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Sieg der Liebe

PROLOG

St. Pierre, Martinique

1754

„Sieh sie dir an, Michel!“, flüsterte Antoinette Géricault eindringlich. „Sieh sie dir an und denk daran, was sie dir alles gestohlen haben!“

Antoinette umklammerte die Schultern des Jungen, und er spürte ihre scharfen Nägel durch den abgetragenen Stoff seines Hemdes. Aber Michel zuckte nicht einmal. Er verdiente jede Strafe, die Maman ihm zufügte. Hatte sie ihm nicht schon oft gezeigt, dass er schlecht und faul war, kaum der Mühe wert, die es sie kostete, ihn zu ernähren? Wenn sie ihn nicht so sehr liebte, würde sie ihn nicht tadeln oder schlagen, damit er sich seiner Herkunft als würdig erwies.

Und damit er ihrer würdig war. Er musste sich Mamans Liebe verdienen, denn er hatte nur sie.

„Sieh sie dir an, Michel!“ Er spürte ihren heißen Atem an seinem Ohr, als sie sich über seine Schulter hinweg aus dem einzigen Fenster des Dachzimmers lehnte, das sie gemeinsam bewohnten. „Mon Dieu, dass sie nach so vielen Jahren gerade hierher kommen, beinahe an meine Türschwelle! Schau dir an, was sie besitzen, während du auf so vieles verzichten musst!“

Die englische Familie war gerade dabei, die Schaluppe zu verlassen und sich vom Kapitän und der Besatzung zu verabschieden. Sie wurden weniger wie Passagiere, sondern wie liebe Gäste behandelt, und warum auch nicht? Sie waren wohlhabend, gut gekleidet und wohlgenährt, von dem breitschultrigen Vater bis zu der kleinen, rundlichen Mutter, die ein Baby auf dem Arm trug, während vier weitere Kinder sich um sie scharten.

Der älteste Sohn, der etwa im selben Alter wie Michel zu sein schien, hielt einen kleinen schwarzen Hund an der Leine, der nur aus Schwanz und Schlappohren zu bestehen schien. Der Junge beugte sich hinunter, um dem Tier über den Rücken zu streichen, und der Welpe bedankte sich, indem er ihm mit der Zunge über das Gesicht fuhr. Michels Mutter lachte. Dann legte sie ihren freien Arm um die Schultern ihres Sohnes und zog ihn an sich.

„Sieh sie dir an, diese schamlose englische Hure!“, flüsterte Antoinette aufgebracht. „Schau nur, wie sie sich amüsieren kann über das Elend, das sie über uns gebracht hat!“

Michel betrachtete den anderen Jungen und zwang sich, den Zorn seiner Mutter zu teilen. Er, Michel, würde niemals ein Hündchen haben. Es gab kaum genug zu essen für Maman und ihn, geschweige denn für einen Hund. Niemals würde er einen Mantel aus feinem blauen Stoff haben, oder einen Dreispitz mit einer silbernen Kokarde, oder Schuhe mit Messingschnallen, oder ein Fernrohr in einem Lederetui.

Voller Scham dachte er an seine einzige Hose, deren Beine inzwischen zu kurz waren, um unter den Knien gebunden zu werden, seine gestopften Strümpfe, die abgetragenen Schuhe mit den Schnürsenkeln, die er einem betrunkenen Seemann gestohlen hatte und die überhaupt nicht zu seinen Schuhen passten.

Er würde niemals zwei jüngere Brüder haben, mit denen er rangeln und scherzen konnte, wie es jener Junge tat. Sein Vater würde sich nie herabbeugen, um auf etwas zu deuten, das ganz weit oben über den höchsten Masten zu sehen war, und das nur sie allein miteinander teilten. Seine Mutter würde ihn nie auf diese Weise umarmen, ganz offen vor aller Welt.

Und seine Maman lachte nie …

„Ich wusste nicht, dass es auch noch eine Tochter gibt“, wisperte seine Mutter. „Böses kleines Geschöpf, geboren aus der Sünde. Sie soll zugrunde gehen, weil ihr Vater Schande über mich gebracht hat!“

Jetzt erst bemerkte Michel das kleine Mädchen, das hinter den Röcken der Mutter verborgen gewesen war, bis es jetzt vorwärtssprang, um den Welpen zu streicheln. Es zeigte keinerlei Furcht und jauchzte entzückt, als das Hündchen versuchte, auch ihr das Gesicht zu lecken. Die Kapuze ihres Umhangs glitt zurück, und Michel konnte ihr Gesicht mit den runden, rosigen Wangen und den strahlenden Augen sehen. Ihr schwarzes Haar war auf rührende Weise zerzaust, und die Ähnlichkeit mit den Eltern war in ihrem Gesichtchen deutlich zu erkennen.

Unwillkürlich machte Michel einen Schritt nach vorn. Das Glück des kleinen Mädchens wirkte selbst über die Entfernung hinweg wie ein Zauber auf ihn und zog ihn magisch an. Michels Mutter stand neben ihm und lächelte böse.

„Jetzt wirst du es nicht mehr vergessen, nicht wahr, Michel?“, flüsterte sie. „Du wirst sie nicht vergessen, bis sie für alles gesühnt haben. Denn jener Mann dort ist Gabriel Sparhawk, der deinen Vater getötet hat.“

1. KAPITEL

Newport

Rhode Island und Providence

1771

Michel hatte nicht die Absicht gehabt, zum Haus zu gehen, nicht an dem Abend, an dem die Hochzeit stattfinden sollte. Wenn irgend jemand ihn erkannte, würde er riskieren an einem Strick zu baumeln, und wie sollte dann der Gerechtigkeit Genüge getan werden?

Eine weitere Kutsche hielt vor dem Haus, und Michel Géricault zog sich in den Schatten der hohen Hecke zurück. Noch mehr Hochzeitsgäste, noch mehr rotgesichtige, herausgeputzte Engländer mit ihren wenig anziehenden Ladys.

Mon Dieu, wie lächerlich sie alle waren, diese Anglais, und wie sehr er sie hasste!

Die vordere Eingangstür wurde geöffnet, und Licht fiel auf die Straße. Anstelle des Dieners, den Michel erwartet hatte, erschien Captain Sparhawk selbst. Er begrüßte die neuen Gäste, die zur Hochzeit seiner Tochter gekommen waren. Nachdem Michel ihn eine Woche lang beobachtet hatte und ihm wie ein Schatten von seinem Haus zum Kontor und zu seinen Schiffen gefolgt war, konnte Michel ihn nun beinahe gleichgültig ansehen, ohne den glühenden anfangs empfundenen Zorn. Er wusste schon lange, dass Gefühlsregungen jeglicher Art zu Nachlässigkeiten führten, die er sich heute Abend nicht leisten konnte.

