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Sieben Tage

Über Deon Meyer

Deon Meyer, Jahrgang 1958, gilt als einer der erfolgreichsten Krimiautoren Südafrikas. Er begann als Journalist zu schreiben und veröffentlichte 1994 seinen ersten Roman. Mit seiner Frau und vier Kindern lebt er in Melkbosstrand. »Das Herz des Jäger« wurde mit dem ATKV Prose Prize ausgezeichnet, einem begehrten südafrikanischen Literaturpreis. In den USA wurde der Roman zu den zehn besten Thrillern des Jahres ernannt.

Zeitgleich erscheint im Aufbau Taschenbuch Verlag sein Roman »Der traurige Polizist«.

Mehr unter www.deonmeyer.com

Informationen zum Buch

Sieben Tage in der Hölle

»Ich erschieße jeder Tag einen Polizisten – bis sie den Mörder von Hanneke Sloet anklagen«, lautet eine E-Mail an die Polizei von Kapstadt. Und dann beginnt ein Heckenschütze, seine Drohung wahrzumachen. Ermittler Bennie Griessel steht vor einem Rätsel. Er findet kein Motiv für den Mord an der jungen Anwältin. Man gibt ihm sieben Tage, um den Erpresser zu stoppen und ein Blutbad zu verhindern.

Bennie Griessel ist zurück. Seine Beziehung zu seiner Frau ist endgültig gescheitert, doch er hat eine neue Liebe – Alexa Barnard, die ehemals erfolgreiche Sängerin. Alexa, die wie Benny dem Alkohol verfallen war, arbeitet an einem Comeback. Benny versucht an ihrer Seite zu sein – doch dann wird von einem Heckenschützen auf offener Straße ein Polizist ins Bein geschossen. Was soll dieses Attentat? Bald erhält die Polizei E-Mails, in denen der geheime Schütze verkündet, dass er jeden Tag auf einen Polizisten schießen wird, bis der Mord an einer jungen Anwältin aufgeklärt wird. Griessel hat sieben Tage, um den Mord an Hanneke Sloet aufzuklären. Die Uhr tickt.

Der neue Deon Meyer – eine atemberaubende Jagd durch Cape Town.

Deon Meyer

Sieben Tage

Thriller

Aus dem Afrikaans
von Stefanie Schäfer

Für Anita

Tag 1
Samstag

1

Er durfte sich nicht zum Narren machen.

Kripo-Kaptein Bennie Griessel saß mit schwitzenden Händen am Steuer, in neuen Kleidern, die er sich eigentlich nicht leisten konnte, und mit einem Blumenstrauß auf dem Beifahrersitz. Mit jeder Faser seines Wesens gierte er nach der nervenberuhigenden Wirkung des Alkohols. Er durfte heute Abend auf keinen Fall einen Deppen aus sich machen. Nicht vor Alexa Barnard, nicht vor all den Stars aus der Musikbranche, nicht nach all den Vorbereitungen der letzten Woche.

Bereits am Montag war er beim Friseur gewesen. Am Dienstag hatte ihn Mat Jouberts Frau Margaret als modische Beraterin zu Romens in Tygervallei begleitet. »Auf der Einladung steht Smart casual, Bennie, das bedeutet: Chinos und ein schönes Hemd«, hatte sie ihm mit ihrem charmanten englischen Akzent geduldig erklärt.

Doch Bennie bestand auf einem passenden Jackett, vor lauter Angst, zu casual und nicht smart genug zu erscheinen. Denn es würden smarte Leute anwesend sein.

Er wollte auch noch eine Krawatte dazu, aber Margaret war energisch eingeschritten. »Overdressed ist schlimmer als underdressed. Keine Krawatte und damit basta.« Sie verließen das Geschäft mit Khaki-Chinos, einem hellblauen Baumwollhemd, einem schwarzen Gürtel, schwarzen Schuhen, einem modischen schwarzen Jackett und einer Kreditkartenquittung, bei der ihm die Haare zu Berge standen.

Seit Mittwoch bereitete er sich auf das Ereignis vor, denn er wusste, dass dieser Anlass, dieser Empfang, das Potential besaß, ihn vollkommen zu überwältigen. Am meisten fürchtete er sich davor, versehentlich zu fluchen, denn dazu neigte er, wenn er nervös wurde. Den ganzen Abend über würde er seine Zunge im Zaum halten müssen. Keine Polizeiausdrücke, keine Schimpfworte, nur angenehme Konversation. Ruhe bewahren! Damit ihm das gelang, hatte er die ganze Situation schon einmal sorgfältig durchdacht, »prävisualisiert«, wie seine Vertrauensperson bei den Anonymen Alkoholikern, Dok Barkhuizen, ihm geraten hatte.

Zu Anton L’Amour würde er sagen: »Der Gitarrenpart bei Kouevuur – einfach brillant.« Mehr nicht, bloß keine Opern quatschen. Zu Theuns Jordaan: »Ich mag Ihre Stücke sehr.« Ja, das klang gut und gewählt, drückte Respekt und Wertschätzung aus. Und, oh, mein Gott, wenn Schalk Joubert da war, würde er tief durchatmen, ihm die Hand schütteln und nur sagen: »Angenehm, es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.« Anschließend musste er die Flucht ergreifen, bevor er den Bassisten, den er so sehr verehrte, mit Lobeshymnen zutextete.

Die allergrößte Sorge bereitete ihm jedoch Lize Beekman.

Wenn er doch nur ein Glas trinken könnte, bevor er sie traf! Nur um seine Nerven zu beruhigen und ganz bestimmt nichts Unüberlegtes anzustellen.

Er würde sich erst die schweißnasse Hand an der Hose abwischen, damit er Lize Beekman nicht mit einem feuchten Händedruck begrüßte. »Juffrou Beekman«, würde er sagen. Mit beherrschtem, freundlichem Lächeln. »Juffrou Beekman, es ist mir eine besondere Ehre.« Nein, das war nicht das, was ihm Professor Phil Pagel, der staatliche Rechtsmediziner, vorgeschlagen hatte. »Eine ausgesprochene Ehre« sollte er sagen.

»Juffrou Beekman, es ist mir eine ausgesprochene Ehre. Ich bin ein großer Bewunderer Ihrer Musik.« Sie würde sich bedanken, und er würde von da an den Mund halten und Alexa suchen, denn das war seine einzige Chance, sich nicht zum Deppen zu machen.

Der weiße Chana-Lieferwagen hielt unter den Bäumen in der Tweedelaan, zwischen dem Livingstone-Gymnasium und dem Hinterhof der Polizeidienststelle Claremont.

Es war ein unauffälliges Fahrzeug, Baujahr 2009, gezeichnet vom harten Arbeitseinsatz – eine Beule in der vorderen Stoßstange, Kratzer und Lackschäden auf der Heckklappe. Die hinteren Fenster und die Heckscheibe waren mit billiger weißer Farbe überpinselt, und der Lackton der seitlichen Schiebetüren unterschied sich leicht von dem des übrigen Fahrzeugs.

Der Scharfschütze schaltete den Motor aus, legte beide Hände auf die Knie und blieb einen Augenblick lang reglos sitzen.

Er trug einen verwaschenen Blaumann. Blonde Haare fielen ihm lang über den Rücken, und er hatte eine braune Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen.

Konzentriert ließ er den Blick erst durch die linke vordere Seitenscheibe über das verlassene Schulgelände schweifen. Dann sah er nach rechts. Er betrachtete die hohe Einfriedung auf der gegenüberliegenden Straßenseite, den doppelten Drahtzaun und das SAPD-Gelände dahinter, das jetzt, am frühen Abend, im Schatten des Tafelbergs lag. Es war still und menschenleer.

Er überprüfte, ob die beiden vorderen Türen verschlossen waren, und kletterte über den Sitz nach hinten. Im Laderaum herrschte Durcheinander: Kisten und Kästen aus Metall und Holz, Pappkartons. Er setzte sich auf eine Holzkiste und klappte die selbstgemachte Trennwand aus verschossenem gelbem Stoff herunter, die am teppichverkleideten Himmel befestigt war und ihn vor den Blicken der Passanten verbergen sollte.

Er nahm die Kappe ab, legte sie beiseite und bemerkte, dass sein Atem schnell ging und seine Hände leicht zitterten. Mit einem tiefen Seufzer entspannte er die Schultern, beugte sich nach vorn, öffnete eine lange, abgenutzte Werkzeugkiste und nahm den Einsatz heraus. Er war schwer, gefüllt mit häufig benutzten Werkzeugen – Hämmer, ein Sammelsurium von Schraubendrehern, Beiß- und Kneifzangen, Sägeblättern. Vorsichtig stellte er ihn neben der Kiste ab, auf die Gummimatte, die den Boden des Chanas bedeckte.

Unten in der roten Kiste lagen zwei Gegenstände – ein Gewehr und ein K-Way Kilimandscharo Wanderstock.

Er holte zuerst den Wanderstock heraus und stellte ihn gegen seine Schulter gelehnt auf, dann nahm er das Gewehr, schob den Schalldämpfer behutsam durch die Halteschlaufe des Stocks, so dass das Teleskop unberührt blieb, und drehte den Stock entgegen dem Uhrzeigersinn, bis das Band den Lauf fest umspannte.

Er legte die Wange an den Kolben, prüfte die Höhe des Wanderstocks und stellte ihn richtig ein.

Mit Hilfe des von ihm angebrachten, kleinen Handgriffs schob er die rechte Seitentür des Chanas um drei Zentimeter nach rechts und anschließend auch die äußere magnetische Abdeckung, so weit, dass er den Lauf und das Teleskop nach draußen richten konnte.

Er drückte den Kolben an die Schulter und blickte durch das Teleskop über den Parkplatz der SAPD. Er stellte das Teleskop scharf.

Vor dem großen viktorianischen Haus in der Brownlowstraat nahm Griessel die Blumen vom Sitz, stieg aus und ging durch das Gartentor auf die Eingangstür zu.

Alexa Barnard war dabei, das Haus zu renovieren. Der hässliche Riesenkaktus am Zaun war vor kurzem entfernt worden, und an der Frontfassade ragten die Gerüste der Maler auf.

Alles Teil ihres Heilungsprozesses, dachte Griessel. Ihres neuen Lebens.

