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Sieben Lügen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Die erste Lüge
    1. Kapitel 1
  8. Die zweite Lüge
    1. Kapitel 2
    2. Kapitel 3
    3. Kapitel 4
    4. Kapitel 5
    5. Kapitel 6
    6. Kapitel 7
    7. Kapitel 8
    8. Kapitel 9
  9. Die dritte Lüge
    1. Kapitel 10
    2. Kapitel 11
    3. Kapitel 12
    4. Kapitel 13
    5. Kapitel 14
    6. Kapitel 15
  10. Die vierte Lüge
    1. Kapitel 16
    2. Kapitel 17
    3. Kapitel 18
    4. Kapitel 19
    5. Kapitel 20
  11. Die fünfte Lüge
    1. Kapitel 21
    2. Kapitel 22
    3. Kapitel 23
    4. Kapitel 24
    5. Kapitel 25
    6. Kapitel 26
    7. Kapitel 27
    8. Kapitel 28
    9. Kapitel 29
    10. Kapitel 30
  12. Die sechste Lüge
    1. Kapitel 31
    2. Kapitel 32
    3. Kapitel 33
    4. Kapitel 34
    5. Kapitel 35
    6. Kapitel 36
    7. Kapitel 37
    8. Kapitel 38
  13. Die siebte Lüge
    1. Kapitel 39
    2. Kapitel 40
    3. Kapitel 41
    4. Kapitel 42
    5. Kapitel 43
    6. Kapitel 44
  14. Die Wahrheit
    1. Kapitel 45
  15. Vier Jahre später
    1. Kapitel 46
  16. Dank

Über dieses Buch

Mit dieser kleinen Notlüge fängt alles an. »Natürlich passen du und Charles gut zusammen«, versichert Jane ihrer besten Freundin Marnie. Doch dann läuft alles aus dem Ruder. Und zwar gewaltig. Denn eine Lüge zieht bekanntlich die nächste nach sich, und schon bald ist das Verhältnis der drei unwiederbringlich vergiftet. Aus Unbehagen wird Verdacht, aus Verdacht Gewissheit – und aus Freundschaft eine tödliche Falle …

Über die Autorin

Elizabeth Kay arbeitet unter einem anderen Namen als Lektorin für einen großen britischen Verlag. Zusammen mit ihrem Ehemann lebt sie in London.

ELIZABETH KAY

SIEBEN
LÜGEN

THRILLER

Übersetzung aus dem Englischen
von Rainer Schumacher

LÜBBE

 

Für Anne und Bob Goudsmit,
für mich seit jeher und für immer
Mum und Dad

DIE
ERSTE
LÜGE

Kapitel 1

»Und so habe ich ihr Herz erobert«, sagte er und lächelte. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und drückte die Brust heraus. Selbstgefällig wie immer.

Er schaute zuerst mich an, dann den Idioten, der neben mir saß, und schließlich wieder mich. Er wartete auf unsere Reaktion. Er wollte das Lächeln auf unseren Gesichtern sehen, unsere Bewunderung fühlen, unsere Ehrfurcht.

Ich hasste ihn. Ich hasste ihn auf eine allumfassende, brennende, biblische Art. Ich hasste es, dass er diese Geschichte jedes Mal aufs Neue erzählte, wenn ich zum Dinner kam, jeden Freitagabend. Egal, wen ich mitbrachte. Egal, mit welchem degenerierten Kerl ich gerade ausging.

Er erzählte jedem von ihnen diese Geschichte.

Denn du musst wissen, dass es in dieser Geschichte um seine ultimative Trophäe ging. Für einen Mann wie Charles – erfolgreich, wohlhabend, charmant – war eine schöne, kluge und strahlende Frau wie Marnie die wertvollste Medaille in seiner Sammlung. Und weil er sich vom Respekt und der Bewunderung anderer nährte – und vielleicht auch, weil er beides von mir nicht bekam –, entriss er sie stattdessen seinen anderen Gästen.

Was ich darauf eigentlich erwidern wollte und was ich nie sagte, ist, dass er Marnies Herz nie erobern konnte. Ein Herz das, wenn ich ehrlich bin, und das bin ich jetzt endlich, niemals erobert werden kann. Es kann nur gegeben werden und empfangen. Man kann ein Herz nicht überreden, verlocken, verändern, zum Stillstand bringen, stehlen oder sich nehmen. Und man kann es mit Sicherheit nicht erobern.

»Sahne?«, fragte Marnie.

Sie stand neben dem Esstisch und hielt ein weißes Sahnekännchen in der Hand. Das Haar hatte sie im Nacken ordentlich zusammengesteckt, nur ein paar Locken fielen ihr über die Wangen, und ihre Halskette war verrutscht. Der Verschluss lag neben dem Anhänger auf ihrem Brustbein.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, danke«, sagte ich.

»Ja, du nicht«, erwiderte sie und lächelte. »Das weiß ich.«

*

Bevor wir beginnen, will ich dir etwas sagen. Marnie Gregory ist die beeindruckendste, inspirierendste und erstaunlichste Frau, die ich kenne. Über achtzehn Jahre lang war sie meine beste Freundin, seit wir uns auf der weiterführenden Schule kennengelernt haben. Unsere Beziehung ist also gewissermaßen volljährig.

Es war unser erster Tag, und wir standen in einem langen, schmalen Flur in einer Schlange von Elfjährigen, die alle zu einem Tisch am anderen Ende des Gangs wollten. In gewissen Abständen rotteten sich Grüppchen zusammen und beulten die ordentliche Reihe aus wie Mäuse den Bauch einer Schlange.

Ich war nervös und mir mehr als deutlich bewusst, dass ich hier niemanden kannte. Im Geiste bereitete ich mich bereits darauf vor, den größten Teil der nächsten zehn Jahre allein zu verbringen. Ich starrte diese Grüppchen an und versuchte, mir einzureden, dass ich ohnehin nichts mit ihnen zu tun haben wollte.

Dann ging ich zu schnell nach vorne, viel zu weit, und trat auf die Ferse des Mädchens vor mir. Sie wirbelte herum. Ich bekam Panik. Ich war sicher, gedemütigt zu werden, dass sie mich anschreien und vor den anderen niedermachen würde. Doch diese Angst löste sich im selben Augenblick auf, da ich sie sah. Ich weiß, es klingt lächerlich, aber Marnie Gregory ist wie die Sonne. Das habe ich damals gedacht, und das denke ich auch heute noch oft. Ihre Haut ist geradezu schockierend schön, weiß wie Porzellan. Und manchmal – nach dem Sport zum Beispiel, oder wenn sie wirklich zufrieden ist – wird dies von ihren rosigen Wangen noch unterstrichen.

Ihr Haar ist goldbraun. Ihre Locken schimmern rotgolden, und ihre Augen sind blassblau, fast weiß.

»Tut mir leid«, sagte ich, wich einen Schritt zurück und starrte auf meine blankpolierten, neuen Schuhe.

»Ich heiße Marnie«, sagte sie. »Und wie heißt du?«

Diese erste Begegnung ist sinnbildlich für unsere gesamte Beziehung, die ganzen achtzehn Jahre. Marnie ist von einer Offenheit, die geradezu nach Warmherzigkeit und Liebe schreit. Sie ist unglaublich selbstbewusst und furchtlos gegenüber Anfeindungen bis hin zur Naivität. Ich hingegen bin alles andere als naiv. Ich habe ständig Angst vor potenzieller Feindseligkeit, und ich warte stets auf das, wovon ich weiß, dass es irgendwann kommen wird. Ich warte darauf, lächerlich gemacht zu werden. Damals hatte ich zum Beispiel Angst vor Spott wegen der Sommersprossen auf meiner Stirn oder meiner viel zu großen Schuluniform. Jetzt sind es mein Tonfall, die Art, wie meine Stimme zittert, meine Kleidung, die zwar bequem, aber selten schmeichelhaft ist, mein Haar, meine Turnschuhe und meine abgekauten Fingernägel.

Marnie ist das Licht, und ich bin die Dunkelheit.

Das habe ich schon damals gewusst, und jetzt wirst auch du es erfahren.

»Name?«, bellte eine Lehrerin in blauer Bluse, die hinter einem Schreibtisch am Kopf der Schlange saß.

»Marnie Gregory«, antwortete Marnie mit fester Stimme.

»E … F … G … Gregory. Marnie. Du gehörst in das Klassenzimmer da, das mit dem C auf der Tür. Und du?«, fuhr sie fort. »Wer bist du?«

»Jane«, antwortete ich.

Die Lehrerin schaute von ihrem Blatt auf und rollte mit den Augen.

