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Siebenkampf

Für Janina, mit der ich noch nicht einmal 20 Jahre verheiratet bin.

Und für die Studenten während meiner Zeit als Hochschulpfarrer in Potsdam, die mich bei jeder Begegnung neu imspiriert haben, für die Formulierung der besten aller Botschaften eine Lippe zu riskieren.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Belastbar! - Zuversichtlich durchs Leben

A. Warm-up: Auf der Suche nach Glück (Joh 4,5-24)

B: Gruppen-Workout

C. Isotonisches zur Wegzehrung 23

1. Glaube leistet sich kindliche Lebenszuversicht (Mk 9,33-37)

2. Glaube erwächst aus einer begründeten Hoffnung (Mt 14,22-34)

3. Glaube weiß sich gehalten (Mk 2,1-12)

4. Glaube erschließt eine neue Sicht der Dinge (Mk 8,22-26)

5. Glaube folgt einem speziellen Erkenntnisweg (Joh 7,14-16; 8,32-36)

6. Glaube hat Beißerqualitäten (Mt 15, 21-27)

7. Glaube lebt aus einer antizipatorischen Kraft (Hebr 11,1f.;12,1f.)

2. Echt! - Das Leben zur Sprache bringen

A. Warm-up: (No) Time for Losers! (Joh 21,1 -19; Lk 22,19-34)

B. Gruppen-Workout

C. Isotonisches zur Wegzehrung

1. Beten ist kein Selbstgespräch (Lk 18,9-14)

2. Beten schließt den Kontakt zum inneren Menschen auf (Lk 11,37-54)

3. Beten ermöglicht einen Zugang zum Schweren in uns (Lk 7,11-17)

4. Beten weist uns auf das, was in uns heil werden will (Lk 15,8-10)

5. Beten öffnet den Weg zu unserer Lebenssehnsucht (Lk 15,11-32)

6. Beten bringt das Unerlöste ans Licht (Lk 4,31-37)

7. Beten führt zum Geheimnis des Lebens (Lk 17,11-19)

3. Gebildet! - Den eigenen Weg finden

A. Warm-up: Jüngerberufungen (Mk 3,13-15; Lk 9,1-6.10-17)

B. Gruppen-Workout

C. Isotonisches zur Wegzehrung

1. Berufung ist kein Selbstläufer (Ex 3,1 - 4,17)

2. Berufung will erst einmal erkannt werden (Lk 1,5-25.57-80)

3. Berufung muss sich gegen Fremdansprüche durchsetzen (Lk 2,41-52)

4. Berufung bewahrt davor, sein Leben zu verschlafen (Lk 12,35-48)

5. Berufung reinigt von falschen Idealen (Ex 31,18 - 32,17)

6. Berufung ist das Tor zu wahrer Bildung (Lk 18,18-30)

7. Berufung bewahrt vor falscher Prägung (Lk 12,16-21; 20,20-26)

4. Fokussiert! - Den eigenen Weg gehen

A. Warm-up: Nachfolge - Was du tust, das tue ganz (Lk 9,57-62)

B. Gruppen-Workout

C. Isotonisches zur Wegzehrung

1. Nachfolge ist ganz Ohr (Lk 1,26-38)

2. Nachfolge beginnt immer heute (Lk 14,1-24)

3. Nachfolge überwindet die Angst (Mt 6,25-33)

4. Nachfolge rechnet mit Widerständen (Mk 9,14-29)

5. Nachfolge verkauft sich nicht (Lk 4,1-13)

6. Nachfolge nimmt den Kampf an (Lk 13,23-35)

7. Nachfolge lebt leidenschaftlich frei (Lk 9,51-56)

5. Vernetzt! – BeziehungsWeise

A. Warm-up: „Was dich bewegt“ – Beziehungskisten (Eph 5,1-8a)

B. Gruppen-Workout

C. Isotonisches zur Wegzehrung

1. Beziehung ist auf Kommunikation ausgelegt (Mk 5,35–43)

2. Beziehung fragt nach Corp. Identity/Leibhaftigkeit (Lk 5,33–39)

3. Beziehung braucht Räume und Zeiten (Lukas 6,1–5)

4. Beziehung erlebt glanzvolle Momente (Lk 11,1–13)

5. Beziehung gibt leidenschaftlich ihr Bestes (Mk 14,1–11)

6. Beziehung ist nicht berechnend, sondern begnadet (Lk 6,20–49)

7. Beziehung ist in der Wahrnehmung ganz Ohr (Lk 10,38–42)

6. Regenerativ! – Produktiv für die Vision

A. Warm–up: Chancen und Grenzen des Wachstums (Lk 8,4–18)

B. Gruppen-Workout

C. Isotonisches zur Wegzehrung

1. Produktivität hält Verbindung zum Quellort ihrer Inspiration (Joh 15,1–13)

2. Produktivität setzt auf starke Beziehungsnetzwerke (Lk 5, 1–11)

3. Produktivität lässt sich nicht durch Konventionen ausbremsen (Lk 7,36–50)

4. Produktivität beachtet Gesetzmäßigkeiten des Wachstums (Mk 4,26–34)

5. Produktivität ist das Resultat zielorientierten Handelns (Lukas 19,11–27)

6. Produktivität setzt Lebendigkeit voraus (Mt 7,12–23)

7. Produktivität sucht Felder nachhaltiger Wertschöpfung (Lk 16,9–18)

7. Leidenschaftlich! – Liebe nicht von dieser Welt

A. Warm–up: Göttlicher und menschlicher Friede (Joh 19,16–30)

B. Gruppen-Workout

C. Isotonisches zur Wegzehrung

1. Der Glaube des Angefochtenen (Lk 8,22–25)

2. Die Hoffnung der Zerbrochenen (Lk 24,13–35)

3. Die Treue des Berufenen (Lk 23,13–25)

4. Die Leidenschaft des Nachfolgers (Lk 9,18–25)

5. Die Liebe des Geschmähten (Lk 18,31–34)

6. Die Frucht der Hingabe (Joh 12,20–26)

7. Auferstehung

Epilog

Verzeichnis der Texte nach Bibelstellen

Vorwort

