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Sieben Tage im Paradies

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1. KAPITEL

Von Weitem war es nur ein Fleck in der kargen, von Mesquitebüschen bewachsenen Ebene gewesen. Als er näher kam, sah Gabe Benton, dass dort neben dem schnurgeraden Texas-Highway ein Auto stand. Was war da los? Kurzentschlossen hielt er an.

Als er aus seinem Wagen stieg, warf die Frau, die gerade einen platten Reifen wechselte, ihm einen Blick über die Schulter zu. Unter ihrer Baseballkappe schaute ein dicker blonder Zopf hervor. Sie trug Jeans und ein kurzärmeliges Baumwollhemd.

„Probleme?“, erkundigte er sich.

Sie richtete sich auf. „Gabe?“, fragte sie ungläubig.

„Maddie?“

Sein Herzschlag geriet aus dem Takt. Er betrachtete die Frau genauer, deren Stimme ihm geradezu unheimlich vertraut war. Ja, es war Madeline Halliday, und sie sah noch besser aus als damals mit einundzwanzig.

Die Kurven unter ihrer weißen Bluse waren üppig, die Taille schmal, die Beine lang wie in seiner Erinnerung. Beim Anblick ihrer cremefarbenen Haut musste er unwillkürlich daran denken, wie sie nackt in seinen Armen ausgesehen hatte. Sein Puls beschleunigte sich. Sie sah umwerfend aus, heute mehr denn je.

Gabe war verblüfft, wie sehr er sich freute, Maddie zu sehen. Er hatte das Gefühl, sich beherrschen zu müssen, aber dann war er doch mit zwei langen Schritten bei ihr, zog sie in seine Arme und kämpfte gegen das Bedürfnis an, sie leidenschaftlich zu küssen.

Ihre letzte gemeinsame – und sehr angespannte – Woche lag sechs Jahre zurück. Doch jetzt war Maddie ganz offensichtlich wieder in seinem Leben aufgetaucht.

Sie fühlte sich weich und warm in seinen Armen an, und sie duftete verlockend. Als sie die Umarmung kurz erwiderte und sich anschließend von ihm löste, hätte er sie am liebsten sofort wieder an sich gezogen.

„Es ist schön, dich zu sehen“, sagte er. „Du siehst toll aus.“

„Danke.“

„Tut mir leid, das mit deinem Großvater“, fügte er hinzu und blickte in ihre dunklen, von dichten Wimpern umrahmten Augen. Nach ihrer Trennung war Maddie nach Florida gezogen.

„Danke. Und danke für die Blumen, die du geschickt hast.“

„Gut, dass sie dich erreicht haben. Es tut mir leid, dass ich nicht persönlich zur Beerdigung kommen konnte. Ich war Vieh kaufen in Wyoming. Als ich vom Tod deines Großvaters erfahren habe, konnte ich es nicht mehr rechtzeitig nach Hause schaffen.“

„Manche Dinge ändern sich wohl nie. Du reist beruflich immer noch viel durch die Gegend.“ Ihr Lächeln verschwand für einen Moment.

„Heute nicht mehr so viel. Tut mir leid, dass ich nicht da war. Mein Beileid auch zum Verlust deines Vaters. Ich habe erst ein Jahr später davon erfahren.“

„Danke. Es ist jetzt zwar schon drei Jahre her, aber Dads Tod war schwer zu verkraften. Inzwischen hat meine Mom es ganz gut verarbeitet. Zuletzt waren wir zur Beerdigung meines Großvaters hier.“

„Und nun verschlägt es dich knapp drei Monate später wieder hierher?“

„Mom und ich haben die Ranch geerbt. Keine von uns will sie behalten, deshalb bin ich hergekommen, um sie zum Verkauf anzubieten.