»Oh«, sagte ich. »Tut mir leid. Baxter. Jane Baxter.«

Die Lehrerin suchte in ihrer Liste. »Geh mit ihr. Da drüben. Die Tür mit dem C.«

Manche würden sagen, dass es nur eine Zufallsfreundschaft war, dass ich jede Freundlichkeit, jede Art der Zuneigung, jeden Hauch von Liebe aufgesogen hätte, und vielleicht stimmt das ja auch. Doch in dem Fall würde ich erwidern, dass das Schicksal uns füreinander bestimmt hatte, dass unsere Freundschaft vorgezeichnet war, denn auf unserem gemeinsamen Weg würde auch sie mich noch brauchen.

Das klingt unsinnig, ich weiß. Wahrscheinlich ist es das auch. Aber manchmal könnte ich es beschwören.

*

»Ja, bitte«, sagte Stanley. »Ich hätte gerne etwas Sahne.«

Stanley war zwei Jahre jünger als ich und Rechtsanwalt mit einer ganzen Reihe von Abschlüssen. Er hatte hellblondes Haar, das ihm über die Augen fiel, und er grinste ständig, oft ohne erkennbaren Grund. Im Gegensatz zu anderen seiner Art konnte er mit Frauen reden. Ich nehme an, das war das Ergebnis einer Kindheit inmitten von Schwestern. Aber er war auch unglaublich langweilig.

Es war wenig überraschend, dass Charles Stanleys Gesellschaft genoss, und das wiederum machte Charles noch unsympathischer.

Marnie reichte das Sahnekännchen am Tisch herum und drückte die Bluse an ihren Bauch. Sie wollte nicht, dass der Stoff – Seide, glaube ich – an die Obstschüssel kam.

»Sonst noch etwas?«, fragte sie, schaute von Stanley zu mir und dann zu Charles. Charles trug ein blau-weiß gestreiftes Hemd, und er hatte die obersten Knöpfe geöffnet, sodass man ein Dreieck von dunklen Haaren zwischen dem Stoff erkennen konnte. Kurz blieb Marnies Blick dort hängen. Charles schüttelte den Kopf, und seine Krawatte, die offen um den Hals lag, rutschte noch ein Stück nach links.

»Perfekt«, sagte Marnie, setzte sich und griff nach ihrem Dessertlöffel.

Die Unterhaltung wurde wie immer von Charles bestimmt, auch wenn Stanley durchaus mithalten konnte und wann immer möglich über seine eigenen Erfolge sprach. Aber ich langweilte mich und ich glaube Marnie auch. Wir hatten uns beide auf unseren Stühlen zurückgelehnt, nippten am Rest unseres Weins und statt zuzuhören, führten wir unsere eigenen Gespräche im Kopf.

Um halb elf stand Marnie auf, wie sie es immer um halb elf tat, und sagte: »Okay.«

»Okay«, wiederholte ich und erhob mich ebenfalls.

Marnie nahm die vier Schüsseln vom Tisch und stapelte sie in ihrer linken Armbeuge. Ein kleiner Tropfen rosafarbener Erdbeersaft klebte noch an einer der Schüsseln und blutete in ihre weiße Bluse. Ich nahm eine der inzwischen leeren Obstschüsseln, die Marnie vor ein paar Jahren bei einem Töpferkurs selbst gemacht hatte, genau wie das Sahnekännchen. Dann folgte ich ihr in die Küche.

Diese Wohnung – ihre Wohnung – war ein Sinnbild ihrer Beziehung. Charles hatte die nicht unerhebliche Anzahlung geleistet, denn Charles bezahlte meistens. Doch in diesem Fall hatte er nur bezahlt, weil Marnie darauf bestanden hatte. Sie hatte sofort gewusst, dass diese Wohnung wie für sie gemacht war, und es wird dich nicht überraschen zu hören, dass Marnie eine unglaubliche Überzeugungskraft besaß.

Als sie hier eingezogen waren, war es die reinste Bruchbude gewesen: klein, dunkel, verdreckt und feucht. Die Wohnung ging über zwei Stockwerke, doch offenbar hatte man sie nie geliebt. Aber Marnie war schon immer eine Visionärin gewesen. Sie sieht Dinge, wo andere nichts sehen. Selbst an den finstersten Orten findet sie Hoffnung – lächerlicherweise sogar bei mir –, und sie besitzt genügend Selbstvertrauen, auch tatsächlich etwas Großartiges daraus zu machen. Ich habe sie stets um ihr Selbstvertrauen beneidet. Dabei hat es vor allem etwas mit Hartnäckigkeit zu tun. Marnie hat keine Angst zu versagen, nicht, weil sie nie versagt hätte, sondern weil Versagen für sie nur ein Umweg auf dem Weg zum Erfolg ist.

Marnie arbeitete unermüdlich – abends, an den Wochenenden und den ganzen Urlaub hindurch –, um etwas Schönes zu erschaffen. Mit ihren kleinen Händen riss sie Tapeten herunter, schmirgelte die Farbe von den Türen, strich Schränke, säuberte den Teppich, verlegte Parkett und flickte die Jalousien. Sie machte einfach alles, bis die Zimmer die gleiche Wärme ausstrahlten wie sie selbst, ein ruhiges Selbstbewusstsein und ein undefinierbares, aber deutliches Gefühl von Heimeligkeit.

Marnie stellte die Schüsseln in die Spülmaschine, wobei sie ein wenig Platz zwischen ihnen frei ließ.

»So werden sie sauberer«, erklärte sie.

»Ich weiß«, erwiderte ich, denn das sagte sie jede Woche, und ich gab immer das gleiche Geräusch von mir – ein leises Grunzen –, denn für mich war das nur Wasserverschwendung.

»Es läuft gut mit Charles«, bemerkte sie.

Eine Gänsehaut lief mir über den Rücken und drückte die Luft aus meiner Lunge.

Bis jetzt hatten wir nur ein einziges Mal über ihre Beziehung gesprochen, und dieses Gespräch war von einer langen, verzwickten und sehr, sehr alten Freundschaft belastet gewesen. Seitdem hatten wir nur über unverfängliche Themen gesprochen: ihre Pläne fürs Wochenende, das Haus außerhalb von London, das sie irgendwann kaufen würden, und über seine Mutter, die Krebs hatte, in Schottland lebte und einen langsamen, qualvollen und einsamen Tod sterben würde.

Aber wir hatten zum Beispiel nie darüber gesprochen, dass sie schon drei Jahre zusammen waren und dass ich vor einigen Monaten einen diamantenbesetzten Verlobungsring gefunden hatte – und ich weiß, dass ich dort nicht hätte suchen dürfen –, versteckt in den tiefsten Tiefen von Charles’ Nachttisch. Auch hatten wir nie darüber geredet, dass sie auch ohne Ring auf eine permanente Verbindung zusteuerten, eine Verbindung für die Ewigkeit, eine Verbindung so stark, wie Marnie und ich auch nach fast zwanzig Jahren nie verbunden gewesen waren.

Und wir hatten nie darüber gesprochen, dass ich ihn hasste.

»Ja«, erwiderte ich knapp, denn ich hatte Angst, dass ein ganzer Satz oder auch nur ein zweisilbiges Wort unsere Freundschaft ins Chaos stürzen würde.

»Glaubst du nicht, dass es gut für uns aussieht?«, fragte sie.

Ich nickte und löffelte die restliche Sahne aus dem Kännchen wieder zurück in den Supermarktbehälter.

»Du findest doch auch, dass wir füreinander geschaffen sind, oder?«, hakte sie nach.

Ich öffnete die Kühlschranktür, versteckte mich dahinter und stellte die Sahne langsam, ganz langsam wieder zurück.

»Jane?«

»Ja«, antwortete ich. »Ja, das glaube ich.«

Das war die erste Lüge.

Und jetzt frage ich mich beinahe ständig, ob es je zu den anderen Lügen gekommen wäre, wenn ich an diesem Tag die Wahrheit gesagt hätte. Ich rede mir gerne ein, dass diese erste Lüge die unbedeutendste von allen gewesen ist, aber das ist ironischerweise gelogen. Wäre ich an diesem Freitagabend ehrlich gewesen, wäre das alles vielleicht gar nicht passiert.

Ich möchte, dass du das weißt. Ich dachte, ich würde das Richtige tun. Alte Freundschaften sind wie ein altes Seil voller Knoten: an einigen Stellen abgenutzt, an anderen dick und fest. Ich hatte Angst, dass dieser Faden unserer Liebe zu dünn wäre, viel zu ausgefranst, um das Gewicht meiner Wahrheit zu tragen. Denn die Wahrheit – nämlich, dass ich ihn mehr hasste, als ich je jemanden gehasst habe – hätte unsere Freundschaft zerstört.

