrer Hand gesummt. Vor Schreck hätte sie es beinah fallen lassen.

Viele Menschen sagen, dass sich in Momenten großer Angst ihr ganzes Leben innerhalb weniger Sekunden vor ihren Augen abspielt. Stephanie hingegen hatte an ein Mittagessen bei Subway gedacht. Vielleicht sogar ein Dinner bei McDonald’s. Nur Mut zu großen Träumen, Rockefeller.

Mobiltelefone stellten nicht mehr die begehrten Statussymbole von früher dar – selbst Zehnjährige besaßen dieser Tage welche –, trotzdem war Stephanie sicher, dass sie wenigstens zwanzig Mäuse dafür bekommen konnte. Vielleicht sogar fünfundzwanzig, wenn sie Glück hatte. Genug Geld, um die nächsten zwei Tage zu überstehen, mindestens.

Die Nummer auf dem Display hatte als Vorwahl 212 angezeigt und ihr verraten, dass der Anruf von irgendwo aus New York City stammte. Aus reiner Gewohnheit hatte sie das Telefon aufgeklappt und ans Ohr gehalten. Eine männliche Stimme mit leicht ausländisch klingendem Akzent hatte sich gemeldet.

»Hör jetzt gut zu, Stephanie …«, hatte der Anrufer gesagt.

Während er redete, saß sie wie erstarrt mit dem Handy am Ohr da. Sein Tonfall war beinah einschläfernd. Keine Theatralik, kein Gebrüll, keine leeren Drohungen. Nur eine profane Aufzählung von Aufgaben, die sie zu erfüllen hatte, und sie würde ihre Kinder zurückbekommen. Ganz einfach, oder?

Als er fertig gewesen war, hatte alles völlig logisch geklungen.

Jetzt hingegen ergab es nicht mehr den geringsten Sinn. Nicht ein Teil seiner Anweisungen klang auch nur halbwegs geistig normal. Doch durch ihre überhastete Entscheidung, das Telefon zu ergreifen, hatte sie sich jeder Option beraubt.

Stephanie blickte die geschäftige Straße hinauf und hinunter. Auf den Bürgersteigen wimmelte es von Menschen. Sie wusste, dass der unbekannte Anrufer irgendwo da draußen war und sie beobachtete. Stephanie hob das Kinn, schirmte die Augen mit einer Hand gegen den Regen ab und sah suchend zu den hell erleuchteten Schildern und Reklametafeln hinauf. Befand er sich vielleicht dort in dem Kaufhaus auf der anderen Straßenseite? Oder im siebzigsten Stock des mächtigen Bankhochhauses gleich daneben? War er vielleicht das dort? Eine dunkle Gestalt in einem der Fenster des Gebäudes, die von ihrem hohen Aussichtspunkt auf sie herabblickte – in beiderlei Sinn des Wortes? Genau so, wie mehr oder weniger jeder auf der Welt auf sie herabblickte? Oder saß er in dem durchgehend geöffneten Speiselokal zwanzig Meter weiter links und verdrückte unbekümmert ein üppiges Gyros, während er jeden ihrer Schritte sorgfältig beobachtete?

Wo immer er sein mochte, Stephanie konnte seine perversen Blicke beinah körperlich spüren, die sie vergewaltigten wie die billige Zwanzig-Dollar-Nutte, zu der sie noch nicht ganz verkommen war – nicht, dass sie in ihren schwächeren Augenblicken nicht ernsthaft über diese Möglichkeit nachgedacht hätte. Hunger konnte eine extrem starke Triebfeder sein, wenn er wollte. Hunger ließ keinen Raum für moralische Bedenken. Hunger machte keinen Unterschied zwischen richtig oder falsch.

Unwillkürlich schauderte Stephanie bei dem widerwärtigen Gedanken daran, ihren Körper zu verkaufen. Ein Polizist auf Streife ging weniger als zehn Meter entfernt vorbei, doch was hätte sie tun können? Nichts. Der Mann am Telefon hatte ihr unmissverständlich klargemacht, was passieren würde, sollte sie es wagen, die Polizei um Hilfe zu bitten.

»Es ist wie ein chirurgischer Vorgang«, hatte er ihr mit ebenso gelassener wie dunkler Stimme erklärt. Nicht das leiseste Zittern war aus dieser tiefen Stimme zu hören gewesen. »Zuerst werde ich deine Kinder auf den Rücken legen und mit ausgestreckten Armen und Beinen auf eine feste Fläche binden. Nackt natürlich, mit Knebeln in den Mündern. Wir wollen schließlich nicht, dass irgendwelche guten Samariter ihre Hilferufe hören und versuchen, uns den Tag zu verderben. Anschließend werde ich ihre Körper mit einem Vorschlaghammer bearbeiten, angefangen bei den Füßen.«

Stephanie war bei der bloßen Vorstellung schlecht geworden – wie in den billigen Horrorschockern, die sie sich immer so gerne angesehen hatte. Sie hatte das Telefon umklammert und nicht gewagt zu reden, zu geschockt, um auch nur zu wimmern. Er befahl ihr, nicht aufzulegen. Damit würde sie alles nur noch schlimmer machen. Sie hatte zu große Angst, um ihm zuzuhören, gleichzeitig zu große Angst, es nicht zu tun. Ein leises Lachen drang an ihr Ohr. Er genoss die Situation. »Ich werde die Knochen in ihren Füßen zerschmettern, bis sie nur noch Brei sind«, fuhr er fort. »Danach widme ich mich ihren Unterschenkeln, dann den Knien und den Oberschenkeln. Und so weiter und so fort, den ganzen Weg ihre kleinen wertlosen Körper hoch, bis zu den Brustkörben, bis die wertlosen Herzen aufhören zu schlagen.«

Stephanie biss sich auf die Lippen und sog scharf die Luft ein, doch der Mann am anderen Ende der Leitung schnitt ihr sofort das Wort ab. »Unterbrich mich bloß nicht!«, herrschte er sie an. »Lass mich ausreden. Wenn ihre wertlosen kleinen Herzen aufhören zu schlagen, ist es nämlich noch längst nicht vorbei, verstehst du? Noch längst nicht. Wenn ihre wertlosen kleinen Herzen aufhören zu schlagen, setze ich sie mit einer Adrenalinspritze wieder in Gang, ganz einfach. Du magst doch Filme so sehr, richtig? Bestimmt hast du Misery gesehen, nicht wahr? Und jetzt stell dir so was wie Pulp Fiction vor. Kein besonders angenehmes Bild, oder?«

Er hatte einen Moment innegehalten, als genösse er den Gedanken wie ein Glas edlen Wein, als koste er den Geschmack aus, den die hässlichen Worte auf seiner Zunge hinterließen. »Wie dem auch sei, jedes Mal, wenn sie vor Schmerz das Bewusstsein verlieren, bringe ich sie mit einer weiteren Injektion wieder zurück, gefolgt von einer Spritze mit einem neuromuskulären Betäubungsmittel. Das lähmt den Körper, Stephanie, aber es lässt zum Gehirn die Schmerzen durch, die ich deinen Kindern zufügen werde. Ich denke, ich werde mir zuerst deinen Sohn vornehmen, damit seine kleine Schwester zusehen kann und ein Gefühl dafür bekommt, was sie erwartet. Wir wollen schließlich nicht, dass sie von all dem überrascht wird, nicht wahr? Nein, natürlich wollen wir das nicht. Wo bliebe denn da der Spaß? Jedenfalls – wenn ich mit deinen Kindern fertig bin, sind sie wohl nur noch Hautsäcke voll Brei.«

Bei der Erinnerung an die grausigen Worte des Fremden drohten Stephanies Knie vor dem Laden nachzugeben, an dessen Eingang sie stand. Sie kämpfte dagegen an, auf dem Bürgersteig zusammenzubrechen. Jack und Molly waren gerade vierzehn und acht Jahre alt. Sie hatten noch keinerlei Chance gehabt, ihr Leben zu leben, und dann kam irgendein Irrer daher und drohte, sie auf die abscheulichste nur denkbare Art und Weise umzubringen. Irgendwie wusste Stephanie, dass er es ernst meinte, dass er die Wahrheit sagte und tun würde, was er versprochen hatte. Dass es nicht nur ein makabrer Witz war.