Vor der Tür blieb er stehen und blickte hinunter auf seine Schuhe. Sie glänzten.

Er atmete tief durch. Angenommen, er hatte die Einladung falsch verstanden und es war doch ein Pinguinanzug-mit-Fliege-Anlass heute Abend? Und Alexa öffnete ihm die Tür in einem exotischen Abendkleid? Oder ganz informell, alle in Jeans und offenen Hemden. Er war noch nie auf einer Cocktailparty der Musikbranche gewesen.

Er klingelte und hörte, wie sie die Treppe herunterkam.

Die Tür wurde geöffnet, und da stand sie.

»Jissis!«, sagte Griessel.

Durch das Guckloch sah der Heckenschütze den Polizei-Bakkie rechts am Chana vorbeifahren und in das Tor einbiegen.

Er wartete, bis das Fahrzeug auf dem Parkplatz wieder ins Blickfeld kam, legte das Gewehr an und folgte dem Bakkie mit dem Teleskop.

Nur ein Insasse, in Uniform.

Der Bakkie rollte über den Asphalt bis in die Mitte des offenen Geländes und parkte hinter zwei anderen SAPD-Fahrzeugen, außerhalb seines Blickfelds.

Er schätzte die Entfernung auf siebzig, achtzig Meter.

Er richtete das Fadenkreuz auf die Kühlerhaube eines der Fahrzeuge und wartete darauf, dass der Polizist zum Vorschein kam. Sein Herz schlug heftig.

Er holte tief Luft.

Die Uniform erschien im Teleskop. Ein Konstabel.

Schwieriger Schuss, bewegliches Ziel.

Er zielte tief, folgte der Bewegung und zwang sich, sich auf seine Technik zu konzentrieren: die horizontale Achse des Teleskops gerade richten, das Ziel im Fadenkreuz anvisieren, ausatmen, gefühlvoll den Abzug drücken, die Augen offen halten.

Der Kolben schlug leicht gegen seine Schulter, und der gedämpfte Knall des Schusses hallte lauter als erwartet im Innenraum des Lieferwagens wider.

Daneben.

»Du siehst …«, beinahe hätte Griessel gesagt »geil aus«, doch er beherrschte sich rechtzeitig und suchte nach einem passenden Wort, das ihrer atemberaubenden Erscheinung gerecht wurde, »… fantastisch aus.« Dort stand sie, in einem trägerlosen schwarzen Kleid, das ihr bis zu den Knöcheln reichte und knapp unter ihrem üppigen Busen von einem breiten, hellbraunen Ledergürtel zusammengehalten wurde. Dazu trug sie hellbraune Plateau-Sandalen.

Und ihr Gesicht! So hatte er sie noch nie gesehen: sorgfältig, aber dezent geschminkt, mit roten, vollen Lippen. Die blonden Haare waren geschnitten und gefärbt, als Ohrringe trug sie große Silberherzen, und ihre Augen funkelten tiefgrün unter den langen Wimpern.

Flüchtig fragte er sich, ob er sie vielleicht heute Abend, nach der Party, zum ersten Mal küssen würde.

Sie lachte und musterte ihn anerkennend. »Du auch, Bennie.« Dann fragte sie: »Sind die Blumen für mich?«

»Oh. Ja.« Verlegen hielt er sie ihr hin.

Mit geröteten Wangen nahm Alexa sie entgegen. Man sah ihr an, dass sie sich über sein Kommen und die nette Geste freute.

»Vielen Dank.« Sie trat einen Schritt nach vorn und küsste ihn auf die Wange.

Er wusste aus Erfahrung, dass der Schuss draußen so gut wie unhörbar war, dank der Teppichreste, mit denen der Innenraum des Lieferwagens ausgekleidet war. Seine Hände, die das Gewehr umfassten, schwitzten, und ihm klopfte das Herz. Er betätigte das Schloss, und die Patronenhülse fiel klappernd auf eine der Werkzeugkisten. Dann lud er die Waffe erneut. Er stellte den Lauf wieder ein und sah durch das Teleskop, dass der Konstabel den Fehlschuss nicht gehört hatte. Er hatte in Richtung des Berges geschaut.

Er zielte tief und sah wieder die Beine des Konstabels im Fadenkreuz.

Er zielte zwei, drei Zentimeter vor die sich bewegenden Beine, in Kniehöhe. Die Panik verbreitete sich von seinem Magen in den ganzen Körper. Er holte tief Luft, atmete langsam aus … und drückte den Abzug. Sah den Konstabel fallen.

Erleichterung. Der Geruch von Kordit in der Nase.

Dann: der Zwang zur Eile, die Gewissheit, dass er sich jetzt konzentrieren musste, dass die nächsten sechzig Sekunden entscheidend waren. Er handelte strikt nach Plan.

Wickelte die Schlaufe des Wanderstocks auf. Zog das Gewehr heraus. Legte die Waffe in die Werkzeugkiste. Stellte den Einsatz darüber. Schloss die Kiste, der Stock konnte liegen bleiben.

Zog die Trennwand hoch.

Die Kappe. Setzte die Kappe auf.

Dann kletterte er nach vorn auf den Fahrersitz.

Nicht zum Ziel umblicken, nicht! Doch die Angst gewann die Oberhand, so dass er sich rasch umsah. Der Konstabel lag achtzig Meter entfernt auf dem Boden, den Kopf gesenkt, vermutlich zu seinem Bein.

Nach vorne schauen!

Zündschlüssel drehen, den Motor anlassen, langsam losfahren, nur zehn Meter, dann war er außer Sichtweite, in wenigen Sekunden, zu wenigen, als dass der Konstabel ihn hätte entdecken, ihn hätte wahrnehmen können. Er musste im Schockzustand sein, verwirrt. Keine Aufmerksamkeit erregen, ruhig und normal handeln.

Er legte den ersten Gang ein und fuhr los.

2

Am Eingang zum Leuchter-Foyer des Kunstekaap-Zentrums starrte Griessel das Riesenplakat an. Es verkündete in großen Lettern: Anton Goosen Geburtstagskonzert, Freitag, 4. März, Grand Arena; darunter waren Fotos von allen Stars abgebildet, die im Laufe dieser Woche auftreten würden. Alexa Barnard war ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt worden, genau in die Mitte, unter der kleineren Ankündigung: Xandra Barnard ist zurück!

Und hier stand er nun, mit dieser Legende am Ärmel seines neuen Jacketts und schluckte und rang nach Fassung.

Drinnen war es voll. Griessel musterte die Kleidung der männlichen Gäste und stellte erleichtert fest, dass viele von ihnen Jacketts trugen. Er entspannte sich ein wenig. Es würde schon alles gut gehen.

Die Köpfe drehten sich, als Alexa durch die Menge schritt, und schon bald waren sie von Leuten umringt. Alexa ließ Griessels Arm los und schüttelte Hände. Griessel zog sich zurück. Er hatte schon mit diesem Ablauf gerechnet und freute sich, dass ihr ein solcher Empfang bereitet wurde. Letzte Woche hatte sie nervös zu ihm gesagt: »Ich war so lange draußen, Bennie. Und dann die Sache mit Adams Tod … Ich weiß nicht, was mich erwartet.«

Adam war ihr Ehemann gewesen. Bennie hatte in dem Mord an ihm ermittelt, und so hatten sie sich kennengelernt.

»Sie sind doch Paul Eilers, der Schauspieler«, sagte jemand rechts neben ihm. Bennie erkannte, dass die hübsche junge Frau ihn meinte.

»Nein, leider nicht«, erwiderte er. »Mein Name ist Bennie Griessel.«

»Ich hätte schwören können, dass Sie Paul Eilers sind«, sagte sie enttäuscht, und dann verschwand sie in der Menge.

Bennie erkannte viele Stars aus der Musikszene. Laurika Rauch ergriff soeben Alexas Hände und sagte irgendetwas Sentimentales. Karen Zoid unterhielt sich mit Gian Groen. Emo Adams brachte Sonja Heroldt zum Lachen.

Wo war Lize Beekman?

Ein Kellner drängte sich durch die Menschenmenge, kam mit einem Tablett voller Champagnergläser an ihm vorbei und bot ihm eines an. Er starrte die goldene Flüssigkeit an, die träge aufsteigenden Perlen, und sehnte sich mit aller Macht danach. Dann kam er zu sich und schüttelte den Kopf. Nein, danke.

Zweihundertzweiundsiebzig Tage ohne Alkohol.

Vielleicht sollte er sich ein alkoholfreies Getränk besorgen, damit er etwas in den Händen hielt, denn augenblicklich fühlte er sich wie eine fade Topfpflanze inmitten exotischer Blumen. Er warf einen Blick zu Alexa hinüber, die strahlte und ganz in ihrem Element schien.

Jissis. Was machte er eigentlich hier?

Dann kam die beinahe überwältigende Begegnung mit Schalk Joubert, dem Bassisten, den er so sehr bewunderte.

»Schalk, das ist Bennie Griessel, er spielt auch Bass«, stellte Alexa ihn vor, und er spürte, wie er die Farbe wechselte. Er streckte dem Musiker die zitternde Hand hin und sagte: »Nett, Sie kennenzulernen, das haut mich glatt um.« Seine Stimme klang heiser, und er ärgerte sich über den flapsigen Ausdruck.

»Danke, Kollege, freut mich auch«, antwortete Schalk Joubert freundlich und locker. Seine Stimme nahm Griessel die Angst, so dass er sich ein wenig entspannte. Kollege! Ein Wahnsinnskompliment! Dankbar fand Griessel nun den Mut, unter Alexas ermunternden Blicken ein Gespräch mit Theuns Jordaan und Anton L’Amour anzuknüpfen. Er fragte sie über den Aufbau von Kouevuur aus und sagte dann, von ihrer Freundlichkeit ermutigt: »Und wann nehmen Sie Hexriviervallei endlich richtig auf, in voller Länge? Dieses Stück hätte es wirklich verdient.«

Griessel wurde lockerer, unterhielt sich hier, lachte dort und fragte sich, warum er sich solche Sorgen gemacht hatte. Er war schon fast stolz auf sich, da zog Alexa ihn am Arm. Er drehte sich um und sah Anton Goosen und Lize Beekman, Seite an Seite, unmittelbar neben ihm. Sie zogen alle Blicke auf sich, für einen Augenblick verstummte das Stimmengewirr. Sein Herz klopfte wie wild, und sein Verstand setzte aus. Zutiefst aufgewühlt ergriff er die ausgestreckte Hand der großen, schönen, blonden Sängerin, und alles, was er herausbrachte – idiotisch langgezogen, laut und deutlich in der Stille –, war: »Scheiße!«

Und dann fing das Handy in seiner Jacketttasche an zu klingeln.