Wäre ich ehrlich gewesen, hätte ich unsere Liebe für ihre Liebe zu Charles geopfert, und dann würde er mit Sicherheit noch leben.

DIE
ZWEITE
LÜGE

Kapitel 2

Das hier ist sie nun, meine Wahrheit. Ich möchte nicht zu pathetisch klingen, aber ich denke, du verdienst es, diese Geschichte zu erfahren. Ich glaube sogar, du musst sie kennen. Es ist ebenso deine Geschichte, wie sie meine ist.

Charles ist tot, ja, aber das hatte ich nie beabsichtigt. Es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, dass er je etwas anderes sein würde als ein ständiger, schmerzhafter Dorn in meinem Fleisch. Er war einer dieser erdrückend dominanten Menschen. Er hatte immer die lauteste Stimme, machte die großspurigsten Gesten und war größer, breiter, stärker und besser als alle anderen im Raum. Man könnte sagen, er war überlebensgroß –was heute natürlich nicht einer gewissen Ironie entbehrt. Man könnte also sagen, dass seine pure Existenz Beweis genug dafür ist, dass er immer existieren würde.

*

In den ersten Jahren meines Lebens – und ich nehme an, das gilt für die ersten Jahre fast jeden Lebens – war die Familie mein Bezugsrahmen. Die großen Entscheidungen, die meinen Alltag bestimmten – wo ich wohnte, mit wem ich meine Zeit verbrachte, ja sogar, wie ich mich selbst nannte –, waren nicht meine eigenen Entscheidungen. Meine Eltern waren die Puppenspieler, die mich durchs Leben führten.

Doch irgendwann wurde von mir erwartet, meine eigenen Entscheidungen zu treffen: was ich spielte und mit wem, wo und wann. Meine Familie war alles für mich gewesen, das Einzige, doch irgendwann bildete sie nur noch die Grundlage, auf die ich meine eigene Identität aufbaute. Es war erfrischend zu entdecken, dass ich tatsächlich ein eigenes Wesen war, doch es war auch beängstigend.

Aber ich hatte Glück. Ich fand eine Gefährtin.

Marnie und ich, wir waren schon bald unzertrennlich. Wir ähnelten uns nicht im Mindesten, dennoch verwechselten uns die Lehrer ständig, denn einzeln gab es uns nicht. Wir saßen in jeder Stunde nebeneinander, gingen gemeinsam von einem Klassenzimmer ins nächste und fuhren zusammen mit demselben Bus nach Hause.

Ich hoffe, eines Tages wirst du auch solche Freundschaft erfahren. Man kann sich so an eine Teenagerliebe binden, dass es sich anfühlt, als würde sie ewig andauern, verbunden durch neue Erfahrungen und ein nie dagewesenes Gefühl von Freiheit. Die beste Freundin mit elf ist wie ein Zauber. Es ist berauschend, derart gebraucht zu werden und sich selbst so sehr nach jemandem zu sehnen. Es ist das Gefühl, auf einfach allen Ebenen miteinander verbunden zu sein. Und eines Tages wirst du dann beschließen, dich aus dieser Freundschaft zu lösen, um dich anderen Dingen zu widmen, einer Liebesbeziehung zum Beispiel. Du wirst dich zurückziehen, Glied für Glied, Knochen für Knochen, Erinnerung für Erinnerung, bis du alleine existieren kannst und wieder zu einer einzelnen Person wirst, wo einst zwei waren.

Marnie und ich waren noch zwei, als wir nach dem Studium in eine Wohnung in Vauxhall zogen. In eine moderne Wohnung. Das Haus war erst ein Jahrzehnt zuvor gebaut worden, umgeben von anderen Gebäuden mit der gleichen Art von Wohnungen. Sämtliche Flure waren mit blauem Teppichboden ausgelegt, und jede Wohnungstür bestand aus dem gleichen Pinienholz. Die Wohnungen hatten Laminatböden, elegante weiße Küchen und seelenlose weiße Wände. Alle Zimmer hatten Einbaustrahler – auch die Schlafzimmer – und im Badezimmer lagen pfirsichfarbene Fliesen. Das Ganze fühlte sich irgendwie kalt an, winterlich, und doch war es stets viel zu warm. Aber die Wohnung war unsere Zuflucht vor den gleißend hellen Lichtern und dem nicht enden wollenden Lärm der großen Stadt, in der wir beide uns zu jener Zeit nicht wirklich wohlfühlten.

Damals war alles anders. Wir diskutierten unsere Tagebücher beim Frühstücksmüsli und teilten die Aufgaben zwischen uns auf. Was musste besorgt werden? Eine neue Flasche Shampoo, Batterien für die Fernbedienung und etwas zum Abendessen. Seite an Seite gingen wir zur U-Bahn-Station, und wir stiegen in denselben Waggon. Immer. Dabei hätte es für mich durchaus Sinn ergeben, am anderen Ende einzusteigen, um näher am Ausgang zu sein, wenn ich wieder ausstieg. Doch unsere Leben waren damals so eng miteinander verwoben, dass allein die Vorstellung, getrennt zu fahren, schon lächerlich war.

Abends flogen wir dann förmlich wieder nach Hause, um die Lücken zu schließen, die sich im Laufe eines einzigen Tages aufgetan hatten. Wir setzten einen Kessel Wasser auf, stellten den Ofen an und lachten über lächerliche Kollegen und schluchzten über schreckliche Meetings. Alles war sehr intim, wir wohnten auf eine Art zusammen, die uns immer enger verband. Wir teilten uns die Milch im Kühlschrank, und unsere Schuhe lagen im Flur gemeinsam auf einem Haufen. Unsere Bücher mischten sich in den Regalen wie auch die eingerahmten Fotos auf den Fensterbänken. Wir waren so fest im Leben der jeweils anderen verankert, dass selbst der kleinste Riss zwischen uns unmöglich schien.

Wir hatten nur wenig Geld und wenig Zeit, doch alle paar Wochen reisten wir in eine andere Ecke dieser neuen Welt. Dann besuchten wir ein Restaurant oder eine Bar und erkundeten einen neuen Teil der Stadt. Marnie arbeitete neben ihrem Job auch freiberuflich und war immer auf der Suche nach irgendetwas, worüber sie schreiben konnte. Sie träumte davon, irgendwann einmal ein Restaurant zu entdecken, das später einen Michelin-Stern bekommen würde. Nach ihrem Abschluss hatte sie im Marketingteam einer Pub-Kette gearbeitet, doch bereits nach wenigen Monaten beschloss sie, sich kreativer zu betätigen und an etwas Lohnenswerterem zu arbeiten. Also begann sie einen Food-Blog. Darin sammelte sie alle möglichen Informationen und Kritiken über die unterschiedlichsten Restaurants, und schließlich verfasste sie auch ihre eigenen Rezepte.

Das war der Beginn von allem, vermutlich das Aufregendste. Es dauerte nicht lange, und ihre Leserschaft vervielfachte sich. Auf Bitte ihrer Follower begann Marnie, ihre eigenen Kochvideos zu drehen, wobei sie sich von einer Firma für Highend-Küchengeräte sponsern ließ, die unsere Wohnung mit gusseisernen Pfannen und pastellfarbenen Backförmchen vollstopfte, mehr Küchenutensilien als zwei Menschen brauchen konnten. Schließlich bot man ihr eine Kolumne in der Lokalzeitung an. Aber bis dahin gab es nur uns, die durch kostenlose Zeitschriften blätterten und nach den neuesten Orten suchten, die zu besuchen sich lohnen würde.

Ich denke, man kann viel über eine Beziehung erfahren, indem man sich die Art anschaut, wie zwei Menschen in der Öffentlichkeit zusammen essen. Marnie und ich liebten es zu betrachten, wie Paare Hand in Hand ein Restaurant betraten, und Männergruppen in maßgeschneiderten Anzügen während des Essens immer lauter und lauter wurden. Wir liebten es, heimliche Affären zu beobachten, Geburtstagsessen und erste Dates. Wir liebten es, den Raum zu lesen, über die Vergangenheit der anderen Gäste zu spekulieren und ihre Zukunft vorherzusagen. Und wir erzählten uns Geschichten aus ihrem Leben, von denen wir hofften, dass sie stimmten.

