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Sieben Jahre und eine Nacht

Emilie Rose

Sieben Jahre und eine Nacht

PROLOG

11. Januar

„Was soll das heißen?“, fragte Renee Maddox bestürzt. „Ich bin immer noch verheiratet?“

Ihr Anwalt, ein älterer Herr, blieb ruhig wie immer. Er ließ sich in seinen Sessel zurücksinken und sagte: „So wie es aussieht, hat Ihr Mann die Scheidungspapiere nicht ausgefüllt.“

„Aber wir leben seit sieben Jahren getrennt! Wie konnte das nur passieren?“

„So etwas kommt öfter vor, als Sie glauben, Renee. Aber wenn Sie der Grund interessiert, müssen Sie Flynn fragen. Oder Sie beauftragen mich damit.“

Es hatte nie aufgehört zu schmerzen, dass ihre Liebe gescheitert war. Renee hatte Flynn von ganzem Herzen geliebt, aber das hatte offenbar nicht gereicht. „Ich rufe ihn bestimmt nicht an.“

„Nüchtern betrachtet steht Ihnen die Hälfte seines Vermögens zu. Und das ist heute vermutlich größer als vor sieben Jahren.“

„Sein Geld interessiert mich so wenig wie damals. Ich will nichts von ihm annehmen.“

Ein leichtes Zucken um den Mund verriet Renee, dass ihr Anwalt diese Ansicht nicht für klug hielt. „Ich verstehe ja, dass Sie einen klaren Schlussstrich ziehen wollen. Aber bedenken Sie, dass Sie durch das kalifornische Scheidungsrecht begünstigt werden. Und das umso mehr, da Sie keinen Ehevertrag geschlossen haben.“

„Bedeutet das, dass Flynn im Gegenzug die Hälfte meines Geschäfts beanspruchen kann?“, fragte Renee besorgt. „Ich habe hart für den Erfolg von California Girl’s Catering gearbeitet.“

„Keine Angst, ich lasse nicht zu, dass Sie CGC verlieren“, erwiderte der Anwalt beruhigend. „Aber kommen wir zurück zum Grund Ihres Besuches. Nach dem hier gültigen Namensrecht können Sie Ihren Familiennamen ändern, egal ob die Ehe noch besteht oder nicht.“

„Das ist meine geringste Sorge.“ Ihr Plan war ihr so einfach erschienen: Als Erstes hatte sie ihren Mädchennamen wieder annehmen und dann die Familie gründen wollen, die sie sich immer gewünscht hatte. Flynn hatte sich damals geweigert … Während Renee in dem kühlen Ledersessel saß, kam ihr wieder ins Gedächtnis, was er ihr eines Abends, nachdem sie Champagner getrunken hatten, anvertraut hatte. Sie hatte Hoffnung geschöpft.

Schon seit Langem sehnte sie sich nach einem Baby, und als sie vor einem Monat zweiunddreißig geworden war, hatte sie einen Entschluss gefasst: Sie wollte nicht mehr warten, dass ihr vielleicht irgendwann einmal ein passender Mann begegnete, sondern selbst aktiv werden.

Wie die Heldinnen in den Romanen, die sie gelesen hatte, würde sie die Hilfe einer seriösen Samenbank in Anspruch nehmen.

In den letzten Wochen hatte sie sich ausführlich mit den Kurzbeschreibungen geeigneter Spender befasst. Ohne allerdings damit zu rechnen, dass sie einen der Männer kannte – und sogar einmal geliebt hatte.

Natürlich würden sich früher oder später für sie und ihr Kind Fragen ergeben … Auch Renee war ohne Vater aufgewachsen.

„Renee, alles in Ordnung?“

„J…ja.“ Sie schluckte und betrachtete nachdenklich ihr Gegenüber. „Sie sagen also, dass mir die Hälfte von allem zusteht, was Flynn gehört?“

„Genau.“

Aufgeregt bemühte sich Renee, ruhig zu atmen. Zugegeben, die Idee, ein Baby von Flynn zu bekommen, ohne dass er zustimmen musste, mutete unwirklich an und war sicher alles andere als fair. Aber Renee wünschte sich fast schon verzweifelt ein Kind. Außerdem würde sie Flynn nie um Unterhalt bitten.