Er stand da wie angewurzelt.

Eine innere Stimme rief ihm zu: Tu was!

Abrupt ließ er Lize Beekmans Hand los. Die Scham und die Schmach brannten in ihm. Er murmelte eine Entschuldigung, wühlte nach seinem Handy, drehte sich weg und hielt den Apparat ans Ohr.

»Hallo?« Seine Stimme klang ihm fremd in den Ohren.

»Bennie, ich brauche Sie«, sagte Musad Manie, Kommandeur der Valke-Einheit. »Und zwar asap.«

Er fuhr zu schnell, wütend auf sich selbst, wütend auf Alexa. Wie konnte sie ihm das antun? Und warum musste ausgerechnet in dem Moment das verdammte Handy klingeln? Er hätte seinen Fauxpas garantiert wieder ausbügeln können, indem er zum Beispiel seine einstudierte Phrase angebracht hätte: »Es ist mir eine ganz besondere Ehre …« Damit hätte er die Situation gerettet. Er war sauer auf den Brigadier, der ihn an einem Samstag, an seinem freien Wochenende, rufen ließ, und sauer, weil ihm gebetsmühlenhaft immer derselbe Satz im Kopf herumging: Du hast dich zum Deppen gemacht. Dieser furchtbare Augenblick, nachdem das Wort heraus war, hatte wie ein toter schwarzer Vogel zwischen ihm und Lize Beekman gehangen und alles gefrieren lassen außer dem nervigen Klingelton seines Handys und der Gewissheit, die wie Blei in ihm hinuntersackte: Er hatte sich komplett und für alle Zeiten zum Deppen gemacht, trotz all seiner guten Vorsätze, Pläne und Vorbereitungen.

Im Grunde war es Alexas Schuld. Sie wollte wissen, wen er gerne kennenlernen wollte, schon vor zwei Wochen. Von Anfang hatte er erwidert: niemanden, er wolle nur anwesend und für sie da sein, wenn sie ihn brauche. Denn er wusste, dass er dazu neigte, aus Nervosität ins Fettnäpfchen zu treten. Doch dann zog sie ihm die Namen einen nach dem anderen aus der Nase und sagte: »Ich würde das so gerne für dich tun«, und er erwiderte: »Nein, lieber nicht«, aber stets weniger überzeugend, weil die Aussicht, berühmte Stars kennenzulernen, ihn durchaus verlockte. Bis er ihr zuliebe nachgegeben hatte. Aber schon da hatte ihn das Kribbeln im Bauch und die unbestimmte Angst oder vielmehr die Gewissheit gepackt, dass er wahrscheinlich nicht gut mit der Situation würde umgehen können.

Es war seine Schuld. Seine eigene verdammte Schuld.

Wie ernst die Sache war, erkannte er, als er die drei leitenden Offiziere des Direktoraat vir Prioriteitsmisdaadondersoeke, kurz DPMO, am Tisch sitzen sah, ergänzt von General John Afrika, den Leiter der Kripo Westkap.

Der Kommandeur der Valke, der forsche Brigadier Musad Manie mit dem wie aus Granit gemeißelten Gesicht, saß in der Mitte. Neben ihm hatten Kolonel Zola Nyathi, Chef der Sonderermittlungsgruppe Gewaltverbrechen und Griessels direkter Vorgesetzter, sowie Kolonel Walter du Preez, örtlicher Leiter des Staatsschutzes CATS, Platz genommen. Afrika saß ihnen gegenüber.

Sie begrüßten sich, und Manie bat Griessel, ebenfalls Platz zu nehmen. Griessel sah, dass die Offiziere Akten und Dokumente vor sich liegen hatten.

»Tut mir leid, Sie ausgerechnet heute Abend stören zu müssen, Bennie«, sagte der Brigadier. »Aber wir haben hier ein Problem.«

»Und zwar ein gravierendes«, fügte Afrika hinzu.

Kolonel Nyathi nickte.

Der Brigadier zögerte mit angehaltenem Atem, als gäbe es viel zu sagen. Dann überwand er sich und schob ein Blatt Papier über den Tisch. »Fangen wir einfach damit an.«

Griessel zog das Blatt zu sich heran und begann unter den Blicken der vier anderen zu lesen.

762a89z012@anonimail.com

Gesendet: Samstag, 26. Februar, 16:51

An: j.afrika@saps.gov.za

Betreff: Hanneke Sloet – ich habe Sie gewarnt!

Heute sind es genau 40 Tage, seitdem Hanneke Sloet ermordet wurde. 40 Tage, in denen alle Beweise unter den Teppich gekehrt wurden. Denn Sie wissen, warum sie ermordet wurde.

Dies ist meine fünfte Nachricht, aber Sie haben bisher nicht reagiert. Damit zwingen Sie mich zum Handeln. Heute werde ich einen Polizisten ins Bein schießen. Ich werde jeden Tag auf einen Polizisten schießen, bis Sie den Mörder anklagen.

Wenn bis morgen nicht eine Zeitungsmeldung erscheint, in der Sie ankündigen, den Sloet-Fall neu aufzurollen, trifft mein nächster Schuss nicht mehr nur ins Bein.

Die Mail war nicht signiert. Griessel blickte auf.

»Wie Sie sehen, ist sie heute Morgen abgeschickt worden«, sagte der Brigadier. »Und heute Abend wurde Konstabel Brandon April von einem Heckenschützen auf dem Parkplatz der Dienststelle Claremont ins Bein geschossen. Um kurz vor sieben.«

»Ein Schuss aus weiter Entfernung«, fügte Afrika hinzu. »Wir wissen noch nicht, wo sich der Dreckskerl versteckt hatte.«

»Das Knie ist hin«, ergänzte Nyathi auf Englisch. »Zerschmettert.«

»Ein junger Mann«, sagte Afrika. »Wird nie wieder normal laufen können. Dieser verdammte Scheißkerl«, fuhr er fort und zeigte auf den E-Mail-Ausdruck in Griessels Händen, »hat mich schon vier Mal angeschrieben. Wirre Mails, die überhaupt keinen Sinn ergeben.« Er tippte auf die vor ihm liegende Akte. »Sie werden schon sehen.«

Der Brigadier lehnte sich nach vorn. »Damit wollen wir sagen, dass Sie den Fall Sloet neu aufrollen werden, Bennie.«

»Ich habe den Brigadier persönlich gebeten, Ihnen die Ermittlungen anzuvertrauen«, ergänzte Afrika.

»Cloete spricht augenblicklich mit den Sonntagszeitungen. Er sagt, möglicherweise könnten wir noch etwas im Lokalteil des Weekend Argus und des Rapport unterbringen«, sagte Manie. Cloete war der Verbindungsoffizier und Pressesprecher der SAPD, der sich mit den Medien herumschlagen musste.

»Wir wenden uns auch an den Rundfunk, wissen aber noch nicht, ob das etwas nützt«, sagte Afrika.

»Ein ziemlicher Schlamassel«, ergänzte Nyathi, und die Falte zwischen seinen Augenbrauen vertiefte sich. »Gelinde gesagt.«

»Wenn es einer schafft, dann Sie, Bennie. Wir stehen hinter Ihnen. Wir alle.«

Griessel legte das Blatt Papier auf den Tisch, zog sein neues, modisches Jackett zurecht und fragte: »Hanneke Sloet … das war doch die Anwältin, oder?«

3

»Richtig«, antwortete Manie und schob Griessel die Akte hinüber. »Mitte Januar. Groenpunt hat in dem Fall ermittelt …«

Griessel nahm den dicken Packen mit Dokumenten an sich und versuchte, sich zu erinnern, was er über den Sloet-Mord gehört hatte. Vor sechs Wochen hatten sämtliche Medien groß darüber berichtet, und bei den Kollegen war der Fall in aller Munde gewesen.

»Nur fünf Straßen von meinem Büro entfernt, in ihrer schicken Wohnung«, sagte Afrika. »Erstochen.« Dann schob er fast apologetisch hinterher: »Mit einem Riesenmesser.«

Der Brigadier seufzte. »Die Ermittlungen haben zu keinem Ergebnis geführt. Sehen Sie sich mal das Falltagebuch an; daraus geht hervor, dass die Kollegen wirklich alles Menschenmögliche getan haben.«

Griessel schlug Teil C der Akte auf, der das SAPD-Formular enthielt, blätterte es rasch durch und überflog die ausführlichen, akribischen Aufzeichnungen.

»Sie wissen doch, wie das seit dem Steyn-Fall geht«, fuhr Afrika fort. »Alle sichern sich doppelt und dreifach ab, keiner geht mehr ein Risiko ein. Die Spurensicherung hat sauber gearbeitet, und die Routineermittlungen lassen an Gründlichkeit nichts zu wünschen übrig – die Kollegen haben Hinz und Kunz befragt, ohne auch nur ein halbwegs plausibles Motiv zu finden.«

»Abgesehen davon, dass sie Anwältin war«, fügte Nyathi philosophisch hinzu. »Dicke Fische unter den Mandanten. Viel Geld.«

»Auch wahr …«, sagte Afrika.

»Ein Gelegenheitsverbrechen«, spekulierte Nyathi. »Unlösbarer Fall.«

Afrika seufzte. »Außerdem stehen wir vor dem Problem, dass die Kollegen von Groenpunt nicht feststellen konnten, ob etwas gestohlen wurde. Sie hat am dritten Januar die Wohnung bezogen und ist am achtzehnten ermordet worden. Sie hatte nicht mal fertig ausgepackt.«

»Vielleicht verraten wir lieber nicht zu viel«, schlug Manie dem General diplomatisch vor. »Wir wollen doch, dass Bennie möglichst unvoreingenommen einen Blick darauf wirft. Er soll die Akte noch einmal von A bis Z durchforsten, auf der Suche nach irgendetwas, was wir vielleicht bisher übersehen haben.«

Afrika nickte.