Wärst du einer dieser Gäste gewesen und hättest das gleiche Spiel gespielt und stattdessen uns beobachtet, du hättest zwei junge Frauen gesehen, eine groß und blond, die andere gebeugt und dunkel, doch beide vollkommen zufrieden in der Gesellschaft der jeweils anderen. Ich glaube, du hättest auch bemerkt, was für eine starke, tief wurzelnde Freundschaft zwischen uns bestand. Du hättest Marnie gesehen, die ohne nachzudenken, ohne zu fragen, ganz selbstverständlich die Hand ausstreckte, um sich die Tomaten von meinem Teller zu nehmen. Und du hättest mich gesehen, die Marnie im Gegenzug die Gurken klaute.

Aber Marnie und ich, wir haben schon seit drei Jahren nicht mehr allein gegessen, nicht, seit sie mit Charles zusammengezogen ist. Wir waren nie wieder so ungezwungen wie damals. Unsere Welten sind nicht mehr miteinander verwoben. Ich bin jetzt nur noch ein gelegentlicher Gast in der Geschichte ihres Lebens. Unsere Freundschaft ist nicht mehr dieses eigene, unabhängige Ding, sondern das Anhängsel einer anderen Liebe.

Damals habe ich nicht geglaubt – und das glaube ich auch heute noch nicht –, dass Marnies und Charles’ Liebe größer war als unsere. Und dennoch verstand ich instinktiv, dass sich unsere Liebe ihrer Liebe – einer romantischen Liebe – unterordnen musste. Und doch schien es, dass unsere Liebe – eine Liebe, die auf den Schulfluren, bei Tagesausflügen und gemeinsamen Übernachtungen gewachsen war – es weit mehr verdiente, eine Ewigkeit anzudauern, als diese andere Liebe.

Jeden Freitag, ungefähr um elf Uhr abends, wenn ich ihre Wohnung verließ, musste ich mich von einer Liebe verabschieden, die mich geformt hatte. Das fühlte sich einfach nur grausam an.

Aber es ist auch eine Wahrheit – eine Wahrheit, die mir schon damals bewusst war, auch wenn ich sie noch immer nicht ganz verstehe –, dass ich selbst die Schuld an dieser Situation trug. Schlimmer noch. Ich war voll und ganz für diese Amputation verantwortlich, für diesen ersten gebrochenen Knochen, für diese erste verlorene Erinnerung.

Kapitel 3

Drei Monate nachdem ich Jonathan kennengelernt hatte, zog ich zu ihm in seine Maisonettewohnung in Islington. Wir waren noch jung, ja, aber wir waren auch über beide Ohren verliebt. Es war unerwartet einfach, so wie es bei etwas Neuem nur selten der Fall ist. Es war erfrischend und aufregend und das auf eine Art, wie es sie nur selten in meinem einfachen Leben gegeben hat. Es war wunderbar gewesen, mit Marnie zusammenzuleben – ich war glücklich gewesen –, und dennoch begann ich, mich nach mehr zu sehnen, nach etwas anderem.

Ich hatte den größten Teil meiner Kindheit in einer Familie verbracht, die von außen betrachtet liebevoll erschien, doch in Wahrheit ständig dabei versagte, dieses Versprechen auch einzulösen. Meine Eltern waren fünfundzwanzig Jahre verheiratet, als sie sich scheiden ließen. Sie hätten sich schon viel früher trennen sollen, denn ihre ständigen Streitereien machten unser Familienleben nahezu unerträglich.

Kurz gesagt, mein Vater war ständig hinter Frauen her. Zwanzig Jahre lang hatte er eine Affäre mit seiner Sekretärin, und es gab noch viele andere Frauen, denen er im Laufe seiner Ehe seine Zuneigung schenkte. Meine Schwester war vier Jahre jünger als ich, und so tat ich alles, um sie vor dem Geschrei und der angespannten Stimmung zu schützen. Ich nahm sie mit nach draußen oder drehte die Musik laut auf. Ich tat einfach alles, um sie irgendwie abzulenken. Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Dies alles hat mich ausgesprochen empfänglich für das Ideal von der wahren, romantischen Liebe gemacht, vielleicht sogar mehr als andere. Und ja, ich vergötterte Marnie, aber diese neue Liebe verschlang mich voll und ganz.

Jonathan und ich, wir lernten uns auf der Oxford Street kennen. Da waren wir beide zweiundzwanzig. Es war um sechs Uhr abends, und wir waren beide auf dem Weg zu unseren Wohnungen, die jeweils am anderen Ende der Stadt lagen. Die Tore der U-Bahn-Station waren wie so häufig geschlossen, wenn die Bahnsteige überfüllt waren. Der Himmel war dunkel. Regen drohte, und dichte graue Wolken zogen rasch über unsere Köpfe.

Ohne vom jeweils anderen zu wissen, standen Jonathan und ich in der Menschenmasse, die zu den Fahrkartenschaltern drängte. Die Menge fühlte sich wie ein lebendiges Wesen an, mit einem eigenen Bewusstsein und dem unbändigen Verlangen, irgendwo anders zu sein, nur nicht hier. Andere Körper drängten sich gegen meinen. Viel zu intime Berührungen von Armen und Schenkeln. Irgendjemand presste sogar seine Brust gegen meinen Kopf. Wir standen so fest aneinandergedrückt, dass ich nicht weiter sehen konnte als bis zu dem Rücken des Mannes vor mir.

Schließlich war irgendwo weiter vorne das Klirren von Metall auf Metall zu hören. Das Tor wurde geöffnet. Ein Beben ging durch die Menge. Die Leute bereiteten sich vor. Der Mann vor mir – der, der mir den Blick versperrte – machte eine Bewegung nach vorne, und als ich nachrückte, taumelte er wieder zurück. Er stieß gegen mich, und ich wiederum prallte gegen die Person hinter mir. Und da wir uns im Zentrum der Menge befanden, setzte sich unsere Bewegung nach außen hin fort, als hätte man einen Stein ins Wasser geworfen, und wir wurden in die falsche Richtung getragen.

»Was zum …?«, sagte ich und kämpfte um mein Gleichgewicht.

»Sie …«, sagte er und drehte sich zu mir um.

Ich wusste es sofort. Genau wie bei Marnie. Ich wusste es einfach. Ja, das klingt dumm und naiv. Ich habe mir das schon hunderte Male anhören müssen: Als ich mit ihm zusammenzog, als ich seinen Heiratsantrag annahm, ja sogar am Vorabend unserer Hochzeit. Doch alles, was ich darauf erwidern kann, alles, was ich dazu auch heute noch zu sagen habe, ist: Ich hoffe, eines Tages wirst auch du es einfach wissen.

Bei Marnie war es anders. Wir suchten damals beide nach jemandem. Vor uns lagen sieben Jahre Schule, und keiner von uns wollte sie allein durchleben. Die Freude darüber, dass wir uns gefunden hatten, wurde von einem überwältigenden Gefühl der Erleichterung begleitet.

Bei Jonathan dagegen … Ich weiß nicht. Ich habe mich nie als die Art Frau gefühlt, die sich auf diese Art verliebt, und so war da auch kein Verlangen, keine Leere, nichts, was hätte erfüllt werden müssen. Ich habe ihn einfach nur gesehen und instinktiv gewusst, dass ich ihn kennenlernen musste. Natürlich könnte ich dir dieses Gefühl mit Worten beschreiben, die im Laufe der Jahrzehnte zu Synonymen für die wahre Liebe geworden sind, doch diese Plattitüden trafen auf mich nie zu. Ich verlor nicht den Boden unter den Füßen. Stattdessen fühlte ich mich so vollkommen fest in dieser Welt verwurzelt wie nie zuvor. Meine Hände zitterten nicht, mein Herz schlug nicht schneller, und ich errötete nicht. Ich hatte keine Schmetterlinge im Bauch. Ich hatte einfach nur das Gefühl, dass er das Zuhause war, das ich immer gebraucht, aber nie gehabt hatte.

»Sie …«, sagte ich und strich den Kragen meines Mantels glatt. Seine Augen waren olivgrün, und als er mich verwirrt anstarrte, überkam mich das unangebrachte Verlangen, ihm die Wange zu streicheln. »Sie haben gerade …«

»Mein Schal«, sagte er und deutete nach unten. »Sie stehen auf meinem Schal.«

»Ich stehe nicht auf …« Ich schaute nach unten. Ich stand tatsächlich auf den Quasten. »Oh«, sagte ich und trat rasch beiseite. »Tut mir leid.«

»Geht ihr jetzt verdammt noch mal weiter«, verlangte eine Stimme hinter uns, laut und schroff, die Stimme der Menge.