Von der Straße her hörte er das leise Lachen einer Frau und die Schritte ihres Begleiters auf dem gepflasterten Gehweg. Michel zog sich tiefer in die üppigen Sträucher zurück, die die Hecke bildeten. Er befand sich in einem kunstvoll angelegten Garten mit einer Laube, in der eine Bank stand. Vom Haus her drang das Gelächter der Gäste zu ihm hinüber. Jetzt hörte er auch, dass Musiker etwas weiter entfernt ihre Instrumente stimmten. Irgendwo schlug eine Kirchturmuhr achtmal.

Er sollte jetzt gehen, ehe es zu spät war. Nur ein Narr würde bleiben.

Aber von seinem Platz aus konnte Michel durch die offenen Fenster ins Innere des Hauses direkt in den Salon blicken. Wie bei einem Theaterstück hatte die Szene ihn, nachdem der Vorhang einmal aufgegangen war, in ihren Bann gezogen. Auf einem reichlich gedeckten Tisch in der Mitte des Raumes stand der Hochzeitskuchen, der auf einem silbernen Teller aufragte und mit weißen Spitzen aus Papier und Girlanden geschmückt war. Auf einem anderen Tisch waren die Hochzeitsgeschenke ausgestellt, ein Vermögen in Silber, das im Kerzenschein funkelte.

Man sagte, dass Captain Sparhawk sich großzügig wie nie zuvor gezeigt hatte, um die Hochzeit seiner geliebten Tochter zu feiern. Was würde er wohl bieten, wenn sie auf einmal spurlos verschwand?

Am anderen Ende des Hauses schimmerte etwas Weißes im Mondlicht und erregte Michels Aufmerksamkeit. Ein heller Vorhang flatterte an einem offenen Fenster. Aber warum nur? Es war doch ganz windstill. Jemand musste den Stoff von innen bewegt haben. Michel berührte den Gürtel mit den Pistolen und dem Messer. Leise fluchte er. Er wünschte, die Straße wäre frei, damit er sich durch die Hecke hätte zurückziehen können.

Aber zu seiner Überraschung erschien als nächstes das Bein einer Lady am Fenster, ein langes, schlankes Bein in seidenem Strumpf, der von einem grünen Band gehalten wurde. Gleich darauf schwang sich die junge Dame über den Sims und sprang ins Gras. Michel fragte sich zynisch, ob sie vor ihrem Vater oder, was wahrscheinlicher war, vor ihrem Ehemann floh, und blickte sich um, ob er möglicherweise ihren wartenden Liebhaber übersehen hatte.

Die junge Dame blieb gerade lange genug stehen, um die Röcke zu glätten. Sie neigte den Kopf mit dem dunklen Haar und strich mit beiden Händen über den cremefarbenen Satin, daraufhin eilte sie über den Rasen. Der Stoff raschelte. Als sie näherkam, traf das Mondlicht direkt ihr Gesicht, und unwillkürlich fluchte Michel wieder.

Sie hörte seine Stimme, blieb wie erstarrt stehen und berührte die Perlenkette, die sie um den Hals trug. Erschrocken spähte sie in die Dunkelheit, bis sie Michel bemerkte.

„Sie haben mich ertappt, nicht wahr?“, fragte sie und lächelte unsicher. „Auf frischer Tat. Sind Sie ein Freund einer meiner Brüder? Ich bin Ihnen noch nie begegnet.“

„Aber ich kenne Sie“, sagte Michel leise. Der Akzent in seiner sanften, tiefen Stimme war kaum noch wahrnehmbar. Es musste beinahe zwanzig Jahre her sein, aber er hätte sie überall erkannt. „Miss Jerusa Sparhawk.“

„Ja, die bin ich.“ Sie deutete einen Knicks an. „Sicher sind Sie ein Freund von Joshua. Er ist mein Lieblingsbruder, aber das ist wohl nur natürlich, wenn man bedenkt, dass wir Zwillinge sind. Doch ich nehme an, dass Ihnen das bereits bekannt ist.“

Michel nickte zustimmend. Oh, er wusste viel über die Sparhawks.

„Miss Jerusa Sparhawk“, wiederholte sie nachdenklich. „Vermutlich sind Sie der Letzte, der mich so nennt. Denn Sie und alle anderen werden Zeugen sein, wenn ich in einer Viertelstunde Mrs Thomas Carberry werde.“

Ihr Lächeln war bezaubernd. Jeder andere Mann wäre ihr sofort treu ergeben gewesen. Er hatte schon viel über ihre Schönheit gehört, ihr ausdrucksvolles Gesicht, die makellose Haut, den reizvollen Kontrast ihres schwarzen Haares zu den grünen Augen und dem roten Mund, aber nichts von alledem konnte ihren Charme und ihre Ausstrahlung beschreiben.

Obwohl das völlig bedeutungslos war, denn sie war noch immer eine Sparhawk, seine Feindin.

„Ist es wirklich eine Liebesheirat, so wie die Leute behaupteten?“ Welche Ironie des Schicksals, dass sie ihn für einen Freund ihres Bruders hielt. Sie vertraute Michel immerhin so weit, dass sie nicht einmal nach seinem Namen fragte.

Wie eine Taube, dachte er grimmig, wie eine arglose kleine Taube, die mir gurrend in die Hände fliegt.

Jerusa blickte ihn fragend an, und die Diamanten in ihren Ohrringen glitzerten. „Sie wagen es, mich zu fragen, ob ich meinen Tom liebe?“

„Tun Sie es?“ Michel vergeudete mehr Zeit, als ihm zur Verfügung stand, aber er wollte genau wissen, wie viel Leid er an diesem Abend über ihre Familie bringen würde.

„Ob ich Tom liebe? Wie sollte ich nicht?“ Atemlos stieß sie die Worte hervor. „Er ist amüsant und aufmerksam und, ach, er sieht so gut aus. Und er tanzt anmutiger als jeder andere in Newport. Außerdem sagt er kluge Dinge, um mich zum Lachen zu bringen, und kleine Artigkeiten, damit ich ihn noch mehr liebe. Wie könnte ich meinen Tom nicht lieben?“

„Ohne Zweifel hat es ihm geholfen, dass er reich wird.“

„Reich?“ Sie sah ihn unschuldig an. „Nun, ich nehme an, dass sein Vater vermögend ist. Das ist meiner auch, wenn Sie es unter diesem Gesichtspunkt betrachten wollen. Aber das ist ganz gewiss kein Grund, um jemand zu heiraten.“

„Natürlich nicht“, stimmte Michel trocken zu. Sie hatte sich niemals vergeblich nach etwas sehnen müssen in ihrem behüteten, kurzen Leben. Wie konnte sie ahnen, was sie zu tun bereit wäre, wenn sie frieren müsste oder hungrig und verzweifelt war? „Aber wenn Sie ihn lieben, so wie Sie es behaupten, warum laufen Sie dann vor Ihrer eigenen Hochzeit davon?“

„Glauben Sie denn, dass ich das tue? Oh, je!“ Sie rümpfte vergnügt die zierliche Nase. „Es ist wegen Mama, wissen Sie. Sie sagt, die Braut müsse in ihrem Schlafzimmer bleiben bis zu dem Augenblick, in dem sie am Arm ihres Vaters die Treppe hinunterschreitet. Wenn nur eine Person mich vorher sieht, bedeutet das Unglück, und ich erstarre im selben Moment zur Salzsäule.“

Zu einer anderen Zeit, mit einer anderen Frau, hätte er gelacht über die Art, wie sie mit den Schultern zuckte und dann leise seufzte. Vielleicht hätte er sich sogar bezaubern lassen.