Griessel nahm noch einmal das Blatt mit der E-Mail zur Hand. »Brigadier, was will er damit sagen, dass Beweise unter den Teppich gekehrt würden und dass Sie wüssten, warum sie ermordet wurde?«

Ehe Manie antworten konnte, erwiderte Afrika heftig: »Das ist Blödsinn, Bennie, völliger Blödsinn! Sie sollten mal seine anderen Mails sehen, die sind gespickt mit den abstrusesten Anschuldigungen. Wir beschützten die Kommunisten, die Gottlosen, weiß Gott wen alles!«

»Der Typ ist durchgeknallt«, bemerkte Nyathi. »Ein weißer Rassist. Er hasst uns, er hasst die Regierung, hasst Schwule, hasst einfach jeden.«

»Ein Terrorist, das ist er, ein Terrorist, der sich hinter einer anonymen E-Mail-Adresse versteckt. Nicht rückzuverfolgen.« Jetzt schob Afrika eine dünne Akte zu Bennie hinüber. »Hier sind die anderen Mails. Ich bin sicher, Sie werden unsere Einschätzung teilen.«

Ob er in dem Anschlag durch den Heckenschützen auch ermitteln sollte?

Der Brigadier sah ihm seine Unsicherheit offenbar an, denn er sagte: »Sie wissen doch, wie das mit diesen Verrückten ist, Bennie – manchmal fixieren sie sich auf einen bestimmten Fall. Aber wenn es einen Zusammenhang zwischen dem Schützen und dem Sloet-Mord gibt und wir haben ihn übersehen … Die CATS verfolgt den Schützen, Kolonel Du Preez leitet die Sonderermittlungsgruppe.«

»Wir setzen Mbali als Ermittlerin ein, Brigadier«, meldete Du Preez. »Sie ist gestern aus Amsterdam zurückgekommen.«

»Amsterdam, oh, Amsterdam«, bemerkte Afrika kopfschüttelnd, aber wohlwollend.

»Die gute Mbali …«, ergänzte Nyathi und lächelte milde.

In der Einheit brodelte seit einer Woche die Gerüchteküche wegen »des Zwischenfalls in Amsterdam«. Die korpulente Mbali Kaleni, die bereits seit sechs Monaten bei Du Preez CATS-Gruppe arbeitete, hatte mit einigen anderen Kollegen zusammen in Amsterdam eine Fortbildung besucht und sich dort laut SAPD-Buschtelefon ein ziemliches Missgeschick geleistet. Doch trotz aller spitzfindigen Spekulationen auf den Fluren wusste niemand genau, was vorgefallen war. Außer der Führungsebene, aber die schwieg wie ein Grab.

»Sie werden alle Hände voll zu tun haben, Bennie, aber es ist wichtig, dass Sie über die Fortschritte des CATS und dessen Ermittlungsschwerpunkte Bescheid wissen. Und wenn Sie auf etwas stoßen, was den Kollegen weiterhilft …«

»Sie wissen, wie wir arbeiten, Bennie«, fiel Kolonel Du Preez ein. »Als ein großes Team …«

Griessel nickte.

Nyathi verschränkte seufzend die Arme. »Bennie, wenn das durchsickert, dass wir erpresst werden und ein Verrückter auf Polizisten schießt … Medien im Blutrausch, Öffentlichkeit in Panik.«

»Cloete wird den Knieschuss des Konstabels den Medien verschweigen, nur damit Sie Bescheid wissen, Bennie«, sagte Manie. »Bitte gehen Sie vorsichtig mit den Journalisten um. In Groenpunt hat übrigens Adjutant-Offizier Nxesi die Ermittlungen in dem Sloet-Fall geleitet. Sie können ihn jederzeit anrufen, er steht zu Ihrer Verfügung.«

»Sie haben die Unterstützung unseres gesamten Teams«, versprach Nyathi.

»Ich will Sie ja nicht noch zusätzlich unter Druck setzen, Bennie«, sagte Afrika mit großem Ernst, »aber Sie müssen Dampf machen. Dieser verrückte Scheißkerl wird weiter Polizisten abknallen, bis Sie den Fall gelöst haben.«

Um halb zehn an diesem Samstagabend ging Griessel durch die totenstillen, breiten Flure im Gebäude der Valke zu seinem Büro. Er wunderte sich über den Einfluss, den der Steyn-Fall, auf den Manie eben verwiesen hatte, während des letzten Jahres auf die SAPD gehabt hatte.

Estelle Steyn war eine junge Köchin gewesen, die gerade ihre Ausbildung beendet hatte. Vor achtzehn Monaten war sie in ihrem kleinen Stadthaus in Pinelands mit einem Stück Stoff, vermutlich einer Krawatte, erwürgt worden. Es gab keine Spur von Einbruch, Diebstahl oder sexuellen Übergriffen – es musste jemand gewesen sein, den sie gekannt und dem sie vertraut hatte. Ihr krawattentragender Verlobter zum Beispiel, der finstere, emotionslose KPMG-Consultant mit den kalten Augen und einem Haustürschlüssel. Er war innerhalb von zweiundsiebzig Stunden verhaftet und angeklagt worden, und sowohl die Medien als auch die Öffentlichkeit, die den Fall wie gebannt verfolgten, hatten ihn sofort für schuldig befunden. Denn Estelle Steyn war ein lebenslustiges, fröhliches Energiebündel und laut ihrer Kollegen eine brillante Köchin mit glänzender Zukunft gewesen. Neben ihrer blonden, lächelnden Schönheit auf den Zeitungstitelseiten hatte das Foto des Verlobten, dessen kalter Blick die Kamera mied, düster und unsympathisch gewirkt. Er sah aus wie ein Mann, dessen Schuld schwer auf seinen Schultern lastet.

Und dann kam es zum Prozess.

Die Verteidigung hatte wie ein Rudel Wildhunde die schwachbrüstige Tatortanalyse, die Einseitigkeit der Ermittlungen und die kreativen Meinungsumschwünge der Zeugen der Anklage zerfetzt. Nach sieben Monaten der Sensationsberichterstattung war der Verlobte als freier Mann aus dem Gerichtssaal spaziert.

Die Medien hatten auf die Polizei eingeprügelt und Zeter und Mordio geschrien, die Bevölkerung war schockiert. Jetzt noch wurden Fachbücher zu Bestsellern, in denen Kriminologen und erfahrene Kriminaltechniker jeden Fauxpas der SAPD analysierten. Wieder und wieder hatte die Opposition im Parlament den Fall als Druckmittel gegen die Regierung benutzt – der Ruf der Polizeibehörden hatte schwer gelitten.

Mit der Karriere des leitenden Ermittlungsbeamten, Fanie Fick, war es aus und vorbei. Inzwischen saß er hinter den Kulissen bei den Valke am Schreibtisch, umgeschult zum Computerermittler. Es war sonnenklar, dass für ihn jede weitere Beförderung ausgeschlossen war. Jeden Nachmittag pilgerte er ins Drunken Duck in Stikland, um zu vergessen.

Aus diesem Grund war die Sloet-Akte, die Griessel jetzt in sein Büro brachte, so peinlich genau, ausführlich und regelkonform geraten – die Wunden waren noch frisch, die Polizeibehörden in ihrer Ehre tief gekränkt, die Angst vor einem weiteren Opfer in den eigenen Reihen, vor Prügel und Kritik von ganz oben, von den Medien und der Öffentlichkeit war groß.

Deswegen hatte General Afrika heute Abend an dem Treffen teilgenommen und einen ganz bestimmten Ermittler angefordert.

Die Angst vor einem erneuten Desaster steckte dahinter, dass die Valke, die sonst so hartnäckig auf ihre Autonomie pochten, die Einmischung eines Provinzial-Kripochefs akzeptiert hatten.

Angst, dachte er, war auch der Grund, warum sie sich jetzt von dem Attentäter erpressen ließen. Früher hätte sich die SAPD nicht von den Drohungen eines Heckenschützen einschüchtern lassen.

Seufzend schloss Griessel seine Bürotür auf. Da braute sich gewaltiger Ärger zusammen.

Das würde kein Spaziergang werden.

Er legte die Akten auf dem Schreibtisch nebeneinander und öffnete zuerst die dünne, die ihm John Afrika gegeben hatte. Der Reihe nach las er die E-Mails, wobei er sich anfangs nur schlecht konzentrieren konnte, weil an diesem Abend einfach zu viel auf einmal geschehen war.

762a89z012@anonimail.com

Gesendet am: Montag, 24. Januar, 23:53

An: j.afrika@saps.gov.za

Betreff: Hanneke Sloet

Sie wissen genau, wer Hanneke Sloet ermordet hat! Verhaften Sie diesen Kommunisten, oder ich bringe alles in die Medien!

Die zweite war wesentlich länger:

762a89z012@anonimail.com

Gesendet am: Montag, 24. Januar, 23:53

An: j.afrika@saps.gov.za

Betreff: Hanneke Sloet, fahrt zur Hölle!!!

Ihr seid Gottlose und Sünder! (Timotheus 1, 9; Sprichwörter 17, 23)

Die Wahrheit über den Kommunisten und seine Bestechungsgelder an euch wird herauskommen. Ihr seid alle gleich korrupt! Euch bleibt nicht mehr viel Zeit.

1 Timotheus 1, 9–10: Und bedenkt, daß das Gesetz nicht für den Gerechten bestimmt ist, sondern für Gesetzlose und Ungehorsame, für Gottlose und Sünder, für Menschen ohne Glauben und Ehrfurcht, für solche, die Vater oder Mutter töten, für Mörder, Unzüchtige, Knabenschänder, Menschenhändler, für Leute, die lügen und Meineide schwören und all das tun, was gegen die gesunde Lehre verstößt.

Sprichwörter 17, 23: Bestechung aus dem Gewandbausch nimmt der Frevler an, um die Pfade des Rechts zu verkehren.

Sprichwörter 21, 15: Der Gerechte freut sich, wenn Recht geschieht, doch den Übeltäter versetzt das in Schrecken.

Die dritte Mail war deutlicher:

Gesendet am: Sonntag, 6. Februar, 22:47

762a89z012@anonimail.com

An: j.afrika@saps.gov.za

Betreff: Hanneke Sloet – ihr habt sie auf dem Gewissen!