»Jaja«, sagte Jonathan und drehte sich um. »Sorry.«

Er schlurfte vorwärts, und ich folgte ihm. Dabei lächelte ich dümmlich, wobei mein Gesicht zwischen seine Schulterblätter gepresst wurde. So verharrten wir, aneinander gezwungen, und schoben uns langsam durch die Eingangshalle, die Rolltreppe hinunter und auf den Bahnsteig. Irgendwann begannen wir, uns zu unterhalten. Ich kann dir nicht mehr sagen, worüber wir sprachen, aber als die Zeit gekommen war, uns zu trennen – er musste nach Norden, ich nach Süden –, da plapperten wir gerade über den Schal und einen Pub, von dem Jonathan sagte, er existiere nicht.

»Sie wissen nicht, wovon Sie reden«, sagte ich. »Ich war schon Dutzende Male dort. Ich könnte Sie direkt hinführen.«

»Okay«, erwiderte er.

Menschen drängten sich um uns herum, teilten sich in zwei Ströme und verloren sich auf den Bahnsteigen.

»Was?«, fragte ich.

»Gehen wir«, sagte er.

Der Pub existierte, genau, wie ich gesagt hatte. Er war mit Holz verkleidet, fast mittelalterlich, mit einer niedrigen Decke und einem offenen Feuer im Kamin. Er hieß The Windsor Castle – und so heißt er heute noch –, aber ich war schon seit Jahren nicht mehr dort. Er liegt zehn Minuten vom Oxford Circus entfernt in einer schmalen Kopfsteinpflasterstraße, eine Verneigung vor einer älteren Version der Stadt, die lange vor den riesigen Türmen der Docklands und den Coffee Shops existierte, die man dort inzwischen alle paar hundert Meter findet.

Wir blieben stundenlang dort, bis die Wirtin die letzte Runde einläutete. Dann schlenderten wir zur U-Bahn-Station zurück. Jetzt war sie fast leer, und wir verabschiedeten uns mit Wangenküssen – was ich sonst nie tat – und versprachen, uns wiederzusehen. Ich fühlte, wie sich etwas in mir regte, als er die Hände von meiner Hüfte nahm. Und während ich ihm hinterherschaute, als er in seinem dunkelgrünen Mantel davonging, da liebte ich ihn bereits, und ich wusste es.

Diese Liebe war das Fundament, auf dem ich ein Leben aufbauen würde – auf dem ich ein Leben aufgebaut hätte. Es gibt eine Version dieser Welt, in der Jonathan und ich noch zusammen sind, noch immer verliebt. Wir versprachen uns ewige Liebe, ein Leben, in dem wir das Lachen feiern, eine Verbindung, die niemals wanken würde. Manchmal ist es nicht möglich zu begreifen, dass es uns nicht gelingt, ein Ziel zu erreichen, das einst so sicher schien.

Auf den Tag genau ein Jahr später machte Jonathan mir einen Heiratsantrag, in demselben Pub. Er kniete sich unbeholfen hin und erklärte mir, dass er eine Rede vorbereitet habe. Er habe sie auswendig gelernt, doch könne er sich an kein einziges Wort mehr erinnern. Aber er würde mich ein Leben lang lieben, sagte er, und er hoffe, das würde vorläufig genügen.

Und es war mehr als genug für mich.

Im Herbst heirateten wir auf dem Standesamt. Wir hatten niemanden eingeladen, und wir feierten mit dem teuersten Champagner aus dem Angebot des nächstgelegenen Schnapsladens. Anschließend fuhren wir zum Hochzeitsfrühstück ins Windsor Castle. Es fühlte sich einfach richtig an, dass dieser Pub das Hauptquartier für die Meilensteine unserer Beziehung werden sollte. Ich bestellte an der Bar und betonte dabei, dass mein Mann gerne einen Burger hätte. Der Barkeeper rollte mit den Augen, lächelte aber. Die junge Braut in ihrem blassblauen Kleid und der Bräutigam mit der grünen Krawatte schienen ihn zu amüsieren. Unsere Desserts – Brownies mit Vanilleeis – wurden mit einem ›Herzlichen Glückwunsch‹ in Schokolade am Tellerrand serviert.

Mit unseren Koffern im Schlepptau marschierten wir nach Waterloo und fuhren mit dem Zug an die Südküste, wo wir in einem Bed & Breakfast in Beer, einer kleinen Stadt am Meer, übernachteten. Wir kamen erst spät am Abend an, checkten ein und verkündeten, wie nur Frischvermählte es konnten, dass das Zimmer für Mr und Mrs Black reserviert sei.

»Für Jane?«, fragte die ältere Frau an der Rezeption. Es war fast zehn Uhr abends, und ihr war sichtlich daran gelegen, uns deutlich zu machen, wie lästig ihr das alles war.

»Ja«, antwortete ich. »Für Jane Black.« Die Frau konnte sagen, was sie wollte, tun, was sie wollte, nichts von alledem kratzte auch nur an meinem Glück.

»Oben, am Ende des Flurs, rechts.« Sie hielt einen kleinen goldenen Schlüssel an einer dünnen goldenen Kette in die Höhe. Daran hing ein dickes Stück Holz, auf dem das Wort »Vier« eingraviert war. »Sonst noch was?«

Wir schüttelten die Köpfe.

Jonathan trug unsere Taschen nach oben, den Flur hinunter und in unser Zimmer. Der Boden war aus dunklem Holz und die Tagesdecke mit kleinen Pastellblumen bestickt. Die rostfarbenen Vorhänge waren zugezogen, und ein kleiner pinkfarbener Lampenschirm leuchtete schwach in der Ecke. In einem Eiskübel stand eine Miniflasche Champagner auf einem altmodischen Mahagonitisch. Jonathan öffnete die Flasche, goss zwei Gläser ein, und wir tranken ein zweites Mal auf unsere Hochzeit.

*

Am nächsten Morgen wachten wir bei Sonnenaufgang auf. Gelbe Lichtflecken tanzten auf unseren Laken. Ich erinnere mich noch genau an die Wärme von Jonathans Brust an meinem Rücken, als er sich an mich schmiegte, die weiche Haut seiner Hände auf meinem Bauch und das Gefühl seiner Lippen an meinem Schulterblatt. Ich erinnere mich daran, wie es sich anfühlte, von ihm umschlungen zu sein, an die Art, wie er mich zu sich drehte, und an seine Küsse, die immer drängender wurden, wenn er nach mehr verlangte.

Erst später, als es an der Tür klopfte und eine Frau uns unter Entschuldigungen die Handtücher gab, die eigentlich schon längst im Badezimmer liegen sollten, krochen wir aus dem Bett und machten Pläne für den Tag. Ich zog die Vorhänge zurück und schaute aufs Meer hinaus. Flach erstreckte es sich über den Horizont, zu beiden Seiten eingerahmt von weißen Klippen, bedeckt mit saftig grünem Gras. Es war Oktober, doch der Himmel war noch hell, wolkenlos und einladend.

Wir zogen unsere Wanderstiefel und die dicken Wollpullover an.

Ich machte mich auf den Weg zum Kiesstrand, zum Meer und zu den Wellen, die sich am Ufer brachen.

»Hier entlang!«, rief Jonathan und deutete stattdessen oben zu den Klippen. »Ich glaube, wir sollten da langgehen.«

Und so stiegen wir die Straße hinauf, marschierten über den Asphalt, vorbei an geparkten Autos und verhangenen Fenstern, bis wir schließlich den grasbewachsenen Klippenrand erreichten.

»Lass uns weitergehen«, sagte Jonathan und winkte mich zwischen ein paar geparkten Vans hindurch.

Von da an gingen wir stumm weiter, manchmal Hand in Hand, und manchmal ging Jonathan vor mir, weil mich irgendetwas abgelenkt hatte.

Jonathan war stets so fokussiert, vor allem in der freien Natur. Immer hatte er seine Kamera dabei und wollte wissen, was sich hinter der nächsten Ecke befand. Für mich hingegen war es einfach nur wunderbar, so allein zu sein und nichts zu hören außer dem Rauschen des Meeres und den Schreien der Möwen.

Nach gut einer Stunde näherten wir uns einem anderen Küstendorf. Es war offenbar kleiner als Beer, hatte aber einen Parkplatz und ein winziges Gebäude mit öffentlichen Toiletten sowie ein reetgedecktes Café.

»Vielleicht hat das ja auf«, sagte Jonathan, und weil Jonathan bei mir war, hatte es tatsächlich geöffnet.

Jonathan bestellte einen Becher Kaffee für sich und für mich ein Glas kalten Orangensaft. Wir saßen draußen auf den Picknickbänken und betrachteten das Meer, während wir auf unsere Schinkensandwiches warteten. Eine Gruppe Fischer kauerte am Ufer. Sie schützten sich gegenseitig vor dem Wind. Ich stellte mir vor, wie sie ihren letzten Fang diskutierten, den Preis für Kabeljau und ihre Pläne für den Rest des Tages.