Sie biss die Zähne zusammen, bis ihre Kiefer schmerzten. Nein. Verdammt noch mal, diesmal nicht. Jack und Molly verdienten von ihr etwas Besseres als das. Wenigstens dieses eine Mal in ihrem jungen Leben verdienten ihre Kinder, dass Stephanie für sie stark sein würde.

Sie atmete tief durch, um ihre zum Zerreißen gespannten Nerven zu beruhigen, dann stieß sie die Tür des kleinen Ladens auf. Sie hatte größte Mühe, ruhig zu bleiben, während der Puls in ihren Handgelenken pulsierte. So schwer es sein mochte, sie wusste, dass sie hellwach bleiben musste, vollkommen konzentriert auf die vor ihr liegende Aufgabe. Entweder sie tat, was der Fremde von ihr verlangte, oder ihre Kinder würden sterben. So einfach war das.

Ein digitales Türglockenbimmeln erklang, als sie den Laden betrat, aber niemand drehte sich zu ihr um. So weit, so gut.

Ein schneller Blick durch das Geschäft verriet ihr, dass vielleicht ein Dutzend Leute anwesend waren. Ein indischer Kassierer mit einem roten Punkt mitten auf der Stirn bediente eine drei Personen lange Schlange. Ein vierter Kunde füllte mit einem wild in den wulstigen Fingern tanzenden Kugelschreiber einen dicken Stapel Lottoscheine aus.

Zwei Schritte neben dem Lottosüchtigen stand ein fetter Kerl mit einer weit über die Ohren gezogenen dunklen Wollmütze vor einem Regal, das zum Zusammenbrechen überladen mit einer verwirrenden Vielfalt von Snacks und Imbissen war. Donuts, Bagels, Beef Jerky, Schweinekrusten. Aus unerfindlichem Grund schwitzte er trotz des miesen Wetters heftig, während er im Widerstreit darüber zu sein schien, ob er sich nun für Twinkies oder Pringles entscheiden sollte. Er hielt erst die eine Packung hoch, dann die andere, beinah so, als wöge er das Gewicht ab. Nach mehreren Augenblicken des Zögerns und sorgfältiger Überlegung nahm er schließlich die Twinkies und gesellte sich zu den anderen Kunden vor der Kasse, während ein Rinnsal von Schweiß hinter seinem rechten Ohr an seinem unrasierten Hals hinabrann. Stephanie empfand mit ihm. Sie wusste genau, wie er sich im Augenblick fühlte.

Es gab sechs Regalreihen im Laden. Natürlich stand das, was sie brauchte, in voller Sicht des Kassierers. Ihr Herz schlug heftig gegen den ausgemergelten Brustkorb, als sie durch die erste Reihe zu einer mit Kondomschachteln überladenen Stecktafel ging und die Schulter drehte, um den Blick des Kassierers abzublocken. Ob sie wollte oder nicht – es war Zeit, den ersten Punkt auf ihrer höchst bizarren kurzen Liste abzuhaken. Welche andere Wahl hatte sie schon? Entweder sie tat, was der Fremde von ihr verlangte, oder ihre Kinder würden sterben.

Stephanie spürte, wie sich ihre Lungen dehnten, als sie ein weiteres Mal tief einatmete, dann streckte sie eine zitternde Hand aus und schob so unauffällig wie möglich eine Großpackung Trojans in ihre Handtasche. Fire & Ice, mit zweifach wirkendem Gleitmittel innen und außen, das beiden Partnern wärmende, kribbelnde Empfindungen zu vermitteln versprach. Es musste diese spezielle Marke sein und keine andere. Der Fremde am Telefon hatte sich in Bezug auf dieses Detail ganz und gar unmissverständlich geäußert. Keine andere Marke kam infrage, hatte er gesagt.

Gott sei Dank blickte der Kassierer nicht einmal auf, als sie den Laden verließ. Seine volle Aufmerksamkeit galt dem fetten Mann mit seiner Schachtel Twinkies, die er mit Münzgeld bezahlte. Stephanie konnte dem Kassierer seine Wachsamkeit nicht verdenken – bei der gegenwärtigen Wirtschaftslage konnte man sich keinen Penny Verlust leisten. So arm sie selbst sein mochte, sie verstand diese raue Tatsache des Lebens besser als die meisten anderen. Aus genau diesem Grund war sie gezwungen, den ersten Gegenstand auf ihrer albtraumhaft bizarren Liste zu stehlen.

Die Stimme des dicken Mannes hallte in ihren Ohren, als sie den Tresen passierte. Er trennte mit seinen fleischigen Stummelfingern Münzen von Flusen und Fusseln, die Fingernägel schwarz vor Dreck. »… ein Dollar zwölf, ein Dollar siebzehn … oh, Moment, hier ist noch ein Vierteldollar …«

Stephanie kämpfte gegen Tränen an, als sie nach draußen in die kalte Nacht trat. Falls sie von einer Überwachungskamera gefilmt worden war, konnte sie es auch nicht ändern. Sie würde sich später mit den Konsequenzen befassen. Das Gefängnis wäre wahrscheinlich ein ganzes Stück besser als das Loch, in dem sie zurzeit hauste. Wenigstens gab es im Gefängnis etwas zu essen.

Trotzdem ließen Schuldgefühle und Scham ihre Wangen erröten. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch niemals etwas gestohlen, ganz gleich, wie verzweifelt ihre Lage gewesen war. Und nun war sie nicht nur eine unzulängliche Mutter, sondern außerdem eine Diebin. Bevor sie es verhindern konnte, kehrten ihre Gedanken zurück zu ihren Highschool-Tagen. Ironischerweise war sie kurz vor ihrem würdelosen Verweis von der besten katholischen Mädchenschule in ganz Queens noch zum erfolgversprechendsten Mädchen gewählt worden. Das war vor ihrer Schwangerschaft gewesen. Wenn die mich jetzt sehen könnten.

Ihr Herz zog sich in der Brust zusammen, als sie sehnsüchtig an ihre Kinder dachte. Mit hängendem Kopf entfernte sie sich von dem Laden. Dabei studierte sie die Risse im Bürgersteig und gab sich größte Mühe, jeglichem Blickkontakt mit anderen Menschen auszuweichen, die ihr auf der geschäftigen Straße Welle um Welle entgegenbrandeten. Zwei Blocks weiter riss sie die gestohlene Packung Kondome auf, nahm einen der kleinen quadratischen Beutel heraus und steckte ihn ein. Die restliche Schachtel schenkte sie einem Obdachlosen, der zusammengekauert und vor Kälte heftig zitternd unter einer muffigen Decke kauerte. Genau, wie es ihr der Fremde am Telefon aufgetragen hatte, obwohl Gott allein wusste, welchen Sinn das haben sollte.