„Aber ich wollte unbedingt eine Rose aus diesem Garten, von den Büschen dort, und sie mir ins Haar stecken, denn Tom mag Rosen so gern. Da ich eingesperrt war, konnte ich niemand bitten, sie mir zu holen, und deshalb trafen Sie mich hier an. Aber das kann man kaum als Davonlaufen bezeichnen. Ich habe die feste Absicht, auf demselben Weg zurückzukehren, auf dem ich gekommen bin.“

„Haben Sie keine Angst, dass jemand Sie vermissen könnte?“

„Nicht mit all den vielen Gästen, um die man sich kümmern muss.“ Unruhig rieb sie mit dem Daumen über das Perlenarmband an ihrem Handgelenk. Michel stellte überrascht fest, dass sich hinter ihrer Kühnheit große Aufregung verbarg. „Die Zeremonie wird nicht vor halb neun beginnen.“

Was sie auch sagte, Michel wusste, dass die Zeit schnell verrann. Er hatte sich hier schon viel zu lange herumgetrieben. Rasch überlegte er und änderte daraufhin seine Pläne. Jetzt, da sie ihn gesehen hatte, konnte er es nicht wagen, sie gehen zu lassen. Aber vielleicht war es so noch besser als das, was er eigentlich vorgehabt hatte. Seine Finger berührten die kleine Phiole mit Chloroform, die er in der Tasche trug. Sogar Maman würde den Wagemut anerkennen, der nötig war, um eine Braut zu entführen.

„Also sind Sie nicht abergläubisch?“, fragte er leise, während er mit dem Daumen den Korken aus der Phiole schob. „Sie glauben nicht, dass es Unglück bringt, wie Ihre Mutter es vorausgesagt hat, jetzt, nachdem ich Sie gesehen habe?“

Zweifelnd blickte Jerusa ihn an. „Werden Sie es ihr erzählen?“

„Nein, weshalb sollte ich das tun? Sie pflücken jetzt ihre Rosen, ma chère, und dann eilen Sie zurück ins Haus, ehe man Sie suchen wird.“

Sie zögerte, und zu spät merkte er, dass er gedankenlos ins Französische abgeglitten war. Aber ihr Misstrauen verschwand so rasch, wie es gekommen war, und sie lächelte ihn bezaubernd an. Mit einem Anflug von Bedauern, das ihn selbst überraschte, dachte er daran, dass es das letzte Lächeln sein würde, das sie ihm schenken würde.

„Ich danke Ihnen“, sagte sie. „Es ist mir egal, mit welchem meiner Brüder Sie befreundet sind, denn nun sind Sie auch mein Freund.“

Sie wandte sich den Blumen zu, ehe Michel etwas erwidern konnte. Ihre Röcke raschelten, als sie sich anmutig über die Rosen beugte.

So viel Grazie, dachte Michel, während er das feuchte Tuch aus seiner Tasche zog, soviel Schönheit, um das vergiftete Blut zu verbergen. Sie wehrte sich nur einen Augenblick lang, als er ihr das Tuch auf Mund und Nase presste, dann sank sie reglos in seine Arme.

Er blickte hinüber zum Haus, während er das bewusstlose Mädchen in den Schatten der Hecke trug. Dort nahm er ihr rasch den Schmuck ab, das Perlenhalsband, das Armband und den Ring, die Diamantenohrringe und sogar die Schnallen von ihren Schuhen. Was immer man ihm auch nachsagen mochte, er war kein Dieb, und er war stolz genug, um ihren Schmuck zurückzulassen.

Rasch zog er die Nadeln aus ihrem Haar und zupfte an den kunstvoll geformten Locken, bis sie ihr wirr um die Schultern hingen und ihr Gesicht verbargen. Mit dem Daumen rieb er ihr eilig Schmutz auf die Wangen und die Hände und versuchte, nicht darauf zu achten, wie zart sich ihre Haut anfühlte.

Sie war eine Sparhawk, nicht einfach irgendeine Frau. Er musste daran denken, wie sie ihn beschimpfen würde, wenn sie den Namen seines Vaters erfuhr!

Mit seinem Messer schnitt er den unteren Volant ihres Kleides ab, sodass der leinene Unterrock sichtbar wurde, den er hinter dem Gebüsch durch den Schmutz schleifte. Schließlich zog er seinen Mantel aus und hängte ihn ihr um die Schultern. Wie er gehofft hatte, verbarg der Mantel, was von ihrem Kleid noch übrig war, und in den dunklen Straßen würde sie mit dem verschmierten Gesicht und dem zerzausten Haar wie eine der betrunkenen Hafendirnen wirken. Wenigstens so lange, bis er sein Pferd aus dem Stall geholt hatte.

Ganz kurz kauerte er sich nieder und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Dann blickte er noch einmal auf das von Kerzen hellerleuchtete Haus. Das Mädchen hatte recht gehabt. Kein Alarm und keine Angstschreie waren durch die geöffneten Fenster zu hören, nur Lachen und angeregte Unterhaltung.

Eine letzte Aufgabe noch, dann hatte er es geschafft.

Er hob die Rose auf, die heruntergefallen war, und legte sie oben auf ihren Schmuck. Tief griff er in seine Westentasche, bis er das Blatt Papier fand. Er faltete es auseinander und spießte es auf die Dornen, sodass die verwischte fleur de lis deutlich zu erkennen war.

Frankreichs Symbol, das Zeichen von Christian Sainte-Juste Deveaux. Ein Zeichen, das Gabriel Sparhawk so leicht identifizieren würde wie seinen eigenen Namen. Und Maman würde endlich lächeln.

2. KAPITEL

Die Regentropfen trommelten auf die Schindeln über Jerusas Kopf. Von dem Geräusch geweckt, öffnete sie benommen die Augen und rieb sich die bloßen Arme. Es war kühl und feucht, und sie tastete nach ihrer seidenen Decke. Sie wusste, dass sie sie am vergangenen Abend ans Fußende des Bettes gelegt hatte, direkt neben ihren Morgenrock. Wo war sie nur? Sie tastete weiter herum und fühlte das Stechen von Strohhalmen.

