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Sieben Tage am Meer

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Auf dem Weg
  9. Der Engel
  10. Pfefferminz
  11. Mrs. Winterbottom
  12. Der Nackte
  13. Die Rede
  14. Ausnahmetalent
  15. Frau Brunnemeiers Kellerfenster
  16. Der Schwangerschaftstest
  17. Schlechte Beratung
  18. Sex auf dem Wohnzimmerteppich
  19. Eddie would go
  20. Aus den Schluffen kommen
  21. Der Findling
  22. Schnapsidee
  23. Frau Dieffenbach und die Kondome
  24. Auf dem Festland
  25. Auf der Insel
  26. Käsekuchen nach 18 Uhr
  27. Club der Engel
  28. Epilog
  29. Dank an:

Über dieses Buch

Es ruckelt ein bisschen, wenn das Leben in den nächsten Gang schaltet

Seit Schulzeiten sind Gitta, Marlies und Cornelia Freundinnen. Inzwischen sind sie Anfang 50 und ziemlich unzufrieden mit ihrem Leben. Während ihres Mädelswochenendes auf Sylt stoßen sie deshalb ordentlich mit Gin Tonic an und beklagen, was nicht nach Wunsch gelaufen ist: die ausgebliebene Karriere, den unerfüllten Kinderwunsch, den weggelaufenen Ehemann. In der Nacht haben sie eine denkwürdige Begegnung: Ein Engel trägt ihnen auf, dankbar für das Schöne in ihrem Leben zu sein und anderen zu helfen. Am nächsten Morgen sind die drei überzeugt, zu viel getrunken und alles nur geträumt zu haben. Oder etwa nicht?

Manchmal reicht ein anderer Blick auf die Dinge, um ein neues Leben anzufangen – und die Liebe zu finden

Über die Autorin

Ella Rosen wuchs in einem kleinen Dorf in Süddeutschland auf, ging im Winter Ski fahren und träumte immer davon, am Meer zu wohnen. Erst als sie ihren Debütroman Sieben Tage am Meer schrieb, klappte es. Sie wohnt jetzt mit ihrer Familie in Schwerin und weiß: Schreiben kann Wunder bewirken.

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Für meine Mama

Prolog

»Chef, was gibt’s?

Oh, eine neue Aufgabe, wunderbar, ich bin ganz Ohr!

Ja … aha.

Oh, gleich drei?

Ja. Verstehe.

Sie meinen von der härteren Sorte? Okay.

Dann bedeutet das sicher Einsatzstufe vier. Wochenenddienst?

Nachtdienst, natürlich. Sie wollen Vierundzwanzigstundenservice. Ja, habe ich notiert.

Das könnte ein längerer Einsatz werden bei drei …

Ach, tatsächlich? Na, die schnapp ich mir!

Das ist doch unglaublich! Die Menschen heutzutage, ich sag ja immer …

Nein, Sie haben recht, ich sage nichts. Taten statt Worte. Absolut richtig.

Wie viel darf ich denn nachhelfen? Ich meine, kann ich etwas …

Ah ja? Ach. Also gar nicht? Nur die Tür öffnen.

Geht klar.

Geben Sie mir nur noch eben die Koordinaten durch.

Okay, danke.

Sie können sich auf mich verlassen, Chef, wie immer.

Ich berichte!«

Auf dem Weg

Ohne Waschlappen konnte sie nicht verreisen. Auch nicht für ein Wochenende. Das war mal sicher. Gitta schnallte sich entschieden ab und nahm den Haustürschlüssel entgegen, den Michael ihr seufzend reichte. »Ich beeil mich«, versprach sie und verschwand im Haus. Dabei waren sie sowieso schon spät dran. Zum Bahnhof brauchte man zehn Minuten, ohne Ampelpech, und in fünfzehn Minuten fuhr Gittas Zug. Sie würde rennen müssen. Nun, Michael könnte sie am Hintereingang rauslassen. Gleis zwei, gleich links, das müsste zu schaffen sein.

Mit einem fransigen grünen Waschlappen in der Hand, einen schöneren hatte sie in der Eile nicht gefunden, stieg sie wieder ins Auto.

»Das wird verdammt knapp«, sagte ihr Mann und startete dennoch in aller Ruhe den Motor.

»Nun fahr!« Gitta fummelte an der Heizung herum. Es konnte ihr nie warm genug sein. Was hätte sie für eine Sitzheizung gegeben, aber Michael hing an der alten Karre.

»Hast du sonst alles? Ich will nicht noch mal zurückfahren müssen, weil du kein Stück Seife mithast, oder keine Zahnseide oder …«

»FAHR!«

Endlich setzte Michael den Volvo in Bewegung. Er fuhr zügig und sicher.

Gitta knüllte trotzdem aufgeregt ihren Lappen. Noch zwölf Minuten, dann ging ihr Zug, zumindest wenn er pünktlich war. Die blöde Bahn-App ließ sich nicht öffnen, und so konnte sie nicht nachgucken, ob er Verspätung hatte. Ohnehin unwahrscheinlich. Man bekommt nie Verspätung, wenn man sie mal braucht.

»Warum packst du auch immer auf den letzten Drücker?«, fragte Michael, als sie an einer roten Ampel halten mussten.

»Ist das eine rhetorische Frage?«

Er lächelte und nickte dann. Sie kannten sich seit fünfundzwanzig Jahren. Er wusste, dass seine Frau in der richtigen Stimmung sein musste, um eine Tasche zu packen. Gitta plante zwar für ihr Leben gern, konnte aber unmöglich schon einen Abend vorher wissen, was sie am nächsten Tag anziehen wollte und welche Klamotten das Wochenende mit ihr verbringen durften.

Die nächste rote Ampel.

Beide stöhnten. »Wegen deinem Stück Stoff da verpasst du jetzt den Zug. Ich weiß nicht, ob wir das noch schaffen!«

Gitta sah nervös auf die Uhr im Auto, dann auf ihre Armbanduhr und schließlich auf ihr Handy. Keines der Zeitmessgeräte konnte sie beruhigen. »Ich hab dir Lasagne eingefroren. In der zweiten Schublade, im Gefrierfach. Und es ist auch noch Suppe da, von gestern. Wenn du dir die warm machst, kannst du dir noch etwas Petersilie reinschneiden. Steht neben der Spüle. Die puschelige Pflanze …«

»Ich weiß, wie Petersilie aussieht.«

»Vergiss nicht, die Spülmaschine abends anzustellen, sonst hast du morgens keinen Milchschäumer. Oder du spülst ihn von Hand. Das musst du aber gleich nach dem Benutzen machen, sonst geht das so schwer.«

Michael ließ sie reden. Er konnte gut kochen und brauchte weder eingefrorene Lasagne noch Petersiliennachhilfe. Doch irgendwohin musste Gittas Fürsorge ja, und es gab schließlich nur ihn. Wie so oft fragte er sich, ob Gitta nicht eine zu fürsorgliche Mutter gewesen wäre. Wie viele Freiheiten hätte sie einem Sohn oder einer Tochter zugestanden? Hätte ihr Kind jemals ohne Tupperware voller Essen das Haus verlassen dürfen? Müßig, darüber nachzudenken, das Schicksal hatte sie beide nicht als Eltern vorgesehen.

