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Sieg der Liebe

1. KAPITEL

Wie gelähmt saßen Emma und Felix auf den vorderen Sitzen des Wagens. Barbara von Heidenberg hatte hinter ihnen Platz genommen. Und nun hielt sie eine Waffe auf die beiden gerichtet. Sie hatte die Maske der liebenswürdigen Sylvia endgültig abgelegt.

„Glauben Sie etwa, dass Sie mit der gleichen Nummer zweimal durchkommen?“, fragte Felix, der innerlich gegen seine Panik ankämpfen musste.

„Das soll nicht Ihre Sorge sein“, höhnte sie, bemerkte dann aber, dass Emma mit der Hand langsam Richtung Türgriff wanderte. „Stopp! Hiergeblieben!“ Dabei drückte sie Felix den Lauf der Pistole in den Nacken. „Oder wollen Sie, dass Ihrem Herzblatt was passiert?!“ Stumm schüttelte Emma den Kopf. „Nein, das möchten Sie nicht“, fuhr Barbara ironisch fort. „Dazu sind Sie ein viel zu guter Mensch.“ Und dann befahl sie Felix loszufahren.

Sie dirigierte ihn zu einem abgelegenen Kraftwerk. Dort ließ sie die beiden aussteigen und führte sie durch eine Halle, vorbei an lauter rauschenden Turbinen.

„Gratuliere zu dieser Maskerade, Frau von Heidenberg“, zischte Felix, der mit allen Mitteln versuchen wollte, Zeit zu gewinnen. „Ich habe Ihnen die brave Sylvia tatsächlich abgekauft.“

„Das Kompliment zählt leider für mich nicht“, spottete sie. „Sie sind einfach noch dümmer, als man sich je hätte vorstellen können. Aber – bei aller Wiedersehensfreude – ist es gerade ungünstig, über alte Zeiten zu plaudern. Hier entlang!“ Die drei näherten sich einem Kellerraum. Barbara drängte Emma und Felix hinein. Nur eine Glühbirne beleuchtete das Verlies. Ein altes Waschbecken war an der Wand installiert, trübes Licht fiel durch ein kleines, vergittertes Fenster.

„Lassen Sie wenigstens Emma gehen“, bat er ritterlich. „Sie könnte irgendeine plausible Geschichte erzählen, wo ich stecke. Sonst sucht man garantiert nach uns.“

„Macht euch keine Hoffnungen“, erwiderte Barbara. „Man wird nicht nach euch suchen.“ Damit schlug sie die Tür zu und schloss ab.

„Mist, verfluchter!“ Felix begann am ganzen Körper zu zittern. Das hatte er alles schon einmal erlebt. Und auch da war es Barbara gewesen, die ihn entführt hatte. Hilflos sah er sich um. Es musste doch irgendeine Möglichkeit geben, aus diesem Gefängnis zu fliehen. Denn dass Barbara sie beide hier sterben lassen wollte – daran konnte kein Zweifel bestehen.

Barbara hatte die Handys der beiden an sich genommen und verschickte nun zwei SMS: eine an Ben und eine an Rosalie. Beide Nachrichten besagten, dass Emma und Felix sich liebten und miteinander durchgebrannt waren. Das würde reichen, davon war Barbara überzeugt. Niemand würde die zwei suchen. Die Handys warf sie in ein undurchdringliches Gestrüpp auf dem Parkplatz des Kraftwerks.

Ben glaubte, seinen Augen nicht zu trauen, als er die SMS, die angeblich von Emma kam, empfing. ‚Ich liebe Felix‘, hatte sie geschrieben. ‚Und gehe weg mit ihm. Du wirst mich nie wiedersehen.‘

„Was ist denn passiert?“, fragte Alfons, der zufällig neben dem Pagen stand und bemerkte, dass Ben Mühe hatte zu atmen. Wortlos reichte der Herrn Sonnbichler sein Handy.

„Das klingt aber so gar nicht nach Emma“, stellte der Portier fest. „Sind Sie sicher, dass die SMS von ihr ist?“

„Der Absender ist ihr Handy!“ Ben waren Tränen in die Augen geschossen. „Halten Sie mich für blöd, oder was?!“

„Natürlich nicht.“ Aber Alfons konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Emma eine solche Situation in dieser Weise handhaben würde. Aber jetzt blieb ihm erst einmal nichts anderes übrig, als Ben nach Hause zu schicken. In seiner Verfassung konnte man ihn unmöglich auf die Gäste loslassen.

Rosalie war gerade in der Küche und bestellte bei André das Essen für die bevorstehende Modenschau, als Felix’ SMS auf ihrem Handy einging. Doch sie nahm die Nachricht überhaupt nicht ernst – da musste sich jemand einen dummen Witz erlaubt haben.