„Was immer Sie auch suchen, es ist nicht hier.“

Sie wandte sich dorthin, wo die Stimme des Mannes herkam. Und sofort begann alles um sie her sich zu drehen, und rasch schloss sie wieder die Augen. Sie stöhnte leise. Jetzt bemerkte sie den unangenehmen Geschmack in ihrem Mund, und dass ihr Kopf ganz abscheulich schmerzte, als ob sie am vergangenen Abend zu viel Sherry und kandierte Früchte genossen hätte.

Sicher war sie krank, das würde erklären, warum sie sich so elend fühlte. Aber warum lag Stroh in ihrem Bett, wieso war ein Mann in ihrem Schlafzimmer, und wo war nur die verflixte Bettdecke?

„Es gibt keinen Grund zur Klage“, fuhr Michel mitleidlos fort. „Mir scheint, Sie sind am Leben, auch wenn Sie sich im Moment ziemlich schlecht fühlen.“

Wer war nur dieser Fremde, dessen Stimme ihr seltsam vertraut war? Zögernd öffnete sie die Augen wieder.

Was sie dann sah, ergab überhaupt keinen Sinn. Statt in ihrem Bett mit den hohen Pfosten, lag sie zusammengerollt auf einem Haufen alten Strohs in der Ecke eines Stalles. Durch Risse in den Wänden fiel Tageslicht herein. Sie hörte keines der Geräusche, die sie aus Newport kannte, keine Kirchenglocken, keine Pferdehufe und Wagenräder auf dem Straßenpflaster, kein Rufen der Seeleute vom Hafen her, nur das Trommeln des Regens auf die Schindeln und das leise Schnauben und Stampfen der Pferde, die in den beiden letzten Boxen standen.

Und sie sah den Mann, der auf der Bank unter dem einzigen Fenster saß und die bestrumpften Beine von sich streckte. Er beobachtete sie über den Rand einer alten Ausgabe des Newport Mercury hinweg. Seine Stiefel standen ordentlich vor ihm. Er schien nicht viel älter zu sein als sie, aber um den Mund seines gut geschnittenen, beinahe schönen Gesichts lag ein Zug von Bitterkeit.

Im hereinfallenden Licht schimmerte seine Haar goldblond. Wie konnten Augen, die so blau waren wie der Himmel, gleichzeitig so kalt dreinblicken?

„Wer sind Sie?“, fragte sie. Ihre Verwirrung wich allmählich einem Gefühl des Unbehagens.

Er zog die Brauen hoch. „Sie erinnern sich nicht, meine schöne kleine Braut?“

„Braut?“ Sie stützte sich auf die zitternden Arme und sah ihn verständnislos an. Ganz bestimmt war sie nicht mit einem Mann wie ihm verheiratet. „Wann habe ich …“

Sie verstummte, als ihre Erinnerung wiederkehrte. Ihre Hochzeit mit Tom, die Freudentränen in den Augen ihrer Mutter, der stolze Ausdruck im Gesicht ihres Vaters, als sie sie allein in ihrem Schlafzimmer zurückließen. Wie sie aus dem Fenster geklettert war, um sich eine Rose für ihr Haar zu holen und diesen Mann getroffen hatte. Sie hatte sich von seiner einfachen, aber gut geschnittenen Kleidung und seinem Lächeln täuschen lassen und ihn für einen der Hochzeitsgäste gehalten. Sie hatte ihm vertraut, denn er hatte so liebenswürdig und charmant gewirkt. Jetzt schien er weder das eine noch das andere zu sein.

Hastig warf sie die grobe Decke zurück, unter der sie gelegen hatte, und sah die schmutzigen, zerfetzten Reste ihres Hochzeitskleides. Jerusa tastete an den Hals und an die Ohren. Ihr Schmuck war verschwunden.

„Sie haben mich nicht nur entführt, sondern auch beraubt!“, keuchte sie und versuchte aufzustehen. „Ich verlange, dass Sie mich sofort nach Hause zurückbringen, Sir!“

„Damit Ihr Vater dafür sorgen kann, dass man mich hängt?“ Michel lächelte bitter, faltete die Zeitung zusammen und warf sie auf die Bank. „Ich fürchte, das wird nicht gehen, Miss Jerusa. Und erteilen Sie mir keine Befehle. Sie sind kaum in der Lage, irgend etwas zu fordern.“

Das hauchdünne Fichu aus Batist, das sie um die Schultern getragen hatte, war verschwunden, und Jerusa war sich schamhaft bewusst, wie er seinen Blick von ihrem Gesicht zu dem modisch tiefen Dekolleté gleiten ließ, in dem ihre Brüste von dem Korsett gehoben und halb entblößt waren.

Rasch zog sie die Decke bis zum Kinn hoch. „Mein Vater wird dafür sorgen, dass ein Schurke wie Sie gehängt wird, darauf können Sie sich verlassen! Und wenn Sie wissen, wer ich bin, wissen Sie auch, wer er ist, und er wird Sie bestrafen, für Sie, was Sie mir angetan haben!“

Michel lachte leise. „Welch unsinnige, nutzlose Drohungen, ma chère!

„Sie sind Franzose, nicht wahr?“ Jerusa sah ihn unter halbgeschlossenen Lidern an. „Sie sprechen Englisch fast so gut wie ein Gentleman, aber sie sind Franzose.“

Lässig zuckte Michel die Schultern. „Vielleicht. Vielleicht bevorzuge ich das Französische aber auch nur bei Kosewörtern. Ist das wichtig?“

„Für meinen Vater wird es das sein“, erklärte sie. „Vater hasst die Franzosen aus gutem Grund, wenn man bedenkt, was sie ihm anzutun versuchten. Vermutlich ist er schon hierher unterwegs, zusammen mit Tom und meinen Brüdern, und ich möchte gar nicht daran denken, was sie mit Ihnen machen werden, wenn sie hier erscheinen und Vater erfährt, dass Sie Franzose sind!“

„Wenn sie hier erscheinen. Das, ma belle, ist eben die Frage, nicht wahr?“ Michel griff in seine Westentasche, zog seine Uhr hervor und hielt sie ihr hin. „Es ist halb sieben. Seit wir Newport verlassen haben, sind fast ein Tag und eine Nacht vergangen, und noch ist keiner Ihrer edlen Ritter aufgetaucht. Was spielt es also für eine Rolle, ob ich Engländer oder Franzose bin?“

Jerusa klammerte sich fester an die Decke und versuchte, die aufsteigende Panik zu unterdrücken. Sie hatte nicht gewusst, dass so viel Zeit verstrichen war, und dachte daran, wie besorgt ihre Eltern waren. Und Tom. Gütiger Himmel, wie sehr musste er leiden! Schließlich war sie an ihrem Hochzeitstag verschwunden!

„Hätten Sie wenigstens die Freundlichkeit, ihnen eine Nachricht zukommen zu lassen mit der Mitteilung, dass ich unverletzt bin?“ In einer Hafenstadt wie Newport konnten einer Frau alle möglichen Gefahren drohen, und Jerusa mochte gar nicht daran denken, wie ihre Mutter sich jede einzelne davon vorstellte.