„Das ist eine Überraschung. Ich hoffe, du hast es dir gut überlegt.“ Er spürte die gleiche Nähe zu ihr wie früher. „Es ist eine gute Ranch.“

„Wir sind uns sicher. Ich möchte nächste Woche wieder zurück in Florida sein und die Ranch bis Juli verkauft haben.“

Er nahm ihre Hand und sah zu seiner Erleichterung, dass sie keinen Ring trug. „Kein Ehering.“

Erneut lächelte sie. „Dazu hatte ich zu viel Arbeit. Lass mich raten: Du trägst auch keinen.“

Er grinste. „Du kennst mich zu gut. Wirst du hier wohnen?“

„Ja, auf der Ranch, bis alles für den Verkauf arrangiert ist.“

„Ich helfe dir beim Reifenwechseln. Und heute Abend lade ich dich zum Essen ein, dann können wir uns in Ruhe unterhalten.“

Sie schaute auf ihre Uhr. „Ich sollte nicht …“

„Komm schon. Ein Abend mit einem alten Freund.“ Er schaute ihr in die Augen – und stellte fest, dass ihr Blick ihm immer noch weiche Knie bescherte.

„Ich konnte dir nie widerstehen“, sagte sie. „Also schön.“ Sie drehte sich wieder zu ihrem Wagen um, ehe er etwas entgegnen konnte.

Einmal hast du mir schon widerstanden, wollte er sagen, verkniff es sich jedoch. Dass sie wegen dem Ende ihrer Beziehung vor sechs Jahren keinen Groll gegen ihn hegte, machte ihn zuversichtlich. Er freute sich schon auf den Abend mit ihr.

„Wir haben uns aus den Augen verloren“, bemerkte er, während er in die Hocke ging, um den Reifen zu wechseln. „Ich habe gehört, dass du Betriebswirtschaft studiert hast.“

„Ja, ich habe auf die Universität von Florida gewechselt und dort zu Ende studiert. Ich arbeite jetzt für Clirksonie Realty, ein Immobilienunternehmen in Miami.“

„Gefällt es dir?“ Er ließ eine Radschraube in die auf dem Boden liegende Radkappe fallen.

„Sehr. Ich habe viel zu tun. Von dir weiß ich, dass du auf die Familienranch zurückgekehrt bist.“

„Stimmt. In dem Jahr, nachdem du weggegangen warst, verbrachte ich immer mehr Zeit dort. Letztes Jahr habe ich mich ganz dorthin zurückgezogen. Ich fühlte mich in meinem Job nicht mehr wohl und wollte etwas anderes machen. Vielleicht weil das Leben hier ohne dich nicht mehr dasselbe war.“ Er grinste schief.

Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass du deinen Job in Dallas gegen die Ranch eingetauscht hast. Aber davon hast du ja immer geredet. Ich bin froh, von hier weggekommen zu sein. Die Arbeit auf einer Ranch ist hart.“

„Nicht, wenn man es liebt. Wenn ich mich recht entsinne, wolltest du schon immer weg von hier. Für mich ist das nur schwer nachvollziehbar. In Miami ist es bestimmt nicht so friedlich wie hier.“

„Darüber kann man streiten“, konterte sie. „Der Ozean kann sehr friedlich sein, finde ich. Und ich liebe den Strand. Ich mag aber auch das Lebendige einer Großstadt. Miami, Houston, Dallas – ich finde sie alle aufregend. Es überrascht mich, dass dir dein Büro nicht fehlt.“

Er zuckte die Schultern. „Manchmal schon. Deine Großeltern leben in Miami, stimmt’s?“

„Ja, die Eltern meiner Mom. Sie sind beide noch dort und meine Mom auch. Wir wohnen alle nah beieinander, und das gefällt uns.“

In der folgenden Stille, während er den platten Reifen wechselte, musste Gabe an das Ende ihrer Beziehung denken. Er hatte nichts Ernstes gewollt. Als sie mit ihm Schluss gemacht hatte, weigerte sie sich, ihm den Grund zu nennen. Zu dem Zeitpunkt drehte sich ihre einzige Meinungsverschiedenheit um seine Entscheidung, vorübergehend einen Posten in Nigeria anzunehmen, wohin seine Firma ihn schicken wollte, statt bei ihr in Texas zu bleiben.

Während er sich in Nigeria aufhielt, hatte er dann von ihrem Umzug nach Florida erfahren. Soweit er wusste, war sie nur das eine Mal zur Beerdigung ihres Großvaters nach Texas zurückgekehrt.