„Da behauptet jemand, Felix und Emma wären miteinander durchgebrannt“, lachte sie. „Was vollkommen absurd ist.“

„Weshalb sind Sie sich da so sicher?“, wollte der Chefkoch wissen.

„Weil Felix einen superwichtigen Geschäftstermin in München hat“, antwortete sie gelassen. „Falls er wirklich mit meiner kleinen Schwester abhauen wollte – frühestens danach.“ Irgendjemand musste sich sein Handy stibitzt und diese dämliche SMS verfasst haben.

Obwohl er den ganzen Raum gründlich durchsucht hatte, hatte Felix nichts gefunden, was ihnen helfen könnte, sich zu befreien. Inzwischen hatte Emma ihm berichtet, was sich bis zu dem Moment, in dem Barbara zu ihnen ins Auto gestiegen war, ereignet hatte.

„Wieso bist du denn überhaupt misstrauisch geworden?“, fragte er jetzt. „Ich meine, wenn du von vornherein gewusst hättest, dass sie eben leider doch Barbara von Heidenberg ist … Aber bei Sylvia Saalfeld? Erstens hat sie Werner vergöttert, zweitens wirkte sie so lieb und naiv – nie wäre man da auf die Idee gekommen, sie würde ihn vergiften.“ Es blieb ihr nichts anderes übrig – Emma musste nun Farbe bekennen, so schrecklich es auch war. Sie hatte gewusst, dass Sylvia Wielander und Barbara von Heidenberg ein und dieselbe Person waren.

„Aber ich dachte, sie hätte sich geändert und wollte alles wiedergutmachen“, fügte sie kläglich hinzu. „Die Chance musste sie doch kriegen, die muss jeder Mensch …“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende. Felix’ Miene war zu bitter geworden.

„Warum?“ Er konnte kaum glauben, was Emma da sagte. Er hatte doch sogar mehrfach mit Emma über seinen Verdacht, bei Werners neuer Frau handele es sich um Barbara von Heidenberg, gesprochen. Und sie hatte immer abgestritten, Näheres zu wissen. „Du hast am Fürstenhof so viele furchtbare Geschichten über sie gehört, du musst doch zumindest geahnt haben, dass das schiefgehen kann!“

„Aber Ben war sich auch sicher!“, verteidigte sie sich unglücklich. „Dass Sylvia vom Charakter her nichts mehr mit Barbara von Heidenberg zu tun hat.“

„Sponheim?!“ Der hatte auch Bescheid gewusst? „Was hat er damit zu tun?“

„Er ist ihr Sohn!“ Felix brauchte einen Moment, um diese Information zu verarbeiten.

„Du hättest das auf keinen Fall für dich behalten dürfen!“, schrie er dann.

„Aber dann hätte man seine Mutter verhaftet!“, hielt sie dagegen.

„Zu Recht! Diese Frau ist von Grund auf böse und gefährlich! Egal, ob sie zwischendurch einen Filmriss hatte und für kurze Zeit die Güte in Person war!“ Emma schluckte. Er hatte ja recht mit seinen Vorwürfen.

Derweil hatte Alfons seiner Frau und seiner Tochter erzählt, was in der SMS gestanden hatte, die Ben von Emma erhalten hatte. Weder Hildegard noch Marie konnten sich vorstellen, dass Emma einfach durchgebrannt war. Zumal sie all ihre Sachen im Hause der Sonnbichlers zurückgelassen hatte. Und auch dem Juniorchef trauten sie ein solches Verhalten nicht zu – dazu war Felix doch viel zu pflichtbewusst.

„Ich hoffe, da ist nichts Schlimmes passiert“, sagte Hildegard leise und tauschte einen besorgten Blick mit ihrer Tochter.

Zurück am Fürstenhof wartete eine unangenehme Überraschung auf Barbara. Denn in ihrer Abwesenheit war Werner verschwunden! Hektisch machte sie sich auf die Suche nach ihm und verlangte von André, sie dabei zu unterstützen.

Doch es war Charlotte, die ihren verwirrten Exmann zufällig im Park aufgabelte. Werner irrte die Wege entlang, in der Hand hielt er ein Foto von Laura und Alexander. Er wollte zu den Kindern. Und war vollkommen unglücklich, dass er sie nirgends entdecken konnte.

Fürsorglich geleitete sie ihn zurück zum Hotel. Er erkannte inzwischen nicht einmal den Fürstenhof wieder – so schlimm stand es mittlerweile um ihn. Dass es sich dabei nicht um Symptome einer fortschreitenden Demenz handelte, sondern um die Wirkung der Tropfen, die Barbara ihm verabreichte, ahnte Charlotte ja nicht. Sie war voll des Mitgefühls für Werner und übergab ihn jetzt an André, der versprach, ihn zurück in die Wohnung zu bringen. Der Senior schien ihn nicht mehr zu erkennen. Es war einfach furchtbar.