Der Obdachlose hob den Blick und starrte sie für einen Moment an.

Dann grinste er und entblößte dabei zwei Reihen perfekter weißer Zähne.

»Gut gemacht, Stephanie«, sagte er und hustete. »Und jetzt mach, dass du nach Hause kommst, so schnell du kannst. Deine Kinder haben nicht mehr viel Zeit.«

Stephanie starrte entsetzt auf den Obdachlosen hinunter. Sie war nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte. »Wa…was haben Sie gesagt?«

Der Mann streckte eine Hand unter der zerlumpten Decke hervor und winkte sie energisch weg. Über seinen linken Arm kroch ein dickes schwarzes Insekt. An seinem Handgelenk glitzerte eine wunderschöne goldene Rolex, an seinem kleinen Finger funkelte ein kunstvoller Diamantring. »Geh jetzt!«, drängte er. »Du hast nicht mehr viel Zeit! Sie sind bald tot! Das Monster hat gesagt, dass es sie umbringt!«

Dann kicherte er gackernd – ein grässliches, misstönendes Geräusch.

Für einen Moment kämpfte Stephanie gegen eine Ohnmacht an. Ihr Blick verengte sich zu einem Tunnel, doch dann wurde er wieder klar. Offensichtlich war dieser Obdachlose ein Teil des sadistischen Spiels, das man ihr aufgezwungen hatte – aber war es derselbe Mann, der sie am Morgen angerufen hatte? Der Mann, der gedroht hatte, ihren Kindern wehzutun? Sie umzubringen?

Der Regen wurde stärker, dann öffneten sich die Schleusen vollständig, und Stephanie wurde völlig durchnässt. »Aber ich habe doch kein Geld!«, krächzte Stephanie mit zittriger Stimme. Sie spürte, wie der Regen auf ihr Gesicht prasselte und durch ihren fadenscheinigen Mantel drang, und sie hob die Stimme in dem verzweifelten Bemühen, das laute Rauschen zu übertönen. »Wie viel Zeit habe ich noch? Ich wohne dreißig Blocks von hier entfernt! Wie soll ich denn dorthin kommen?«

Ein verärgerter Blick huschte über das Gesicht des Mannes, als ein greller Blitz den Nachthimmel über ihnen zerriss und den Geruch von Ozon zurückließ. Keine zwei Sekunden später rollte ein ohrenbetäubender Donnerhall über die Stadt hinweg und ließ die Gebäude bis in ihre Fundamente erzittern. Das Gewitter war ganz nah – fast direkt über ihnen.

»Du hast ein Kondom in der Tasche!«, brüllte der Mann. »Freitagabends arbeiten zehntausend Taxifahrer in dieser Stadt! Ich bin sicher, du kannst dir den Rest zusammenreimen. Benutz die einzige Währung, die du besitzt!«

Stephanie wandte sich ab und rannte zur Straße. Keine Zeit mehr für weiteres Reden. Ihre Kinder brauchten sie. Und diesmal würde sie für sie da sein.

Sekunden später erreichte sie den Straßenrand und verrenkte sich am regennassen Bordstein schmerzhaft den Knöchel. Stechender Schmerz zuckte durch ihr Bein nach oben, doch sie ignorierte ihn. Sie durfte nicht mehr an sich selbst denken. Sie musste an ihre Kinder denken, nur das zählte jetzt noch.

Stephanie stolperte weiter über die vom Regen geflutete Straße und schaute auf, als das laute Dröhnen eines Motors viel zu schnell auf sie zuhielt. Ein Taxi bremste unter wütendem Hupen und überfuhr sie beinah. Es kam nur wenige Zentimeter vor ihr schlingernd zum Stehen.

Stephanie schlug das Herz bis zum Hals, als sie instinktiv die Hände ausstreckte und abwehrend auf die Motorhaube des Taxis legte, als könnte sie das riesige gelbe Monstrum auf diese Weise zum Stehen bringen. Sie stolperte einen Meter rückwärts, und die Gummisohlen ihrer Tennisschuhe rutschten unkontrolliert über den glatten Asphalt. Die Wärme des Motors stieg in ihre Hände und brachte sie zurück in eine Wirklichkeit, mit der sie nichts mehr zu tun haben wollte.

Die Scheibenwischer des Taxis liefen auf höchster Stufe, der kleine Elektromotor surrte gequält, während er gegen die Regenmassen auf der Windschutzscheibe ankämpfte. Durch die hektischen Wischer hindurch wechselte sie Blicke mit dem wütenden Fahrer. Es war ein Schwarzer. Nach der bunten Mütze auf seinem Kopf zu urteilen wahrscheinlich aus Tansania oder dem Tschad oder Nigeria. Kein amerikanischer Schwarzer.

Der Fahrer ließ die Seitenscheibe herunter und steckte den Kopf aus dem Wagen. Seine blutunterlaufenen Augen quollen wütend aus den Höhlen. Die blaue Schlagader an der Seite seines Halses pulsierte wie wild und zeichnete sich deutlich unter der braunen Haut ab. »Zum Teufel noch mal, Lady!«, rief er außer sich vor Zorn. »Passen Sie gefälligst auf, wo Sie hinlaufen! Ich hätte Sie beinah überfahren! Machen Sie verdammt noch mal, dass Sie von der Straße kommen!«

Afrikanischer Akzent. Definitiv kein Amerikaner.

Stephanie eilte um den Wagen herum zu seinem Fenster. Die Muskeln ihrer Oberschenkel zitterten genauso schlimm wie ihre Stimmbänder, kaum imstande, ihr eigenes Gewicht zu tragen, während sie sich verzweifelt bemühte, verständliche Worte von sich zu geben. Tränen rannen ihr über die Wangen und vermischten sich mit dem strömenden Regen. »Bitte, Sir«, krächzte sie. »Ich brauche Ihre Hilfe. Das Leben meiner Kinder hängt davon ab.«

Der wütende Ausdruck auf dem Gesicht des Fahrers schmolz dahin und wich nach und nach einem besorgten Stirnrunzeln. Zum ersten Mal seit Monaten empfand Stephanie einen kleinen Hoffnungsschimmer. Vielleicht war dieser Fahrer nicht so herzlos, wie sie zuerst geglaubt hatte. Vielleicht würde er ihr am Ende ja doch helfen. Vielleicht war er einer der wenigen guten Menschen in einer Welt, in der es vor schlechten Menschen wimmelte. Schlechten Menschen wie dem, der sich am Morgen telefonisch bei ihr gemeldet hatte. »Was brauchen Sie denn?«, fragte der Schwarze.