Vielleicht hatte er ja die jugendliche Dummheit, die er zusammen mit anderen Studenten begangen hatte, längst vergessen.

„Während seiner Collegezeit hat Flynn Sperma auf einer Samenbank hinterlegt, damit es dort ‚für die Zukunft‘ aufbewahrt wird. Wenn die Spende noch da ist, kann ich sie dann haben? Oder wenigstens die Hälfte davon?“

Dankeswerterweise zuckte ihr Anwalt nicht einmal mit der Wimper. „Ich sehe keinen Grund, warum wir es nicht zumindest versuchen sollten.“

„Das ist es, was ich möchte: ein Baby von Flynn. Und sobald es da ist, will ich geschieden werden.“

1. KAPITEL

1. Februar

Flynn trommelte mit dem Kugelschreiber auf den Schreibtisch. Dann klemmte er das Telefon zwischen Schulter und Kinn und erhob sich aus seinem Bürosessel, um die Tür zu schließen.

Schließlich brauchte niemand im fünften Stock von Maddox Communications zu hören, was die Dame am anderen Ende der Leitung sagte – und Flynns Antwort darauf ebenfalls nicht.

„Wie bitte? Könnten Sie das bitte wiederholen?“

„Gerne. Hier ist die New Horizons Fertility Clinic, Luisa am Apparat. Ihre Frau hat gebeten, mit Ihrem Sperma eine künstliche Befruchtung vornehmen zu lassen“, sagte eine freundliche Stimme mit deutlicher Betonung, als wäre Flynn etwas schwer von Begriff. Im Augenblick allerdings fühlte er sich auch so …

Seine Frau? Er war nicht verheiratet. Nicht mehr. Ein allzu bekanntes Gefühl der Leere ergriff ihn.

„Meinen Sie Renee?“

„Ja genau, Mr Maddox.“

Verwirrt bemühte er sich, seine Gedanken zu ordnen. Erstens, warum sollte sich Renee als seine Frau ausgeben, obwohl sie schon vor sieben Jahren ausgezogen war? Als das vorgeschriebene Trennungsjahr vorbei gewesen war, hatte sie ohne Zögern sofort die Scheidung eingereicht. Und zweitens war diese Samenspende nicht viel mehr als eine Jugendsünde, von der er sich längst distanziert hatte.

Wie nur gehörten diese beiden Punkte zusammen?

„Hören Sie, das Ganze ist vierzehn Jahre her. Ich dachte, Sie hätten das Sperma inzwischen längst vernichtet!“

„Nein, durchaus nicht. Unter geeigneten Bedingungen lassen sich derartige Proben bis zu fünfzig Jahre aufbewahren. Damals haben Sie angekreuzt, dass eine Verwendung nur mit Ihrer ausdrücklichen schriftlichen Zustimmung erfolgen darf. Ansonsten darf Ihre Frau nicht darüber verfügen.“

Sie ist nicht meine Frau, dachte Flynn, sprach es aber nicht aus. Die Werbeagentur Maddox Communications hatte eine ganze Reihe sehr konservativer Kunden, die beim leisesten Verdacht eines Skandals abspringen würden. Und das konnte sich MC in diesen schwierigen wirtschaftlichen Zeiten einfach nicht leisten.

Flynn sah sich in seinem Büro um. Die ansprechende Einrichtung ging noch auf glückliche Zeiten mit Renee zurück.

Als er seinen vorherigen Job aufgegeben und in das Familienunternehmen Madd Comm eingetreten war, hatten sie beide gemeinsam den Schreibtisch, die cremefarbenen Ledersofas und das üppige Grün ausgesucht.

Den Pflanzen ging es nach wie vor gut – Flynns Ehe leider nicht mehr. Dabei hatten Renee und er ein gutes Team abgegeben – wobei die Betonung auf hatten lag.

Über einen Punkt jedenfalls war Flynn sich völlig im Klaren. „Vernichten Sie bitte das Sperma.“

„Auch das brauche ich schriftlich von Ihnen“, sagte die freundliche Lady.