Ihr habt drei Wochen, um den Mörder von Hanneke Sloet zu verhaften. Der Prozess, der der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfe, hat begonnen.

Ich habe euch zwei Mal gewarnt, aber ihr habt nichts unternommen. Könnt ihr und eure kommunistischen Bettgenossen die Folgen mit eurem Gewissen vereinbaren? Ihr lasst mir keine andere Wahl.

Es wird Recht geschehen.

Die vorletzte war vor dreizehn Tagen gekommen, am Sonntag, den 13. Februar:

Jegliches hat seine Zeit. Eure ist beinahe gekommen. In zwei Wochen werde ich euch zwingen, den Mörder von Hanneke Sloet zu verhaften. So wie ihr mich zwingt, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen.

Kohelet 3: Alles hat seine Stunde:

Vers 3: eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen, eine Zeit zum Bauen.

Vers 8: eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.

Griessel ordnete die fünf E-Mails nebeneinander an und ließ den Blick zwischen ihnen hin- und herwandern.

Dann las er sie noch einmal von vorn.

4

Er stützte das Kinn in die Hände und dachte nach.

Die Daten der E-Mails. Die Schreiben waren systematisch in immer kürzeren Abständen gekommen. Die ersten beiden lagen eine Woche auseinander. Die nächste kam sechs Tage später. Nach fünf Tagen war eine weitere eingetroffen. Ein ziemlich fester Rhythmus. Nur die letzte E-Mail wich davon ab.

Alle waren spätabends versendet worden.

In der ersten und zweiten Mail spielte der Erpresser auf einen »Kommunisten« an. Dann wurden »Mörder« daraus. Und dann »kommunistische Bettgenossen«. In der letzten dann wieder »Mörder«, im Singular.

Der plötzliche Sprung zu den Bibelversen, so dass sich fast der Eindruck eines Kreuzzugs aufdrängte. Der letzte Text hingegen klang selbstbewusster. Zielstrebig. Hier war ein Mann mit einer Mission.

Ihm war klar, warum John Afrika und Zola Nyathi den Absender für irre hielten. Alles deutete lehrbuchreif darauf hin: Verrückte zogen nachts ihre Aktionen durch, schaukelten sich mit der Zeit hoch und kommunizierten immer regelmäßiger. Sie riefen an, mit verstellter Stimme und anonym, oder schrieben zusammenhangloses Zeug, oft rassistisch, voller bizarrer Verschwörungstheorien oder apokalyptischer Visionen, nach dem Motto: Das ist die Rache Gottes für ein sündhaftes Land.

So wie dieser hier.

Sie zehrten für gewöhnlich von den Medien, studierten jede Zeile, die über einen Fall geschrieben wurde, und reagierten darauf, zitierten daraus, spannen den Faden weiter.

Dieser hier jedoch nicht.

Die meisten gaben sich in ihren Schreiben einen Namen mit mythologischer, astrologischer oder furchteinflößender Bedeutung.

Nicht dieser hier.

Der hier wechselte sprunghaft von einer Mail zur anderen seinen Ansatz und schwieg vor der letzten plötzlich zwei Wochen lang. Zudem war sie am gleichen Tag eingegangen, an dem er den ersten Anschlag verübte, nur wenige Stunden zuvor.

Dieser hier verwies in seiner letzten Mail unmittelbar auf ein Motiv: Ihr wisst, warum sie ermordet wurde.

Dieser hatte seine Drohung wahr gemacht und das getan, was die SAPD richtig in Rage brachte – er hatte auf einen Polizisten geschossen. Und drohte, es wieder zu tun.

Irgendetwas passte nicht zusammen.

Bennie heftete die E-Mails ab und griff nach der dicken Sloet-Akte. Er schlug sie auf der ersten Seite auf, denn er wollte ganz von vorn beginnen, sich zuerst den Tatort ansehen, die Fotos, den Bericht der Spurensicherung, den Autopsiebericht …

Dann klopfte jemand an seine Tür, leise und höflich.

Griessel wurde aus seiner Konzentration gerissen. »Herein!«

Der Spitzname von Brigadier Musad Manie bei der DPMO lautete »das Kamel«, weil einer der Valke-Ermittler über einen muslimischen Freund herausgefunden hatte, dass »Musad« auf Arabisch »wild gewordenes Kamel« bedeutet. Der lange, dünne Kolonel Zola Nyathi mit seinen langen, gemessenen Schritten und der beim Gehen leicht nach vorn geneigten Haltung wurde schon bald nach seiner Anstellung beim Dezernat für Gewaltverbrechen »die Kameelperd« getauft, afrikaans für »Giraffe«. Statt »Kameelperd« nannte man ihn jedoch schon bald auf Englisch »Giraffe«, denn das war erstens leichter auszusprechen, und zweitens drückte sich auch der Kolonel meist auf Englisch aus.

Und nun betrat die Giraffe Griessels Büro. Sein kahler Schädel glänzte im Schein der Fluorlampen.

»Nein, bitte Bennie, bleiben Sie sitzen …« Er kam zu Griessels Schreibtisch und legte mit seinen schlanken Fingern einen Autoschlüssel darauf.

»Sie können den BMW nehmen.«

»Danke, Sir.«

»Bennie, Sie wissen, dass wir hier eine Familie sind.«

»Ja, Sir.«

»Sie wissen, dass wir bei Ermittlungen als ein großes Team zusammenarbeiten.«

»Ja, Sir. Ich würde nur gerne zuerst die Akte durcharbeiten, bevor …«

»Das verstehe ich, Bennie. Aber wenn Sie damit fertig sind, beziehen Sie bitte die Kollegen in Ihre Untersuchungen mit ein. Ich habe Vaughn schon angerufen, er steht auf Abruf bereit.«

»Ist gut, Sir.«

Nyathi tippte mit einem Finger auf die Akte und sagte leise und vertraulich: »Sie sind ein alter Hase, Bennie. Ihnen brauche ich nichts zu erzählen.« Der Kolonel zögerte, hob den Kopf und sah Griessel in die Augen. »Bitte reden Sie mit mir, Bennie. Oder mit dem Brigadier. Falls Sie irgendwo auf Ungereimtheiten stoßen, wenden Sie sich an uns.«

Griessel wusste nicht, was er sagen sollte.

»Verstehen Sie, was ich meine, Bennie?«

»Ja, Sir«, antwortete er, in der Hoffnung, dass er es schon irgendwann herausfinden würde.

»Gut.«

Nyathi drehte sich um und ging zur Tür. Kurz bevor er sie schloss, sagte er: »Viel Glück!«

Griessel starrte die Tür an. Manie und Nyathi waren auch überrascht von der ganzen Sache, von Afrikas Bitte und seiner Einmischung. Sie spielten mit, aber unter Vorbehalt.

Griessel schüttelte den Kopf. Politik. Nicht sein Lieblingsspiel.

Doch er schätzte die Geste Nyathis. Das Problem war nur, dass ihn die »Wir-sind-eine-große-Familie-und-arbeiten-als-Team-zusammen«-Strategie der Valke noch nicht ganz überzeugte. Er war noch nicht einmal drei Wochen bei der Einheit und hatte erst vor kurzem gelernt, dass zum Beispiel JOC für Joint Operation Centre stand – Teamchefs und Ermittler der verschiedenen DPMO-Einheiten wurden für die Untersuchung in einem bestimmten Fall alle unter einem Einsatzleiter zusammengefasst. Zu viele Leute. Ein sicheres Rezept für Chaos. Griessel war daran gewöhnt, mit einem Partner zusammenzuarbeiten oder allein, vor allem im letzten Jahr, als er in Afrikas Behörde eingesetzt war.

Er seufzte. Er wusste noch immer nicht, warum Afrika ihn zu den Valke versetzt hatte.

Er zog die Unterlagen zu sich heran, holte die Farbfotos vom Tatort heraus und legte sie in drei Reihen vor sich hin.

Hanneke Sloet lag auf den großen glänzenden Marmorfliesen neben einer Säule. Das schwarzrote Blut bildete einen scharfen Kontrast zu ihrem ärmellosen weißen Kleid und dem hellgrauen Steinboden. Sie lag auf dem Rücken, die rechte Hand auf die Bauchwunde gepresst. Bis zuletzt hatte sie versucht, die schwere Blutung zu stillen.

Ihr nackter linker Arm war locker neben dem Körper ausgestreckt, die Handfläche nach oben.

Ihr Hinterkopf lag in der Blutlache. Ihre dunklen Locken waren ihr ins Gesicht gefallen und bedeckten Augen und Nase, jedoch nicht den Mund. Volle Lippen, dunkelrot geschminkt, fast so wie ihr Blut. Sie trug keine Schuhe, und ihr Kleid war im Fall hochgerutscht bis weit über die Knie.

Die Verletzung sah nach einer einzigen Wunde aus, rechts unterhalb ihres Herzens.

Griessel wollte ein Gefühl für den Tatort entwickeln und studierte die Fotos eines nach dem anderen.

Die Wohnung war neu und modern, die Wände und die Säule waren schneeweiß, die Fenster groß und ohne Gardinen. Über den Balkon hinweg boten sie Ausblick auf die bunten Häuser des Bo-Kaap-Viertels und den Seinheuwel.

Sloet lag in einem geräumigen Wohnzimmer. Hinter ihr, in der Mitte, standen ein weißes Sofa und zwei quadratische Sessel auf einem weißen Flokati. An der längeren Wand hing ein monumentales, ungerahmtes Gemälde, eines jener modernen Kunstwerke, die für Griessel böhmische Dörfer waren. Flächen und Streifen in Weißgrau, wie eine Luftaufnahme der Meeresbrandung. Ein Regal aus Glas und Chrom enthielt eine Hi-Fi-Anlage sowie zwei kleine Lautsprecher.

In der Ecke, die am weitesten von Sloet entfernt war, führte eine Wendeltreppe ins obere Stockwerk – leuchtend hellbraunes Holz mit einem dünnen Geländer aus rostfreiem Stahl.

Am Fenster stand ein weißes Teleskop auf einem Stativ, auf die Gebäude der Stadt gerichtet.

Hinter der Säule befand sich eine kleine, offene Küche – moderne Schränke mit hellgrünen Milchglastüren, ein eckiger, chromfarbener Kühlschrank.