Noch zwei Minuten, als sie endlich am Bahnhof ankamen. Für einen Abschiedskuss oder einen Dank blieb keine Zeit.

»Renn!«, rief er ihr nach, als sie mit wehender Jacke auf den Eingang zueilte, den kleinen Koffer hinter sich herzerrend wie einen dicken, unwilligen Hund.

Der Zug setzte sich in Bewegung, sobald sie drin war. Schwer atmend ließ sich Gitta auf den nächstbesten Sitz fallen und zerrte ihren Koffer neben sich. Es war voll. Eigentlich hätte sie ihren Koffer in die Gepäckablage quetschen müssen, um nicht den Sitzplatz neben sich zu blockieren, aber sie hatte keine Lust auf einen Sitznachbarn.

Ein dünner, offensichtlich schüchterner Mann näherte sich mit einem Seesack. Er schaute auf sein Ticket, dann auf die Anzeige über ihrem Sitz, dann wieder auf sein Ticket.

Mist, dachte Gitta, die mit einem Blick sah, dass ihr Platz reserviert war. Eigentlich musste sie nun aufstehen, dem Mann seinen Platz am Fenster überlassen, den Koffer nach oben wuchten und sich dann auf den Platz am Gang setzen. Stattdessen sah sie stoisch aus dem Fenster. Eine dunkle Wolke zog am Himmel auf. Das Weichei würde es sicher nicht wagen, sie anzusprechen. Zur Sicherheit sendete sie so unfreundliche Bleib-mir-bloß-weg-Signale, wie sie nur konnte.

Der Dünne lief unschlüssig auf und ab. Sah immer wieder hilflos zu ihr herüber und sagte schließlich ganz leise: »Entschuldigung …«

Gitta tat, als hätte sie ihn nicht gehört, und steckte sich ihre Kopfhörer in die Ohren, um die Hürde für ihn noch größer zu machen. Er würde sie jetzt schon berühren müssen, und auch das würde sie erst mal ignorieren.

Ratlos schaute der schüchterne Mann auf das volle Abteil vor ihm. Er unternahm noch einen Versuch und sagte diesmal sein »Entschuldigung« für seine Verhältnisse wahrscheinlich laut, aber Gitta rührte sich auch jetzt nicht. Dafür schauten ihn einige andere Passagiere an, was ihm sichtlich unangenehm war. Mit einem Seufzen raffte er seinen Seesack und ging durch die vollen Sitzreihen in den nächsten Waggon.

Gitta, die keinen Platz reserviert hatte, lächelte. Jetzt saß sie auf zwei Plätzen und hatte die Reservierungsgebühr gespart, besser ging es doch gar nicht. Sie zog ihre Schuhe aus und verstaute endlich den grünen Waschlappen in ihrem Koffer. Das Wochenende konnte kommen!

Noch 134 Kilometer bis zum Autozug. Marlies fand, sie habe sich eine Pause verdient. Am nächsten Rastplatz würde sie rausfahren. Das kleine MINI Cabrio fuhr sich so gut. So ein Auto hatte sie schon immer haben wollen, aber bis vor Kurzem war Frank immer das schicke Auto gefahren und ihr war die Familienkutsche geblieben, die die Familie wegen der drei Kinder einfach gebraucht hatte. Jetzt war Frank in seinem schicken Auto über alle Berge, mit einer Dreißigjährigen.

Der Gedanke trieb ihr immer noch Tränen in die Augen. Sein Anwalt war widerlich großzügig gewesen. Sie und die Kinder sollten ja gut versorgt sein. Was für ein Witz! Die Kinder waren inzwischen aus dem Haus. Nur die alte Katze ihrer mittleren Tochter lebte noch mit ihr in dem nun zu großen, verwaisten Haus und legte überall ihr Fell ab, als würde sie verzweifelt versuchen, die vielen leeren Räume zu füllen. Marlies war seit der Trennung so wenig wie möglich dort. Irgendwann würde sie das Haus verkaufen. Bis dahin tröstete sie sich mit dem MINI Cabrio. Das Verdeck war jetzt allerdings geschlossen. Ihre Freundinnen und sie hatten auf ein goldenes Oktoberwochenende gehofft, als sie sich verabredet hatten. Nun ja, vielleicht wurde das ja noch. Bis jetzt war der Himmel ein düsteres Versprechen. Es war windig und sah nach Regen aus.

Marlies hatte sich das MINI Cabrio richtig eingerichtet. Nach so vielen Jahren mit Familienkutsche, inklusive Kekskrümeln in allen Ritzen und Kinder-CDs in der Mittelkonsole, war es ihr ein Bedürfnis gewesen, in ihr neues Auto etwas Persönliches zu packen: eine Michael-Jackson-CD – Frank hatte Michael Jackson gehasst –, antibakterielles Gel und eine Handcreme, Taschentücher mit Aloe Vera und – darauf war sie besonders stolz – verschiedene sorgfältig ausgewählte Lippenstifte in ihren Lieblingsfarben. Blieb abzuwarten, wie sie den Winter überleben würden. Vielleicht wäre es klug, ihnen ein flauschiges Täschchen zu kaufen, das sie etwas vor der Kälte schützte.

Sie parkte auf dem Rastplatz und entschied, schnell einen Kaffee trinken zu gehen. Weil sie hatte keine Lust hatte, den Kofferraum zu öffnen und sie herauszukramen, verzichtete Marlies auf ihre Jacke.

In der Raststätte war es auch nicht richtig warm. Marlies zog verärgert die Schultern hoch. Vermutlich wollte der Besitzer die Heizkosten sparen. Missmutig stellte sie sich an einer Theke an und bestellte einen Latte Macchiato. »Groß«, bestimmte sie.

Die Bedienung, ein Typ mit Mütze, hatte heute offensichtlich ihren ersten Tag. In Zeitlupe bediente er die Kaffeemaschine. Seine Finger fuhren suchend über die Knöpfe. Er zögerte lange, bis er endlich einen drückte. Es passierte nichts. Er hatte wohl den falschen erwischt. Erneut fing er an, mit den Fingern suchend die Knöpfe abzufahren.

Marlies seufzte ungeduldig. Sie hatte es zwar nicht eilig, aber ihr war kühl, und sie brauchte jetzt wirklich ein heißes Getränk. Als der Mann ihr endlich den Kaffee reichte und sich an die nächste Kundin wandte, war er lauwarm.