Er richtete sich auf und klopfte sich die Hände ab. „Das wär’s“, verkündete er und trug den platten Reifen zu ihrem Kofferraum. „Du hast dir wohl irgendwo einen Nagel eingefahren.“

„Wahrscheinlich. Dabei ist dies ein nagelneuer Mietwagen aus Dallas. Ich habe ihn am Flughafen abgeholt. Mit einem Platten habe ich überhaupt nicht gerechnet. Aber ich habe die Vermietung angerufen. Sie schicken morgen einen Ersatzwagen und nehmen den hier wieder mit.“

„Das ist gut.“

„Danke für deine Hilfe.“ Sie hatte die Baseballkappe zurückgeschoben, und blonde Haarsträhnen umrahmten ihr Gesicht.

„Ich freue mich, dich wiederzusehen. Um sechs Uhr hole ich dich auf der Ranch deines Großvaters ab.“

„Einverstanden. Noch mal danke, Gabe.“

Er hielt ihr die Tür auf und ließ den Blick über ihre Figur gleiten, als Maddie einstieg. Nachdem er die Tür zugeworfen hatte, lehnte er sich ins offene Fenster. „Ich freue mich, dass du zurück bist.“

„Nur für kurze Zeit“, erwiderte sie ernst.

„Ich werde dich dazu bringen, dass du länger bleibst“, erklärte er und musste feststellen, dass er das tatsächlich wollte.

„Du bist immer noch genauso von dir selbst überzeugt wie früher“, meinte sie. „Noch etwas, das sich nicht verändert hat.“

„Ich werde dafür sorgen, dass du gern länger bleibst“, sagte er lächelnd, doch sie sollte wissen, dass er es ernst meinte. „Bis bald.“ Er trat vom Wagenfenster zurück, und sie startete den Motor.

Auf der Heimfahrt musste er ständig an Maddie denken. Er erinnerte sich an Sommerabende mit ihr. Und mehr … Nachdem sie fortgegangen war, hatte es eine Weile gedauert, bis er sich eingestehen konnte, wie sehr er sie vermisste. Er hatte immer damit gerechnet, dass sie eines Tages zurückkommen würde, aber das war nie geschehen. Bis jetzt.

Sechs Uhr. Hätte sie sich bei ihm gemeldet, damit er wusste, dass sie wieder in Texas war? Vermutlich nicht. Umso mehr freute er sich auf den Abend mit ihr.

Sein Ranchhaus kam in Sicht. Er hatte es eine Meile entfernt vom Familiensitz, dem Haus seines Bruders, bauen lassen. Jake hielt sich gelegentlich auch gern auf der Ranch auf, sie besaßen beide Anteile.

Gabe betrachtete sein großes Haus. Die Haupteingangshalle und ein Seitenflügel waren fertig. Am anderen Flügel wurde noch gearbeitet. Das Dach des Hauses neigte sich über eine Veranda, was dem Gebäude ein altmodisches Aussehen verlieh, das, wie er fand, zu ihm passte. Jedes Mal wenn er sein Haus sah, verspürte er ein Gefühl der Zufriedenheit, was ihn fast vergessen ließ, dass er Dallas manchmal vermisste.

Er parkte hinter dem Gebäude und eilte in die Küche, um nachzuschauen, was an Lebensmitteln da war, denn er hatte beschlossen, Maddie nicht auszuführen. Sie würde doch nur überall auf alte Freunde stoßen, und er würde keine Zeit mit ihr allein verbringen können. Früher war sie lebensfroh und liebevoll gewesen. Er fragte sich, wie sehr sie sich in den vergangenen sechs Jahren verändert hatte.

Er selbst hatte sich auf jeden Fall verändert. Früher war er an einer ernsten Beziehung nicht interessiert gewesen, auch nicht mit Maddie. Doch seit dem vergangenen Jahr dachte er immer öfter über das Heiraten nach. Die langen einsamen Abende auf der Ranch gefielen ihm immer weniger.

Sein Bruder und dessen Freunde waren inzwischen alle verheiratet und schienen glücklicher denn je zu sein. Auch sein engster Freund, Luke Tarkington, hatte letztes Jahr geheiratet, weshalb Gabe ihn immer seltener sah.

Er war jetzt in den Dreißigern und spürte eine wachsende Unruhe, den Wunsch, eine Familie zu gründen. Nur gab es keine Frau, mit der er das wollte.

Jetzt war Maddie wieder da. Er kam nicht umhin, sich die Möglichkeiten auszumalen.