Stephanie nannte ihm die Adresse des heruntergekommenen Apartmenthauses. Es fiel ihr schwer, zusammenhängend zu reden. »Ich muss so schnell wie möglich dorthin«, flehte sie. »Aber ich habe kein Geld, um die Fahrt zu bezahlen.«

Der Fahrer schüttelte den Kopf, und die Scheibe begann, nach oben zu gleiten. Mitfühlend oder nicht, er unterhielt keine Wohlfahrtseinrichtung. Und zweifellos hatte er diese Geschichte schon unzählige Male gehört. Bei einer Arbeit wie dieser war das wohl nicht anders zu erwarten. »Nichts da«, sagte er. »Tut mir leid, Lady, aber ich habe wirklich keine Zeit für diesen Scheiß. Machen Sie, dass Sie von meinem Wagen wegkommen, okay? Niemand hat je Geld. Jeder will alles umsonst. Warum arbeitet in diesem Land bloß niemand?«

Stephanie kramte in ihrer Tasche und brachte das Kondom zum Vorschein. So ekelhaft die Erkenntnis sein mochte, in diesem Moment begriff sie genau, wofür der Gummi gedacht war. Der Mann am Telefon hatte die Dinge offensichtlich bis ins kleinste Detail geplant. Das Kondom stellte ihre Bezahlung für das Taxi dar.

»Ich besorge es Ihnen unterwegs«, bot Stephanie an, und die Worte brannten wie Säure auf ihrer Zunge. Frische Scham erhitzte ihr Gesicht von Neuem. Tiefer kann ein Mensch kaum sinken. »Bitte, Sir, ich schwöre bei Gott, Sie sind meine einzige Hoffnung.«

Der Fahrer sah nach links und dann nach rechts. Scheinwerfer des übrigen Verkehrs schnitten durch die regenverhangene Nacht wie gelblich leuchtende Augen metallischer Dämonen, die geradewegs aus der Hölle entsprungen waren, um Stephanie zu jagen, zur Strecke zu bringen und ihre unsterbliche Seele einzufangen. Die Bürgersteige lagen größtenteils verlassen da, nur noch wenige Fußgänger waren unterwegs und suchten Schutz vor dem unablässigen Regen, der immer noch mit ohrenbetäubendem Stakkato auf das Betonmeer ringsum einhämmerte. Stephanie blinzelte angesichts der surrealen Bilder angestrengt. Der Regen schien beinah zu tanzen, als freue er sich darüber, sie am Tiefpunkt ihres Lebens zu sehen.

Dann entriegelte der Fahrer die Türen. »Los, steigen Sie ein«, sagte er.

Der Fahrer ließ sie nicht aussteigen, bevor sie mit ihm fertig war. Stephanie würgte angesichts des chemischen Geschmacks des Kondoms in ihrem Mund und spürte, wie er sich endlich versteifte. Als er fertig abgespritzt hatte, stieß er sie grob von sich. »Los jetzt, raus mit dir!«, herrschte er sie an. »Verdammte Hure! Ich muss arbeiten.«

Stephanie kletterte aus dem Wagen und rannte auf das abbruchreife Apartmenthaus zu, während sie sich über den Mund wischte. Weitere Blitze zuckten über den dunklen Himmel und tauchten die Baumaschinen und Fahrzeuge, die das Haus in zwei Wochen abreißen würden, um Platz für ein neues Luxus-Hochhaus zu schaffen, in ein fahles Licht. Stephanie wusste noch nicht, wohin sie sollte, wenn es so weit war. Vielleicht würde eine alte Freundin sie aufnehmen. Vielleicht würde sie ein Zimmer in einem Frauenhaus finden. Es war nicht wichtig, nicht jetzt.

Die Wohnung, in der sie mit ihren Kindern gelebt hatte, lag in der dritten Etage, aber weil das Gebäude nicht mehr an die Stromversorgung angeschlossen war, gab es keinen Aufzug. Erst jetzt überlegte sie, dass ihre Kinder eigentlich gar nicht hier sein sollten – man hatte sie ihr weggenommen und zu Pflegeeltern gegeben. Doch der Fremde hatte ihr unmissverständlich gesagt, dass sie nach Hause musste, um sie zu retten.

Stephanie versetzte der Tür zum Treppenhaus einen heftigen Stoß und sprang die Betonstufen hinauf, so schnell die brennenden Muskeln ihrer Oberschenkel sie trugen. Sie schlug sich das Knie schmerzhaft an einem Bodenreinigungsgerät an, das sie in der Dunkelheit übersehen hatte. Ein weiterer glühender Schmerz durchzuckte ihren gemarterten Leib, aber auch diesen ignorierte sie. Es war stockdunkel im Treppenhaus, und sie zählte die Stufen mit. Zwei Absätze für jede Etage.

Im dritten Stockwerk angekommen tastete sie nach der Tür und schob sie auf. Ihr Atem ging stoßweise und abgehackt, als sie auf den dunklen, langen Korridor hinaustrat.

Es klickte mehrmals laut in der Dunkelheit, dann wurde sie in gleißendes, blendendes Flutlicht getaucht.

Benommen blieb sie stehen und blinzelte. Sie versuchte, sich zu bewegen, doch ihre Füße waren wie festgenagelt. Einen schrecklichen Moment lang setzte ihr Atem völlig aus. Ihre Ohren klingelten. Die Welt ringsum wurde unscharf, als ihr Tränen in die Augen schossen. Im nächsten Moment löste sich eine Gestalt aus den Schatten, packte sie mit unwiderstehlicher Kraft von hinten um die Taille und bugsierte sie in Richtung ihrer Wohnung. Stephanie trat nach ihrem Angreifer und wehrte sich nach Kräften, doch es war zwecklos. Sein Griff war wie ein Schraubstock und lockerte sich nicht eine Sekunde. Sie versuchte zu schreien, aber er legte ihr eine große Hand über den Mund. Sie roch nach teurem Eau de Cologne.

Zehn Sekunden später waren sie vor ihrer Wohnung angekommen. Der Fremde drehte sich um, versetzte der Tür unter lautem Grunzen einen wuchtigen Tritt, unter dem das termitenverseuchte Holz zerbarst, und zerrte Stephanie hinein. Voller Panik sah sie sich um. Weitere Scheinwerfer standen in einem Halbkreis um einen freigeräumten Platz im Wohnzimmer, direkt vor dem kaputten Fernseher. Allerdings waren die Scheinwerfer im Wohnzimmer nicht grell wie die draußen im Korridor. Sie verbreiteten ein weiches, gedämpftes Licht.

Ideales Licht zum Arbeiten.

In den Boden waren Stahlringe geschraubt.

Stephanie setzte sich gegen ihren Entführer zur Wehr, so gut sie konnte, doch er erwies sich als viel zu stark. Mit kraftvollen Händen hielt er sie fest. Durch einen heftigen Tritt gegen ihre Knöchel verlor sie das Gleichgewicht und landete hart auf dem Boden. Bevor sie wusste, wie ihr geschah, schnitten dünne Schnüre schmerzhaft in ihre Hand- und Fußgelenke, fesselten sie an die Stahlringe und blockierten ihren Blutkreislauf. Ein Knebel wurde ihr tief in den Mund gestopft.

Angestrengt atmend beugte sich ihr Angreifer vor und riss Stephanies Kopf brutal an den Haaren hoch. Höllenqualen breiteten sich rasch in ihrem zitternden Körper aus. Warmer, schwach nach Nelken riechender Atem kitzelte ihre linke Wange. Dann wurde Klebeband über den Knebel gewickelt.

Um ihren Kopf herum. Dreimal. Viermal. Fünfmal. Zipp-zipp-zipp. Um den ganzen Kopf herum, wieder und wieder. Schließlich riss der Mann die Rolle mit einer jähen Handbewegung ab und glättete das ausgefranste Ende mit dem Daumen. Das Weihnachtsgeschenk war zu seiner Zufriedenheit verpackt.