Und noch etwas war in der Zwischenzeit passiert, wie Charlotte von Alfons erfuhr: Felix und Emma Strobl waren verschwunden! Und nachdem sie erlebt hatte, wie Felix sich dagegen gesträubt hatte, dem Zimmermädchen zu kündigen, war es für Charlotte sehr wohl denkbar, dass die beiden miteinander durchgebrannt waren.

Nachdem Werner wieder aufgetaucht war, wollte sich Barbara um ihren Sohn kümmern. Immerhin hatte sie selbst dafür gesorgt, dass Ben glauben musste, Emma hätte ihn wegen Felix Saalfeld verlassen. Aber er wollte nicht von ihr getröstet werden.

„Tu doch nicht so, als täte dir das alles leid!“, rief er außer sich vor Kummer. „Du warst doch von Anfang an gegen sie! Du hast die ganze Zeit gegen sie gestichelt. Und ich Idiot habe angefangen, den ganzen Quatsch zu glauben!“ Er gab sich inzwischen die Schuld an der ganzen Situation. Mit seiner ständigen Eifersucht hatte er Emma ja förmlich in Felix’ Arme getrieben!

Annika und Hendrik Bruckner waren fassungslos – ihr alter Lehrer Wang wollte wirklich, dass Nils Heinemann das Training in Zukunft überwachte? Der verstand doch überhaupt nichts vom Bogenschießen!

„Sie wissen doch nicht einmal, wie man einen Bogen korrekt hält!“, griff Hendrik den Fitnesstrainer direkt an.

„Sie dafür umso besser“, gab Nils gelassen zurück. „Was gut ist. Dann kann ich mich ganz auf meine Aufgaben als Ihr Betreuer konzentrieren.“

„Bei diesem Unsinn mache ich nicht mit!“ Ärgerlich stapfte Hendrik davon.

„Dein Bruder ist etwas unbeherrscht“, sagte Wang zu Annika. Dem konnte sie nicht widersprechen. Aber auch sie hatte keine Ahnung, was ihr Lehrer mit dieser Maßnahme bezweckte. Auch wenn er abreisen musste – Hendrik und sie brauchten doch keinen Aufpasser! Wang bat Nils, sich zurückzuziehen. Er wollte unter vier Augen mit Annika sprechen.

„Ich habe früher auch vieles nicht verstanden, was mein Lehrer getan hat“, begann er. „Hendrik und du – ihr müsst endlich erwachsen werden. Verantwortung für euch übernehmen. Das Bogenschießen ergibt sich dann – fast – von allein.“ Annika blieb skeptisch. Aber schließlich willigte sie ein: Sie würde es mit Nils Heinemann versuchen. Unter der Bedingung, dass ihr Bruder mitzog.

Spät am Abend suchte Charlotte Rosalie Engel in ihrer Wohnung auf, um mit ihr über Felix’Verschwinden zu sprechen. Doch zu Charlottes großem Erstaunen war Rosalie nicht besorgt. Sie glaubte noch immer nicht, dass Felix sie verlassen hatte – das sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Die Sache würde sich aufklären, sie musste nur die Nerven bewahren. Charlotte betrachtete sie zweifelnd.

„Was zerbrechen Sie sich meinetwegen Ihren Kopf?“, giftete Rosalie nun. „Was hier gerade passiert, kann Ihnen doch nur recht sein. Ihr Exmann ist geistig verwirrt, Felix ist weg! Jetzt dürfen Sie an Ihrem geliebten Fürstenhof wieder schalten und walten, wie Sie möchten.“ Charlotte war sprachlos. „Aber freuen Sie sich nicht zu früh!“, fuhr Rosalie aufgebracht fort. „Felix ist sicher nur durch irgendetwas aufgehalten worden. Er kommt ganz bestimmt wieder. Das spüre ich.“

Inzwischen war es Nacht geworden. Emma und Felix saßen in unterschiedlichen Ecken ihres Verlieses und hatten seit Stunden kein Wort miteinander gesprochen.

„Ehrlich, es tut mir so leid“, setzte Emma nun stockend an. „Wenn ich irgendetwas tun könnte, um es ungeschehen zu machen …“ Er seufzte nur. „Du hast recht: Ich bin schuld, dass wir hier gefangen sind. Wenn ich eher meinen Mund aufgemacht und euch allen erzählt hätte, wer sie ist …“

„Sie ist schuld“, widersprach er matt. „Die von Heidenberg. Und ich bin auch mitverantwortlich für das Ganze hier.“ Immerhin hatte er bei der ersten Begegnung mit der vermeintlichen Sylvia Wielander auf Anhieb gewusst, dass diese Frau Barbara von Heidenberg war. Und trotzdem hatte er sich einwickeln lassen. Von seinem Onkel und von ihr selbst.