Als Maddie wegfuhr, hatte sie im Rückspiegel beobachtet, wie Gabe entschlossenen Schrittes zu seinem Wagen ging. Der schwarze Stetson hatte fest auf seinem Kopf gesessen, die Krempe auf die für diesen Teil von Texas typische Weise gerollt. Seine Schultern hatten breiter gewirkt als in ihrer Erinnerung. Sie wusste, dass seine schlanke Figur täuschte, denn er war stärker als viele Männer, die schwerer waren als er.

Etwas in ihr zog sich zusammen, sodass sie das Lenkrad fester umklammerte. Sie konzentrierte sich auf die ebene Straße, über der die Luft in der Nachmittagshitze flimmerte. Sie war sich der Tatsache bewusst, dass Gabe nicht weit hinter ihr fuhr. Als sie zur Halliday-Ranch abbog, winkte sie ihm noch einmal zu.

Heute Abend würde sie mit ihm essen.

Als sie ihn beim Radwechseln hinter sich entdeckt hatte, war ihr fast das Herz stehen geblieben. Er war noch immer der attraktivste Mann, dem sie je begegnet war. Eigentlich hatte sie ihm während ihres Aufenthaltes hier aus dem Weg gehen wollen. Zumindest hatte sie nicht vorgehabt, viel Zeit mit ihm zu verbringen. Dafür gab es zu viel Ungeklärtes zwischen ihnen.

Seit ihrer Kindheit waren sie miteinander befreundet gewesen, und später war dann mehr daraus geworden. Manchmal wünschte sie, sie hätte ihm ihr Herz nicht geöffnet. Aber dann hätte sie heute Rebecca nicht. Und sie wüsste nicht, wie es wäre, Gabe zu lieben.

Die Erinnerung an den letzten Sommer mit ihm schmerzte sie immer noch. Während sie über die Zukunft stritten, hatte sie den Schock ihres Lebens bekommen. In der Woche vor Gabes Abreise nach Nigeria hatte sie erfahren, dass sie von ihm schwanger war.

Der Schock war allerdings rasch der Freude darüber gewichen, dass sie tatsächlich ein Kind von ihm erwartete. Seit ihrem achten Lebensjahr war Gabe ein Teil ihres Lebens gewesen, und sie liebte ihn schon fast genauso lange. Die Nachricht war also ein Grund zur Freude. Ein Kind würde eine lebenslange Verbindung zwischen ihnen bedeuten.

Doch als ihr klar wurde, dass sie das Baby vor ihm geheim halten musste, war sie am Boden zerstört gewesen. Aber es war besser so, für sie beide. Gabe war noch nicht bereit für die Verantwortung, Vater zu sein, ebenso wenig für eine feste Beziehung. Auch heute noch war Maddie davon überzeugt, dass es für ihn katastrophal gewesen wäre, die Wahrheit zu erfahren. Sie selbst hatte sich durch ihr Schweigen ein Leben auf der Ranch erspart – schon damals hatte sie sich eine andere Zukunft gewünscht.

Als sie den vertrauten Weg zu dem Haus entlangfuhr, in dem sie aufgewachsen war, versuchte sie das leise Gefühl zu ignorieren, das sie bei der Begegnung mit Gabe überfallen hatte.

Bei seinem Anblick hatte sie sofort feuchte Hände bekommen, und das Atmen war ihr schwergefallen. Wie konnte er nach all den Jahren noch eine solche Wirkung auf sie haben?

Erinnerungen daran, ihn zu lieben und in seinen Armen zu liegen, quälten sie. Erinnerungen, die sie im Lauf der Jahre zu vergessen versucht hatte. Doch jetzt, wo sie ihn wiedergesehen hatte, kamen sie so lebendig zurück, als sei all das erst gestern geschehen.

„Ich werde mich nicht noch einmal mit dir einlassen“, flüsterte sie, wohl wissend, dass sie in gewisser Weise immer mit ihm verbunden sein würde. Schließlich gab es Rebecca. Und ein einziger Blick in seine blauen Augen hatte genügt, damit sich die Jahre wie weggeblasen anfühlten. Würde sie ihn heute noch lieben können?