Eine Gesellschaft, die Gott vergisst, wird auch ihre Menschlichkeit verlieren, weil ihr das Gegenüber aus den Augen gerät, das ihr zum Spiegelbild der eigenen Seele gegeben ist. Es werden den Menschen dann andere Bilder prägen. Er wird sich zum Affen machen und auf den Hund kommen. Wer aber zu sich selbst kommen will, der muss sich prägen lassen von Gott, muss seinen Charakter durch ihn formen lassen, damit er echt wird, genuin er selbst! Das wird eine Bildungserfahrung vom allerfeinsten, die auf einen bestimmten Weg ausrichtet, und die persönliche Lebensvision schärft. Diese fokussiert ihn auf das Bild, das von Ewigkeit her sein Ureigenstes ist und den Weg Gottes als seinen eigenen beschreiten lässt. Andere Wege wird er dann - als billige Kopien entlarvt - bewusst auslassen. Das Kraftzentrum dieses Weges ist eine Lebensgemeinschaft mit dem erstaunlich menschlichen Schöpfer, die dann auch eine besonders Vernetzungskultur der Mitmenschlichkeit hervorbringt. Dieser wohnt naturgemäß das Potential bemerkenswerter Kreativität und Produktivität inne, weil sie auf Energien zurückgreifen kann, die im besten Sinne „regenerativ“ sind. Sie verbraucht sich nicht, weil sie nicht aus dem Eigenen wirtschaftet, sondern aus der Kraft spendenden Erfahrung der Liebe. Ein nicht geringer Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Typ von Menschen, der sich und andere als Verbraucher versteht - und folgerichtig verbraucht.

Das bedeutet übrigens nicht, dass nun alles ganz easy auf eine Wellness-Performance hinausläuft. Leidenschaftliches Leben kommt nicht umhin, auch am Leben zu leiden, für das es sich hingibt. Fluchtpunkt des Lebens ist deshalb nicht die Tiefenentspannung, sondern das Kreuz. Von außen betrachtet sieht das mehr nach Verendung als nach Vollendung aus. Nur dem, der sich hingibt, erschließt sich das Geheimnis der Liebe von innen her. Und in der Tat: Unser Leben erlebt seine Erfüllung immer auch durch Kampf hindurch, nicht selten in Selbstüberwindung und Selbstüberschreitung. Dabei ist die Geschichte unserer inneren Siege immer auch eine Topografie der Narben. - „Siebenkampf“, das ist die Geschichte der Kämpfe unseres Lebens. Der Kampf um Vertrauen. Das Ringen um Echtheit. Die mühevolle Gestaltwerdung der eigenen Existenz in Konzentration und Ausrichtung auf das Wesentliche. Das herausfordernde Abenteuer der Beziehung zum Du. Der Kampf um Gestaltungsspielräume und Kreativmacht. Und nicht zuletzt: Die Zerreißprobe echter Leidenschaft, die jedem wirklich gelebten Leben innewohnt.

Formal ähnelt dieser Weg dem bekannten psychologischen Schema der lebensgeschichtlichen Entwicklungsstadien von Erik H. Erikson. Dieses skizziert die spezifischen Herausforderungen des Lebens vom Säuglings- bis zum Erwachsenenalter und legt dabei ein besonderes Augenmerk auf die menschliche Identitätsbildung. Wer bin ich, dem das Leben so oder so begegnet? Wer bin ich, der ich gerade an dieser oder jener Front meine besonderen Baustellen habe? Dieses Buch will es aber gerade nicht bei einer psychologischen Betrachtung belassen, obwohl diese für sich durchaus anregend und bereichernd sein kann. Denn der Autor geht davon aus, dass in der Identitätsfrage nach dem „Wer“ (bin ich?) eine Außenperspektive mitgedacht sein will, die einerseits nach sinnhaften Strukturen unsere Welt, aber darüber hinaus auch nach der geistigen Urheber-DNA fragt, die unserem Dasein eine prägende Richtung gibt. Sie hat uns in diesen Kampf gestellt hat, und sie hat zugleich die Expertise, uns darin zu unterstützen. Damit bekommt das ganze eine spirituelle Dimension, die aber deshalb gerade nicht einen Sonderbereich der seelischen Erhebung kennzeichnet, der beim Yogakurs dienstagnachmittags oder dem Klosterwochenende abzuhandeln wäre. Sondern es geht um eine Dimension, die das Leben als Ganzes gleichsam als eine Tiefen-, oder besser: „Höhen-“dimension durchwirkt.

Dass der Autor dabei auf den christlichen Glauben rekurriert, ist dabei kein Akt der Beliebigkeit. Dieser beschäftigt sich nämlich zentral mit dem Mysterium der Menschwerdung - und zwar der Menschwerdung Gottes. Jesus Christus ist dabei verstanden als der wahre Mensch, als die Schöpfung 2.0, als das Benchmark und Fenster in die Welt Gottes. Und wer einmal diese Aussicht genossen hat, der wird einen bleibenden Eindruck davon behalten. Eindrücke haben die Eigenschaft, zu formen. Und dieser Eindruck bringt wahrhaft Menschen in Form, so dass sich Menschwerdung auch beim Betrachter noch einmal in einem ganz anderen Sinne ereignen kann. Der christliche Glaube ist hierzu äußerlich nüchtern betrachtet erst einmal eine Ressource zum Leben, gleichsam eine Sehhilfe, die den Code unseres Lebens orientierend zu entschlüsseln hilft. Dem Insider ist er natürlich ungleich mehr. Es ist eine Liebeserklärung des großen Geheimnisses dieser Welt - wir nennen es Gott - an sein Geschöpf. Es ist eine vitalisierende Beziehung zum Leben selbst, ein Tsunami der Sinnhaftigkeit und Horizonterweiterung, durch die sich der Mensch, alle naturalistischen Kurzschlüsse hinter sich lassend, in einer hingebungsvollen Beziehung zur Welt aufgehoben weiß, die im innersten Kern nicht „Survival of the Fittest“ bzw. Selbstverwirklichung, sondern Opferbereitschaft als die DNA der Liebe zusammenhält. Das Grunddatum der Menschwerdung Gottes dient also zum Update des Menschen, um die kleinen und großen Kämpfe des Lebens besser ver- und bestehen zu können.