Nach dem Frühstück wanderten wir am Strand entlang. Die Wellen brandeten heran, spülten über die Risse in jedem einzelnen Stein und leckten an den Sohlen unserer Stiefel. Jonathan entdeckte am Fuß der Klippen eine kleine Lücke im Unterholz und bestand darauf, dort auf Erkundungstour zu gehen. Wir bahnten uns einen Weg durch das dichte Gestrüpp, entfernten uns vom Ufer und gingen in ein kleines Wäldchen. Dort stapften wir im Zickzack zwischen Dornbüschen und Nesseln hindurch und folgten einem schlammigen Trampelpfad. Wir kletterten immer höher und höher, doch noch immer ragten die Klippen über uns auf.

Nach zehn, vielleicht fünfzehn Minuten erreichten wir eine Weggabelung. Links sahen wir Stufen im Hang, rechts einen schmalen Pfad genau am Rand des Überhangs.

»Lass uns den mal versuchen«, sagte Jonathan und deutete nach rechts.

»Wohl kaum«, erwiderte ich.

Jonathan hatte seine Kindheit auf dem Land verbracht. Er war in Schlamm, Heu und kniehohem Gras aufgewachsen, aber ich fühlte mich in dieser Welt nicht wohl. Zwar verzauberten mich die Aussichten, die Geräusche und die unendliche Weite, doch ich fühlte mich hier wie ein Eindringling, nervös und nicht willkommen.

»Da sieht es deutlich sicherer aus«, erklärte ich und deutete nach links.

»Komm schon«, sagte Jonathan und lächelte. »Dir wird schon nichts passieren.«

Ich zögerte, aber ich war auch versucht, ermutigt von seinem Vertrauen in mich, seiner Sicherheit. Es fiel mir immer schwer, ihm zu verweigern, was er wollte. Die Wahrheit? Ich hätte fast alles für ihn getan.

Ich ballte mehrmals die Fäuste, trat einen Schritt vor auf die schmale Kante, die aus dem Fels ragte.

Jonathan ging rückwärts, so leichtfüßig und geschickt wie ein Seiltänzer.

»Sehr gut«, sagte er. »Das machst du toll.«

Der Pfad war schmal, kaum dreißig Zentimeter breit.

»Und noch ein Schritt«, forderte Jonathan mich auf.

In diesem Moment hörte ich unsere Zukunft. Ich hörte, wie er mit einem Kind sprach und es genauso ermutigte, wie er es gerade bei mir tat. Allein die Vorstellung verlieh mir neuen Mut.

»Worauf wartest du? Geh weiter«, sagte er. »Ich passe schon auf dich auf.«

Ich hob das hintere Bein und zog es langsam nach vorne und über das Meer unten. Schließlich fand ich wieder Halt auf der Felskante und atmete erst mal aus.

»Und was jetzt?«, fragte ich. Ich hatte mich zur Klippe hingedreht und drückte meine Brust an den Fels. Meine Fersen hingen in der Luft. »Wie machst du das?«

»Du kannst hier ganz normal gehen«, erklärte Jonathan. »Oder du kannst schlurfen. Denk einfach nicht so viel nach.«

Ich schaute zu ihm. Er war ein paar Schritte vor mir. Jonathan grinste mich an. Er hatte Lachfältchen um die Augen und seine Hand war beruhigend zu mir ausgestreckt. Der Ehering funkelte an seinem Finger. Mit der anderen Hand hielt er sich an der Kante über uns fest, und ich sah ein Stück von seinem Bauch, denn sein T-Shirt war aus der Hose gerutscht.

Ich lehnte mich zu ihm, doch dann rutschte mein Fuß weg, und ich erinnere mich daran, wie ich zur Seite kippte. Und ich erinnere mich auch daran, wie ich nach Luft schnappte, wie meine Finger über den Fels schabten und wie ich Panik bekam. Ich spürte seine Hand in meinem Rücken, die mich fest gegen den Felsen presste, und mein Kinn schabte über den scharfen Stein.

»Alles okay«, sagte er. »Nichts passiert.«

»Oh, doch«, widersprach ich ihm. »Das ist nicht sicher. Wir sollten nicht hier sein.«

Mein Gesicht brannte, und meine Knie schmerzten vom Aufprall.

»Alles okay«, sagte Jonathan. »Dir passiert schon nichts. Versprochen.«

Vehement schüttelte ich den Kopf.

»Okay«, sagte er. »Okay. Reg dich nicht auf. Schieb dich einfach wieder weg.«

Ich schlurfte ein Stück nach links und wieder zurück auf den verschlammten Pfad.

»So«, sagte Jonathan. »Alles okay?«

Ich nickte. Dann legte ich die Hand aufs Kinn. Ich glaubte, es würde bluten, doch an meinen Fingern war nichts zu sehen.

»Okay«, sagte Jonathan noch einmal. »Ich treffe dich dann oben.«

Ich nickte, und Jonathan flog hinauf.

Ich weiß, ich habe gesagt, ich wäre Jonathan überallhin gefolgt, und das stimmt auch. Doch seine Furchtlosigkeit passte schlicht nicht zu meiner angeborenen Angst, und sosehr ich mich auch bemühte – und das tat ich wirklich –, die Angst gewann stets die Oberhand. So entschied ich mich für den sicheren Weg, und ein paar Minuten später trafen wir uns oben an der Klippe wieder.

Hätte ich damals schon gewusst, dass uns nur eine Handvoll Monate bleiben würden, ich hätte all meinen Mut zusammengenommen, um auch diese paar Minuten mit ihm zu verbringen.

Rückblickend war meine Beziehung zu Jonathan von tragischer Ironie durchzogen. Wir lernten uns in einer kleinen Ecke der Stadt kennen, und dieser Ort wurde zu einem wichtigen Teil unseres Lebens, unserer Liebe, unserer Existenz … und schließlich war es dieser Ort, an dem unsere Beziehung endete. Jonathan und ich verliebten uns an einer Ecke der Oxford Street, und wie das Schicksal es wollte, ist er dort auch gestorben.

*

Jonathan lief zum ersten Mal beim London Marathon. Die Veranstalter erwarteten starken Regen und Wind, doch Jonathan war voller Vorfreude. Er hatte seit dem Herbst dafür trainiert. Er war das Laufen im Regen gewöhnt, und so machte er sich auch keine Sorgen.

An diesem Morgen war Jonathan nicht zu halten. Er war nervös und plapperte ständig über dies und das, und seine Aufregung war ansteckend. Und eigentlich waren wir doch so gewöhnlich. Normalerweise drehte sich morgens alles um Wecker, Kaffee, Frühstück, Dusche und die Suche nach den Wohnungsschlüsseln, bevor wir leicht verspätet das Haus verließen, um uns schließlich dem ruhigen, gleichmäßigen Tagesrhythmus hinzugeben.

Aber heute wollte ich seinen Sieg teilen. Also ging ich direkt zur Mall. Dort stand ich an der Metallabsperrung und wartete stundenlang, doch die Zeit verging wie im Flug. Die Atmosphäre war wie elektrisiert. Die Menge brodelte vor Aufregung und Nervosität. Überall waren Anfeuerungsrufe zu hören. Die besten Läufer flogen als Erste vorbei. Bei ihnen sah alles so leicht aus. Dann folgten ein paar Männer, dann ein paar Frauen, und schließlich ein vollkommen verschwitztes Paar in Dinosaurierkostümen.

Jonathan war fest entschlossen, das Rennen in unter drei Stunden zu beenden, und ich zweifelte nicht daran, dass er es schaffen würde. Nach zwei Stunden und einundfünfzig Minuten sah ich ihn an mir vorbeilaufen, und drei Minuten später überquerte er die Ziellinie.

Es war mir nie bestimmt, große Erfolge zu feiern. Ich habe stets hart gearbeitet, aber nie Ausnahmeleistungen erbracht. Ich habe immer teilgenommen, aber nie gewonnen. Jonathan schon. Jonathan hatte gewonnen. Er hatte sogar seine eigenen kühnen Ziele übertroffen.

Deshalb war ich auch nicht überrascht, als man verkündete, er sei der millionste Läufer seit dem ersten London Marathon 1984, der die Ziellinie überquerte, und so wurde er von BBC News interviewt. Bis dahin hatte Jonathan bei Sportereignissen immer nur hinter der Kamera gestanden, hatte für Nachrichtensender oder Streamingdienste gefilmt, aber an diesem Tag war er so charmant und bescheiden in seinen Antworten. Ich erinnere mich noch daran, wie ich überlegte, ob für ihn nicht auch eine Karriere vor der Kamera in Betracht kommen könnte.