Jerusa berührte ihr nacktes Handgelenk, an dem sie Mamas Armband getragen hatte, ehe sie sich erinnerte, dass dieser Mann es gestohlen hatte. Es war etwas Besonderes gewesen. Ihre Mutter hatte es zu ihrer eigenen Hochzeit geschenkt bekommen und es an Jerusa weitergegeben. „Sie können sich gewiss nicht vorstellen, welchen Schmerz Sie meiner Familie zugefügt haben.“

„Oh doch, das kann ich.“ Seine Miene wirkte seltsam kalt. „Außerdem habe ich eine Nachricht hinterlassen, damit Ihr Vater Bescheid weiß.“

„Dann werden sie kommen. Sie finden mich, wo auch immer Sie mich hingebracht haben.“

„Davon bin ich überzeugt“, meinte Michel gleichmütig und streckte die Arme aus. Er war nicht sehr viel größer als Jerusa selbst, doch es war nicht zu übersehen, wie viel Kraft in seinem schlanken, muskulösen Körper steckte. „Ich wäre sogar enttäuscht, wenn sie es nicht tun würden. Aber nicht hier, und nicht so bald.“

„Wo dann?“, fragte sie, und ihre Verzweiflung wuchs mit jeder Minute. „Wann?“

„Dort, wo es mir gefällt, und wenn ich es sage.“ Kalt blickte er sie an, während er die Uhr in die Tasche zurückschob. „Vergessen Sie nicht, meine reizende Jerusa, dass jetzt nur noch mein Wort zählt, nicht Ihres. Ich weiß, dies ist für eine Sparhawk nur schwer zu verstehen, aber da Sie eine kluge junge Dame zu sein scheinen, werden Sie es bald gelernt haben.“

Aber sie wollte es gar nicht lernen, und schon gar nicht von ihm. Jerusa schauderte. Wie lange würde er sie gefangenhalten? Es war schon schlimm genug, dass sie eine Nacht allein mit ihm verbracht hatte, während sie betäubt gewesen war, aber was würde sie heute Nacht erwarten? Sie war sich nur zu sehr bewusst, dass sie die Gefangene eines Mannes war.

„Wenn Sie Geld wollen“, sagte sie leise, „wird mein Vater es zahlen, das wissen Sie. Sie haben meinen Schmuck als Pfand. Lassen Sie mich jetzt gehen, und ich sorge dafür, dass man Ihnen schickt, was immer Sie verlangen.“

„Sie gehen lassen?“ Erstaunt sah Michel sie an. „Vor einer knappen Viertelstunde erklärten Sie mir noch, Sie würden mich an den Galgen bringen, und jetzt bitten Sie mich, Ihnen zu vertrauen?“

„So habe ich es nicht gemeint. Ich dachte …“

„Es ist egal, denn ich will weder Ihr Geld noch Ihren Tand, deshalb habe ich ihn auch zurückgelassen.“ Michel sprach jetzt leiser und eindringlicher. „Sie will ich, Miss Jerusa Sparhawk. Sie, und sonst nichts.“

Jerusa fragte nicht, warum. Sie wünschte sich nur, bei Ihrer Familie zu sein und bei Tom. Und dann würde sie vergessen, dass sie jemals diesem furchtbaren Franzosen begegnet war. Wie hatte der schönste Tag ihres Lebens nur mit so einem Unglück enden können?

Unglück. Sie erinnerte sich an Mamas halb im Scherz ausgesprochene Warnung, als sie Jerusa beim Ankleiden geholfen hatte: ‚Unglück für die Braut, die sich in ihrem Hochzeitskleid zeigte, ehe sie verheiratet war‘. Jerusa hatte darüber gelacht. Und nun? Hatte es jemals eine unglücklichere Braut gegeben als sie?

Unglücklich, krank vor Heimweh und verängstigter, als sie jemals in ihrem Leben gewesen war.

Starr blickte sie aus dem kleinen quadratischen Fenster nach draußen und kämpfte mit den Tränen. Ein Mann wie er würde sie nur auslachen, wenn sie weinte. Aber wie hoffnungslos ihre Lage auch war, dieses Vergnügen würde sie ihm nicht gönnen. Sie fühlte sich schon zu sehr bloßgestellt.

Weitaus besser war es, daran zu denken, dass sie eine Sparhawk war, und die Sparhawks waren keine Feiglinge. Hatte nicht sogar ihre Mutter vor langer Zeit gegen Piraten gekämpft, um ihren zukünftigen Mann zu retten? Ihre Mutter würde nicht herumstehen und die Hände ringen, bis man sie befreite. Sie würde einen Weg finden, um sich selbst zu helfen, und genau das, entschied Jerusa, würde sie auch schaffen.

Es hatte aufgehört, zu regnen, und die Sonne tauchte hinter einer Wolke auf. Einen Tag und eine Nacht war sie schon mit dem Franzosen zusammen. Wie weit mochten sie von Newport entfernt sein? Durch das Fenster sah Jerusa brachliegendes Weideland, das überall auf der Insel sein konnte. Sie musste Wasser finden, die Narragansett Bay oder den Sakonnet, denn von dort aus würde sie nach Newport zurückkommen.

Obwohl sie nicht zur See fuhr wie ihre Brüder, traute sie sich zu, die Küsten zu erkennen. Sicher hatte sie einen besseren Orientierungssinn als irgendein hergelaufener Franzose.

Sie überlegte angestrengt, wie sie ihm entfliehen konnte.

„Ich fühle mich nicht gut“, erklärte sie und hoffte, dass es überzeugend klang. „Was immer Sie auch benutzt haben, um mich zu betäuben – ich fürchte, es ist mir nicht bekommen.“

Ärgerlich seufzte Michel. „Wenn Ihnen übel wird, nehmen Sie den Eimer dort bei der Box. Wenn es möglich ist, sollten Sie nicht das Stroh beschmutzen.“

„Das ist es nicht“, sagte sie schnell. Sie fühlte, wie sie errötete, vor Aufregung, Angst und Verlegenheit. „Ich muss den Abort aufsuchen.“

Er murmelte etwas auf Französisch, und obwohl sie die Worte nicht verstand, war es Jerusa klar, dass er fluchte.

Sie beugte sich vor und hielt sich den Bauch. „Wirklich. Bitte, ich muss!“

„Sie werden nicht allein gehen.“ Mit einem weiteren Seufzer bückte er sich, um sich die Stiefel anzuziehen.

Jerusa sah ihre Chance und ergriff sie. Sie rannte zum Stalltor, schob es gerade so weit auf, dass sie hindurchschlüpfen konnte, und lief hinaus. Rasch zog sie es wieder zu und legte den Riegel vor, sodass der Franzose drinnen eingesperrt war.