Seine verschiedenen Facetten sind in diesem Buch anhand von Kerntexten der Bibel in einer Form dargeboten, dass sie hintereinanderweg gelesen gleichsam als großes Service Pack „installiert“ bzw. „inhaliert“ werden können. Der Siebener-Zyklus mit seinen 7x7 Abschnitten fügt sich aber auch durchaus als tägliche Atempause in einen 7-Wochen Turnus ein, wie ihn etwa die Passionszeit der Kirche begeht. Zur Vorbereitung auf den Kampf gehört ein entsprechendes Warm up, das inhaltlich in das jeweilige Kapitel einführt. Der Gruppen-Workout regt mit unterstützenden Fragen als Stimulantium zur persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema an und kann auch gut in der Gruppenlektüre verwendet werden. Der Hauptabschnitt Isotonisches zur Wegzehrung bietet schließlich verschiedene Aspekte zur Vertiefung des jeweiligen Themas auf der Ausdauerstrecke Alltag, wo sich das Leben bewährt. Dabei gelten die Worte Heraklits: „Der Kampf ist der Vater aller Dinge. Die einen macht er zu Sklaven, die anderen zu Freien.“

Mathias J. Kürschner

1. Belastbar! - Zuversichtlich durchs Leben

Wir leben in Zeiten einer umfassenden Vertrauenskrise. Das betrifft nicht allein das Bankenwesen. Es umfasst den gesamten Unternehmenssektor, Institutionen und natürlich auch den Einzelnen in unserer Single-Gesellschaft. Vielleicht ist es geradezu ein Kennzeichen sich ausdifferenzierender Individualisierungsprozesse, dass der „Vertrauenskit“ zwischen den Menschen brüchig wird und dann folgerichtig die Devise „Everyone for himself“ bis zur letzten Konsequenz ausgelebt wird. In Ermangelung vitaler moralischer Instanzen laufen die Lösungsmuster gesellschaftlicher Verantwortungseliten meist lediglich hilflos auf eine Verschärfung der Gesetzgebung hinaus, die den erlittenen Vertrauensmissbrauch einschränken soll. Unglücklicherweise verschärft diese aber nur die Vertrauenskrise. Denn jeder ahnt, dass der Gesetzgeber so eine Art Bestatter ist, der dann die Arbeit aufnimmt, wenn jede andere Hilfe bereits zu spät gekommen ist.

Ist es zu spät für Vertrauen? Man kann noch Hoffnung haben. Denn Vertrauen ist auch ein wichtiger Schmierstoff für die Wirtschaft, dessen Vorhandensein maßgeblichen Anteil für den Erfolg eines Unternehmens zeichnet. Management-Guru Fredmund Malik schreibt: „Im letzten kommt es darauf an, dass zwischen Unternehmen und Mitarbeitern gegenseitiges Vertrauen herrscht. Wo wechselseitiges Vertrauen herrscht, findet sich meist auch Motivation unter der Mitarbeiterschaft, und zwar ohne, dass man diesbezüglich besondere Maßnahmen ergriffen hätte. Misstrauen dagegen verhindert Motivation. Vertrauen schafft eine robuste, eine belastbare Führungssituation, die über viele Fehler im Management hinweghilft.“ - Geht doch! Auch wenn man auf das durchschnittliche Gewissen nicht mehr allzu viel wetten möchte - auf das Management und die Wirtschaft ist Verlass. Denn was Profite verspricht, wird noch immer möglich gemacht. „Ich glaube an die Deutsche Bank. Denn sie zahlt aus in bar…“

Wer’s glaubt…! Es fragt sich nämlich, inwiefern es sich beim Vertrauen um eine operationalisierbare Größe handelt: Kann man Vertrauen „machen“, herstellen? Oder ist es nicht ein Phänomen, das aus dem Sein von Personen erwächst, sozusagen die Aura ausmacht, die den Personkern eines eben vertrauenswürdigen Gegenübers umweht. Handlungen verweisen dabei auf eine Haltung, die ihrerseits auf einen Charakter schließen lassen, wo etwas in uns sagt: „Jawohl, der ist in Ordnung! Auf den lass ich mich ein.“ Misslich, wenn die ersten Beziehungen im Leben eines Menschen nicht von solchen Erfahrungen geprägt sind, bzw. wenn es diese Urbeziehung zur Mutter gar nicht erst geben konnte. Denn Vertrauen kann nicht deklaratorisch initialisiert werden, sondern muss mit der Zeit erworben werden. Das wirft ein Problem auf: Der Faktor Zeit - ein rares Gut in Zeiten, wo die Entwicklung eines Menschen mit der ökonomischen Kenngröße „Time-to-market“ konkurrieren muss.

Nach allem, was sich abzeichnet, sind die Kinder die Verlierer dieses Kampfes, weil ihnen die Entwicklung dieses Urvertrauens als unverzichtbare Voraussetzung einer gelingenden Existenz durch das Diktat des Arbeitsmarktes in der heutigen Zeit deutlich erschwert wird. Ohne den intensiven Kontakt zur Mutter wird den sog. Krippenkindern nach Warnung von Psychologen schwere Schäden zugefügt. Die sich in der späteren Entwicklung mit vermehrter Wahrscheinlichkeit einstellenden Bindungsprobleme bei der Beziehungsaufnahme bergen einen volkswirtschaftlichen Schaden, der heute noch gar nicht richtig zu ermessen ist.

Der Kampf um die Urbeziehung bildet sich auch in der religiösen Sphäre ab. In der biblischen Tradition ist Vertrauen das Thema schlechthin. Es geht hier mit der Frage nach dem Glauben um das unbedingt Vertrauenswürdige unserer Existenz. Es geht um den Belastungstest unserer Fundamente: Was trägt mich wirklich? Worauf kann ich mich unbedingt verlassen? Was hat wirklich Wert? - Die Bibel „steht“ dabei nicht auf Münchhausiaden a la „Ich vertrau auf mich selbst…“ Die Sache mit dem Zopf hält sie pessimistisch für eine haarige Angelegenheit, die den Verbleib im Sumpf auf ewig zementiert. Als belastbarer erweist sich nach Erfahrung der Alten der Rückgriff auf externe Hilfe. Unsere Zögerlichkeit in diesen Dingen heute ist eigentlich seltsam: Vielleicht war der Blick nach außen damals deshalb so einhellig, weil man in einer vor-narzissistischen Gesellschaft lebte und noch dazu wenig Rücksicht auf kurzatmige Legislaturperioden und rückkopplungssensible Medien nehmen musste. So erklärte man die Hilfe zur Chefsache und sprach den an, der schon einmal das Chaos zum Kosmos geformt hatte.

Diesen Weg gehen derzeit laut einer Pew-Umfrage ca 85 % der Weltbevölkerung, die statistisch gesehen an die Existenz eines höheren Wesens glauben. Sie lassen sich den Masterplan für ihr Leben durch den geben, der als Schöpfer des Universums die nötige Kompetenz für eine so verantwortungsvolle Aufgabe hat. Wenn schon, denn schon… Man lässt sich ja auch sonst im Leben nicht von jedem Dahergelaufenen coachen. Expertise muss schon sein! Bei wichtigen Entscheidungen braucht man belastbare Informationen und ein Gegenüber, dem man vertrauen kann. Am besten man vereinbart erst einmal ein persönliches Gespräch und lernt sich kennen. So hat Gott das auch gemacht. Er kam vorbei. Einige der „Gesprächsprotokolle“ werden hier kommentiert. Die sind belastbar. Darauf können sie Gott festnageln. Gute Nachrichten, eben „Evangelium“ für alle, die auf der Suche nach einer belastbaren Lebensgrundlage sind.