Nach dem Interview fuhren wir zum Windsor Castle, um noch einen zu trinken, wirklich nur einen, zur Feier des Tages.

Doch wir kamen dort nie an.

Auf dem Weg von der U-Bahn-Station am Oxford Circus zu der schmalen Kopfsteinpflasterstraße raste plötzlich ein betrunkener Autofahrer über den Fußgängerüberweg und überfuhr meinen Ehemann.

Ich erinnere mich daran, wie Jonathan auf dem Rücken lag. Sein Knie war seltsam verdreht. Seine Augen waren geschlossen, und sein Kinn ruhte auf seiner Brust und irgendwie sah er friedlich aus. Er trug noch die schwarzen Shorts und sein enges gelbes T-Shirt. Sein Rucksack lag ein, zwei Meter entfernt, und die dünne Folie, die man ihm nach dem Rennen zum Schutz vor Auskühlung gegeben hatte, ragte daraus hervor. Seine Wasserflasche rollte langsam über den Asphalt zur Bordsteinkante.

Rasch bildete sich eine Zuschauermenge aus Fahrradfahrern und Fußgängern. Nur der Taxifahrer saß wie erstarrt in seinem Auto.

Und auch Jonathan war erstarrt, seltsam still, fast steif, und doch wirkte es gleichzeitig, als würde er nur schlafen. Blut sammelte sich unter seiner Wange und floss um seinen Körper herum.

Ich erinnere mich daran, wie der Krankenwagen kam. Mit heulender Sirene hielt er direkt neben uns, doch die Sirene verstummte rasch. Nur das Warnlicht blinkte weiter, rot und blau, rot und blau … Zwei Sanitäter sprangen aus dem Wagen, beide in Grün gekleidet, kamen auf uns zu und riefen über die Motorhaube ihres Fahrzeugs hinweg. Alles lief wie in Zeitlupe. Einer der Sanitäter, eine Frau, zog sich weiße Latexhandschuhe über, erst rechts, dann links. Sie trug eine Tasche über der Schulter. Und da war eine Polizistin, sie trug einen Hut. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie die Zuschauer mit weit ausholenden Gesten zurückdrängte: »Bitte, gehen Sie weiter. Es gibt hier nichts zu sehen«.

Die Sanitäter prüften Jonathans Puls, tasteten ihn ab, schnitten sein T-Shirt auf und leuchteten ihm mit einem hellen weißen Licht in die Augen.

»Wenn Sie bitte …«, sagte die Frau, und ich setzte mich auf die Fersen, um den Sanitätern nicht im Weg zu sein. Sie griffen um mich herum, und die Reflexstreifen auf ihren Uniformen strahlten im Licht der Scheinwerfer. Ich blinzelte und bemerkte, dass meine Augen feucht waren.

Die Sanitäter wuchteten Jonathan auf eine Trage, eine seltsame Plastikschale, und trugen ihn zum Krankenwagen. Wir krochen durch die Straßen von London in Richtung Süden zum St. George’s Hospital. Der Streifenwagen folgte uns, und die Polizistin, die noch immer ihren Hut trug, griff nach meinem Ellbogen, als ich aus dem Krankenwagen stieg. Dann führte sie mich ins Wartezimmer. Sie sagte, ich solle atmen, sechs Sekunden ein, sechs Sekunden anhalten und sechs Sekunden aus. Dann ließ sie mich allein, und ich wartete. Es war schon dunkel draußen, als ein Arzt mich in ein Nebenzimmer rief, um mir zu erklären, was ich bereits wusste, dass Jonathan gestorben war.

Der Arzt bot mir an, jemanden für mich anzurufen, doch ob ich ihm geantwortet habe, daran erinnere ich mich nicht mehr. Ich ging einfach hinaus, rief ein Taxi und spulte die Adresse unserer Wohnung in Vauxhall ab. Als ich dort ankam, sah ich drei Männer in Shorts und T-Shirts an einem Picknicktisch vor dem Pub am Fluss sitzen. Goldene Marathonmedaillen hingen um ihre Hälse. In diesem Moment zerbrach etwas in meiner Brust, und ich stellte mir vor, dass Jonathan bei ihnen säße, um seinen Sieg zu feiern, in Shorts und T-Shirt und mit einer Medaille um den Hals. Ein bitterer Geschmack stieg in meiner Kehle auf, doch ich schluckte ihn herunter, denn es war nicht der richtige Zeitpunkt, denn das alles war nicht real. Ich wusste nicht, was ich tun oder wie ich in diesem Moment ich selbst sein sollte.

Also setzte ich mich vor den Eingang des Gebäudes, und ich stellte mir vor, wie er einfach wieder aufstand, sich den Ellbogen rieb und ein paar Asphaltkrümel von der Brust klopfte. Ich stellte ihn mir schockiert vor und auch ein wenig wütend, unter dem Auge ein kleiner Schnitt, doch ansonsten gesund … lebendig. Ich schloss die Augen und sah sein etwas zu langes Haar, sah, wie er die Arme vor der Brust verschränkte, sah sein spitzes Kinn. Sommersprossen bedeckten seine Nase nach all den Nachmittagen, an denen er im Sonnenschein gelaufen war.

Ich würgte, denn auch das war nicht real. Da war kein kleiner Schnitt unter seinem Auge, kein etwas zu langes Haar, keine Sommersprosse und kein Laufen mehr. Ich würde ihn nie wiedersehen. Niemand würde ihn je wiedersehen, und das war einfach zu groß, zu unmöglich, als dass ich mir das hätte vorstellen können.

Kapitel 4

Eine Zeit lang war ich auf der Gewinnerstraße, und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn das Leben ein Wettbewerb ist, etwas, das man verlieren kann – und dessen bin ich mir sicher –, dann muss man es auch gewinnen können.

Marnie ging mit einer nicht enden wollenden Flut von Männern aus, die zu viel tranken, an den Wochenenden zugedröhnt waren, auf Kinderspielplätzen herumhingen oder sich auf Toiletten Koks reinzogen, während ich mich in einen brillanten Mann verliebt hatte. Während ihre Studienfreunde freitags die Nächte in furchtbaren Clubs verbrachten mit lauter Musik und Neonlichtern, plante ich meine Flitterwochen. Während sie das Ende einer weiteren sinnlosen Beziehung beklagten und ihren Herzschmerz in Gin ertränkten, war ich verheiratet. Ich hatte einen Ehemann. Und besser noch: Ich liebte ihn von ganzem Herzen. Sie stritten sich über zu kleine Schlafzimmer, geteilte Rechnungen, Schamhaare im Abfluss, überlaufende Duschen und Stapel von dreckigem Geschirr in der Spüle, während ich in einer wunderbaren Maisonettewohnung mit hohen Decken und großen Fenstern lebte. Ich hatte Farbtafeln, um mir auszusuchen, wie die Wände gestrichen werden sollten, und auf dem Boden standen gerahmte Drucke, die nur darauf warteten, aufgehängt zu werden.

Marnie hatte ihre Kündigung eingereicht. Andere wurden aufs Abstellgleis gestellt und manchmal gefeuert, und dann lästerten sie über ihre Bosse und die niederen Arbeiten, die sie machen mussten: Kaffee holen, Taxis rufen und Druckerpapier bestellen. Ich hingegen wurde befördert. Ich hatte in der Verwaltung eines Onlinehändlers begonnen – sie verkauften alles: Bücher, Spielzeug, Elektronik –, und sie boten mir eine Stelle in einem neuen Team an, das sich um Möbel kümmern sollte. Ich hatte einen Job, den ich mochte, von dem ich glaubte, dass er Zukunft hatte, einen Job in einer expandierenden Firma. Ich verdiente Geld – nicht viel, aber es reichte, um die Rechnungen zu bezahlen.

Ich war besser als alle anderen. Ich war glücklicher als alle anderen.

Es gefiel mir, dass ich als Erste die große Liebe gefunden hatte. Inzwischen ist es mir unangenehm, das auszusprechen, denn es fühlt sich so dumm an, so kindlich, aber es ist die Wahrheit, und ich hatte dir die Wahrheit versprochen.