Erleichtert wandte sie sich um und rannte davon, weg von der Scheune und der Ruine. Sie kannte die ehemalige Farm nicht, aber das war egal. Vor ihr, im Osten, lag das Meer, und damit war sie gerettet.

Ohne die Spangen saßen ihre Schuhe nicht fest, deshalb schleuderte sie sie von den Füßen. Als der Wind die schwere Decke von ihren Schultern und aus ihren Händen wehte, ließ sie auch die zurück und rannte, so schnell sie konnte, den schmalen, mit Unkraut überwucherten Pfad entlang zur Küste. Eine letzte Anhöhe lag noch vor ihr, danach ging es steil zum Strand hinunter.

Sie glitt auf dem nassen Gras aus, stand wieder auf und hastete weiter, während das zerrissene Kleid im Wind flatterte. Der Pfad lief im Sand aus, den sie durch die durchlöcherten Strümpfe an ihren Füßen spürte, und endlich lag vor ihr der Strand und der breite Fluss, der in die Bucht mündete.

Oder nicht? Verwirrt lief sie am Ufer hin und her und versuchte zu verstehen, was sie sah. Die untergehende Sonne stand hinter ihr, im Westen, also musste dies die Ostküste von Aquidneck sein, und Portsmouth lag in der Ferne auf der anderen Seite des Flusses.

Aber diesen kurzen, sandigen Strand kannte sie nicht. Jerusa beschattete die Augen mit der Hand und blickte blinzelnd zum Horizont. Anstelle der schmalen Spitze von Sakonnet Point, die sie erwartet hatte, schienen vor ihr zwei Inseln zu liegen: Conanicut und ein großer Felsen, der Whale Rock sein musste.

Und im Osten, blass im fahlen Licht der untergehenden Sonne, lagen Aquidneck Island und Newport.

„Oh nein“, flüsterte sie. Das, was sie sah, traf sie wie ein Schlag. Sie war nicht mehr auf ihrer Insel, sondern auf dem Festland, einer ihr fremden Welt. „Gott stehe mir bei. Wenn dort Newport liegt, wo bin ich dann?“

„Ja, bitten Sie nur Gott um Beistand“, sagte der Franzose grob, „denn von mir haben Sie keinen mehr zu erwarten.“

Langsam drehte sie sich um und wischte sich die Tränen von den Wangen, ehe er sie bemerken konnte. Seine Miene war angespannt vor Zorn, das blonde Haar hing ihm offen und zerzaust herab, und mit der Pistole in seiner Hand zielte er auf ihre Brust.

„Versuchen Sie nie wieder, wegzulaufen, ma chère“, sagte er so leise, dass sie ihn beim Tosen der Wellen kaum verstehen konnte. „Ich würde Sie lieber am Leben lassen, aber ich schrecke nicht davor zurück, Sie zu töten, wenn ich keine Wahl habe. Ich sagte es Ihnen bereits, dass ich Sie will, Jerusa Sparhawk. Tot oder lebendig, nur Sie, und sonst nichts.“

3. KAPITEL

Joshua Sparhawk beobachtete seinen Vater, der über das zerknüllte Blatt Papier mit der schwarzen fleur de lis strich. Wie oft, fragte sich Joshua, hatte sein Vater wohl schon diesen Fetzen berührt, seit Jerusa in der vergangenen Nacht verschwunden war?

„Ich habe gerade mit dem Anführer der letzten Patrouille gesprochen, Vater“, sagte Joshua müde und warf seinen Hut auf die Bank unter dem Fenster. „Sie haben die ganze Gegend bis Newport Neck abgesucht und keine Spur von ihr gefunden.“

„Das habe ich eigentlich auch nicht erwartet.“ Gabriel seufzte tief und ließ sich gegen die hohe geschnitzte Lehne seines Stuhls sinken. Sein Haar war nur an den Schläfen etwas ergraut, und die breiten Schultern waren noch immer ungebeugt. Im nächsten Frühjahr wurde er sechzig, und zum ersten Mal, stellte Joshua fest, dass sein vielbewunderter Vater genauso alt aussah, wie er tatsächlich war. „Wer auch immer sie entführt hat, er ist längst auf und davon mit ihr.“

Erneut blickte er auf das Papier hinunter, das genau in der Mitte vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Links davon war Jerusas Schmuck, ihr Halsband, der Ring und die Ohrringe, in den starren Kranz des Perlenarmbandes geschoben, rechts die rosafarbene Rose in einem Wasserglas. Die zarten Blätter der Blüte begannen schon zu welken, ein trauriges Symbol für die vergehenden Hoffnungen der Familie Sparhawk.

„Aber wir müssen Gewissheit haben, Vater.“ Joshua war nicht bereit, Gabriels Pessimismus zu teilen. Wenn die schwarze fleur de lis eine besondere Bedeutung hatte, sollte sein Vater darüber mit den anderen sprechen. Josuah konnte noch immer nicht recht glauben, dass Jerusa tatsächlich fort war. Vielleicht würde sie im nächsten Moment hinter einem Stuhl hervorspringen und sie alle auslachen, weil sie sich solche Sorgen machten. „Es gibt immer noch die Möglichkeit, sie irgendwo auf den Inseln zu finden. Die Entführer hatten höchstens eine Stunde Vorsprung. Wie weit könnten sie da gekommen sein?“

„Fast bis zur Hölle bei gutem Wind.“ Gabriel schaute unter seinen dichten Augenbrauen hervor zu Joshua auf. Die grünen Augen, die seine Kinder von ihm geerbt hatten, waren so klar wie immer. „Ich sagte dir bereits, dass diese Schurken Jerusa mit einem Boot entführt haben.“

Unwillkürlich verschränkte Joshua die Hände hinter seinem Rücken und spreizte die Beine. Diese abwehrende Haltung nahm er schon seit seiner Kindheit ein, wenn er die Meinung seines Vaters nicht teilte. Er tat sein Möglichstes, um seine Schwester zu finden, das taten sie alle. Aber in den Augen seines Vaters war es nicht genug.

„Du weißt genauso gut wie ich, Vater, dass wir mit dem Hafenmeister und den Lotsen alles überprüft haben. Wir haben jedes Schiff angehalten, das seit der vergangenen Nacht Newport verlassen hat, um an Bord zu gehen, und sind doch ohne eine Spur von Jerusa zurückgekommen.“

„Als ob diese elenden Entführer beidrehen und uns alle an Bord zum Tee einladen würden, nur weil wir sie höflich darum bitten!“ Verzweifelt schlug Gabriel mit der Faust auf den Tisch. „Diese Schurken wussten genau, was sie wollten. Sie haben sich gerade so lange in der Stadt aufgehalten, um meine Jerusa zu entführen, und danach sind sie völlig unauffällig verschwunden. Dieser Narr von einem Hafenmeister war vermutlich so betrunken, dass er nicht einmal gesehen hätte, wenn eine Fregatte mit dreißig Kanonen vor seiner Nase vorbeigesegelt wäre.“

„Um Himmels willen, Vater, sie hatten knapp eine Stunde Zeit, und …“

Unvermittelt schwieg Joshua, als er Stimmen aus der Halle hörte. Vielleicht brachte man Neuigkeiten von seiner Schwester.