„Okay, schicken Sie mir das Formular per Fax. Dann unterschreibe ich und faxe es Ihnen zurück.“

Während Flynn gedankenverloren seine Faxnummer durchgab, dachte er an die schlimme Zeit, als Renee ihn verlassen hatte. Diese Monate schienen ihm wie im Nebel zu liegen.

Schlag auf Schlag hatte er damals alles verloren, was ihm wichtig gewesen war: seinen Vater, die Karriere als Architekt – und schließlich Renee.

Als er ein Jahr später die Scheidungspapiere erhalten hatte, war sein Schmerz noch heftiger geworden.

Warum hatte sich Renee so ohne Weiteres von ihm abgewandt? Und wieso hatte er es so weit kommen lassen? Ein Fehler, und Flynn hasste Fehler. Am meisten seine eigenen.

In diesem Augenblick ertönte ein Piepton, und das Formular kam an. Flynn nahm es aus dem Faxgerät und sah auf den Briefkopf. „Ja, es ist schon da“, sagte er ins Telefon. „Sie bekommen es sofort zurück.“

Er legte auf, las kurz, unterschrieb und faxte zurück.

Wie war das noch mit den Scheidungspapieren gewesen? Das Letzte, woran er sich in diesem Zusammenhang erinnerte, war, dass sein Bruder versprochen hatte, sie zur Post zu bringen. Zuvor hatten die Unterlagen lange auf Flynns Schreibtisch gelegen …

Wie war es weitergegangen, nachdem Brock sie an sich genommen hatte?

Plötzlich wurde Flynn bewusst, dass er nie eine Ausfertigung des Scheidungsurteils erhalten hatte. Hatten ihm nicht Freunde, die ebenfalls geschieden waren, erzählt, dass man eine Kopie zugeschickt bekamm?

Er war doch geschieden? Aber warum sollte sich Renee in der Klinik als seine Frau ausgeben?

Renee log nicht, das passte einfach nicht zu ihr.

Flynn griff zum Telefon, um seinen Anwalt anzurufen. Andrew würde der ganzen Sache nachgehen und ihn dann zurückrufen. Aber untätiges Herumsitzen und Warten lag Flynn ganz und gar nicht.

Brock musste es wissen!

Flynn stand auf und verließ so eilig sein Büro, dass seine Sekretärin erschrak. „Cammie, ich bin bei meinem Bruder.“

„Soll ich bei ihm anläuten, ob er frei ist?“

„Nein danke, nicht nötig. Dafür muss er sich Zeit nehmen.“

Über den dunklen Holzfußboden ging er zur westlichen Seite des Flures. Als er zum Schreibtisch von Elle kam, nickte er der Assistentin seines Bruders kurz zu und ging geradewegs in dessen Büro.

Brock, der gerade telefonierte, sah überrascht auf. Mit einer Geste bedeutete Flynn ihm, das Gespräch zu beenden.

„Was gibt es denn?“, fragte Brock.

„Was hast du mit den Scheidungspapieren gemacht?“

Brock kniff die Augen zusammen.

„Du hast sie nicht zur Post gebracht, stimmt’s?“

Brock erhob sich und atmete langsam aus. Dann ging er zum Aktenschrank, schloss ihn auf und nahm nach einigem Suchen einen Stapel Unterlagen heraus.

Er fluchte leise. „Nein. So wie es aussieht, nicht.“

„Wie bitte?“, fragte Flynn erschrocken.

„Ich habe es vergessen.“

„Du hast was?“

„Ursprünglich habe ich die Dokumente zurückgehalten, weil ich hoffte, dass ihr euch wieder versöhnt. Schließlich hat dich die Trennung sehr mitgenommen. Außerdem fühlte ich mich mitverantwortlich am Scheitern eurer Ehe. Immerhin war ich es, der dich gedrängt hat, deine vielversprechende Karriere aufzugeben und bei MC zweiter Geschäftsführer zu werden.“

Brock strich sich durch das Haar. „Na ja. Und dann habe ich nicht mehr daran gedacht. Du weißt ja selbst, welch schwierige Zeit wir nach Dads Tod durchgemacht haben.“

Flynn musste sich setzen. Er stützte den Kopf in die Hände. Noch immer verheiratet. Mit Renee.

In seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander, doch er zwang sich, ruhig nachzudenken.

Wenn Renee als seine Frau aufgetreten war, hatte sie vermutlich gewusst, dass die Ehe noch bestand. Hatte sie es erst jetzt erfahren? Und warum hatte sie ihn nicht angerufen und wegen der nicht weitergeleiteten Unterlagen zurechtgewiesen? Oder ihren Anwalt anrufen lassen?

„Alles in Ordnung, Flynn?“

Ganz und gar nicht!

„Klar“, antwortete Flynn, der es nicht gewohnt war, seine Probleme mit anderen zu besprechen.

Als er sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, spürte er … Hoffnung! Nein, mehr als das, es war eine Art Hochgefühl.

Er war nicht von Renee geschieden!

Und nach Jahren ohne Kontakt bot sich ihm nun die Gelegenheit, sich bei ihr zu melden. Natürlich fragte sich Flynn, warum sie sich ohne sein Wissen an die New Horizons Fertility Clinic gewandt hatte. Aber weitaus am wichtigsten war ihm im Moment, dass ihre Ehe noch bestand. Und dass sich Renee offensichtlich ein Kind von ihm wünschte.

„Ich rufe meinen Anwalt an, damit er mich in dieser ungewöhnlichen Situation berät. Außerdem nehme ich ein paar Tage frei.“

„Du? Du nimmst doch sonst nie frei. Und so ungern ich es sage: Im Moment passt das leider gar nicht.“

„Das ist mir egal. Wichtiger ist, dass die Dinge so schnell wie möglich wieder ins Reine kommen.“

„Da magst du recht haben. Also, hiermit entschuldige ich mich ausdrücklich bei dir. Weißt du, wenn du dich je für eine andere Frau interessiert hättest, hätte das meinem Gedächtnis vielleicht auf die Sprünge geholfen. Ich weiß selbst, dass das keine gute Entschuldigung ist … Wie bist du eigentlich auf das Thema Scheidung gekommen? Will Renee einen anderen heiraten?“

Flynn zuckte zusammen. Sicher war Renee in der Zwischenzeit ab und zu mit Männern ausgegangen, so wie er mit Frauen. Aber allein die Vorstellung erfüllte ihn mit einem Besitzanspruch, der ihn überraschte.

Er stand auf und nahm die Dokumente, die seine Ehe hätten beenden sollen. Renees Anfrage bei der New Horizons Fertility Clinic ließ er unerwähnt.

„Ich habe Renee seit Jahren nicht gesehen.“ So hatte sie es gewollt. Aber nun würde er Kontakt zu ihr aufnehmen. Flynns Herz schlug schneller. „Keine Ahnung, was sie vorhat.“

„Du weißt ja hoffentlich selbst, dass nichts davon an die Öffentlichkeit dringen darf. Ich will auf keinen Fall, dass wir Kunden an die Konkurrenz verlieren, vor allem nicht an Golden Gate Promotions. Diesen Triumph gönne ich Athos Koteas nicht.“

Flynn nickte. „Schon klar.“

Zurück in seinem Büro, ging er als Erstes zum Aktenvernichter. Während die Blätter durchliefen, sah Flynn aus dem Fenster. Die Sonne schien herrlich, als wollte sie einen Neuanfang verkünden.

Nie hatte er etwas mehr bedauert als die Trennung von Renee. Aber durch die Nachlässigkeit seines älteren Bruders bot sich ihm unerwartet eine Chance …

Ob die Anziehung zwischen Flynn und Renee nach wie vor bestand? Wenn ja, war er entschlossen, seine Frau zurückzugewinnen. Er starrte auf den Aktenvernichter. Endlich waren aus dem größten Fehler seines Lebens nichts als Papierschnipsel geworden. Flynn hätte jubeln können. Dann setzte er sich an seinen Computer.

Er musste herausfinden, wo seine Frau lebte.

MADCOM2.

Als Renee in ihre Einfahrt einbog, fiel Renee sofort das Nummernschild des hellblauen BMWs auf. Beinah hätte sie mit der Stoßstange den Briefkasten gerammt!