»Das ist nicht Ihr Ernst, oder?«, herrschte sie ihn an. »Sie können mir doch keinen kalten Kaffee verkaufen!«

»Oh, das tut mir leid!« Der junge Mann war sichtlich bestürzt. »Das … Das ist sicher die Milch, die krieg ich nie richtig heiß –«

»Wenn Sie nicht in der Lage sind, Ihren Job anständig zu machen, sollten Sie hier nicht arbeiten!« Marlies reichte ihm angewidert das lauwarme Getränk zurück.

»Ich mache Ihnen sofort einen neuen. Entschuldigen Sie bitte!«

Irgendetwas an seiner unterwürfigen Art provozierte Marlies zusätzlich. Dieser Raststellenkaffeeverkäufer tat so scheinheilig freundlich, aber was er dabei dachte, konnte Marlies sich nur zu gut vorstellen. Sicher fand er sie übertrieben pingelig, nur weil sie ihren Kaffee in einer vernünftigen Temperatur haben wollte. Doch damit würde er bei ihr nicht durchkommen. »Ich möchte jetzt sofort mit Ihrem Chef sprechen!«, verlangte sie.

Der Mützentyp wurde blass. »Das ist nicht nötig, ich mache Ihnen schon –«

»Ob das nötig ist oder nicht, entscheide ich. Sie holen jetzt sofort Ihren Chef, oder ich schütte Ihnen Ihren kalten Kaffee über die Mütze!«

Auf dem Rückweg zum Auto öffnete der Himmel seine Schleusen, und die wenigen Meter zu ihrem Cabrio reichten aus, um Marlies von Kopf bis Fuß zu durchnässen. Mit tropfenden Haaren nippte sie an ihrem frischen, heißen Kaffee, den ihr der Restaurantleiter kostenlos überreicht hatte, nachdem er seinen unfähigen Mitarbeiter umstandslos gefeuert hatte.

Kurz hatte ihr der junge Verkäufer ein wenig leidgetan, aber es war nicht ihre Aufgabe, ein gutes Wort für einen unfähigen Mitarbeiter einzulegen. Ihr gönnte schließlich auch keiner etwas, ihr rollte auf dem Arbeitsmarkt nach Jahrzehnten der Kindererziehung auch keiner den roten Teppich aus.

Sie nahm noch einen Schluck und verbrannte sich die Zunge. »Verdammt noch mal!«, schimpfte sie. Dann startete sie den Motor, stellte die Heizung auf volle Pulle und fuhr los. Das Wochenende konnte jetzt eigentlich nur besser werden.

»Für mich nichts mehr, danke.« Ungeduldig winkte Cornelia die Stewardess weiter. Sie wollte keinen Orangensaft und auch kein zweites Wasser. Sie sollten sie einfach alle in Ruhe lassen, damit sie noch ein wenig ihre Wunden lecken konnte, bevor das Wochenende mit ihren Freundinnen begann. Die kleine Maschine würde bald landen.

Sylt! Warum hatte es unbedingt Sylt sein müssen? Cornelia wäre lieber in die Eifel gefahren, aber Gitta hatte die Insel als Reiseziel ausgesucht, und wenn sich ihre Freundin etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann konnte nur ein sehr willensstarker Mensch sie davon abhalten. Doch solche Menschen gab es im Leben ihrer Freundin nur sehr wenige, und auch Cornelia kam nicht gegen Gitta an. Dabei war Sylt genau das, was sie jetzt am allerwenigstens brauchen konnte: windiges, karges Land, besiedelt von lauter erfolgreichen, reichen Menschen, die fette Karrieren vorzuweisen hatten.

Sie knautschte ihren Plastikbecher zusammen, bis er tiefe Risse hatte. Genau so fühle ich mich, dachte sie. Sie hatte so gehofft, dass ihr Auftritt in München ein Erfolg werden würde. Und sicher, das Publikum hatte ihre Musik gemocht. Das Publikum mochte sie fast immer. Leider bestand es aber immer nur aus einer sehr geringen Anzahl von Leuten. In dem kleinen Club waren es gerade einmal zwölf gewesen. Zwölf Gäste, die sich mehr oder weniger zufällig in ihr Konzert verirrt hatten. Vielleicht hatte auch Klaus, der Veranstalter, ein paar Freunde angerufen, damit sie nicht umsonst sechs Stunden angereist war.

Und jetzt auch noch Sylt, die Insel der Reichen und Schönen. Immerhin hatte sie einen einigermaßen günstigen Flug ergattert. Zurück würde sie mit Marlies fahren können. Wenn Gitta auch mitfuhr, würde sie hinten sitzen müssen – das war schon immer so gewesen –, aber das konnte ja auch ganz gemütlich sein.

Cornelia sah aus dem Fenster, ließ die Gedanken schweifen. Gitta hatte ihnen ein Ferienhaus gebucht. »Mit Kamin«, wie sie mehrfach betont hatte. Da würde sie sich einfach vergraben. Sollten die beiden anderen ruhig im kalten Wind am Meer entlangspazieren. Sie konnte sich das nicht erlauben. Bei dem Wetter war eine Erkältung vorprogrammiert. Schnell steckte Cornelia sich eine Lutschtablette aus isländischem Moos in den Mund. Für eine Sängerin wie sie war die Stimme das Kapital. Kalter Wind war Gift für sie.

Sie zog ihr Halstuch enger. Wie gerne hätte sie im Flugzeug einen Mittelplatz gehabt! Dort erwischte einen die kalte Luft der Klimaanlage am wenigsten, und Klimaanlagen waren noch schlimmer als Wind. Leider gab es in der kleinen Maschine nur Gang- und Fensterplätze. Sie hatte das Fenster gewählt und konnte deshalb jetzt genau beobachten, wie dick die Wolkendecke über der Insel war. Endlos schwebten sie durch dicke weißgraue Fetzen, eine Art Niemandsland. Wie es wohl wäre, hier zu stranden? Keine Termine mehr und keine Enttäuschungen. Aber vermutlich saß auch auf der nächsten Wolke jemand, der besser sang als sie oder, noch schlimmer, nicht besser sang, aber mehr Publikum hatte.

Die Wolkenfetzen lichteten sich. Cornelia erhaschte einen Blick auf die Insel, die aus dieser Perspektive schmutzig graugrün aussah. Keine schönen Laubwälder. Sie seufzte.

Ihre Stimmung besserte sich auch nicht, als sie aus dem Flugzeug stieg. Die Landung war holprig gewesen, die Ankunft am winzigen Flughafen trostlos. Ihr kleiner Koffer kam ihr neben den ganzen teuren Gepäckstücken der anderen Passagiere billig vor, und das war er wohl auch.

Eine halbe Stunde später seufzte Cornelia erneut. Sie hatte den Weg unterschätzt. Google Maps hatte siebenundzwanzig Minuten angezeigt, aber das war wohl die Zeit, die man im Sommer bei einer lauen Brise ohne Gepäck benötigte. Sicher hätte sie auch ihre Freundinnen bitten können, sie vom Flughafen abzuholen, aber sie bat nicht gerne um etwas, und es hatte ihr keiner angeboten. Sicher waren die beiden davon ausgegangen, sie würde sich ein Taxi nehmen. Keine von ihnen verdiente ihr Geld mühsam mit Gesangsunterricht für Kinder an einer Musikschule, die ihre Lehrer ausbeutete.