A. Warm-up: Auf der Suche nach Glück (Joh 4,5-24)

Da kam Jesus in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab. Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde. Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen.

Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen. Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. - Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser. Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser? Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!

Jesus spricht zu ihr: Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her! Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht zu ihr: Du hast recht geantwortet: Ich habe keinen Mann. Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; das hast du recht gesagt.

Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.

Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen. Jesus spricht zu ihr: Ich bin's, der mit dir redet.

Es geschah „am Brunnen vor dem Tore“, damals in der Mittagshitze Palästinas, als der Fremde mit der Samaritanerin über alltägliche Fragen ins Gespräch kommt. Unversehens findet man sich in einem Gespräch wieder, in dem die Routine des Alltagsschwätzchens nicht mehr greift, ja, in dem es urplötzlich um alles geht. Um Sehnsüchte, um den Verlauf von Biographien, um Glück.

Lassen wir uns nicht vom Ambiente täuschen: Eine solche Geschichte könnte auch gut in unserer Stadt passieren: Im Mediamarkt vor den Regalen mit den Plasma-Monitoren. Im Wartezimmer beim Arzt. Im Chat auf einer Dating-Website. Oder auf der Baustelle für das lang ersehnte Eigenheim. Überall könnte es passieren, dass der geheimnisvolle Fremde auftaucht und die Sorte von Gespräch anfängt, die uns dazu bewegt, unser Leben neu zu vermessen, neu darüber nachzudenken, in welche Richtung unser Leben eigentlich gerade läuft. Lassen wir uns durch Wasserplätschern und Holzeimer nicht blenden: Die Frau repräsentiert uns. Durst hat sie. Das Leben dreht sich nun einmal um derlei Dinge. Es will gemeistert werden. Und wenn man sich die ganze Sache ein wenig erleichtern könnte, wär’s doch eigentlich ganz dufte. Lebendiges Wasser? Mit anderen Worten: Quellwasser statt abgestandene Brühe. Wunderbar, her damit! Nicht mehr den Eimer mühsam aus dem tiefen Schlammloch hochziehen müssen. Das Leben ein wenig angenehmer gestalten. Endlich Schluss mit Schweiß und Nervereien. Genauso träumt der Fußgänger heute vom Auto, der Mieter von den eigenen vier Wänden und der Angestellte von der Verbeamtung. Also: Nichts neues unter der heißen Mittagssonne. Jeder hat so seinen eigenen inneren Fahrplan, von dem er glaubt: Wenn ich das noch hätte, dann liefe mein Leben richtig rund. Dann bin ich komplett. Dann kann ich endlich glücklich sein.

Das Leben ein wenig angenehmer gestalten. Endlich Schluss mit Schweiß und Nervereien.

Um genau dieses Glück geht es nun in dem Gespräch mit Jesus. Was ist das eigentlich: „Glück?“ Und wie komme ich dazu? – Jesus hat darauf eine Antwort: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser. Jesus deutet an, dass es etwas gibt im Leben, was als Geschenk erkannt und angenommen werden will. Außerdem: Dass dieser Sachverhalt mit seiner Person zusammenhängt. Die Tür zum Glück steht also ganz weit offen. Worum es geht, ist der Glaube! Doch dazu kommt es erst einmal nicht. Die Frau verfällt nämlich nun auf eine Verhaltensweise, die unseren Strategien von Lebensbewältigung verdammt ähnlich ist, und sie trotz Holzeimer als moderne Frau ausweist. Das Wort „verdammt“ ist übrigens durchaus wörtlich zu nehmen: Statt in die Gegenwart des Glücks zu treten, legt sie Verhaltensweisen an den Tag, die dazu geeignet erscheinen, sich weitest möglich vom Glück zu trennen! Es sind jene Strategien, die zu ihrem (und unserem!) Alltag so selbstverständlich dazugehören wie das Atmen: Es geht um Selbstbestimmung, Bedürfnisbefriedigung und Techniken, um diese zu erreichen. Sie sollen die Steigbügelhalter zum Glück sein und wirken doch unweigerlich als Sargnägel zur Stabilisierung des Unglücks.

Jesu Angebot, der Frau etwas zu schenken, das in der Beziehung zu seiner Person ergriffen wird, löst in der ganzen Art, wie sich die Frau dieser rätselhaften Wirklichkeit nähert, nur Fragezeichen aus. Diese Wahrheit ist ihr ganz und gar verborgen. Und so reagiert sie, wie man eben dem Fremden und Rätselhaften gegenüber reagiert. Sie mauert erst einmal. Sie schützt ihre Person gegenüber dem Fremden. Sie grenzt sich ab und sagt: „Hör mal, was haben wir zwei eigentlich miteinander zu schaffen? Zwischen uns ist eine ganz klare Trennlinie. Jeder muss für sich sein eigenes Glück finden.“ Was hier zwischen zwei Volksgruppen, zwischen Samaritanern und Juden abläuft, kennen wir auch zwischen unterschiedlichen Alters-, Bevölkerungs- und Milieugruppen. Und wir kennen es insbesondere im Bezug auf Gott und den Menschen: „Gott ist im Himmel und du auf der Erde.“ Dieser Satz wird jetzt verstanden als die Parole der großen Trennung: Jeder macht sein eigenes Ding!

Lebensglück ist eine Sache, die der selbstbestimmte, auf sich gestellte Mensch von sich aus nicht mit Gott in Verbindung brächte. Stattdessen sucht man fieberhaft, wie durch Eigeninitiative die Voraussetzungen geschafft werden, dass sich Glück einstellt. Ursache und Ziel dieser Bewegung zum Glück liegen, so denkt der Mensch, in einem selbst. Die Ursache dieser Bewegung sind die Bedürfnisse, die wir haben, der Lebensdurst, der uns nicht stillstehen, der uns nach Befriedigung, nach Stillung streben lässt und all die Dinge verbannen möchte, die einer möglichst effizienten Bedürfnisbefriedigung entgegenstehen. Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen! So soll der Zug zum Glück ins Rollen kommen. Und die Frau meint das ganz ehrlich: Wenn ich erst einmal nicht mehr den beschwerlichen Gang zum Brunnen machen muss… Wenn ich nicht mehr zu Fuß zur Schule gehen brauche… Wenn ich nicht mehr allein bin, sondern einen Partner habe… Wenn ich erst mein Haus gebaut habe und nicht mehr von Vermietern abhängig bin…

Lebensglück ist eine Sache, die der selbstbestimmte, auf sich gestellte Mensch von sich aus nicht mit Gott in Verbindung brächte.