MADCOM – Maddox Communications. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie ihren Minivan neben dem Wagen ihres Besuchers parkte. Die Zwei auf dem Kennzeichen konnte nur Flynn bedeuten. Renee wusste es, noch ehe ihr Ex… – ihr Mann – aus dem Auto ausstieg.

Seit die Klinik sie informiert hatte, dass Flynn seine Zustimmung verweigert hatte, war ihr klar gewesen, dass er früher oder später auftauchen würde. Auch ihr Anwalt hatte sie auf diese Möglichkeit hingewiesen.

Doch sie hatte nicht damit gerechnet, ihn so schnell wiederzusehen. Kaum hatte sie den Zündschlüssel abgezogen, öffnete Flynn auch schon die Tür.

Renee zwang sich, wenigstens ruhig zu wirken. Sie nahm ihre Tasche vom Beifahrersitz und stieg aus, ohne auf Flynns hilfsbereit ausgestreckte Hand zu achten. Sie würde es nicht ertragen, ihn zu berühren.

Obwohl sie der bevorstehenden Unterhaltung mit mulmigen Gefühlen entgegensah, hob sie den Kopf. Und sah den Mann an, der ihr das Herz gebrochen hatte.

Seine Augen waren so strahlend blau wie eh und je. An den Schläfen zeigten sich die ersten Silberfäden im schwarzen Haar. An seiner Figur mit den breiten Schultern hatte sich nichts verändert, und obschon er einen Anzug trug, war Renee sich sicher, dass Flynn kein bisschen zugenommen hatte.

Aber um seinen Mund lag ein entschlossener Zug, und auf der Stirn zeigte sich eine leichte Furche: Die vergangenen sieben Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen.

Und um die Augen? Waren das Lachfalten? Nein, sicher nicht … Dabei hatte Flynn in der ersten Zeit ihrer Beziehung viel und gerne gelacht – vor seinem Eintritt bei MC.

„Hallo Flynn.“

„Hallo Renee.“

Allein der Klang seiner Stimme ließ Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen.

„Seit wann weißt du es?“, fragte Flynn ruhig.

„Dass wir nicht geschieden sind? Seit ein paar Wochen.“

„Und da hast du mich nicht angerufen?“

„Du hast mich ja auch nicht angerufen, als du beschlossen hast, die Papiere nicht zu unterschreiben!“

Er runzelte die Stirn. „Da steckt etwas anderes dahinter …“

„Und was, bitte?“, fragte sie, dann fiel ihr der frische Fisch in der Kühlbox ein, den sie eben auf dem Mittwochsmarkt gekauft hatte. „Aber ich fürchte, du musst mir diese packende Geschichte im Haus erzählen. Die Meeresfrüchte können nicht warten.“

Sie öffnete die Heckklappe des Vans. Als Flynn ihr beim Ausladen der Kühlbox half, berührte er Renee dabei mit der Schulter.

Renee fühlte sich wie elektrisiert – es war genau wie früher.

Ach was, sagte sie sich, was bedeutet schon diese Reaktion? Ich bin längst über die ganze Sache hinweg.

In der Zeit, bevor sie ihn verlassen hatte, hatte Flynn alles zerstört. Nur tiefe Enttäuschung war übrig geblieben …

„Schließ die Haustür auf“, wies er sie an und riss sie damit aus ihren Gedanken.

Nachdenklich ging sie hinter ihm den breiten gepflasterten Weg zwischen Blumenrabatten zum Haus und versuchte, das Anwesen mit Flynns Augen zu sehen. Seit den ersten Tagen ihrer kurzen Ehe war er nicht mehr hier gewesen.

Damals war das der Bungalow ihrer Großmutter gewesen. Seitdem hatte Renee etliches umbauen lassen und so aus einem Wohnhaus ein ansprechendes Geschäftshaus geschaffen.

Unter den Orangenbäumen hatte sie Blumenbeete und einen Springbrunnen angelegt. Die Veranda vor dem Haus hatte sie mit Ampeln mit Hängepflanzen geschmückt. Letztes Jahr hatte sie dem Steinsockel und der geschindelten Fassade eine Hochdruckreinigung gegönnt. Doch die meisten Veränderungen betrafen das Gebäudeinnere.