Sylt würde auch ohne Taxi noch teuer genug werden.

Cornelia hatte die gesamte Strecke Gegenwind, und so tränten ihre Augen, als sie endlich an der Adresse ankam, die Gitta ihr gegeben hatte. Die Gitarre auf ihrem Rücken fühlte sich an, als sei sie aus Blei.

Sie blieb stehen und sah sich um. Hier stimmte doch etwas nicht! Das Haus vor ihr, ein Doppelhaus, war zwar wunderschön. Allerdings war es mit einem Gerüst eingekleidet, und im Vorgarten wurde gerade der Weg zum Haus neu gepflastert. Als sie auf es zuging, hinterließ sie Fußabdrücke auf dem glatt gezogenen Splitt.

Cornelia klingelte.

Vergeblich.

Sie lief einmal um das Haus herum. Der Garten wurde auch neu angelegt. Pflanzen und Blumenzwiebeln standen bereit, außerdem Säcke voller Blumenerde. Eine Schubkarre mit der Aufschrift »Garten und Landschaftsarchitekt Angelo« fiel ihr ins Auge. Aha, hier wurde nicht selbst gepflanzt, man ließ pflanzen!

Weit und breit war niemand zu sehen. Cornelia spähte durch die bodentiefen Wohnzimmerfenster. Das Haus war leer. Mit kalten Händen und laufender Nase zerrte sie ihr Handy heraus, und sie brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass es sich noch im Flugmodus befand. Kaum hatte sie wieder Empfang, plingte ihr eine Nachricht von Gitta entgegen:

Connylein, hatte einen Tippfehler drin, es ist RANDweg, nicht STRANDweg! Bis gleich, haben schon den Kamin an und freuen uns auf Dich!

Zur richtigen Adresse waren es zu Fuß laut Google dreiundfünfzig weitere Minuten.

Cornelia stellte Koffer und Gitarre ab und ließ sich in den Strandkorb sinken. Im nächsten Augenblick sprang sie wieder auf. Was war das denn? Eine Harke, sie hatte sich auf eine kleine, spitze Harke gesetzt! Wer hat die denn so unachtsam rumliegen lassen? Und warum, zum Teufel, war Gitta so unaufmerksam gewesen?

Wenn man eine Adresse weitergibt, muss die doch stimmen, das muss man doch checken!

Jetzt saß sie hier, an einem Haus in den Dünen, das irgendeiner reichen Tussi mit Karriere gehörte, die auch noch vorne und hinten ihr Haus hübsch gemacht bekam, von irgendeinem Gärtner, der seine Harken herumliegen ließ!

Ihr Blick fiel auf einen Korb mit Blumenzwiebeln. Spontan griff sie sich eine Handvoll und feuerte sie, so weit sie konnte, in die Dünen. Sollte die blöde Hausbesitzerin ohne hübsche Frühlingsblumen auskommen!

Die Zwiebeln landeten auf einem Sandhügel und rollten sofort bergab, wobei sie kleine, dünne Spuren im Sand hinterließen. Cornelia nahm noch eine Handvoll Zwiebeln und warf sie jetzt höher auf die Düne, um längere Spuren zu machen.

Es gelang ihr erst nach einigen Versuchen, weil sich die Blumenzwiebeln im Gras verfingen. Als alle geworfen waren, hatte sie immerhin ein paar schöne Spuren geschafft, und Cornelia fühlte sich etwas besser. Es sah aus, als hätte die Düne geweint. Am liebsten hätte sie jetzt noch die Säcke mit Blumenerde aufgeschlitzt und in den Strandkorb geschüttet, aber das wäre wohl etwas zu weit gegangen. Sollten die Leute hier doch auf ihrer dummen Windinsel im Strandkorb sitzen.

Eine letzte Blumenzwiebel hatte sie übersehen. Sie warf sie in die Hecke – und traf den Kopf des Mannes, der plötzlich nahezu lautlos aus der Hecke auftauchte, als sei er ein Geist in Holzfällerhemd und grüner Latzhose.

»Was soll das denn? Was machen Sie da?«

Das musste der Gärtner sein. Nichts wie weg! Cornelia schnappte sich hektisch die Gitarre und ihren Rollkoffer und rannte wie ein Wiesel vom Grundstück.

»›Man erntet eben nicht immer, was man sät.‹ Das hast du gesagt?« Gitta kicherte.

Sie saßen in Jogginghosen auf dem flauschigen Teppich vor dem Kamin und tranken Gin Tonic. Irgendwann vor vielen Jahren, kurz nach dem gemeinsamen Abitur, hatten sie einen feuchtfröhlichen Gin-Tonic-Abend gehabt. Inzwischen war er Tradition. Sie sahen einander nicht regelmäßig, manchmal lagen Wochen oder Monate zwischen ihren Treffen. Doch selbst in den Zeiten, in denen sie sich weiter voneinander entfernt hatten, hatte Gitta die Gruppe immer wieder zusammengetrommelt und ein gemeinsames Wochenende organisiert.

Das von Gitta dieses Mal ausgesuchte Haus war ein hübsches Reetdachhaus mit einer Steinmauer davor, wie sie hier auf der Insel üblich waren. Natürlich fehlte der Strandkorb im Garten nicht, und es gab drei gemütliche Schlafzimmer, eins davon ganz oben unter dem Dach. Hier war Cornelia untergekommen, und sie freute sich, dass sie, obwohl sie als Letzte angekommen war, das schönste Zimmer ergattert hatte.

Draußen stürmte und regnete es, und keine von ihnen hatte das Bedürfnis verspürt, heute noch einmal das Haus zu verlassen. Stattdessen hatten sie sich über Gittas mitgebrachte Vorräte hergemacht und waren ziemlich schnell vor dem warmen, knisternden Feuer gelandet.

So lässt sich sogar Sylt aushalten, dachte Cornelia, die gerade ihr Erlebnis mit den Blumenzwiebeln und dem Gärtner erzählt hatte. Sie hatte es etwas ausgeschmückt und den schönen Satz dazuerfunden. Hätte sie die Zeit und den Mut gehabt, hätte sie schließlich genau das zu ihm gesagt: Man erntet eben nicht immer, was man sät.

»Zu meinem Konzert in München sind nur zwölf Leute gekommen«, gestand sie.

»Ach, dann kommen beim nächsten Mal wieder mehr!« Marlies schenkte ihr noch etwas nach.

Cornelia schüttelte den Kopf. »Es kommt nie richtig viel Publikum. Deshalb wird es auch immer schwerer, noch einen Veranstalter zu finden. Ich werde nie ein zweites Mal gebucht, weil es sich einfach nicht lohnt.«

»Das ist doch mies, du singst so gut«, fand Gitta.