Fünf Minuten später war Stephanie vollkommen nackt, mit gespreizten Gliedern an die Stahlringe gefesselt, außerstande, sich zu bewegen, zu sprechen, ja zu atmen.

Grunzend von der Anstrengung seiner Bemühungen erhob sich ihr Angreifer und ragte über ihr auf. Die Scheinwerfer strahlten ihn von hinten an. Stephanies Augen weiteten sich entsetzt, als sie sah, dass er einen Smoking trug. Goldene Manschettenknöpfe glitzerten an seinen Handgelenken. Das silbergraue Haar war auf der linken Seite perfekt gescheitelt. Ein strahlendes Lächeln huschte über seine attraktiven Gesichtszüge.

Dann hob er einen Vorschlaghammer an.

»Guten Abend, Stephanie«, sagte er. »Es mag dir unhöflich erscheinen, aber ich fürchte, unsere Bekanntschaft endet auch schon wieder. Diese Nacht bedeutet schachmatt für dich. Ich denke, du weißt, was als Nächstes kommt. Versuch, nicht zu schreien.«

Damit holte er aus und ließ den Vorschlaghammer mit aller Kraft nach unten sausen, angefangen bei ihren Füßen. Der Urschrei, der tief aus Stephanies rauer Kehle hervorbrach, ging im Knebel vollständig verloren. Ihre letzten Gedanken galten ihren beiden Lieblingen.

2

Dunkelheit. Süße Umnachtung. Kalt und tief und schwarz und wunderbar schmerzlos.

In ihrer traumatisierten Fantasie spielt Stephanie mit ihren Kindern im Park. Jack schubst Molly auf einer Schaukel an, und Stephanie sitzt auf der Schaukel neben den beiden, beugt und streckt die Knie, ohne richtig zu schaukeln. Sie schiebt sich mehr vor und zurück, genießt den Tag.

Die Sonne ist warm und hell, der blaue Himmel ist klar, doch es weht eine kühle Brise, die ihr durch die Haare fährt und die Temperatur angenehm werden lässt. Vögel zwitschern ihre hübschen kleinen Lieder in den schwankenden Zweigen der mächtigen Ahornbäume, die den Park ringsum säumen. Dreißig Meter zu ihrer Rechten steht ein Zuckerwatteverkäufer und bastelt bunte flauschige Süßigkeiten für die Kinder, die sich aufgeregt um ihn drängen. Überall Lachen.

Stephanie sieht zu ihren eigenen Kindern und lächelt. Jack schubst immer noch Molly an – die beiden wechseln sich auf der Schaukel ab. Der Traum jeder Mutter. Zwei kleine Engel.

Auf und ab schwingt Molly, und ihre langen blonden Haare wehen im Wind wie goldene Sonnenstrahlen. Am Höhepunkt eines Schwungs schaut sie zu Stephanie herunter und ruft mit ihrer süßen hellen Stimme. In Stephanies Ohren klingt es wie der Gesang eines Engels. »Pass auf, die Biene, Mami!«, ruft Molly, kichernd vom Gefühl von tausend Schmetterlingen in ihrem kleinen straffen Bauch. »Sie sticht dich gleich direkt in den Arm!«

Stephanie sieht nach unten auf ihren Arm und schlägt nach der Biene, doch es ist zu spät. Das Insekt senkt seinen Stachel tief in ihre Haut und injiziert ihr sein Gift. Sie schreit auf, wirft den Kopf in den Nacken und starrt direkt hinauf in den grellen Feuerball hoch oben am Himmel.

Stephanie blinzelt erneut, fester, heftiger, vollkommen verwirrt. Die Sonne ist viel zu nah. Viel zu hell. Als wäre sie vom Himmel gefallen. Das Licht in ihren Augen ist blendend grell. So blendend grell. Sie kann überhaupt nichts mehr erkennen.

Nach und nach verwandelt sich die Sonne in einen Scheinwerfer. Dann blockiert die Silhouette eines Mannes das Licht. Er richtet sich auf, dreht sich um und legt eine Spritze auf den Wohnzimmertisch.

Schmerz. Dumpf und heiß und pochend und unerträglich. Völlig anders als alles, was Stephanie jemals zuvor in ihrem Leben erfahren hat.

Der Mann nimmt den Vorschlaghammer vom Sofa, dreht sich um und lächelt freundlich auf sie herab, wobei er zwei Reihen perfekter weißer Zähne entblößt. »Ah, da bist du ja wieder, Schlafmütze«, sagt er. »Bereit für die zweite Runde? Deine Füße sind erledigt. Jetzt ist es an der Zeit, ein wenig an deinen Unterschenkeln zu arbeiten. Keine Angst – diesmal wird es gar nicht wehtun, versprochen.«

Der stählerne Kopf des Vorschlaghammers saust mit derart beängstigender Wucht nach unten, dass es Stephanie die Luft aus der ohnehin beengten Brust treibt. Das Metall trifft auf ihren linken Unterschenkel und zerschmettert die Knochen an einem Dutzend Stellen. Stephanies Augenlider flattern für einen Moment, bevor ihre Pupillen nach hinten in den Kopf rollen. Zum Glück wird sie dieses Mal schon nach dem ersten Schlag vor Schmerz bewusstlos.

Doch Stephanie weiß, dass sie schon sehr bald wieder aufwachen wird. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Der Mann in ihrer Wohnung sorgt dafür.

Er hat es ihr versprochen.

3

Mittwoch, 11:46 Uhr

Es hätte eigentlich unmöglich sein müssen, aber die Leiche stank noch schlimmer, als sie aussah. Und sie sah nicht so aus, als würde sie in absehbarer Zeit einen Schönheitswettbewerb gewinnen.

Der Name des jüngsten Opfers lautete Stephanie Mann. Ein anonymer Anrufer beim New York City Police Department hatte die Tote gemeldet – was nie ein gutes Zeichen bedeutete. Wenn ein anonymer Anrufer in Dinge dieser Art verwickelt war, hieß das in der Regel, dass man mit Hilfe vonseiten der Öffentlichkeit praktisch nicht rechnen konnte.

Glücklicherweise hatte das NYPD fast sofort nach dem Eintreffen am Tatort das FBI hinzugezogen. Die leitende Ermittlerin hatte offensichtlich auf Anhieb gewusst, womit sie es zu tun hatte – und anscheinend nicht die geringste Lust verspürt, die blutige Sauerei auch nur mit einem drei Meter langen Stab anzufassen. Die rasche Kommunikation hatte den Grad der Kontamination des Tatorts ein wenig verringert, wenigstens ein positiver Aspekt bei der ganzen Sache. Wenn von nun an keine Fehler begangen wurden, bestand sogar die geringe Chance, dass der Tatort von den Technikern des FBI unter die Lupe genommen werden konnte, als wäre er unberührt – die zweitbeste Möglichkeit nach der, dass die Bundesermittler als Erste vor Ort waren.

Abblätternde Tapeten bedeckten krumme Wände auf allen vier Seiten des Wohnzimmers, an den Rändern gelb und gekräuselt von Wasserschäden. Strom gab es in dem heruntergekommenen Gebäude nicht mehr, weil es in zwei Wochen abgerissen werden sollte. Die schräg durch die verdreckten Scheiben einfallende Frühlingssonne bot dennoch genügend Licht, um den Tatort in Augenschein nehmen zu können.

Es war kein hübscher Anblick.