„Es lag ja nicht bloß an dem, was sie erzählt hat“, wandte Emma ein. „Es gab diesen Gebissabgleich, und sie hatte einen Ausweis …“

„Kann man alles türken“, winkte er ab. Er hätte einfach auf sein Bauchgefühl hören müssen. „Nichts im Zusammenhang mit dieser Schlange ist echt.“

„Ich denke, als sie an den Fürstenhof kam, glaubte sie selbst an ihre Identität als Sylvia Wielander.“ Spontan verneinte er. „Doch“, insistierte Emma. „Frag Ben.“ Freudlos lachte Felix auf.

„Selbst wenn ich es könnte – er wäre befangen. Was ich ihm nicht einmal übel nehmen würde. Es ist bestimmt nicht schön, eine Mörderin zur Mutter zu haben.“

„Aber sie hatte ihr Gedächtnis verloren, nach dem Unfall“, beharrte Emma. „Und ihr Mann – dieser Paul Wielander – hatte seine eigenen Gründe, sie zu seiner geliebten Sylvia umzuprogrammieren.“ Aber Felix konnte sich das nicht vorstellen. Und abgesehen davon war das im Augenblick auch vollkommen egal. Sie waren hier eingesperrt. Und wenn kein Wunder geschah, würden sie hier innerhalb kürzester Zeit verdursten.

Sie versuchten zu schlafen. Aber natürlich war es unmöglich, hier Ruhe zu finden. Die werden nach uns suchen, sagte sich Emma immer wieder. Ganz bestimmt. Es konnte doch einfach nicht sein, dass ihr Leben so zu Ende ging … Sie warf einen Blick zu Felix. Sie durfte die Hoffnung nicht aufgeben, das wäre absolut verkehrt. Wobei man in diesem Loch wirklich mutlos werden konnte. Es war ekelhaft hier. Sie seufzte.

„Hast du auch solchen Durst?“, hörte sie Felix durch die Dunkelheit fragen. Ja, sie hatte furchtbaren Durst. Aber es gab hier kein Wasser. Das Waschbecken an der Wand war nicht mehr in Betrieb. Und kalt wurde es auch. Felix erhob sich und kam zu ihr. Er legte ihr sein Sakko über die Schultern.

„Und du?“

„Ich? Ich glaube, ich wärme mich einfach an dir.“ Damit setzte er sich hinter sie und legte den Arm um sie. Trotz allem genoss sie seine Nähe.

„Wart’s ab, morgen holt man uns hier raus“, meinte sie.

„Sicher“, bestätigte er. Aber in Wahrheit war ihnen beiden klar, dass ihre Lage eigentlich aussichtslos war.

Erst am nächsten Morgen begann auch Rosalie, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Denn sie erfuhr, dass Felix seinen Geschäftstermin in München gestern einfach hatte platzen lassen, ohne sich zu entschuldigen. Und unter seiner Handynummer meldete sich immer nur die Mailbox. Konnte es doch sein, dass er die SMS geschrieben hatte? Dass er wirklich mit Emma durchgebrannt war? Mit ihrer Schwester?

Emma und Felix probierten zur gleichen Zeit noch einmal den Wasserhahn am Waschbecken aus. Vergeblich. Der Durst wurde langsam wirklich unerträglich.

„Du hättest auch nicht gedacht, dass es so enden würde, als du damals in den Fürstenhof gekommen bist, was?“, meinte Felix, nachdem er sich erschöpft wieder auf dem Boden niedergelassen hatte. „Ich weiß noch, wie Viktoria sich gewundert hat, als du sie beim Vorstellungsgespräch mit Kuchen bestechen wolltest.“

„So war das gar nicht gemeint“, protestierte Emma. „Ich war halt nervös und wollte nett sein. Und dann war ich auch noch zu spät …“

„Weil du erst mal im Restaurant die ganze Speisekarte rauf und runter bestellt hast“, erinnerte er sich belustigt.

„Du musst mich für total übergeschnappt gehalten haben“, bemerkte sie leicht verlegen. „Und für ziemlich verfressen. Wenn ich daran denke, wie dick ich damals war …“

„Ich habe mir gedacht, sie isst so viel, weil es ohnehin schon wurscht ist“, gab er zu. „Heute hingegen würde ich mir Sorgen machen. So, wie du jetzt aussiehst …“ Emma hatte ja nicht nur mehrere Kleidergrößen abgenommen – sie hatte sich auch sonst total verändert. „Du bist wirklich eine tolle Frau geworden.“ Dieses Kompliment ließ sie für einen Augenblick alles um sie herum vergessen. Sie strahlte über das ganze Gesicht. „Nur eines hat sich nicht verändert“, sagte er nun. „Dein Lächeln. Das ist genauso unverwechselbar und ansteckend wie früher.“ Emma schmolz förmlich dahin.