All diesen Plänen zum Glück wohnen im Grunde die gleichen Voraussetzungen inne:

1. Ich bin meines Glückes Schmied

2. Es geht um die Befriedigung punktueller Bedürfnisse und

3. Das Glück ist durch eine von mir selbst beherrschbare Verfahrensweise realisierbar. Wir nennen das „Technik“. Wir haben alles im Griff. Alles unterliegt unserem Zugriff.

Darum auch die Unruhe der Frau: Wie macht man das mit dem Wasser? Welche Technik steht dahinter? Herr, hast du doch nichts, womit

du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser? Die Technik sichert die ersten beiden vermeintlichen Glücksstrategien ab: Ich bin meines Glückes Schmied. Ich befriedige meine Bedürfnisse. Nun gib mir noch schnell die dazu nötige Technik an die Hand, die Methode, die es mir autonomen, selbstbestimmten Menschen möglich macht, alles unter Kontrolle zu bekommen, mein Glück selbstständig zu verwirklichen.

Das menschliche Glücksprogramm scheint irgendwie, durch einen verborgenen Virus korrumpiert, schlussendlich zum Absturz führen zu müssen.

Merken Sie, wie man in dieser Konstellation, wenn man sie einmal von außen betrachtet, unwillkürlich Platzangst bekommt? Auf der einen Seite Jesus mit der weit ausgestreckten Hand, in der das Geschenk Gottes liegt. Das Beziehungsangebot: Alles, was ich habe und bin, gebe ich für dich. Ich bin für dich da! Vertrau mir! – Und auf der anderen Seite dieser hektisch hortende Mensch, dieses klaustrophobisch in sich selbst verkrümmte und abgeschottete Wesen, das zwanghaft aus sich selbst leben will, statt sich der Quelle des Lebens anzuvertrauen. Der ständig seine Bedürfnisse meditiert und nach Techniken sucht, um sie zu befriedigen. Was für ein irres Bild, zumal es ständig untermalt ist von dem selbstgewissen Ruf: „Ich gehe geradewegs zu auf mein Glück. Und ich habe alles unter Kontrolle.“

Dieses Bild ist grotesk. Es ist düster. Die Situation ist völlig verquer. Das menschliche Glücksprogramm scheint irgendwie, durch einen verborgenen Virus korrumpiert, schlussendlich zum Absturz führen zu müssen. Und noch im Absturz ruft der autonome Mensch: „Ich habe alles unter Kontrolle.“ – Das ist wahre Dunkelheit. Hier fährt der Karren ungebremst vor die Wand!

Aber nun: Drei Worte, die die Situation kippen lassen: „Ruf deinen Mann!“ Drei Worte, die die ganze Illusion vom selbstbestimmten, kontrollierten, auf Bedürfnisbefriedigung zielenden Leben zerplatzen lassen, wie eine Seifenblase. Jesus stellt manchmal Fragen, die wirken wie ein gezielter Schuss beim Schiffe versenken. Sie heben die gesamte Statik einer Lebenskonzeption aus den Angeln: Schuss – Treffer – versenkt! Jesus bringt die verborgene Wahrheit ans Licht: Es ist nicht so weit her mit der Kontrolle. Es klappt nicht so reibungslos mit der Bedürfnisbefriedigung. Das Konzept vom Menschen als Steuermann auf seiner eigenen Reise zum Glück lässt sichtbare Risse erkennbar werden.

Fünf Männer hast du gehabt… Fünf Männer, die alle sicher ursprünglich als Weg zum Glück gedacht waren. Jede dieser Beziehung wurde in dem Enthusiasmus gestartet, dass der es nun endlich sei. Jeder als Indiz für den unstillbaren Lebensdurst, jene Sehnsucht nach Zuhause: Angenommen sein, geliebt werden. Und nun stehen sie da, als großes Mahnmahl des Scheiterns. Dieser unerfüllten Sehnsucht nach Beziehung. Enttäuschung über das Leben selbst. Sie bilden eine lange Kette, gemeinsam zeugend für die Zerbrechlichkeit der persönlichen Existenz.

Fünf Männer hast du gehabt… – Ich frage Dich: Was sind Deine „fünf Männer“? Sind es die fünf geschönten Einkommensteuererklärungen, durch die das zusätzliche Geld „erwirtschaftet“ wurde, um das Leben noch ein bisschen angenehmer zu gestalten? Sind es jene fünf Unaufrichtigkeiten, die zu dem Karrierevorteil führen sollten, weil diese Dich gegenüber Deinen Kollegen um das eine Quäntchen besser dastehen lassen? Oder reden wir hier von den fünf Lästereien in der Mensa neulich, mit denen wir unser Image, freilich auf Kosten der Kommilitonen, so nachhaltig verbessern konnten? Jesus erkennt den Lebensdurst auch hier: den Wunsch nach Beziehungen, der Wunsch etwas zu gelten vor den anderen. Und Jesus wendet sich nicht etwa angewidert ab. Im Gegenteil:

Jesus stellt manchmal Fragen, die wie ein gezielter Schuss beim Schiffe versenken wirken.

Er nimmt das sehr ernst. Er kennt die Bedürfnisse der Menschen. Er kennt den Lebensdurst. Er weiß um unsere verborgenen, auch unterbewussten Wünsche. Und er weiß auch um unsere langen, verzweifelten und vergeblichen Anstrengungen nach der Stillung dieses Lebensdurstes.

Und er bringt es ans Licht mit all dem Versagen. Nicht, um daraus eine sensationelle Enthüllungsgeschichte zu machen, damit alle hinterher mit Fingern auf dich zeigen und sagen: „Du bist ja ne Sau…“ Nein, er bringt es ans Licht, um Wahrheit in unsere kaputten Beziehungen zu bringen, um uns zu zeigen: „Schau, ich verstehe Deinen Lebensdurst. Aber so, wie du diesem Durst nachgehst, wird das nichts. Ich will dir helfen. Ich will mit dir sein. In einer Beziehung zu mir kannst du der werden, als der du von deinem Schöpfer erdacht worden bist. Glaube mir! Ich heile deine Beziehungen. Ich schenke dir einen Blick, der Menschen nicht länger als Verbrauchsmaterial sieht, als Mittel zum Zweck, als Verfügungsmasse für deine Bedürfnisbefriedigung, für deinen Erfolg, für deinen guten Ruf.“ – Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: ‚Gib mir zu trinken!‘, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser.