»Das ist auf alle Fälle mal keine Ernte«, stimmte Marlies zu.

»Tja. So ist das eben. Bei mir hat das ganze Säen auch nicht geholfen.« Gitta tauchte die Eiswürfel in ihrem Gin Tonic unter, als versuche sie, sie zu ertränken. »Kein Samen hat mich je befruchtet. Auf natürlichem Weg nicht und mit IVF schon gar nicht.«

Marlies sah sie fragend an. »IVF?«

»In-vitro-Fertilisation. Künstliche Befruchtung. Das brauchst du nicht zu kennen, Marlies. Du bist ja schon schwanger geworden, sobald Frank mit dir im selben Raum war!«

Marlies fühlte sich sofort schuldig, auch wenn sie wusste, dass dies unsinnig war. Als hätte sie mit ihrer übergroßen Fruchtbarkeit verhindert, dass sich die mühsam im Reagenzglas befruchteten Eizellen bei Gitta einnisten konnten! »Mein großartiger Befruchter ist dafür aber über alle Berge, und du hast deinen Michael noch«, verteidigte sie sich.

»Will er mit seiner Neuen eigentlich auch noch Kinder haben?«, erkundigte sich Gitta.

Gute Frage. Darüber hatte Marlies noch gar nicht nachgedacht. Doch so absurd war der Gedanke gar nicht, schließlich war die neue Freundin erst Anfang dreißig.

»Das ist doch nie im Leben von Dauer!«, versuchte Cornelia zu trösten.

Marlies warf ihr einen dankbaren Blick zu. »Und du bekommst sicher auch noch mehr Publikum, du musst einfach durchhalten!«

»Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall«, sagte Cornelia leise. »Ich glaube, ich muss endlich einsehen, dass es mit einer Karriere als Sängerin einfach nichts geworden ist. Es ist doch langsam peinlich, mit über fünfzig noch auf einen Plattenvertrag oder auf volle Häuser zu hoffen. Das wird nicht mehr kommen!« Sie war mit jedem Satz lauter geworden.

»Und ich werde nie im Leben Mutter sein«, sagte Gitta und hob ihr Glas, als hätte sie gerade einen Trinkspruch erfunden.

Marlies hob ebenfalls ihr Glas. »Und ich werde einsam sterben, weil mich mein Mann für eine Jüngere verlassen hat.«

»Auf unser trauriges, unvollkommenes Leben!«, fasst Gitta zusammen.

Die drei stießen an und kippten dann gleichzeitig den Gin Tonic herunter.

Gitta nahm die Gläser von ihren Freundinnen entgegen und ging in die angrenzende offene Küche. Die anderen folgten ihr.

»Ich dachte eigentlich, du bist mit dem Kinder-Thema durch«, sagte Marlies zu Gitta. »Hast du nicht vor sechs Jahren schon gesagt, ihr wolltet es nicht weiter versuchen?«

Gitta nickte, ohne Marlies anzusehen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Gläser. »Entscheidend für den perfekten Gin Tonic sind eine niedrige Trinktemperatur und eine geringe Schmelzwasserabgabe. Hier vor dem Kamin zu trinken ist ganz schlecht. Die Gläser werden viel zu schnell viel zu warm«, sagte sie und schaufelte in jedes Glas einige Eiswürfel, die sie glücklicherweise im Gefrierfach gefunden hatten. Offenbar ein kleines Überbleibsel des Sommers.

Sie ließ die Eiswürfelgläser stehen und stützte sich schwer auf die Arbeitsfläche. »Wir haben es schon vor einer ganzen Weile aufgegeben. Aber man liest ja von so vielen Paaren, die plötzlich noch auf natürlichem Wege ein Kind bekamen, nachdem sie den Wunsch begraben hatten. Das habe ich lange gehofft.«

»Dann hattest du den Wunsch eigentlich gar nicht begraben«, analysierte Marlies. »Wenn du ihn nur begräbst, um dann doch schwanger werden zu können, hast du dich in Wirklichkeit noch immer nicht mit der Realität abgefunden.«

Gitta schüttete mit einer aggressiven Bewegung das Eis aus den Gläsern und füllte eins nach dem anderen zu einem Drittel mit Gin. Dann goss sie langsam das Tonicwater hinzu, füllte neues Eis in die Gläser und garnierte sie mit einer Zitronenscheibe.

»Manche Wünsche lassen sich einfach nicht begraben«, sagte sie, als sie Marlies ein Glas reichte.

»Da hast du recht«, seufzte Cornelia. »Ich hoffe auch jedes Mal aufs Neue. Meine Lieblingsfantasie ist, dass unter den paar Leuten ein Plattenproduzent ist. Inkognito. Nach der Show kommt er auf mich zu und bietet mir einen Vertrag an. Einfach so, weil er mich brillant findet und seit Jahren auf der Suche nach genau so einer Stimme war.«

»Sieht er gut aus?«

»Wer?«

»Na, dein Plattenproduzent?«, Gitta grinste und nippte von ihrem kalten Getränk.

Marlies dirigierte die Freundinnen mit einer Kopfbewegung zurück zum Kamin, wo sie es sich auf dem flauschigen Teppich bequem machten.

»Keine Ahnung. Ist das wichtig?«

Gitta verdrehte die Augen. Diese Frage war einfach typisch für Cornelia. »Mit der Einstellung findest du nie einen Kerl!«, sagte sie.

»Will ich ja auch gar nicht.« Cornelia schaute beleidigt in ihr Glas. Wie oft musste sie diese blöden Bemerkungen noch über sich ergehen lassen! Als wäre allein zu leben ein großer Makel, den man umgehend beheben müsste. »Ich brauche keinen gut aussehenden Plattenproduzenten. Ich brauche überhaupt einen. Meinetwegen kann er klein und dick sein und eine Glatze haben. Wäre mir total egal!«

»Ob es Frank ärgern würde, wenn ich mit deinem kleinen dicken Produzenten zusammen wäre? Oder würde es ihn mehr ärgern, wenn ich so einen George Clooney hätte?«, überlegte Marlies laut.

»Michael wird auch immer dicker«, sagte Gitta düster. »War wahrscheinlich ein Fehler, dass ich ihm auch noch Lasagne eingefroren habe. Ich hätte ihm Gemüse machen sollen. Ist besser für die Spermienqualität. Aber das schmeckt nicht so, wenn man das wieder auftaut. Also, das Gemüse, mein ich jetzt.«

Marlies seufzte. »Ach, Gitta!«

Alle drei starrten ins Feuer. Jede war in ihre eigenen Gedanken versunken.

Später machten sie laute Musik an und tanzten. Cornelia sang laut mit und fand ihre Stimme großartig. So eine Verschwendung an Talent, dachte sie.

Gitta tanzte mit erhobenen Armen und geschlossenen Augen. Marlies hatte Mühe, sich alleine zu dem Rhythmus zu bewegen. Früher hatte sie gerne und viel mit Frank getanzt. Allein zu tanzen fühlte sich für sie an, als sei sie nackt.