„Es war nur Liebe“, gestand sie nach einer Weile. Sie hatte damals im Restaurant all die Gerichte bestellt, weil sie in Felix’ Nähe hatte bleiben wollen. „Dabei hatte ich gar keinen Hunger. Im Gegenteil – ich wäre beinahe geplatzt.“ Aber sie hatte es durchgezogen, bis zum letzten Dessert. „Und unsere erste Begegnung war ja nur der Anfang“, fuhr sie lächelnd fort. „Was ich alles angestellt habe, um dir zu imponieren.“ Sie hatte zum Beispiel so getan, als könne sie Geige spielen.

„Du warst eben verknallt, da macht man komische Sachen“, winkte er ab. „Aber das ist ja nun Schnee von gestern …“

„Ist es nicht.“ Emma hatte gar nicht nachdenken können, so schnell waren diese Worte über ihre Lippen gekommen. Und war es nicht auch an der Zeit, sich ihren wahren Gefühlen zu stellen? Felix und sie saßen hier fest und würden womöglich nie gerettet werden. Warum sollte sie ihn weiter anlügen, da sie hier vielleicht bald sterben würden? Sie liebte ihn. „Ich liebe dich“, erklärte sie also mit fester Stimme. Und er war sichtlich überrumpelt. „Als ich mit Ben zusammen war … Ich dachte, das mit dir wäre vorbei. Aber ich habe mir etwas vorgemacht. Es hat nie aufgehört.“ Felix schwieg. Er war sich seiner Gefühle für Emma ja selbst nicht sicher. Aber sie missverstand das Schweigen. „Ich will dich nicht mit meinen Gefühlen belästigen. Es musste nur raus, bevor wir hier …“ Das Wort „sterben“ konnte sie einfach nicht aussprechen.

„Es ist gut, dass du es mir gesagt hast“, fand er. „Es ist nur … Ich weiß nicht genau, was ich …“

„Es ist okay“, unterbrach sie ihn schnell und wechselte dann das Thema. „Meinst du, wir haben eine Chance, hier rauszukommen?“

„Wenn sie uns innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden finden, vielleicht“, entgegnete er und schaute sich zum hundertsten Mal in dem Kellerraum um.

2. KAPITEL

Nachdem seine Schwester ihm gut zugeredet hatte, erklärte sich Hendrik dazu bereit, Nils Heinemann als Betreuer eine Chance zu geben. Und erst dann verriet Wang den beiden Geschwistern, wieso seine Wahl überhaupt auf den Fitnesstrainer gefallen war.

„Es geht um Taktik, nennt es von mir aus sogar psychologische Kriegsführung.“ Bei der bevorstehenden Weltmeisterschaft, für die Annika und Hendrik trainierten, würden ihre Gegner mit allen möglichen Tricks arbeiten. Sie würden Hendrik attraktive Frauen auf den Hals schicken, sie würden nachts die Musik aufdrehen, damit die Geschwister nicht schlafen konnten, sie würden beim Wettkampf versuchen, die beiden mit unverschämten Bemerkungen aus dem Rhythmus zu bringen. „Und deshalb braucht ihr Selbstbeherrschung“, stellte Wang fest. „Und daran hapert es bei euch beiden noch gewaltig.“ Nils Heinemann sollte ihnen in nächster Zeit also so sehr auf die Nerven fallen, wie er nur konnte. Und sie sollten trotzdem unbeirrbar ihr Ziel verfolgen. „Dass ihr ihn so ablehnt, ist ein echtes Geschenk“, schloss Wang. Nach einem Augenblick verdutzten Schweigens brachen die Geschwister in lautes Gelächter aus. Na dann – dann sollte der Fitnesstrainer sie doch triezen, so gut er nur konnte.

André hielt es einfach nicht mehr aus: Werner war mittlerweile so hilflos wie ein Kleinkind. Er wusste nicht mehr, wo er war, erkannte den Fürstenhof nicht wieder und hielt seinen Bruder für einen entfernten Freund der Familie. So ging es einfach nicht weiter, da konnte Barbara so viel Druck auf ihn ausüben, wie sie wollte. Zumal ihn Fanny Schönbauer vor falschen Freunden gewarnt hatte, nachdem sie sich Andrés Horoskop angesehen hatte. Er musste etwas unternehmen. Kurzerhand holte er das Fläschchen aus Barbaras Tasche, als sie gerade beim Reiten war. Er leerte die Tropfen in den nächsten Blumentopf und ersetzte sie durch einfaches Wasser. So würde Werners Vernunft langsam wieder zurückkommen.