In Jesus ist das Geheimnis der Beziehung zwischen Gott und Mensch aufbewahrt. Er ist der Gott-Mensch, der Immanuel, der „Gott-mit-uns“.

Glück kann man nicht herbei manipulieren. Man kann sich des Glücks nicht bemächtigen. Es eröffnet sich selbst wie eine Blume. Es schenkt sich uns als eine Gabe, die wir aus Gottes Hand wie ein Kind empfangen müssen. „Unser tägliches Brot gib uns heute…“ In diesem Satz steckt eine ganze Haltung zum Leben. Wir plündern diese Erde nicht aus. Wir nehmen uns nicht als die Herrenmenschen, was wir können. Wir konsumieren nicht. Sondern wir empfangen aus Gottes Hand die Gaben, die er uns gibt. Die Dinge zum Leben. Auch die Menschen, die uns anvertraut sind. Unseren Beruf, den wir als Berufung Gottes verstehen. Die Bildung, die wir in der Schule empfangen und die dem Ziel dient, zu Seinem Ebenbild gestaltet zu werden. Wenn wir die Gaben aus Gottes Hand nehmen, wenn wir uns von ihm beschenken lassen, dann wächst die Beziehung, auf die Jesus die Samaritanerin hier hinweist: In Jesus ist das Geheimnis der Beziehung zwischen Gott und Mensch aufbewahrt. Er ist der Gott-Mensch, der Immanuel, der „Gottmit-uns“.

Wo wir die Dinge unseres Lebens dankbar aus Gottes Hand nehmen, da wächst das Bewusstsein und die Gewissheit, dass wir Geschöpfe Gottes sind und nicht selbst Götter, die Leben und Glück hervorbringen müssen. Wir verdanken unser Leben einem anderen und tun gut daran, mit ihm verbunden zu bleiben, ihm „zu glauben“, wie die biblischen Texte formulieren. Bewusst als Geschöpf zu leben bedeutet, dankbar und offen zu sein für das, was wir von Gott empfangen.

Diese Offenheit ist die Haltung des Glaubens: Ihr korrespondiert das aufnahmebereite Herz, die Achtsamkeit des Geistes, die hörenden Ohren und die geöffneten, zum Empfang bereiten Handflächen. Mit ihnen schöpfen wir aus der Quelle des lebendigen Wassers, dessen Strom sich zum Meer des ewigen Lebens hin weitet. Dann erkennen wir, dass ein anderer für uns sorgt, und dass er unser Leben auf eine Weise erfüllt, wie wir das nie könnten: Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen. Jesus spricht zu ihr: Ich bin 's, der mit dir redet. - Vielleicht ist es Zeit, ihm jetzt zu antworten.

B: Gruppen-Workout

 Alle Menschen haben „Durst“ nach Leben. - Denkt über die verschiedenen Wege dahin nach, und wie sich das in unserem Umfeld bemerkbar macht!

 Welche Strategien entwickelt die Frau in unserer Geschichte?

 Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: ‚Gib mir zu trinken!‘, du bätest ihn…“ Jesus verknüpft unseren Lebensdurst mit seiner Person und verspricht ihn zu löschen. Wie das?

 Was könnte der Grund sein, dass Jesus ausgerechnet die „Beziehungskisten“ der Samaritanerin anspricht?

 So, wie die 5 Männerbeziehungen für die (missglückte) Suche der Frau nach Glück stehen, so haben auch wir vermutlich Enttäuschungen erlebt, wo unser Plan vom gelungenen Leben letztendlich nicht tragfähig bzw. der Durst blieb. Magst Du davon berichten?

C. Isotonisches zur Wegzehrung

1. Glaube leistet sich kindliche Lebenszuversicht (Mk 9,33-37)

Willkommen in der Leistungsgesellschaft! Das bekommt auch Jesus zu spüren, als er seine Nachfolger auf seinen Weg ins Leiden vorbereiten will. Die Jünger verstehen ihn überhaupt nicht. Die Leistungsgesellschaft ist taub für Ohnmacht und Leiden. Sie ist nicht zufällig erstaunlich inkompetent für die Belange des Menschen am Anfang und Ende seines Lebens. Die Ohnmacht des Alters möchte sie deshalb gerne mit milder Spritze entsorgen. Und auch die Kinder unterliegen als künftige „Human Resources“ für den Arbeitsmarkt den Ökonomierungsmechanismen einer leistungsorientierten Politik.

Welchen Code nutzt du, um das Muster des Lebens zu entschlüsseln?

Folgerichtig diskutieren die Jünger in dem Paradigma, das die Leistungsgesellschaft vorgibt: Wer hat am meisten zu bieten? Wer ist der Größte? Wer hat die meisten Kapazitäten, in diesem Schema seine Vitalität auszubreiten?

Es geht bei dem Gegensatz zwischen Jesus und seinen Jüngern um nicht mehr und nicht weniger, als um das, was das Leben eigentlich ausmacht und nach welchen Spielregeln es funktioniert. Die zugrunde liegende Regel ist das, was die Bibel Glauben nennt: Worauf verlässt du dich? Welchen Code nutzt du, um das Muster des Lebens zu entschlüsseln?

Um den Gegensatz zu veranschaulichen und seine Überzeugung zu verdeutlichen, stellt Jesus ein Kind in ihre Mitte. Denn: Das Kind ist in all seiner Zerbrechlichkeit doch ein Bollwerk gegen jede Leistungs- und Anspruchsmentalität. Es hat keinerlei besondere Fähigkeiten, Qualitäten oder Expertise und doch gleichzeitig die im Sinne des Leistungsgedankens befremdliche „Fähigkeit“, jederzeit in dem Gefühl zu leben, von jedermann angenommen zu sein. Der Papa mag sich gerade mit Kanzlerin, Wirtschaftsweisen und der Fußballnationalmannschaft zusammen im wichtigsten Meeting der Welt befinden. Völlig egal! Der Sohnemann wird reinkommen und fragen, ob er ihm die Jacke zumacht. Und wenn die Kanzlerin eine komische Frisur hat - der Kleine wird keine Sekunde zögern, sie darauf anzusprechen. Statusfragen? Völlig uninteressant! Mit Rotznase vor so wichtigen Leuten? „Ei, warum denn nicht?! Irgendeiner von denen wird sie mir schon abwischen…“

Das Kind lebt in einem anderen Paradigma. Es deutet die Welt ganz anders. Und wenn Jesus den Jüngern sagt, dass sie die Kinder in ihre Welt, auch ihre Denkwelt aufnehmen sollen, dann wird bei den Jüngern der Groschen fallen: „Wir haben ja auch einmal in dieser Freiheit gelebt. Wir waren ja auch einmal frei von diesem Denken, dass man sich sein Leben und seine Stellung erst verdienen muss, und dass man angeblich solange an seinen Defiziten und all dem Unfertigen leiden wird, bis es ausgemerzt ist.“

Das Credo: „Ich leiste, also bin ich“ ist ein Erwachsencredo. Es führt nicht zum Leben, sondern allenfalls in den Hitzetod, ins „Burnout“.