Doch statt eines Boten erschien Thomas Carberry an der Tür von Gabriels Büro und wartete vergeblich darauf, dass Gabriel ihn hereinbat. Irritiert streifte er seine gelben Handschuhe ab und ließ sich unaufgefordert auf einen Stuhl fallen.

Im Gegensatz zu den beiden Sparhawks, die nach der schlaflosen Nacht und dem Tag, den sie mit der Suche verbracht hatten, unrasiert waren und müde blickende Augen hatten, war Tom so sorgfältig gekleidet wie an seinem Hochzeitstag. Das Haar hatte er im Nacken zusammengebunden, und sein Hemd war makellos rein.

Seiner Schwester zuliebe hatte Joshua sich sehr bemüht, Tom zu mögen, oder wenigstens höflich zu ihm zu sein. Aber für Josuha war der Mann nur ein eitler, hohlköpfiger Geck, der sich zu viel mit Tanz und dem neuesten Klatsch aus London beschäftigte.

„Nun, Captain“, begann Tom und schlug elegant die Beine übereinander. „Was haben Sie von meiner Braut gehört?“

Joshua beobachtete, wie sein Vater bedrohlich den Kopf senkte und mit den Fingern auf die Tischplatte trommelte. Wenn Tom Carberry nur ein bisschen Verstand hätte, würde er sich jetzt in Sicherheit bringen.

Ihre Braut, Carberry?“, fuhr Gabriel ihn an. „Zum Teufel mit Ihrer Unverschämtheit. Jerusa ist immer noch zuerst meine Tochter, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich daran erinnern würden!“

Völlig unbeeindruckt schniefte Tom laut, eine Unart, die er durch den übermäßigen Gebrauch von Schnupftabak angenommen hatte. „Sie geben mir kaum die Möglichkeit, das zu vergessen. Aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet. Wo ist Jerusa?“

Gabriel hörte auf zu trommeln und ballte seine Hand zur Faust. „Wo haben Sie nur den Verstand, den der Herr Ihnen gegeben hat? Glauben Sie, wir durchsuchen die ganze Insel und das Wasser ringsherum, wenn wir wissen, wo Jerusa sich aufhält? Und von Ihnen haben wir nicht gerade viel Unterstützung bekommen, oder?“

„Ich bitte Sie, sich daran zu erinnern, dass ich die Steckbriefe angeordnet und bezahlt habe, auf denen eine Belohnung für Jerusas Rückkehr versprochen wird!“

„Oh ja, das ist richtig“, sagte Gabriel, während er seinen Stuhl zurückschob und aufstand. „Aber Papier und Tinte bringen meine Tochter nicht zurück, die sich in Luft aufgelöst zu haben scheint.“

„Ganz meine Meinung, Captain. Aber wie kann eine Lady sich in Luft auflösen?“ Tom schniefte streitlustig, als auch er sich erhob. „Ich habe eine gewisse Vermutung, Sir. Und es gibt andere, die mir zustimmen werden. Meine Braut verschwand nur wenige Minuten, bevor wir getraut wurden, und das empfinde ich durchaus als kränkend. Eine Kränkung, Sir, die ich nicht ohne Weiteres hinnehmen werde.“

Joshua packte Tom und drückte ihn grob auf seinen Stuhl. Soweit er es beurteilen konnte, war Jerusa entführt worden, und er würde es nicht zulassen, dass dieser Geck so abfällig von seiner Schwester sprach. „Was wollen Sie damit sagen, Carberry?“

„Ich meine, dass Jerusa mir den Laufpass gegeben hat“, erwiderte Tom mit gepresster Stimme. Er hob beide Hände und stieß Joshua kräftig zurück. „Wie sollte man diese unübliche Art ihres Verschwindens sonst erklären? Ich finde die Kleine sehr amüsant, aber weder sie noch ihre Mitgift sind es wert …“

Blitzschnell machte Joshua einen Schritt auf ihn zu und verpasste ihm einen Kinnhaken, sodass Tom taumelte. Sein Schlag ging ins Leere. Im nächsten Moment jedoch packte er Joshua an dessen Mantel und riss ihn mit sich zu Boden.

Die beiden Männer waren zwar ungefähr gleich groß, doch Joshua hatte schon vor langer Zeit den gepflegten Salons den Rücken gekehrt und sich der raueren Gesellschaft auf dem Achterdeck seiner eigenen Schaluppe angeschlossen. Somit war Joshua Tom im Zweikampf überlegen.

„Meine … meine Schwester ist zu schade für dich, du Hurensohn“, keuchte Joshua und hob seine Faust, um einen letzten Schlag in Toms verschwollenes, blutendes Gesicht zu landen. „Warum zum Teufel haben sie nicht dich statt ihrer genommen?“

Doch ehe Joshua losschlagen konnte, packte Gabriel seinen Arm. „Das genügt, mein Sohn.“

Verbissen wehrte er sich gegen den Griff seines Vaters. „Du hast gehört, was er gesagt hat …“

„Es reicht jetzt. Hast du verstanden? Du würdest ihn umbringen, und das ist der Bastard nicht wert.“

Widerstrebend nickte Joshua, und Gabriel ließ ihn los. Vorsichtig bewegte Joshua die Finger. Einmal hatte er den Boden anstelle von Tom getroffen, und seine Hand würde heute Abend zu sehr schmerzen, als dass er eine Feder halten könnte. Und seine Lippen fühlten sich an, als wären sie auf die doppelte Größe angeschwollen. Aber nach einem Blick auf Tom schien es ihm das wert zu sein. Eine ziemlich lange Zeit würden keine Ladys dieses Gesicht mit einem sehnsüchtigen Seufzen betrachten.

Mühsam kniete Tom sich erst hin, ehe er schwankend aufstand. Gabriels Hand, die dieser ihm helfend entgegengestreckt hatte, schüttelte er ab und taumelte zur Tür. Er suchte nach seinem Taschentuch und presste es auf die Wunde an seiner Stirn.

„Sie sind ein elender, dreckiger Hund, Sparhawk“, keuchte er an der Tür her, „und das werde ich in der ganzen Stadt erzählen.“

„Tun Sie das, Carberry“, sagte Gabriel finster, „aber kommen Sie nie wieder hierher. Nur wegen Ihres Vaters, und weil Jerusa so sehr darum gebeten hat, gab ich meine Einwilligung zu dieser Heirat, und glücklicherweise habe ich diese Verlobung gelöst, ehe es zu spät war.“

„Sie haben sie gelöst?“, krächzte Tom. „Ich bin hierhergekommen, um das Verlöbnis zu beenden.“

„Meine Tochter hat Ihnen nicht den Laufpass gegeben, aber ich, Carberry. Und jetzt verschwinden Sie.“

Und diesmal zögerte Tom nicht.