Die Haustür war drei Meter links von der Küche und vier Meter von Hanneke Sloets reglosem Körper entfernt.

Griessel sah sich nun auch die letzte Reihe der Fotos an, die die beiden Schlafzimmer zeigten. Sloet hatte offenbar im größeren geschlafen. Fast überall herrschte peinliche Ordnung. Auf einer weißen Empore stand ein weißes Doppelbett mit schneeweißer, glattgezogener Bettwäsche, dekoriert mit zwei dunkelbraunen Kissen, die zu den Nachtschränkchen aus dunklem Holz passten.

Der Schreibtisch, eine weiße Holzplatte auf zwei braunen Böcken, trug die einzigen Anzeichen für Aktivität: ein Laptop, einige Akten, davon zwei aufgeschlagen, ein Füller, die Kappe abgezogen. Ein zu drei Vierteln geleertes Glas Rotwein, ein iPhone. Der braune Stuhl mit dem hohen Rücken war ein wenig zurückgeschoben und seitlich gedreht. Rechts davon brannte eine braune Stehlampe.

Das zweite Schlafzimmer war kleiner: ein schmales, nicht bezogenes Bett, darauf ungeöffnete Umzugskartons, ein leeres weißes Bücherregal und zwei zusammengerollte Perserteppiche.

Griessel hob die dicke Akte an und legte sie vor sich hin, oben auf die Fotos. Wie alle SAPD-Akten bestand sie aus drei Teilen: Teil A, der die Vernehmungen, Berichte, Aussagen und Fotos enthielt, Teil B mit der Korrespondenz, etwa mit anderen SAPD-Dienststellen oder externen Instanzen wie Banken oder Arbeitgebern, und Teil C, dem Ermittlungstagebuch auf den SAPD5-Formularen, in diesem Fall einem äußerst akribischen, chronologischen Verlaufsprotokoll mit Verweisen auf Schriftstücke in Teil A.

Griessel blätterte zum Bericht des Rechtsmediziners in Teil A und sah zu seiner Erleichterung, dass Phil Pagel die Autopsie durchgeführt hatte. Pagel war der intelligenteste Mensch, den er kannte, überaus erfahren, ungeheuer sorgfältig. Obendrein verstand es Pagel, einen Obduktionsbericht so zu verfassen, dass die Ermittler ihn nicht nur verstehen, sondern auch etwas damit anfangen konnten. An erster Stelle stand stets eine Zusammenfassung, die der Kripo das Leben erleichterte – die wichtigsten Informationen, verständlich und auf den Punkt gebracht.

Griessel las:

  • Todeszeitpunkt: zwischen 20:00 Uhr und 00:00 Uhr am Dienstag, dem 18. Januar. Wahrscheinlich gegen 22:00 Uhr.
  • Todesursache: erheblicher Blutverlust infolge einer Stichwunde im Brustbereich, 8 mm oberhalb der vierten Rippe, 20 mm links vom Brustbein (Gladiolus), durch den linken Leberlappen und die Vena cava inferior (die untere Hohlvene, transportiert sauerstoffarmes Blut vom Unterleib zumHerzen) in der Gegend des T7-Wirbels.
  • Wundpathologie und Waffe: Die Wundpathologie deutet auf eine sehr spitze Stichwaffe (gleichmäßiger, sehr spitzer Winkel) mit beidseitiger, unregelmäßiger Klinge hin (Diamantgeometrie?). Die Klinge ist vermutlich gerade. Abmessungen: zwischen 6,5 und 7,5 cm breit, 1,5 cm dick und länger als 20 cm (keine Quetschungen durch Heft oder Heftschutz). Einstichwinkel zwischen 85 und 105°im Verhältnis zum vertikalen Torso.
  • Die einzelne, tödliche Stichwunde und das Fehlen von Verteidigungswunden deutet auf ansehnliche Gewalt des Einstichs, eine sehr scharfe Klinge oder eine Kombination von beidem hin. (Überraschungsangriff? Selbstgefertigte Waffe? Speer? Ritualdolch? Schwert?)
  • Wundpathologie und Täter: Täter ist vermutlich 20 bis 40 cm größer als das Opfer (Größe der Waffe, Einstichwinkel, Einstichkraft). Die einzelne Wunde und das Fehlen der Tatwaffe verbieten weitere Spekulationen.
  • Wundablagerungen: keine
  • Keine Hinweise auf sexuelle Aktivität.

Mit diesem neuen Hintergrundwissen sah sich Griessel noch einmal die Fotos vom Tatort an. Nur ein einziger Stich. Sie lag vier Meter von der Haustür entfernt und hatte keine Wunden an den Händen, die darauf hindeuteten, dass sie sich verteidigt hatte.

Auf den ersten Blick sei nichts gestohlen worden, hatte der Brigadier gesagt, und laut Pagel hatte es keinen Sexualkontakt gegeben. Dies leitete er aus dem Fehlen von Quetschungen und Sperma ab.

Wer hatte die Leiche gefunden? Welches Sicherheitssystem schützte das Gebäude?

Griessel blätterte zu Teil A, auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen, und stieß auf ein DIN-A-4-Kuvert, das lose hinter dem Fotoalbum eingelegt war. Jemand hatte mit blauem Stift ein einziges Wort darauf geschrieben: Sloet.

Er öffnete den Umschlag und nahm den Inhalt heraus.

Drei große Farbfotos. Von der lebendigen Hanneke Sloet.

Sie faszinierten ihn auf den ersten Blick, so dass er vergaß, wonach er gesucht hatte.

Alle drei Fotos waren in einem Atelier bei professioneller Beleuchtung aufgenommen worden. Auf dem ersten waren nur ihr Kopf, ihre rechte Schulter und ein Teil ihres Arms zu sehen. Sie trug ein dünnes weißes Trägerhemd, das sich weiß von der sonnengebräunten, glatten Haut ihrer Schulter und ihres Arms abhob. Ihr Kopf war nach rechts gedreht, mit Blick nach unten, die Augen von den Wimpern verschleiert. Auf dieser rechten Gesichtshälfte lag ein Schatten, der die vollen Lippen und ausgeprägten Wangenknochen betonte. Eine Strähne ihrer langen Haare hing ihr über das Gesicht bis zum Kinn. Schulter und Arm waren weiblich, aber auch muskulös. Der graue, verschwommene Hintergrund besaß eine interessante Struktur.

Das Foto strahlte eine gewisse Sinnlichkeit aus.

Eine schöne Frau. Und das wusste sie. Sie genoss ihre Schönheit und stellte sie zur Schau.

Das zweite Foto zeigte ihren Oberkörper. Ihr Kopf war leicht gesenkt, so dass die Augen zur Kamera aufblickten. Sie lächelte entspannt, wodurch man einen kleinen Spalt zwischen den Vorderzähnen erkannte. Ihre Haare waren straff zurückgekämmt. Sie trug eine dünne, enge, kragenlose graue Bluse mit großem Ausschnitt, die wie nebenbei die großen Brüste zur Geltung brachte.

Das dritte Bild war eine Aktstudie, dunkel, kunstvoll und geschmackvoll gestaltet. Der Hintergrund war tiefschwarz, die Beleuchtung kam von rechts hinten, und ihr Körper war so gedreht, dass man nur einen Wangenknochen, die Nasenspitze, einen großen, runden Ohrring, die schlanke Kurve ihres Halses, eine Schulter, eine perfekte Brust mit Brustwarze, eine Hüfte und den äußeren Umriss eines Beins erkannte.

Griessel vermutete, dass die Fotos erst vor kurzem entstanden waren, denn Hanneke Sloet sah darauf erwachsen und in etwa ihrem Alter – dreiunddreißig – entsprechend aus.

Er legte die Bilder in einer Reihe nebeneinander vor sich hin und betrachtete sie noch einmal ganz genau. Was hatte Hanneke Sloet dazu bewogen, einen solchen Aufwand zu betreiben? Wie viel Zeit mochte es sie gekostet haben, die Termine beim Fotografen zu vereinbaren, die richtigen Kleidungsstücke zu wählen und Modell zu sitzen? Sie, eine viel beschäftigte Firmenanwältin?

Und dann diese Brüste. Unnatürlich groß und makellos, als hätte sie sie chirurgisch verschönern lassen.

Für wen?, fragte er sich. Für wen waren die Aufnahmen bestimmt gewesen?

Griessel saß da und starrte sie an, fasziniert von der erotischen Frau.

Plötzlich läutete schrill sein Handy.

Mit einem vagen Schuldgefühl kehrte er in die Realität zurück und musste den Apparat erst suchen. Er fand ihn in der Tasche des Jacketts, das über dem Stuhl hing. ALEXA, stand auf dem Display.

Mist! Er hätte sie anrufen sollen. Er schaute auf seine Armbanduhr. Es war fast elf Uhr.

Er sagte: »Alexa, es tut mir unheimlich leid …«

»Hier ist nicht Alexa«, erwiderte eine Männerstimme unfreundlich. »Sie hat mich gebeten, Sie anzurufen, damit Sie sie abholen.«

»Wo ist sie?«

»Noch im Kunstekaap, Meneer. Sie ist betrunken. Kann sich nicht mehr auf den Beinen halten.«

5

Die Akten unter dem Arm, eilte Griessel im Laufschritt zu seinem Auto, in dem Wissen, dass es seine Schuld war. Er hatte sie in Verlegenheit gebracht, sie allein gelassen, sich nicht gemeldet. Hundertfünfzehn Tage war sie nüchtern geblieben, jetzt hatte er sie wieder zum Alkohol getrieben.

Er öffnete die hintere Tür des BMW 130i, legte die Akten auf den Sitz, knallte frustriert die Tür wieder zu, stieg vorne ein und fuhr los.

Dabei hatte er doch genau gewusst, dass Alexa damals angefangen hatte zu trinken, um ihr Lampenfieber zu bekämpfen, und heute Abend hatte sie eine Art Auftritt gehabt, ihr Comeback in der Musikbranche nach Jahren, ihre Rückkehr ins Scheinwerferlicht, mit der dazugehörigen Angst. Er hätte nachdenken und seine Ausdrucksweise und seine Reaktionen beherrschen sollen. Er hätte dem Brigadier sagen sollen, er könne nicht sofort kommen. Erst hätte er Alexa nach Hause bringen sollen. Aber nein, er hatte nur seine eigene Blamage im Sinn gehabt. Er war ein Idiot, ein blöder, hirnloser Bulle.