Renee schloss die Vordertür auf und ließ Flynn eintreten. Sie folgte ihm durch den Flur und das Wohnzimmer in die Küche, auf die sie besonders stolz war.

„Die Küche ist ja viel größer geworden!“, rief Flynn staunend.

„Für meinen Catering-Betrieb war die alte Küche zu klein. Deshalb habe ich Grandmas hintere Terrasse miteinbezogen. Und in ihrem ehemaligen Schlafzimmer befindet sich jetzt mein Büro.“

Hör auf, so viel zu erzählen, schalt Renee sich.

Sie sah sich in ihrer Profiküche um: Geräte aus Edelstahl, lange Arbeitsplatten aus Granit und weiße Schränke – der Traum eines jeden Kochs. Ihr Traum. Als Flynns Frau hätte sie das nie geschafft.

„Sieht gut aus. Wie bist du darauf gekommen, ein eigenes Geschäft zu eröffnen?“

„Das wollte ich schon immer. Grandma hat mir gut zugeredet, bevor sie gestorben ist. Vier Jahre ist das jetzt her.“

Seinem erschrockenen Gesichtsausdruck entnahm sie, dass er nichts vom Tod ihrer Großmutter mitbekommen hatte. Vielleicht hätte sie es ihm sagen sollen, aber in ihrer Trauer hätte sie es nicht ausgehalten, Flynn bei der Beerdigung zu begegnen.

„Mein Beileid nachträglich. Emma war eine ganz besondere Frau.“

Renee nickte. „Stimmt. Ich weiß nicht, was ich ohne sie getan hätte, und sie fehlt mir so. Aber ich bin mir sicher, sie wäre stolz darauf, dass auch in dieser Generation eine Frau aus der Landers-Familie die Menschen mit ihrem Essen glücklich macht.“

„Glaube ich auch.“

Schweigend betrachtete sie den Holzstuhl mit der hohen Rückenlehne, auf dem ihre Großmutter oft gesessen hatte. An manchen Tagen fühlte es sich an, als wäre sie noch da.

Als Bezugsperson war sie für Renee fast wichtiger gewesen als ihre Mutter. Zu Grandma hatte sich Renee mit gebrochenem Herzen geflüchtet, nachdem sie Flynn verlassen hatte.

Ohne viele Fragen hatte die Großmutter sie aufgenommen und ihr Zuflucht gewährt.

„Wohin soll ich die Kühlbox stellen?“, wollte Flynn wissen.

„Vor den Tiefkühlschrank, bitte.“ Renee begann, Lachsfilets und fast zehn Kilo Shrimps einzuräumen. Danach wusch sie sich die Hände und sah Flynn an. „So. Was ist eigentlich so kompliziert daran, Scheidungspapiere in einen Umschlag zu stecken und zur Post zu bringen?“

„Brock dachte, er tut uns einen Gefallen, wenn er uns Zeit zum Nachdenken lässt. Darum hat er die Dokumente in seinen Aktenschrank gelegt.“

„Und sie sechs Jahre dringelassen?“

„Wahrscheinlich wären sie da noch immer, wenn du dich nicht an die Klinik gewandt hättest.“ Flynn lehnte sich gegen die Arbeitsplatte und verschränkte die Arme. „Soll das heißen, dass du noch immer ein Baby von mir willst?“

Ausweichend antwortete sie: „Du bist einfach ein Spender, den ich persönlich kenne.“

„Und mir hättest du davon nichts erzählt?“

„Na ja“, räumte Renee ein. „Vielleicht war das keine so gute Idee. Nur … nachdem ich seitenweise Spenderlisten durchgearbeitet hatte, erschien mir das weitaus das Beste. Aber da du dich ja geweigert hast, wird mir nichts anderes übrig bleiben, als doch einen anderen Spender zu nehmen.“

„Nicht unbedingt“, antwortete Flynn und sah sie durchdringend an.