Allerdings war Marnie die Erste von uns beiden gewesen, die einen Freund hatte. Wir waren dreizehn und Richard ein Jahr älter. Seine Eltern waren geschieden – was damals noch recht exotisch war –, und er lebte bei seiner Mutter. Er hatte hellorangefarbenes Haar, und seine Wangen waren voller Sommersprossen. Er und Marnie gingen ins Kino, und ihre Finger berührten sich in der Popcorntüte. Dann hielten sie für den Rest des Films Händchen. Zum zweiten Date ging sie zu ihm nach Hause, und seine Mum machte ihnen Chicken Nuggets. Aber am nächsten Tag machte Richard mit Marnie Schluss. Er war zu der Erkenntnis gelangt, dass er Gefühle für ein anderes Mädchen aus unserem Jahrgang hatte – ich glaube, sie hieß Jessica –, deren Haar ebenfalls orange und sie somit wohl kompatibler war.

Auch ich war fest davon überzeugt, einen ersten Freund zu brauchen, und so handelte ich mitten in Marnies Liebeskummer ein Date mit einem Jungen aus. Er hieß Tim. Wir gingen nicht ins Kino, und anstatt mit mir spazieren zu gehen, kaufte er mir ein Eis, und ich war sicher, meinen Seelenverwandten gefunden zu haben. Dass er auch noch deutlich attraktiver als die anderen Jungen war, mit denen meine Klassenkameradinnen ausgingen, trug ein Übriges dazu bei. Dank Tim erreichte meine Beliebtheit ungeahnte Höhen, und plötzlich war ich diejenige, an die sich alle mit ihren Beziehungsproblemen wandten. Unglücklicherweise hatte ich jedoch keinen so positiven Einfluss auf seinen Ruf, und so machte er nach anderthalb Wochen Schluss.

Marnie und ich trauerten gemeinsam. Wir waren fest entschlossen, uns nie wieder zu verlieben und stattdessen lesbisch zu werden.

Was an sich schon seltsam ist, meinst du nicht? Wir wussten auch damals schon genau, dass eine einfache Freundschaft nicht bis ins Erwachsenenleben reichen konnte. Bereits als Teenager wussten wir, dass die romantische Liebe stets die wichtigste sein würde.

Ich kann nicht wirklich sagen, wann genau sich alles verändert hat. Jahrelang – über ein Jahrzehnt – waren wir das Epizentrum des Lebens der jeweils anderen. Wir erzählten einander alles, und das schloss Jungs und dann Männer ein, Dating und dann Sex, Beziehungen und dann Liebe. Und doch öffnete sich irgendwann ein Graben zwischen uns, und unser romantisches Leben verwandelte sich in etwas, was außerhalb unserer Freundschaft existierte. Es war etwas, worüber wir nicht redeten. Wir beschränkten uns auf Höhepunkte und Updates, anstatt es gemeinsam zu leben.

Ich nehme an, auch das war meine Schuld. Habe ich Marnie erzählt, wie es sich angefühlt hat, sich in Jonathan zu verlieben? Habe ich ihr erzählt, wie unsere erste Nacht gewesen ist? Ich glaube nicht.

Stattdessen habe ich Marnie aufgegeben. Ich habe Jonathan nach der Arbeit besucht, und er hat für mich gekocht und darüber geklagt, wie viel freien Platz er in seiner Wohnung hatte, all die leeren Regale, die halbvollen Schubladen, und er hat mich gefragt, ob ich sie nicht füllen wollte. Das Versprechen auf solch ein Heim – ein Heim mit ihm – war schlicht zu verführerisch.

»Ich ziehe aus«, sagte ich zu Marnie, als ich an jenem Abend wieder nach Hause kam.

»Ah! Ist das so?«, erwiderte sie und war nicht ganz bei der Sache. Sie saß auf unserem blau-weißen Sofa. Ihr Füße lagen auf dem Kaffeetisch, und sie hämmerte auf dem Laptop herum. An den letzten Abenden hatte sie ihr erstes Video aufgenommen: ihr Rezept für Spaghetti Carbonara, mein Lieblingsessen. »Das geht nicht«, sagte sie. »Wie soll ich …?« Sie griff nach dem Handy und stocherte wie wild mit ihren Daumen darauf herum.

»Mit Jonathan«, sagte ich.

»Und wann?«, fragte sie.

»Morgen«, antwortete ich.

Sie hob den Blick. »Was?« Verwirrt legte sie die Stirn in Falten. »Morgen? Aber du hast ihn doch gerade erst kennengelernt.«

»Wir gehen schon seit drei Monaten miteinander aus«, erwiderte ich.

»Das ist doch nichts!«

Ich zuckte mit den Schultern. »Für mich schon.«

»Oh«, sagte Marnie leise. »Und du bist dir sicher?« Sie klappte den Laptop zu. »Und es muss unbedingt schon morgen sein?«

Ich nickte.

Es wäre leicht, jetzt zurückzublicken und mir vorzuwerfen, zu überstürzt gehandelt zu haben, zu ungeduldig gewesen zu sein, doch die Wahrheit ist, dass es nichts geändert hätte, wenn ich mir Zeit gelassen hätte.

Marnie half mir, meine Taschen zu packen, und sie gab mir ein Messerset, eine Kasserolle und ein rotes Service mit. »Du musst jetzt kochen lernen«, sagte sie. »Von Bohnen und Toast kann man nicht leben.«

»Zum Essen komme ich wieder zurück«, scherzte ich.

»Das will ich doch hoffen«, sagte Marnie. »Ohne dich habe ich niemanden mehr, für den ich kochen kann.«

Damals fragte ich mich, ob sie nur so nett zu mir war, weil sie glaubte, in ein paar Wochen käme ich wieder zurück. Doch inzwischen weiß ich, dass das nicht stimmte. Ich glaube, sie hatte verstanden, dass dies der nächste Schritt in meinem Leben war, der Beginn von etwas Neuem.

Ich schaute zu, wie Marnie ein Set Auflaufförmchen in einen alten Evening Standard packte, von denen sie wusste, dass ich sie nie benutzen würde. Schließlich legte sie sie beiseite und seufzte. »Bist du dir wirklich sicher?«, fragte sie. »Du weißt, ich finde ihn toll, und ich verspreche dir, ich frage dich das nur um deinetwillen, aber das ist schon sehr schnell … Bist du dir wirklich, wirklich sicher?«

»Ja, das bin«, antwortete ich, und genauso war es auch.

»Ich werde dich vermissen«, sagte Marnie.

»Ich weiß«, erwiderte ich. »Ich dich auch.«

Die Tränen traten mir in die Augen, als ich an all die Dinge dachte, die ich vermissen würde: Marnies bunte Socken auf der Heizung, sorgfältig verpackte Essensreste, die im Kühlschrank auf mich warteten, und all die Smileys auf dem beschlagenen Badezimmerspiegel. Ich schluckte und lächelte, und Marnie nahm meine Hände und drückte sie.

Die ersten Wochen waren ein wenig hektisch, denn ich versuchte, für beide da zu sein. Ich wollte nicht, dass Marnie den Eindruck bekam, ich würde sie weniger lieben – denn das tat ich nicht –, doch gleichzeitig wollte ich, dass Jonathan wusste, dass ich ganz und gar ihm gehörte. Als Marnies Großmutter ein paar Wochen später starb, rief sie mich mitten in der Nacht an, in Tränen aufgelöst. Ich zog mir sofort meine Kleider über, stürmte auf die Straße und in ein Taxi, und in weniger als dreißig Minuten war ich in unserer alten Wohnung. Ich glaube, danach wusste sie, dass sie nur fragen musste, und ich war da, genau wie eh und je.

Marnie und Jonathan wurden gute Freunde. Marnie hatte als Kind nie Fahrradfahren gelernt, und Jonathan brachte es ihr bei. Er gab ihr eines seiner alten Fahrräder, und ihr gefiel, dass es ein Männerfahrrad war. Marnie wiederum brachte ihm bei, wie man Spaghetti Carbonara kocht. Sie habe das auch bei mir versucht, sagte sie, doch das sei sinnlos gewesen, und so würde sie nun ihre kulinarischen Geheimnisse mit ihm teilen.

Wir funktionierten perfekt zu dritt. Jonathan hatte so viele Hobbys – Fahrradfahren, Camping, Klettern –, und ich hatte nur Marnie. Wenn er also das Wochenende auf dem Land verbrachte, in einem flatternden Zelt und einem spinnenverseuchten Schlafsack, dann blieb ich in unserer alten Wohnung und machte es mir mit meiner besten Freundin gemütlich. Diese paar Jahre waren die besten meines Lebens. Es war solch eine Freude herauszufinden, dass ich es wert war, gleich von zwei unglaublichen Menschen geliebt zu werden.

Als Jonathan starb, dachte ich, meine Freundschaft mit Marnie würde sich wieder zu dem entwickeln, was sie einmal gewesen war. Das stimmte jedoch nicht ganz.

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