Während sie darauf zufuhr, betrachtete sie das große Holzhaus, das seit Generationen ihrer Familie gehörte. Zwar war sie hier glücklich gewesen, aber ganz zurückkehren wollte sie trotzdem nicht. In Miami, der Großstadt, die sie liebte, besaß sie ein tolles Haus mit einer großen Terrasse und Blick aufs Meer.

Als sie aus dem Wagen stieg, rief jemand ihren Namen. Ein großer Mann mit braunen Haaren kam auf sie zugelaufen. „Maddie, willkommen zu Hause!“

„Danke, Sol. Du hast dich gar nicht verändert“, begrüßte sie den Vorarbeiter und umarmte ihn.

„Bin älter geworden. Schön, dass du wieder da bist.“ Grinsend schob er sich seinen Cowboyhut in den Nacken. „Wie geht’s deiner Mom?“

„Gut. Meinen Großeltern auch.“

„Du hättest deine Mom mitbringen sollen. Grüß sie von uns allen.“

„Mach ich. Ich bin bloß kurz geschäftlich hier, dann muss ich zurück zu meinem Job in Florida. Deshalb bin ich allein gekommen.“

„Warte, ich trage deine Sachen.“ Sol hob ihre Taschen aus dem Kofferraum. „Die Ranch läuft gut. Wann wirst du jemanden einstellen, der sich um alles kümmert?“, erkundigte er sich auf dem Weg zum Haus.

„Ich habe heute Nachmittag einen Termin in Lubbock mit einem Makler. Morgen treffe ich mich mit einem Makler aus Fort Worth, und dann habe ich noch eine Verabredung mit einem Vertreter eines Maklerbüros in Dallas. Ich bin froh, dass du einen neuen Job gefunden hast, der dir gefällt.“ Sie betraten das Haus durch einen Seiteneingang, und Maddie schaltete die Alarmanlage aus. Drinnen roch es muffig.

„Es fällt mir schwer, die Ranch zu verlassen, aber das Leben ändert sich“, sagte Sol. „Seit dem Tod deines Großvaters ist es hier ohnehin nicht mehr wie früher.“

„Das weiß ich. Es ist nett von dir, dass du so lange bleibst, wie ich dich brauche. Ich hoffe, die Ranch schnell verkaufen zu können, so wie sie ist.“

„Ich habe es schon allen erzählt. Hier arbeiten jetzt nur noch wenige Leute. Die meisten Helfer haben anderswo Jobs gefunden, manche wollen allerdings erst weiterziehen, sobald die Ranch verkauft ist.“

„Danke, das weiß ich zu schätzen“, sagte Maddie. „Stell die Taschen hier unten an der Treppe ab. Ich trage sie nachher selbst hinauf.“

„Ich bringe sie in dein Zimmer“, beharrte er und ging an ihr vorbei, die Treppe hinauf.

„Möchtest du einen Kaffee?“, rief sie ihm hinterher. „Ich koche schnell welchen.“

„Danke. Den trinke ich später, wenn das in Ordnung ist. Jetzt muss ich zurück an die Arbeit.“

Sie ging in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen, und folgte ihm zur Hintertür. „Vielen Dank, dass du mein Gepäck ausgeladen hast. Ich weiß nicht, wie lange alles dauern wird, aber ich hoffe, es diese Woche zu schaffen und dann nach Florida zurückkehren zu können.“

„Die Männer wollen sicher Hallo sagen, aber die meisten sind im Moment irgendwo draußen unterwegs. Es ist schön, dass du wieder hier bist, wenn auch aus einem traurigen Anlass.“

„Noch mal danke“, sagte sie zu dem Mann, der seit ihrem zweiten Lebensjahr Vorarbeiter auf der Ranch gewesen war. Nachdem er gegangen war, lief sie nach oben in ihr altes Zimmer mit den weißen Möbeln und den Rüschenvorhängen. Vom Fenster aus blickte man auf die hohen Eichen vor dem Haus, die ihr Großvater vor etlichen Jahren gepflanzt hatte.

Sie betrachtete ihr Himmelbett und sah sich und Gabe darin, wie sie sich liebten, damals in dem Sommer, als sie einundzwanzig geworden war. Und dann dachte sie an das Resultat dieses Nachmittags. Rebecca. Es war schwer einzuschätzen, wie Gabe heute auf die Nachricht reagieren würde. Wahrscheinlich genauso, wie er vor sechs Jahren reagiert hätte.