Von Ratten angenagte Müllsäcke stapelten sich meterhoch in der nordwestlichen Ecke des Raums. Dunkle Flüssigkeit sickerte aus zahllosen Löchern und sammelte sich in einer Lache auf dem Boden. An der Südwand stand ein schwerer alter Fernseher auf einem klapprigen, durchgebogenen Gestell. Der Stecker eines ausgefransten Stromkabels befand sich noch in der Steckdose. Freiliegende elektrische Drähte verliefen gefährlich dicht über dem ausgefransten, fleckigen Teppich – ein nahezu sicherer Brandherd, hätten die müden alten Adern des Gebäudes noch Strom geführt. Direkt über dem Fernseher befand sich ein vernageltes Fenster. Dünne, rostige Nägel ragten in jede Richtung und versprachen jedem eine Zukunft voll Tetanusspritzen, der dumm oder ungeschickt genug war, sich daran zu verletzen. Die innerstädtische Version eines Sicherheitssystems – die Alternative armer Menschen zu einem Rottweiler oder Pitbullterrier, um das zu schützen, was einem rechtmäßig gehörte.

Mitten in all dem, auf einem frisch gesäuberten Wohnzimmertisch, knapp einen Meter von Stephanie Manns geschundenem, gefoltertem Leichnam, lag eine makellose Ausgabe von Amos Burn – eine Schachbiografie des internationalen Großmeisters aus der Schweiz, Richard Forster. Daneben stand – aufrecht wie ein stummer Miniaturwächter, der fürstlich entlohnt worden war, um dafür zu sorgen, dass seinem renommierten Mandanten kein Leid widerfuhr – eine glänzende Neun-Millimeter-Messingpatrone.

Special Agent Dana Whitestone sah zweimal hin. Selbst inmitten dieser grausigen Szenerie wirkte die Patrone merkwürdig deplatziert, eine Fremde in einem fremden Land, die weder willkommen noch irgendwie erklärlich war. Dana blinzelte und sah ein drittes Mal hin. Die Patrone hatte sich keinen Millimeter bewegt.

Übelkeit befiel Danas Magen und krampfte ihn zusammen. Zum ersten Mal in der Serie unaussprechlich grausiger Morde, die sie und ihr Partner Jeremy Brown untersuchten – bisher auffallend erfolglos, wie die lokalen Medien mit pflichtbewusster Freude nicht müde wurden zu verkünden –, hatte der Killer so etwas wie einen Co-Star zurückgelassen, den sich das Rampenlicht mit dem neuesten Buch teilte, das er auserkoren hatte, um eine historische Schachpersönlichkeit zu repräsentieren.

Aber warum?

Dana verzog das Gesicht und spürte den Beginn mörderischer Kopfschmerzen, die sich zusammenbrauten. Obwohl sie noch nicht begriff, welche Bedeutung die Patrone hatte, verriet sie ihr doch etwas, das mit größter Wahrscheinlichkeit zutraf: Der Killer wurde dreister. Dreist genug, um die Stadt in eine Panik zu versetzen, die sie seit den Tagen des Son of Sam nicht mehr gekannt hatte.

Neben dem mächtigen, neunhundertzweiundsiebzig Seiten dicken Wälzer, der das bemerkenswerte Leben des verstorbenen englischen Schachgroßmeisters Amos Burn zum Inhalt hatte, nahm sich jeder Türstopper unbedeutend aus. Die winzige, im strahlenden Sonnenlicht schimmernde Kugel bildete einen starken Kontrast dazu und wirkte daneben beinah verloren – ein unwichtiger Tourist, der in staunender Ehrfurcht zur atemberaubenden Erhabenheit eines der zahllosen Wolkenkratzer von New York City hinaufstarrte.

Dana stieß frustriert den Atem aus. Ihr graute bereits bei dem Gedanken an den nächsten Intensivkurs in Schach, durch den sie sich würde quälen müssen. Wenngleich sie das Spiel seit der Collegezeit gelegentlich spielte und sowohl die Figuren als auch deren Züge kannte, war sie weit davon entfernt, etwas von Spielstrategie zu verstehen. Erschwerend kam hinzu, dass Brown und sie es hier offensichtlich mit einem Meister zu tun hatten. Einem Meister, der erneut in die Offensive gegangen war, und zwar mit einer rücksichtslosen Gewalt, die nur jemand einsetzte, der nichts mehr zu verlieren hatte.

Oder jemand, der nie etwas gehabt hatte, das er verlieren konnte.

Das Buch zu lesen würde sie mindestens eine Woche kosten – wahrscheinlich wesentlich länger, wenn sie versuchte, den Inhalt zu begreifen –, aber sie wusste, dass sie genau das tun musste, wenn Brown und sie auch nur den Hauch einer Chance haben wollten, einen Killer zu schnappen, der sich bisher als so gerissen und schwer fassbar erwiesen hatte, dass ihr angst und bange wurde. Dana hatte nicht die geringste Ahnung, welche Rolle die kleine Patrone im tödlichen Spiel des Killers spielte – noch nicht jedenfalls. Bislang war ihnen der Killer bei jedem Zug einen Schritt voraus gewesen. Er ließ sie wie Idioten aussehen, wie Amateure.

Sie hoffte, der Inhalt des Buches würde endlich Licht auf das Rätsel werfen, das zu lösen Brown und ihr wieder einmal nicht rechtzeitig gelungen war. Wenn sie Glück hatten, konnten sie vielleicht das Leben des nächsten zur Hinrichtung vorgesehenen Opfers retten. Und so schwer es sein mochte, sich mit dem Gedanken anzufreunden – Dana wusste genau, was jeder dieser Morde gewesen war: eine Hinrichtung.

In vorliegenden Fall hatte ihr Versagen Stephanie Mann das Leben gekostet. Wer wusste schon, wer als Nächstes an der Reihe sein würde? Niemand vermochte es zu sagen, und darin bestand das Problem. Der Killer zeigte kein erkennbares Muster, was die ausgewählten Zielpersonen anging. Hingegen ergab sich ein sehr deutliches Muster, was die Orte seiner Taten betraf. Wie sollte man ein Profil erstellen, wenn sich das Muster jedes Mal änderte?

»Wieder mal leichte Lektüre für uns, Dana? Sieht ja richtig spannend aus diesmal. Ich kann’s kaum erwarten, mit dem Lesen anzufangen.«

Dana schloss die Augen und schüttelte verärgert den Kopf. Wie jeder im Raum trug auch Brown eine komplette Schutzmontur, um den Tatort nicht zu kontaminieren – zumindest nicht noch mehr zu kontaminieren. Im direkten Vergleich ließ diese kakerlakenverseuchte Müllkippe jede billige Absteige wie eine luxuriöse Penthousesuite im Four Seasons erscheinen.

Aber ob dreckig oder nicht – alles in der Wohnung musste eingetütet, mit Etiketten versehen und zur Analyse nach Washington D. C. ins FBI-Hauptquartier geschickt werden, und zwar schnell. Alles, angefangen von den stinkenden Müllsäcken über den kaputten Fernseher bis hin zum Schachbuch. Es blieb keine Zeit, vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen den Abriss des Gebäudes zu erwirken, daher mussten sie die gesamte Wohnung Stück für Stück leeren. Die anschließende Spurenanalyse würde wahrscheinlich Wochen, wenn nicht Monate in Anspruch nehmen. Es war, als würfe man fünfzig verschiedene Riesenpuzzles in eine große Kiste und versuchte, aus allen Teilen zusammen ein einziges, klares Bild zu erschaffen.