Kopfschüttelnd ging Gabriel hinter seinen Schreibtisch zurück. Aus der untersten Lade holte er eine Flasche Rum hervor, entkorkte sie und reichte sie Joshua. „Lass dich erst bei deiner Mutter sehen, nachdem du dich gewaschen hast. Du weißt, wie sie über Schlägereien denkt.“

Joshua lächelte etwas verzerrt und nahm die Flasche. Der Rum schmerzte an seinen Lippen, aber er schmeckte gut. Es war das erste Mal, dass sein Vater ihm von der Flasche aus seiner Schreibtischschublade anbot, und Joshua freute sich über die seltene Anerkennung, die damit verbunden war.

Es war eine der Eigenheiten seiner Familie, dass er und Jerusa zwar vor einundzwanzig Jahren kurz nacheinander geboren wurden, ihre Positionen aber seltsam vertauscht waren. Joshua versuchte stets, sich zu beweisen, während Jerusa, der schöne Liebling, sich von niemandem unterdrücken ließ und der alles leichtfiel. Aber er war niemals eifersüchtig, dazu stand Jerusa ihm zu nahe.

Er hoffte, sie würden sie bald finden.

Sein Vater ließ die Flasche auf dem Tisch zwischen ihnen stehen. „Du hast mit den französischen Inseln Handel getrieben, Joshua. Hast du jemals von einem Piraten Deveaux gehört?“

Joshua schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste. Woher kommt er?“

„Früher segelte er meist von Fort Royale auf Martinique ab. Ich habe gesehen, wie er eine Pistole nahm und sich an Bord der alten Revenge in den Kopf schoss. Deine Mutter war dabei. Es war furchtbar.“

Gabriel seufzte, und seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit. „Es muss jetzt beinahe dreißig Jahre her sein, obwohl ich mich daran erinnere, als wäre es gestern gewesen. Und ich denke, jemand will mich genau das glauben lassen.“

Er nahm das Blatt Papier mit seiner rechten Hand, und zu seiner Überraschung bemerkte Joshua, dass die Finger seines Vaters zitterten. „Dies hier war sein Zeichen, Junge. Alle seine Männer trugen es als Brandmal, und wenn er wollte, dass seine Taten bekannt wurden, ließ Deveaux ein solches Stück Papier zurück.“

„Wie sollte er irgend etwas mit Jerusa zu tun haben?“, fragte Joshua. „Du hast gesagt, dass der Mann tot ist.“

„Ja, das stimmt, und das gilt auch für seine bösartige Mannschaft. Alle, die nicht mit dem Schiff zusammen untergegangen sind, haben wir nach Bridgetown gebracht, wo sie gehängt wurden. Aber, so wahr mir Gott helfe, jetzt könnte ich es nicht mehr beschwören.“

Joshua hielt den Atem an und wartete mit einer Mischung aus Furcht und Erregung auf das, was nun kommen würde. Es gab einige Geschichten aus der Vergangenheit seines Vaters – und auch aus der seiner Mutter – die so oft erzählt wurden, dass sie zu Familiensagen geworden waren. Aber die meisten seiner Abenteuer als Kaperer hatte Gabriel für sich behalten, um sie vor allem seinen Söhnen zu verschweigen, die wegen jeder einzelnen Heldentat an seinen Lippen gehangen hätten.

Gabriel griff in die Schachtel mit den Briefen auf seinem Schreibtisch. Jetzt hielt er ein anderes Blatt Papier in der Hand, das schon vergilbt war, dem anderen, neueren aber sonst glich. „Deveaux entführte deine Mutter an unserem Hochzeitstag, als sie in meinem Elternhaus in Westgate in den Garten ging. Und alles war genauso wie jetzt bei Jerusas Verschwinden, bis hin zu dieser verfluchten schwarzen Lilie, obwohl niemand mehr am Leben sein dürfte, der davon wissen kann, abgesehen von deiner Mutter und mir.“

Starr blickte Joshua die schwarzen Lilien an. Wer sich die Mühe machte, nach Newport zu kommen, um die Entführung seiner Mutter nachzuahmen, würde das makabere Spiel auch zu Ende bringen wollen.

„Aber offensichtlich hat dieser Deveaux zugelassen, dass du Mutter befreist“, sagte Joshua nachdenklich. „Er hat ihr nichts getan.“

„Er hätte uns beide getötet, wenn es ihm gelungen wäre“, entgegnete Gabriel finster, „so wie er es mit so vielen anderen getan hat. Christian Deveaux war der grausamste Mann, den ich jemals gekannt habe, Joshua. Er war ein Teufel. Wenn ich daran denke, dass deine Schwester sich in den Händen eines Mannes befindet, der sich selbst für einen neuen Deveaux hält …“

Mehr brauchte Gabriel nicht zu sagen. Joshua hatte verstanden.

„Die Tiger wird bis zum Morgengrauen fertig zum Auslaufen sein, Vater“, erklärte er ruhig, „und in fünf Tagen bin ich auf Martinique.“

4. KAPITEL

„Wenn es Ihnen gut genug geht, um davonzulaufen, ma belle“, sagte Michel, „dann können Sie auch reiten. Es ist sowieso besser, wenn wir nachts unterwegs sind.“

Er beugte sich vor, um den Sattel zu befestigen, daher konnte er ihr Gesicht nicht sehen. Dummes Ding. Was hatte sie von ihm erwartet, nachdem sie davongelaufen war?

Andererseits hatte er nicht geglaubt, dass sie versuchen würde zu fliehen. Er hatte gedacht, eine verzogene Person wie Jerusa Sparhawk würde jammern und klagen und nicht bei der ersten sich bietenden Gelegenheit entwischen. Das hatte ihm gezeigt, dass sie mehr Mut hatte, als er ihr zugetraut hatte. Viel mehr. Er durfte sie nicht noch einmal unterschätzen.

Jerusa hörte den Franzosen mit leiser Stimme beruhigend auf das Pferd einsprechen. Zu dem Tier war er freundlich, zu ihr aber nicht mehr. Das hatte er ihr deutlich zu verstehen gegeben.

Sie zwang sich, das Brot und den Käse zu essen. Er hatte ihr gedroht, sie zu töten. Sie glaubte nicht, dass er es wirklich tun würde. Aber sollte sie es darauf ankommen lassen und noch einmal davonlaufen?

Die Leichtigkeit, mit der er die Pistolen handhabte, hatte sie erschreckt. Die meisten Männer in den Kolonien wussten, wie man mit Gewehren oder Musketen umging. Man benutzte sie für die Jagd. Doch Pistolen waren nur dazu da, um Menschen zu töten.

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