Gabe war niemals für jemand anderen als für sich selbst verantwortlich gewesen. Er war sehr reich, ein Millionär. Maddie hatte oft mit ihrer Entscheidung gehadert, war letztlich jedoch immer wieder zu dem gleichen Schluss gelangt: Es war für sie und Gabe besser, ihrem Kind Aufregung und Unglück zu ersparen. Deshalb musste Rebecca ein Geheimnis bleiben.

Ein Ziehen tief in ihr machte sich bemerkbar, und Maddie schauderte. Für einen Moment schloss sie die Augen, als könne sie damit auch die Erinnerungen an Gabe ausschließen. Doch dann riss sie sich zusammen und beschäftigte sich mit dem Auspacken ihrer Sachen. Kurz darauf musste sie sich auch schon für ihren Termin beim Makler in Lubbock vorbereiten.

Bevor sie sich auf den Weg machte, rief sie zu Hause an. Zuerst sprach sie mit ihrer Mutter, anschließend lauschte sie der hellen Stimme ihrer Tochter.

„Du fehlst mir, Mommy“, sagte Rebecca.

„Du mir auch“, versicherte Maddie ihr. Sie war nur ungern von ihrer Tochter getrennt, besonders über Nacht. Jetzt sah sie Rebeccas braunes schulterlanges Haar förmlich vor sich und die blauen Augen, bei deren Anblick Gabe sofort Bescheid wissen würde. „Du fehlst mir ganz schrecklich“, sagte sie.

„Komm nach Hause.“

„Sobald ich kann. Grandma ist bei dir, und sie hat mir erzählt, dass ihr beide Plätzchen backt.“ Sie setzte sich gemütlich in ihrem Schaukelstuhl zurecht und telefonierte weitere zwanzig Minuten mit ihrer fünfjährigen Tochter. Danach verabschiedete sie sich von Rebecca und sprach noch mit ihrer Mutter.

Nachdem Maddie das Telefonat beendet hatte, betrachtete sie Rebeccas Foto in ihrem Handy und drückte es an ihr Herz. Sie hatte es vor langer Zeit aufgegeben, sich auszumalen, was zwischen ihr und Gabe hätte sein können. Gabe war vor sechs Jahren, als sie sich getrennt hatten, weder für die Vaterschaft noch für die Ehe bereit gewesen, und er würde es vermutlich nie sein. Außerdem gab es da noch ihre eigenen Träume von einer Karriere und einem Leben in der Großstadt. Auf einer Ranch wollte sie jedenfalls nicht versauern.

Maddie seufzte. Es waren diese Art Überlegungen und Erinnerungen, die sie bereits vor ihrer Reise gefürchtet hatte. Insgeheim hatte sie gehofft, Gabe vielleicht gar nicht zu begegnen. Doch wenn sie diese Woche überstanden hatte, würde sie Texas für immer verlassen. Die Gedanken an Gabe würden weniger werden und allmählich verblassen – so wie damals.

Vorher musste sie allerdings noch einen Abend mit Gabe verbringen … Aber sie würde sicher viele alte Freunde treffen und sich dann früh von Gabe verabschieden können. Danach müsste sie ihn nicht mehr wiedersehen. Das war es zumindest, was sie versuchte, sich einzureden …

2. KAPITEL

Gabe ging über die vertraute Veranda der Halliday-Ranch und erinnerte sich daran, wie oft er früher hier gewesen war, um Maddie abzuholen. Als sie jetzt die Tür öffnete, klopfte sein Herz fast genauso heftig wie vor sechs Jahren. Sie trug ein dunkelblaues, knielanges und ärmelloses Kleid. Der tiefe Ausschnitt brachte ihre wundervollen Kurven zur Geltung. Die blonden Haare hatte sie offen gelassen.

Gabe bekam einen trockenen Mund. Erneut fand er, dass sie viel schöner war als mit einundzwanzig. „Du siehst fantastisch aus“, sagte er mit heiserer Stimme.