Gitta verbrauchte den kompletten Eisvorrat und mixte einen Drink nach dem anderen.

Jedes Mal stießen sie auf ihr trauriges und unvollkommenes Leben an.

Letztlich schaffte es niemand die Treppe hoch in sein Bett. Marlies schlief auf dem Sessel, Gitta rettete sich auf das Sofa, sodass Cornelia nur der flauschige Teppich blieb.

Das verkannte Talent schläft auf dem Boden, dachte sie noch, bevor sich alles zu drehen begann.

Der Engel

Am nächsten Morgen war der Himmel blau, und weiße Wolkenfetzen flitzen an ihm entlang wie Eisschnellläufer. Nach ihrem alkoholgeschwängerten Abend waren die drei erst nach zwei Aspirin und einigen Gläsern Wasser überhaupt in der Lage gewesen, sich stöhnend von Marlies in ein Café fahren zu lassen.

»Hier gibt es wirklich ein Katerfrühstück?«, fragte Cornelia nach einem Blick in die Karte.

»Hast du das gewusst?« Marlies versuchte, Gitta anzusehen, ohne dabei allzu schnell den Kopf zu drehen.

»Man muss auf alles vorbereitet sein«, antwortete Gitta nicht ohne Stolz in der Stimme. Sie hatte zu Hause sehr viel über Sylt recherchiert und sich lange Listen geschrieben, wo man etwas essen und trinken konnte. Das Katerfrühstück war ganz oben auf ihrer Liste gelandet. Das Café war groß, und man saß in dicken, sesselartigen Stühlen.

»Ich mag keinen Rollmops«, sagte Cornelia leise.

»Bestell ihn trotzdem. Der hilft!«, riet Marlies.

Erst nach ihrem Katerfrühstück – zwei Flaschen stilles Wasser, sechs Latte Macchiato und ein geteiltes Rührei – wurden die Freundinnen langsam gesprächiger.

»Ihr glaubt nicht, was ich geträumt habe!« Gitta beugte sich langsam nach vorne. Ihren Kopfschmerzen war immer noch nicht zu trauen.

»Ich hatte auch einen irren Traum!«, sagten Marlies und Cornelia gleichzeitig.

Die drei sahen einander abwartend an. »Du zuerst«, sagte Marlies schließlich ritterlich, obwohl auch sie darauf brannte, den anderen von ihrem Traum zu erzählen.

»Ich hab geträumt, wir drei wären heute Nacht von einer Lichtgestalt geweckt worden. Das war so ein Körper, der von innen heraus leuchtet«, begann Gitta.

Marlies und Gitta starrten sie an.

»Jedenfalls hat dieser Leuchtemann behauptet, er sei ein Engel …«

»Engel oder nicht, wie sind Sie bitte hier reingekommen?!« Gitta richtete sich mühsam auf.

»Könnten Sie vielleicht ein kleines bisschen weniger leuchten? Das blendet wirklich sehr!«, bat Marlies und schirmte ihr Gesicht mit einem Kissen ab.

Die Lichtgestalt seufzte, verringerte aber tatsächlich ihre Wattzahl. Er strahlte allerdings immer noch genug, sodass man nicht erkennen konnte, wie er eigentlich aussah. Er hatte eine männliche Gestalt, war durchschnittlich groß und wäre ohne das überirdische Leuchten eine ganz und gar unauffällige Person gewesen. »So, meine Damen, dann fangen wir mal an. Conny, ich darf dich doch Conny nennen, oder?«

Cornelia nickte stumm.

»Du findest es also eine schreiende Ungerechtigkeit, dass es mit deiner Sangeskarriere nicht so läuft, wie du dir das wünschst, stimmt’s?« Der Engel wartete keine Antwort ab. »Alles misst du an deinen Misserfolgen. Du hast überhaupt keine Augen mehr für das, was gut läuft in deinem Leben!«

»Das stimmt. Das hat sie nicht!«, mischte Marlies sich ein.

»Und du, liebe Marlies.« Die Lichtgestalt wandte sich an sie. »Du bist keinen Deut besser! Von dir kommt bei uns auch nur Gejammer an. Frank hier und Frank da! Du sitzt in einem teuren Haus und fährst ein schickes kleines Auto, und alles, was ich höre, ist ›näg, näg, näg‹!«

Er wedelte mit den Armen. Gitta fand ihn ziemlich unfreundlich. Durften Engel einen derart nachäffen?

»Ich darf noch ganz andere Sachen!«, antwortete der Engel und drehte sich zu ihr. »Gitta, warum freust du dich nicht an deiner schönen stabilen Beziehung mit Michael? Warum konzentrierst du dich stattdessen auf deinen Hass auf alle Frauen, die dir mit Kindern entgegenkommen?«

»Das, mein lieber Strahlemann, ist ganz leicht zu beantworten«, sagte Gitta mit zusammengebissenen Zähnen. »Weil dein Chef irgendetwas gegen mich hat! Ich wäre eine gute Mutter! Zumindest eine sehr viel bessere als die ganzen Frauen, die nicht richtig verhüten und, zack, ein Kind nach dem anderen bekommen, ohne zu begreifen, was für ein Geschenk das ist! Da wird dann noch rumgejammert, dass sie keine Zeit mehr für sich selbst haben und was Kinder alles kosten und –«

»Sehr, sehr gut Gitta, dann siehst du ja, wie es uns den ganzen Tag geht! Genau das meine ich: Ihr Menschen seid so beschäftigt zu jammern, dass ihr gar nicht mehr seht, welche Schätze ihr eigentlich habt!«

»Wenn ich Mutter wäre, dann würde ich nicht mehr jammern, bestimmt nicht!« Gitta zog eine Schnute.

Marlies neben ihr fing an zu kichern.

»Was lachst du so blöd?«, zischte Gitta sie an.

»›Wenn ich Mutter wäre, dann würde ich nicht mehr jammern.‹ Schätzchen, du hast echt keine Ahnung! Mutter zu sein ist der härteste Job der Welt!«

»Ach, hör bloß auf. Das kann ich nicht mehr hören!«, Gitta winkte ab und schaute Hilfe suchend zu dem Engel.

»Da muss ich Marlies leider recht geben. Aber zurück zur Tagesordnung.« Er entrollte mit großer Geste eine Pergamentrolle, die er aus seiner ebenfalls leuchtenden Umhängetasche zog, die Gitta bisher gar nicht aufgefallen war. Oder hatte er sie erst jetzt auf einmal um? »Laut Paragraf zwölf, Himmelsgesetz, verdonnere ich euch wegen Undankbarkeit und ungebührlichem Verhalten zum unverzüglichen Eintritt in den Club der Engel. Ihr werdet ab sofort vollwertige Mitglieder sein und Gutes tun.« Er rollte das Pergament wieder zusammen und sah streng von der einen zur anderen.