Und zu glauben, bedeutet dann, zu merken, dass wir wieder der werden können, der wir ursprünglich eigentlich sind. Nicht leistungsfeindlich, das ist das Kind ja auch nicht. Es freut sich ja, wenn sein Turm nicht einstürzt und es ihn heute höher gebaut hat als jemals zuvor. Aber es kommt nicht auf den tödlichen Gedanken, die erbrachte oder nicht erbrachte Leistung mit dem Wert seiner Person in Verbindung zu bringen. Das Credo: „Ich leiste, also bin ich“ ist ein Erwachsencredo. Es führt nicht zum Leben, sondern allenfalls in den Hitzetod, ins „Burnout“.

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr das Reich Gottes nicht erben, sagt Jesus an anderer Stelle. Leistungs- und Verdienstmentalität sind keine (Er-)Lösungsstrategien. Sie lösen nicht die Frage, die der menschlichen Existenz gestellt ist. Leben gelingt nur da, wo Menschen sich dem Widerfahrnis des Lebens in dem Vertrauen öffnen, dass darin eine wohlwollende Wirkkraft begegnet. Diese nennen religiöse Menschen „Gott“.

Uns fehlt der Glaubensmut der Kinder! Kinder haben die Fähigkeit, sich selbstverständlich lieben zu lassen. Darin sind sie uns Vorbild.

Die Schwierigkeit besteht nun aber darin, dass wir uns durch Enttäuschungen und Verletzungen hindurch angewöhnt haben, das verlorene Vertrauen in das Leben zu ersetzen durch Weltklugheit, sog. Nüchternheit, im schlimmsten Fall Zynismus. Damit reagieren wir aber nur auf eine Verschleißerscheinung, kompensieren eine verlorene Fähigkeit: Uns allen erlebten Widrigkeiten zum Trotz dem Geheimnis des Lebens anzuvertrauen, das uns liebend begegnet.

Uns fehlt der Glaubensmut der Kinder! Kinder haben die Fähigkeit, sich selbstverständlich lieben zu lassen. Darin sind sie uns Vorbild. Das Kind spottet dem Grunddogma dieser Welt: Ich bin, wenn ich erfolgreich bin.

Der Lebensstil Jesu entspricht diesem kindlichen Paradigma: Ich bin geliebt, also bin ich. Aus dieser Freiheit entspringt die Kraft der Hingabe, die Jesus in die Passion führen wird, die ihn aber deshalb nicht abschreckt, weil er sich als Kind seines Vaters im Himmel weiß, der sein Leben trägt und erhält - selbst an der Grenze des Todes, die nur nach menschlichem Ermessen nicht überschritten werden kann. In dieser Kindschaft liegt das ganze Geheimnis wahrhaft erwachsenen Glaubens: Nur wer sich ohne eigene Leistungen bei Gott angenommen weiß, ist im wirklichen Leben angekommen, wie es aus Gott entspringt. Das „Reich Gottes“ entspricht diesem Masterplan des Lebens. Und wer aus der Liebe lebt, statt durch Leistung dem Leben etwas abringen zu wollen, der wird für diese ursprüngliche Bestimmung des Lebens sozusagen „resozialisiert, in der man in kindlicher Lebenszuversicht an den Vater „glaubt“ und darauf vertraut, dass das Leben so gelingen wird.

2. Glaube erwächst aus einer begründeten Hoffnung (Mt 14,22-34)

Wenn man mit Menschen spricht, die dem Glauben gegenüber zwar aufgeschlossen sind, aber bisher keinen Zugang dazu gefunden haben, sagen die nicht selten: „Das ist schon beneidenswert, wenn man solch einen inneren Kompass hat und sich von einer größeren Wirklichkeit getragen weiß. Aber ich kann das nicht. Mir fehlt da der Zugang…“ Die vorliegende Episode zeigt allerdings, dass sogar die Jünger, also die Gemeinschaft der Gläubigen, diesen Glauben anscheinend nicht ein für alle Mal und zu allen Zeiten hat, das sie nicht immer glauben kann. Vielmehr zeigt sich die Kirche hier als ein auf dem Meer des Lebens orientierungslos und führungslos dahintreibendes Gebilde. Glaube ist offensichtlich keine Eigenschaft, die man erwirbt, die dann wie ein Seelenschutzbrief bei jedem erdenklichen Lebenscrash einzulösen wäre. Vielmehr gibt es Stationen des Übergangs, wo auch erprobte Christen Nächte der Gottvergessenheit zu durchstehen haben, wo alles fraglich und zwielichtig wird, wo der Boden unter den Füßen gleichsam weggezogen ist. Da gibt es anscheinend auch kein „Vorratsglaubenspeicherung“. Das erfahrungsgesättigte Hochgefühl nach der Speisung der Fünftausend muss im Gegenteil eine erstaunlich geringe Halbwertzeit besessen haben. Wir bunkern den Glauben nicht. Es gibt ihn nur frisch in der Gottesbegegnung, nicht aus der Konserve. Er muss sich uns neu erschließen, indem ER sich erschließt. ER, der nicht zufällig im Zwielicht der Morgendämmerung erscheint. ER, der durch sein Erscheinen den Adrenalinpegel erst einmal hochschnellen lässt. Das Leben scheint nicht nur stürmisch-schwierig. Es scheint auch auf Vernichtung aus. Die Angst wächst sich zur Existenz-, ja zur Todesangst aus. Momente des Übergangs bringen Krisen mit sich, die manchmal mit ungeahnter Wucht Themen nach oben spülen, die man vorher für längst erledigte Geschäfte gehalten haben mag.

Wir bunkern den Glauben nicht. Es gibt ihn nur frisch in der Gottesbegegnung, nicht aus der Konserve.