Was war nur mit ihm los?

Die Warnung Dok Barkhuizens kam ihm in den Sinn: »Vorsicht, Bennie, du bist nicht mal seit einem Jahr trocken. Zwei Alkoholiker, das bedeutet doppeltes Risiko.«

Doch er hatte protestiert und erwidert, Alexa und er seien nur Freunde. Er könne sie unterstützen, ihr Mut machen, sie gingen gemeinsam zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker. Doch der Dok hatte kopfschüttelnd entgegnet: »Trotzdem: Vorsicht!«

Unterstützung – von wegen! Er hatte sie heute Abend im Stich gelassen.

Er hätte auf den Dok hören sollen. Denn der wusste genau, dass die Behauptung, sie seien nur gute Freunde, dummes Zeug war. Er musste erkannt haben, wie sehr er Alexa liebte, je länger, je inniger.

Und sie ihn, hatte er geglaubt.

Und jetzt? Jetzt hatte er alles vermasselt.

Warum hetzte er immer weiter? Warum konnte sein Leben niemals einfach sein? Nie, niemals. Er war fünfundvierzig, ein Alter, in dem man allmählich in sich ruhen und wenigstens ein bisschen weise sein und Ordnung in sein Leben gebracht haben sollte. Nur nicht er. Bei ihm herrschte permanent Chaos. Eine unendliche Kette von Problemen, ein unaufhörlicher Kampf, das Leben in den Griff zu bekommen. Er hatte auch keine Chance, sich an das Durcheinander zu gewöhnen, denn ständig passierte etwas Neues. Es ließ sich nicht vermeiden.

In den letzten ein, zwei Monaten hatte er sich einigermaßen mit der Scheidung von Anna abgefunden. Es war aus mit ihnen. Endgültig, unwiderruflich. Nicht abgefunden hatte er sich mit ihrer Beziehung zu einem Anwalt, die etwas Ernstes zu sein schien. Ein beschissener Anwalt! Doch er arbeitete daran, Abstand zu gewinnen. Scheiße noch mal, er gab sich Mühe.

Er hatte den Gürtel enger geschnallt, um den Unterhalt und seinen Beitrag zu Carlas Studium zu bezahlten. Ihm blieb kaum noch etwas zum Leben übrig, und er fühlte sich über den Tisch gezogen, weil er viel mehr als Anna bezahlte, obwohl sie ungefähr das Gleiche verdiente.

In den letzten Wochen hatte er sich große Mühe gegeben, sich den Valke anzupassen, den neuen Strukturen, den neuen Dienstgraden. Man war wieder zu den militärischen Bezeichnungen von früher zurückgekehrt. Nur sein Dienstgrad war derselbe geblieben, denn Kaptein blieb Kaptein. Auch damit hatte er sich abgefunden.

Er hatte wieder regelmäßigen Kontakt zu seinen Kindern. Carla war inzwischen auf der Schauspielschule in Stellenbosch. Als hätte sie nicht genug Theater erlebt mit ihrem versoffenen Polizistenvater und dem Drama der Scheidung. Schauspielerin. Wie wollte sie davon leben? Sein Sohn Fritz würde demnächst Abitur machen oder auch nicht, denn er spielte als Gitarrist in der Band von Jack Parow. Jack Parow. Hip-Hop, Rap oder was auch immer die machten, jedenfalls fluchten sie schlimmer als die Bullen. Doch was sollte er dagegen unternehmen? Fritz war zweifellos talentiert, Jack hatte ihn persönlich angeworben. Griessel hatte sich an den Gedanken gewöhnt, dass sich die Welt verändert hatte, dass die Kinder heutzutage die Freiheit hatten, ihre Zukunft selbst zu gestalten, und sie unter anderen Gesichtspunkten ihre berufliche Laufbahn planten.

Er hatte mit vielen Veränderungen seinen Frieden gemacht. Er kam einigermaßen zurecht.

Doch heute Abend hatte er sich zum Deppen gemacht, und das ausgerechnet drei Menschen gegenüber, die er ganz besonders bewunderte: Anton Goosen, Lize Beekman und Alexa Barnard. Seinetwegen hatte Alexa zur Flasche gegriffen.

Auch damit musste er sich also abfinden: Er war ein Scheißversager.

Das Wort schwirrte ihm einige Augenblicke lang im Kopf herum, bis ihm klar wurde: Das Fluchen war schuld. Das hatte ihn heute Abend in solche Schwierigkeiten gebracht. Damit musste Schluss sein, und zwar auf der Stelle. Von jetzt an keine Schimpfwörter mehr. Aus. Für den Rest seines Lebens. Genauso, wie er den Alkohol aufgegeben hatte, so würde er auch das verdammte Fluchen sein lassen.

Und morgen, wenn sie wieder nüchtern war, würde er Alexa die Sache mit dem Fall Sloet erklären, sich bei ihr entschuldigen und sie bitten, die anderen beiden anzurufen und ihnen zu sagen, dass seine Bewunderung und seine Nervosität ihn zu seiner Reaktion getrieben hatten. Vielleicht war so etwas auch schon anderen passiert, vielleicht war er nicht der Einzige.

Dann dachte er daran, wie schön Alexa ausgesehen hatte und an seine aufflammende Hoffnung auf einen schönen Abend bei ihr zu Hause. Wir hatte er nur so dumm sein können! Er schnaubte verächtlich, in seinem Valke-BMW auf der N1. Warum konnte in diesem Sch… in diesem blöden Leben nicht mal etwas glatt laufen?

Blöd. Das neue Wort machte ihm keinen Spaß.

Vor dem Kunstekaap hielt er an. Sein Handy klingelte. Bestimmt war das wieder der Leiter des Forums, wegen Alexa. Rasch meldete er sich, um Bescheid zu sagen, dass er schon da war.

»Griessel.«

»Kaptein? Hier spricht Tommy Nxesi aus Groenpunt.« Die Stimme klang etwas unsicher.

Griessel brauchte einen Moment, bis es ihm wieder einfiel. Das war der Adjuntant-Offizier, der ursprünglich im Fall Sloet ermittelt hatte.

»Guten Abend, Tommy.«

»Soll ich noch reinkommen, Kaptein?«

»Nein …« Dann wurde ihm klar, dass der Kollege auf Bitten John Afrikas die ganze Zeit auf seinen Anruf gewartet haben musste. »Tut mir leid, Tommy, ich hätte Bescheid sagen sollen.« Griessel dachte an das, was ihm mit Alexa bevorstand. »Jetzt ist es schon ein bisschen spät … Können wir uns morgen unterhalten?«

»Du brauchst mich also heute Abend nicht mehr?«

»Nein, vielen Dank.«

»Gut«, seufzte Tommy erleichtert.

»Danke.« Dann fiel Bennie ein, dass er sich den Tatort einmal ansehen wollte. »Hast du noch die Schlüssel von Sloets Wohnung?«

»Ja, aber nicht hier bei mir.«

»Nein, ich meine, morgen früh – können wir morgen früh mal zusammen reingehen?« Er versetzte sich in Nxesis Lage, die er nur allzu gut kannte, weil er selbst schon einmal in der gleichen Situation gewesen war, und fügte hastig hinzu: »Du bist der Experte für diesen Fall. Mich würde deine Meinung interessieren.«

»Geht klar, Kaptein. Um welche Uhrzeit?«

»Um neun?«

»Okay. Wir treffen uns dort, danke, Kaptein.«

Griessel steckte das Handy in die Jacketttasche.

Er musste seine Gedanken beisammenhalten.

Er erschrak, als er sie im Büro des Verwalters sah. Ihr Make-up war verlaufen, die Haare hingen ihr wirr ins Gesicht, ihr Kleid war zu tief hinuntergerutscht, eine Sandale lag neben ihr, eine trug sie noch. Breitbeinig saß sie auf einem Stuhl, die Ellbogen auf den Knien, und wiegte sich hin und her.

»Alexa …«

Langsam hob sie den Blick. Er sah, dass sie sturzbetrunken war. Ihr Blick war unstet. Langsam verzog sie das Gesicht. Sie versuchte, aufzustehen, schaffte es aber nicht. Dann fing sie an zu weinen.

Er ging zu ihr, half ihr auf und wollte ihr Kleid hochziehen, aber sie fiel ihm um den Hals. Sie roch nach Alkohol und Parfüm.

»Ich bin ja da«, sagte er. »Es tut mir so leid!« Er nahm sie in die Arme und drückte sie an sich.

Sie schmiegte ihr Gesicht an seinen Hals, und warme Tränen flossen ihm in den Kragen. »Ich bin …«, lallte sie stockend. »Ich bin eine solche Versagerin, Bennie!«

»Nein, das bist du nicht«, entgegnete er.

Der Geschäftsführer bückte sich und hob ihre Sandale und die kleine Handtasche auf, die über der Stuhllehne gehangen hatte. Den Schuh hielt er mit einem Finger, als wäre er dreckig, mit angewidertem Gesicht.

Bennie nahm den Schuh und die Handtasche an sich. Alexa konnte sich kaum auf den Beinen halten.

»Komm«, sagte er leise. »Komm, fahren wir nach Hause.«

Im Auto redete sie zusammenhangloses Zeug, den Kopf an die Fensterscheibe gelehnt. »Ein Störenfried bin ich, Bennie. Sonst nichts … die – die wissen …« Mit unsicheren Fingern öffnete sie die Handtasche, holte ihre Zigaretten heraus, ließ das Feuerzeug fallen.

Es schmerzte ihn, sie so zu sehen, denn es war seine Schuld. Er rang nach Worten, wollte sie beruhigen, doch heraus brachte er nur: »Es tut mir so furchtbar leid!«

Sie schien ihn gar nicht zu hören. Auf der Suche nach dem Feuerzeug tastete sie den Boden ab, gab auf, ließ sich wieder im Sitz zurückfallen und verfiel in eine weinerliche Litanei: »Die haben mich durchschaut.« Unablässig wiederholte sie diesen Satz.

Griessels Handy klingelte. Mein Gott, was war denn nun schon wieder? Er meldete sich.