„Danke. Du siehst selbst nicht schlecht aus“, erwiderte sie, aber es klang eher höflich. „Ich hole nur schnell meine Handtasche, dann bin ich bereit.“

Warum hatte er sie nur nie in Florida besucht? Er wusste noch genau, wie verbittert sie nach ihrer Trennung gewesen war, doch nun stiegen jede Menge Erinnerungen an die guten Zeiten in ihm auf. Er war immer gern mit ihr zusammen gewesen. Schon seit ihrem achtzehnten Lebensjahr war sie eine Schönheit gewesen, aber jetzt sah sie einfach atemberaubend aus.

Er atmete einen exotischen Duft ein, den er nicht identifizieren konnte.

„Ich möchte etwas über die Jahre erfahren, seit ich dich zuletzt gesehen habe“, erklärte er beim Einsteigen in den Wagen.

Sie erzählte ihm von ihrem Job, ihrem Studium in Gainesville, und dass sie in Miami lebte, wo auch ihre Großeltern wohnten. Sie erwähnte ihre Familie kaum, doch aus früheren Gesprächen wusste er, wie viel sie ihr bedeutete.

„Ich bin immer noch überrascht, dass ich dich nur rein zufällig getroffen habe“, sagte er. „Wir hätten in Kontakt bleiben sollen.“

„Uns trennt einfach zu viel … Unsere Wohnorte, unser Lebensstil, unsere Ziele.“

„Wir haben eine Freundschaft, die all das überbrücken kann. Und spürst du nicht immer noch diese Anziehung zwischen uns?“

„Gabe, wo fahren wir eigentlich hin?“ Sie schaute aus dem Seitenfenster, als er den Wagen durch ein Tor lenkte. „Das ist deine Ranch.“

„Richtig. Ich will heute Abend für dich kochen. Wenn ich mit dir in dieser Gemeinde irgendwo essen ginge, würden dich nur den ganzen Abend über Leute begrüßen. Die Männer würden mit dir tanzen und reden wollen. Ich habe keine Lust, blöd danebenzusitzen und mir das anzusehen.“

Sie lachte. „Du bist doch wohl nicht eifersüchtig? Ich weiß jedenfalls, dass du dich nie langweilst.“

„Vielleicht kann ich es sein.“

„Was? Gelangweilt oder eifersüchtig?

„Na ja, eifersüchtig“, gestand er in flirtendem Ton. „Du bist hier, und ich will dich ganz allein für mich haben. Die anderen Typen können auf ihre eigene Chance warten, dich mit einem platten Reifen anzutreffen. Ich teile nicht.“

Ihr Lachen klang fröhlich. Er hatte es lange nicht gehört. „Sei nicht albern. Du hast mich sechs Jahre lang nicht gesehen. Du kannst nicht wissen, ob es nicht ein halbes Dutzend Männer in meinem Leben gibt.“

„Gibt es nicht. Hast du mir heute selbst verraten.“ Er grinste. „Und jetzt bin ich wieder in deinem Leben.“

„Du bist noch genauso arrogant wie früher.“

„Du bist eine wunderschöne Frau, bei der ich weiche Knie bekomme. Ich werde dich nicht mehr aus den Augen lassen.“

„Von wegen weiche Knie. Spar dir das.“

„Na schön, vielleicht keine weichen Knie. Aber Herzklopfen.“

„Es reicht! Du trägst ein bisschen dick auf“, beschwerte sie sich.

„Ich erinnere mich nur an die großartigen Zeiten, die wir zusammen hatten.“

„Stimmt, die hatten wir“, bestätigte sie und klang dabei wehmütig.

„Trotzdem höre ich kein Wort von dir, das du mit mir zusammen sein willst oder dich freust, dass ich dich ganz für mich allein will. Oder dass du diesen Abend aufregend findest oder sonst irgendetwas, was ich gern hören würde.“

„Das habe ich alles schon mit achtzehn gesagt, mit neunzehn und mit zwanzig“, konterte sie trocken.

„Aber nicht oft genug. Warum bist du nicht schon früher gekommen, um deinen Großvater zu besuchen?“

„Es gab keinen Grund. Er kam mehrmals im Jahr nach Florida. Manchmal blieb er einen ganzen Monat. Je älter er wurde, umso öfter kam er und umso länger wurden seine Aufenthalte. Mom versuchte ihn dazu zu bewegen, ganz zu uns zu ziehen, aber er wollte nicht weg aus Texas. Wahrscheinlich hatte er die gleiche Einstellung wie du.“

„Ich hätte dich anrufen sollen.“

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