Ich bin’s! Das ist der Wendepunkt. An dieser Stelle wird der Unterschied zwischen einer grundsätzlichen Überzeugung hinsichtlich einer allgemein bestehenden Zähmung dieser Welt durch göttliche Mächte einerseits und einem wirklich lebendigen Glauben andererseits offensichtlich: Da gibt es keine richtige Einstellung mehr, ein „Gestell“, das mich halten würde. Nein, hier hält nichts mehr, hier ist kein „Grund“ zu glauben, das Schicksal ist schlechthin nicht mehr zu fassen. Aber das Unfassbare fasst plötzlich mich! Es streckt seine Hand aus und fasst, hält mich. Ich bin gehalten. Es gibt einen Grund in aller Bodenlosigkeit: Der „Ich bin“, der schon im Alten Testament die Väter ansprach, die dann zu Vätern des Glaubens wurden. Er ist der Grund unter meiner Bodenlosigkeit.

Wir sehen unsere geringen Möglichkeiten, unsere Beschränkungen. Und schwupps, liegen wir auf der Nase.

Nicht permanent, auch nicht sofort. Nicht als Programm. Nicht kampagnenfähig. Der Petrus, der neuen Glaubensmut fasst, muss auch erst wieder untergehen, muss dann mit Jesus ins Boot finden, bis sich die Furcht in Ehrfurcht wandelt und der Friede eintritt, der höher ist als alle Vernunft, stärker als alle Todesangst und Zerstörungsmächte, die zu zermalmen drohen. Und es wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Petrus fällt. Ja, wir wissen, dass ihm sein größter Fall biographisch noch bevorsteht. Mit Petrus steht uns der exemplarisch Glaubende vor Augen. Mal schauen wir auf Jesus und tun auch Glaubensschritte. Vielleicht denken wir auch: Jetzt hab ich’s! Dann aber sinkt der Blick. Wir sehen unsere geringen Möglichkeiten, unsere Beschränkungen. Und schwupps, liegen wir auf der Nase, zweifeln, fragen uns vielleicht, ob wir je ernsthaft geglaubt haben.

Aber zwischen den anrollenden Wellenbergen, wo man sich mal oben auf, mal ganz unten findet, steht plötzlich Jesus und schenkt mit seiner Anwesenheit die Geborgenheit, die allen Schrecken übertrifft. Denn in seinem Wort ist der wirksam, der die Kompetenz zur Befriedung der Elemente hat. Die Jünger erkennen in ihm den Schöpfer, der am Anfang die Chaosmächte bezwang und den geordneten Kosmos ins Sein ruft. - Er tat dies vor Anfang der Zeit durch sein Wort. Dasselbe Wort ergeht auch auf dem See. Und es ist heute wirksam, wenn der Boden unter den Füßen wankt und Menschen Gott wie damals Petrus um Hilfe anrufen: „Herr, hilf mir!“ Unter Gottes Wort legt sich der Sturm und das Lebensboot nimmt wieder Kurs zum Leben auf. Vermutlich wird es nicht der letzte Sturm gewesen sein. Die nächste Herausforderung kommt bestimmt und das Leben wird nicht leichter - oder gar angenehmer - durch den Glauben.

Aber es entwickelt sich ein Qualitätsbewusstsein dafür, was es bedeutet, einen guten Steuermann mit an Bord zu haben. Er ist da, wenn es drauf ankommt. Er bestimmt die Richtung. Er führt sicher ans Ziel. Seine Gegenwart ist überhaupt lebensentscheidend. Biographisch führt das in der Folge sukzessive zu einem Steuerungswechsel auf der Kommandobrücke. Es wird ein anderes Geschäftsmodell gefahren: Es ist das Ende der Ich-AG nach dem Motto des selbstsicheren Credos „Ich habe ja meinen Glauben“, oder auch in der säkularen Variante: „Ich glaube an mich“. Vergiss es! Beides wird im Sturm des Lebens untergehen. Wer aber Jesus als den „Gott mit uns“ ins Boot holt, wird teil einer GmbH, einer „Gemeinschaft mit einer begründeten Hoffnung“ auf Erreichung des Lebenszieles. Sie segelt unter der Flagge „Fürchtet euch nicht“ - auch, wenn es im Leben zuweilen gespenstisch zugeht.

3. Glaube weiß sich gehalten (Mk 2,1-12)

Als die vier Männer seine Liegeunterlage ergriffen und ihm entschlossen erklärten, sie brächten ihn jetzt zu einem, der ihm helfen kann, wusste der Gelähmte, dass er Freunde hatte, an die er glauben konnte. Und obwohl er in einer Zeit lebte, in der es keinerlei staatliche Sozialsysteme gab, die ihm medizinische Hilfe ermöglichten, hatte er persönlich in seinen Freunden ein „Sozialsystem“, das trug. Das ist Glauben: Wissen, dass mich einer trägt. Das ich gehalten bin und trotz allem Leid nicht ins Bodenlose falle. In solchen Situationen merken wir: Niemand lebt für sich allein. Menschsein bedeutet immer auch, von anderen abhängig zu sein, bedürftig zu sein. Individualismus ist eine Schönwetter-Erscheinung. In der Krise trägt nur die Beziehung. Und dann brauchen wir Menschen, deren Hand wir ergreifen können und die uns, wenn nötig, sogar tragen. Und wir „glauben“ an diejenigen, die unserem Leben merklich Stabilität verleihen, die uns halten, wenn wir fallen oder das Leben uns gar so gelähmt hat, dass wir es aus eigener Kraft nicht mehr schaffen.

Der Gelähmte glaubt an seine Freunde. Die Freunde wiederum glauben an Jesus. Er kann helfen, sagen sie. Er kann heilen. Er bringt Dinge wieder zurecht. Ob man das glauben kann? - Der erste Eindruck spricht nicht dafür. Die Leute um ihn herum versperren den Weg. Die Gemeinde zeigt sich oft nicht als hilfreich, ja steht im Weg, wo Menschen den Weg zu Jesus suchen. „Wenn das Christsein ist, hoffe ich, es ist nicht ansteckend!“, hörte ich mal einen im Bezug auf eine Gemeindesituation sagen. Bitter, aber manchmal wahr. Zum Glauben einladende Gemeinden sind selten. Drängelnde Interessengemeinschaften im religiösen Postamt Kirche bestimmen leider allzuoft das Bild. Aber was soll’s! Um den Star des Abends zu sehen, muss es halt manchmal Backstage sein. Die Freunde sind zu allem entschlossen. Sie steigen Jesus aufs Dach.

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