Rosalie und Ben waren sich zufällig in die Arme gelaufen und hatten sich natürlich über Felix und Emma unterhalten. Ben war überzeugt, dass die beiden miteinander abgehauen waren. Und inzwischen war sich auch Rosalie nicht mehr so sicher.

„Aber es hat keinen Sinn rumzujammern“, stellte sie energisch fest. „Emma und ich haben eine Firma, für die ich gerade einiges angeleiert habe.“ Sie meinte die PR-Kampagne mitsamt der großen Modenschau. Und sie würde Prinzess-Dirndl nicht den Bach runtergehen lassen. Zunächst waren noch genug Entwürfe von ihrer Schwester vorhanden, die Rosalie nähen lassen konnte. Und dann gab es auf der Welt ja auch noch andere Designer. „Ich mache mein eigenes Ding“, beschloss Rosalie. „So schnell kriegen die mich nicht klein – was immer auch passiert ist.“

Vorsichtshalber telefonierte sie gleich mit ihrer Freundin Sonja in München. Und bat sie, ihr einen Kontakt zu einem guten Designer herzustellen. Doch nachdem sie wieder aufgelegt hatte, brach sie dann doch in Tränen aus. So einfach würde es nicht werden. Wenn Felix jetzt wirklich mit Emma zusammen war …

Emma schämte sich inzwischen dafür, dass sie Felix ihre Liebe gestanden hatte. Warum hatte sie nur ihren Mund nicht halten können? Andererseits … Wahrscheinlich kamen sie wirklich nicht mehr raus aus diesem Kraftwerk. Und da wollte sie ehrlich sein. Auch wenn Felix ihre Liebe nicht erwiderte.

„Emma?“, unterbrach er sie da in ihren Gedanken. Sie blickte auf. „Irgendwie … Ich habe mich in letzter Zeit hin und wieder gefragt …“ Er zögerte, gab sich dann aber einen Ruck. „Ob ich nicht mehr als einfach nur Freundschaft für dich empfinde.“ Erstaunt verzog sie das Gesicht.

„Über so etwas muss man doch nicht nachdenken“, meinte sie dann. „Das spürt man doch.“

„Männer sind da wohl etwas begriffsstutziger“, entgegnete er mit einem schwachen Lächeln. „In Sachen Liebe sind wir manchmal etwas kompliziert.“

„Heißt das …?“ Wenn er sich wirklich in sie verliebt hatte – dann wäre es, als würde ein Traum wahr werden, dachte Emma.

„Ich weiß nicht“, antwortete er. „Aber eines weiß ich sicher: Du bist wunderbar. Du bist schön. Du bist mir unendlich wichtig. Und ich möchte nie auf dich und deine Freundschaft verzichten. Ist das Liebe?“ Sie überspielte ihre Rührung mit Galgenhumor.

„Wenn wir hier nicht bald einen Weg rausfinden, erübrigt sich die Frage sowieso …“ Die beiden tauschten ein liebevolles Lächeln. Konnte das sein? Konnte das wirklich sein? Emmas Herz klopfte bis zum Hals. Hatte sich Felix doch in sie verliebt?

Werner Saalfeld hatte Herrn Pachmayr in den Fürstenhof gebeten, als Anwalt. Der Senior war nämlich auf die Idee gekommen, unbedingt seinen Bruder in seinem Testament berücksichtigen zu wollen. Pachmayr ahnte noch nichts von der neuen Situation im Fürstenhof. Weder kannte er Herrn Saalfelds momentanen Geisteszustand noch wusste er, dass die Hochzeit seines Neffen Ben geplatzt war.

„Kopf hoch, Junge“, sagte er tröstend. „Andere Mütter haben auch schöne Töchter. Du wirst die kleine Strobl vergessen und eine andere treffen.“ Aber das war nun das Letzte, was Ben im Augenblick hören wollte.

Pachmayr setzte sich mit Werner Saalfeld und André Konopka an den Wohnzimmertisch.

„Sie haben hier schon ein dolles Hotel“, plauderte er munter drauflos. „Der Juniorchef und das Zimmermädchen …“ Ben hatte ihm natürlich erzählt, dass Emma offenbar mit Felix Saalfeld durchgebrannt war.

„Spurlos verschwunden, die beiden“, schaltete André sich ein, denn sein Bruder hatte ganz offenkundig keine Ahnung, wovon der Bürgermeister sprach.