„Wie meinst du das?“

„Renee, ich wollte immer, dass wir zusammen ein Kind haben.“

„Das stimmt doch überhaupt nicht! Vor siebeneinhalb Jahren habe ich dich gefragt, nein sogar gebeten … Aber du hast Nein gesagt.“

„Weil es zum falschen Zeitpunkt war. Damals musste ich mich in meiner neuen Position zurechtfinden.“

„Obwohl du diesen Job nie gemocht hast, er dich unglücklich macht.“

„Aber Brock und Madd Comm brauchten mich.“

„Auch ich hätte dich gebraucht, Flynn“, sagte Renee und bemerkte dabei, wie sich ihre Stimmlage veränderte.

Dennoch fuhr sie fort: „Den Mann, den ich geliebt habe. Meinen Ehemann. Ich hätte dir gerne geholfen, mit der Trauer um deinen Dad fertig zu werden. Aber ich konnte doch nicht einfach zusehen, wie dich die Arbeit bei MC kaputt macht. Nachdem du deinen Traum, Architekt zu werden, aufgegeben hast, wurdest du immer schweigsamer. Fast wie ein Fremder. Wir haben nicht mehr miteinander geredet. Und uns nicht mehr geliebt. Außerdem warst du kaum noch zu Hause.“

„Ich habe dich nicht betrogen. Nur gearbeitet.“

„Es war schrecklich zuzusehen, wie unsere Liebe langsam starb.“

„Wann war dieser Punkt erreicht?“, fragte Flynn.

„Das frage ich dich.“ Aber Renee wusste es: Als sie sich dabei erwischt hatte, wie sie Trost im Alkohol suchte. Damals fürchtete sie, so zu enden wie ihre unglückliche alkoholabhängige Mutter, die am Ende von ihren Liebhabern nur Verachtung geerntet hatte. Renee wollte auf keinen Fall, dass Flynn auf sie herabsah. Lieber hatte sie einen Schlussstrich gezogen.

Wenn sie an ihre Kindheit dachte, fielen ihr Streitgespräche zwischen ihrer Mutter und „Onkels“ ein, das Zuschlagen von Türen und das laute Motorengeräusch wegfahrender Autos. In einer solchen Atmosphäre sollten Kinder nicht aufwachsen …

„Glaub mir, an mir lag es nicht. Ich habe dich die ganze Zeit geliebt. Renee, wir hätten es schaffen können, wenn du uns nur eine Chance gegeben hättest.“

„Glaube ich nicht. Nicht mit diesem Job, der dich und mich aufgezehrt hat. Ich habe meinem Anwalt gesagt, dass er die Unterlagen neu vorbereiten soll. Ich will nach wie vor nichts von dir.“

„Nur ein Kind.“

Auch das war ein Traum, der sich zerschlagen hatte: Eigentlich hatten sie sich drei, wenn nicht sogar vier Kinder gewünscht, eine richtig große Familie. Denn Renee war als Einzelkind nicht glücklich gewesen. „Wie ich schon sagte, werde ich eine andere Spende in Anspruch nehmen.“

„Das brauchst du nicht.“

Einen Augenblick schien Renee der Herzschlag auszusetzen. „Was sagst du da?“

„Du kannst ein Baby von mir haben.“

„In der Klinik sagten sie mir, dass deine Spermien vernichtet wurden. Willst du noch einmal spenden?“

„Ich rede nicht von künstlicher Befruchtung. Du kannst ein Kind von mir haben, auf ganz normalem Weg.“

Aus der Fassung gebracht wich Renee zurück, bis sie gegen die Arbeitsplatte stieß. Sex mit Flynn! Sie spürte, wie Sehnsucht in ihr aufstieg.

Sie hatten so gut zusammengepasst! Weder vor noch nach ihm hatte sie etwas Vergleichbares erlebt. Aber unmöglich konnte sie sich erneut darauf einlassen.

„Vergiss es. Für Sex ohne feste Bindung hatte ich noch nie etwas übrig.“

„Es ist doch kein Sex ohne feste Bindung“, widersprach Flynn. „Schließlich sind wir verheiratet! Und außerdem: Du hast mir oft erzählt, wie sehr du darunter gelitten hast, dass du deinen Vater nicht kanntest. Von mir weißt du alles.“

Das klang gut. Verlockend. Und gefährlich. „Und was hast du davon?“

„Ich bin fünfunddreißig.

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