Mit anderen Worten: nahezu unmöglich. Obwohl aufgrund der wachsenden Zahl von Morden inzwischen eine behördenübergreifende Arbeitsgruppe ins Leben gerufen worden war, hatten Dana und Brown immer noch die Leitung. Sie waren es auch, die das meiste Lob einheimsen würden, sollte es ihnen gelingen, den Killer zu stoppen – und ihnen würde man den Großteil der Schuld zuweisen, falls nicht. Bisher hatte es kein Lob gegeben, dafür reichlich Schuldzuweisungen. Der Geduldsfaden in D. C. war ziemlich dünn geworden. Dana wusste, dass ihr Kopf und der von Brown rollen würden, wenn sie nicht bald ernsthafte Fortschritte bei der Identifikation des Killers erzielten. Das mochte eine abschreckende Weise sein, die Dinge zu betrachten, nichtsdestotrotz eine passende.

Dana reckte den Hals und sah zu ihrem Partner. Die Papiermasken über ihren Gesichtern passten zu den Schutzhüllen über ihren Schuhen und verliehen ihnen das Aussehen von Notfallchirurgen, die über die beste Möglichkeit nachsannen, das Leben eines Patienten zu retten. Leider gab es für sie niemanden mehr zu retten. Die Patientin war längst tot.

Dana nickte in Richtung von Stephanie Manns geschundener Leiche, die splitternackt mit weit ausgebreiteten Armen und Beinen mitten im Wohnzimmer lag. Dünne Seile fesselten sie an dicke, in den Wohnzimmerboden eingelassene Stahlringe und hatten die Handgelenke und Knöchel des Opfers schwarz verfärbt. »Was hältst du davon?«, fragte Dana ihren Partner. Bis zum Eintreffen der Pathologin waren Brown und sie auf sich allein gestellt, was Vermutungen über den Tathergang und die Todesursache betraf.

Brown richtete den Blick auf den verwesenden Leichnam. Er sah größtenteils zerschmettert und purpurn dunkelviolett aus. Das Gesicht war nicht mehr erkennbar. Der überwältigende Gestank von verrottendem Fleisch, der ihnen beim Betreten der Wohnung entgegengeschlagen hatte, schien mit jeder Sekunde schlimmer zu werden.

»Sieht so aus, als hätte jemand sie mit einem stumpfen Gegenstand bearbeitet«, meinte Brown und stieß langsam den Atem aus. Die Maske über seinem Mund und seiner Nase wölbte sich wie ein Ballon. »Mit einem Hammer vielleicht. Das Schachbuch auf dem Tisch soll uns wohl sagen, dass diese Partie hier zu Ende ist. Die Einstiche an den Armen des Opfers deuten darauf hin, dass sich die Frau Drogen gespritzt hat. Keine Ahnung, was die Patrone bedeutet. Aber wenn unser Mann bei seinem Schema bleibt, fängt er in den nächsten Tagen eine neue Partie an. Was schätzt du, wann war der Zeitpunkt des Todes? Wann ist diese Sauerei passiert?«

So unangenehm die Frage für Dana war, da die Pathologin noch auf sich warten ließ, zwang sie sich, den nackten Leichnam noch einmal genauer in Augenschein zu nehmen, dem Drang zu würgen zu widerstehen und auf die forensischen Details zu achten. Leicht fiel es ihr nicht.

Im Mund, in der Nase, in den Augenhöhlen, in den Ohren … in sämtlichen natürlichen Körperöffnungen der Toten wuselten winzige, glitschige Maden. Der Leichnam war aufgebläht und erinnerte Dana an die schockierenden Fotos von verhungernden äthiopischen Kindern, die sie in den 1980er-Jahren im National Geographic Magazine gesehen hatte. Das schien Ewigkeiten her zu sein. Mehrere Leben.

Nicht zum ersten Mal wünschte Dana, sie hätte einen anderen Beruf ergriffen. Bibliothekarin vielleicht. Das erschien ihr sicherer. Jedenfalls war sie in der Vergangenheit in Bibliotheken nie auf Berge von verrottenden Leichen gestoßen. Aber sie war nicht Bibliothekarin geworden. Stattdessen hatte sie sich sehr bewusst dafür entschieden, zum FBI zu gehen. Sie hatte von Anfang an gewusst, worauf sie sich einließ. Und sie hatte sich alle Mühe gegeben, um so weit zu kommen. Vor vierzehn Jahren hatte sie mit Händen und Füßen darum gekämpft, Special Agent zu werden, die Akademie als Beste ihres Jahrgangs abzuschließen und ihren Lebensunterhalt mit der Jagd auf Serienmörder zu verdienen.

Trotz allem liebte Dana ihren Beruf. Jede Minute davon. Schließlich gab es eine Menge kranker Arschlöcher, die nicht einen Augenblick zögerten, Unschuldigen das Leben zu nehmen. Daraus ergab sich zwangsläufig, dass es auch Menschen wie Dana geben musste, die bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um diese gefühllosen Monster zur Strecke zu bringen.

Dana hoffte, dass sie ihr Leben nicht lassen müsste.

Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben, und konzentrierte sich auf die vor ihr liegende Aufgabe. Ihre Arbeit war ohnehin ihre Stärke, was der Psychiater des FBI ihr mehrfach bestätigt hatte. Im Gegensatz zu Bibliothekaren hatte Dana im Verlauf ihrer Karriere bereits Unmengen von verrottendem Fleisch gesehen. Ganze Lkw-Ladungen. Genug für die nächsten tausend Jahre. So viel, dass sie den hartnäckigen Gestank nie ganz aus der Nase bekam, der nicht aus ihren Haaren und von ihrer Haut weichen wollte, ganz gleich, wie viel Seife sie benutzte und wie oft sie am Ende jedes erschöpfenden Arbeitstags kochend heiß duschte.

Es gab fünf allgemeine Stadien der Verwesung bei Leichen: frisch, aufgedunsen, aktive Verwesung, fortgeschrittene Verwesung und trockene Überreste. Nach den Maden und dem grausig geschwollenen Leib der Toten zu urteilen, hatte Stephanie Mann das aufgedunsene Stadium erreicht. So, wie es aussah, würde die aktive Verwesung nicht mehr lange auf sich warten lassen. »Sie ist seit schätzungsweise drei Tagen tot«, beantwortete Dana Browns Frage nach dem Todeszeitpunkt und blickte auf, um zu sehen, ob die Pathologin zwischenzeitlich am Tatort eingetroffen war. Kein Glück. »Vielleicht auch vier. Die entstehenden Gase sind bis jetzt noch nicht durch die Haut gebrochen, aber die Mikrobenvermehrung hat offensichtlich bereits eingesetzt. Blutkreislauf und Lymphsystem sind mit Sulfhämoglobin überschwemmt, was die Ursache für das grünlich-marmorierte Aussehen des Leichnams ist.«

Es war zwar eine klinische Einschätzung – so distanziert, wie unter den gegebenen Umständen möglich –, trotzdem stieg heißer Zorn in Dana auf und verdrängte die Übelkeit. Brown hatte wahrscheinlich recht – diese letzte Partie des Killers schien zu Ende zu sein –, doch Dana zweifelte nicht daran, dass weitere Morde folgen würden.

Jede Menge Morde. Blutige, abscheuliche, grausame Morde.