„Spurlos?“, wiederholte der. „Nicht ganz. Fragen Sie mal Ihre Frau, Herr Saalfeld.“

„Sylvia?“, fragte André hastig. Pachmayr nickte.

„Als ich gestern von der Jagd zurückkehrte, habe ich die beiden im Auto gesehen“, erzählte er. „Mit der Frau Saalfeld auf dem Rücksitz.“ Der Chefkoch brauchte einen Moment, um diese Neuigkeit zu verarbeiten. Was zum Teufel hatte Barbara mit Felix’ und Emmas Verschwinden zu tun? Aber der Bürgermeister war ja hier, um die Änderung in Werners Testament vorzunehmen. Doch so weit kam es nicht. Denn Pachmayr begriff schnell, dass hier etwas nicht stimmte. Herr Saalfeld erkannte seinen eigenen Bruder nicht, der mit ihm am Tisch saß. Stattdessen behauptete er, André sei noch immer in der DDR. Schließlich wandte sich der Bürgermeister direkt an den Chefkoch und bat ihn um ein paar Worte unter vier Augen.

„Was ist denn mit Ihrem Bruder los?“, fragte er erstaunt. „Der weiß ja überhaupt nicht mehr, was er tut. Völlig gaga …“

„Es geht ihm zurzeit nicht gut“, erwiderte André bedauernd. „Daher auch sein Wunsch, das Testament zu ändern.“ Werner glaubte, nicht mehr lange zu leben zu haben. Wo er doch immer alles vergaß.

„Diesen Wunsch haben Sie ihm nicht ganz zufällig eingeredet, oder?“, hakte Pachmayr nach. Das hatte André tatsächlich nicht. „Wie auch immer, so ist er nicht geschäftsfähig“, stellte der Bürgermeister fest. „Der Mann braucht einen Arzt, keinen Anwalt. Und Sie sollten sich schämen, den Zustand Ihres Bruders so auszunutzen.“

Dabei war es André herzlich egal, ob Werner ihn im Moment in seinem Testament bedachte oder nicht. Es würde seinem Bruder ja ohnehin bald wieder besser gehen – jetzt, da er die teuflischen Tropfen nicht mehr schluckte. Aber was Barbara mit Emma und Felix zusammen im Auto gemacht hatte … Das fragte sich der Chefkoch schon.

Er stellte sie zur Rede, sobald sich eine Möglichkeit dazu ergab.

„Wer behauptet, er hätte mich gesehen?“, giftete sie sofort.

„Pachmayr“, entgegnete André knapp.

„Dieser senile Knacker will mich also erkannt haben“, höhnte sie. „In einem fahrenden Auto. Der alte Wichtigtuer fantasiert sich was zusammen.“

„Ich möchte dich nur warnen“, meinte André nun. „Die Sonnbichlerin ist mit ihrer Tochter schon bei der Polizei gewesen.“ Das stimmte. Hildegard und Marie hatten Emma und Felix als vermisst gemeldet. Es dauerte aber achtundvierzig Stunden, bis die Polizei in einer solchen Situation aktiv wurde. Deshalb war bislang noch nichts geschehen.

„Ich habe nichts zu befürchten“, behauptete Barbara nach einer Schrecksekunde. „Ich habe mit dem Verschwinden der beiden Turteltäubchen nichts zu tun. Und du hilfst mir jetzt am ehesten, wenn du Werner regelmäßig seine Tropfen verabreichst. Damit wir endlich seine Entmündigung beantragen können.“

„Und du fliehen kannst“, ergänzte er kühl. Genau das hatte sie vor. Aber sie würde sich in aller Ruhe aus dem Staub machen. Mit den Millionen, die sie aus dem Verkauf des Fürstenhofs erzielen würde.

Emma und Felix hatten eine weitere Nacht in Gefangenschaft verbracht. Aneinandergekuschelt hockten sie auf dem Boden. Der Durst wurde immer quälender.

„Eigentlich habe ich gar keine Zeit, hier herumzusitzen“, stellte Emma mit einem Lachen fest. „Rosalie braucht Kleider. Und Entwürfe für die Modenschau.“ Besorgt sah er sie an. Er fürchtete, dass sie dabei war durchzudrehen. Wenn Menschen zu lange nichts tranken, konnte das passieren. Sie mussten hier raus. Unbedingt!

Er sprang auf, griff sich ein Stück Holz und hämmerte damit gegen die Tür. Natürlich war das vergeblich. Niemand konnte sie hier hören.

„Uns muss bald etwas einfallen“, stöhnte er. „Sehr bald …“ Sonja hatte Rosalie tatsächlich einen Designer empfohlen, und Rosalie ließ ihn sofort einen Vertrag unterzeichnen, damit die Produktion bei Prinzess-Dirndl nicht zum Stillstand kam. Charlotte hatte im Restaurant am Nachbartisch gesessen und das Gespräch zwischen Rosalie und ihrem neuen Geschäftspartner mit angehört.