»Hallo, Bennie, ich bin’s, John Afrika. Cloete hat Bescheid gesagt, es wird ein kleiner Artikel auf Seite 14 des Weekend Argus und im Internet erscheinen. Wir sind zu spät gekommen. Das ist ein Riesenschlamassel, Bennie, ich sag’s dir. Ich wollte dich nur auf dem Laufenden halten. Streng dich an und bleib dran, Bennie, gib alles!«

»Klar, General.«

»Mach’s gut, Bennie.«

»Sie haben mich durchschaut«, wiederholte Alexa.

Er parkte vor ihrem Haus, holte den Haustürschlüssel aus ihrer Handtasche und stieg aus.

»Lass mich nicht allein!«, flehte sie mit kindlicher Stimme.

Er stieg wieder ein. »Ich lasse dich nicht allein. Ich möchte nur die Tür aufschließen.«

Verständnislos sah sie ihn an. »Ich bin Alkoholikerin, weißt du.«

Er nickte, stieg wieder aus, ging rasch zur Haustür, schloss sie auf, eilte zurück zum Auto und öffnete die Beifahrertür. »Komm, ich bring dich rein.«

Alexa reagierte nicht, sondern wiegte sich wieder hin und her.

»Bitte, Alexa.«

Langsam hob sie ihren linken Arm. Er bückte sich, legte ihren Arm um seine Schultern, zog sie aus dem Wagen und stellte sie auf die Füße. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. Schritt für Schritt bugsierte er sie durch das Tor und die Treppe zur Veranda hinauf. Ihre zweite Sandale rutschte ihr vom Fuß und fiel zwei Stufen hinunter. Sie schlurften durch den Flur bis zu ihrem Zimmer. Bennie setzte sie aufs Bett. Sie kippte schräg zur Seite um, mit dem Kopf auf die Decke. Griessel schaltete eine Nachttischlampe ein und blieb einige Augenblicke lang unentschlossen stehen.

Er musste ihre Handtasche aus dem Auto holen. Den Wagen abschließen.

Ihre Lippen bewegten sich, sie sagte etwas.

»Alexa …«

Er neigte den Kopf zu ihr und lauschte. Sie sprach nicht, sie sang. Das Lied, das sie damals berühmt gemacht hatte. »Soetwater.« Sie sang fast unhörbar, aber perfekt, notensicher, mit ihrer außergewöhnlichen, vollen Stimme.

Ein Glas voller Sonnlicht, ein Kelch, so klein,

Schenk Süßwasser.

Ein Mund voller Liebe, ein Schluck voller Pein.

Trink Süßwasser.

»Ich schließe nur mal schnell das Auto ab«, sagte er.

Keine Reaktion.

Er beeilte sich. Auf dem Weg die Treppe hinunter erinnerte er sich daran, dass sie nach ihrem letzten Alkoholexzess versucht hatte, Selbstmord zu begehen, einen Tag, nachdem ihr Mann ermordet worden war.

Er musste heute Abend bei ihr bleiben.

Er holte die Handtasche, ihre Zigaretten und das Feuerzeug, raffte den Stapel Akten zusammen, schloss das Auto ab und eilte zurück.

Mit ihrer ungeschickten Unterstützung hakte er die beiden großen Ohrringe los, legte sie auf das Nachtschränkchen und sagte: »Versuch, ein bisschen zu schlafen.«

Sie sah ihn an, diesmal schon ein bisschen klarer und beherrschter. Sie öffnete leicht die Lippen, legte eine Hand um seinen Hinterkopf, zog ihn zu sich hin und küsste ihn. Ihr Mund war offen und nass, und er schmeckte den Alkohol. Sie zog ihn zu sich hinunter aufs Bett.

Behutsam legte er die Hände auf ihre Schultern und schob sie sanft von sich weg.

»Du willst mich also auch nicht!«, schluchzte sie.

»Doch«, erwiderte er. »Aber nicht so.«

Endlich sank sie zurück in die Kissen. Er hob ihre Beine an und legte sie auf das Bett. Sie drehte ihm den Rücken zu. Er ging auf die andere Seite des Bettes und schlug die Decke über sie.

Dann schaltete er das Nachttischlämpchen aus und ging zur Tür.

Dort blieb er stehen, sicher zehn Minuten lang, und lauschte auf ihre Atmung, bis sie ruhiger wurde. Bis sie schlief.

Er schaute auf seine Armbanduhr. Zehn nach zwölf. Sonntagmorgen.

Tag 2
Sonntag

6

Er arbeitete bis kurz vor drei.

In dem Schlafzimmer neben dem von Alexa hängte er sein Jackett an einen Haken hinter der Tür, knöpfte das Hemd auf und rollte die Ärmel hoch. Dann setzte er sich auf einen Hocker vor die Spiegelkommode und nahm sich die dicke Akte vor. Es dauerte lange, bis er sich richtig konzentrieren konnte, weil seine Gedanken bei Alexa waren. Sie haben mich durchschaut. Wie kam sie nur darauf? Er hatte sie heute Abend auf der Cocktailparty beobachtet – diese Grazie, diese Präsenz, die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich in diesen Kreisen bewegte!

Wie sie gelitten haben muss, dachte er. Wie sie an sich selbst verzweifelt sein muss, an ihrer Unsicherheit und der Sehnsucht nach musikalischem Erfolg. Wie ihr Mann sie fertig gemacht hatte und was für ein Schock der Mord an ihm gewesen war. Am schlimmsten aber waren die Verwüstungen, die der Alkohol angerichtet hatte. Der Sucht nachzugeben, vier Monate Abstinenz zum Fenster rauszuschmeißen und der eigenen Schwäche ins Auge zu blicken – das war hart. Diese Erkenntnis, dass man noch nicht stark genug war. Sich davon zu erholen …

Als sie auf dem Bett gelegen und »Süßwasser« gesungen hatte, hatte sich sein Herz zusammengekrampft, weil er die Sehnsucht herausgehört hatte, das Verlangen nach einer Phase ihres Lebens, in der alles stimmte. Denn er wusste, dass sie nie wieder dorthin zurückkehren konnte, auch wenn sie es noch so sehr versuchte. Deshalb hätte er in dem Moment am liebsten mit ihr geheult.

Der Schaden war nie wieder gutzumachen.

Und dieser Alkoholgeschmack in ihrem Mund! Gott, er hatte ihn jetzt noch auf der Zunge. Als sie ihn küsste, hatte er nicht an Sex gedacht, sondern auf der Stelle nach der Flasche gegiert. Und nach dem Zustand, in dem sie sich befand, diesem weichen Nebel der Trunkenheit, einer Welt ohne Ecken und scharfe Kanten, die einen verletzen konnten.

Eine Alarmglocke schrillte in seinem Hinterkopf: Hier lauerte Gefahr!

Vorsicht, Bennie, du bist noch kein Jahr trocken. Zwei Alkoholiker, das bedeutet doppeltes Risiko.

Dok Barkhuizen war ein kluger Mann. Doch er würde ihm noch etwas anderes zu erzählen haben: Heute Abend hatte ihn eine weitere Erkenntnis getroffen. Als er die Decke über Alexa gezogen hatte. Ein intensives Déjà-vu, denn er hatte das selbst so oft erlebt – er lag im Bett, sturzbetrunken, und seine Ex, Anna, deckte ihn mitfühlend, geduldig und liebevoll zu. Wie oft? An wie vielen Abenden und Nächten? Wie hatte sie das so lange ausgehalten?

Er spürte, wie ihm der Selbsthass die Kehle zuschnürte, und zwang sich, sich auf die Unterlagen zu konzentrieren.

Hanneke Sloet war am 18. Juni 1977 in Ladybrand, im Vrystaat, geboren worden. Ihr Staatsexamen hatte sie 1999 an der Universität Stellenbosch absolviert und 2001 bei der Anwaltskanzlei Silberstein Lamarque angefangen, erst als Anwaltsanwärterin, dann, ab 2002, als Anwältin in der Abteilung für Unternehmensrecht. 2009 wurde sie Teilhaberin.

Bis Dezember letzten Jahres hatte sie allein in einem Stadthaus in Stellenbosch gewohnt und war täglich mit dem Auto nach Kapstadt gependelt, in die Riebeeckstraat, wo sich im achten Stock des Silberstein-Lamarque-Hauses ihr Büro befand. Die Wohnung im 36-On-Rose hatte sie vor zehn Monaten mit Hilfe eines Kredits von der Nedbank für 3 850 000 Rand gekauft, doch das Gebäude war erst im Dezember fertiggestellt worden. Am Montag, den dritten Januar, war sie im fünften Stock eingezogen.

Sie hatte vor ihrem Tod keine feste Beziehung gehabt.

Am Dienstag, den achtzehnten Januar, hatte sie die Kanzlei Silberstein Lamarque laut elektronischer Arbeitszeiterfassung um 19:46 Uhr verlassen. Als sie am Morgen des neunzehnten nicht zu einer Konferenz um neun Uhr erschienen war, begann sich ihre persönliche Assistentin Sorgen zu machen. Weil Hanneke einfach niemals zu spät kam. An jedem Wochentag war sie morgens um Viertel vor sechs im Sportstudio und um Viertel vor sieben im Büro – so die eidesstattliche Aussage der Assistentin.

Ich habe sie auf dem Handy angerufen, weil sie noch keinen Festnetzanschluss hatte, aber sie hat sich nicht gemeldet. Das war absolut ungewöhnlich und noch nie zuvor passiert. Ich habe es Meneer Pruis erzählt, und um 09:40 Uhr habe ich die Kanzlei verlassen und bin zu ihrer Wohnung gefahren. Die Tür war geschlossen. Ich bin in die Tiefgarage gegangen und habe ihr Auto dort stehen sehen. Erst um 10:20 Uhr konnte ich den Hausmeister ausfindig machen, doch er weigerte sich, die Wohnung aufzuschließen. Daraufhin habe ich in der Kanzlei angerufen, und Meneer Pruis hat seine Bekannten bei der Polizei eingeschaltet. Gegen 11:00 Uhr sind zwei Polizisten gekommen und haben dem Hausmeister befohlen, die Tür zu öffnen. In der Wohnung haben wir sie tot aufgefunden.

Die beiden Beamten hatten lediglich festgestellt, dass Sloet tot war, die Wohnung wieder verlassen und der Dienststelle Groenpunt den Mord gemeldet.

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