Obwohl es nicht immer so war, gewann Dana zunehmend den Eindruck, dass dieser Killer nicht mit dem Morden aufhören würde, bis er gefasst wurde. Nein, er würde weitermachen, bis Brown und sie sein Schema bereits zu Beginn seiner kranken Spielchen durchschauten. Oder wenigstens irgendwann in der Mitte. Nicht am Ende, wenn es nichts mehr nutzte, weder ihnen noch den Opfern, die auf die entsetzlichste Art und Weise starben, die Dana je erlebt hatte.

In ihrer gesamten Laufbahn hatte sie noch nie an einem derart frustrierenden Fall gearbeitet. Sie wollte diejenige sein, die den Mörder stoppte, ganz gleich, wie lange es dauern würde. In ihr brannte das Verlangen, den Mistkerl zu schnappen. Je mehr er sie zum Narren hielt, desto grimmiger wurde ihre Entschlossenheit.

Zum wiederholten Mal sah sich Dana im Raum um und seufzte. Es gab hier Berge von möglichen Beweisen und Spuren, die sie verarbeiten und auswerten mussten. Zusätzlich kam erschwerend hinzu, dass sich die Obdachlosen der Stadt quasi die Klinke der Wohnung in die Hand gegeben hatten, seit das Gebäude vor zwei Jahren zum Abriss bestimmt worden war. Allein die DNS-Spuren im Wohnzimmer würden sich wahrscheinlich Dutzenden verschiedenen Personen zuweisen lassen, wenn nicht mehr.

Kein erfolgversprechender Anfang, ganz und gar nicht.

Und falls die Wohnung benutzt worden war, um darin mit Drogen zu handeln oder Drogen zu konsumieren – eine Möglichkeit, die angesichts der Unzahl von Einstichen in Stephanie Manns zerschmetterten Armen nicht von der Hand zu weisen war –, konnte sich die Zahl in die Tausende erstrecken. Bei einer durchschnittlichen Dauer von sechs Wochen für die Analyse jeder DNS war die Rechnung nicht nur ganz einfach, sondern ganz einfach gegen sie. Wie alles andere.

Solange die Techniker von der Spurensuche gehetzt und unter großem Druck ihrer Arbeit nachgingen, konnte der unbekannte Täter weiterhin nach Herzenslust morden.

Aber worin bestand die Absicht des Killers? Warum ermordete er diese Menschen? Welches Ziel versuchte er, damit zu erreichen? Nichts ergab in Danas Augen auch nur annähernd einen Sinn.

Sie wusste, dass Serienkiller nur selten ihre Vorgehensweise änderten. In der Regel liefen ihre Morde immer mehr oder weniger nach demselben Schema ab. Manche Täter versuchten, mit ihren Verbrechen ein Kindheitstrauma zu überwinden. Andere gaben ihren Opfern bestimmte Identitäten und sahen in ihren Gesichtern oft die eigene Mutter oder eine Geliebte, die sie in der Vergangenheit zurückgewiesen hatte. Dieser Kerl jedoch mischte die Dinge jedes Mal neu. Alter, Geschlecht, sozialer Status – nichts von alledem schien ihm irgendetwas zu bedeuten.

Verdammt, vielleicht gefiel es ihm einfach, zu töten.

Seit mittlerweile fünf Monaten verfolgten Dana und Brown die eiskalte Spur eines Serienmörders, den die Presse hämisch den »Schachbrett-Mörder« getauft hatte. Offensichtlich war es den schlagzeilengeilen Medien vollkommen egal, dass es bereits einen Mörder mit derselben Bezeichnung in den Annalen gab. Wichtig war für sie nur, dass der Name die Auflage steigerte. Sie wollten Zeitungen verkaufen, jede Menge davon, und daher hatten sie beschlossen, diesen Namen zu benutzen. Erneut. Wie bei so gut wie allem im Leben ging es auch bei dieser Geschichte nur um Geld.

Alexander Pitschuschkin, der ursprüngliche Schachbrett-Mörder, war ein russischer Irrer gewesen, der im Südwesten von Moskau sein Unwesen getrieben und mindestens achtundvierzig Menschen ermordet hatte, bevor er von Überwachungskameras dabei gefilmt worden war, wie er sein letztes Opfer auf einen geschäftigen Bahnsteig im Bitza-Park begleitete. Er hatte bei seiner Vernehmung ausgesagt, dass er eigentlich vierundsechzig Menschen töten wollte, einen für jedes Feld auf einem Schachbrett.

Unglücklicherweise schien diese aktuelle Inkarnation des Schachbrett-Mörders Pitschuschkins grausige Idee mehrere furchterregende Schritte weiterzutreiben, indem er einige der berühmtesten Schachpartien der Geschichte in ihrer Gesamtheit nachbildete und die Schlagzüge durch seine Morde kennzeichnete.

Ein gerissener Mistkerl. Dana konnte es kaum erwarten, ihn zu schnappen.

Die erste Partie hatte sich im vergangenen Jahr ereignet und war eine Hommage an Siegbert Tarrasch gewesen, einen preußischen Weltklassespieler, der 1934 gestorben war und von dem der berühmte Satz stammte, dass Schach, wie Liebe und wie Musik, die Macht besitzt, Menschen glücklich zu machen. Als die Kollegen von der New Yorker Außenstelle mit dem Fall nichts anfangen konnten, waren Dana und Brown von Direktor Bill Krugman persönlich aus Cleveland gerufen worden, um die Ermittlungen zu übernehmen. Allerdings hatten sie schon bald ihre derzeitigen Positionen als gemeinsame Vorsitzende des Klubs der Ratlosen eingenommen.

Dennoch hatten sie wenigstens ein paar Fortschritte erzielt.

Sie hatten Tarraschs berühmte Worte in seinem Buch gefunden, das neben der Leiche von Paul Winslow gelegen hatte. Winslow war ein vierunddreißig Jahre alter Schwarzer aus Yonkers gewesen, der im vergangenen November das Pech gehabt hatte, zum letzten Opfer der »Siegbert-Tarrasch-Partie« geworden zu sein. Ausgehend von ihm war es Dana und Brown gelungen, eine Reihe ungelöster Morde, die jenem an Winslow ähnelten, einem bestimmten Straßenraster in New York City zuzuordnen. Ein leistungsstarker Computer hatte das Muster von Stecknadeln auf der Straßenkarte dekodiert und sie so auf das Muster des unbekannten Täters gebracht. Anschließend hatten mühsame Recherchen sie zu der schockierenden Erkenntnis geführt, dass die Positionen auf der Karte perfekt zu den Schlagzügen in Siegbert Tarraschs erstem aufgezeichneten Spiel passten.

Und so hatte das abscheuliche Katz-und-Maus-Spiel seinen Lauf genommen. Nur wusste Dana leider nicht recht, welches der beiden Tiere sie und Brown in diesem Wettstreit verkörperten. Jedenfalls fühlte sie sich die meiste Zeit wie die Maus.

Der Schachmattzug des Killers – zu diesem Zeitpunkt eindeutig die Katze – war entsetzlich gewesen … gelinde ausgedrückt. Wie die anderen Opfer vor ihm war Winslow »seiner Sinne beraubt« worden.

Was bedeutete, dass alle fünf Sinne entfernt worden waren. Finger, Nase, Ohren, Zunge und Augen waren mit einer Reihe von Skalpellen herausgeschnitten worden, wie die Forensiker später ermittelten.

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