„Der Herr scheint ziemlich teuer zu sein …“, stichelte sie, nachdem der Designer sich wieder verabschiedet hatte. „Können Sie sich so jemanden überhaupt leisten?“

„Da ich Felix mit seinem Geld nicht mehr im Hintergrund habe?“, konterte Rosalie bissig. „Ist es das, was Sie sagen wollen?“

„Sie machen keine Umwege, was?“ Charlotte verkniff sich ein Schmunzeln.

„Ich erreiche meine Ziele auch ohne Felix“, erklärte Rosalie würdevoll. „Verlassen Sie sich darauf. Wenn er lieber mit meiner Schwester durch die Betten hüpft, gut. Umso wichtiger, dass ich mein Leben in die Hand nehme.“

Doch das erwies sich als schwieriger, als sie geglaubt hatte. Denn der Schweizer Bankier, den sie kurz darauf anrief, gewährte ihr keinen Kredit. Obwohl sie doch fast zwei Millionen Euro bei ihm geparkt hatte, um das Geld waschen zu lassen. Nun brach Rosalie doch gänzlich zusammen. Sie würde Prinzess-Dirndl nicht weiterführen können, wenn sie nicht in der Lage war, einen neuen Designer zu bezahlen. Ihre Schwester würde nicht wiederkommen. Und ihr Freund hatte sie verlassen.

Ben stapelte gerade Koffer in der Lobby, als André ihn ansprach und fragte, wo seine Mutter sei.

„Sie wollte eben zum Handyladen im Dorf“, antwortete Ben missmutig. „Und danach weiter mit dem Auto.“ Der Chefkoch wollte schon loseilen, hielt dann aber noch mal inne.

„Haben Sie etwas von Ihrer Verlobten gehört?“ Ben schüttelte den Kopf. Emma hatte sich nicht bei ihm gemeldet. „Sie haben aber schon mitbekommen, dass die beiden gesehen wurden?“ Wieder verneinte Ben. Und André berichtete ihm von Pachmayrs Beobachtung. Bens Mutter hatte bei Emma und Felix auf dem Rücksitz gesessen! „Vielleicht gibt es also doch eine andere Erklärung, als dass die beiden durchgebrannt sind.“ Damit machte sich der Chefkoch auf den Weg. Er hoffte, dass er Barbara noch im Handyladen erwischen würde. Vollkommen verwirrt blieb Ben zurück. Was hatte das alles zu bedeuten?

Emma hatte schon eine Weile gedankenverloren mit einem Stück Draht gespielt, der auf dem Boden herumlag. Um damit das Schloss aufzubekommen, war er leider zu dünn. Und langsam mussten sich Felix und sie wohl an die Vorstellung gewöhnen, dass es zu Ende ging. Emma begann am ganzen Körper zu zittern. Er nahm sie hilflos in den Arm.

„Ich will nicht sterben“, schluchzte sie verzweifelt. „Es kann doch nicht alles zu Ende sein …“ Fieberhaft dachte er nach. Aber es fiel ihm nicht leicht, sich zu konzentrieren. Der Durst machte ihn inzwischen beinahe verrückt. Da begann die Glühbirne an der Decke zu flackern. Und das brachte ihn auf eine Idee … Vielleicht war es möglich, mit Hilfe des Stromanschlusses an der Decke und mit dem dünnen Draht einen Kurzschluss zu verursachen.

Vor dem Kraftwerk stieg Barbara aus dem Auto. Nervös fingerte sie die SIM-Karte ihres Handys heraus, um eine neue Karte einzusetzen. Die fiel ihr zu Boden. Sie bückte sich und bemerkte deshalb nicht, dass sich ein zweites Auto näherte. Als sie die neue Karte endlich eingelegt hatte, stand plötzlich André vor ihr.

„Hübsches Versteck für Frau Strobl und Herrn Saalfeld“, spottete er.

„Was machst du denn hier?“, erwiderte sie sichtlich überrascht. Er betrachtete die SIM-Kartenverpackung, die sie noch immer in der Hand hielt.

„Ah, wir treffen Vorbereitungen, die Legende weiterzustricken … Lass mich raten: Du hast einen Fehler gemacht und die Handys der beiden weggeworfen.“ Sie schwieg ertappt. „Und jetzt soll einer von ihnen zu Hause anrufen. Um die Geschichte mit der romantischen Flucht zu untermauern. Damit die Polizei keine Fragen stellt.“ Genau das war Barbaras Plan gewesen. Aber natürlich hatte sie nicht die Absicht, das zuzugeben.

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