Was war das denn gerade?, fragte sich Gitta. Marlies und Cornelia schienen ebenso ratlos wie sie zu sein, denn auch sie schwiegen kurz, bevor sie alle drei gleichzeitig losredeten.

»Ungebührliches Verhalten?«

»Club der Engel?«

»Gutes tun?«

»Euch muss man auch alles im Detail erklären, was?« Der Engel war auf einmal merklich ungehalten. »Noch mal: Ihr seid ab sofort im Club der Engel registriert und werdet den anderen Menschen da draußen fortan nur noch Gutes tun.«

»Warum das?«, fragte Gitta.

Der Engel schüttelte den Kopf. »Da regt mich ja schon die Frage auf!«

»Gibt es da so etwas wie einen Vertrag?«, wollte Cornelia wissen.

»Allerdings!«, sagte der Engel. »Ihr seid, wie gesagt, ab sofort eigetragene Mitglieder. Das ist bindend, ein Austritt ist unmöglich.« Er kramte in seiner Hosentasche. »Hier, das hätte ich fast vergessen.«

Er legte drei einzelne Cent-Münzen auf den Wohnzimmertisch.

»Was soll das sein? Clubausweise? Oder etwa unser Jahresgehalt?«, scherzte Marlies.

»Betrachtet es als eine Erinnerung«, sagte er ruhig. »Ein Glückscent. Das Erkennungszeichen des Clubs der Engel. Helft anderen Menschen, ihr kleines Glück zu finden. Tut Gutes.« Er musterte sie noch einmal. »Kriegt ihr das hin?«

Schweigen.

Der Engel seufzte. »Ob ihr das hinkriegt?«

Wieder Schweigen. Dann huschte ein Grinsen über Cornelias Gesicht, und mit einem Mal sprang sie auf dem Teppich herum wie ein Cheerleader in einer amerikanischen Teenie-Komödie »Gebt ihm ein E! Gebt ihm ein N! Gebt ihm ein G! Gebt ihm ein E! Gebt ihm ein L!«

»ENGEL!«, riefen Marlies und Gitta und rissen die Arme hoch.

Gitta konnte nicht sagen, ob der Engel lächelte, aber es sah fast so aus.

»Na, mit euch werde ich noch Spaß haben«, sagte er und ging zur Tür.

»Was denn?«, rief Gitta ihm hinterher. »Löst du dich nicht auf? Keine Rauchwolke, in der du verschwindest?«

Er drehte sich noch einmal um. »Da verwechselst du mich, Gitta. So was macht der da unten. Du weißt schon, wer.« Jetzt grinste er eindeutig. Dann wurde sein Strahlen wieder stärker, so hell, dass die Freundinnen die Augen zusammenkneifen mussten.

»Das war’s. Verrückt, oder?«, schloss Gitta.

»Rede ich im Schlaf?«, fragte Marlies entsetzt. »Hast du das alles gehört, meinen ganzen Traum?«

»Was redet sie?« Gitta schaute irritiert von Marlies zu Cornelia, die sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.

»Sie hat dasselbe geträumt wie du. Und ich hab dasselbe geträumt wie sie.«

»Was? Du hast dasselbe geträumt wie wer?« Gitta sah von einer Freundin zur anderen.

Marlies packte ihre Freundinnen links und rechts am Arm. »Wir hatten alle denselben Traum!«

Gitta schloss hektisch die Haustür zu ihrem Ferienhaus auf. Kaum war sie offen, stürzten die drei gleichzeitig los, was ein ziemliches Gedränge verursachte, denn zu dritt passten sie definitiv nicht durch die Tür. Gitta war schon mit einem Bein und einem Arm durch, als Marlies sie mit einem Sprung überholen wollte, dabei aber von Conny gestoppt wurde, die mit einer hektischen Wedeltechnik die beiden anderen zur Seite drängte.

Sie gewann das Rennen und war als Erste am Wohnzimmertisch. »Sie liegen hier! Tatsächlich!«

Ehrfürchtig starrten sie auf die drei Cent-Stücke.

Gitta traute sich als Erste, eins davon in die Hand zu nehmen. »Sieht ganz normal aus«, befand sie.

Auch Marlies und Cornelia nahmen jetzt vorsichtig eine Münze.

»Das ist ein ganz normales Geldstück«, meinte auch Marlies.

»Ja, was habt ihr denn erwartet?! Dass es leuchtet und schwebt?« Cornelia betrachtete versonnen ihre Münze. »Er hat doch gesagt, er lässt uns einen Glückscent da. Und genau das hat er getan.«

»Cornelia, das war ein Traum!«, sagte Gitta. »Ich hab auch schon mal geträumt, mir hätte ein Unbekannter wunderschöne schwarze Stiefel geschenkt. Die habe ich am nächsten Morgen allerdings nicht auf dem Wohnzimmertisch gefunden!«

»Du meinst, der Engel hätte uns besser in den Club der Stiefel aufgenommen?«, scherzte Marlies.

»Leute, das ist … ein Zeichen!« Cornelia hielt den Glückscent hoch, als sei er eine Medaille. »Das ist der Beweis dafür, dass das alles kein Traum war!«

»Das ist höchstens der Beweis dafür, dass wir gestern alle ziemlich knülle waren. Vielleicht erinnern wir uns einfach nicht mehr daran, dass wir um Geld gepokert haben, und die Münzen liegen hier eben noch rum!« Gitta war nicht bereit, daran zu glauben, dass sie tatsächlich in der Nacht ein Engel heimgesucht hatte. So etwas gibt es nicht. Punkt!

»Und wie erklärst du dir, dass wir alle dasselbe geträumt haben?«, fragte Cornelia.

Gitta zuckte mit den Schultern. »Ihr habt alle Restalkohol und glaubt deshalb einfach, euch an meine Geschichte zu erinnern. Das ist alles.« Gitta ließ sich in den Sessel fallen und wand sich aus der Jacke.

»Nein, so einfach ist das nicht. Passt auf, wir machen Folgendes …« Marlies nahm einen Block und Stifte vom Beistelltisch. »Jeder nimmt einen Zettel und einen Stift und schreibt ein paar Prüfungsfragen zu unserem nächtlichen Besucher auf: wo genau der Engel stand, wie er aussah und wie er Cornelia genannt hat. Und dann gleichen wir die Ergebnisse ab.«

»Wenn du meinst!«

Konzentriert beugten sich die drei über ihre Zettel. Gitta passte auf, dass keiner von ihr abschrieb, was Marlies und Cornelia mit Augenrollen quittierten.

»So, jetzt lasst mal sehen!«, sagte sie schließlich.

Sie legten ihre Zettel nebeneinander auf den Tisch, beugten sich darüber, um sie zu lesen – und erstarrten. Ihre Notizen stimmten exakt überein.

»Und jetzt?«, fragte Gitta ratlos.

»Jetzt gehen wir erst mal am Meer spazieren!«, schlug Marlies vor. »Ich denke, wir brauchen etwas Abstand.«

Sogar Cornelia, die sich vorgenommen hatte, diese Windspaziergänge zu boykottieren, stimmte zu. »Das ist eine gute Idee. Wir alle können etwas frische Luft brauchen.«

Am Meer entlangzulaufen tat allen gut. Es wehte zwar ein ordentlicher Wind, und die Luft war weit entfernt davon, als warm bezeichnet werden zu können, aber die meiste Zeit ließ sich die Sonne blicken, und die Wellen rauschten unermüdlich und beruhigend an den Strand. Immer wieder begegneten ihnen andere Spaziergänger. Man nickte und lächelte sich zu und fühlte sich einander durch den breiten, geradezu endlos erscheinenden Strand verbunden.

Cornelia stellte erstaunt fest, dass ihr dieser große, von Dünen umsäumte Strand gefiel. Gut, es gab keine schnuckeligen Buchten, keine Felsen, nichts von den Dingen, die sie am Mittelmeer liebte. Aber irgendwie hatte die Landschaft in ihrer Eigenwilligkeit einen besonderen Reiz, den sie sich nicht ganz erklären konnte.

Um eine lästige Erkältung so gut wie möglich fernzuhalten, hatte sie sich ein warmes Halstuch und eine Wintermütze angezogen. Als sie aufgebrochen waren, hatten ihre Freundinnen noch über sie gelacht. Jetzt jammerte Marlies: »Ich wünschte, ich hätte auch so eine warme Mütze«, und hielt sich die kalten Ohren.

»Auf dem Rückweg kaufen wir uns eine, ich kenne da einen Laden. Sah im Internet ganz toll aus. Sie verkaufen dort ausschließlich Mützen!«

Cornelia grinste. Das war wieder einmal typisch Gitta! Niemand außer ihr hätte so etwas vorab recherchiert. Zum Glück hatte sie selbst noch einen Schritt weiter gedacht und direkt warme Kleidung mitgenommen, sodass sie sich hier keinen völlig überteuerten Luxus-Schnickschnack kaufen musste. Marlies und Gitta mussten bestimmt ein kleines Vermögen für warme Ohren hinblättern. Schließlich war nicht zu erwarten, dass es auf einer Insel wie dieser auch einfachere Mützen gab.

Sie schlenderten an der Wasserkante entlang. Cornelia betrachtete die angeschwemmten Muscheln und Holzstückchen und sinnierte vor sich hin. Mal war der Sand hart und fest, und man konnte ganz entspannt darauf laufen, mal sank man ein, und jeder Schritt kostete Mühe. Wie im Leben.

War es Zufall gewesen, dass der Engel, ob nun Traum oder Wirklichkeit, zuerst sie angesprochen hatte? War sie wirklich so von ihrer ausbleibenden Karriere eingenommen? Sie schüttelte den Kopf. Warum wusste denn niemand, wie es sich anfühlte, es seit Jahren zu versuchen, aber nie wirklich Erfolg zu haben? Wie konnte man trotz Talent so wenig vorankommen? Warum durften andere ihren Traum leben? Gaben Konzerte, sangen in Bands, nahmen Platten auf … War es denn so verkehrt, sich das auch zu wünschen? Und waren die Probleme ihrer Freundinnen an ihren ganzen Enttäuschungen gemessen nicht eher klein? Marlies war verlassen worden. Das war natürlich nicht schön, aber Cornelia selbst hatte schließlich auch keinen Partner und kam damit gut zurecht. Und genau wie Gitta war sie kinderlos geblieben. Dennoch war ihr Leben voll von Kindern, denn sie verdiente ihr Geld damit, dass sie Gesangsunterricht gab. Das tat sie gern, es war zwar ein schlecht bezahlter, aber ein sehr schöner Job. Und die meisten Kinder dankten es ihr. Gesang war schließlich ganz freiwillig, das wollten sie lernen – anders als Mathe, Chemie oder Englisch. Nun gut, schränkte Cornelia ein, ein paar wenige Ausnahmen gibt es natürlich immer, wenn die Eltern Druck machen.

Doch auch wenn es sich schön anfühlte, den Kindern ihre Leidenschaft für Musik weiterzugeben, hatte es für Cornelia immer einen faden Beigeschmack: Welche Gesangslehrerin war keine gescheiterte Sängerin? Ihr Job war letztlich nichts anderes als ein Zertifikat darüber, dass sie als Musikerin gescheitert war. Untrennbar miteinander verknüpft.

Irgendwann sah Gitta, dass sie ihren Freundinnen einige Meter voraus war. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass ihre Schritte immer energischer und länger wurden. Ihr Traum ärgerte sie. Von einem Engel zu träumen war an sich ja schon lächerlich. Und dann war es auch noch einer gewesen, der ihr erzählte, sie solle weniger jammern und die guten Seiten in ihrem Leben sehen.

Das kann er mal schön selbst versuchen!, dachte sie grimmig. Vielleicht sollte man dem mal eine wichtige Sache im Leben einfach verwehren!

Hieß es nicht sogar in der Bibel: »Seid fruchtbar und mehret euch«? War nicht genau das der verdammte Sinn des Lebens? Und dann musste sie von einer leuchtenden Gestalt träumen, die einfach sagte, sie würde zu viel jammern und hätte keinen Blick für die gute Beziehung zu Michael. Wie gut war denn eine Liebe, wenn sie keine Früchte trug?

Der Wind biss ihr in die kalten Ohren. Was hätte sie jetzt für Cornelias Mütze gegeben!

Marlies war sich sicher, in der vergangenen Nacht ein seltenes Phänomen erlebt zu haben: einen Kollektivtraum. Sie hatte schon von so etwas gehört. Das passierte ab und zu, wenn sich eine Gruppe von Menschen intensiv mit demselben Thema befasste. Ihre Gehirne produzierten dann ähnliche Traumbilder, die die Betroffenen identisch deuteten. Dadurch entstand das Gefühl, sie hätten alle denselben Traum gehabt.

Sie runzelte die Stirn. All das mochte sein, und doch war bei ihnen die Übereinstimmung erschreckend. Die Cent-Münzen ließen sich ja noch erklären. Sicher hatte eine von ihnen sie gestern Abend in ihrer Hosentasche gefunden, sie dort abgelegt und dann vergessen. Aber was wollte dieser Traum ihr mitteilen? Eigentlich doch nur, dass sie nicht länger Frank hinterhertrauern sollte. Das war im Prinzip eine gute Botschaft. So viele Frauen wurden verlassen – und schafften es irgendwie, darüber hinwegzukommen.

So außergewöhnlich war er auch nicht, dachte Marlies grimmig.

Vielleicht war das Problem ja gar nicht, dass Frank nicht mehr in ihrem Leben war. Vielleicht war das Problem eher, dass sie jetzt allein dastand. Schon als kleines Mädchen hatte Marlies sich als Teil einer Familie gesehen. Eine Frau ohne Familie – undenkbar!

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